„….denn sofern das verrückte Unternehmen des Senor Colombo von Erfolg gekrönt werden würde, sei es um Gibraltar geschehen, und mit Gibraltar um die Welt…“
Laszlo Krasznahorkai hatte ahnungsvoll 1992 den Prolog für Ereignisse verfasst, die jetzt geschehen: Krieg und Krieg. Neu ist, dass weder Götter um Troja kämpfen, noch Helden vor Stadttoren einander mörderische Zweikämpfe liefern, noch Divisionen geordnet in Schützengräben Platz finden wie in Verdun oder am Isonzo, sondern vier bis sechs Taugenichtse würfeln um die Wette und um die Welt. Im Roman lässt Krasznahorkai den geheimnisvollen Toot erklären, dass mit der Entdeckung der Neuen Welt der Atlantische Ozean nicht mehr das grenzenlose Ende der Welt ist, der „auf das Nichts schaut, kann jetzt unvermittelt auf das Etwas schauen“: auf die USA.
Im halb abgerissenen „Weißen Haus“ interessiert sich ein Hasardeur anscheinend nur um den Neubau, der ein Thronsaal werden soll – für Krönungen aller Art. Zum Zeitvertreib würfelt er oder zieht aus einem Hut einen Zettel, auf dem der Name jenes Landes steht, dem er demnächst einen Krieg androht – wie bei Auslosungen zur Fußball-WM: Grönland, Kuba, Haiti, vielleicht auch das „linke“ Bolivien?
Und vis a vis über dem Atlantik sitzt ein bösartig-verschlagener Mitspieler im alten Kreml-Palast. Der hat fast schon alles verspielt, Geburtsjahrgänge, Reputation und Großmachtstatus Russlands. Da waren die anderen Spielgesellen im eignen Interesse bereit, ihm zu helfen. Der Krieg gegen den Iran füllt die russische Kriegskasse. Den Krieg hatte Netanyahu geschickt eingefädelt. Die Sorge über eine iranische Atombombe legitimiert jeden Erstschlag, heißt es immer wieder…
Da hatte sogar Putin nichts dagegen, sollte einer seiner engsten Freunde bombardiert werden. Am Spieltisch waren Wetten abgeschlossen worden, dass der Schwanz mit dem Hund wedeln wird – wag the dog. Deshalb hat Netanyahu mehrmals eine Sechs gewürfelt: Trump darf also Netanyahu die Hauptlast abnehmen. Jetzt kann Israels Armee den Süden Libanons „platt machen“.
Mit dem Krieg gegen die Ukraine hatten die Spielgesellen ihre Spielregeln erweitert.
Niemand sagte etwas, wie Netanyahu immer eine sechs würfelte. Wenigstens Xi lächelt noch immer wie eine ägyptische Sphinx. Er weiß genau, dass im Fall Ukraine und Iran die alten Großmäuler den Mund zu weit aufgerissen haben. Plötzlich sollen Koreaner, Weißrussen, Syrer und Söldner aus Mali, Eritrea oder auf der „Gegenseite“ die europäischen Mitglieder der NATO einspringen.
Jetzt ist es eindeutig: Es gibt heute bei keinem Krieg einen Sieger wie früher. So viele Raketen und Drohnen gibt es nicht, die zu Kapitulation und Frieden zwingen. Ihre Gefährlichkeit werden die iranischen Mullahs in den Planungen terroristischer Akte weltweit nachreichen und unter Beweis stellen. Der Rachefeldzug äußert sich zuerst in der Organisation des „molekularen Bürgerkriegs“, hatte Hans Magnus Enzensberger geschrieben. Die nötigen Voraussetzungen sind bereits vorhanden – schrieb er 1993: „Allmählich mehrt sich der Müll am Straßenrand. Im Park häufen sich Spritzen und zerbrochene Bierflaschen. …Im Schulzimmer werden die Möbel zertrümmert, in den Vorgärten stinkt es nach Scheiße und Urin.“
Wer hätte gedacht, dass Neoliberalismus, Fundamentalismen und weltweite Pauperisierung eine gegenstrebige Fügung bilden werden? Wer glaubt, sich noch im Fortschritt zur Weltindustriekultur zu befinden?
Weltpolitik ist ein Geheimnis umwittertes Würfelspiel geworden. Früher konnte man sich noch auf „tea-parties“ mit Barack Obama oder sich noch bei Epstein und Maxwell treffen. Das war die gute alte Zeit. Jetzt sitzen die Hasardeure wie Krähen um die Beute herum, aber hacken einander nicht die Augen aus. Das allein ist schon die Zeitenwende. Mit ihr gibt es weder Ideologien noch Überzeugungen, Im molekularen Bürgerkrieg ist jede Legitimation verdampft. Über die letzte Legitimation zum Krieg verfügt nur noch Israel.
Allein die chinesischen Schlachtpläne sind noch intakt. Chinas Führung weiß:
Alles ist Krieg! Der Unterschied zwischen Krieg und Frieden ist irrelevant. Ob die Okkupation durch den Handel mit elektronischen Geräten erfolgt oder durch Infanterie ist ein und dasselbe – das Erfolgsrezept schlechthin. Handelskrieg, Wirtschaftskrieg und Weltkrieg sind weitestgehend dasselbe, denkt man in China. Deshalb würfelt China im Moment nicht. Man würfelt nicht, da es zu wenig zu gewinnen gibt! –aber demnächst?
Nur Donald Trump „outet“ sich als politischer Hasardeur; die anderen tun auf seriös – besonders Putin. Trump hingegen zeigt sein Dispositiv politischen Handelns mit unverschämter Offenheit. Dieses Talent des Emporkömmlings teilt Putin mit Trump. Beide empfangen das narzisstische Diktat aus der demütigenden Herkunft und zwingt sie zur hochmütigen Anmaßung und zur Kompensation. Jedem Gegner würden sie grob antworten: „…und bist Du nicht willig, so brauch ich Gewalt….“
In Europa waren wir in der Vergangenheit allzu willig…..