Gedanken Reinhold Knolls

Zur Rekonstruktion der russischen Geistesgeschichte

Die Darstellung der russischen Geistesgeschichte verfolgt den Zweck, an einigen markanten Punkten die Eigenart dieser Geschichte zu erklären. Da ist zuerst der Hinweis wichtig, der uns wegen der vielfältigen Übersetzungen kaum bewusst ist, dass in der russischen Sprache an einigen Stellen andere historische Dimensionen mit gemeint sind, die uns aber fremd, nicht geläufig oder gar unbekannt sind. In der weiteren Folge werden dazu Beispiele geboten. Es kann auch zu völlig sinnstörenden Transskriptionen kommen, die die eigentliche Intention des Wortes nicht erkennen lassen. Das ist am Beispiel der Hinweise auf den russischen Nationalismus immer wieder wahrzunehmen. So waren einige Sätze von Alexei Nawalny mit Inhalten verknüpft, die in unseren Ohren grauenhaft klangen. Ein Beispiel ist unter anderem die Verwendung von Nationalismus, der im Russischen jedoch ein alter wie klassischer Imperialismus geblieben ist. Er hat mit jenem Nationalismus nichts zu tun, der uns als romantische Reaktion samt schlimmen Verzerrungen als Gegenbewegung gegen die napoleonischen Kriege geläufig ist.

Ein weiterer Punkt ist, dass russisches Denken immer mit einem politischen Mystizismus verbunden blieb, ja es war auch im Marxismus üblich, in diesen religionsphilosophische Dispositionen einzufügen. Gerade die Emigranten perpetuierten diesen politischen Mystizismen in Berlin, dann in Prag und schließlich in Paris während der 20er Jahre, ohne dem Marxismus gänzlich abzuschwören.

Ein weiterer Punkt ist, dass der Marxismus als innenpolitisches Instrument des Terrors angewendet wurde, also nichts von jenem „Wärmestrom“ beibehielt, den dann Ernst Bloch in den 60er Jahren beim „jungen Marx“ erkannt haben will. Es ist die politische Umsetzung ab Lenin nicht vom Marxismus angeleitet worden, sondern er galt als ideologischer Paravent für kalte Machtinteressen – bis in die wissenschaftlichen Orientierungen in den 20er und 30er Jahren.

Dass von Beginn die Absicht bestand, im Sinne von Carl Schmitt den Ausnahmezustand zu provozieren, um dann über diesen regieren zu können, zählt ab 1917 zum Einmaleins der Berufsrevolutionäre. Das Beweisstück lieferte Lenin selbst im Brief an Alexander Schljapnikow noch vor dem Friedensschluss von Brest-Littowsk: „Die Kriegsniederlage des Zarentums wäre im Augenblick das kleinere Übel. Die ganze Kraft unserer Arbeit – beharrlich, systematisch und vielleicht von langer Dauer – gilt dem Bestreben, den Krieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln. Wann sich das verwirklichen wird, ist eine andere Frage, es ist jedenfalls noch nicht klar. Wir müssen den Augenblick reifen lassen und ihn systematisch „zur Reife treiben“. Wir können den Bürgerkrieg nicht „versprechen“ und ihn auch nicht „beschließen“, aber wir haben die Pflicht, darauf hinzuwirken – solange wie es nötig ist.“

So kommt in dem umfassenden Werk von Karl Schlögel – „Das sowjetische Jahrhundert“ Marxismus als politische Lenkungskraft nach den Parteitagen etwa nicht vor. Was in dem monumentalen Werk fehlt, ist die Wiedergabe jener Lebenswelt, die sich nicht in Dingen, sondern in der Sprache zu erkennen gibt.

Diese Interpretation hatte bisher nur Eugen Rosenstock-Huessy beigetragen, die gerade in den literarischen Versprachlichungen das Thema war und geblieben ist – in Russland immer.

Was, müssen sich die Russen sagen, die sich mühen, endlich in einer Welt ohne Gott zu sein, dürfen sich die Menschen alles aneignen ohne Teufel,, aus Spekulation, von Ideen und durch Vermögen?

Dieser Mensch darf groß werden und zunehmen bis zum Millionär und jetzt Oligarchen, nur weil er seine Fallen und Schlingen so geschickt aufstellt, dass ihm die menschlichen Hasen, Rehe, ja selbst die Füchse ins Garn gehen? Diese Jagd nach dem Glück, noch vom Zufall begünstigt 1917, ab 1990 gezielt und gut ausgebildet in politischer Ökonomie, diese Jagd die der Bourgeois dem Individuum freigibt, ist ein Freibrief auf menschliches Wild. Die menschliche Gesellschaft wird damit zum Jagdrevier. Da wollen wir doch die freien Einzelnen, Kapitalisten, Unternehmer, Interessenten auch für jagdbares Wild erklären. Dann sind wir eben alle Bestien des Waldes. Der Kampf ums Dasein aller gegen alle ist dann erklärt. Niemand nimmt niemandem seine Tierheit übel.

Und so setzen wir den Teufel endlich ins rechte Licht, als den Motor aller menschlichen Handlungen. Die Triebhandlung ist der neue Begriff, der hier eintritt, um die ideale Oberschicht von unseren Taten abzukratzen. Taten der Menschen? Aus freiem Willen; idealen Motiven entsprungen? Es gibt nur Triebe.

Damit wird das Leben wieder vollständig und unbelastet. Es wird um eine Provinz bereichert, die der Idealismus der bürgerlichen Gesellschaft unterschlagen  hatte, die Provinz des Bösen.

Und den Dichtern und Schriftstellern ist es selbstverständlich, dass die Wiedergeburt des Bösen die Voraussetzung für die Rettung des ganzen vollständigen Menschen auf Erden geworden ist. Das mag merkwürdig klingen, aber diese Höhlung entdeckten die Lyriker. Der irdische Mensch ist das Anliegen des russischen Materialismus.

Das Vokabular, das scheinbar nur antithetisch und dialektisch gegen die Vergötterung des Menschen 1789 verwendet wurde, das Stammeln und Fauchen und Zischen der bloß zählbaren Masse, der Erniedrigten, teuflischen, gierbesessenen Knechte der Materie – es führt zurück über den ironischen Mittag der Revolutionen, zur Humanität von 1789, zurück in die ganze Welt und in den ganzen Menschen. Die Russen haben dem Judas Ischariot in Perm ein Denkmal gesetzt. Sie entdeckten die Erlebniszonen der Revolutionen Europas, an denen sie nicht teilgenommen haben, von diesem Zipfel her. Den Russen ist Europa nur entgegengetreten in der Form des 18. und 19. Jahrhunderts als Aufklärung, als Nationalismus und als bürgerliche Gesellschaft. Diese vier Gaben Europas haben Russland nicht organisieren können. Sie haben es begehrlich gemacht, an der Arbeitsteilung der Menschheit teilzunehmen. Sie können die vier Gaben nicht verwenden: Die Aufklärung war in Russland nicht die Selbstreinigung eines Adels, der Geistlichkeit und wurde daher Nihilismus. Der Kapitalismus war in Russland nicht Leistung der Bürger für das Land, sondern freche Ausbeutung mit Hungersnöten und Desorganisation; der Nationalismus bedeutete in erster Linie den gröbsten Versuch, 70 Millionen „Fremdvölker“ zu russifizieren; die bürgerliche Gesellschaft ergab den Sumpf von Petersburg. Und die vierte Gabe hatte man geflissentlich vergessen, die Humanität hatte man buchstäblich links liegen gelassen. 

Wie sollte da Russland nun hineinwachsen? Das macht das Mimikry Putins um 2000 aus. Wie sollte Russland zurückwachsen in das von diesem Westen früher zurückgelegte Stück des Lebens? Da gingen die Russen lieber am Reformkloster Cluny und James Joyce vorbei. Sie wählten den Weg in die Hölle der Sachlichkeit als Bildstatistik unter Beratung von Otto Neurath, sie gingen in die Hölle der Laster, der toten Seelen, der tausend Einzelheiten des sinnlosen Alltags. Für alle diese Prägungen besitzen wir die Schriftsteller und Dichter, die das dokumentierten. Die Kreise der Hölle, den Fluch des Alltags wurde von den Bolschewiki inbrünstig angebetet. Die Bolschewiki wussten aber nicht, dass sie diesen unseligen Alltag anbeteten, das Gemeine, das ganz Gemeine und der Gulag hat darin die Begründung gefunden. Und gegen das Gericht, vor dem sie plädieren, nehmen sie einen Anwalt. Klienten sind die Materie und die Partei. Und wenn es da nur die Moral gibt und dort nur das Fressen, sie schlügen sich auf die Seite des Fressens. Vor dem Gerichtshof, der moralisch ist, weil er ja bürgerlich ist, ist die Entscheidung fürs Fressen richtig gewesen. Es ist der Sieg eines naiven Individualismus, es ist nicht der Sieg der Gemeinschaft, sondern nur Erhaltung der Materie.

Aus der stickigen Luft einer bloß moralischen Welt flüchten die Russen in den Urwald des Menschen, in dessen Nöte. Es ist zu befürchten, dass die gegenwärtige Nomenklatur im Kreml dieses existentielle Wissen nicht mehr kennt. Im „Alltags“-Roman von 1922 (!), der auch russische Verhältnisse bestens schildern kann, im „Ulysses“ wimmelt es von Geruch-, Scheiß- und Pissbeschreibungen. In Russland legte man Wert darauf, dass gemeinsam geschissen wird. Die Öffentlichkeit und Gemeinsamkeit der Abtritte wird mit Nachdruck in Ordnung befunden. Das passt in die Materie, die noch moralfrei ist…Der Alltag, der den Menschen als Tier nimmt, die Ideen, die ihn zu Gott machen, ihr Widerspruch muss nur in der ganzen Schärfe aufbrechen, um den ganzen Menschen zu erwecken, der für falsche Ideale leiblich gekreuzigt werden muss und der an falschen Begierden seelisch zugrunde geht. Er muss wiedergeboren werden, soll er der Herr der Erde sein. ein Kind der Welt.

Darüber können nur Russen – oder konnten nur Russen bis 1990 unbefangen und herausfordernd reden und schreiben. Diese Sprache hatte nicht einmal die Revolution unterbinden können, vielleicht ist es in der Wende sehr zum Schaden der Menschheit gelungen?  

Ebenso ist ein wichtiger Punkt, den es im Lauf der Darstellung nachzuweisen gilt, dass die historische Kontinuität Russlands im 20. Jahrhundert eher von einer reaktionären politischen Philosophie angeleitet wird, die ungehindert auch in der Zeit Stalins publiziert wurde, ja sogar als Hinweis ungebrochener russischer Identität selbst im Marxismus-Leninismus reüssieren konnte.

Ebenso wichtig ist die Beobachtung, dass nicht Akademien oder Universitäten für eine Denktradition in welchem Sinn auch immer sorgten, sondern weit eher die Schriftsteller und Dichter. So hat die Rezeption des deutschen Idealismus oder gar von Nietzsche um 1900 eher über Iwan Turgenjew, Fedor Dostojewski oder Leo Tolstoi stattgefunden und in geringstem Maß über die Lehrstühle der Philosophie. So war natürlich die Übernahme des Marxismus durch schriftstellernde Amateure bald zum Kleingeld der individuellen Machtinteressen einer Nomenklatur verkommen und über die korrekte Wiedergabe marxistischen Denkens und über die Vorgabe einer Parteilinie entschied das Zentralkomitee der KPdSU, wie Michael Voslenski und Alexander Sinowjew berichteten, und nicht die vielfältigen Auseinandersetzungen in der Frankfurter Schule, die früh Walter Benjamin zu verdrängen suchte.

Diese Punkte muss man im Auge behalten, um den Sinn der Darstellung zu verstehen. Diese ist wegen der vielen Namen und Hinweise komplex, also wird ersucht, den einzelnen Namen daheim deren Bedeutung nachzugehen, um diese geistesgeschichtliche Kontinuität nachvollziehen zu können. 

Im Rückblick besitzt die Entwicklung des Kerngebiets Russlands – also der europäische Teil dieses gewaltigen Reichs – einige Vergleichbarkeit mit der Donaumonarchie. Die Initialzündungen auf den verschiedensten Ebenen der Gesellschaft geschehen um 1860. Zuvor hatte es einen Schub der Modernisierung unter Peter dem Großen um 1700 gegeben. Die 1. Schule war als slawisch-griechisch-lateinische Akademie 1687 in Moskau gegründet worden. Ihr folgte 1724 eine Akademische Universität in St. Petersburg und 1755 wurde nach „westlichem“ Muster in Moskau eine staatlich beaufsichtigte Universität gegründet.

Diese Eckdaten einer Bildungspolitik wurden von der Orientierung nach dem  Rationalismus bestimmt, vornehmlich von Christian Wolff, erst später durch  Rousseau und Voltaire. Zugleich sah man sich zur Freimaurerei der Rosenkreuzer hingezogen, also zu einem speziellen Mystizismus. Später wurde der deutsche Idealismus in der naturphilosophischen  Version Schellings rezipiert, hierauf Hegels Phänomenologie.

Die Petersburger Akademie war strikt von der Wissenschaftslehre von Wolff bestimmt worden, also hatte die Philosophie die Vorrangstellung vor allen anderen Wissensgebieten, vor Jurisprudenz, vor Natur- und Staatswissenschaften. Logik Ethik und Metaphysik waren im methodischen Denken von Wolff  fortgesetzt worden. Also war die Akademie wie ein geschlossenes System rational begründet und nicht praxis- oder traditionsorientiert. Somit war die Außenwirkung gering, obwohl im Stil modern, denn nach Wolff betonte man die Autonomie der Vernunft, was speziell als Emanzipationswissen gegenüber jeder Theologie verstanden wurde. Die Lehrer waren Großteils aus jenen Universitäten berufen worden, die in der Wolff´schen Tradition standen, also aus Leipzig und Halle.

War die Akademie in Sankt Petersburg forschungsorientiert, so war die Moskauer Universität eine Bildungsuniversität mit einiger Breitenwirkung in der Gesellschaft. So hatte sich eher in Moskau eine eigenständige russische Wissenschaftstradition bilden können. Der geistige Urheber der Moskauer Universität war Michael Lomonossow, Vertreter einer aufgeklärten, empirisch orientierten Philosophie und Gegner der Wolff´schen Philosophie. Also ergab sich eine auf Naturforschung, Experiment und Praxis ausgerichtete Universität. 

Diese schnell stattfindende Entwicklung betraf einen Subkontinent, auf dem 190 anerkannte ethnische Minoritäten mit etwa 100 bis 130 Sprachen leben. Die 89 politisch-administrativ verfassten Föderationssubjekte umspannen 11 Zeitzonen, weshalb Russland auch nach dem ersten Weltkrieg ein „Reich“ geblieben war. Russland umfasst nun 17 Millionen Quadratkilometer, 1885 waren es 22 Millionen gewesen. Die fehlenden 5 Millionen Quadratkilometer will Putin offenbar wieder zurückgewinnen. Das asiatische „Russland“ kam 1581 zum Zarenreich hinzu.

Aus diesem unüberblickbaren Gemisch war eine genuin russische „Intelligenzija“ um 1850 entstanden, vornehmlich atheistisch, mit starkem Glauben an Wissenschaft und Fortschritt. Die politischen Konsequenzen waren enorm. Der Einfluss dieser Gruppe „Intelligenzija“ war so groß, dass sogar das erfolglose Regime Nikolaus I. beseitigt werden konnte. Die anschließende Reformpolitik „Zemstvo“ besaß eine bemerkenswerte gesellschaftspolitische Wirkung: ihr Kernstück war die Abschaffung der Leibeigenschaft. Es folgten der Schulbau, die Wählbarkeit der Bezirksverwaltungen, eine Rechtsreform. Das alles geschah zwischen 1860 bis 1880.

Den Atheismus der Absolventen der orthodoxen Klosterschulen und hierauf die Prägung zum Denkstil an den Universitäten übernahm man aus Deutschland, von Ludwig Büchner, Carl Vogt und Jacob Molleschott. Zum „atheistischen Glaubensbekenntnis“ trug auch die Rezeption Darwins und die Geschichtsphilosophie Henry Thomas Buckles bei. Allerdings war diese materialistische Geschichtsauffassung zu diesem Zeitpunkt wie Wasser auf den Mühlen des Positivismus. Arnold Ruge hatte beide Bände übersetzt, die hohe Aufmerksamkeit auch in Russland fanden. Man hatte sofort die Auffassung übernommen, dass Geschichte in strenger Kausalität abläuft, angeleitet durch die technisch-ökonomischen Entwicklungen. Damit war eine große Ähnlichkeit zur Geschichtstheorie von Auguste Comte gegeben.

Im Fortgang dieser Entwicklung Russlands – zum Teil nach westlichem Muster – bildete sich einerseits die soziale Kohorte der „Intelligenzija“, andererseits sah sich die traditionell russisch-nationale, fast schon als völkisch zu bezeichnende und orthodox gebliebene Vergemeinschaftung immer mehr als Kontrapunkt zur Gesellschaft. In diesen Jahrzehnten war dieser als „zurückgebliebenes Bewusstsein“ bezeichnete Konservativismus fast überrollt worden, doch die erfahrbare Wirklichkeit besaß die erstaunliche Fähigkeit des „Überwinterns“, was auch immer geschehen mochte.

Nun zählt es zur Eigenständigkeit in dieser Entwicklung Russlands, dass die Positionen der Aufklärung, des Idealismus, der philosophischen Schulen nicht von Universitäten repräsentiert wurden, sondern Schriftsteller, Dichter bearbeiteten diese Themen und hatten sie zu Schicksalsfragen Russlands hochstilisiert. Die große Auseinandersetzung zwischen den Generationen thematisierte Iwan Turgenjew 1861 in „Väter und Söhne“. Dieser Roman erlangte eine ähnliche Bedeutung wie „Werthers Leiden“ 1754 in Deutschland. Bei Turgenjew stoßen moderne und traditionelle Lebensführung ebenso aufeinander wie die Fragwürdigkeit schichtspezifischer Verhaltensnormen. Ebenso bedeutend war die im Roman von Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski 1863/64 gestellte Frage: „Was tun?“.

Darin soll das Kunststück gelingen, den „rationalen Egoismus“ der Individuen mit einer gesellschaftlichen Nützlichkeit zu vereinen. Diese Idee bekehrte die junge „Intelligenzija“ zum Sozialismus.

Entscheidend war auch in dieser Studie, dass Tschernyschewski sich von den Arbeitern und Bauern die politische Veränderung erwartete, aber mit einer deutlichen Abkehr vom ideologischen Rahmen, der letztlich für die linke „Intelligenzija“ von Marx vorgegeben wurde. So war er der Prototyp eines Sozialrevolutionärs geworden, vor allem der Titel „Was tun“ regte so unterschiedliche Personen an wie Lenin oder Wladimir Nabokov.

Im Roman „Die Gabe“ schrieb Vladimir Nabokov ein satirisches Kapitel über Tschernyschewski und bezeichnete diesen Sozialismus fern von Ästhetik und Kunst als Fehlschlag. Als Abgott der studentischen Jugend außerhalb der Bildungsanstalten plädierte Tschernyschewski für einen Freiraum jenseits der Fremdbestimmung durch Familie, Kirche und Staat, ein Paradies der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung für Mann und Frau. In einer Kommunalka sollte das mit gleichzeitiger sportlicher Erziehung möglich werden….

Innerhalb weniger Jahre waren die Rollen in der russischen Welt der Literatur verteilt. Es entstand die anklagende Literatur in den Satiren von Michail Saltykow – etwa „Die neue Stadt“ – und in der revolutionär-bürgerlichen Dichtung von Nikolai Nekrassow, in der gemeinsamen Publikation von Tschernischewsky und Nikolai Dobrolyubov zum Thema „Die Beziehungen zwischen Kunst und Realität“ 1855. Dessen Schriften hatte Marx vollständig in der Bibliothek gesammelt und war auch die Lektüre Lenins. Gemeinsam lautete die Kritik am Ästhetizismus, dass der Schriftsteller dem Fortschritt dienen muss, sich an der Gesellschaftskritik beteiligt und Wissarion Belinski wollte 1870 überhaupt die Literatur nach Kriterien ihrer gesellschaftspolitischen Nützlichkeit messen. Am Höhepunkt verlangte Dimitri Pissarew 1865 die „Zerstörung des Ästhetischen“.

Diese Gruppierungen, die zu einem gesellschaftlichen Machtfaktor heranwuchsen, nahmen nicht nur den revolutionären Impetus von 1917 vorweg, hatten nicht nur eine Variante der politischen Philosophie von Karl Marx russisch unterfüttert, sondern sie prägten überhaupt eine authentische russische Version von Fortschritt und Modernisierung, die vielleicht nur noch in der Malerei deutlicher unmittelbar nach 1900 zum Vorschein kam: unter anderem bei Kandinsky, Jawlensky, Malewitsch,  Rodtschenko und später El Lissitzky – oder auch in der Musik von Michail Glinka, Alexander Glasunow zu Igor Strawinski und Dimitri Schostakowitsch oder Sergei Rachmaninow. In diesen Bewegungen finden wir bereits die Struktur der 68er-Bewegung, in Organisation und ideologischer Formatierung.

Nach 1870 setzt sich der Einfluss einer soziologisch orientierten Sozialphilosophie durch. Mit der Rezeption von August Comte und Herbert Spencer tritt der Vulgärmaterialismus noch mehr in den Vordergrund, allerdings nicht in der Form eines naturwissenschaftlichen Positivismus. Den Unterschied zeigte der Mathematiker und Repräsentant der „Narodniki-Bewegung“ Pjotr Lawrow. Er hatte nach 1870 die „historischen Briefe“ verfasst, in dem er sich zu einem „rationalen Egoismus“ bekannte. Dieser rationale Egoismus wird überhaupt zu Stichwort in Russland und diente zur Charakterisierung des „neuen Menschen“. Er steht in der ethischen Pflicht, einen Dienst an der Gesellschaft zu leisten, ohne ein Altruist zu sein. Wichtig bleibt, einer ethischen Pflicht zu folgen. Es ist eine andere Tonart als jene, die Iwan Alexandrowitsch Gontscharow im Roman „Oblomow“ 1859 angeschlagen hatte. Es ist ein Plädoyer für den Nihilismus, für eine Nichtstuerei, denn allem fehlt der Sinn. Es ist bewusst bedrückend interesselos beschrieben. Es war eine Gegenstimme, die in Russland nur zu gut verstanden wurde, denn damals hatte es zum Lebensgefühl gezählt, dass im Nichts-Tun die Freiheit liegt. Ein Plädoyer vergleichbarer Art hatte der Schwiegersohn von Karl Marx verfasst. Zum Ärger des Schwiegervaters schrieb Paul Lafargue das „Recht auf Faulheit“. Gontscharow hätte diesem Recht sofort beigepflichtet, stand er doch auf der Vorstufe dazu, nämlich in der „Oblomowerei“ die leicht verständliche Antwort auf die Modernisierung der Gesellschaft zu finden Die „Oblomowerei“ war die Analyse der untätigen, in der Langeweile verweilenden Resignation einer Generation. Sie war das Lebensgefühl in der neuen jungen bürgerlichen Gesellschaft geworden, die wohl von der oft erwähnten „Unreformierbarkeit“ Russlands begünstigt worden war. Es erinnert an die Novellen Arthur Schnitzlers zu „Leutnant Gustl“ und an das Theaterstück „Anatol“ oder war im „Zauberberg“ von Thomas Mann 1924 nachgereicht worden. Geistige Zerstreutheit, Sorglosigkeit und Selbstverliebtheit kennzeichnen die Lebenshaltung jener Generation, die sich gern in einen Weltkrieg stürzen wird, um endlich Abwechslung im Abenteuer zu erfahren.

Deshalb war der Atheismus der Gradmesser ernster Überzeugungskraft und disziplinierter Kultur geworden. Man war überzeugt, der Fortschritt muss die Religion verdrängen, da die Treue zur Orthodoxie die Rückständigkeit anzeigt. In dieser Lähmung befanden sich viele aus der gesellschaftlichen Elite. Oder man beteiligte sich an fruchtlosen Diskussionen, etwa über die in Russland viel diskutierte These von Louis Pasteur über die Unmöglichkeit einer Urzeugung. Die Mehrheit befand diese Hypothese für falsch. Es passte in diese Lähmung, sich endlich mit der Kenntnis der Deszendenztheorie zufrieden zurückzulehnen, um sich sagen zu hören: Was erwarten sie von jemandem, der vom Affen abstammt?

Das Ergebnis war ein  simpler Darwinismus. Im Kommentar formulierte Wladimir Solowjew: „Die Autorität des Metropoliten Philaret ist abgelöst durch die verbindliche Autorität Ludwig Büchners.“ Da gerieten sogar die Hauptwerke Tolstojs in die Kritik, Sowohl „Krieg und Frieden“, als auch „Anna Karenina“ waren zur unnützen Literatur erklärt worden. Im neuen Wissenschaftsstil  waren die ethnographischen Aufzeichnungen im Stil von Fernand Le Play als Literatur bewertet worden, zumindest deren Authentizität in der Beschreibung des „sozialen Inventars“ galt als Nachweis des Besonderen am Russischen. Tatsächlich war in Russland die soziokulturelle Kontinuität und Identität vor 1914 von den kleinen Leuten und Bauern, vom niederen Klerus und Handwerksmeistern gebildet worden. Die Seminare und kirchlichen Akademien waren nur am Rande vom Zeitgeist infiziert. Später werden die Futuristen 1912 fordern, dass Tolstoi, Puschkin und Dostojewski „vom Dampfer der modernen Zeit über Bord geworfen werden sollen“.  Rädelsführer war Wladimir Majakowski.

Nun sind die vielen Namen, selbst die allgemein bekannten, in ihren Ausführungen und Erklärungen nicht gleich verständlich. Am Beispiel von Wladimir Solowjew, dem einzigen repräsentativen Philosophen um 1890 ist eine Bedeutungsverschiebung der Worte und Begriffe zu beobachten. Wie eben der Atheismus sich im Obskurantismus verläuft, weil ein politischer Mystizismus immer präsent bleibt und eben zum wichtigsten Vokabel im „Russentum“ zählt., so bleibt auch die Anlehnung ideologischer Positionen, die nach Hegel über Marx vermittelt wurden erhalten. Sie machen in Russland überraschend Furore, bleiben aber dennoch an eine ethnisch-historische Kontinuität gebunden. Das zeigen die vielen Studien von Karl Schlögel, denn die Lebenswelt ist immer eine Malaise, ist immer düster, reizt zur Ekstase und endet im erwarteten Katzenjammer immer wieder. Und in dieser Bindung an die lebensweltliche Kontinuität werden alle Zeitläufte überdauert – ob früher in Leibeigenschaft oder jetzt in der Lubjanka, im Gulag oder alkoholisiert im Straßengraben, das spielt schon keine Rolle mehr, denn jede personale Sinnstiftung wird ab 1917 politisch instrumentalisiert.

Karl Schlögel hat im monumentalen Werk übers sowjetische Jahrhundert klar beschrieben, dass bei uns gängige Begriffe im Russischen nicht nur eine zusätzliche Dimension haben, sondern sie werden auch über diese Lebenswelt zur existentiell erfahrenen Wirklichkeit.

Das geläufige und wohl bekannte Wort „mir“ ist nicht nur unser Friede, der sich in einer gesellschaftspolitischen Dimension verstehen lässt, eher einer Ableitung aus dem Hobbes´schen Friedensbegriff entstammt, also Friede ist ein Interessenausgleich in der Gesellschaft unter der Aufsicht der Staatsmacht, so ist der russische Begriff in seiner Modernisierung gleichlautend, zugleich aber der alte Landfriede. In „mir“ ist das Auskommen mit der Dorfgemeinschaft mit der Beschreibung friedlicher Natur ident. Im Russischen ist Friede etymologisch eine Art des „Eins-Seins“ mit der Natur ohne damit die bekannten Phänomene der Arterhaltung beseitigen zu wollen. Diese Beispiele lassen sich fortsetzen.

So ist Volk nicht eine zu politischer Freiheit berufene Gesellschaft, Volk kommt bei uns nur mehr im ersten Verfassungsartikel vor, oder in der Bundeshymne als eine, fürs Schöne begabte Ethnie; im Russischen ist Volk ein nahezu „seelischer Zustand“, der Begriff „narod“ rührt regelmäßig zu Tränen oder zu ekstatischen Formen der Verbrüderung. Allein der Begriff Volk hat fünf Bedeutungen, von der Bezeichnung einer Menge von Menschen bis zu einer spirituellen Vorstellung eines Volksganzen. Die Stabilität des russischen Imperiums verdankt sich diesem Volk, nicht etwa. dem Umstand nicht zu murren oder gar ein Joch abschütteln zu wollen, sondern Volk ist eine beinahe im biblischen Zustand zu beschreibende Dauer in der geduldigen Erwartung politisch-mystischer Erlösung. Volk sah Solowjew stets als mystische Gestalt, ähnlich einer der orthodoxen Kirche übergeordneten mystischen Kirche, vom Geist und Propheten und Dichtern inspiriert.

So ist auch das Umkippen in Nationalismus, also in eine säkulare Kirchlichkeit des Volkes weder außergewöhnlich, noch für Russen wahrnehmbar, denn es handelt sich immer um das gleich verstandene Ausmaß einer Dimension des Wortes, das wir regelmäßig missverstehen. Im Grunde ist darunter ein Imperialismus zu verstehen, es sind Landnahmen, ohne auf die Art der Besiedelung Rücksicht zu nehmen. So gehört eben die Ukraine, die Krim, Litauen und Lettland, auch Finnland zu Russland, freilich ohne Einwohner, die auch nicht als Russen bezeichnet werden. Diese Bewohner werden nie zu Russen. Bis 1900 entscheidet die Endung eines Nachnamens über die Zugehörigkeit zum „Russentum“.

Eine ähnliche Bewegung gab es in der Reaktion auf Napoleons Eroberungskriege: eine politische Romantik, die ebenso mit dem „Volks-Begriff“ hantierte wie knappe Zeit später die verschwörerischen Dekabristen 1823. Der Aufstand war glücklos und endete mit dem Todesurteil durch Erhängen an fünf Verschwörer. Hunderte Teilnehmer wurden verbannt, manche von ihren Ehefrauen sogar hinter den Ural ins Lager begleitet. Darunter ist die Fürstin Wolkonskaja, die ihre aufrührerische Gesinnung beibehält und gegen jeden Widerstand publiziert. Die Antwort ist der berühmte Versepos „Eugen Onegin“ von Alexander Puschkin 1833. Mit Distanz schilderte Puschkin das adelige Landleben, das im Unterschied zum Landleben des mitteleuropäischen Adels nur Langeweile kennt, Alkohol, Billardspiel und flüchtige Liebeleien, die wie im Roman bei Turgenjew zu keiner ernsten Beziehung befähigen.

So war der Wendepunkt 1895 auch in der revolutionären Bewegung eingetreten, denn sie war phasenweise durch die ersten Kontakte mit dem Marxismus inspiriert worden. Was als Proletariat zu gelten hätte, war vornehmlich bäuerlicher Herkunft trotz steigender Industrialisierung. Es war dem Marxismus in der Folgezeit gelungen, die Faktoren der Gesellschaft über marxistische Begriffe zu definieren, also war selbst der sehr in Grenzen vorhandene Kapitalismus jener der klassischen Theorie geworden und die Ausbeutungen, die sich wie die Leibeigenschaft fortgesetzt hatten, konnten sofort mit den Begriffen der Klassenzugehörigkeit samt Aussicht auf den Klassenkampf eingetauscht werden.

So war um 1900 ein merkwürdiges Triumvirat entstanden: Da war Pjotr Struwe, der in allen Fragen politischer Ökonomie überzeugter Marxist war, und der hoffte, die Modernisierung würde im Kapitalismus vorangetrieben, um dann im Kommunismus transformiert zu werden; Sergei Bulgakow kritisierte am Marxismus dessen Theorie des Mehrwerts, der zu einer gesellschaftlichen Kraft mutiert und die künftige Geschichte verzerren wird. Die Schlussfolgerungen waren pessimistisch geblieben, vor allem in dem um 1900 erschienen Buch zu „Kapitalismus und Landwirtschaft“. Bei beiden wird Marx neben Wladimir Solowjew zum Patron russischer Erneuerung und beide weichen in ihrem Spiritualismus den Marxismus auf. Dieser Umstand schadete nachhaltig der Kohorte der „Intelligenzija“ – oder verursachte sogar die Kehrtwendung.

Der gewaltige gesellschaftliche Wandel war ab 1900 nicht mehr aufzuhalten. Die kommenden Jahre bezeichnete Pierre Pascal als „russische Renaissance“ und wirklich war in allen Sparten der Zivilisation eine Aufbruchsstimmung, eine nahezu euphorische Begeisterung verbreitet. Man konnte es kaum fassen, nahezu unbemerkt und ohne außerordentliche Anstrengung in eine Weltbedeutung zu geraten. Die Grundhaltung ist freilich spiritualistisch geblieben. Diese vereinte erstmals zum gegenseitigen Erstaunen Russentum und „Westlertum“.

In der Zwischenzeit wird das Innenlben des Menschen über die Zuwendung   man das Innenleben des Menschen. Daraus wird eine religiöse Haltung bestimmt, die sich auch unabhängig von der Kirche konstituiert. Die neue Elite will ihre Befreiung vom sozialen Determinismus und entdeckt den Reiz der zweckfreien Wahrheit, wie man formulierte. Auf die Selbstlosigkeit des Bürgers folgt der Egoismus des Individuums, auf den Konformismus folgte die Phantasie der unterschiedlichsten Talente. Die Repräsentanten wechseln oft ihre Positionen, bald sind sie positivistisch orientiert, fühlen sich in den Wissenschaften daheim und kehren unvermutet um, suchen neue Wege in ihrer genuinen Theologie, die bald in traditionelle Frömmigkeit verfällt, bald in einen Mystizismus. Es ist kein Gegensatz. Exponent dieser verwirrenden Persönlichkeitsstruktur ist Alexander Blok. In der h dem Guten die „Organisation der Gesellschaft auf der Grundlage der Gleichheit und der Freiheit und der Aufhebung der Klassen und aller äußeren Zwänge“. Das bleibt kein Traum, sondern darin erfährt die Menschheit ihre Bestimmung.

In weiterer Konsequenz greifen die Konzepte in eine philosophische Gesamtschau, die nötig ist, soll doch Bulgakows objektiver Idealismus eine Grundlage erhalten. Die ist nicht bei Kant zu finden, da Tolstoj in seinem Rationalismus die Relation zwischen Ethik und Metaphysik für nicht existent hielt. Bulgakow wendet sich daher Wladimir Solowjew zu, übernimmt dessen Konzept der Ethik, die er mit Ontologie, Kosmologie und Geschichtsphilosophie vereinigt. Plötzlich findet sich sein Philosophieren bei Platon ein, auch bei Plotin, die er im Sinne von Schelling und Hegel und Schopenhauer interpretiert. Da hier die große gesellschaftspolitische Frage weiterhin unbeantwortet bleibt, baut Bulgakow eine neue Alternative in sein System: „Wer immer durch die Schule des Marxismus gegangen ist, darf dessen diesbezügliche Lektionen nicht vergessen. Ich habe mich bemüht, eine organische Synthese zwischen der Philosophie Solowjews und den Prinzipien der Realpolitik zu finden.“

In dieser Aussage nähert sich Bulgakow immer mehr Dostojewski und schreibt 1903 zwei Artikel. Der eine Titel lautet „Über Iwan Karamasow“.  Der andere Titel war: „Der Beitrag der Philosophie als philosophischer Typus Wladimir Solowjews zum modernen Bewusstsein.“ Hier erfährt Dostojewski jene Anerkennung, weshalb er bis zur Oktober-Revolution Gesprächsthema bleibt. Der berühmte Schriftsteller avanciert

als Philosoph und wird in wichtigen Fragen der Philosophie der Stichwortgeber. Wegen Dostojewski behauptete Bulgakow, dass der Marxismus überholt ist. Es bleiben die politischen Ziele zwar erhalten, aber der Marxismus wird diesen Zielen nicht näher kommen. Somit ist der Eintritt in die orthodoxe Kirche bei Bulgakow die logische Konsequenz und entwirft eine Gegenthese gegen August Comte, da er nun sein religiöses Bekenntnis auch als „positive Religion“ vorstellt. Es ist ein weiteres Kapitel der philologischen Differenz zwischen den westeuropäischen Begriffsmustern und den russischen.

Ein ebenso wichtiger Autor gleich nach 1900 wurde Nikolai Berdjajew. Auch er begann als Marxist. Mit Anregungen von Dostojewski emanzipierte er sich von den Aporien zwischen Theorie und Praxis, von den endlosen Debatten bei den  Marxisten, was bis zur Frankfurter Schule fortgesetzt wurde. Im ersten Buch seines neuen Denkens von 1901 schrieb Berdjajew über „Subjektivismus und Individualismus in der Sozialphilosophie“ und kommt zum Ergebnis, dass der Klassenkampf dem Menschheitsziel nicht näher kommt, den Wandel von Mensch und Gesellschaft bewirkt erst ein „transzendentales Bewusstsein.“

Nun wird es nicht verwundern, wenn mit der überraschenden Wende zu einem russisch verstandenen Idealismus der weitere Schritt in die Religion führt. Jewgenji Trubetzkoi schrieb völlig klar darüber in den „Problemen des Idealismus“. Diese waren ja nicht nur für Marxisten skandalös und sensationell, sondern auch für die Mehrheit der „Intelligenzija“. Die Wende zum Idealismus und schließlich zur Religion waren in deren Augen Häresie. Inzwischen verwendeten die Schriftsteller ungeniert die Religion zur Beschreibung der aktuellen Bewusstseinslage.

Berdjajew leistete sich den Luxus und kritisierte Lenins berühmte Schrift über den Empiriokritizismus bei Ernst Mach und meinte, in der Hauptsache sind die Thesen Lenins falsch. Damit erntete er ein Leben lang den Hass Lenins, den der Philosoph aber wie durch ein Wunder überlebte. Er starb erst 1948.

Nun muss erwähnt werden, dass um 1905 die Auseinandersetzung über Christentum, Marxismus und Positivismus einen Höhepunkt erreichte. Die Antwort war eine starke und anwachsende religiöse Bewegung, die nun auch Angehörige der orthodoxen Kirche integrierte. Die wichtigsten Zeugen waren Gogol, Pater Matthäus, Tolstoj und Dostojewski. Dmitri Mereschkowski notierte dazu: „ Entweder müssen wir der Welt und dem Leben völlig entsagen, dann hat Pater Matthäus recht – der Beichtvater Gogols – oder aber wir müssen uns vom Christentum lösen. In einem einzigen Fall können wir beides, das Leben und Christentum vereinen: wenn wir nämlich erkennen, dass Christus keineswegs den Gegensatz, sondern die radikale, die mystische Einheit von Geist und Fleisch verkündete.“  Unter dem Einfluss von Pater Matthäus hatte Gogol den letzten Teil  der „Toten Seelen“ verbrannt und war freiwillig verhungert….

Mereschkowski ist ein gutes Beispiel für den politischen Wandel in Russland. Als Schriftsteller und Lyriker waren seine Arbeiten sehr schnell weit verbreitet und sein Roman über Leonardo da Vinci erfreute sich großer Beliebtheit. Er wurde ins Deutsche übersetzt in renommierten Verlagen und galt als heftiger Kritiker der Tendenz, das Christentum mit Moralvorschriften zu identifizieren. Würde man das Christentum auf Ethik reduzieren, wäre es jener Irrtum, den Tolstoi zu verantworten hat. Mit der Familie emigrierte Mereschkowski gleich 1917 nach Warschau und von dort nach Paris. Dort war er der Mittelpunkt für russische Emigranten.

Zwar erhielt er nie den Nobelpreis für Literatur, doch war er mehrmals dafür nominiert worden. Hindernis war seine Nähe zu Mussolinis Faschismus. Zweimal traf er mit Mussolini zusammen und begegnete dem Vorwurf, Beihilfe zur Zerstörung Russlands zu leisten damit, dass die Zerstörung harmlos sei gemessen an der Zerstörung der Seelen durch Stalin. 1987 wurden seine Werke in Russland neu aufgelegt und finden eine starke Rezeption.

In Mereschkowski aktualisiert sich diese ambivalente politische Haltung, die sich  in der Geschichte Russlands immer wieder zu Wort meldet und die Struktur der konkurrierenden Totalitarismen des 20. Jahrhunderts nahezu bis zur Unkenntlichkeit verwischt.

Nun war die neue Elite am Vorabend des Oktobers 1917 gegenüber der Regierung distanziert, begegnete der versteinerten Bürokratie mit herber Kritik und bildete eine Opposition gegenüber kirchlicher Hierarchie und konservativer Bourgeoisie. Es gab sehr intensive Beziehungen zu Deutschland, denn die neue „Liga der Befreiung“ hielt ihre ersten großen Versammlungen im Schwarzwald und in Schaffhausen ab. Berdjajew und Bulgakow waren die Anführer dieser „Liga der Befreiung“. Man war überzeugt, dass eine Zeitenwende bevorsteht, die Welt würde verklärt werden, und der Staat entpuppt sich als Teufelei und löst sich auf. In überraschender Weise entsprach auch die Prophezeiung von Marx dieser Diagnose, also war wieder die Distanz gegenüber der Religion verringert und das politische Analyseinstrument schien wieder brauchbar geworden zu sein. Eine durch und durch verwirrende Situation….

Die Dispositionen lassen sich kaum klar beschreiben. Alexander Blok ist das Beispiel, von Solowjew beeinflusst worden zu sein, aber natürlich ebenso von den großen russischen Dichtern. Sie legten ihm auch die Spur, mit Lyrik zu beginnen. In der Dichtung von 1908, der Anlass ist der Sieg über die Mongolei 1380, lautet der Titel „Auf den Feldern von Kulikowo“ und im Lager des Fürsten Dimitri Donskoj steht das russische Volk gegen die heidnische Horde. Die Horde symbolisiert die Intellektuellen.

Im folgenden Aufsatz schrieb Alexander Blok, dass eine unüberwindbare Mauer die Intelligenzija von Russland trennt. Wer sich jetzt in die Arme des Volkes wirft, erntet Spott oder betretenes Schweigen. Das Schweigen wird aber bald ein Ende haben…und prompt folgte am 28. Dezember 1908  das Erdbeben von Messina, das vor allem die gebildeten Schichten in Moskau und St. Petersburg erschütterte. Am 30. Dezember fügte er seinem Vortrag hinzu: „Wir wissen noch nicht genau, welche Ereignisse wir zu erwarten haben, aber die Nadel des Seismographen in unserem Herzen hat sich bewegt.“ Sein geistesverwandter Lyriker Andrej Bjely gab eine Sammlung von Gedichten unter dem Titel „Asche“ heraus. Im Band war zu lesen:

„ Genug: warte nicht, es gibt keine Hoffnung mehr:

Löse Dich auf, mein unglückliches Volk.

Verschwinde in die Welt, verschwinde,

O Russland, mein Russland!“

Es stimmen die Gedichte von Blok und Bjely auf die Grundsatzentscheidung ein, die 1917 unwiderruflich getroffen wurde: Ende des Kriegs mit dem Frieden von Brest Litowsk und Revolution. Vorher erwartete man noch den Untergang Russlands im Panmongolismus, was Solowjew immer befürchtet hatte: „Alle Nationen der Erde werden in diesen Tagen aufeinanderprallen; es wird eine Schlacht stattfinden, wie sie die Welt noch nie gesehen hat: die gelben Horden Asiens werden ihre Heimat verlassen und die Felder Europas mit Meeren von Blut purpurrot färben. Schon sind sie da, schon sind sie da, Tsu-Schima, die neue Kalka! Feld von Kulikowo, ich erwarte Dich! Wenn Du, Sonne, nicht aufgehst, werden die Ufer unter dem mongolischen Stiefel zusammenbrechen, die irdischen Geschöpfe werden wieder auf den Grund der Ozeane hinabtauchen, ins ursprüngliche Chaos…Gehe auf, o Sonne!“

Im Symbolismus der Dichtung werden die Angstträume genannt, die Russland bedrohen. Die Volkmärchen werden unfreiwillig zur Propaganda, dem drohenden Untergang zu widerstehen. Sogar in der Prosa ändern sich Vokabular, Syntax, Rhythmus, Klang. Man sollte an die Dada-Bewegung denken, an Hugo Ball oder im Englischen an die neue Erzählform von Gertrude Stein, an den Realismus Hemingways oder an die Lyrik Georg Trakls. Man denkt an Marinetti – vor allem wenn man das Manifest von 1913 der Zeitschrift „Apollo“ heranzieht. Hier publizierten Anna Achmatowa, Ossip Mandelstam, Sergey Gorodetski, Wladislaw Chodassjewitsch. Und sie bleiben bis 1916 beisammen. Zu ihnen gesellten sich Majakowski, Igor Sewerjanin, der Futurist Welimir Chljebnikow.

Der Krieg traf Russland 1914 in voller Blüte und Entwicklung. Im Grunde hatte sich das gesellschaftliche Leben vollkommen unabhängig von der politischen Wirklichkeit abgesondert. Trotz Kriegseintritt änderte sich einmal nichts. Der Verlag Put publizierte mystische Schriften von Anna Schmidt, wie Solowjew empfohlen hatte. Ebenso wurden die Schriften von Wladimir Ern gedruckt, etwa über die katholische Frühaufklärung am Beispiel von Rosmini und Gioberti. Der Religionsphilosoph, 1917 verstorben, war ein leidenschaftlicher Gegner des Neukantianismus, des Nihilismus und aller anderen Strömungen Philosophie. Wichtig ist der Hinweis, dass sein Werk „Aus der Geschichte des vaterländischen philosophischen Denkens“ 1991 neu gedruckt wurde. In dieser Übersicht waren die  Beiträge von Bulgakow, Struwe, Berdjajew zu finden.

Es fällt auf, dass das Entscheidungsjahr für die nächsten hundert Jahre bei den neueren Historikern nicht jene Beachtung findet wie noch 50 Jahre zuvor. Karl Schlögel übergeht diese Zäsur, so sie nicht ins Alltagsleben eingreift, für andere ist die bisher dargestellte Kontinuität im Streit zwischen „Russentum“ und „Westlern“ entscheidender als die Wirrnisse nach 1917, der Bürgerkrieg, die gewaltsame Machtergreifung.

Der Lyriker Andrej Bjely hatte es 1913 bereits formuliert, was in Russland geschehen wird: „Die Ära des Humanismus ist abgeschlossen. Es naht jene der gesunden Barbarei. Ein Sprung über die Geschichte wird stattfinden. Die Kultur ist ein durchlöcherter Kopf, aus dem alles entwickelt ist. Bald kommt die Explosion. Das revolutionäre Individuum geht um…Die Masse wird zum ausführenden Werkzeug der Sportler der Revolution.“

Die Reaktion im Volk war in erster Linie, ein deutlicher Wunsch nach >Beendigung des Kriegs. Es war auch die uralte evangelische Forderung zu hören, dass die Klassenunterschiede aufzuheben sind, die Vermögensverhältnisse gerechter verteilt werden sollen und die staatlichen Zwänge abzuschaffen sind. Es sollte eiune neue Welt des Friedens geben, der Gleichheit und Brüderlichkeit.

Gleichzeitig kam es in Moskau zum Zusammenschluss der Dichter, Denker und Organisatoren öffentlicher Meinung. Michail Bulgakow, Nikolai Berdjajew, Georgi Tschulkow, der einen mystischen Anarchismus entworfen hatte, und Wjatscheslaw Iwanow taten sich mit den „Realisten“ zusammen, mit Alexis Tolstoi und Boris Saitsew. Sie bildeten eine „Moskauer Bildungskommission“, die in Vorträgen und Lesungen die Öffentlichkeit über die Freiheit, Verdienste der bürgerlichen Gesellschaft und über Geschichte aufklären wollten. In der Zeitschrift „Demokratischer Staat“ war ein Informationsorgan entstanden, sehr billig um 35 Kopeken zu kaufen und darin las man über „Liebe und Hass in der Gesellschaft“, über „Patriotismus und französische Revolution“. Berdjajew verfasste Broschüren zu den Themen „Die freie Kirche, das Volk und die Klassen in der russischen Revolution“, oder „Ist eine soziale Revolution möglich?“. Bulgakow schrieb über „Christentum und Sozialismus“ und plädierte für eine weitergehende Übereinstimmung. Das Hindernis sah er dort, wo der Sozialismus zu einer Religion wurde.

Nun war diese Bildungskommission nicht die einzige Stimme in unruhigen Zeiten. Viele Dichter übernahmen die politischen Schlagworte der Bolschewiki, etwa Majakowski, der über „Der Krieg und die Welt“ ein Gedicht verfasste, schließlich  eine „Mahnung zur Ordnung“. Das war 1917 in Maxim Gorkis Zeitschrift Das neue Leben“ veröffentlicht worden. Von Majakowski stammte das Lied, das die Matrosen bei der Erstürmung des Winterpalais sangen: „Iss Deine Ananas, friss Deine Haselhühner, Dein letzter Tag ist gekommen: Bourgeois“

Dass auch in dieser Bewegung die Religion eine Rolle spielte, lässt sich am Beispiel von Sergei Jessenin  erkennen. In der Schrift „Der Genosse“, im März 1918 tröstet das Jesuskind den Sohn eines Opfers der Revolution und wird an dessen Seite getötet. Andrej Bjely schreibt im August 1918: „Keine Tränen! Aber beugt die Knie! Die ausgedörrten Wüsten unserer Schmach, die endlosen Ozeane unserer Tränen, wird der wiederkehrende Christus mit einem Strahl seines wortlosen Blicks erwärmen…Und du, aus dem Element Feuer gemacht, wüte und verzehre mich – O Russland, o Russland, o Russland, durch den Tag, der den Messias ankündigt. Nun werden die Umrisse Lenins immer deutlicher. In allen Städten bricht die Revolution los. Und Alexander Blok sitzt in Petersburg und rund um die Stadt beginnen die Moore zu brennen. Blok schreibt sofort: „Flammen des Hasses, der Wildheit, des tartarischen Erbes, der Erniedrigung, des Misstrauens und der Rache; der russische Bolschewismus greift um sich und Gott sendet keinen Regen.“ Und am 7. August 1918 fügte er hinzu: „Dieses Feuer auf das zu lenken, was verbrannt werden soll; die Maßlosigkeit Stenka Raskins und Pugatschows in zielgerichtete Schwingungen umzuwandeln, der Zerstörung Schranken zu setzen, die den Schwung nicht abschwächen, sondern ihn organisieren, die langsame Glut, die die Möglichkeit der Gewalt in sich birgt, gegen die Rasputin´schen Winkel der Seele zu richten und sie dort zu entfachen, einen Scheiterhaufen zu errichten, der bis zum Himmel reicht, damit alle Unterwürfigkeit, Schlauheit oder Faulheit verzehrt werde.“    

Nun reihen sich immer mehr Dichter und Schriftsteller hinter den Fahnen der Revolution ein. Die Konterrevolution, die es unter Dichtern auch gab, wurde kleinlaut und klagte über das Verderben des Volkes. „Du hast Dich in allem getäuscht, Dein geliebtes Volk ist nicht jenes, das Du erträumtest.“ Und Wladimir Gippius (Waldemar Hippius) verhehlte nicht seinen Hass: „Bald wirst Du mit Prügeln in Deinen alten Stall zurückgetrieben werden, o Volk ohne Ehrfurcht.“ Er verhungerte 1941 in Leningrad.

Vom August 1918 bis März 1921 herrschte eine völlig undurchsichtige Lage, die alle schlimmen Befürchtungen vereinte. Alja Rachmanowa schrieb ihre Erinnerungen über den Terror in „Tscheka, Studenten, Liebe und Tod“ ehe sie einen kiegsgefangenen Offizier heiratete und mit diesem nach Wien ausreisen durfte. Sie ließen sich in Wien nieder und diese Zeit beschrieb sie im Roman „Milchfrau in Ottakring“. Jedenfalls war in diesen Monaten überall Krieg, Typhus, Terror und Hunger. Noch war der Marxismus nicht erstarrt, schien wie lebendiges Denken und angewandte Analyse zu sein. Gemäß der hier angeführten Hypothese war es aber auch die Zeit, in der in Philosophie ambitionierte Denker zur Kirche zurückkehrten, etwa Nikolai Losski unter Anleitung von Pavel Florenski, der dann ausgebürgert nach Prag emigrierte, Wladimir Solowjew und Bulgakow.

Nun war Berdjajew von Joseph de Maistre begeistert, den Marx noch als Sykophanten bezeichnet hatte, und publizierte 1918 die „Philosophie der Veränderlichkeit“. Die Gedanken sind in diesem Buch abenteuerlich, Beispielsweise verherrlichte er den Krieg als „Schule der Männlichkeit“, kehrt aber um und behauptet, bei den Alliierten ist der Krieg im Dienste einer freimaurerischen Idee, an Stelle der Kirche wird eine Pseudo-Kirche errichtet, die einen falschen Humanismus pflegt. Nun zählen mehrere Autoren zu dieser Überzeugung, die inzwischen in Berlin gedruckt wurden.

Gleichzeitig konstituierten sich im Schatten des Umbruchs die Futuristen und Imaginisten. Die zentrale Figur ist Lunatscharski, der als Förderer von Marc Chagall in Erinnerung blieb. Neben ihm wirkte unverdrossen Majakowski und organisierte eine Arbeiter-Bildungs-Bewegung, vergleichbar mit den in Europa schon bestehenden Volkshochschulen. Begleitet wurden diese Aktionen vom Gedicht Majakowskis: „Ein Weißgardist, wenn ihr ihn findet, an die Wand mit ihm! Und Raffael, vergesst ihr ihn? Rastrelli, vergesst ihr ihn? Es ist Zeit, dass Geschoße in die Museen prasseln. ,,Warum zögert ihr, die Kanonen auf Puschkin zu richten und auf andere Klassiker, auf die weißen Generale!“

Bis 1919 war es kaum möglich, über diese vielen verschiedenen Gruppierungen den Überblick zu behalten. Die Kernfigur war sicherlich Anatoli Lunatscharski, der sowohl über eine gute Einschätzung der modernen Strömungen verfügte, als auch über das Verhältnis der Kunst zur Politik.

In der Folge gelang es, nicht nur den neuen Staat zu konstituieren, der Sowjetunion genannt wurde, sondern der Marxismus wurde die Staatsdoktrin. Nun war der Marxismus nur geeignet, die Propaganda in neue Worte zu fassen und war in Publikationen aus durchsichtigen Gründen gern übernommen worden. Unabhängig davon blieb nur die philosophische Schule von Alexander Bogdanow erhalten. Er rezipierte sowohl den Empiriokritizismus von Ernst Mach und Richard Avenarius, als er auch versuchte, diesen positivistischen Ansatz in den Marxismus zu implementieren. Das hatte Lenin bemerkt und richtete sich in einem bekannten Aufsatz gegen diese Vermengung, womit er besonders Bogdanow gemeint hatte.

In zwei weiteren Punkten war Bogdanow wichtig geworden: Er entwarf eine eigenständige proletarische Kultur, mit deren Hilfe man sich von der bürgerlichen Gesellschaft hätte befreien können. Dafür war eine eigene Organisation 1918 geschaffen worden – „die panrussische Organisation proletarischer Kultur“.

Bald war die Begeisterung für die Revolution aufgebraucht. Lenin hatte die Führung von Staat und Partei übernommen und installierte eine respektable Tyrannei. Ein Zeuge für die unliebsamen Veränderungen war Alexander Blok, Er sagte 1921 über Puschkin, dass dieser nicht wegen des Duells mit dem französischen Offizier Georges-Charles d´Anthés starb, sondern wegen des Mangels an frischer Luft. Damit entgegnete Alexander Blok Vorwürfen, nicht der Parteilinie zu folgen und dem Anliegen der Revolution nicht zu dienen. Selbstbewusst fügte er hinzu, „dass ich gute Arbeit geleistet habe; ich habe die Drucklegung Apollon Grigoriews vorbereitet; ich habe „Die Rose und das Kreuz“ – (von Alexander Blok) – vorbereitet und inszeniert und „Die Sühne“ geschrieben.“

Während für die meisten Schriftsteller „die Welt“ immer düsterer wurde, die Finsternis der Ungewissheit um sich griff, meinten die Akmeisten unter den Dichtern, dass der Krieg die beste Chance der Veränderung bietet. Und die Veränderung wird den Mystizismus durch Ästhetik ersetzen.

Bei Anna Achmatowa versammelte sich diese Gruppierung, manche zogen noch in den Krieg, manche waren daheim geblieben, doch gemeinsam war ihnen, diese Aussicht auf eine Chance für Russland nach dem Krieg. Georgij Iwanow schrieb: „Die Literatur wurde von einer Woge herrlichen Mutes und schlichter, fröhlicher Begeisterung erfasst.“  Es war, wie Thomas Mann bemerkte, wie der Ausbruch wilder Ferien, in die man zuversichtlich und mit Begeisterung stürmte. Auch Majakowski schrieb wilde Texte der Begeisterung mit einem „Kanonendonnerwort“: „Ich, Euer Zarter, ich, Euer Einziger,  führe euch zum Sturm auf Berlin.“ Und er war begeistert, das Wort neben die Stiefel der Soldaten zu stellen, in den Dienst der Soldaten….

Und ehe Fürst Nikolai Trubetzkoy Moskau verlassen musste, schrieb er über „die nationale Frage, Konstantinopel und die Hagia Sophia –  Der Krieg und die universelle Mission Russlands. Der patriotische Krieg und seine geistige Bedeutung.“ In ihm meldete sich der Panslawismus wieder zu Wort. Der „Westen“ war in seinen Augen verdorben und korrupt. Und man liest über die Tugenden des russischen Volkes, über die Größe der Orthodoxie, auch über die Mission Russlands, in der der panslawistische Anspruch begründet wird. Und Bulgakow entschloss sich ebenfalls zur patriotischen Tat: ..dass auf Russland die furchtbare Verantwortung für das geistige Schicksal der Menschheit lastet.“ Und in diesem Augenblick sind Kreuz und Schwert ganz eins.

Unwillkürlich denkt man an Karl Kraus, weil in den „Letzten Tagen der Menschheit“ nicht nur dieser Wahnsinn nicht mehr aufzuhalten ist, sondern in ihm ist auch die Vorform von Schrecken und Grausamkeit schon sichtbar.

Diese turbulente Zeit, noch nicht im Würgegriff von Not und Elend, hatte die Bevölkerung mehrheitlich noch nicht betroffen. Sie blieb im orthodoxen religiösen Denken unbeirrt verhaftet. Das war auch in den wenigen Städten der Fall, denn es gab durchaus eindrucksvolle Priester der orthodoxen Kirche wie den Pfarrer von Kronstadt, Iwan Sergejew, oder den Bischof Andrej von Ufa. In deren Nähe etablierte sich der          „Tolstojismus“, eine bäuerlich-lutherische Frömmigkeit, die Lenin bekämpfte und noch Maxim Gorki sah 1912 in ihr die Wurzel der geistigen Immobilität.

Nun muss man sich vor Augen halten, dass in den wenigen Jahren vor 1914/1917 alle Merkmale der anbrechenden Moderne in der Literatur in Russland vertreten waren. Da gab es die Symbolisten, die Futuristen und Akmeisten, den historischen Roman ebenso wie den Realismus, Expressionismus und Impressionismus in der Lyrik, die Anfänge der surrealen Dichtung gegenüber dem Naturalismus von Sergei Jessenin . Vergessen war inzwischen der Imaginismus, den Sergei Jessenin, Marienhof und Scherschenewitsch vertraten.

Wie diese orthodoxe Frömmigkeit ein Eigenleben in der Gesellschaft führte, so auf der einen Seite die offizielle Repräsentanz der Philosophie an der Universität Moskau. Sie war generell dem Positivismus zugetan und geduldig wurden die Lehren von Tschernyschewski und Pissarew nachgebetet.

Um 1905 erlaubte endlich die Koalitionsfreiheit das offene Taktieren der Parteien wie in Westeuropa. Die stärkste Gruppierung war die Sozialdemokratische Arbeiterpartei, die sich 1903 in Menschewiki unter Martow und Bolschewiki unter Lenin geteilt hatte. In der Nähe konstituierte sich der „Bund“ als Repräsentant der jüdischen Sozialdemokraten.

Neben den Sozialdemokraten agierte die bäuerlich geprägte Sozialrevolutionäre Partei, die ihren Einfluss bei der Landbevölkerung geltend machte.

Nun gab es auch liberale Strömungen, wenige – doch es gab sie: die Konstitutionell-Demokratische Partei und die Partei der „Oktobristen“, die die Reformen von 1905 fortsetzen wollten. Und darunter war auch die Partei „Kadetten“, liberal und fortschrittlich.

Diesen Parteien stand der Block der Konservativ-monarchistischen Gruppen gegenüber:  Da war die Ton angebende Partei die „Union des russischen Volkes“, nationalistisch, antisemitisch und die wichtigste Stimme im russischen Imperialismus; neben ihr gab es die nationalen Parteien, die die Minoritäten repräsentierten: Finnen, Polen, baltische Gruppen und jüdische Splittergruppen.

Bis zur Machtübernahme Lenins war eine Koalitionsregierung gebildet worden, die mit wechselnden Mehrheiten sich knapp behaupten konnte.

Was die politische Restitution nach der Wende um 1990, mit und unmittelbar nach Gorbatschow anbelangt, war die Wiederholung der Zeit nach 1917, vielleicht mit weniger Blutvergießen. Die junge Sowjetunion, die eigentlich unvorbereitet die Macht antrat und einmal im Bürgerkrieg gewinnen musste, stärkte ihr Selbstvertrauen in zwei Schritten: der eine Schritt war die eilige Neuorientierung in Zeit und Geschichte durch die Umorganisation der Museen. Hier ist auf Karl Schlögel zu verweisen, der lückenlos die Umstellung von Bewusstsein und Lebenswelt dokumentiert in der Museumspolitik. Der zweite Schritt ist eine neu verstandene Aufklärung, die über die Projekte der Enzyklopädien und Lexika definiert werden soll. In diesen Projekten arbeiten die bedeutendsten Wissenschaftler Russlands im In- und Ausland zusammen. Noch 1907 war in Zusammenarbeit mit dem russischen Verlag Efron und Brockhaus diese Mammut-Ausgabe fertiggestellt worden, ein Werk in 82 Bänden. Mit der Fortsetzung dieses Projekts nach der Revolution wollte man bewusst die erste Moderne überbieten und gleichzeitig den Schritt in die neue Zeit veranschaulichen. Um 1930 war man so weit und die sowjetische Enzyklopädie wurde publiziert. Schlögel berichtet darüber: „Die Differenz war fundamental. Während die Herausgeber von Brockhaus-Efron noch von objektiven Tatsachen sprachen, verspotteten die Herausgeber der Großen Sowjet-Enzyklopädie dies als naiven Glauben. Im entsprechenden Lexikoneintrag von 1934 wird das formale Prinzip der alphabetischen Reihenfolge als „Maske“ bezeichnet, hinter der „Klassenansichten von der Welt“ verbreitet würden. Enzyklopädien seien „konzentrierte Wiederspiegelung von Klassenansichten und deren Popularisierung“, ein „Instrument des Klassenkampfes“ und der Herausbildung „der Kader der  herrschenden Klasse“.“

Dass von den Herausgebern die meisten Opfer von Schauprozessen, Denunziationen oder willkürlich geäußerten Verdächtigungen wurden, liegt auf der Hand. Die Enzyklopädie ist zum Instrument der Machtergreifung geworden. Schon vorher, 1922, hatte Lenin veranlasst, dass alle jene Wissenschaftler, die sich nicht auf dem Boden des dialektischen Materialismus einfanden, teils das Land verlassen mussten, teils inhaftiert wurden. So hatten zwei Passagierschiffe mit dem ersten Wissenschaftsexport über Finnland nach Westeuropa vom Hafen Leningrads abgelegt. Und es war noch ein Glück, an Bord zu sein, denn es galt entweder Verbannung oder Erschießung.

Im Fall der Enzyklopädie war der Prozess der Ideologisierung deutlich geworden. Man lernt aus dem Studium der phänomenologisch gestalteten Geschichte Schlögels, dass die politische Geschichte fast in eine Unkenntlichkeit gerät, wenn sie im Alltag verfilzt und verstrickt sich nur mehr über das Dispositiv der Macht und Willkür zurückmeldet. Die Schreckensherrschaft Stalins hatte mit Marxismus nur mehr einen Kauderwelsch von Marxismus gemein und dieser war leicht zu imitieren. Und wer in der Lage war, sich durch Zufall behauptet zu haben, wie eben die Delegation sowjetisch eingeschworener Aktivisten in Paris im Film „Ninotschka“, entwickelt eine Lebensform, die sich immer mehr der offiziell vorgegebenen Rahmenbedingung entledigt. Und diese ersehnte Lebensform schafft ein eigenartiges Russlandbild, das bewusst gegen den europäischen Westen gerichtet wird. Sogar Emigranten schwärmen von Russland und sehen Lenin als Experimentator am Leib des russischen Volkes. Fürst Gregori Lwow formulierte nach der Emigration in Paris: „Ihr Westlichen seid unsere Lehrer, und wir sind eure Schüler. Wir gehen durch euch zugrunde. Utopien, Paradoxien, Abstraktionen, diese Geschenke des Westens wurden in Russland als Wahrheiten angenommen. Das russische Blut ist durch den Westen vergiftet worden. Russland geht zugrunde, weil es zu den vierzehn Punkten Wilsons stehen und die universale Gerechtigkeit verwirklichen wollte. Es ist Sache des Westens, dem Übel abzuhelfen, das er verschuldet hat.“

Lwow war der erste provisorische und einzige, legal an die Regierungsspitze gekommene  Ministerpräsident nach 1917. Er gehörte der liberalen Partei „Kadetten“ an.

Nun war 1924 der bevorzugte Emigrationsort Berlin von Prag abgelöst worden. Professoren, Historiker, Ökonomen und insgesamt Gelehrte blieben in Prag, denn durch Schenkungen war eine slawische Bibliothek verfügbar, russische Archive waren vorhanden. Ab 1927 bestand in Prag ein Seminarium Kondakowianum für die russische Geschichte der Kunst, der Altertümer ab Byzanz. Prag vereinte konservativ-volkstümliche Repräsentanten, um das Wort „populistisch“ zu vermeiden. Es war eine vornehmlich theologisch-religiöse Bewegung geworden, was in den Folgejahren in Paris nicht der Fall war. Bis 1939 war Paris ein Zentrum fürs russische Denken geworden, hier saßenb rechtsgerichtete Gruppen. Ebenso waren die linksgerichteten Gegenspieler präsent, allesamt Opfer der Lenin´schen Ausgliederung, erzwungenen Emigration. Berdjajew hielt zwanzig Vorträge zu Themen „Über den Menschen angesichts seiner inneren Widersprüche und der Geschichte. Andere setzen typisch russische Themen fort vor einem vornehmlich russischen Publikum. So etwa über die Tragik des Lebens, über Christentum und Nation oder über das religiöse Denken Dostojewskis.

Interessant ist, dass an den Zufluchtsorten theologische Themen dominierten, oder die Ausrichtung besaßen, im Exil dieses Denken fortzusetzen. Bulgakow nannte seine Theologie Sophiologie, wobei er darunter in seinen autobiographischen Zeugnissen 1936 ausführte: „So war ich damals ein getreuer und frommer Laie der marxistischen Religion. Das Wichtigste waren nicht etwa die Folgerungen der Wissenschaft, die immer schwierig zu verstehen und kritisch angreifbar sind, sondern die religiöse Dogmatik, die Eckpfeiler des Glaubens. Aus diesem Grund war ich ein Theologe des Marxismus. Meine Theologie beruhte auf einer Reihe dogmatischer Glaubenssätze, gewisser theoretischer Ideen und praktischer Folgerungen, die trotz ihrer offensichtlichen und naiven Widersprüche miteinander kombiniert wurden. Ich brauche nur einige von ihnen zu erwähnen: 1. Gemäß der Erkenntnislehre ist der Mensch eine zufällige Verbindung von Atomen der Materie. Deshalb ist er in der Lage, das Universum nicht nur zu erkennen, sondern auch zu verändern. Das Bewusstsein des Menschen ist nur ein Überbau der Wirtschaft. Deshalb ist er dazu berufen, die Erde mittels seiner Erkenntnis zu besitzen.2. Was die Lehre über den Menschen betrifft, so ist der Mensch bloß eine Affenart; deshalb soll er seine Nächsten lieben. Seine Ideen spiegeln das Wirtschaftsleben wider und haben keine unabhängige Bedeutung; deshalb ist er dazu berufen, das Reich der Freiheit vorzubereiten und  zu betreten. Ein Sprung von der Vorgeschichte in die Geschichte zu machen, das heißt, in das irdische Paradies oder das Reich Gottes auf Erden. 3. Was die Moral betrifft, so verfügt der Mensch nicht wirklich  auf ein personales Wesen, weil nur Klassen oder soziale Gruppen real sind. Deshalb ist er zu heroischen Pflichten und revolutionären Aktionen berufen. Außerdem ist nicht Liebe, sondern Hass ist das Gesetz des Lebens, und doch wird der Klassenkampf der Menschheit in Zukunft nicht nur Solidarität aller Klassen bescheren, sondern sogar gegenseitige Liebe.“

Diese merkwürdige Auseinandersetzung mit dem Marxismus wäre in der Sowjetunion nicht möglich gewesen. Obzwar man mit Härte und Strenge den Marxismus durchzusetzen versuchte, ja mit Polizei, Partei und Pressionen daraus eine verbindliche Weltanschauung gestaltete, hatte Michael Voslensky eine demgemäße Kindheit erlebt. Er besuchte ab 1929 die Grundschule und erlebte die neue Pädologie. „Ein Pädologe experimentierte mit uns, um die geistigen und motorischen Fähigkeiten der Kinder festzustellen. Die Sache war nützlich: Die Resultate der Tests ermöglichten es, den Eltern zu empfehlen, für welche Art von Tätigkeit ihre Sprösslinge am besten geeignet waren. Im Juli 1936 wurde die Pädologie durch den Beschluss des ZK der Kommunistischen Partei „Über die pädologischen Auswüchse im System der Volkskommissariate für Volksbildung“ plötzlich zu einer Pseudowissenschaft erklärt.

Der Ausdruck Pseudowissenschaft wurde zu einer Art Kampfbegriff an der Stalin´schen ideologischen Front. Das Fach Geschichte geriet in Verdacht…Die chronologische Geschichtsschreibung sei überflüssig, da sich die Bourgeoisie bemühe, die von den Klassikern des Marxismus entdeckte historische Gesetzmäßigkeit in einem Meer von Fakten zu ertränken. Statt Geschichte hatten wir Gesellschaftskunde….Dieses Fach durfte man aber nicht mit Soziologie verwechseln, da auch diese Disziplin zu einer bürgerlichen Pseudowissenschaft erklärt worden war…

An Stelle der normalen Linguistik wurde an den Hochschulen die voon dem Akademiemitglied Marr entwickelte marxistische Sprachlehre vermittelt, der folgender Gedanke zu Grunde lag. Die Sprache sei das Spiegelbild des Entwicklungsstands der Gesellschaft. Und die Menschheit habe faktisch nur eine Sprache. Diese befinde sich jedoch bei verschiedenen Völkern, je nach dem Stand ihrer Entwicklung, in einem unterschiedlichen Stadium der Evolution. Allen Sprachen würden vier Elemente – das heißt: vier Grundwörter – zugrunde liegen. Erst 1950 erklärte Stalin diese Theorie von Marr, gestorben 1934, für ungültig.

Zur selben Zeit wurde der biologischen Wissenschaft in der Sowjetunion ein vernichtender Schlag versetzt. Der Agrarwissenschaftler Trofim Lyssenko überzeugte Stalin davon, dass die aus der wissenschaftlichen Intelligenz stammenden Biologen die bürgerlichen Theorien von Weismann, Mendel, und Morgan propagierten, weil sie die Praxis nicht kennen würden. Lyssenko behauptete, eine richtige Theorie entwickelt zu haben.  1948 hielt Lyssenko auf einer Sitzung der Lenin-Akademie der Landwirtschaftswissenschaften der Sowjetunion sein Referat. Sein Referat wurde vom ZK der Partei gebilligt. Unmittelbar darauf bestrafte man die „Mendelisten-Morganisten“. Der bekannteste, Nikolai Waweilow starb im Gefängnis. Dessen Bruder blieb auf Grund einer Laune Stalins Präsident der Akademie der Wissenschaften. Die Ära Lyssenkos endete unter Chruschtschow 1964.“

Ebenso wurde Kybernetik wie auch die Relativitätstheorie zur bürgerlichen Pseudowissenschaft erklärt. Richtschnur für die Beurteilung war die 1938 erschienene „Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki). Kurzer Lehrgang. Das Werk erschien „Unter der Redaktion einer Kommission des ZK der KPdSU und war vom ZK gebilligt worden. Den zweiten Teil des IV. Kapitels hatte Stalin selbst geschrieben. Unter dem Titel „Über dialektischen und historischen Materialismus“ war der „georgische Akzent“ Stalins gut zu erkennen, schrieb Voslensky.

Nun kann man guten Gewissens festhalten, dass das polit-philosophische Konzept in Russland immer mehr nur als Instrument zur Ausschaltung  von Gegnern verwendet wurde, doch inhaltlich waren die Debatten entweder zum Schein geführt worden oder verfolgten die Absicht weiterer Diskriminierung oder Machtausübung.

Nun muss man den geistesgeschichtlichen Hintergrund in Erinnerung rufen, der abgesehen von kurzen Perioden das Bewusstsein in Russland nachhaltig bestimmte. Nicht erst mit dem Regierungswechsel von Gorbatschow zu Jelzin/Putin war diese alte Geschichte wieder virulent geworden, in Erinnerung blieb, dass in der Zwangssituation des Weltkriegs Stalin zu diesem lebendigen Strang russischen Denkens einen Zugang benötigte. Plötzlich war es ein vaterländischer Krieg geworden, für den alle Kräfte zu mobilisieren waren. Nun war dieses Dritte Rom in aller Munde, das auch nie ganz ausgemerzt werden konnte – trotz Verfolgung, grausamer Ermordung und Zwangsarbeit. Wichtig zu wissen ist auch, dass es europäischen Potentaten nicht möglich war, Russland in die Reihe der großen Mächte und Staaten aufzunehmen. Maximilian I. bot 1488 Iwan III. eine Königskrone im abendländischen Zuschnitt an, doch Iwan hatte abgelehnt. Er befürchtete, durch die westlichen Mächte bevormundet zu werden. Maximilian II. wollte Russland 100 Jahre später in einen Lehensverband aufnehmen. Der Kaiser versprach sich einige Rückendeckung gegenüber dem osmanischen Reich, doch Iwan IV. winkte auch ab. Dieser Iwan der Schreckliche war gerade mit der Reform seines Reichs (Schaffung eines Dienstadels – oprichnina) beschäftigt und roch den Braten, den ihm der Kaiser servieren wollte.

Viel später wollte Napoleon Russland gewaltsam in den Westen verschieben, doch er beging den unglaublichen Fehler, den Sitz des Zaren in Moskau zu vermuten. Ein unbegreiflicher Irrtum, den Schievelbusch beschrieben hat.

Nun hatte Alois Dempf in seiner Analyse Dostojewskis 1949 ermittelt,  dass in Russland die Eigenständigkeit eines „Volkskonservativismus“ grundsätzlich dominiert. Dempf beschrieb ihn damit, dass Dostojewski in Sibirien gelebt hatte, dass im russischen Volk trotz aller Laster durch die Orthodoxie  der Gottesglaube lebendig blieb, dass also verantwortungsvolle Führung Opferwilliger hier möglich und der Beruf Russlands zur panslawistischen Führung gegeben ist. Es muss die heilige Stadt Konstantinopel, das zweite Rom, selbstlos befreien und dann die Verbrüderung aller Völker verwirklichen. Der radikale Sozialismus kennt nur die Ermordung und Beraubung aller Klassenfeinde und das verwestlichte Petersburg die phantastische Stadt über den finnischen Sümpfen, wird in diesen Untergang hineingezogen werden. Die Bürgerdichtung reicht von Balzac bis Gustav Freytag, schrieb Dempf, von Gogol bis Turgenjew. Ihre russische Note ist die Satire auf den verrotteten Feudalismus und gerade darum Bejahung der Bodenlosigkeit des „Westlertums“. Das kann bis zum Nihilismus gehen. Dieser ist von Anfang an der böse, den Dostojewski zuerst als Sozialist und Elendsdichter und dann als Konservativer bekämpft.“

Bei Dostojewski bewirkte diese Übertragung des Messianismus die Kristallisation zu der seltsam ambivalenten Vision eines autokratischen, orthodoxen Russland, das unter welchen Umständen auch immer die Welt zu erobern hat, doch noch hatte diese Eroberung nichts anderes im Sinn als eine freie Gesellschaft aller Christen zu gründen. Das lässt die Orthodoxie die lutherischen politischen Vorstellungen weit verwandter erscheinen als es weithin angenommen wird. Als Ziel stand eine blühende Christenheit vor Augen, aus der sich eine Begeisterung für die Orthodoxie ableitet, die auch Miguel Unamuno in seiner „Apokalypse des Christentums“ in den Bann gezogen hatte. Es war die „westliche“ Stimme gewesen, die sich von den Aporien der „westlichen Kirchen“ abgewendet hatte. 

Unamuno sah in der russischen Orthodoxie die politische Engführung, die in der tiefsten Demütigung zugleich auch die höchste Form der Befreiung wahrnimmt. So schrieb er: „Leo Schestow sagt, dass Pascal uns keine Erleichterung, keinen Trost zu bringen vermag und dass er jede Art von Trost vernichtete. Das ist es was viele glauben, aber welch ein Irrtum ist das! Es gibt keinen mächtigeren Trost als den der Verzweiflung. Man sagt, die Menschen suchten den Frieden. Aber ist das auch wahr? Man sagt doch auch, sie suchten die Freiheit. Ich sage: Nein, die Menschen suchen den Frieden in Zeiten des Kriegs, und den Krieg in den Zeiten des Friedens. Sie suchen die Freiheit unter der Herrschaft der Tyrannei, und die Tyrannei, solange sie frei sind….Nicht der Tyrann macht den Sklaven, im Gegenteil. ….“. 

Diese bedrückende Einschätzung trifft auf Russland unvermindert zu. Inzwischen kennen wir die Kriterien; in denen die russische Geschichte zu interpretieren ist und es nimmt einige Anstrengung in Kauf, diese Linie auch nach Perestroika und Glasnost fortzusetzen. Der entscheidende Unterschied wird wohl der sein, dass die Bedeutung der Orthodoxie im Bewusstsein der Schriftsteller und grosso modo zu nennenden politischen Denker abgenommen hat – und auch wieder nicht. Sie hat vielleicht ihren Mystizismus verloren, der während der russischen Revolution eine Rolle gespielt hatte, er ist auch kein Stück der Erinnerung mehr wie bei Boris Pasternak, der das Läuten der Osterglocken nicht mehr mit dem Ereignis identifiziert, sondern wenn Orthodoxie nach der Wende eine Rolle spielt, dann als territorialer Anspruch, als Grundlage für die Einheit der eurasischen Welt.

Damit erhalten wir ein neues Stichwort. Hatten wir vor 1917, ja im Grunde seit Peter dem Großen damit zu tun, wie die Konfrontationen von Russen- und „Westlertum“ ausgesehen haben und wie sie ausgingen, so bürgerte sich nach 1990 eine neue Interpretation ein, die das Russische aus dem Bewusstsein zu verdrängen sucht und an dessen Stelle den Begriff Eurasien setzt. Nun ist dieser Begriff „Eurasien“ ein Import nach Russland ein „Import“ aus dem Westen nach Russland gewesen, gleich nach 1922. Das Geheimnis ist schnell gelüftet. Als Lenin die damalige Intelligenzija auf zwei Schiffe brachte und ins Ausland verbannte, waren darunter der Sprachwissenschaftler Fürst Nikolai Trubetzkoi (+1938 in Wien), Historiker, Schüler von Wassili Kljutschewski, Geographen und Rechtswissenschafter. Von dieser Gruppe, die dann in Berlin, Prag und Paris eine neue Heimat fanden, wurde der Begriff „Eurasien“ thematisiert, der etwa so zu verstehen ist wie „Westen“ oder Abendland. Unter dem Einfluss von Karl Haushofers politischer Philosophie der politkulturellen Räume, übertrug man diesen Gedanken auf den Subkontinent. Nun sehen wir diesen Subkontinent immer in der Auseinandersetzung mit dem europäischen „Westen“, im Grunde sind in unserer Perspektiven die Reibeflächen Finnland und Polen, Litauen, Lettland und Estland, weniger Galizien oder gar Moldawien und Rumänien, die Türkei oder die mächtigen Turkstaaten wie Aserbeidschan und Turkmenistan. Diese Einseitigkeit macht uns den Begriff „Eurasien“ unverständlich, denn Trubetzkoi sah darin die große Aufgabe Russlands, diese asiatischen Angehörigen des Zarenreiches zu integrieren.

Nun ist diese Wiederholung um 1990 bemerkenswert, merkt auch Katharina Bluhm an, da dieser Eurasianismus einen Bruch mit der Tradition des konservativen, religionsphilosophischen Denkens darstellt und mit dem – nennen wir es – „großrussischen“ Entwurf bis 1905 nichts zu tun haben will. Die sogenannten „Eurasier“ von 1990 ersetzen diese Interpretation Russlands als Schirmherrn des Panslawismus durch eine auch nach Asien orientierte neue Form der Zusammengehörigkeit im Weltreich, das Asien dominiert. Behauptet wird, dass Russland sich nicht von der Auseinandersetzung zwischen Kultur und Zivilisation, hier asiatischer Osten, dort zivilisierter Westen, auseinanderdividieren lassen darf, sondern die Aufnahme östlicher Traditionen kann nur Russland bewältigen, was einer Zivilisation nur misslingen kann. Plötzlich erlebte Oswald Spengler Kulturkreistheorie eine neue Rezeption bei Nikolai Danilewski. Danilewski behauptete, dass die römisch-germanische Zivilisation keine psychosoziale Akzeptanz asiatischer Dispositionen entwickeln kann. In dieser Frage sind die Russen für die Übernahme dieser Rolle fast wie geschaffen. Die Slawophilen im 19. Jahrhundert, auch Unamuno, bezeichneten die Bedeutung Russlands noch im Paradigma des Dritten Rom, wobei Konstantinopel das Zweite Rom gewesen sein soll, Hier orten die neuen „Eurasier“, dass wegen dieses Paradigmas Europa immer wieder ins Spiel gebracht wurde und für desaströse Entwicklungen verantwortlich ist. Diesen Irrweg vermeiden die Eurasier, denn sie lehnten das alte Paradigma vom Dritten Rom ab. Das traf sich während der Wende nach Gorbatschow sehr gut mit der Hoffnung auf Modernisierung, die eben nicht nach westlichem Muster laufen sollte – was aber bei Jelzin der Fall war.

Man verabschiedet sich also 100 Jahre später von den politphilosophischen Konzepten von Konstantin Leontjew und Wladimir Solowjow, die aus Gründen ihrer religionsphilosophischen Disponiertheit das Dritte Rom für Moskau befürworteten, um das ungeteilte Erbe vor dem Schisma 1054 zu beanspruchen. Neu ist, und vielleicht aus der Ablehnung der zaristischen Genealogie zu verstehen, dass die Geburtsstunde Russlands nicht in der Frühgeschichte der Kyjewer Rus gesehen wurde, sondern im machtvollen Imperialismus des Dschingis Khan.

Diese überraschende historische Neuheit wurde immerhin vom sowjetischen Eurasier Lew Gumiljow – gestorben 1992 – aufgegriffen. Daraus entwickelten sich rezente, also gegenwärtig vertretene Positionen bei wichtigen und politisch relevanten Historikern:

  • Alexander Panarin (1930-2002)
  • Wadim Zymburski (1957-20009)
  • Alexander Dugin (geb 1962)

Panarin war 1990 der bekannteste Vertreter des Eurasianismus. Seine ethnogeographischen Befunde sollen den Umfang der russisch-orthodoxen Zivilisation bestätigen. Zusätzlich der russischen Staatlichkeit definiert mehr oder weniger eine tradierte Orthodoxie ein Konzept der Imperien, das die Mongolenherrschaft zum Nachweis der legitimen Nachfolge nicht mehr benötigt, sondern langsam bildet sich ein Imperium Eurasien, das in sich gefügt eine eigenständige zivilisatorische Mission ausübt. Panarin arbeitete an der Akademie der Wissenschaften in Moskau, war der Treffpunkt für alle illiberalen Gruppen um 1990 und versuchte, den französischen Neokonservativismus nach Moskau zu importieren. Deshalb hatte er Alain de Benoist eingeladen, den Führer der radikalen Neuen Rechten nach 1968. Daran hinderte ihn auch nicht die heftige Kritik an allen Erscheinungsformen des „Westlertums“. Panarin dachte sich ein Eurasiens aus, das den Schock nach dem Ende der Sowjetunion und mit dem Beginn eines sogenannten neoliberalen System unter Jelzin auffangen sollte. Daher war es in den Augen Panarins verrückt, Russlands Start in die Moderne als „Rückkehr ins europäische Haus“ zu bezeichnen, als „Westernisierung“ voranzutreiben, worauf ja Putin anfänglich prächtig Klaviert gespielt hatte. Panarin sieht eine Tradition im staatlichen Nihilismus, der schon unter Peter I. begonnen hatte, den nun aktuell die „Neobolschewiken“ bei Jelzin fortsetzen. Wie er es formulierte, ändert sich nicht die politische Qualität im Land, da ein Volkssozialismus vom Volkskapitalismus abgelöst wurde.

Wadin Zymburski präsentierte das Gegenmodell. Im Aufsatz „Russland als Insel“ 1993 spitzt die Idee einer eurasischen Zivilisation zu. Ursprünglich  Altphilologie, spezialisiert auf Homer, arbeitete Zymburski in den 80er Jahren im Institut für USA und Kanada an der Akademie der Wissenschaften in Moskau. Seine erste Hoffnung galt einer liberalisierten Sowjetunion, deshalb war er eher auf der Linie Gorbatschows. Die Schriften wurden 2011 postum ediert und die Sammlung läuft unter dem Titel „Konjunkturen der Erde und der Zeit“ und weiters unter „Morphologie der russischen Geopolitik“

Zymburski meinte, Russland müsse sich aus dem Sog der euroatlantischen Kraft befreien, da jede Integration in den Westen Russland zum subalternen Dienst an der Zivilisation entmündigt.

Obzwar der Zerfall der Sowjetunion eine Chance bot, endlich zu einer geschlossenen Region zwischen Ostsee und Schwarzem Meer zu kommen, so war dann der erste Schritt in den Westen der erste Fehler. Die eigentlichen Partner sind für Russland Indien und China. Irgendwann schimmerte bei Zymburski die Idee eines gemeinsamen Weltstaats durch, eine „ein-Staat-Zivilisation“, die zuweilen von Putin in Reden aufgegriffen wird

 Zwei Positionen will Zymburski gewahrt wissen: die Insellage Russlands verbietet ein Eindringen in den Westen, weshalb er die Intervention in der Ukraine abgelehnt hätte, da die Euroatlantiker nun knapp vor Russland stehen, oder in der Ukraine schon in Russland sind. Bei ihm wiederholt sich auch die offenbar traumatische Erfahrung, dass Russland zu wesentlicheren Teilen drei Mal von europäischen Mächten angegriffen wurde, sodass Angriffe auf Russland immer zu erwarten sind.

Der bekannteste Vertreter des neuen Euroasianismus ist Alexander Dugin. In der Öffentlichkeit gilt er als sprachgewandter Autodidakt und als Mastermind Putins. In seine politischen Gedanken montiert er Bestandteile westlicher Politologie. Die Versatzstücke in den Aufsätzen lauteten: Russland Herzland Eurasiens, Randland, Atlantismus, Seemächte-Landmächte.

Dugin war noch in den 80er Jahren General der sowjetischen Geheimpolizei und bewegte sich im Kreis des okkulten Dichters Jewgenji Golowin.. Durch ihn lernte er den russischen mystisch-futuristischen Kosmismus kennen und den esoterischen Traditionalismus der französischen wie italienischen Faschisten. Schließlich war er Angehöriger der rechts-extremen Pamjat-Bwegung. Auch er suchte den Kontakt mit Alain de Benoist, auch er lud Benoist nach Moskau ein. Die Angehörigen des FSB nannte er in einem Schreiben „wahre Patrioten“.

1993 publizierte er den „Großen Krieg der Kontinente“. Darin meinte er, dass der Westen nicht die römisch-germanische Zivilisation verkörpert, sondern die liberale, britisch-amerikanische und protestantische Zivilisation. Diese war seit jeher die Gegnerin der Landmächte in Europa und damit die Antagonisten Eurasiens. Dort herrscht ein anderes politisches Bauprinzip, das auch die Länder Kontinentaleuropas einschließt. Neu bei Dugin war die Idee, dass trotz der Konflikte im 20. Jahrhundert eine Allianz Russlands mit Deutschland nahe läge, wie auch ein Bündnis der Seemächte angezeigt wäre, also Russland mit Japan. Es enttäuschte ihn, dass sich Deutschland nach der Wende von 1990 nicht aus der Westallianz verabschiedete, weshalb sich Dugin mit den Gebieten im Osten und Süden Russlands zu beschäftigen begann. So waren die Interessengebiet der Iran und China geworden, der traditionelle Islam und der Konfuzianismus. Dugin begann wie Carl Schmitt eine politische Theologie zu entwerfen und war der festen Überzeugung, dass die historische Rolle Russlands der Kampf gegen den Antichristen sein wird. Diese Rolle des Katechon muss Russland übernehmen, daher auch das Imperium wiederherstellen. Nun war Dugin nicht der einzige der erneut in diesen Kategorien zu denken begann.

Dann lieferte er wieder für den Leiter der verbliebenen Kommunistischen Partei Sjuganow Ideen und Gedanken, hierauf auch für Schirinowskis Liberal-demokratische Partei. Dann war er Vorsitzender der Nationalbolschewistischen Partei

Also inszenierte er sich als postmoderner Dostojewski. Dennoch hatte er den Kontakt zum Verteidigungsminister Radionow gehalten, unter dessen Einfluss er seine imperialistischen Gedanken publizierte.               

Nun waren diese Gruppierungen der Eurasier lange Zeit voneinander unabhängig, ja eine gewisse Gegnerschaft hatte sich eingestellt allein schon bei der Debatte darüber, was Eurasien ist und sein soll. Nun hatte Dugin als erster eine Brücke zur Kirche geschlagen und gleichzeitig zu einer „kritischen Ökonomie“. So erhielt er den Ruf eines Experten und wegen dieser Vorteile kam es zur Einigung bei den Eurasiern, die gemeinsam für das Programm des kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew warben. Allerdings war im Zusammenschluss ein kleiner Rechenfehler. Denn man scharte sich um den Gegner Putins, Primakow. Diese Störung konnte aber bald beendet werden. Da verband nicht der Euroasianismus die Protagonisten, sondern ein ökonomischer Konservativismus, der den Rahmen bot für dieses Konzept, das dann wieder in Übereinstimmungen und Widersprüchen mündete. Der Kern des Streits war immer die Definition Russlands, welche Funktion es im Einigungsprozess haben soll,  Da kamen durch die Hintertür die alten Argumente wieder zu Wort, warum es ein genuines Russland geben muss, um einerseits nicht dem Westen zu verfallen, andererseits diese Intention der Eurasier als Motivation zu verstehen, eine andere und Wahre Welt oder Zivilisation zu schaffen.  

Nun kann man den Eindruck gewinnen, dass die alten Argumente erneut ins Treffen geführt werden, denn noch haben die „Westler“ nicht Reißaus genommen. Teilweise waren sie von den Oligarchen vertreten worden, die aber zum anderen ein vitales Interesse an der Schattenwirtschaft hatten, also die Beibehaltung des Russischen als Vorteil nutzten. Dass dahinter gewaltige Korruptionen stattfanden, hatte Anna Politkovskaja eindrucksvoll belegt und mit ihrem Leben bezahlt. Wenn unabhängig von kriminellen Delikten Jungkonservative Studenten die Quadratur des Kreises fürs neue Russland wünschten, dann in Neufassungen von Nationalismus und Konservativismus. Repräsentant dieser Vorstellung war Konstantin Krylow (1967-2020).

Krylow entwarf einen modernisierten, säkularen und ethnischen Nationalismus, der sich gemäßigt konservativ und antiimperial versteht und daher einer neoimperialen Fusion aus russischem Nationalismus und einem orthodoxen Konservativismus entgegentrat. Es war die Plattform für die nächstfolgende Intelligenzija in Russland, über deren Zukunft nichts ausgesagt werden kann und soll.

Die Eurasier sind weniger wegen der kühnen Pläne im Gespräch, nicht wegen der geläufigen Wiederholungen der Träume, der Intentionen, der Wünsche nach Frieden und bescheidenem Wohlstand, sondern sie sind die einzigen Stimmen, die man vernehmen kann. „Die Intelligenz aus den Reflexionsräumen der Hauptstadt hatte angesichts eines solchen Willens zur Macht und solcher Gier keine Chance.“ Der Wandel hatte Russland in eine wahnwitzige Spirale gedrängt, die immer steiler und schneller nach oben führte, doch was ist jetzt oben? Gibt es oben nur Geld und Macht und Mord? Dramatisch war der Bedeutungs- und Statusverlust ab 2005, nicht mehr Gewissen und Sprecher der Nation zu sein, seit das Volk selber in Wahlen, Parlamenten, Demonstrationen – gesprochen hatte. Die Intelligenzija hatte sich von sich selbst als einer Gesinnungsgemeinschaft mit moralischem Anspruch verabschiedet und zugleich ihre Wiedergeburt oder Transformation in den Intellektuellen europäischen Typs verkündet. Das war nicht durchgehalten worden, denn das hatte Putins FSB schnell domestiziert. Es war in den Jahren nach 1990 voreilig, vom Ende der Intelligenzija zu sprechen. Unter der Ägide Putins kann man nicht vorhersagen, ob sich diese Intelligenzija neu formiert. Nach 25 Jahren ist alles wie früher, nur mit anderer Intention. Das freie Gespräch ist unterdrückt, die Medien sind gleichgeschaltet, unabhängige Positionen, die sich in Parteien organisieren wollen, werden mundtot gemacht und kriminalisiert. Das vitale unabhängige Denken artikuliert sich im Internet und in sozialen Netzwerken. Wenn die Moskauer Küche in den 30er Jahren der Indikator für Normalisierung war, so ist der Rückzug aus der Öffentlichkeit der Indikator dafür, dass dem Land die Rückkehr zu einer normalen Öffentlichkeit verwehrt ist. Die Erben nach dem Geburtsjahrgang 1960 haben zwar keine Küche als Gesprächsort, sie haben das Internet und vielleicht kehren sie auf die Plätze und Straßen zurück, wo tatsächlich die Wende stattgefunden hat, dort, wo der neue Präsident Jelzin auf einen Panzer kletterte und die erste TV-Ansprache halten konnte. Diese Bewegtheit gibt es nicht, nicht mehr und kann es noch nicht geben – auf absehbare Zeit. Kriege haben das genuine politische Interesse in den Schatten gestellt.

Wenn man nun von den kriegerischen Ereignissen absieht, in die Russland bewusst mit einiger Zuversicht eintrat, gegen Georgien, Ossetien, Tschetschenien und Ukraine, mit Mühe verhielt man sich neutral im Konflikt zwischen Armenien und Aserbeidschan, so zeigt die Gesellschaft zwischen St. Petersburg und Moskau keine Ambition, sich erneut am Westen zu orientieren. Katharina Bluhm schrieb klar und deutlich: „dass sich die große Offenheit gegenüber dem Westen, wie sie in weiten Kreisen der russischen Eliten und der Intelligenzija Anfang der 1990er –Jahre bestand, nicht wiederholen wird.“ Man hat nicht vergessen, dass der kurze Übergang zur Demokratie mit dem sozialen Niedergang weiter Teile der Bevölkerung einherging, während die Profiteure wie Spargel aus dem Boden schossen. Das führte zur Überrumpelung der Gesellschaften im Zuge der Transformation und daher ist Putin glaubwürdiger geblieben, vor allem die Tyrannei einschätzbarer als die Unsicherheiten während der Ära zwischen Gorbatschow und Jelzin. Das Abwirtschaften ist in guter Erinnerung.

Wenn es also Russen gibt, die in Straßburg oder Brüssel als liberale Westler gelten wollen und nach einem Weg nach Europa suchen, so ernten sie ein geringes Vertrauen in Russland, denn dort  gibt es eine starke, fast unüberwindbare Position geostrategischer und geokultureller Patrioten, die unter Putin sich in diesem System integriert fühlen. Es kann sein, dass diese Gemeinsamkeit, die Russland am Leben hält, nach Putin zerbricht. Die Kraft von Putins System kann selbst sehr unterschiedliche russisch-nationale-konservative Strömungen binden, domestizieren, die auch in den Administrationen ihre Position und Belohnungen erhielten.– bis zu den Stimmen im Propaganda-Fernsehen RussiaToday. Obendrein darf man nicht übersehen, dass in den Eliten die Kraft der Einigung in dem Maß zugenommen hat, in dem die globale Finanzmarktkrise, die westlichen Sanktionen und die russischen Machterhaltungsinteressen zur Übereinstimmung mit Putins Politik zwangen, also sind es weder die russischen Etatisten, noch die verbliebenen Westler die diese Entwicklung zum neuen Staatskapitalismus förderten. Und dieser russische Staatskapitalismus ist vitaler als man im Westen glaubt, ist stärker, flexibler und besitzt in der Bevölkerung eine hohe Akzeptanz, die schon seit geraumer Zeit darüber hätte aufklären können, dass Russland mit diesen Mitteln weder in die Knie gezwungen werden kann, noch sich gezwungen sieht, einen Schritt in Richtung Konfliktbeilegung zu machen.

Am Ende der Schluss-Absatz von Karl Schlögel, „Das sowjetische Jahrhundert“, S. 844: An einem dieser Hofrundgänge der Häftlinge am Dach der Lubjanka erinnert sich Alexander Wat: „Irgendwann vor Ostern werden wir, ich weiß nicht warum, zum ersten Mal tagsüber aufs Dach geführt, das heißt es herrschte schon Zwielicht, Dämmerung. Aber dieser Himmel und die Luft: Der Vorfrühling hat es dort leichter, seine Opfer zu überrumpeln, denn Opfer waren

wir. Deshalb spürte ich es stärker. Ich spürte den Vorfrühling, ich hörte irgendwo Musik. Stell dir vor, zu Ostern wurde im Radio Bachs Matthäuspassion übertragen! Es war gerade der Schlussteil. Und das drang bis an die Stelle auf dem Dach, wo ich stand….Wenn die menschliche Stimme, wenn von Menschenhand hergestellte Instrumente, wenn eine menschliche Seele auch nur einmal in ihrer ganzen Geschichte eine solche Harmonie, eine solche Schönheit, eine solche Wahrheit und Kraft von so einheitlicher Inspiriertheit schaffen kann – wenn das existiert, wie flüchtig und nichtig ist dann die ganze Macht eines Reiches?“ Die politische Konstellation war einmal in dem Sammelband „Alternative zu Perestroika, Glasnost, Demokratie, Sozialismus“, herausgegeben von Juri Afanassjew, 1988 vom Soziologen Len Karpinski zusammengefasst worden. Nun war es in den letzten fünfzehn Jahren Wladimir Putin gelungen, eine vergleichbare Konstellation wie in der Ära unter und nach Stalinwiederherzustellen. Der Unterschied ist nur dort festzustellen, wo keine ideologischen Positionen mehr ins Treffen geführt werden und die Vokabel des Marxismus/Leninismus tabuisiert wurden. Daher kann man den Satz Karpinskis so zitieren als wäre er soeben geschrieben worden. „Selbst bei einer flüchtigen Betrachtung wird klar, dass die Wurzeln buchstäblich aller Abarten des Widerstands gegen die Umgestaltung (gemeint Perestroika) in allen Lebensbereichen und in allen Lebenssituationen einander verblüffend ähnlich sind.: Wir haben es praktisch nur mit einer weitverzweigten systembedingten Wurzel zu tun, die durch den Stalinismus repräsentiert wird. Stalinismus – bezeichnet nicht nur das Phänomen Stalin und auch nicht schlechthin den Kult um seine Person. Der Stalinismus ist ein riesiges Knäuel wechselseitiger sozialer Abhängigkeiten, ein in allen seinen Elementen festgefügtes Gebilde aus ökonomischen, politischen, ideologischen und moralischen Strukturen, die sich in den vergangenen Jahren in der gesamten Gesellschaft etablierten.“ 

Register

Afanassjew Juri

Achmatowa Anna

Andreij, Bischof von Ufa

Avenarikus Richard

Ball Hugo

Balzac Honoré de

Belinski Wassarion

Benjamin Walter

Benoist Alain de

Berdjajew Nikolai

Bjely Andrei

Blok Alexander

Bluhm Katharina

Bogdanow Alexander

Büchner Ludwig

Buckle Henry Thomas

Büchner Ludwig

Bulgakow Sergei

Chagall Marc

Chljebnikow Welmir

Chodassjewitsch Wadislaw

Chruschtschow Nikita

Danilewski Nikolai

Darwin Charles

Dostojewski Fedor

Drobolynbow Nikolai

Dugin Alexander

Ern Wladimir

Florenski Pavel

Freytag Gustav

Glasunow Alexander

Glinka Michail

Gogol Nikolai

Golowin Jewgenij

Gontscharow Iwan

Gorbatschow Michail

Gorki Maxim 

Grigoriew Apollon

Grodetzki Sergej

Gumiljow Lew

Haushofer Karl

Hegel G. F.W.

Hippius=Wledemir Gippins

Hobbes Thomas

Ischariot Judas

Iwan III.

Iwanow Georgij

Jawlensky Alexei

Jelzin Boris

Jessenin Sergei

Joyce James

Kandinsky Wassilij,

Kant Immanuel

Karpinski Len

Kljutschewski Wassilij

Krylow Konstantin

Lafargue Paul

Lawrow Pjotr

Lenin

Leontjew Konstantin

Le Play Fernand

Lissitzky Eliezer

Lomonmossow Michael

Losski Nikola

Lunartscharski Anatoli

Lwow Gregori

Lyssenko Trofim

Mach Ernst

de Maistre Joseph

Majakowski Wladimir

Marienhof Anatoly

Malewitsch Kasimir

Mandelstam Ossip

Mann Thomas

Marinetti Filippo Tommaso

Martow Julius

Marx Karl

Maximilian I.

Maximilian II.

Mereschkowski Dimitri

Mathäus= Matwei Konstantinowitsch

Molleschott Jacob

Mussolini Benito

Nabokow Vladimir

Napoleon Bonaparte

Nasarbajew Nursultan

Nawalny Alexej

Nekrassow Nikolai

Neurath Otto

Nietzsche Friedrich

Nikolaus I.

Panarin Alexander

Pascal Blaise

Pascal Pierre

Pasternak Boris

Pasteur Louis

Philaret  = Romanow Fjodor

Peter der Große (I.)

Pissarew Dimitri

Platon

Plotin

Politkovskaja Anna

Primakow Jewgeni

Pugatschow Jemejan

Puschkin Alexander

Putin Wladimir

Rachmaninow Sergei

Rachmanowa Alja

Radionow Grigorij

Raffael Santi

Raskin Stenka

Rastrelli Bartolomeo

Rodtschenko Alexander

Rosenstock-Huessy Eugen

Rousseau Jean-Jacques

Saitsew Boris

Saltikow Michail

Schelling Wilhelm

Scherschenewitsch Wadim

Schestow Leo

Schirinowski Wladimir

Schmidt Anna

Schmitt Carl

Schljapnikow Alexander

Schlögel Karl

Schnitzler Arthur

Schopenhauer Arthur

Schostakowitsch Dimitri

Sergejew Iwan

Sewerjanin Igor

Sinowjew Alexander

Solowjew Wladimir

Spencer Herbert

Stalin

Stein Gertrude

Strawinsky Igor

Struwe Pjotr

Tolstoi Leo

Trakl Georg

Trubetzkoi Jewgenji

Trubetzkoi Nikolai

Tschernyschewski Nikolai

Tschulkow Georgi

Turgenjew Iwan

Unamuno Miguel

Vogt Carl

Voltaire

Voslensky Michael

Wat Alexander

Wawelow Nikolai

Wolff Christian

Zymburski Wadim