Gedanken Reinhold Knolls

Krasznahorkai und Iran

Krieg und Krieg

Laszlo Krasznahorkai hatte doch recht, seinen Roman „Krieg und Krieg“ 1992 zu veröffentlichen. Darin behauptet er, dass das veraltete Erlernen der Geschichte – so Geschichte überhaupt noch erlernt wird, zutreffend war, wenn an diese über Jahreszahlen der Schlachten und Kriege erinnert wird. Krasznahorkai begann im Roman mit der Seeschlacht von Salamis und nach ihr sind es nur noch Kriege erwähnenswert, die den Fortgang der Geschichte markieren. Diese schreckliche Behauptung scheint sich in unserer Gegenwart zu bestätigen: Krieg und Krieg.

Dass wir in diese Lage kamen, war vor Jahren sehr klar in mehreren Publikationen prognostiziert worden. Zwei Bücher in renommierten Verlagen wählten als Titel 1978 bzw 1979. Dazu war darunter das Wort „Zeitenwende“ zu lesen. Seit dem Ukraine-Krieg ist diese „Zeitenwende“ in aller Munde. Schon damals war die „Nachkriegsordnung“ von 1945 beendet worden. Man darf sich also nic hat wundern, wenn die Mächtigen dieser Erde nach eigenem Etrmessen und Selbsteinschätzung Kriege beginnen.

Für einen Krieg gibt es immer gute Argumente.. Und wie das Beispiel Istael/Gaza nach dem verbrecherischen Überfall auf die israelische Grenzregion zeigt, können selbst kleine Länder Kriege führen. Endlich ist zu erkennen, dass der weltweite Terror den Kriegshandlungen hinzuzuzählen ist. Stanislaw Lem hat im Buch „Provokation“ über den Völkermord 1980 berichtet, wie Terror und Attentat als Teile „legitimer“ Konfliktaustragung ausgegeben und als „Gesellschafts-Krieg“ qualifiziert werden. Es sind die „Ouvertüren“, die durch Ideologien, Gewaltphantasien und politische Wahnvorstellungen legitimiert erscheinen. Alle drei haben die Patenschaft für die gegenwärtige Weltpolitik übernommen. Ein Friede ist nicht nur weiter denn je entfernt, sondern wird auch als Vorwand missbraucht.

Nun hat Donald Trump in der zweiten Amtszeit den zweiten Krieg eröffnet. Der Feind heißt Iran. Aus guten Gründen hatte sich Netanyahu angeschlossen – eine Koalition zwischen Riese und Zwerg. Beide kennen offenbar die wichtige Studie von Henry Kissinger nicht, der in „Kernwaffen und auswärtige Politik“ 1959 geschrieben hatte, dass weder das Bombardement auf Dresden, noch Not und Hunger Hitler-Deutschland in die Knie gezwungen haben. Es war die Unterwerfung nötig, um das Regime in Berlin zu beenden.

Überträgt man diese Einschätzung auf den Iran, so ist es eine militärische Scharlatanerie, mit Raketen und Kampfflugzeugen den Iran zur Änderung seines politischen Systems zu zwingen. Kissinger schrieb damals, dass weder der berüchtigte Morgenthau-Plan, noch ein nie ernsthaft erwogener Abwurf einer Atombombe auf Mitteleuropa das Ende dieses Regimes herbeigeführt hätte.

Nun kommt es an den Tag angesichts der TV-Bilder über Trauerkundgebungen in Teheran, dass das Regime ähnlich durchorganisiert ist wie Deutschland in der NS-Zeit. Es kommt an den Tag, dass die Institute der islamischen Revolution aus der Zeit Ruhollah Chomeinis stabil bleiben. Wir waren also über Jahre zumindest einseitig informiert worden!

Wie damals „Nazi-Deutschland“ so wird auch das iranische System von einem erheblichen Prozentsatz der Bevölkerung geteilt. Schon wieder irren sich Experten, die offenbar aus ihrer laizistischen Einstellung (oder ist es Ignoranz?) ihre politischen Wunschvorstellungen in die Reportagen einflechten – wie damals während des „arabischen Frühlings“? So verwerflich die Diktatur im Iran ist, so stabil ist das System. Wenn der Plan gilt, dieses System stürzen zu wollen, wird eine Menge Infanterie benötigt. Es wird einer Art „Entnazifizierung“ bedürfen, die ein Drittel der Bevölkerung nicht nachvollziehen wird. In Persien werden so viele „bei der Stange“ bleiben wie es in Mitteleuropa Parteigänger der AfD oder der FPÖ gibt. Kann man mit Raketen dieses System beenden?

Ist nicht der Krieg im Nahen Osten die Fortsetzung eines mutmaßlichen Tauschgeschäfts zwischen Wladimir Putin und Donald Trump? Der eine bekommt in naher Zukunft die Ukraine und ein bisschen von Europa dazu, der andere die unumschränkte Kontrolle über den Nahen Osten. Nur Netanyahu war klug genug, sich sofort für Trump entschieden zu haben – und man weiß auch warum….

Somit ist dieser Krieg keine Überraschung, wie es auch nicht der letzte in naher Zukunft sein wird. Mit der Zeitenwende wurde die Büchse der Pandora geöffnet. Wir werden in homöopathischen Dosen lernen müssen, dass im Iran nicht nur „Mullahs“ regierten, dass die Unterdrückung der Frauen sehr differenziert zu beurteilen ist, dass zwar die Opposition keine Stimme haben durfte und Hinrichtungen an der Tagesordnung waren, dass zwar die Revolutionsgarden Gesellschaft und Kultur kujonierten wie in Europa die SS, dass der Staat und der Islam ident zu sein schienen, aber die Herrschaft des Schah war überwunden worden. Nie hörten wir von der Bildungsreform, vom offenen Zugang zur Bildung und qualifizierten Berufen, deutliche Verbesserung des Gesundheitssystems und der Grundversorgung. Der Iran ist nicht Venezuela….

Also lese ich weiter im Roman von Krasznahorkai……