Die Menschen sind keine Menschenfreunde….
In der Geschichtsschreibung ist ein Motiv ziemlich unbeachtet geblieben: Wie zerstört die Menschheit sich selbst und den Planeten Erde?
Zwar gab es immer wieder Publikationen, die die Apokalypse, den Untergang, die gesellschaftliche Implosion erwarteten, doch mit der Welt schienen in der Regel eine spezielle Kultur oder Ethnie dann doch zu überleben. Oswald Spenglers „Untergangsprophezeiung“ beklagt vornehmlich den Niedergang zur „Fellachen-Unkultur“, die logische Folge einer Geschichte des Wachsens und Vergehens. Das gesamte Abendland bildete sich aus dem „Urkrieg alles Lebendigen“ und scheitert – vergleichbar mit den älteren Kulturen – an der Durchsetzung ihres selbst entwickelten soziopolitischen Paradigmas von Herrschaft und Ordnung. In beiden ist stets der Kollaps der Kultur enthalten, der am Manierismus zu erkennen ist. Spengler sah den jeweiligen Niedergang als ein Gesetz der Geschichte an, das seit Auguste Comte oder Hegel zum geläufigen Repertoire der Interpretation der Geschichte zählte. Es stellte sich als Irrtum heraus.
Insgesamt wird man feststellen, dass in den vergangen Jahren die Befürchtungen eines Untergangs wieder häufig erwähnt werden. Es ist sogar ein beliebtes Thema. In der Ankündigung eines Endes der Geschichte, eines Zusammenbruchs der Zivilisationen, waren die Prognosen des „Club of Rome“ von 1972 ernsthaft erwogen und als Ausgangspunkt für alle weiteren Hypothesen verwendet worden. Allerdings waren im Mittelpunkt nicht mehr die Sorgen über die „Grenzen des Wachstums“. Heute ist die deutliche Belastung der Biosphäre nur mehr der Rahmen für den drohenden weltpolitischen Kollaps. Der Goldpreis steigt rasant in utopische Höhen, ihm folgen alle Edelmetalle – was schon vor zweihundert Jahren auf einen umfassenden Krieg hindeutete.
Im Apercu hatte Robert Musil knapp vor 1914 konstatiert: Da alle vom Frieden reden, steht der Krieg unmittelbar vor der Tür. Und einer redet tatsächlich fortwährend vom Frieden, hat aber in seiner Eitelkeit nur den Nobelpreis vor Augen…
Beide Phänomene – Krieg und Frieden – kann man gegenwärtig beobachten und bewerten.
Erstmals passen die optimistischen Prognosen von Fortschritt und Wohlfahrtsstaat nicht mehr ins Bild unserer Gegenwart: es ist nicht mehr die Demokratie, die das allgemeine Ziel aller politischen Intentionen in Ost und West, in Nord und Süd ist. An ihre Stelle treten immer öfter und aufdringlicher autoritäre politische Formen, die zum Wunschbild der Mehrheit der Weltbevölkerung wurden. So unterschiedliche Charaktere wie Wladimir Putin oder Donald Trump verkörpern den Weg zum starken Staat samt Aufsicht und Kontrolle über alle und alles. Der neue Staatenbund unter Führung Chinas erfährt eine bedeutsame Ausweitung in Asien, Afrika und Südamerika – die sogenannten BRICS-Staaten – und machen kein Hehl daraus, die Form der Demokratie als Verlust an politischem Handlungsvermögen zu charakterisieren.
Die Beobachtung wurde aus der zunehmenden Schwäche der demokratischen Staaten in der Europäischen Union gewonnen. Ein früheres Vorzeigeprojekt ist zum politischen Flohzirkus verkommen. Das ist Wasser auf den Mühlen für veraltet geglaubter Verfassungsentwürfe, mögen diese nun Ständestaat heißen, Führerstaat, Bonapartismus oder Präsidialmonarchie. Alle drei Modelle sind leicht auf der Landkarte zu finden. Die USA befinden sich in der Phase einer Vorbereitung eines bonapartistischen Systems.
Mit dieser Entwicklung ist nicht nur der Verfall von international geltenden Verbindlichkeiten zu verfolgen, sondern zugleich das langsame Absterben demokratischer Ordnung, die sich in der Gewaltenteilung ergeben hatte. Und dort, wo sie noch vorhanden ist, erzielen Parteien die größten Wahlerfolge, die aber noch nicht den Mut haben, sich schon jetzt als faschistisch zu bezeichnen. Und selbst diese Form wäre noch freundlicher als die neo-nationalsozialistischen Variante, die sich deutlich am Machtstaat Putins orientiert. Putin war es gelungen, die politische Doktrin der alten Sowjetunion in den ungebrochenen nationalen Mythos des Russischen zu transformieren.
Unsere Frage muss sich daher nach den gebotenen Alternativen richten: Sollte der ökonomisch-industrielle Fortschritt die politische Stabilität sichern, geht die Biosphäre des Planeten zugrunde. Die natürlichen Ressourcen werden knapp oder verschwinden überhaupt. Das wird ja nach den Analysen des Klimawandels offen in Aussicht gestellt. Das Ansteigen der Weltmeere reicht, um nicht nur Küstenregionen zu überschwemmen, sondern multipliziert die ohnehin schon weltweit stattfindende Wanderungsbewegung von Millionen Menschen. Die Folge ist die Destabilisierung der Gesellschaften oder deren Verhinderung durch militärische Maßnahmen. Plötzlich kann die Vorhersage von Thomas Hobbes im „Leviathan“ zur Wirklichkeit werden: bellum omnium contra omnes.
Die Friedensregelungen, die unter größter Mühe nach 1945 ermittelt wurden, finden keine internationale Anerkennung mehr, weder im Nahen Osten noch bei den Großmächten Asiens. Die Geltung von Völkerrecht und Internationalem Recht ist deutlich geschwunden und der Krieg ist wieder zum wirksamen politischen Mittel zur Durchsetzung von Interessen geworden.
Ebenso ist es um die Beibehaltung einer civic society schlecht bestellt. Immerhin war sie noch im ausgehenden 17. Jahrhundert das Fundament einer neuen Friedensordnung und die Basis der politischen Aufklärung im 18.Jahrhundert..
Inmitten einer dramatischen Veränderung unserer Biosphäre im Anthropozän steigert sich die Menschheit in eine Aggressionsbereitschaft als müsse Hobbes nochmals bestätigt werden: homo homini lupus. Jetzt sind es nicht mehr in Höhlen lebende Menschen, keine Troglodyten, die einander mit Holzscheiter oder Steinen bewarfen, sondern es sind hoch technisierte Staaten, die einander die Auslöschung ankündigen, mit A-, H- oder Neutronen-Bombe….
Obzwar wir uns nicht einigen können, welches Antriebsaggregat unsere Mobilität wirksam garantieren wird, sind wir uns einig, künftig nur noch mit unbemannten Flugkörpern einander zu vernichten.
Im Grunde wurde ein Wettrennen gestartet: Sollte der Planet erhalten bleiben und nicht zertrümmert werden, ist es ungewiss, ob auf dieser künftigen Erde Menschen noch leben werden.
Es ist nicht ermutigend, wenn höchste Weltpolitik und deren Funktionäre die Erfüllung ihrer Aufgabe darin sehen, sollten irgendwo ein paar hundert Inder, Chinesen, Nigerianer, Russen oder Brasilianer überlebt haben. So bewegt sich die in Nationalismen verstrickte Politik in eine törichte Ethnologie. Karl Kraus hatte vermutet, dem Rest der Menschheit ist die Flucht zum Mars gelungen. Dort betrachten sie im „Marstheater“ wie im Kino mit höchstem Interesse, wie es zu den „Letzten Tage der Menschheit“ gekommen war.