Gedanken Reinhold Knolls

Angesichts der Kriege….

Kriegsdrohungen und Kriege kennzeichnen die letzten beiden Jahre. Sie sind das äußere Merkmal eines weltweiten Transformationsprozesses, den vor allem die Demokratien zu spüren bekommen. Die Veränderung der Welt wird die erste große Bewährungsprobe für ein politisches System, von dem wir noch nicht wissen, ob es bestehen kann oder sich wieder in ein autoritäres System zurückentwickelt. Im Moment gibt es mehrere Variationen, die zur Überlegung auffordern.

Angesichts der Kriege, die in Gaza, gegen den Libanon, gegen den Iran geführt werden, angesichts der Einbeziehung der arabischen Golfstaaten in diesen Konflikt, angesichts der Tatsache, dass in Europa seit vier Jahren Krieg zwischen Russland und der Ukraine herrscht, ist einmal der Blick in die Geschichtsbücher lehrreich, um mit Bestürzung festzustellen, dass unsere Geschichte in immer größerem Ausmaß einer Todesfuge gleicht. Sie erreichte im Zweiten Weltkrieg noch nicht ihren Höhepunkt.
Am Beginn des Wahnsinns steht der Marsch der napoleonischen Armee gegen Russland 1812. Am 24. Juni hatte die Armee mit 363.000 Mann die Memel bei Kaunas/Kowno überschritten. Bereits Ende Juli waren 34.000 Mann nach der ersten Feindberührung tot. Am 9. November hatte die napoleonische Heeresleitung endlich beschlossen, den Rückzug anzutreten. Somit kehrten noch 56.000 Mann um, in der Hoffnung irgendwie „nach Hause“ zu kommen. Am 15. Dezember   überschritten nur mehr 8000 Soldaten die Memel und waren vorerst in Sicherheit. Der letzte Feldzug der französischen Armee war dann nur mehr „Formsache“, denn die Alliierten konnten 396.000 Mann aufbieten, hingegen Napoleon nicht einmal die Hälfte. Die Jagd auf Napoleon begann mit dem dramatischen Sieg in der „Völkerschlacht“ von Leipzig zwischen 16. und 19. Oktober 1813. An ihr nahmen 301.000 Soldaten der Alliierten teil und das „letzte“ französische Aufgebot mit 171.000 Mann. 18% der vereinigten Heere fielen in der Schlacht, auf französischer Seite 34%. Das endgültige Ende des napoleonischen Spuks in Europa war die Schlacht von Waterloo am 18. Juni 1815. 145.200 Mann fielen über 72.250 Franzosen her und davon starben etwa 7.100 preußische Soldaten und 15.300 von der englischen Armee Wellingtons. 24.000 französische Soldaten fielen in Waterloo – 43% der Armee.

Bald darauf entbrannten wenig beachtete Kriege zwischen Russland und dem Osmanischen Reich, Russland und Polen. In diesen beiden Kriegen 1829/31 verloren etwa 31.000 Soldaten auf beiden Seiten der Schlachtfelder ihr Leben.

Und da war das 19. Jahrhundert noch lange nicht am Ende. Im 19. Jahrhundert kann man nur 29 Jahre zählen, in welchen voller Friede in Europa herrschte! Die übrigen 67 Jahre gehörten dem Krieg. Trotzdem ist nur der österreichisch-preußische Krieg 1866 und der deutsch-französische Krieg 1870 halbwegs in Erinnerung geblieben. In diesem Jahrhundert wie auch im 20. Jahrhundert herrscht die Überzeugung, jede Schlacht ist ein Kampf um Recht und Gerechtigkeit, eine Korrektur des historischen Verlaufs, sollte er zwischen Usurpation und Knechtschaft geendet haben. So trügt die Einladung zum „Völkerfest“, die Friedrich Schiller in seinem Gedicht „Die Kraniche des Ibykus“ formuliert hatte: „Wer zählt die Völker, nennt die Namen, die gastlich hier zusammenkamen….“

Die blutigste Schlacht im 20. Jahrhundert war der Kampf um Stalingrad, in der es unter anderem um das Prestige der politischen Führer ging – um Hitler und Stalin. Dort starben auf der „deutschen“ Seite etwa bis zu 800.000 Soldaten, auf sowjetischer Seite 1,100.000. An Häufigkeit der Kriege übertrifft das 20. Jahrhundert alle anderen bei weitem. Eigentlich gab es jedes Jahr irgendwo Krieg. Am längsten währte der Vietnam-Krieg – über 30 Jahre.

Die Anfahrt zum Schlachtfeld war im 20. Jahrhundert schon beim 1. Weltkrieg mit der Eisenbahn deutlich „verbessert“ und beschleunigt worden. Bismarck hatte sich noch darum gesorgt, die Ost-West-Verbindungen der Bahn verstärkt auszubauen, hingegen die alten Nord-Süd-Verbindung von Berlin nach Rom in den strategischen Planungen zu vernachlässigen. Also war noch im 19. Jahrhundert jeder Marsch zum Schlachtfeld eine schwer zu bewältigende Strapaz gewesen. Überdies hatte man mit dem Ausfall von mindestens 10% der Truppe zu rechnen. Wegen des neuen Bewegungskriegs, den Napoleon favorisiert hatte, marschierten französische Soldaten 1805 etwa 1000 Kilometer mit Sack und Pack. 1806 sogar 1300 km. 1812 legten die Soldaten zwischen der Weichsel in Polen und Moskau 1500km zurück, die der Rest der Armee wieder zurückmarschieren musste. Daraus erklärt sich die bittere Zahl von etwa 8000 Überlebenden. Diese strategischen Truppenbewegungen hatte nur der preußische General Blücher übertroffen. Er zwang seine Armee 1813/14 zum Marsch über 1600km. Für die Schlacht bei Waterloo waren von einem Teil der preußischen Armee Blüchers Marschleistungen von 40 bis 50km am Tag gefordert worden. Es war das Geheimnis des Sieges. Dieser Rückblick soll uns einerseits vor Augen führen, welche Folgen die nun in den täglichen Meldungen verkündeten Kriegsandrohungen haben, wie uns auch klar werden sollte, welches unmenschliche Schicksal die darin verwickelten Menschen erleiden.

Im „modernen“ Krieg gibt es in Wirklichkeit ja keine Unterscheidung mehr zwischen „Krieg führenden“ Personen und Zivilbevölkerung. Eine Unterscheidung nach Genfer Konvention war mit dem Bombardement von Dresden und dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki endgültig hinfällig geworden. Somit ist auch die Zivilbevölkerung zur „belligerenten“ erklärt, sowohl am 14.2. 1945 in Dresden, als auch am 6. und 8. August 1945 in Japan. Es berechtigt bis heute zu den „Interventionen“ im Gaza-Streifen, als auch im Libanon; es scheint zum Angriff auf „zivile“ Ziele „zu berechtigen“, ja sie werden sogar angedroht, obwohl Konventionen und Kernsätze des internationalen Rechts dies noch immer verbieten.

Die Ergebnisse der Kriege im 20. Jahrhundert hatten nur wenige Jahrzehnte eine Schock-Reaktion ausgelöst, die mit dem „Fußpunkt“ der ersten großen Transformation im Weltgeschehen endete – der geopolitischen Wende in Europa um 1989. Es war erst der Anfang. Mit den politischen „Mutationen“ in den USA, in Russland, im Aufkommen starker neuer nationalpopulistischer Strömungen, die ausgerechnet in Europa ihren Anfang nahmen, erlagen einige politische Systeme der Antinomie der Modernen. Die Zerrüttung der modernen gesellschaftlichen Strukturen, deren Zustand ein von politischer Verantwortung emanzipierter Neoliberalismus verschärfte, ist zum Merkmal geworden. Die Hoffnung wird zwar verbreitet, die Technisierung unserer sozialen Umwelt wird ihre domestizierende Wirkung auf Gesellschaft und Staat nicht verfehlen, doch nirgendwo gibt es Anzeichen, dass sich die Teilnahme an den technischen Wandlungsprozessen auch im Wandel des politischen Bewusstseins vollzieht, also sich von den Mustern des Autoritarismus abwendet. Die Antinomie der Moderne zeigt inzwischen das Gegenteil.

Nun ist in erster Linie ein Wandel selbst im Kriegsgeschehen zu beobachten. Ein frühes Muster für unsere Gegenwart war die Entscheidungsschlacht von Midway 1942 zwischen japanischer und US-amerikanischer Flotte. In dem Maß die Zivilbevölkerung betroffen ist, sank in gleichem Verhältnis die Opferzahl bei den Soldaten. Auf US-amerikanischer Seite starben in der Schlacht um Midway 300 GI´s – vornehmlich Piloten, hingegen 3100 japanische Matrosen und Piloten. Eine Ausnahme bildet gegenwärtig der russisch-ukrainische Krieg, über den es keine offiziellen Verlustzahlen gibt.

Die Zunahme der Konfliktszenarien, die offenbar auch für das Selbstverständnis des US-Präsidenten von Belang sind, ist der Ausgangspunkt für Hypothesen, die eine deutliche Verschiebung der Mächtekonstellation prognostizieren. Es scheint der Fall zu sein, dass China noch die stabilste Macht zu sein scheint, Russland geht unsicheren Zeiten nach Putin entgegen und im Fall von Donald Trump scheint alles möglich zu sein, sei es das Ende des demokratischen Systems, sei es ein neuartiger autoritärer Staat. Vielfach scheint ein mondäner Faschismus im Vormarsch, bald traditionell chauvinistisch, bald von der Möglichkeit der Manipulation durch Technik ermuntert – als Abklatsch des futuristischen Manifests nach Marinetti, das Mussolini umzusetzen verstand. In ihm war von der „Hygiene des Kriegs für die Kulturen“ geschwärmt worden, von der Verwandlung des Menschen in eine Maschine.

In einer Analyse stellte 1897 Otto Berndt fest, ein k.u.k. Hauptmann im Generalstab: „Wer die Erscheinungen der siebenjährigen und napoleonischen Kriege unbefangen vergleicht, muss zur Erkenntnis gelangen, dass die heutigen Heere mit ihren auf die Masse berechneten Wehreinrichtungen und ihrer kurzen Dienstzeit den alten an Kriegsbrauchbarkeit nachstehen. Letztere sinkt naturgemäß in dem Maß, als die kriegerische Ausbildung des einzelnen Mannes herabgedrückt wird, ein Nachteil, der bei einer Herabsetzung der Dienstzeit notwendig in den Kauf genommen werden muss. Ob der mit einer Verkürzung der Dienstzeit herbeigeführte Vorteil, eine größere Masse im Kriegshandwerk auszubilden, jenen Nachteil wettmachen kann, diese Frage wird erst der Krieg selbst entscheiden…..Möglich auch, dass wieder einmal ein Alexander oder ein Bonaparte ersteht, der mit einer kleinen, aber auserlesenen, hervorragend kriegstüchtigen, tapferen Armee in die schwerfällige, kriegsunlustigen Völkermassen hineinfährt wie der Hecht unter die Karpfen im Teiche und sie zerstieben macht in alle Winde.“ So wird die verdienstvolle Statistik eines alt-österreichischen Hauptmanns zum Kommentar für den  Roman von Laszlo Krasznahorkai „Krieg und Krieg“. Im Roman wird die Meinung ernsthaft nahe gelegt, dass seit jeher der Krieg eine mystische Größe in der Menschheitsgeschichte besitzt und darüber hinaus gibt es keine denkbare Alternative zum Krieg – seit der kretisch-minoischen Kultur, denn schon das Verhältnis der Menschen zueinander, die marodierenden Kinderbanden auf der Bahnstrecke nach Budapest, das Messerattentat eines Puertoricaners auf Krasznahorkais Romanfigur noch in der Halle des Kennedy-Flughafens in New York, die bedrückenden Begegnungen von Mann und Frau immer schon, sind generell von Gewalttätigkeiten durchsetzt. Es bleibt eine propagierte Illusion, es ist eine „Still-Legung“ durch politische Narkose, hier an einen gesellschaftlichen Ausgleich zu denken. – Friede könne man nach Meinung des Nobelpreisträgers weder in den Mund nehmen, noch könne man realistisch an Frieden denken, denn einem Krieg folgt der nächste Krieg –  lückenlos und immer – wie das Amen im Gebet. So hatten wir eben im 20. Jahrhundert insgesamt 100 Kriege – jedes Jahr!