Es gibt sie: Die Heuschrecken – auch im Winter.
Früher waren die Heuschreckenschwärme auf trockene Zonen der Savannen beschränkt. Jetzt müsste Franz Kafka „Die Verwandlung“ umschreiben: In der Erzählung von 1915 verwandelt sich ja nur Gregor Samsa in einen Käfer.
Heute? Wir erleben im Klimawandel die Umwandlung der Heuschrecken in menschenähnliche Hybride.
Seit dem Ende der Pandemie überfallen Scharen dieser mutierten Heuschrecke die Städte Und es werden immer mehr! Sie dringen, pressen und drängen. Sie sind überall.
Geziefer.
Da war der Bericht von Karel Capek über den „Krieg der Molche“ noch harmlos.
Oder die „Wanderung der Heiligen“ von Jean Raspail: Zehntausende Inder vor der Küste der Cote d´Azur..
Wie ferngelenkt folgen diese Hybriden ihrem Telephon über Stock und Stein.
Jeder.
Wahrscheinlich war der NASA auch diese Züchtung gelungen? Nach den Viren und Bazillen. Oder waren es doch die „Chinesen“?
Keine Großstadt ist vor diesen Wanderungsbewegungen sicher – jahraus-jahrein. Dagegen war der Mongolensturm gegen Europa 1241 harmlos. Nur Krakau war gebrandschatzt worden. Jetzt hinterlassen sie bei jedem historischen Denkmal ihre Spuren: Coladosen, leere Pommes-Schachteln, Bierflaschen, Essensreste. Und jeder unter ihnen ist Tamerlan persönlich!
Man weiß sofort, wo der Heuschreckenschwarm gerade wütet. Im Winter sind es die Schleifspuren der dreckigen Stiefel oder Turnschuhe. Je nach Empfehlung führen die Spuren vor das Gemälde der Mona Lisa in Paris, vor Dürers Apostel in der Münchener Pinakothek oder vor die Brueghel-Sammlung in Wien.
Die Gemälde werden nicht betrachtet, aber photographiert oder im Video festgehalten.
Und noch im Saal werden die Photos der Gemälde am Display des Telephons begutachtet! Tausende Bilder und Videos dokumentieren die Entwertung aller Kunst zur Reproduktion.
Das hat schon Walter Benjamin bedauert…
Selbst der berüchtigte Graffiti-Pionier Joseph Kyselak kommt einem heute fast sesshaft vor. Auf jedem Gipfel des Kaiserstaats war vor 1830 zu lesen „Kyselak war hier“.
Diesen Ehrgeiz haben Touristen nicht nötig. Wo sind sie nicht?
Die Spuren führen auch in noble Konditoreien: Man erkennt die Hybriden sofort. Der Anorak wird anbehalten, auch Wintermäntel, die wie gesteppte Daunendecken aussehen. Wollhauben und Pelzmütze werden aufbehalten als wäre man auf der Flucht. Nach dem Dessert wird das Messer abgeschleckt. Selbstbewusste Hybride schlecken nach dem Kaiserschmarrn mit breiter Zunge auch den Teller ab. Es gilt als Anerkennung! Trinkgeld gibt es keines.
Die Belagerung der Gasthäuser nimmt chaotische Formen an. Und wenn ein Platz gefunden wurde, sitzen selbst Liebespaare in Winterbekleidung einander stumm gegenüber und studieren ihre Handys. Vermutlich plagt diese Hybriden die Angst, unterm Parker könnte man das Exoskelett aus Chitin entdecken.
Bei der Aufnahme der Bestellung werden bereits zwei Gabeln, Löffeln oder Messer verlangt. Da werden wieder bäuerliche Lebensformen üblich: essen aus einem gemeinsamen Suppenteller. Hinterher löffeln sie am gemeinsamen Eis – aber mit Sahne. Inzwischen tappen Kinder alles an.
Untertags marodieren sie durch Straßen und Gassen. Waren früher die Heuschrecken die Vernichter jeder Ernte gewesen, so plündern die mutierten Schwärme die kulturellen Schätze und stehlen jedem Objekt die Aura. Im Rindertritt der Herden bewegen sie sich vorwärts zu irgendeiner Tränke. Und kein Hirtenhund umkreist diese Kompanien, die einem Fähnlein oder bunten Schirm blindlings folgen.
(Jeder Einwohner einer Stadt hat den geheimen Wunsch, alle neuen Heuschreckenwanderungen nähmen ein gleiches Ende wie der Zug von Lemmingen….)