Anmerkung zu den „Menschenfreunden“:
Viele werden der Beurteilung der gegenwärtigen politischen Bewegungen im Essay zugestimmt haben, viele werden die Zuordnung der politischen Eigenschaften gebilligt haben, nämlich diese Bewegungen mehr oder weniger als faschistische zu qualifizieren.
Jene die nicht zustimmten, erfahren hier keine Belehrung.
Man muss im Urteil vorsichtig sein. Seit Stalin war das Wort „faschistisch“ auf alle nicht-kommunistischen Orientierungen angewendet worden. Im Fadenkreuz der Verunglimpfung war die damalige deutsche Bundesrepublik – ungeachtet der Bonner Verfassung. Mit dieser inflationär verwendeten Formel, gab es überhaupt keine Proteste mehr, so sie nicht kommunistisch waren, die nicht die Beifügung „faschistisch“ erhielten.
Speziell nach dem Ende der Sowjetunion war es das Lieblingswort Putins geworden, der alle ehemaligen Sowjetrepubliken sofort als faschistisch einstufte, so sie sich von Moskau emanzipierten. Somit war die Ukraine schon weit vor dem Krieg ein „faschistischer Staat“ geworden, natürlich Georgien und auch Tschetschenien. Attentate wurden dann von Faschisten inszeniert, die den Griff Russlands nach „dem Westen“ offenbar zu legitimieren hatten. Und in den letzten Jahren der DDR hatte man diese Inflation nachgeahmt und seit dem Zeitpunkt waren nahezu alle westlichen Republiken zu faschistischen Staaten geworden.
Im Essay sollen diese Erinnerungen aus Stalins Zeit nicht zur Bezeichnung einer politischen Bewegung oder Partei herhalten. Vielmehr war an die Protagonisten gedacht worden, die in sehr bunter Weise diese modern anmutende Disposition vorangetrieben haben. Im Unterschied zu der monomanisch geschriebenen historischen Willkür Adolf H.s in „Mein Kampf“ war weit früher Benito Mussolini ein Autor in der „Enciclopedia Italiana“ gewesen, um einerseits den Staat in den Mittelpunkt aller Dinge und Wesen zu stellen, andererseits hatte sich darin der neue politische Mythos zu erkennen gegeben: „Alles, was ist, ist im Staat“ oder: „Es gibt nichts Menschliches oder Geistiges, das außerhalb des Staates existiert, geschweige denn Wert hat.“ (abgedruckt in B. Mussolini, Die politische und soziale Doktrin des Faschismus, Leipzig 1933). Und man darf nicht vergessen, dass in einer positivistisch aufgezogenen Soziologie und Lehre Vilfredo Pareto seinen Begriff der Elite als Voraussetzung für die Struktur neuer Parteien prägte. Da Lenin in der Zeit der Verbannung Paretos Hörer war, wird er wohl dessen „Parteibegriff“ als Folie für die spätere KPdSU verwendet haben. Organisiert durch die Partei/Bewegung, tritt eine Hegel´sche Vergöttlichung des Staates ein, der aber nun sein Prinzip der Souveränität mit Volk, Nation und Überperson identifiziert. Und die weitere Wende könnte Pareto geschrieben haben: „…..das Volk, zumindest die Idee des Volkes…die sich im Volk als Wille einer kleinen Anzahl oder sogar eines Einzigen inkarniert….ist weder eine Rasse noch eine geographisch lokalisierbare Bevölkerungsgruppe, sondern eine Menschengruppe, die historische Kontinuität hat, eine Vielheit, die durch eine Idee zusammengehalten wird, die gleichermaßen Wille zur Existenz und zur Macht ist: d.h. Selbstbewusstsein, Persönlichkeit.“ Es ist die Kernaussage zum faschistischen Souveränitätsprinzip, die perfekte Identifikation von souveräner Instanz des Führers und Staat.
Nun beginnt diese politische Pathographie nicht allein im Rassenwahn, also im Konzept der Vorform der Soziologie – in der Ethnologie, sondern auch in der politischen Philosophie bei Giovanni Gentile, der in seiner Darstellung „Origini e dottrina fascismo“ 1929, den Elitarismus über Schulreform und Erziehungswesen erreichen will. Eine neue Generation muss herangezogen werden.
Der „Politruk“ im italienischen Faschismus war Giulio Evola, der etwa eine ähnliche Position besaß wie Arthur Rosenberg mit der unerträglich pamphletistischen Schreibweise im „Mythos des 20. Jahrhunderts“.
Die mythisch-russischen Versionen, die trotz kommunistischer Partei und Polizei durchgehalten wurden, verkörpern heute die Schriften von Alexander Dugin und Iwan Iljin. Mit der Darstellung versteht man die Behauptung von Jacques Derrida, den Faschismus nie geistig bewältigt zu haben. Nun entpuppt er sich als die erfolgreiche „Angriffslehre“ gegen Demokratie und Rechtsstaat, ist „international“ verbreitet und sammelt immer mehr Anhänger, die nicht begriffen haben, ihr Hass und ihre Drohgebärden gegen Libertät und Freiheit führen sie zur nächsten Scherbank der Geschichte. Also beendete Bert Brecht den „Aufstieg des Arturo Ui“ mit dem Satz: „…der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies Untier kroch…“