Zukunftsmusik? – eine Satire
Um die Menschheit ist es schlecht bestellt. Das zeigen viele Forschungsergebnisse aus den Bereichen der Psychologe, Psychiatrie, Psychoanalyse, Neurologie oder Neuroscience: Menschen sind nicht nur für alle möglichen organischen Defekte anfällig, sondern die psychische Konstellation ist instabil und kann sogar insgesamt als unbefriedigende stochastische Konstruktion bezeichnet werden. Es war daher die vordringliche Forschungsaufgabe nach dem Ende des 2. Weltkriegs, wie menschliche Mängel halbwegs auszugleichen, oder gar zu beheben sind. Seit mehr als 70 Jahren wird in Experimenten unter Laborbedingungen untersucht, woher die Ursache dieser Imperfektibilität kommt, ob diese genetisch bedingt ist oder im Lauf des Lebens über Anpassungen erworben wird. In den Humanwissenschaften herrscht zwar die mehrheitliche Überzeugung von der Unverbesserlichkeit des Menschen, doch gerade deshalb wollen kleine Forschungseinheiten daran arbeiten, zumindest die schlimmsten Ausprägungen auszumerzen. Dank Technik, ja überhaupt mit der Übertragung technologischer Entwicklungen auf die Humanwissenschaften hat man nach jahrelanger Forschungsarbeit erreicht, nicht nur die Mängel des Menschen zu definieren, sondern einige Gebrechen und Fehlerquellen im Menschen auszugleichen. Unter anderem war es ein durchschlagender Erfolg, den menschlichen Mängeln durch gezielte Anwendung allgemeiner Prothetik beizukommen. Seither kann man das Mängelwesen Mensch mit Hilfen ausstatten, die einmal alle jene Behinderungen ausschalten, die bislang als unüberwindbare Hindernisse den Menschen beeinträchtigten.
Bald war man auch zur Einsicht gekommen, dass die oftmals in der Geschichtsschreibung erwähnte Klugheit des Menschen nicht im erwünschten Ausmaß in der Gegenwart erhalten blieb. So mussten die Neurowissenschaften jene vormalige menschliche Eigenschaft, immer Neues zu denken und zu schaffen, in Simulationsmodellen rekonstruieren. Es war die Antwort auf die in Fachkreisen verbreitete Ansicht, dass die menschiche Intelligenz seit gut zwei Jahrzehnte fast zum Stillstand gekommen ist. Daher hatte man sich als Reaktion auf diese Resultate der psychologischen Intelligenzmessungen nolens volens auf die biomathematischen Resultate Künstlicher Intelligenz konzentriert. Leider hatte man die Anfänge der Kognitions- und Ingenieurwissenschaften aus den futuristisch anmutenden 50er Jahren nicht mehr konsequent fortgesetzt. Dieses Versäumnis rächt sich jetzt, denn heute kann man sich schnell das bedrohliche Szenario vor Augen führen, sollte die Biosphäre der Menschheit in naher Zukunft gerade noch ein unwirtliches Leben einräumen. Spätestens mit dem Memorandum des Club of Rome 1972 war klar geworden, dass die Menschheit auf dem Planeten Erde keine unbegrenzte Zukunft mehr haben wird. So waren die Investitionen in Künstliche Intelligenz und Weltraumfahrt die einzigen in die Zukunft weisenden Projekte geblieben, in denen Grundfragen der Menschheit bearbeitet und zugleich lösungsorientierte Entwürfe diskutiert wurden.
Die konservative Antwort auf den Fortschritt Künstlicher Intelligenz und Weltraumfahrt die systematische Arbeit am genetischem Material des Menschen, Versuche durch Manipulationen der DNA-Struktur oder Experimente an Foeten, Einfrieren von Erbmaterial für bessere Zeiten. Unverdrossen hatte man dort auf die Verbesserung der menschlichen Natur geglaubt und alles war unternommen worden, um in Eingriffen, das Erbmaterial zu verändern. In diesem Zusammenhang hatten die Neurowissenschaften auf ihrem Gebiet einige Pionierarbeit geleistet und ein kompetentes Abbild des System Mensch verbindlich dargestellt. Diesem neu ermittelten Humansystem begegnen wir jetzt täglich in jedem Zug der U-Bahnen, in jedem Autobus. An jedem Morgen beweisen die Menschen, das Interesse füreinander verloren zu haben, ja man begegnet keinem Blick mehr, und sei er noch so prüfend gewesen, denn die Augen sind von Monitoren oder vom Display gefesselt. Das sind jetzt die „Bezugspersonen“, das Display ist vermutlich die Sozialisationsagentur. Dort sind die existentiell relevanten Mitteilungen oder Begegnungen zu sehen, zu erleben und auch zu lesen. Mit diesen Erfahrungen wissen wir: der Mensch ist kein soziales Wesen. Jedes Gerät aus dem Fundus der Kommunikationstechnologie stellt klar, dass dieses in den Mittelpunkt gestellte Miteinander der Menschen willkürlich behauptet wird, die Soziabilität und Vielfalt der zwischenmenschlichen Beziehungen und Gruppen waren nur wegen der sozialwissenschaftlichen Ideologiesierungsprozesse geglaubt worden. Diesen Eindruck bestätigen vielleicht noch retardierte Kulturen, die wenig erforschten Tasaday-Indianer auf Minanao, 1971 entdeckte Steinzeitmenschen, ändert aber nichts an der wissenschaftlichen Diagnose, dass kein Mensch eines anderen Menschen Freund ist. Nach dem Ausflug in die Ideengeschichte war dieser Merksatz bereits bei Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert zu lesen, doch diesem fehlte die empirisch erhobene Grundlage. Schließlich bestätigten die Studien von Stanley Milgram und Philip Zimbardo, dass Menschen generell lieblose wie unbarmherzige Erfüllungsgehilfen von Befehlen sind.
Nun wären diese berüchtigten Experimente nicht nötig gewesen. Schon in der frühen Verhaltensforschung war bekannt, Menschen sind nicht nur Mängelwesen, die gezwungen sind, ihre Defizite irgendwie auszugleichen, sondern auch tendenziell grausam. Die Spezialisation auf Unspezialisiertheit – so Konrad Lorenz – hatte sich vielfach als Voraussetzung dominanter Inhumanität gezeigt und war das betrübliche Ergebnis aller Hominisationsforschung bei Tier und Mensch. Diese Einsicht ist die direkte Aufforderung an die Humanwissenschaften, gerade diesen Makel der Menschheit zu nehmen. Diese Bemühung war bald vom Gedanken begleitet, ob nicht der Ersatz des Menschen die erfolgversprechendere Antwort ist? Mit Künstlicher Intelligenz hatte man ja nicht den Zweck im Sinn, fürs Kreuzworträtsel schneller eine Lösung zu finden, sondern in der Zwischenzeit war der Mensch selbst nicht nur der größte Kostenfaktor in Produktivität und in der Finanzierung der Sozialeinrichtungen geworden, sondern auch die größte Umweltbelastung. Plötzlich sah man in den Demokratisierungsprozessen erhebliche Erschwernisse in der Bewältigung jener Probleme, die der Club of Rome genannt hatte. War die orthodoxe Prothetik bei Lorenz Böhler eine Abhilfe bei Körperbehinderung gewesen, um wie viel wichtiger wäre eine „künstliche Prothetik“ bei intellektuellem Unvermögen? Und von diesem Unvermögen wusste man in den Humanwissenschaften genug.
Die Ergebnisse aus Psychiatrie und Psychoanalyse waren zusätzlich ernüchternd. Beide hatten fest an die über Sexualität vermittelte Tradition von Fortpflanzung und Beziehungsdauer geglaubt. Es entpuppte sich als Irrtum. Seit George Bataille ist eine alternative Interpretation der Sexualität üblich und die Einsicht geläufig, eine erotische Erfahrung gleicht dem Tod. „Es gibt keine Liebe, wenn sie uns nicht wie der Tod ist.“ Nun haben sich die Menschen in den Zivilisationen für unfähig erwiesen, dieser Liebesmacht gewachsen zu sein. Sie müsste im Bewusstsein so präsent sein wie die Sterblichkeit. Nun verrieten die Menschen die Liebe wie die Freiheit. Die Freiheit ging im Konsumerismus zugrunde, die Liebe an der Pornographie. Hätten Liebe und Freiheit wesentliche Merkmale von Gesellschaft und Mensch werden sollen, müsste heute die politische Wirklichkeit anders aussehen. Der soziale Wandel nach Aufklärung und Revolution bot kein Muster individueller und gesellschaftlicher Tugenden. Ein gesellschaftlicher Glückszustand war ja oft prophezeit worden, doch die Menschen waren wie zu „depressiven Matrosen“ im „Fliegenden Holländer“ geworden: – Untote sind sie, ausgelaugt, müde und leistungsschwach. Dass sie „leben“, ist nur an den Fingerbewegungen am Display des Telephons zu bemerken. Glücklich nur der, der die Gnade der Infantilität erfährt. Der „Holländer“ selbst ist „ohne Ziel, ohne Rast, ohne Ruh“. Es ist das bis heute relevante Daseinsparadigma. Erstmals hatte das Opern-Libretto Richard Wagners Sinn und Inhalt. Und in der schrecklichen Arie ist das Resultat dieser Irrfahrt durchs Leben zu hören: „Wann brichst Du an in meiner Nacht? Wann dröhnt er, der Vernichtungsschlag, mit dem die Welt zusammenkracht? Wenn alle Toten auferstehn. Dann werde ich im Nichts vergehn. Ihr Welten endet euren Lauf!“ Um Senta steht es um keinen Deut besser. Sie erleidet bereits in der Oper das Schicksal der Fabrikarbeiterin: „Summ und brumm, du gutes Rädchen . Munter, munter dreh dich um. Spinne, spinne tausend Fädchen. Gutes Rädchen summ und brumm.“ Freilich gibt es noch die Sehnsucht, doch im Kapitalismus ist jede Hoffnung zur Illusion oder Selbsttäuschung geworden.
Keine Generation weiß über diese fatale Ausweglosigkeit besser Bescheid als die gegenwärtige und nächste. Aus dieser Kenntnis stammt die wissenschaftlich Verantwortung, diese Imperfektibilität der Menschen in technischen Träumen zu beenden. Das kann auf zweifache Weise geschehen, lehrten die neuen Demiurgen. Also liegt die Zukunft in den Händen der technischen Wissenschaften. Man ist überzeugt, wenn in den 50er Jahren der erste Computer gebaut werden konnte, Heinz Zemanek nannte ihn liebevoll „Mailüfterl“, wird man doch heute nicht nur mehr zusammenbringen, sondern endlich eine perfekte Simulation des Menschen herstellen. Aus dem Titel des Theaterstücks von Karel Capek hatte man dafür das Wort entnommen, aus „Rossum´s Universal Robots“ von 1920 und seither erwartet man vom „Roboter“ die Zwangsarbeit, die bislang der Mensch zu leisten hatte. Allerdings war mit dem Ersatz menschlicher Arbeit kein menschenfreundlicher Sinn verbunden, sondern eine billigere Effizienz in der Produktivität.
Der erbitterte Zweikampf zwischen Genetik und Bionik hatten die Biotechniker für sich entschieden. Das Klonen der Schafe, Mäuse und vielleicht auch Menschen hatte sich nicht nur als sehr kompliziert erwiesen, sondern auch als kostspielig bei ungewissem Erfolg. Immerhin waren negative oder unerwünschte Eigenschaften im Genmaterial erhalten geblieben, die nach dem erfolgreichen Klonen unliebsam dominant erschienen. Die Bionik hatte hingegen den Vorteil, Wesen „ohne Geschichte“ zu erzeugen, Roboter eben, deren schadhafte Teile leicht ausgetauscht werden können und dank Künstlicher Intelligenz eine intellektuelle Kapazität erhalten, die von keinem Menschen mehr überboten werden kann.
Die Gelehrten der Bionik, der Biomimetik und Biotechnologie waren sich einig, ein Kongress müsse diesen Fortschritt publik machen. In Silicon Valley wäre der geeignete Ort und schnell hatte man sich auf das Motto des Kongresses geeinigt: Lasst uns den Menschen machen….