Zur Rekonstruktion einer russischen Geistesgeschichte
Das erste Merkmal
Eine knappe Darstellung der russischen Geistesgeschichte kann in erster Linie den Zweck, nicht aber die Eigenart dieser Geschichte erklären. Sie will in erster Linie den Satz von Thomas Mann kommentieren, der die Entwicklung zum Ersten Weltkrieg als das „fehlgegangen Gute“ beschrieben hatte. In diese Tragik war auch Russland gefangen. Es ist auch ein Einblick in die Unverfügbarkeit der Geschichte. Am Ende dieser vielen „Lernprozesse“ steht als Resultat das stumme Registrieren jener Faktoren, die in der Gegenwart ausgelöscht wurden, oder schon im Verlauf der politischen Willkür zur Randerscheinung wurden. Damit stehen wir gleich vor dem ersten Merkmal des Russischen: Literatur ist eine Randerscheinung im politischen Kontext gewesen, doch sie wird in Russland zur politischen Geistesgegenwart, rückt in den Mittelpunkt der Gesellschaft auch nach 1917, aus dem sie nur durch die neueste Spielart der Modernisierung zu entfernen war, durch die „Infokratie“, wie es Byung-Chul Han charakterisierte. Das heißt, dass nicht mehr die physischen Unterwerfungen zählen, sondern die geronnenen Formen des Individuellen in Informationen und Daten zeigen den Menschen unter Dauerbeobachtung, obwohl er sich mit dem Kommunikationsspielzeug einbildet, frei, authentisch und kreativ zu sein.
Gerade deshalb bedarf es gleich eingangs des Hinweises, dass wir wegen der zahlreichen Übersetzungen zwar die russische Geschichte zu verstehen meinen, aber gerade deshalb gegenüber der im Russischen verwendeten ausdifferenzierten Sprache kaum die gebührende Beachtung schenken. Immer ist im Russischen eine Dimension der Sprache mitgemeint“, die uns zumindest fremd ist, nicht eben geläufig, sollten wir sie überhaupt verstanden haben!
Philologische Schwierigkeiten…
Ausgerechnet eine Sprachübertragung führt zu Missverständnissen. Immer wieder begegnet uns dabei ein russischer Nationalismus, wie wir dann treffsicher behaupten. Allerdings im Zusammenhang mit Alexej Nawalny schweigen wir entweder darüber, oder aber lassen eine Reihe von dessen grotesk erscheinender Kritik an Russland unter den Tisch fallen. Das geht aber nicht. Nationalismus in Russland ist ein alter Imperialismus, dessen Folie bei Lenin und Nachfolgern ein Gebrauchsartikel wurde, allerdings von Wortschöpfungen begleitet, von denen man behauptete, sie würden den Sozialismus in die Phase der Verwirklichung versetzen. Es ist ein klassischer Imperialismus ungebrochen erhalten geblieben, ja vermochte sogar ein Merkmal in der Modernisierung zu werden – seit dem 18. Jahrhundert. Dass dieser Wandel oder gar Öffnung gegenüber dem „Westen“ über kurze Zeit Napoleon konterkarierte, half den nationalistischen Nachfolgern diesen Begriff samt Terminologie zwar in gereinigter Form zu erneuern, aber konnte damit den „Aufstand der Dekabristen“ um 1830 gut überstehen. Die erste Paradoxie war eingetreten und schien die weitere Entwicklung in Gegenüberstellungen und Trennungen zu charakterisieren. Dieser russische „Nationalismus“ hat mit jenem Nationalismus nichts zu tun, der uns in Mitteleuropa als romantische Reaktion samt schlimmen Verzerrungen, als Gegenbewegung gegen die napoleonischen Kriege geläufig blieb.
Der russische Mystizismus…
Ein weiterer Punkt, der im russischen Denken zu beachten ist, gilt der dauerhaften Bindung politischen Denkens und Handelns an einen traditionellen Mystizismus. Ja er war auch in der Phase des herrschenden Marxismus üblich geblieben, also wurden selbst im ideologischen Bereich auch religionsphilosophische Dispositionen eingefügt. Selbst die Emigranten nach 1917 perpetuierten diesen „politischen Mystizismus“ in Berlin, dann auch in Prag und schließlich in Paris während der 20er Jahre, ohne die Notwendigkeit eingesehen zu haben, jetzt dem Marxismus abzuschwören.
Ferner ist zu erwähnen, dass der Marxismus als innenpolitisches Instrument des Terrors abgewendet wurde, also nichts von jenem „Wärmestrom“ beibehielt, den Ernst Bloch in den den 60er Jahren beim „jungen Marx“ erkannt haben will. Es ist die politische Umsetzung ab Lenin nicht vom Marxismus angeleitet worden, sondern er galt als ideologischer Paravent für kalte Machtinteressen – bis in die wissenschaftlichen Orientierungen der 20er Jahre. So kommt in dem umfassenden Werk von Karl Schlögel – „Das sowjetische Jahrhundert“ – Marxismus als politische Lenkungskraft nach Parteitagen nicht vor.
Die Kontinuität eines Bewusstseins als Mentalität…
Ebenso wichtig ist diese merkwürdige Drehung wahrzunehmen, die die historische Kontinuität Russlands im 20. Jahrhundert eher von einer reaktionären Ideologie angeleitet sieht, die auch ungehindert in der Ära Stalins publiziert werden konnte, ja sogar als Nachweis ungebrochener russischer Identität selbst während des Marxismus-Leninismus zu reüssieren vermochte.
Wichtig ist einer Analyse auch die Beobachtung voranzustellen, dass nicht Universitäten oder Akademien für eine Denktradition die Patenschaft besaßen, sondern Dichter und Schriftsteller. So hat die Rezeption des deutschen Idealismus oder gar von Friedrich Nietzsche um 1900 eher über Turgenjew, Dostojewski oder Tolstoi stattgefunden und erst später über die Lehrstühle der Philosophie. So war natürlich die Übernahme des Marxismus durch „schriftstellernde Privatleute“ (Habermas) schneller zum Kleingeld individueller Machtinteressen einer Nomenklatur verkommen. In der Sowjetunion entschieden dann nicht Philosophen über die korrekte Wiedergabe marxistischen Denkens oder über die Vorgabe einer Parteilinie, sondern ein Zentralkomitee der KPdSU. So berichteten es Michael Voslensky und Alexander Sinowjew.
Man muss diese Punkte immer im Auge behalten, will man den Sinn dieser Darstellung verstehen. Diese ist allein wegen der vielen Namen und Hinweise komplex, also wird der Versuch unternommen, dahinter eine Struktur zu entdecken, um eine geistesgeschichtliche Kontinuität zu rekonstruieren, die sich als Mentalität zu verfestigen scheint – oder sich immer verfestigt hat, wie in den Tagebüchern der Zarin Katharina II. indirekt beschrieben wird….
Russische Aufklärung versus Mystizismus…
Im Rückblick besitzt die Entwicklung des Kerngebiets Russlands – also der europäische Teil dieses gewaltigen Reiches – einige Vergleichbarkeit mit der Donaumonarchie. Die Initialzündungen auf den verschiedensten Ebenen der Gesellschaft geschehen um 1880. Zuvor hatte es einen Schub der Modernisierung unter Peter dem Großen um 1700 gegeben. Die 1. Schule war als „slawisch-griechisch-lateinische Akademie“ 1687 in Moskau gegründet worden. Ihr folgte 1724 eine „Akademische Universität“ in St. Petersburg und 1755 wurde nach „westlichem“ Muster in Moskau eine staatlich beaufsichtigte Universität gegründet.
Diese Eckdaten früher Bildungspolitik in Russland waren von der Orientierung zum Rationalismus bestimmt, vornehmlich von der Richtung Christian Wolffs, später von Rousseau und Voltaire. Zusätzlich sah man sich zur Freimaurerei, zu den Illuminaten und Rosenkreuzern hingezogen, zu einer speziellen Form „aufgeklärten“ Mystizismus. Viel später kam es auch zur Rezeption des deutschen Idealismus, doch in der naturphilosophischen Version Schellings und gemäß der Phänomenologie Hegels.
Die Petersburger Akademie war daher strikt von der Wissenschaftslehre von Christian Wolff bestimmt worden. Daher hatte die Philosophie weiterhin jene Vorrangstellung gegenüber allen anderen Wissensgebieten erhalten, vor der Jurisprudenz, vor Natur- und Staatswissenschaften. Logik, Ethik und Metaphysik waren im methodischen Denken von Wolff übernommen worden. Somit war die Akademie wie ein geschlossenes System rational begründet und nicht praxis- oder traditionsorientiert. Deshalb war auch die Außenwirkung gering, obwohl im Denkstil modern, denn nach Wolff betonte man die Autonomie der Vernunft, was speziell als Emanzipationswissen gegenüber jeder Theologie verstanden wurde. Die Lehrer an der Akademie waren großteils von jenen Universitäten berufen worden, die in der Wolff´schen Tradition standen, also aus Leipzig und aus Halle.
Nun war die Petersburger Akademie forschungsorientiert, die Moskauer Universität sah sich als Bildungsuniversität mit einiger Breitenwirkung in der Gesellschaft. So hatte sich eher in Moskau eine eigenständige Wissenschaftstradition bilden können. Der geistige Urheber der Moskauer Universität war Michael Lomonossow. Er war aufgeklärter, empirisch arbeitender Philosoph und zugleich ein Gegner der Philosophie von Wolff. So war die Naturwissenschaft gefördert worden, eine auf Experiment und Praxis ausgerichtete Universität.
Aus diesem unüberblickbaren Gemisch war eine genuin russische „Intelligenzija“ um 1850 entstanden, vornehmlich atheistisch, mit starkem Glauben an Wissenschaft und Fortschritt. Die politischen Konsequenzen waren enorm. Der Einfluss dieser Gruppierung war so groß, dass sogar das erfolglose, aber autoritäre Regime des Zaren Nikolaus I. beseitigt werden konnte. Die anschließende Reformpolitik, „Zemstvo“, besaß eine bemerkenswerte gesellschaftspolitische Wirkung: ihr Kernstück war die Abschaffung der Leibeigenschaft. Es folgten der Schulbau, die Wählbarkeit der Bezirksverwaltungen, eine Rechtsreform. Das alles geschah zwischen 1860 und 1880.
Den Atheismus der Absolventen der orthodoxen Klosterschulen und hierauf die Prägung zum Denkstil an den Universitäten übernahm man aus Deutschland von Ludwig Büchner, Carl Vogt und Jacob Molleschott. Zum „atheistischen Glaubensbekenntnis“ trug auch die Rezeption Darwins und die Geschichtsphilosophie Henry Thomas Buckles bei. Allerdings war diese materialistische Geschichtsauffassung zu diesem Zeitpunkt wie Wasser auf den Mühlen des Positivismus. Arnold Ruge hatte beide Bände übersetzt, die hohe Aufmerksamkeit in Russland fanden. Man hatte sofort die Auffassung übernommen, dass Geschichte in strenger Kausalität abläuft, angeleitet durch die technisch-ökonomischen Entwicklungen. Damit war eine Geistesverwandtschaft und Ähnlichkeit zu Thomas Buckle gegeben.
Zur politischen Geographie… und Verortung der Intelligenzija
Die schnelle Entwicklung im 19. Jahrhundert betraf einen Subkontinent, auf dem 190 anerkannte ethnische Minoritäten mit etwa 100 bis 130 Sprachen lebten. Die 89 politisch-administrativ verfassten Föderationssubjekte umspannen 11 Zeitzonen, weshalb Russland auch nach dem Ersten Weltkrieg ein „Reich“ geblieben war. Russland umfasst nun 17 Mill. km2, 1885 waren es 22 gewesen. Vermutlich will Putin die fehlenden 5 Mill. wieder zurückgewinnen. Das „asiatische“ Russland kam 1581 zum Zarenreich hinzu.
Im Fortgang dieser Entwicklung –zum Teil nach westlichem Muster – bildete sich einerseits die Kohorte der „Intelligencija“, andererseits sah sich die traditionell russisch-nationale, fast schon als völkisch zu bezeichnende und orthodox gebliebene Vergemeinschaftung immer mehr als Kontrapunkt zur Gesellschaft. In diesen Jahrzehnten war dieser als „zurückgebliebenes Bewusstsein“ bezeichnete Konservativismus als Atavismus beinahe überrollt worden, doch die erfahrbare Wirklichkeit besaß die erstaunliche Fähigkeit des „Überwinterns“, was auch immer geschehen mochte. Das „Überwintern“ ist ebenfalls das Merkmal einer russischen Eigenart. Zu oft hatte man in der Geschichte sich „ducken müssen“, zu oft hatte man sich einzugraben oder überlebte mit der Fähigkeit zu überwintern.
Alle Literatur ist Philosophie
Nun zählte es zur Eigenständigkeit in dieser Entwicklung Russlands, dass die Position der Aufklärung, des Idealismus, der philosophischen Schulen nicht von Universitäten repräsentiert wurden, sondern von Schriftstellern, Dichter bearbeiten diese Themen und hatten sie zu Schicksalsfragen Russlands hochstilisiert. Die große Auseinandersetzung zwischen den Generationen thematisierte Iwan Turgenjew 1861 in „Väter und Söhne“ Dieser Roman erlangte in Russland eine vergleichbare Wirkung wie „Werthers Leiden“ 1754 in Deutschland. Bei Turgenjew stoßen moderne und traditionelle Lebensführung ebenso aufeinander wie die Fragwürdigkeit schichtspezifischer Verhaltensnormen.
Ebenso bedeutend war die im Roman „Was tun?“ von Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski 1863/64 gestellte Frage, wie die Zukunft gestaltet werden soll? Darin soll das Kunststück gelingen, den „rationalen Egoismus“ der Individuen mit gesellschaftlicher Nützlichkeit zu vereinen. Diese Idee bekehrte die „Intelligenzija“ zum Sozialismus. Damit ist der Sozialismus in Russland nicht über eine spezifische ökonomische Theorie, durch eine Theorie zum Kapitalismus entstanden, wie das später bei >Karl Polanyi oder bei Joseph Schumpeter zu lesen war, sondern die literarische Bearbeitung war ausschlaggebend und eröffnete einen alternativen Zugang.
Entscheidend an dieser Studie Tschernyschewskis war der Umstand, dass eine Veränderung in der sozialen Klasse der Arbeiter und Bauern erwartet wurde – mit deutlicher Abkehr vom ideologischen Rahmen, der letztlich für die linke „Intelligenzija“ von Marx vorgegeben war. Da war ein Schriftsteller der Prototyp eines Sozialrevolutionärs geworden, vor allem der Titel „Was tun?“ regte so unterschiedliche Personen wie Lenin oder Wladimir Nabokov an.
Im Roman „Die Gabe“ schrieb Nabokov ein satirisches Kapitel über Tschernyschewski, bezeichnete dessen Sozialismus als fern von Ästhetik und Kunst – also ein Fehlschlag,. Als Abgott studentischer Jugend außerhalb der Bildungsanstalten plädierte Tschernyschewski für einen Freiraum abseits der Fremdbestimmung durch Familie, Kirche und Staat, einem Paradies der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung für Mann und Frau. In einer Kommunalka sollte der neue Lebensstil mit gleichzeitiger sportlicher Erziehung möglich werden.
Innerhalb weniger Jahre waren die Rollen in der russischen Welt der Literatur verteilt. Es war die anklagende Literatur in den Satiren von Michail Saltykow entstanden – etwa die „neue Stadt“ – und in der revolutionär-bürgerlichen Dichtung von Nikolai Nekrassow, in der gemeinsamen Publikation von Tschwernischewski und Nikolai Dobrolyubov zum Thema „Beziehungen zwischen Kunst und Realität“ 1855. Deren Schriften hatte Marx vollständig in der Bibliothek gesammelt und zählte auch zur Lektüre Lenins. Gemeinsam lautete die Kritik am Ästhetizismus, dass der Schriftsteller dem Fortschritt dienen muss, sich anj der Gesellschaftskritik beteiligen soll. Wissarion Belinski wollte 1870 überhaupt die Literatur nach Kriterien ihrer gesellschaftspolitischen Nützlichkeit messen. Am Höhepunkt dieser Forderung verlangte Dimitri Pissarew 1865 die „Zerstörung des Ästhetischen“.
Diese Gruppierungen, die zu einem Gesellschaftlichen Machtfaktor heranwuchsen, nahmen nicht nur den revolutionären Impetus von 1917 vorweg, hatten nicht nur eine Variante der politischen Philosophie von Karl Marx russisch unterfüttert, sondern sie prägten überhaupt eine authentische ru ssische Version von Fortschritt und Modernisierung, die vielleicht nur noch in der Malerei bei Kandinsky, Malewitsch, Jawlensky, Rodtschenko und später El Lissitzky – oder auch in der Musik von Michail Glinka, Alexander Glasunow, Alexander Borodin zu Igor Strawinski und Dimitri Schostakowitsch oder Sergei Rachmaninow. In diesen Bewegungen finden wir bereits die Struktur der 68er Bewegung in Organisation und ideologischer Formatierung.
Oblomow ist keine Lösung… – oder politischer Atheismus?
Nach 1870 setzt sich der Einfluss einer soziologisch orientierten Sozialphilosophie durch. Mit der Rezeption von Auguste Comte und Herbert Spencer tritt der Vulgärmaterialismus noch mehr in den Vordergrund, allerdings nicht in der Form eines naturwissenschaftlichen Positivismus. Den Unterschied zeigte der Mathematiker und Repräsentant der „Narodniki-Bewegung“, Pjotr Lawrow. Er hatte noch 1870 die „historischen Briefe“ verfasst, in denen er sich zu einem „rationalen Egoismus“ bekannte. Dieser rationale Egoismus wird überhaupt zum Stichwort in Russland und diente zur Charakterisierung des „neuen Menschen“. Er steht in der ethischen Pflicht, einen Dienst an der Gesellschaft zu leisten, ohne ein Altruist zu werden. Wichtig bleibt, einer ethischen Pflicht zu folgen. Es ist eine andere Tonart als jene, die Iwan Alexandrowitsch Gontscharow in seinem Roman „Oblomow“ 1859 angeschlagen hatte. Es ist ein Plädoyer für den Nihilismus, für eine „Nichtstuerei“, denn allem fehlt der Sinn. Es ist bedrückend interesselos beschrieben. So gab es eine Gegenstimme, die in Russland nur zu gut verstanden wurde, denn damals hatte es zum Lebensgefühl gehört, dass im Nichts-Tun die Freiheit liegt. Ein Plädoyer vergleichbarer Art hatte der Schwiegersohn von Karl Marx verfasst. Zum Ärger seines Schwiegervaters schrieb Paul Lafargue das „Recht auf Faulheit“. Gontscharow hätte diesem Recht sofort beigepflichtet, stand er doch auf der Vorstufe dazu, nämlich in der „Oblomowerei“ die leicht verständliche Antwort auf die Modernisierung der Gesellschaft zu finden. Die „Oblomowerei“ war die Analyse der untätigen, in der Langeweile verweilenden Resignation einer Generation. Sie war das Lebensgefühl in der neuen bürgerlichen Gesellschaft geworden, die wohl von der oft erwähnten „Unreformierbarkeit“ Russlands begünstigt worden war. Ähnliches gab es auch in der Donaumonarchie. Ein Exponent dafür war der „Leutnant Gustl“ von Arthur Schnitzler oder das Theaterstück „Anatol“. So hatte auch Thomas Mann im „Zauberberg“ 1924 diese Lebensdisposition beschrieben. Geistige Zerstreutheit, Sorglosigkeit und Selbstverliebtheit kennzeichnen die Lebenshaltung jener Generation, die sich gern in einen Weltkrieg stürzen wird, um endlich Abwechslung im Abenteuer zu erfahren….
Deshalb war der Atheismus der Gradmesser ernster Überzeugungskraft und disziplinierter Kultur geworden. Man war überzeugt, der Fortschritt muss die Religion verdrängen, da die Treue zur Orthodoxie die Rückständigkeit anzeigt. In dieser Lähmung befanden sich viele aus der gesellschaftlichen Elite. Oder man beteiligte sich an fruchtlosen Diskussionen, etwa über die in Russland verbreitete These, von Pasteur über die Unmöglichkeit einer Urzeugung. Die Mehrheit befand diese Hypothese für falsch. Es passte in diese Lähmung, sich endlich mit der Kenntnis der Deszendenztheorie zufrieden zurückzulehnen, um sich sagen zu hören: Was erwarten Sie von jemanden, der vom Affen abstammt?
Das Ergebnis war ein simpler Darwinismus. Im Kommentar formulierte Wladimir Solowjew: „Die Autorität des Metropoliten Philaret ist abgelöst durch die verbindliche Autorität Ludwig Büchners.“ Da gerieten sogar die Hauptwerke Tolstojs in die Kritik. Sowohl „Krieg und Frieden“, als auch „Anna Karenina“ waren zur unnützen Literatur erklärt worden. Im neuen Wissenschaftsstil waren die ethnographischen Aufzeichnungen im Stil von Fernand Le Play als Literatur bewertet worden, zumindest deren Authentizität in der Beschreibung des „sozialen Inventars“ galt als Nachweis des Besonderen am Russischen. Tatsächlich war in Russland die soziokulturelle Kontinuität und Identität vor 1914 von den „kleinen“ Leuten und Bauern, vom niederen Klerus und Handwerksmeistern gebildet worden. Die Seminare und kirchlichen Akademien waren nur am Rande vom Zeitgeist infiziert. Später werden die Futuristen 1912 fordern, dass Tolstoi, Puschkin und Dostojewski „vom Dampfer der modernen Zeit über Bord geworfen werden sollen“. Rädelsführer dieser Idee war Wladimir Majakowski.
Nun sind die vielen Namen, selbst die allgemein bekannten, Zeugen eines Zeitgeists, der nicht gleich verständlich ist. Am Beispiel von Solowjew, dem repräsentativen Philosophen um 1890, ist leicht zu erkennen, wie die „zeitbedingten“ Verschiebungen in der Wortbedeutung stattfanden, wie sich Begriffe veränderten. So läuft der Atheismus in einen Obskurantismus hinein, weil eben in Russland der Mystizismus immer präsent blieb. Dieser ist das wichtigste Vokabel im „Russentum“. So bleibt auch die Anlehnung ideologischer Positionen, die über Marx aus Hegel vermittelt wurden, erhalten, aber erfahren gleichzeitig eine Drehung im Sinne des Russischen. Diese neuen Bedeutungen klassischer Lehren erfahren in Russland einige Beachtung und Bedeutung, bleiben aber an ihre ethnisch-historische Kontinuität gebunden.
Das zeigen die vielen Studien und Beschreibungen von Karl Schlögel, da die Lebenswelt in Russland immer in einer Malaise ist, sie ist immer düster, umwölkt, reizt wiederum zur Ekstase und endet im unausbleiblichen Katzenjammer. – immer wieder. Und in dieser Bindung an die lebensweltliche Kontinuität werden alle Zeitläufte überdauert – ob früher in Leibeigenschaft oder in der Lubjanka, im Gulag oder alkoholisiert im Straßengraben. Es spielt schon keine Rolle mehr, denn jede persönliche Sinnstiftung wird ab 1917 politisch instrumentalisiert.
Ausflug in die politische Etymologie…
Karl Schlögel hat im monumentalen Werk übers sowjetische Jahrhundert klar beschrieben, dass bei uns gängige Begriffe im Russischen nicht nur eine zusätzliche Dimension haben, sondern sie werden auch über diese Lebenswelt zur existentiell erfahrenen Wirklichkeit.
Das geläufige und gut bekannte Wort „mir“ ist nicht nur unser Friede, der sich in einer gesellschaftspolitischen Form verstehen lässt, eher einer Ableitung aus dem Hobbes´schen Friedensbegriff entstammt, also ist Friede ein Interessenausgleich in der Gesellschaft unter Aufsicht der Staatsmacht, so ist der russische Begriff in seiner Modernisierung gleichlautend, zugleich aber der alte Landfriede. In „mir“ ist das Auskommen mit der Dorfgemeinschaft mit der Beschreibung friedlicher Natur ident. Im Russischen ist Friede etymologisch eine Art des „Eins-Seins“ mit der Naturt ohne damit die bekannten Phänomene der Arterhaltung beseitigen zu wollen. Diese Beispiele lassen sich fortsetzen.
So ist Volk nicht eine zur politischen Freiheit berufene Gesellschaft. Volk kommt bei uns nur mehr im ersten Verfassungsartikel vor, oder in der Bundeshymne als eine, fürs Schöne begabte Ethnie, im Russischen ist Volk ein nahezu „seelischer Zustand“, der Begriff „narod“ rührt regelmäßig zu Tränen oder zu ekstatischen Formen der Verbrüderung. Allein der Begriff Volk hat fünf Bedeutungen, von der Bezeichnung einer Menge von Menschen bis zu einer spirituellen Vorstellung eines „Volksganzen“. Die Stabilität des russischen Imperiums verdankt sich diesem Volk, nicht etwa dem Umstand nicht zu murren oder gar ein Joch abzuschütteln, sondern Volk ist eine beinahe im biblischen Zustand zu beschreibende Dauer in der geduldigen Erwartung politisch-mystischer Erlösung. Volk sah Solowjew stets als mystische Gestalt, ähnlich einer der orthodoxen Kirche übergeordneten mystischen Kirche, vom Geist und Dichtern und Propheten inspiriert.
So ist auch das „Umkippen“ in Nationalismus, also in eine säkulare Kirchlichkeit des Volkes weder außergewöhnlich, noch für Russen wahrnehmbar. Es handelt sich immer um das gleich verstandene Ausmaß einer Dimension des Wortes, das wir regelmäßig „im Westen“ missverstehen. Im Grunde ist darunter ein Imperialismus zu verstehen, es sind Landnahmen, ohne auf die Art der Besiedelung Rücksicht zu nehmen. So gehört eben die Ukraine, die Krim, Lettland und Litauen, auch Finnland zu Russland, freilich ohne Einwohner, die auch nicht als Russen bezeichnet werden. Diese Bewohner werden nie zu Russen. Bis 1900 entscheidet die Endung des Nachnamens über die Zugehörigkeit zum „Russentum“.
Eine ähnliche Bewegung gab es in der Reaktion auf Napoleons Eroberungskriege: eine politische Romantik, die ebenso mit dem „Volks-Begriff“ hantierte wie knappe Zeit später die verschwörerischen Dekabristen 1923. Der Aufstand war glücklos und endete mit dem Todesurteil durch Erhängen an fünf Verschwörer. Hunderte Teilnehmer wurden verbannt, manche von ihnen mit ihren Ehefrauen sogar hinter den Ural ins Lager begleitet. Darunter ist die Fürstin Wolkonskaja, die ihre aufrührerische Gesinnung beibehält und gegen jeden Widerstand publizistisch tätig bleibt. Die Antwort auf diese politische Lage ist der berühmte Versepos „Eugen Onegin“ von Alexander Puschkin 1833. Mit Distanz schilderte Puschkin das adelige Landleben, das im Unterschied zu jenem des mitteleuropäischen Landadels nur Langeweile kennt, Alkohol, Billardspiel und flüchtige Liebeleien, die wie im Roman bei Turgenjew zu keiner ernsten Beziehung befähigen.
Wie der Marxismus in Russland begann….
So war der Wendepunkt 1895 auch in der revolutionären Bewegung eingetreten, denn sie war phasenweise durch die ersten Kontakte mit dem Marxismus inspiriert worden. Was als Proletariat zu gelten hätte, war vornehmlich bäuerlicher Herkunft trotz steigender Industrialisierung. Es war in der Folgezeit dem Marxismus gelungen, die Faktoren der Gesellschaft über marxistische Begriff zu definieren, also war der sehr in Grenzen vorhandene Kapitalismus jener der klassischen Theorie geworden und die Ausbeutungen, die sich wie die Leibeigenschaft fortgesetzt hatten, konnten sofort mit den Begriffen der Klassenzugehörigkeit samt Aussicht auf den Klassenkampf eingetauscht werden.
So war um 1900 ein merkwürdiges Triumvirat entstanden. Da war Pjotr Struwe, der in allen Fragen politischer Ökonomie überzeugter Marxist war, und der hoffte, die Modernisierung würde im Kapitalismus vorangetrieben, um dann im Kommunismus transformiert zu werden. Sergei Bulgakow kritisierte am Marxismus dessen Theorie des Mehrwerts, der zu einer gesellschaftlichen Kraft mutiert und die künftige Geschichte verzerren wird. Die Schlussfolgerungen waren pessimistisch geblieben, vor allem in dem 1900 erschienen Buch zu „Kapitalismus und Landwirtschaft“. Bei beiden wird Marx neben Wladimir Solowjew zum Patron russischer Erneuerung und beide weichen in ihrem russischen Spiritualismus den Marxismus auf. Dieser Umstand schadete nachhaltig der Kohorte der „Intelligenzija“ – oder verursachte sogar die Kehrtwendung.
Der gewaltige gesellschaftliche Wandel war ab 1900 nicht mehr aufzuhalten. Die kommenden Jahre bezeichnete Pierre Pascal als „russische Renaissance“ – und wirklich war in allen Sparten der Zivilisation eine Aufbruchsstimmung, eine nahezu euphorische Begeisterung verbreitet. Man konnte es kaum fassen, fast unbemerkt und ohne außerordentliche Anstrengung in eine Weltbedeutung zu geraten. Die Grundhaltung ist freilich spiritualistisch geblieben. Diese vereinte erstmals zum gegenseitigen Erstaunen „Russentum“ und „Westlertum“.
Die Haltung, die stets auch eine Bindung an die Religion bedeutet, bleibt bestehen und stellt in den Beschreibungen der Disposition des Humanen die Spiritualität als wesentlichen Bestand des Bewusstseins dar. Es zählt zum Innenleben des Menschen. Diese Haltung ist auch unabhängig von einer Kirche vorhanden. Die neue Elite will ihre Befreiung vom sozialen Determinismus und entdeckt den Reiz einer zweckfreien Wahrheit, wie es formuliert wurde. Auf die Selbstlosigkeit des Bürgers folgt der Egoismus des Individuum, auf den Konformismus folgt die Phantasie der unterschiedlichsten Talente. Die Repräsentanten wechseln oft ihre Positionen, bald sind sie positivistisch orientiert, bald sie sich in den Wissenschaften daheim, oder kehren unvermutet um, suchen neue Wege in ihrer genuinen Theologie, die auch in eine traditionelle Frömmigkeit sich wandeln kann, oder aber folgen dem Mystizismus. Es ist kein Gegensatz. Exponent dieser verwirrenden Persönlichkeitsstruktur ist Alexander Blok. In der „Organisation der Gesellschaft auf der Grundlage der Gleichheit und der Freiheit und der Aufhebung der Klassen von allen äußeren Zwängen“ soll nicht ein Traum verwirklicht werden, sondern es soll Wirklichkeit sein und die Menschheit soll darin ihre Bestimmung finden.
In weiterer Konsequenz greifen die Konzepte in eine philosophische Gesamtschau, die nötig ist., soll doch Bulgakows objektiver Idealismus eine Grundlage erhalten. Die ist nicht bei Kant zu finden, war das Ergebnis der Diskussionen, da Tolstoi in seinem Realismus die Relation zwischen Ethik und Metaphysik für nicht existent erklärte. Bulgakow wendet sich daher Wladimir Solowjew zu, übernimmt dessen Konzept der Ethik, die er mit Ontologie, Kosmologie und Geschichtsphilosophie vereinigt.
Plötzlich greift dessen Philosophieren auf Plato zurück, auch auf Plotin, die er beide im Sinne Schopenhauers , sowie von Hegel und Schelling interpretiert. Da hier die große gesellschaftspolitische Frage weiterhin unbeantwortet bleibt, baut Bulgakow eine neue Alternative in sein System ein. „Wer immer durch die Schule des Marxismus gegangen ist, darf dessen diesbezüglichen Lektionen vergessen. Ich habe mich bemüht, eine organische Synthese zwischen der Philosophie Solowjews und den Prinzipien der Realpolitik zu finden.“
In dieser Aussage nähert sich Bulgakow immer mehr Dostojewski und schreibt 1903 zwei Artikel zu „Über Iwan Karamasow“ und „Der Beitrag der Philosophie als philosophischer Typus Wladimir Solowjews zum modernen Bewusstsein“. Hier widerfährt Dostojewski jene Anerkennung, weshalb er bis zur Oktober-Revolution Gesprächsthema bleibt. Der berühmte Schriftsteller avanciert hier zum Philosophen und wird in wichtigen Fragen der Philosophie zum Stichwortgeber. Wegen Dostojewski behauptete Bulgakow, dass der Marxismus überholt ist. Es bleiben die politischen Ziele zwar erhalten, aber der Marxismus wird den genannten Zielen nicht näher kommen. Somit ist der Eintritt Bulgakows in die orthodoxe Kirche die logische Konsequenz. Es ist die Grundlage, gegen Auguste Comte zu argumentieren, da dieser sein religiöses Bekenntnis auch als „positive Religion“ vorstellt. Es ist ein weiteres >Kapitel philologischer Differenz zwischen den „westeuropäischen Begriffsmustern und den russischen.
Ein ebenso wichtiger Autor gleich nach 1900 wurde Nikolai Berdjajew. Auch er hatte als Marxist begonnen. Aus Anregungen Dostojewskis emanzipierte er sich von den Aporien zwischen Theorie und Praxis, von den endlosen Debatten bei den Marxisten, die bis zur Frankfurter Schule fortgesetzt wurde. Im ersten Buch seines neuen Denkens von 1901 schrieb Berdjajew über „Subjektivismus und Individualismus in der Sozialphilosophie“ und kommt zum Ergebnis, dass der Klassenkampf dem Menschheitsziel nicht näher kommt, den Wandel von Mensch und Gesellschaft bewirkt erst ein „transzendentales Bewusstsein“.
Nun wird es nicht verwundern, wenn mit der überraschenden Wende zu einem russisch verstandenen Idealismus der weitere Schritt in die Religion führt. Struve schrieb völlig klar darüber in dem Sammelband zu den „Problemen des Idealismus“ 1902. Diese waren ja nicht nur für die Marxisten skandalös und sensationell, sondern auch für die Mehrheit der „Intelligenzija“. Die Wende zum Idealismus und schließlich zur Religion waren in deren Augen Häresie. Inzwischen verwendeten die Schriftsteller ungeniert die Religion zur Beschreibung der aktuellen Bewusstseinslage.
Marxismus, Sozialismus oder Orthodoxie
Berdjajew konnte sich den Luxus und kritisierte Lenins berühmte Schrift über den Empiriokritizismus bei Ernst Mach und meinte darin, dass in der Hauptsache Lenins Thesen falsch sind. So erntete er den immerwährenden Hass Lenins, den der Philosoph wie ein Wunder überlebte. Berdjajew starb erst 1948.
Nun muss erwähnt werden, dass um 1905 die Auseinandersetzung über Christentum, Marxismus und Positivismus einen Höhepunkt erreichte. Die Antwort war eine starke und anwachsende religiöse Bewegung, die nun auch Angehörige der orthodoxen Kirche integrierte. Die wichtigsten Zeugen waren Gogol, Pater Matthäus, Tolstoj und Dostojewski. Dmitri Mereschowski notierte dazu: „Entweder müssen wir der Welt und dem Leben völlig entsagen, gann hat Pater Matthäus recht – der Beichtvater Gogols – oder aber wir müssen uns vom Christentum lösen. In einem einzigen Fall kommen wir beides, das Leben und Christentum vereinen, wenn wir nämlich erkennen, dass Christus keineswegs den Gegensatz, sondern die radikale, die mystische Einheit von Geist und Fleisch verkündete.“ Unter dem Einfluss von Pater Matthäus hatte Gogol den letzten Teil der „Toten Seelen“ verbrannt und war freiwillig verhungert….
Mereschowski ist ein gutes Beispiel für den politischen Wandel in Russland. Als Schriftsteller und Lyriker waren seine Arbeiten sehr schnell weit verbreitet und sein Roman über Leonardo da Vinci erfreute sich großer Beliebtheit. Dieser wurde ins Deutsche übersetzt. Er war ein heftiger Kritiker jener Tendenz, in der das Christentum mit Moralvorschriften identifiziert wurde. Würde man das Christentum auf Ethik reduzieren, wäre es jener Irrtum, den Tolstoj zu verantworten hat. Mit der Familie emigrierte Mereschowski 1917 nach Warschau und von dort weiter nach Paris. Dort war er bald der Mittelpunkt der russischen Emigranten.
Zwar erhielt er nie den Nobelpreis für Literatur, doch er war mehrmals dafür nominiert worden. Hindernis war offensichtlich seine Nähe zu Mussolinis Faschismus. Zweimal traf er Mussolini persönlich, begegnete aber dem Vorwurf, damit Beihilfe zur Zerstörung Russlands zu leisten, damit, dass die Zerstörung harmlos sei gemessen an der Zerstörung der Seelen durch Stalin. 1987 wurden seine Werke in Russland neu aufgelegt und finden eine starke Beachtung.
In Mereschowski aktualisiert sich diese ambivalente politische Haltung, die Struktur der konkurrierenden Totalitarismen des 20. Jahrhunderts waren bius zur Unkenntlichkeit verwischt worden.
Nun war die neue Elite am Vorabend des Oktobers 1917 gegenüber der Regierung distanziert, begegnete der versteinerten Bürokratie mit herber Kritik und bildete eine Opposition gegenüber kirchlicher Hierarchie und konservativer Bourgeoisie. Es gab sehr intensive Beziehungen zu Deutschland, denn die neue „Liga der Befreiung“ hielt ihre ersten großen Versammlungen im Schwarzwald und in Schaffhausen ab. Berdjajew und Bulgakow waren die Anführer dieser „Liga der Befreiung“. Man war überzeugt, dass eine Zeitenwende bevorsteht, die Welt würde verklärt werden und der Staat entpuppt sich als Teufelei und löst sich auf. In überraschender Weise entsprach auch die Prophezeiung von Marx dieser Hypothese, also war wieder die Distanz zur Religion verringert und das politische Analyseinstrument schien wieder brauchbar zu sein. Eine durch und durch verwirrende Situation.
Diese Dispositionen lassen sich kaum beschreiben, so gegensätzlich waren sie geartet. Alexander Blok ist das eine Beispiel. Er war von Solowjew beeinflusst worden, aber ebenso von den großen russischen Dichtern und Schriftstellern. Sie legten ihm auch die Spur, mit Lyrik zu beginnen. In der Dichtung von 1908, der Anlass ist die Siegesfeier über die Mongolei 1380 und der Titel war: „Auf den Feldern von Kulikowo“. Im Lager des Fürsten Dimitri Donskoj stand das russische Volk gegen die heidnische Horde. Die Horde symbolisiert die Intellektuellen.
Eine Vorahnung:Das Erdbeben von Messina…
Im folgenden Aufsatz schrieb Alexander Blok, dass eine unüberwindbare Mauer die Intelligenzija von Russland trennt. Wer sich jetzt in die Arme des Volkes wirft, erntet Spott oder betretenes Schweigen. Das Schweigen wird aber bald ein Ende haben….und prompt folgte am 28. Dezember 1908 das Erdbeben von Messina, das vor allem die gebildeten Schichten in Moskau und St. Petersburg erschütterte. Am 30. Dezember fügte er seinem Vortrag hinzu: „Wir wissen noch nicht genau, welche Ereignisse wir zu erwarten haben, aber die Nadel des Seismographen in unserem Herzen hat sich bewegt.“ Sein geistesverwandter Lyriker, Andrej Bjely, gab eine Sammlung von Gedichten unter dem Titel „Asche“ heraus. Darin war zu lesen:
„Genug: warte nicht, es gibt keine Hoffnung mehr:
Löse Dich auf, mein unglückliches Volk.
Verschwinde in die Welt, verschwinde.
O Russland, mein Russland!“
Es stimmen die Gedichte Blok und Bjely auf die Grundsatzentscheidung ein, die 1917 unwiderruflich getroffen wurde: Ende des Krieges mit dem Frieden von Brest-Litowsk und Revolution. Vorher erwartete man noch den Untergang Russlands im Panmongolismus, was Solowjew immer befürchtet hatte: „Alle Nationen der Erde werden in diesen Tagen aufeinanderprallen; es wird eine Schlacht stattfinden, wie es die Welt noch nie gesehen hat: die gelben Horden Asiens werden ihre Heimat verlassen und die Felder Europas mit Meeren von Blut purpurrot färben. Schon sind sie da, schon sind sie da, Tsu-Schima, die neue Kalka! Feld von Kulikowo. Ich erwarte Dich! Wenn Du, Sonne, nicht aufgehst, werden die Ufer unter dem mongolischen Stiefel zusammenbrechen, die irdischen Geschöpfe werden wieder auf den Grund der Ozeane hinabtauchen, ins ursprüngliche Chaos…Gehe auf, o Sonne!“
Im Symbolismus der Dichtung werden die Angstträume genannt, die Russland bedrohen. Die Volksmärchen werden unfreiwillig zur Propaganda, dem drohenden Untergang zu widerstehen. Sogar in der Prosa ändern sich Vokabular, Syntax, Rhythmus, Klang. Man sollte an die Dada-Bewegung denken, an Hugo Ball oder im Englischen an die neue Erzählform von Gertrude Stein, an den Realismus Hemingways oder an die Lyrik Georg Trakls. Man denkt an Marinetti – vor allem, wenn man das Manifest von 1913 der Zeitschrift „Apollo“ heranzieht. Hier publizierten Anna Achmatowa, Ossip Mandelstam, Sergey Gorodetzki, Wadislaw Chodassjewitsch. Und sie bleiben bis 1916 beisammen. Zu ihnen gesellten sich Majakowski, Igor Sewerjanin, der Futurist Welimir Chljebnikow.
Russland im 1. Weltkrieg
Der Krieg traf Russland 1914 in voller Blüte und Entwicklung. Im Grunde hatte sich das gesellschaftliche Leben vollkommen unabhängig von der politischen Wirklichkeit abgesondert. Trotz Kriegseintritt änderte sich einmal nichts. Der Verlag Put publizierte mystische Schriften von Anna Schmidt, wie Solowjew empfohlen hatte. Ebenso wurden die Schriften von Wladimir Ern gedruckt, etwa über die katholische Frühaufklärung am Beispiel von Rosmini und Gioberti. Der Religionsphilosoph, 1917 verstorben, war ein leidenschaftlicher Gegner des Neukantianismus, des Nihilismus und aller anderen Strömungen der Philosophie. Wichtig ist der Hinweis, dass sein Werk „Aus der Geschichte des vaterländischen philosophischen Denkens“ 1991 neu gedruckt wurde. In dieser Übersicht waren die Beiträge von Bulgakow, Struve, Berdjajew zu finden.
Es fällt auf, dass das Entscheidungsjahr für die unmittelbare Zukunft Russlands bei den Historikern nicht mehr jene Beachtung findet, wie noch zur Zeit der Sowjetunion. Karl Schlögel übergeht sogar diese Zäsur von 1917, wo sie eben nicht ins Alltagsleben eingreift. Für andere Historiker war der Richtungsstreit zwischen Russentum und „Westlern“ weitaus entscheidender als die politische oder polit-geographische Kontinuität. Bürgerkrieg und Machtergreifung sind natürlich die wichtigen Entwicklungsschritte gewesen, aber schon wird angemerkt, wie wenig diese politischen Maßnahmen mit Marxismus zu tun hatten.
Der Lyriker Andrej Bjely hatte es schon 1913 formuliert, was in Russland geschehen wird: „Die Ära des Humanismus ist abgeschlossen. Es naht jene der gesunden Barbarei. Ein Sprung über die Geschichte wird stattfinden. Die Kultur ist ein durchlöcherter Kopf, aus dem alles entwickelt ist. Bald kommt die Explosion. Das revolutionäre Individuum geht um. Die Masse wird zum ausführenden Werkzeug der Sportler der Revolution.“
Die Reaktion im Volk war in erster Linie ein deutlicher Wunsch nach Beendigung des Krieges. Es war auch die uralte evangelische Forderung zu hören, dass die Klassenunterschiede aufzuheben sind, die Vermögen gerechter verteilt werden sollten und die staatlichen Zwänge abzuschaffen sind. Es soll eine neue Welt des Friedens geben, der Gleichheit und Brüderlichkeit.
Die Moskauer Bildungskommission
Gleichzeitig kam es in Moskau zum Zusammenschluss der Dichter, Denker und Organisatoren öffentlicher Meinung. Bulgakow, Berdjajew, Tschulkow und Witscheslawtschew taten sich mit den „Realisten“ zusammen, mit Alexis Tolstoi und Boris Saitsew. Sie richteten eine „Moskauer Bildungskommission“ ein, die in Vorträgen und Lesungen die Öffentlichkeit über die Freiheit, Verdienste der bürgerlichen Gesellschaft und über Geschichte aufklären wollten. In der Zeitschrift „Demokratischer Staat“ war ein Informationsorgan entstanden, sehr billig um 35 Kopeken zu kaufen. Da konnte man lesen über „Liebe und Hass in der Gesellschaft“, über „Patriotismus und französische Revolution“. Berdjajew verfasste Broschüren zum Thema „Die freie Kirche, das Volk und die Klassen in der russischen Revolution“, oder „Ist eine soziale Revolution möglich?“. Bulgakow schrieb über „Christentum und Sozialismus“ und plädierte für eine weitgehende Übereinstimmung. Ein Hindernis sah er dort, wo der Sozialismus zur Religion wurde.
Nun war diese Bildungskommission nicht die einzige Stimme in diesen unruhigen Zeiten gewesen. Viele Schriftsteller übernahmen die Schlagworte der Bolschewiki, etwa Majakowski, der dazu ein Gedicht verfasste: „Der Krieg und die Welt“, schließlich eine „Mahnung zur Ordnung“. Das war 1917 in Gorkis Zeitschrift „Das neue Leben“ veröffentlicht worden. Von Majakowski stammte der Text zum Lied, das die Matrosen beim Sturm aufs Winterpalais sangen: „Iss Deine Ananas, friss Deine Haselhühner, Dein letzter Tag ist gekommen, Bourgeois.“
ass auch in dieser Bewegung die Religion eine Rolle spielte, lässt sich am Beispiel von Sergej Essenin erkennen. In der Schrift „Der Genosse“, im März 1918 tröstet das Jesuskind den Sohn eines Opfers der Revolution und wird an dessen Seite getötet. Andrej Bjely schreibt im August 1918: „Keine Tränen! Aber beugt die Knie! Die ausgedörrten Wüsten unserer Schmach, die endlosen Ozeane unserer Tränen wird der wiederkehrende Christus mit einem Strahl seines wortlosen Blicks erwärmen…Und du, aus dem Element Feuer gemacht, wüte und verzehre mich – O Russland, o Russland, o Russland, durch den Tag, der den Messias ankündigt.“ Nun werden die Umrisse Lenins immer deutlicher. In allen Städten bricht die Revolution los. Und Alexander Blok sitzt in St. Petersburg und rund um die Stadt beginnen die Moore zu brennen. Blok schreibt sofort>: „Flammen des Hasses, der Wildheit des tatarischen Erbes, der Erniedrigung, des Misstrauens und der Rasche, der russische Bolschewismus greift um sich und Gott sendet keinen Regen.“ Und am 7. August 1918 fügte er hinzu: „Dieses Feuer auf das zu lenken, was verbrannt werden soll; die Maßlosigkeit Stenka Raskins und Pugatschews in zielgerichtete Schwingungen umzuwandeln, der Zerstörung Schranken setzen, die den Schwung nicht abschwächen, sondern ihn organisieren, die langsame Glut, die die Möglichkeit der Gewalt in sich birgt, gegen die Rasputin´schen Winkel der Seele zu richten und dort zu entfachen, einen Scheiterhaufen zu errichten, der bis zum Himmel reicht, damit alle Unterwürfigkeit, Schlauheit oder Faulheit verzehrt werde.“
Die Alternative zur orthodoxen Philosophie blieb nicht untätig. Noch im Im letzten Kriegsjahr war das Buch von Semen Gawrilowitsch Frank gedruckt worden, der vielleicht bedeutendste Philosoph Russlands im 20. Jahrhundert. Im „Gegenstand des Wissens“ schrieb er zuerst die psychologische Philosophie zur Seinsbestimmung des Menschen und setzte sich hierauf mit Husserls Phänomenologie auseinander. Ihm gelang es, an der Universität Moskau ein Lektorat zu erhalten. Zusammen mit Bulgakow, Berdjajew und anderen war er dann 1922 ausgewiesen worden und emigrierte nach Berlin. Dort schrieb er die „Geistigen Grundlagen der Gesellschaft“ 1930 und wichtige Teile zur Dialogphilosophie. Darin setzte er sich mit Franz Rosenzweig, Martin Buber, Ferdinand Ebner und Max Scheler auseinander. Hierauf arbeitete er an Übersetzungen und kommentierte Edmund Husserl. 1938 musste er Berlin verlassen und zog nach Paris. Hierauf emigrierte er nach London und starb dort nach Veröffentlichung des Buches „Die Realität und der Mensch“ 1950.
Für die Intelligenzija waren die Kriegsjahre kein Einschnitt im Denken, obwohl Not, Hunger immer drückender wurden. Dennoch schilderte Alexander Blok diese Jahre aus anderem Blickwinkel: „Sollte man mich fragen, was ich während des großen Krieges geleistet habe, ich habe die Drucklegung Apollon Grigoriews vorbereitet, ich habe „Die Rose und das Kreuz“ (Theaterstück von Alexander Blok) inszeniert und „Die Sühne“ geschrieben.“
Währtend für die meisten Schriftsteller die Welt immer düsterer wurde, die Finsternis der Ungewissheit um sich griff, meinten die Akmeisten unter den Dichtern, dass der Krieg die beste Chance der Veränderung bietet. Bei Anna Achmatowa versammelten sie sich, manche zogen in den Krieg, manche waren noch daheim geblieben, doch gemeinsam hatten sie die Überzeugung, dass Krfieg für Russland eine Chance bietet Georgij Iwanow schrieb: „Die Literatur wurde von einer Woge herrlichen Mutes und schlichter, fröhlicher Begeisterung erfasst.“ Es war, wie einmal Thomas Mann bemerkte, wie der Ausbruch wilder Ferien, in die man zuversichtlich und mit Begeisterung stürmte. Auch Majakowski schrieb wilde Texte der Begeisterung mit einem „Kanonendonner“: Ich, Euer Zarter, ich, Euer Einziger, führe auch zum Sturm auf Berlin.“ Und er war begeistert, neben die Stiefel der Soldaten zu stellen, in den Dienst der Soldaten…“
Ein neues Russland entsteht….
Und ehe Fürst Trubetzkoi Moskau verließ, schrieb er über die „Nationale Frage, Konstantinopel und die Hagia Sophia, Der Krieg und die universelle Mission Russlands. Der patriotische Krieg und seine geistige Bedeutung“. In ihm meldete sich der Positivismus erneut zu Wort. Der „Westen“ war in seinen Augen verdorben und korrupt. Und man liest über die Tugenden des russischen Volkes, über die Größe der Orthodoxie, auch über die Mission Russlands, in der panslawistische Anspruch begründet wird. Und Bulgakow entschloss sich ebenfalls zur patriotischen Tat, „dass auf Russland die furchtbare Verantwortung für das geistige Schicksal der Menschen lastet.“ Und in diesem Augenblick sind Kreuz und Schwert ganz eins.
Unwillkürlich denkt man an Karl Kraus, weil in den „Letzten Tagen der Menschheit“ nicht nur dieser Wahnsinn nicht mehr aufzuhalten ist, sondern in ihm ist auch die Vorform von Schrecken und Grausamkeit schon sichtbar.
Diese turbulente Zeit, noch nicht im Würgegriff von Not und Elend, hatte die Bevölkerung mehrheitlich noch nicht betroffen. Sie blieb im orthodoxen religiösen Denken unbeirrt verhaftet, Das war auch in den wenigen Städten der Fall, denn es gab durchaus eindrucksvolle Priester der orthodoxen Kirche wie den Pfarrer von Kronstadt, Iwan Sergejew, oder den Bischof Andrej von Ufa. In deren Nähe etablierte sich der „Tolstoismus“, eine bäuerlich-lutherische Frömmigkeit, die Lenin bekämpfte und noch Maxim Gorki sah 1912 in ihr die Wurzel der geistigen Immobilität.
Wie diese orthodoxe Frömmigkeit ein Eigenleben in der Gesellschaft führte, so auf der einen Seite die offizielle Repräsentanz der Philosophie an der Universität Moskau. Sie war generell dem Positivismus weiterhin zugetan und geduldig wurden die Lehren von Tschernischewski und Pissarew nachgebetet.
Ein kurzes kurzweiliges Kräftespiel der Parteien vor 1917
Um 1905 erlaubte endlich die Koalitionsfreiheit das offene Taktieren der Parteien wie in Westeuropa. Die stärkste Gruppierung war die Sozialdemokratische Arbeiterpartei, die sich 1903 in Menschewiki unter Martow und Bolschewiki unter Lenin geteilt hatte. In der Nähe konstituierte sich der „Bund“ als Repräsentant der jüdischen Sozialdemokraten. Neben den Sozialdemokraten agierte die bäuerlich geprägte Sozialrevolutionäre Partei, die einigen Einfluss auf die Landbevölkerung ausübte.
Nun gab es auch liberale Strömungen, wenige – doch es gab sie – die Konstitutionell-Demokratische Partei und die Partei der „Oktobristen“, die die Reformen von 1905 fortsetzen wollten. Und darunter war auch die Partei „Kadetten“, liberal und fortschrittlich.
Diesen Parteien stand der Block der Konservativ-monarchistischen Gruppen gegenüber. Da war die dominante Partei „Union des russischen Volkes“, nationalistisch, antisemitisch und die wichtigste Stimme im Russischen Imperialismus, neben ihr gab es die nationalen Parteien, die die Minoritäten repräsentierten: Finnen, Polen, baltische Gruppen und jüdische Splittergruppen. Bis zur Machtübernahme Lenins war eine Koalitionsregierung gebildet worden, die mit wechselnden Mehrheiten sich knapp behaupten konnte.
Die zweite Enzyklopädie
Was die politische Restitution nach der Wende um 1990 mit und unmittelbar nach Gorbatschow anbelangt, war die Wiederholung der Zeit nach 1917, vielleicht mit weniger Blutvergießen. Die junge Sowjetunion, die unvorbereitet an die Macht kam, und zuvor den Bürgerkrieg gewinnen musste, stärkte ihr Selbstvertrauen in zwei Schritten: der eine Schritt war die Umorientierung in Zeit und Geschichte durch die Umorganisation der Museen und Archive. Hier ist auf Karl Schlögel zu verweisen, der lückenlos die Umstellung von Bewusstsein und Lebenswelt dokumentiert in der Museumspolitik. Der zweite Schritt ist eine neu verstandene Aufklärung, die über die Projekte der Enzyklopädien und Lexika definiert werden soll. In diesen Projekten arbeiten die bedeutendsten Wissenschafter Russlands im In- und Ausland zusammen. Noch 1907 war in Zusammenarbeit der beiden Verlage, dem russischen Efron und dem deutschen Brockhaus diese Mammut-Enzyklopädie fertig gestellt worden, ein Werk in 82 Bänden. Mit der Fortsetzung dieses Projekts nach der Revolution wollte man bewusst die erste Moderne überbieten und gleichzeitig den Schritt in die neue Zeit veranschaulichen. Um 1930 war man so weit und die sowjetische Enzyklopädie wurde veröffentlicht. Schlögel berichtet darüber: „Die Differenz war fundamental. Während die Herausgabe der Ausgabe Efron-Brockhaus noch von objektiven Tatsachen sprachen, verspotteten die Herausgeber der Großen Sowjet-Enzyklopädie dies als naiven Glauben. Im entsprechenden Lexikoneintrag von 1934 wird das formale Prinzip der alphabetischen Reihenfolge als „Maske“ bezeichnet, hinter der „Klassenansichten von der Welt“ verbreitet würden. Enzyklopädien seien konzentrierte Wiederspiegelung von Klassenansichten und deren Popularisierung“, ein „Instrument des Klassenkampfes“ und der Herausbildung der Kader der herrschenden Klasse.“
Dass von den Herausgebern die meisten Opfer von Schauprozessen, Denunziationen oder willkürlich geäußerten Verdächtigungen wurden, liegt auf der Hand. Die Enzyklop#ädie ist zum Instrument der Machtergreifung geworden. Schon vorher, 1922, hatte Lenin veranlasst, dass alle jene Wissenschafter, die sich nicht auf dem Boden des dialektischen Materialismus einfanden, teils das Land verlassen mussten, teils inhaftiert wurden. So hatten zwei Personenschiffe mit dem ersten Wissenschaftstransport über Finnland nach Westeuropa vom Hafen Leningrads abgelegt. Und es war noch ein Glück, an Bord zu sein, denn es galt entweder Verbannung oder Erschießung.
Im Fall der Enzyklopädie war der Prozess der Ideologisierung deutlich geworden. Man lernt aus dem Studium der phänomenologisch orientierten und gestalteten Geschichte Schlögels, dass die politische Geschichte fast in ihrer Bedeutungslosigkeit untergeht, sich im Alltag verfilzt und nur über das Dispositiv der Macht sich als Willkür und Polizei zurückmelden kann. Die Schreckensherrschaft Stalins hatte mit Marxismus nur mehr den Kauderwelsch von Marxismus fortgesetzt, Worthülsen und Parolen, die in Prag Vaclav Havel 1968 als Phrasen durchschaute. Sie waren vulgär, gemein und dieser nichtssagende Kauderwelsch war leicht zu imitieren. Und wer in der Lage war, sich durch Zufall behauptet zu haben, wie eben die Delegation sowjetisch eingeschworener Aktivisten in Paris im Film „Ninotschka“ – entwickelt eine Lebensform, die sich immer mehr der offiziell vorgegebenen Rahmenbedingung entledigt. Und diese ersehnte Lebensform schafft ein eigenartiges Russlandbild, das bewusst gegen den europäischen Westen gerichtet ist. Sogar Emigranten schwärmen von Russland und sehen Lenin als Experimentator am Leib des russischen Volkes. Fürst Gregori Lwow formulierte nach der Emigration in Paris: „Ihr Westlichen seid unsere Lehrer, und wir sind eure Schüler. Wir gehen durch euch zugrunde, Utopien, Paradoxien, Abstraktionen, diese Geschenke des Westens wurden in Russland als Wahrheiten angenommen. Das russische Blut ist durch den Westen vergiftet worden, Russland geht zugrunde, weil es zu den vierzehn Punkten Wilsons stehen und die universale Gerechtigkeit verwirklichen wollte. Es ist Sache des Westens, dem Übel abzuhelfen, das er verschuldet hat.“ Lwow war der erste provisorische und einzige, legal an die Regierungsspitze gekommene Ministerpräsident nach 1917. Er gehörte der liberalen Partei der „Kadetten“ an.
Russland als Parallelaktion der Emigranten
Nun war 1924 der bevorzugte Emigrationsort Berlin von Prag abgelöst worden, Professoren, Ökonomen, Historiker und insgesamt Gelehrte blieben in Prag, denn durch Schenkungen war eine slawische Bibliothek verfügbar, russische Archive waren vorhanden. Ab 1927 bestand in Prag ein Seminarium Kondakowanium für die russische Geschichte der Kunst, der Altertümer ab Byzanz. Prag vereinte konservativ-volkstümliche Repräsentanten, um das Wort „populistisch“ zu vermeiden. Es war eine vornehmlich theologisch-religiöse Bewegung geworden, was in den Folgejahren in Paris nicht der Fall war. Bis 1939 war Paris ein Zentrum für russisches Denken geworden, Hier saßen rechts gerichtete Gruppen ebenso wie links gerichtete Gegenspieler, allesamt Opfer der Lenin´schen Ausgliederung und erzwungenen Emigration. Berdjajew hielt zwanzig Vorträge zu Themen „Über den Menschen angesichts seiner inneren Widersprüche und der Geschichte“. Andere setzten typisch russische Themen fort vor einem vornehmlich russischen Publikum. So etwa über die Tragik des Lebens, über Christentum und Nation oder über das religiöse Denken Dostjewskis.
Interessant ist, dass an den Zufluchtsorten theologische Themen dominierten, oder die Ausrichtung besaßen, im Exil dieses Denkens fortzusetzen. Bulgakow nannte seine Theologie Sophiologie, wobei er darunter in seinen autobiographischen Zeugnissen 1936 ausführte. „So war ich damals ein getreuer und frommer Laie der marxistischen Religion. Das Wichtigste waren nicht etwa die Folgerungen der Wissenschaft, die immer schwierig zu verstehen und kritisch angreifbar sind, sondern die religiöse Dogmatik, die Eckpfeiler des Glaubens. Aus diesem Grund war ich ein Theologe des Marxismus. Meine Theologie beruhte auf einer Reihe dogmatischer Glaubenssätze, gewisser theoretischer Ideen und praktischer Folgerungen, die trotz ihrer offensichtlichen und naiven Widersprüche miteinander kombiniert wurden. Ich brauche nur einige von ihnen zu erwähnen: 1. Gemäß der Erkenntnislehre ist der Mensch eine zufällige Verbindung von Atomen der Materie. Deshalb ist er in der Lage, das Universum nicht nur zu erkennen, sondern auch zu verändern. Das Bewusstsein des Menschen ist nur ein Überbau der Wirtschaft. Deshalb ist er dazu berufen, die Erde mittels seiner Erkenntnis zu besitzen. 2. Was die Lehre über den Menschen betrifft, so ist der Mensch bloß eine Affenart; deshalb soll er seine Nächsten lieben. Seine Ideen spiegeln das Wirtschaftsleben wider und haben keine unabhängige Bedeutung; deshalb er dazu berufen, das Reich der Freiheit vorzubereiten und zu betreten. Ein Sprung von der Vorgeschichte in die Geschichte zu machen, das heißt, in das irdische Paradies oder das Reich Gottes auf Erden. 3. Was die Moral betrifft, so verfügt der Mensch nicht wirklich über ein personales Wesen, weil nur Klassen oder soziale Gruppen real sind. Deshalb ist er zu heroischen Pflichten und revolutionären Aktionen berufen. Außerdem ist nicht Liebe, sondern Hass ist das Gesetz des Lebens, und doch wird der Klassenkampf der Menschheit in Zukunft nicht nur Solidarität aller Klassen bescheren, sondern sogar gegenseitige Liebe.“
Diese merkwürdige Auseinandersetzung mit dem Marxismus wäre in der Sowjetunion nicht möglich gewesen. Obzwar man mit Härte und Strenge den Marxismus durchzusetzen sich bemühte, ja mit Polizei, Partei und Pressionen daraus eine verbindliche Weltanschauung gestaltete, hatte Michael Voslensky eine demgemäße Kindheit erlebt. Er besuchte ab 1929 die Grundschule und erlebte die neue Pädologie. „Eine Pädologie experimentierte mit uns, um die geistigen und motorischen Fähigkeiten der Kinder festzustellen. Die Sache war nützlich: Die Resultate der Tests ermöglichten es, den Eltern zu empfehlen, für welche Art von Tätigkeit die Sprösslinge am besten geeignet waren. Im Juli 1936 war die Pädologie durch den Beschluss des ZK der Kommunistischen Partei „Über die pädologischen Auswüchse im System der Volkskommissariate für Volksbildung“ plötzlich zu einer Pseudowissenschaft erklärt.
Das ZK erklärt bürgerliche zur Pseudowissenschaft
Der Ausdruck Pseudowissenschaft wurde zu einer Kampfbegriff an der Stalin´schen ideologischen Front. Das Fach Geschichte geriet in Verdacht…Die chronologische Geschichtsschreibung sei überflüssig, da sich die Bourgeoisie bemühe, die von den Klassikern des Marxismus entdeckte Gesetzmäßigkeit in einem Meer von Fakten zu ertränken. Statt Geschichte hatten wir Gesellschaftskunde…Dieses Fach durfte man aber nicht mit Soziologie verwechseln, da auch diese Disziplin zu einer bürgerlichen Pseudowissenschaft erklärt worden war….“
An Stelle der normalen Linguistik wurde an den Hochschulen die von dem Akademiemitglied Marr entwickelte marxistische Sprachlehre vermittelt, der folgende Gedanke zu Grunde lag. Die Sprache sei das Spiegelbild des Entwicklungsstands der Gesellschaft. Und die Menschheit habe faktisch nur eine Sprache. Diese befinde sich jedoch bei verschiedenen Völkern, je nach dem Stand ihrer Entwicklung, in einem unterschiedlichen Stadium der Evolution. Allen Sprachen würden vier Elemente – das heißt: vier Grundwörter – zugrunde liegen. Erst 1950 erklärte Stalin diese Theorie von Marr, gestorben 1934, für ungültig.
Zur selben Zeit wurde der biologischen Wissenschaft bin der Sowjetunion ein vernichtender Schlag versetzt. Der Agrarwissenschafter Trofim Lyssenko überzeugte Stalin davon, dass die aus der wissenschaftlichen Intelligenz stammenden Biologen die bürgerlichen Theorien von Weismann, Mendel und Morgan propagierten, weil sie die Praxis nicht kennen würden. Lyssenko behauptete, eine richtige Theorie entwickelt zu haben. 1948 hielt Lyssenko auf einer Sitzung der Lenin-Akademie der Landwirtschaftswissenschaften der Sowjetunion sein Referat. Sein Referat wurde vom ZK der Partei gebilligt. Unmittelbar darauf bestrafte man die „Mendelisten-Morganisten“. Der bekannteste, Nikolai Waweilow starb im Gefängnis. Dessen Bruder blieb auf Grund einer Laune Stalins Präsident der Akademie der Wissenschaften. Die Ära Lyssenko endete unter Chruschtschow 1964.“
Ebenso wurde Kybernetik wie auch die Relativitätstheorie zur bürgerlichen Pseudowissenschaft erklärt. Richtschnur für die Beurteilung war die 1938 erschienene „Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki). Kurzer Lehrgang“ Das Werk erschien „Unter der Redaktion einer Kommission des ZK der KPdSU und war vom ZK gebilligt worden. Den zweiten Teil des IV. Kapitels hatte Stalin selbst geschrieben. Unter dem Titel „Über dialektischen und historischen Materialismus“ war der „georgische Akzent“ Stalins gut zu erkennen, schrieb Voslensky.
Nun kann man guten Gewissens festhalten, dass das polit-philosophische Konzept in Russland immer nur als Instrument der Ausschaltung von Gegnern verwendet wurde, doch inhaltlich waren die Debatten entweder zum Schein geführt worden, oder verfolgten die Absicht weiterer Diskriminierung oder Machtausübung.
Nun muss man den geistesgeschichtlichen Hintergrund in Erinnerung rufen, der abgesehen von kurzen Perioden das Bewusstsein in Russland nachhaltig bestimmt. Nicht erst mit dem Regierungswechsel von Gorbatschow zu Jelzin/Putin war diese alte Geschichte wieder virulent geworden, in Erinnerung blieb, dass in der Zwangssituation des Weltkriegs Stalin zu diesem lebendigen Strang russischen Denkens einen Zugang benötigte. Plötzlich war es ein vaterländischer Krieg geworden, für den alle Kräfte zu mobilisieren waren. Nun war das Dritte Rom in aller Munde, das auch nie ganz ausgemerzt werden konnte – trotz Verfolgung, grausamer Ermordung und Zwangsarbeit. Wichtig zu wissen ist auch, dass es europäischen Potentaten nicht möglich war, Russland in die Reihe der großen Mächte und Staaten aufzunehmen. Maximilian I. bot 1488 Iwan III. eine Königskrone im abendländischen Zuschnitt an, doch Iwan hatte abgelehnt. Er befürchtete, durch die westlichen Mächte bevormundet zu werden. Maximilian II. wollte Russland 100 Jahre später in einen Lehensverband aufnehmen. Der Kaiser versprach sich einige Rückendeckung gegenüber dem osmanischen Reich, doch Iwan IV. winkte auch ab. Dieser Iwan der Schreckliche war gerade mit der Reform seines Reiches (Schaffung des Dienstadels – oprichina) beschäftigt und roch den Braten, dem ihm der Kaiser servieren wollte.
Viel später wollte Napoleon Russland gewaltsam in den Westen verschieben, doch er beging den unglaublichen Fehler, den Sitz des Zaren in Moskau zu vermuten. Ein unbegreiflicher Irrtum, den Wolfgang Schievelbusch beschrieben hatte.
Dostojewski oder Konstantinopel-Kiew-Moskau
Nun hatte Alois Dempf in seiner Analyse Dostojewskis 1949 ermittelt, dass in Russland die Eigenständigkeit eines „Volkskonservativismus“ grundsätzlich dominiert. Dempf beschrieb diesen damit, dass Dostojewski in Sibirien gelebt hatte, dass im russischen Volk trotz aller Laster durch die Orthodoxie der Gottesglaube lebendig blieb, dass also verantwortungsvolle Führung Opferwilliger hier möglich und der Beruf Russlands zur panslawistischen Führung gegeben ist. Es muss die heilige Stadt Konstantinopel, das zweite Rom, selbstlos befreien und dann die Verbrüderung aller Völker verwirklichen. Der radikale Sozialismus kennt nur die Ermordung und Beraubung aller Klassenfeinde und das verwestlichte Petersburg, die phantastische Stadt über den umliegenden Sümpfen, wird in dessen Untergang hineingezogen werden. Die Bürgerdichtung reicht von Balzac bis Gustav Freytag, schrieb Dempf, von Gogol bis Turgenjew. Ihre russische Note ist die Satire auf den verrotteten Feudalismus und gerade deren Bejahung der Bodenlosigkeit des „Westlertums“. Das kann bis zum Nihilismus gehen. Dieser ist von Anfang an das Böse, das Dostojewski zuerst als Sozialist und Elendsdichter und dann als Konservativer bekämpft.
Bei Dostojewski bewirkte diese Übertragung des Messianismus die Kristallisation zu der seltsam ambivalenten Vision eines autokratischen, orthodoxen Russland, das unter welchen Umständen auch immer die Welt zu erobern hat, doch noch hat diese Eroberung nichts anderes im Sinn als eine freie Gesellschaft aller Christen zu gründen. Das lässt die Orthodoxie den lutherischen politischen Vorstellungen weit verwandter erscheinen als es weithin angenommen wird. Als Ziel stand eine blühende Christenheit vor Augen, aus der sich eine Begeisterung für die Orthodoxie ableitet, die nach Miguel Unamuno in der „Apokalypse des Christentums“ in dessen Bann gezogen hatte. Es war die „westliche“ Stimme gewesen, die sich von den Aporien der „westlichen Kirchen“ abgewendet hatte.
Orthodoxie zwischen Glaubensbekenntnis Seinsinterpretation und politische Theologie
Unamuno sah in der russischen Orthodoxie die politische Engführung, die in der tiefsten Demütigung zugleich auch die höchste Form der Befreiung wahrnimmt. So schrieb er: „Leo Schestow sagt, dass Pascal uns keine Erleichterung, keinen Trost zu bringen vermag und dass er jede Art von Trost vernichtete. Das ist es, was viele glauben, aber welch ein Irrtum ist das! Es gibt keinen mächtigeren Trost als den der Verzweiflung. Man sagt, die Menschen suchten den Frieden. Aber ist das auch wahr? Man sagt doch auch, sie suchten die Freiheit. Ich sage, Nein, die Menschen suchen den Frieden in Zeiten des Kriegs, und den Krieg suchen sie in den Zeiten des Friedens. Sie suchen die Freiheit unter der Herrschaft der Tyrannei und die Tyrannei, solange sie frei sind. Nicht der Tyrann macht den Sklaven, im Gegenteil….“
Diese bedrückende Einschätzung trifft auf Russland unvermindert zu. Inzwischen kennen wir die Kriterien, in denen die russische Geschichte zu interpretieren ist und es nimmt einige Anstrengung in Kauf, diese Linie auch nach Perestroika und Glasnost fortzusetzen. Der entscheidende Unterschied wird wohl der sein, dass die Bedeutung der Orthodoxie im Bewusstsein der Schriftsteller und grosso modo zu nennenden politischen Denker abgenommen hat – und auch wieder nicht. Sie hat vielleicht ihren Mystizismus verloren, der während der russischen Revolution eine Rolle gespielt hatte, er ist auch kein Stück der Erinnerung mehr wie bei Boris Pasternak, der das Läuten der Osterglocken nicht mehr mit dem Ereignis identifiziert, sondern wenn Orthodoxie nach der Wende eine Rolle spielt, dann als territorialer Anspruch, als Grundlage für die Einheit der eurasischen Welt.
Immer im Dilemma zwischen Russen- und Westlertum – oder Eurasien?
Damit erhalten wir ein neues Stichwort. Hatten wir vor 1917, ja im Grunde seit Peter dem Großen damit zu tun, wie die Konfrontationen von Russen- und Westlertum ausgesehen haben und wie sie ausgingen, so bürgerte sich nach 1990 eine neue Interpretation ein, die das Russische aus dem Bewusstsein zu verdrängen sucht und an dessen Stelle den Begriff Eurasien setzt. Nun ist dieser Begriff „Eurasien“ ein Import aus dem Westen nach Russland gewesen, gleich nach 1922. Das Geheimnis ist schnell gelüftet. Als Lenin die damalige Intelligenzija auf zwei Schiffe brachte und ins Ausland verbannte, waren darunter der Sprachwissenschafter Fürst Nikolai Trubetzkoi (gestorben 1938 in Wien), Historiker, Schüler von Kljutschewski, Geographen, und Rechtswissenschafter. Von dieser Gruppe, die dann in Berlin, Prag und Paris eine neue Heimat fanden, wurde der Begriff thematisiert, der etwa so zu verstehen war wie „Westen“ oder Abendland. Unter dem Einfluss von Karl Haushofers politischer Philosophie der politkulturellen Räume, übertrug man diesen Gedanken auf den Subkontinent. Nun sehen wir diesen Subkontinent immer in der Auseinandersetzung mit dem europäischen „Westen“, im Grunde sind in unseren Perspektiven die Reibeflächen Finnland und Polen, Litauen, Lettland und Estland, weniger Galizien oder gar Moldawien und Rumänien, die Türkei oder die mächtigen Turkstaaten wie Aserbeidschan und Turkmenistan. Diese Einseitigkeit macht den Begriff „Eurasien“ unverständlich, denn Trubetzkoi sah darin die große Aufgabe Russlands, diese asiatischen Angehörigen des Zarenreiches zu integrieren.
Das Konzept „Eurasien“ als zur Säkularisierung und Enteuropäisierung Russlands
Nun ist diese Wiederholung 1990 bemerkenswert, merkt auch Katharina Blum an, da dieser Eurasianismus einen Bruch mit der Tradition des konservativen, religionsphilosophischen Denkens darstellt und mit dem – nennen wir es – großrussischen Entwurf bis 1905 nichts zu tun haben will. Die sogenannten Eurasier von 1990 ersetzen diese Interpretation Russlands als Schirmherrn des Panslawismus durch eine auch nach Asien orientierte neue Form der Zusammengehörigkeit im Weltreich, das Asien dominiert. Behauptet wird, dass Russland sich nicht von der Auseinandersetzung zwischen Kultur und Zivilisation, hier asiatischer Osten, dort zivilisierter Westen auseinanderdividieren lassen darf, sondern die Aufnahme östlicher Traditionen kann nur Russland bewältigen, was einer Zivilisation nur misslingen kann. Plötzlich erlebte Oswald Spenglers Kulturkreistheorie eine neue Rezeption bei Nikolai Danilewski. Danilewski behauptete, dass die römisch-germanische Zivilisation keine psychosoziale Akzeptanz asiatischer Dispositionen entwickeln kann. In dieser Frage sind die Russen für die Übernahme dieser Rolle fast wie geschaffen. Die Slawophilen im 19. Jahrhundert, auch Unamuno, bezeichneten die Bedeutung Russlands noch im Paradigma des Dritten Rom, wobei Konstantinopel das Zweite Rom gewesen sein soll. Hier orten die neuen „Eurasier“, wegen Europa kann das neue Paradigma Russlands nicht reüssieren. Also bleibt das Paradigma „Eurasien“ weiterhin unverstanden und muss immer wieder seine Geltung behaupten, obwohl darin die Chance einer Weltmacht begründet ist. Die erste Überlegung dieser Art war in einer geographischen Zeitschrift publiziert worden – und zwar in der Royal Geographical Society Journal im April 1904 von Halford John Mackinder unter dem Titel „The Geographical Pivot of History“. Die Überlegungen, die Ansprüche Russlands über den Werdegang des Zweiten zum Dritten Rom zu interpretieren, sind mehr als veraltet. Sollte man daran festhalten, so sehen die Eurasier darin den Irrweg, den Russland zu oft in der Geschichte betreten hat. Dieser Irrweg führte immer ins Desaster. Dieser Vorstellung soll noch Gorbatschow gefolgt haben und darum war das Ende auch chaotisch. Die Modernisierung Russlands kann nicht in einer Nachahmung des Westens erfolgen, das besiegelte auch das Ende der Regierung Jelzins, sondern muss das völlig neue Konzept Eurasiens in politisches Handeln umsetzen.
Man verabschiedet sich also 100 Jahre später von den politphilosophischen Konzepten von Konstantin Leontjew und Wladimir Solowjew, die wegen ihrer religionsphilosophischen Disposition das Dritte Rom für Moskau vorsahen, obendrein als ungeteiltes Erbe nach dem Schisma 1054. Wir scheinen also zum Beginn dieser Geschichte umzukehren. Neu ist, und vielleicht aus der Ablehnung der zaristischen Genealogie zu verstehen, dass die Geburtsstunde Russlands nicht in der Frühgeschichte der Kyewer Rus gesehen wird, sondern im machtvollen Imperialismus des Dschingis Kahn.
Diese überraschende historische Neuheit wurde immerhin vom sowjetischen Eurasier Lew Gumiljow – gestorben 1992 – aufgegriffen, obwohl die dazu passende und bereits erwähnte Überlegung von einem Engländer 1904 ventiliert worden war. Daraus entwickelten sich rezente, also gegenwärtig vertretene Positionen bei politisch relevanten Historikern:
– Alexander Panarin (1930-2002)
– Wadim Zymburski (1957-2009)
– Alexander Dugin (1962- )
Panarin war 1990 der bekannteste Vertreter des Eurasaianismus. Seine ethnogeographischen Befunde sollen den Umfang der russisch-orthodoxen Zivilisation bestätigen. Zusätzlich zur russischen Staatlichkeit definiert eine mehr oder weniger tradierte Orthodoxie ein Konzept der Imperien, das die Mongolenherrschaft zum Nachweis der legitimen Nachfolge nicht mehr benötigt, sondern langsam bildet sich ein Imperium Eurasien, das in sich gefügt eine eigenständige zivilisatorische Mission ausübt. Panarin arbeitete an der Akademie der Wissenschaften in Moskau, war der Treffpunkt für alle illiberalen Gruppen um 1990 und versuchte, den französischen Neokonservativismus nach Moskau zu importieren. Deshalb hatte er Alain de Benoist eingeladen, den Führer der radikalen Neuen Rechten in Frankreich nach 1968. Daran hinderte ihn auch nicht die heftige Kritik an allen Erscheinungsformen des „Westlertums“. Panarin dachte sich ein Eurasien aus, das den Schock nach dem Ende der Sowjetunion und dem Beginn eines sogenannten neoliberalen Systems und Boris Jelzin auffangen sollte. Daher war es in den Augen Panarins verrückt, Russlands Start in die Moderne als „Rückkehr ins europäische Haus“ zu bezeichnen. Diese „Westernisierung“ voranzutreiben war nicht nur ihm ein Dorn im Auge. Anfänglich schien Putin diese politische „Verwestlichung“ zu betrieben., war aber von dessen politischem Nihilismus durchsetzt, nämlich immer nur die Frage nach der Macht zu stellen, aber nie nach welchen Maßstäben Russland gemessen werden soll? Panarin sieht eine Tradition im politischen Nihilismus, der schon unter Peter I. begonnen hatte, den nun aktuell „Neobolschewiken“ bei Jelzin fortsetzen, argumentierte vor zwanzig Jahren Panarin. Wie er es formulierte, ändert sich nicht die politische Qualität im Land, da ein Volkssozialismus vom Volkskapitalismus abgelöst wurde.
Wadim Zymburski präsentierte dsas Gegenmodell. Im Aufsaatz „Russland als Insel“ 1993 spitzte er die Idee einer eurasischen Zivilisation zu. Ursprünglich Altphilologe, spezialisiert auf Homer, arbeitete Zymburski in den 80er Jahreen am Institut für Amerika, Kanada an der Akademie der Wissenschaften in Moskau. Seine erste Hoffnung galt einer liberalisierten Sowjetunion, daher befand er sich eher auf der Linie Gorbatschows. Die Schriften wurden 2011 postum ediert und die Sammlung läuft unter dem Titel „Konjunkturen der Erde und der Zeit“ und unter „Morphologie der russischen Geopolitik“.
Zymburski meinte, Russland müsse sich aus dem Sog der euroatlantischen Kraft befreien, da jede Integration in den Westen Russland zum subalternen Dienst an der Zivilisation entmündigt.
Obzwar der Zerfall der Sowjetunion eine Chance bot, zu einer geschlossenen Region zwischen Schwarzem Meer und Ostsee zu kommen, so war dann der erste Schritt in den Westen der erste Fehler. Die eigentlichen Partner sind für Russland Indien und China. Irgendwann schimmerte bei Zymburski die Idee eines gemeinsamen Weltstaats durch, eine „ein-Staat-Zivilisation“, die zweifellos Putin bei Reden aufgegriffen wird.
Zwei Positionen will Zymburski gewahrt wissen: Die Insellage Russlands verbietet ein Eindringen in den Westen, weshalb er die Intervention in der Ukraine abgelehnt hätte, da die Euroatlantiker nun knapp vor Russland stehen, oder in der Ukraine schon in Russland sind. Bei ihm wiederholt sich auch die offenbar traumatische Erfahrung, dass Russland zu wesentlicheren Teilen drei Mal von europäischen Mächten angegriffen wurde, weshalb Angriffe auf Russland immer zu erwarten sind.
Der bekannteste Vertreter des neuen Euroasianismus ist Alexander Dugin. In der Öffentlichkeit gilt er auch als sprachgewandter Autodidakt und als Mastermind Putins. In seine politischen Gedanken montierte er westlicher Politologie. Die Versatzstücke in den Aufsätzen lauteten: Russland Herzland Eurasiens, Randland, Atlantismus, Seemächte versus Landmächte.
Dugin war noch in den 80er Jahren General der sowjetischen Geheimpolizei und bewegte sich im Kreis des okkulten Dichters Jewgenji Golowin. Durch ihn lernte er den russischen mystisch-futuristischen Kosmismus kennen und den esoterischen Traditionalismus der französischen wie italienischen Faschisten. Schließlich war er Angehöriger der rechts-extremen Pamjat-Bewegung. Auch er suchte den Kontakt zu Alain de Benoist, lud diesen nach Moskau ein. Die Angehörigen des FSB nannte er in einem Schreiben „wahre Patrioten“.
1993 publizierte er den „Großen Krieg der Kontinente. Darin meinte, er dass der Westen nicht die römisch-germanische Zivilisation verkörpert, sondern die liberale, britisch-amerikanische und protestantische Zivilisation. Diese war seit jeher die Gegnerin der Landmächte in Europa und damit die Antagonisten Eurasiens. Dort herrscht ein anderes politisches Bauprinzip, das auch die Länder Kontinentaleuropas einschließt. Neu bei Dugin war die Idee, dass trotz der Konflikte im 20. Jahrhundert eine Allianz Russlands mit Deutschland nach der Wende von 1990 nahe läge, wie auch ein Bündnis der Seemächte angezeigt wäre, also Russland mit Japan.
Es enttäuschte ihn, dass sich Deutschland nach der Wende 1990 nicht aus der Westallianz verabschiedete, weshalb sich Dugin mit den Gebieten im Osten und Süden Russlands zu beschäftigen begann. So waren die Interessengebiete der Iran und China geworden, der traditionelle Islam und der Konfuzianismus. Dugin begann wie Carl Schmitt eine politische Theologie zu entwerfen und war der festen Überzeugung, dass die historische Rolle Russlands der Kampf gegen den Antichristen sein wird. Die Rolle des Katechon muss Russland übernehmen, daher auch das Imperium wiederherstellen Nun war Dugin nicht der Einzige, der erneut in diesen Kategorien zu denken begann.
Dann lieferte er wieder für den Leiter der verbliebenen Kommunistischen Partei Sjuganow Ideen und Gedanken, hierauf auch für Schirinowskis Liberal-demokratische Partei. Dann war er Vorsitzender der Nationalbolschewistischen Partei.
Also inszenierte er sich als postmoderner Dostojewski. Dennoch hatte er den Kontakt zum Verteidigungsminister Radionow gehalten, unter dessen Einfluss er seine imperialistischen Gedanken publizierte.
Nun waren diese Gruppierungen der Eurasier lange Zeit voneinander unabhängig, ja eine gewisse Gegnerschaft hatte sich eingestellt, speziell während der in Medien geführten >Debatten über eine „kritische Ökonomie“. So erhielt Dugin den Ruf eines Experten und wegen dieser Vorteile kam es zur Einigung bei den Eurasiern, die gemeinsam für das Programm des kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew warben. Allerdings war im Zusammenschluss ein kleiner Rechenfehler. Man scharte sich nämlich um den Gegner Putins, Primakow. Diese Störung konnte aber bald beendet werden. Da einigte nicht der Eurasianismus die Protagonisten, sondern eher ein gemeinsam geübter ökonomischer Konservativismus, der den Rahmen für ein gemeinsames Konzept bot, aber gleich wieder in Übereinstimmungen und Widersprüchen mündete. Der Kern des Streits war immer die Definition Russlands, welche Funktion es im Einigungsprozess haben soll. Da kamen durch die Hintertür die alten Argumente wieder zu Wort, warum es ein genuines Russland geben muss, um einerseits nicht dem Westen zu verfallen, andererseits diese Intention den Eurasiern als Motivation anzubieten, gemeinsam eine andere und Wahre Welt oder Zivilisation zu schaffen.
Nun kann man den Eindruck gewinnen, dass die alten Argumente wieder und wieder ins Treffen geführt wurden, denn noch haben die „Westler“ nicht Reißaus genommen. Teilweise waren sie von den Oligarchen vertreten worden, die aber zum anderen ein vitales Interesse an der Schattenwirtschaft besaßen, also die Beibehaltung des Russischen als Vorteil schätzten und nutzten. Dass dahinter gewaltige Korruptionen stattfanden, hatte Anna Politkovskaja eindrucksvoll belegt und mit ihrem Leben bezahlt. Wenn unabhängig von kriminellen Delikten Jungkonservative Studenten die Quadratur des Kreises fürs neue Russland wünschten, dann in Neufassungen von Nationalismus und Konservativismus. Repräsentant dieser Vorstellung war Konstantin Krylow (1967-2020)
Krylow entwarf einen modernisierten, säkularen und ethnischen Nationalismus, der sich gemäßigt konservativ und imperial versteht und daher einer neoimperialen Fusion aus russischem Nationalismus und einem orthodoxen Konservativismus entgegentrat. Es war die Plattform für die nächstfolgende Intelligenzija in Russland, über deren Zukunft nichts ausgesagt werden kann und soll.
Die Eurasier sind weniger wegen der kühnen Pläne im Gespräch, nicht wegen der Wiederholung ihrer politischen Träume, der Intentionen, der Wünsche nach Frieden und bescheidenem Wohlstand, sondern sie sind die einzigen Stimmen, die man vernehmen kann. „Die Intelligenz aus den Reflexionsräumen der Hauptstadt hatte angesichts eines solchen Willens zur Macht und solcher Gier keine Chance.“ Der Wandel hatte Russland in eine derartige wahnwitzige Spirale gedrängt, die immer steiler und schneller nach oben führte, doch was ist jetzt oben? Gibt es oben nur Geld und Macht und Mord? Dramatisch war der Bedeutungs- und Geltungsverlust ab 2005, nicht mehr Gewissen oder Sprecher der Nation zu sein, seit das Volk selber in Wahlen, Parlamenten, Demonstrationen gesprochen hatte. Die Intelligenzija hatte sich von selbst als einer Gesinnungsgemeinschaft mit moralischem Anspruch verabschiedet und zugleich Ihre Wiedergeburt oder Transformation in den Intellektuellen europäischen Typs verkündet. Das war nicht durchgehalten worden, denn das hatte Putins FSB schnell domestiziert. Es war in den Jahren um 1990 voreilig, vom Ende der Intelligenzija zu sprechen. Unter der Ägide Putins kann man nicht vorhersagen, ob sich diese Intelligenzija neu formieren wird. Internet oder in sozialen Netzwerken. Wenn die Moskauer Küche in den 30er Jahren der Indikator für Normalisierung war, so ist der Rückzug aus der Öffentlichkeit der Indikator dafür, dass dem Land die Rückkehr zu einer normalen Öffentlichkeit verwehrt ist. Die Erben nach dem Geburtsjahrgang 1960 haben zwar keine Küche als Gesprächsort, sie haben das Internet und vielleicht kehren sie auf die Plätze und Straßen zurück, wo tatsächlich die Wende stattgefunden hat, dort, wo der neue Präsident Jelzin auf einen Panzer kletterte und die erste TV-Ansprache halten konnte. Diese Bewegtheit gibt es nicht, nicht mehr und kann es noch nicht geben – auf absehbare Zeit. Kriege haben das genuine politische Interesse in den Schatten gestellt.
Wenn man nun den kriegerischen Ereignissen absieht, in die Russland bewusst mit einiger Zuversicht eintrat, gegen Georgien, Ossetiern, Tschetschenien und Ukraine, mit Mühe verhielt man sich neutral im Konflikt zwischen Armenien und Aserbeidschan, so zeigt die Gesellschaft zwischen St. Petersburg und Moskau keine Ambition, sich erneut am Westen zu orientieren. Katharina Bluhm schrieb klar und deutlich, „dass sich die große Offenheit gegenüber dem Westen, wie sie in weiten Kreisen der russischen Eliten und der Intelligenzija wie diese Anfang der 1990er-Jahre bestand, nicht wiederholen wird.“ Man hat nicht vergessen, dass der kurze Übergang zur Demokratie mit dem sozialen Niedergang weiter Teile der Bevölkerung einherging, während die Profiteure wie Spargel aus dem Boden schossen. Das führte zur Überrumpelung der Gesellschaften im Zuge der Transformation und daher ist Putin glaubwürdiger geblieben, vor allem die Tyrannei einschätzbarer als die Unsicherheiten während der Ära zwischen Gorbatschow und Jelzin. Das Abwirtschaften ist in guter Erinnerung.
Wenn es also Russen gibt, die Straßburg oder Brüssel als Liberale Wesdtler gelten wollen und nach einem Weg nach Europa suchen, so ernten sie ein geringes Vertrauen in Russland, denn dort gibt es eine starke, fast unüberwindbare Position geostrategischer und geokultureller Patrioten, die unter Putin sich sich in diesem System integriert fühlen. Es kann sein, dass diese Gemeinsamkeit, die Russland am Leben hält, nach Putin zerbricht. Die Kraft von Putins System kann selbst sehr unterschiedliche russisch-nationale-konservative Strömungen binden, domestizieren, die auch in den Administrationen ihre Position und Belohnungen erhielten – bis zu den Stimmen im Propaganda-TV „Russia today“. Obendrein darf man nicht übersehen, dass in den Eliten die Kraft der Einigung in dem Maß zugenommen hat, n dem die globale Finanzkrise, die westlichen Sanktionen und die russischen Machterhaltungsinteressen zur Übereinstimmung mit Putins Politik zwingen, also sind es weder die russischen Etatisten, noch die verbliebenen Westler die diese Entwicklung zum neuen Staatskapitalismus förderten. Und dieser russische Staatskapitalismus ist vitaler als man im Westen glaubt, ist stärker, flexibler und besitzt in der Bevölkerung eine hohe Akzeptanz, die scjhon seit geraumer Zeit hätte darüber aufklären können, dass Russland mit diesen Mitteln weder in die Knie gezwungen werden kann, noch sich gezwungen sieht, einen Schritt in Richtung Konfliktbeilegung zu machen. Am Ende steht in Karl Schlögels Werk „Das sowjetische Jahrhundert“: An einem dieser Hofrundgänge der Häftlinge am Dach der Lubjanka erinnert sich Alexander Wat: „Irgendwann vor Ostern werden wir, ich weiß nicht warum, zum ersten Mal tagsüber aufs Dach geführt, das heißt es herrscht schon Zwielicht, Dämmerung. Aber dieser Himmel und die Luft: Der Vorfrühling hat es dort leichter, seine Opfer zu überrumpeln, denn Opfer waren wir. Deshalb spürte ich es stärker. Ich spürte den Vorfrühlung. Ich hörte irgendwo Musik. Stell Dir vor, zu Ostern wurde im Radio Bachs Mathäuspassion übertragen! Es war gerade der Schlussteil. Und das drang bis an die Stelle auf dem Dach, wo ich stand….Wenn die menschliche Stimme, wenn von Menschenhand hergestellte Instrumente, wenn eine menschliche Seele auch nur einmal in ihrer ganzen Geschichte eine solche Harmonie, eine solche Schönheit, eine solche Wahrheit und Kraft von so einheitlicher Inspiriertheit schaffen kann – wenn das existiert, wie flüchtig und nichtig ist dann die ganze Macht des Reiches?“
Die politische Konstellation war einmal in den Sammelband „Alternative zur Perestroika, Glasnost, Demokratie, Sozialismus“, herausgegeben von Juri Afanassjew, 1988 vom Soziologen Len Karpinski zusammengefasst worden. Nun war es in den letzten 15 Jahren Wladimir Putin gelungen, eine vergleichbare Konstellation wie in der Ära unter und nach Stalin herzustellen. Der Unterschied liegt dort, wo keine ideologischen Positionen mehr ins Treffen geführt werden und die Vokabel des Marxismus/Leninismus tabuisiert wurden. Daher kann man den Satz Karpinskis so zitieren als wäre er soeben geschrieben worden: „Selbst bei einer flüchtigen Betrachtung wird klar, dass die Wurzeln buchstäblich aller Abarten des Widerstands gegen die Umgestaltung (gemeint Perestroika) in allen Lebensbereichen und in allen Lebenssituationen einander verblüffend ähnlich sind: Wir haben es praktisch nur mit einer weit verzweigten systembedingten Wurzel zu tun, die durch den Stalinismus repräsentiert wird. Stalinismus – bezeichnet nicht nur das Phänomen Stalin und auch nicht schlechthin den Kult um seine Person. Der Stalinismus ist ein riesiges Knäuel wechselseitiger sozialer Abhängigkeiten, ein in allen seinen Elementen festgefügtes Gebilde aus ökonomischen, politischen, ideologischen und moralischen Strukturen, die sich in den vergangenen Jahren in der gesamten Gesellschaft etablierten.“
Gibt es unverwechselbare Merkmale russischer Geschichte?
Nun kann man schreiben wie man will, in der Einschätzung Russlands drängt sich die gleiche Frage auf, die schon früher an die deutsche Zeitgeschichte gerichtete wurde: Wie konnte diese Geschichte, die um 1900 so verheißungsvoll begonnen hatte, entarten? Mit den Nachrichten aus den Büchern Alexander Sinowjews, Lew Kopelews und Michail Voslenskys war man schon darauf vorbereitet, über die Ursachen dieser Entartungen, die vornehmlich die Wissenschaften betrafen, halbwegs Bescheid zu wissen. Gerade in der Frage nach den Merkmalen russischer Geschichte wird man wegen einer Randbemerkung bei Jacques Le Gof in der „Geburt Europas im Mittelalter“ gleich zu Beginn mit dem Gedanken konfrontiert, dass der merkwürdig geteilte Kontinent in Europa und Asien geographische Bedingungen bot, die zugleich die differenzierte Art und Organisation des Feldbaus und Tierhaltung beeinflusste. „Dieses Bild der Orientalen blieb über Jahrhunderte erhalten, und im 18. Jahrhundert brachten die europäischen Philosophen der Aufklärung die Theorie vom aufgeklärten Despotismus als dem in Asien am besten heimischen politischen System hervor; in der gleichen Richtung definierte der Marxismus im 19, Jahrhundert eine spezifisch asiatische Produktionsweise als Basis autoritärer Regime.“ Genau diese Frage hatte bis in die Details der Wirtschaftsgeschichte Karl Wittfogel untersucht und bezeichnete daher die politökonomische Struktur des pharaonischen Ägypten bis Persien, China und Indien auf Grund der gewaltigen Bewässerungsanlagen und des Wasserbaus zuerst als „hydraulische Gesellschaft“ und dann 1957 als eine „orientalische Despotie“. Sie war Wittfogel stabil genug erschienen, um politischen Schwankungen oder Angriffen zu widerstehen. Nun kann man in „Parallelverschiebung“ die Hypothese erläutern, dass Russland mit der Integration der asiatischen Teilstaaten bis zur Mongolei sich jene Strukturen eingehandelt hatte, die generell für ihren Bestand eine „orientalische Despotie“ bevorzugten. Die Hypothese erfährt eine Unterstützung in den Auswirkungen der Akulturationsprozesse. In Anpassungen war die politische Elite ab Peter dem Großen, ab Iwan III. dazu übergegangen, die „Methoden“ des Regierens nach Art Dschingis Khans beizubehalten, was einerseits die politische Integration der neuen Ethnien ab dem 16. Jahrhundert erleichterte, andererseits die „Immobilität“ der Verwaltung verursachte, auch die ausgebliebene Modernisierung und Reformpolitik, sogar wegen der Beibehaltung der Leibeigenschaft bis ins späte 19. Jahrhundert die Rückständigkeit des Wirtschaftens verschuldete. So darf es nicht überraschen, wenn Stalin die perfekte orientalische Despotie einrichten konnte. Unter zeitbedingten Veränderungen hatte Putin Ähnliches durchgesetzt und Schritt um Schritt verwirklicht. So ist es ein Merkmal Russlands, wovon auch die Memoiren Katharinas II. zeugen, dass die Übernahme der Regierungsgeschäfte durch Formen orientalischer Despotie nichts Ungewöhnliches ist. Karl Schlögel bezeichnete daher Putin als einen Meister der politischen Choreographie.
Eurasier vs Euratlantiker
Ein anderes Merkmal Russlands mag sein, dass bisher die Gegensätze, die Austragung der Meinungsverschiedenheiten andere Vorgehensweisen zeigen als im „Westen“.- jedenfalls bis 1917 und wieder 1990. Sind die Grundlagen für die Argumentation oft dieselben, man könnte sie fast für austauschbar halten, sind in ihrer Durchführung fast zum Verwechseln ähnlich, sie sind eben meistens literarisch vorgetragene Beschreibungen, so waren es bislang Positionen, die man bis ins 21. Jahrhundert als „Westlertum“ oder „Russentum“ bezeichnete. Neuerdings kommt die neue Spaltung hinzu, die Euratlantiker von den Eurasiern unterscheidet. Hatte Putin vermutlich aus „List“ am Beginn seiner eindrucksvollen Karriere so getan als wäre er ein Euroantlantiker, so entpuppte er sich als Eurasier, zumindest in der Durchsetzung seiner Interessen.
Bietet die gegenwärtige russische Literatur ein „Orientierungswissen“? ´
Vielleicht darf man auch eine Einschätzung schreiben, die sich nie auf einen vollen Umfang von Informiertheit berufen kann. Gerade in Österreich war die literarische Gattung des Romans, ab dem „armen Spielmann“ Grillparzers, ab dem „Nachsommer“ Adalbert Stifters oder mit den großen Romanen Robert Musils, Hermann Brochs oder Heimito von Doderers bis zu den essayistischen Arbeiten Thomas Bernhards ein kaum zu übersehendes Zeugnis zu Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Es hatte Russland ebenso ausgezeichnet, über großartige Schriftsteller zu verfügen, die über Jahrzehnte für die „Erkenntnisleitung“ ihrer Leser die Verantwortung trugen. Bis in unsere Zeit war das Votum von Boris Pasternak oder Alexander Solschenizyn gehört worden. Geht man den Topos der russischen Literatur durch, kann man behaupten, dass alle literarischen Zeugnisse über Puschkin hinaus die Tendenz haben, lang zurückgehaltene Wahrheiten auf herkömmliche Art auszusprechen. Das macht das Philosophische aus. Vermutlich ist für die russische Gegenwartsliteratur der Sonderweg von Wiktor Jerofejew ein Beispiel, Es ist eine einzige Anklage gegen die obszöne Tyrannei Stalins und seines Büttels Berija im „Leben mit einem Idioten“ von 1980, worin die grauenhaften Vergewaltigungen und Morde vorerst einen absurden Einblick bieten, doch dann ein Abbild der Wirklichkeit werden. Sergej Schardunow meldete im „Durst“ von 2002 seine Reflexionen zum Spätkapitalismus in Russland an, sieht die Gesellschaft paralysiert oder gelähmt und es breitet sich tiefe Resignation aus. In der Art von Alexander Blok meldet Artyom Kamardin aus der Haftanstalt seit 2023: „Meine Heimat existiert nicht mehr, ist zerstört und vergewaltigt von einem Monster, das sich selbst Russland nennt.“ Mit diesen wenigen Beispielen soll ausgesagt werden, dass der große Roman, der für Russland stets eine bedeutende Orientierungshilfe war und nach dem man sich auch orientiert hatte, im Moment ausfällt. Es gibt viele formale Verwandtschaften stilistisch, inhaltlich, an „westliche“ Muster des Experimentellen ausgerichtet, die aber nicht als „Stimme“ bezeichnet werden können, sondern eben als Versuch, irgendwie zu überleben. Es ist lange her, dass sich wegen der Zustände Russlands eine Stimme erhob: direkt, realistisch und klarsichtig im Roman von Viktoria Tokarewa, der 1964 veröffentlicht wurde: „Ein Tag ohne Lügen“