Der Sieger aus den beiden Kriegen, Russland gegen die Ukraine und USA/Israel gegen den Iran, ist schon jetzt – China. Schlägt man das alte Lehrbuch strategischer Planung des Sunzi auf, wird man bereits auf den ersten Seiten lesen können, dass in bewegten Zeiten der „unbewegte Beweger“ den größten Erfolg haben wird. Vor 2500 Jahren hatte der große daoistische Theoretiker Sunzi grundsätzlich vor jeder kriegerischen Auseinandersetzung gewarnt. Zu groß ist das Risiko, statt zum Erfolg in die Niederlage zu geraten. Um erfolgreich zu sein, wird man wohl andere Mittel einsetzen müssen, als um jeden Preis einen Krieg anzuzetteln. Sinngemäß hat auch der berühmte Militärtheoretiker Carl von Clausewitz vor mehr als 200 Jahren eine ähnliche Warnung an die Feldherren gerichtet.
Sowohl Putin als auch Trump befinden sich noch im alten Modelldenken. Ihr Krieg würde dank Übermacht letztlich vom Erfolg gekrönt. So sieht es aber nicht aus. Weder Kiew noch Teheran sind in die Knie gegangen. Beide Großmacht-Politiker begriffen nicht, dass ein Krieg, in dem moderne Militärtechnik zur Anwendung kommt, nicht mehr gewonnen werden kann. Der wahrscheinlich letzte konventionell-militärische Sieg gelang Aserbeidschan im Zweiten Bergkarabachkrieg 2020. Es war ein „altmodischer“ Krieg. Seit dem Vorjahr sind hingegen Kampf-Roboter in der Region um Bachmut in der Oblast-Donezk-Region im Einsatz. Bei den russischen Soldaten verbreiten die Kampf-Roboter Angst und Schrecken. Eine Aktion ohne Einsatz von Soldaten wird die Zukunft der Konfliktaustragung sein. Es ist ein revolutionärer Schritt, der künftig jeden Kriegsschauplatz in Science fiction-Szenen verwandelt.
China verfügt mit Sicherheit über eine ebenbürtige militärische Ausstattung. Dennoch bleibt die Staatsführung bei der genuin-chinesischen Strategie. In ihr besitzen die nicht-militärischen Schachzüge eindeutig den Vorrang. Nach dem Strategie-Modell des Sunzi haben alle Aktionen und Initiativen der Regierung aus allen politischen Bereichen chinesischen Interessen zu folgen. Somit sind selbst friedfertig scheinende ökonomische, industrielle oder kulturelle, bildungs- oder energiepolitische Bereiche Teil der Strategie. Neu daran ist, dass die Volksrepublik China sich in großen Zügen erstmals als „weltpolitischen Mitbewerber“ um die Macht über die Welt sieht. Die militärpolitische Wende war nach dem grausamen Zwischenspiel der Kulturrevolution eingetreten. In der neuen Linie der Innen- wie in der Außenpolitik wollte man die Folgen der Kulturrevolution der 60er Jahre überwinden und die Parteiführung hatte sich für eine durchgreifende Modernisierung entschieden. So kann man mit Ironie behaupten, dass jedes China-Restaurant zugleich ein Werbeträger der chinesischen Kultur- und Außenpolitik ist. Wenn Josef Weinheber in seinen Gedichten vom alten Wiener Wirtshaus schwärmte, von der Suche des Wiener Phäaken nach Gaumenfreuden, so müsste dieser heute in ein China-Restaurant einkehren. Ebenso kann man der Meinung sein, dass zwar das Fahrrad mit Pedal und Tretkurbel eine französische Erfindung der Brüder Olivier 1867 war, doch inzwischen ist es das unverwechselbare Merkmal chinesischer Mobilität in den Millionenstädten.
Äußerst differenziert wird traditionellen Kulturmustern anderer Länder und Kontinente der chinesische Stempel aufgedrückt. Sie werden gleichsam penetriert und bestätigen so die Tendenz, dass alles sich mit Hilfe von Chinas Produktivität in eine vereinheitlichende Weltindustriekultur entwickelt. Die Akkulturation findet ihre Absicht auch in der offiziellen Wirtschaftspolitik der chinesischen Parteiführung, die sich nach dem Parteitag 1979 für einen modifizierten Neoliberalismus entschieden hatte. Noch dramatischer ist die weltweite Präsenz Chinas in Industrie, Technologie und Ökonomie. Der Streit über den Verkauf von Eigentumsrechten am Hamburger Hafen enthüllte die peinliche Tatsache, dass inzwischen fast jeder europäische Hafen die chinesische Volksrepublik als Anteilseigner im Firmen- und Grundbuch führt. Die „Denkfaulheit“ in großen Konzernen, die Unlust gegenüber innovativer Entwicklung und satte Selbstzufriedenheit sprechen gedankenlos die Einladung an die Volksrepublik China aus, sich nicht nur an der „westlichen“ Industriekultur zu beteiligen.
Zur Erklärung dieser stillen „Kulturerosion“ kann man mit Einschränkungen den „Clash of Civilization“ aus 1993 von Samuel Huntington heranziehen. Während sich die traditionellen Großmächte plagen, ihr politisches Selbstverständnis beizubehalten und immerzu nachzuweisen, was regelmäßig an den Schnittstellen der „politischen Kulturräume“ zu problematischen Militärinterventionen führte, übte sich China in Zurückhaltung und subtilen Vorbereitungen der Akkulturation. Die „chinesische Wende“ im Selbstverständnis einer neuen Großmacht war zum Zeitpunkt aktuell als man dazu überging, den Konfuzianismus als traditionellen Bestand des kulturellen Gedächtnisses zu „historisieren“, aber gleichzeitig sich in der Übernahme des Neoliberalismus als neuen weltpolitischen Akteur zu positionieren. Inwieweit der Buddhismus als Sammelbegriff jene Integration von sozialer Ordnung, Kosmos und individuellem Handeln noch zu leisten vermag, ist zunehmend ungewiss. Die Ordnung der Welt beunruhigt eher und wird in China nicht mehr auf einem Weg zur Harmonie wahrgenommen. Hier könnte ein „Konfuzianer“ mit der Partei übereinstimmen, dass die Welt tatsächlich neu zu schaffen ist. Im neuen China ist man sich der Unterscheidung zwischen dem geordneten Kosmos und der äußerst unvollkommenen sozialen Ordnung bewusst, aber es gibt nicht mehr das religiöse Leben, das sich an der engen Verbindung zum Kosmos orientiert. Dieser Vorstellung folgte auch der erste Roman der Literaturgeschichte um 1370, der im daoistischen Einspruch gegen politische Willkür und korrupte Institutionen letzten Endes die Selbstaufopferung beschreibt, denn sogar der „entrückte“ Kaiser wollte diese säkularen und negativen Motive in seiner Wahl politischen Handelns nicht missen. Es ist mit der Absicht der Volksrepublik zu vergleichen, das Chinesische Meer gegen die Anrainer wie ein Binnengewässer zu nutzen und die Meerenge zwischen Festland und Taiwan zu blockieren. Es ist das Ziel, die verschiedenen Fesseln der Abhängigkeit immer enger anzulegen – in Afrika, in Südamerika, gegenüber Australien.
Mehr denn je müssten sich Chinas politische Aspirationen dem Lehrbuch Sunzi´s verpflichtet sehen. Es gibt noch die alte Klugheit, deren Quelle Kong fuze und Lao Tze waren. Wie lange werden sich die traditionelle Vorsicht und das neue Aufgebot an Macht und Gewalt die Waage halten? Im Kommentar zur letzten Übersetzung von Sunzi, „Kunst des Krieges“ (2026) heißt es daher: „Es gehört zu den großen zivilisatorischen Leistungen Chinas, das Primat des Zivilen (wen) über das Militärische (wu) stets aufrechtzuerhalten und so die Kontrolle über den Krieg gewahrt zu haben….Eine kriegerische Maßnahme wurde nicht als Norm verstanden, sondern eher als Normverletzung, als das letzte Mittel, wenn alle denkbaren politischen Maßnahmen nicht mehr greifen.“ Deshalb gibt es in China kein Heldenepos wie Ilias oder Nibelungenlied.
Wie erwähnt war der erste umfangreiche Roman „Vollständige Überlieferung von den Ufern der Flüsse“ von Luo Guanzhong und Shi Naian um 1370 publiziert worden und schildert die daoistische Grundhaltung, grundsätzlich gegen politische Willkür und Korruption zu kämpfen. Die Kulturrevolution hatte aber diese Grundlage nachhaltig geschwächt. Im Turbo-Kapitalismus, dem sich China ab den 80er Jahren zu ergeben schien, waren die Reformen nicht mehr innerhalb eines konfuzianischen Selbstverständnisses der Bescheidenheit und „innerweltlichen Akese“. .
Nun kann es sein, dass in der Kulturrevolution beabsichtigt war, jene Quellen des Konfuzianismus und Daoismus zu beseitigen, die nicht nur die Tradition Chinas prägten, sondern China immer auch als Mitte der Welt gesehen zu haben. So sagt es auch das Schriftzeichen, ein vertikaler Strich durch ein Quadrat. Wieso hätte man jemals in den Zeiten der Dynastien dieses Reich in der Mitte der Welt verlassen sollen, wo man doch bereits als Gesellschaft mit Wissenschaft und Kunst, Ästhetik und Dichtung im politischen, ökonomischen und kulturellen Selbstverständnis die ausgewogene Mitte der historisch-politischen Weltgeschichte bildete? Es hatte sich nämlich um 140 v. Chr. die Vorstellung „eingebürgert“, dass der Herrschaftsanspruch „alles unter dem Himmel“ erfasst. Somit war die mehr oder weniger bekannte Welt definiert, die unter einem runden Himmel viereckig war. Das wichtigste Merkmal war die Selbsteinschätzung, über eine enorm überlegene Kultur zu verfügen. Da waren sogar die Leitlinien der „Mao-Bibel“ in lächerlich kurzer Zeit zur „Geschichte geworden“. Allerdings bereitet es noch heute Schwierigkeiten, die Kulturrevolution „kollektiv“ zu vergessen. 1980 hat man wieder begonnen, sich an alte moralische Regeln zu halten, die mit jenen der Partei koordinierbar schienen. Plötzlich war damit ein Zweck offenkundig geworden, nämlich das politische Interesse an Zugewinn von Land zu legitimieren, die Grenzsicherung zu verschärfen und mit wüsten Begründungen Gebietsansprüche zu untermauern.
Wegen der Kulturrevolution und wegen der Erinnerung an die Invasion der europäischen Kolonialpolitik und an den japanischen Überfall, meinte man, sich gezwungen zu sehen, ein „Spieler“ in der Weltpolitik zu werden. In der Behauptung, Taiwan als Teil Chinas zu beanspruchen, in der Behauptung, das chinesische Meer zum „Subkontinent“ hinzuzuzählen, in den regelmäßigen Grenzübertretungen nach Sibirien die einmal vorhandenen Siedlungsgebiete forstwirtschaftlich zu nutzen. Die Machthaber in Peking begannen die Landesgrenzen als „fließend“ gemäß der wechselvollen Geschichte zu interpretieren, jedenfalls waren die betroffenen Landstriche der politischen Definitionsmacht in Peking unterstellt worden. Trotzdem würde niemandem in Peking einfallen, wie Putin oder Trump, Territorien mit Militär zurückzuerobern, aber stets in friedfertiger Absicht die Interessen in verschiedenste Staaten und Gesellschaften einfließen zu lassen.
Der US-amerikanische General und Militärstratege Samuel R. Griffith meinte 1963 im Kommentar zu Sunzi, „der Zivilisation wäre während der zwei Weltkriege …viel Leid erspart geblieben, wäre der Einfluss von Clausewitz monumentalem Band „Vom Kriege“…mit der Erkenntnis von Sunzis Darstellung…kombiniert und ausgeglichen worden.“ Dass zur gleichen Zeit Mao Zedong bereits anders dachte, das tiefgreifende gesellschaftspolitische Zerwürfnis provozierte und mit Gewalt und Schrecken eine chaotische Situation heraufbeschwor, die seiner Vorstellung von Kommunismus zu entsprechen schien, ist erst jetzt klar geworden. Giang Quing, Wang Hongwen, Yao Wonyuan, Zhang Chunquiao bildeten die berüchtigte Viererbande, die alle kulturellen Vermächtnisse zu zerstören trachteten. Diese Raserei hatte etwa 50 Millionen Menschen das Leben gekostet. Es zerbrach vor allem diese „überzeitliche“ Einheit des Denkens und Handelns, die im Zuschnitt von Kong fu tzu und im Tao te king den unangefochtenen sozialethischen Stellenwert um 500 v. Chr. formuliert hatten. Der Neo-Konfuzianismus war zum Zweck nationaler Identität erhalten geblieben, eben ein romantischer „Historismus“, der Formen des Traditionalismus kreieren half und damit waren die Absichten fortgesetzter Expansion nur noch deutlicher hervorgetreten.
Also lautet hier die Hypothese, dass China heute einerseits seine anti-daoistische „Kolonialpolitik“ gegen „die Welt“ vorantreibt, andererseits die Kriterien der ursprünglichen marxistischen Lehre als politische Geisteswissenschaft apostrophiert. Jedenfalls galten im alten China andere Regeln, die im Spruch 31 im Tao te king von Lao-Tse zum Ausdruck kommen:
Waffen sind Geräte des Unheils,
Keine Geräte des Edelmanns.
Nur wenn er nicht umhin kann, gebraucht er sie.
Friedliche Milde ist sein Höchstes.
Siegt er, so findet ers nicht schön.
Denn wer es schön fände,
Der freut sich, andere Menschen zu töten,
Wer aber sich freut, andere Menschen zu töten,
Darf seinen Willen dem Reiche nicht aufprägen.