Gedanken Reinhold Knolls

Wien wirklich

Unser Wien – Wien wirklich

Ein anderer Reiseführer durch die Stadt

1.Spaziergang

Hoher Markt

Überpünktlich war er am vereinbarten Ort. Aus Höflichkeit war er zehn Minuten zu früh. Sein Wiener Freund hatte den Hohen Markt als Treffpunkt vorgeschlagen – nicht zu verfehlen, – vor der „Anker-Uhr“! Bald war er in der Menschenmenge eingekeilt. Hunderte waren wegen der Anker-Uhr gekommen. Aus dem Reiseführer wusste er, pünktlich um 12 Uhr würde das Spektakel beginnen. Es soll sich um eine Wiener Sehenswürdigkeit handeln. Shin Ansai fühlte sich zunehmend unwohl. Dennoch war seine Neugier, Wien besser kennen zu lernen, groß. Mehrmals war er schon hier gewesen, beruflich, doch erstmals hatte er für Besichtigungen eine Woche in Wien eingeplant. Mit diesem Wunsch hatte er seine japanischen Geschäftspartner überrascht. Sie konnten nicht glauben, dass er den Betrieb so lang allein lassen würde. Und jetzt freute er sich, hier zu sein. Endlich! Und die vielen Menschen um ihn herum bekräftigten im Nachhinein seinen Entschluss, in Wien zu sein. Endlich!    

Pünktlich mit dem Glockenschlag paradierte die personifizierte Landesgeschichte einer hinterm anderen entlang des Zifferblatts. Dazu war der  Prinz-Eugen-Marsch zu hören.  Was da zu bewundern war, konnte er sich noch nicht erklären. Das Publikum meinte wahrscheinlich, eine spätgotische Attraktion zu sehen, ein altes Kunstwerk aus dem 16. Jahrhundert. Ansai packte die Neugier und wollte auch die Rückseite der Uhr sehen. Er löste sich aus der Menge und entdeckte auf der Rückseite der für ehrwürdig alt gehaltenen Anker-Uhr römische Ziffern. Dank Google war es ihm möglich, die geheimnisvollen Zeichen zu entziffern: 1914.

Das bestätigte sein Gefühl, dass die „Anker-Uhr“ im Grunde ein Schwindel ist – und er ärgerte sich! Vor allem deshalb, weil er dem Hinweis des Reiseführers geglaubt hatte.

Zu seinem Glück war er von seinem Freund entdeckt worden. Es war eine innige Begrüßung! Zuletzt hatte er Franz im Konzert des Tokyo Philharmonie Orchesters gesehen. Mit der Begrüßung war beiden das Konzert in bester Erinnerung: Das Orchester hatte unter Myung-Whun Chung Beethoven und Strawinsky gespielt. Zuvor hatten sie sich vor dem Okura Shokukon Museum getroffen. Daher spürte Franz seine Verpflichtung, seinem Freund Shin Vergleichbares zu bieten. Noch war die Orgel der „Anker-Uhr“ zu hören, also begann Franz über diese sonderliche Sehenswürdigkeit zu berichten;   

Eine Schweizer Versicherung hatte vor über hundert Jahren die Idee, am eigenen Haus diese Uhr anzubringen. Sie war als Nachahmung der englischen oder niederländischen, belgischen Glockenspiele gedacht und der Maler Franz Matsch wurde beauftragt, aus der Landesgeschichte ein sympathisches Märchen zu machen.

Der erste Probelauf der Uhr samt Glockenspiel und Aufmarsch der Berühmten war zu Kaisers Geburtstag am 18.8.1915 – mitten im 1. Weltkrieg. Dann stand die Uhr wieder bis 1916 still. Da war zum letzten Mal eine Figur in Gestalt Franz Josephs erschienen, während der Musikautomat die Kaiserhymne abspielte. Nach 1918 erschien der Kaiser nicht mehr, stattdessen Joseph Haydn, aber ohne die Kaiser-Hymne.

Diese Umstellungen sagen sehr viel über das Verhältnis zur Geschichte, meinte der Wiener Freund zu Ansai. Auf den Spaziergängen wird man schnell dieses schizophrene Verhältnis zur Geschichte kennen lernen. Da wird, wie in diesem Fall der Kaiser Franz Joseph von diesem Mummenschanz entfernt, dafür schreibt man auf die Hofburg in großen Lettern: Sisi-Museum.  

Dazu passend leierte die Uhr wieder ihr Programm herunter. Die Zuschauer photographierten, machten ihre „Selfies“ und waren sicherlich der Überzeugung, nun echte Kenner der Stadt geworden zu sein.

Dass diese Uhr die Nationalsozialisten nicht erfreute, liegt auf der Hand. Sie war dank Schweizer Investition ein patriotisches Symbol geworden, was an und für sich schon absurd klingt. Man war nicht unglücklich, dass das Spielwerk verstummte. Die Uhr stand still – bis 1956. Seither bietet der Musikautomat Tonaufnahmen von Orgeln verschiedener Wiener Kirchen an – statt Kaiserhymne und Franz Joseph.

Nur zu gern hätte der japanische Tourist gewusst: welche Geschichte der Hohe Markt wirklich hat, verrät doch der gegenwärtige Zustand nichts davon? Kein Tourist beachtet in der Mitte des Platzes das einzige Objekt, das von der barocken Vergangenheit übrig ge3blieben war: den Vermählungs- oder Josephsbrunnen. In der jetzigen Form nach einer Skizze von Johann Emanuel Fischer von Erlach 1732 errichtet, nachdem das Vorgänger-Modell aus Holz von 1702 recht schäbig geworden war. Im 2. Weltkrieg wurde der Brunnen beschädigt und um 1955 nach Entwürfen von Wander Bertoni renoviert. Immerhin war der Bildhauer mit der Restauration zahlreicher Skulpturen beschäftigt, die im Krieg beschädigt worden waren – etwa mit der Pestsäule am Graben oder der Madonna an der Fassade des Hochholzerhofes auf der Tuchlauben.

Bei diesen Schilderungen fragten sich beide, ob man alle diese historischen Bedeutungen dem Hohen Markt noch ansieht? Diese Gebäude erinnern jedenfalls an Nichts.

Es waren spätestens im 19. Jahrhundert die Reminiszenzen der mittelalterlichen Stadt beseitigt worden, die spätantiken römischen Spuren waren längst verschwunden. Am Hohen Markt war einmal das Gerichtsgebäude, die mittelalterliche „Schranne“, von deren Balkon aus die Rechtsbrecher zur Schau gestellt wurden. Heute ist es das Versicherungsgebäude samt Anker-Uhr. Allerdings halfen die Bombenschäden 1945, die römische Geschichte in Wien wieder ans Tageslicht zu bringen, doch damit waren die barocken Reste endgültig abgerissen worden. Wenn es wer wissen will, sind unter den Häusern des Hohen Marktes die spärlichen Reste der Spätantike. Zu den mageren Schätzen der Wiener Stadtarchäologie gibt es einen engen Abgang. Die aufwendige Pflege will mit den wenigen Exponaten nachweisen, dass Wien ebenfalls zur Liste römischer Kleinstädte gehörte. Hinter den Resten der Spätantike breitet sich der Hochmut aus, selbst diese kargen Zeugen der Vergangenheit bewundern zu dürfen.  

Das waren jetzt für Ansai Andeutungen, die ihm rätselhaft waren. Ihn wunderte diese Distanz seines Freundes zur offiziellen Geschichte der Stadt, zu den Zeugnissen der Vergangenheit. .

Die Betrachtung der römischen Ruinen zahlt sich für einen japanischen Touristen nicht aus, setzte der „Stadtführer wider Willen“ fort, sollte man nur einmal kurz in Rom gewesen sein. Der zum „Fremdenführer“ avancierte Freund erklärte unumwunden, dass diese angepriesenen römischen Ruinen zu vernachlässigen sind. Allerdings belehren die Pläne der Archäologen, wo das römische Militärlager angeordnet war, von dem aus die zögerliche Stadtentwicklung Wiens in der Spätantike ihren Ausgang nahm. Daher war die erste größere Kirche auf „Neuland“ außerhalb der römischen Ansiedlung gebaut worden – also dort, wo heute die Stephanskirche steht. Davor bestand eine Kirche, deren Entdeckung man den Grabungen für den Bau der Wiener U-Bahn um 1975 verdankt. So kamen die eindrucksvollen romanischen Reste der Virgil-Kapelle ans „Tageslicht“.  

Offenbar verwandelte sich Franz wirklich in Blitzesschnelle in einen Fremdenführer. Er redete in einem fort und behauptete, in Wien hätten zwei Gründungen stattgefunden, die die Verbindung zum alten Salzburger Bistum und zu Passau nachweisen. Kostenlos kann jeder Tourist im Stationsbereich der U-Bahn am „Stephansplatz“ diese Baugeschichte betrachten. Doch nur wenige machen Gebrauch davon.

Jedenfalls war die zentrale Wirkung des früheren Schwerpunkts der Stadt, das Militärlager, in Vergessenheit geraten. Nur Adolf Loos hatte davon noch eine Ahnung, als er für den Michaelerplatz das erste „moderne“ Haus plante. Darüber mehr aber am Michaelerplatz, sagte Franz zum verstummten Japaner. Dieser nickte immer nur, aber nicht aus Zustimmung, sondern aus Ergebenheit. Er ließ seine Blicke am Hohen Markt über die Fassaden schweifen und sie gefielen ihm noch immer nicht.  

Ehe man vom Hohen Markt in die Wipplingerstraße weitergeht, sollte man ein wenig von den noch vorhandenen Resten der barocken Stadtplanung wissen, die nachhaltig von Prinz Eugen von Savoyen beeinflusst wurde. Zuvor muss man doch noch einen Blick auf den Abschluss des Platzes werfen. Allerdings muss man berücksichtigen, dass der Hohe Markt im Krieg arg beschädigt wurde. Dass daher neue Häuser nach 1945 errichtet wurden, ist eine Notwendigkeit gewesen, obwohl das oft behauptet wird. Nun ist vor Beginn der Wipplingerstraße links ein recht interessantes Haus, an das wir uns auf unseren Rundgängen erinnern sollten. Franz zeigte auf das Haus und Shin verstand anfänglich die Bedeutung des Hinweises nicht. Er wäre daran achtungslos vorbei gegangen. Die Hauseinfahrt ist erst auf der Wipplingerstraße und ist als Hausnummer 1 gekennzeichnet.

Was ist also an dem Haus so  wichtig?

Mit einem Blick kann man feststellen, wie die nahezu typisch zu nennenden „Wiener Veränderungen“ oder muss man „Modernisierung“ sagen? –  ein Haus nachhaltig ruinieren.

Mit der Front zum Hohen Markt muss es einmal ein frühes historistisches Gebäude gewesen sein. Im Aussehen hat es noch diese spröden Züge des Empire. Die Kunsthistoriker und Stadtspezialisten sprechen dahingegen von „Formen der Neu-Wiener-Renaissance“. Und wirklich hatte der planende Architekt Eduard Schmid 1884 damals aus der „Not“ eine „Wiener Tugend“ gemacht, nämlich ein Geschäfts-  und Wohnhaus einfach in einen „halben Palast“ verwandelt, mit der Gliederung der Fassade eine attraktive Spannung erzielt, die er sogar über die noch vorhandenen drei Geschosse dehnen konnte, ohne den Fehler der „Wiener Zinshaus-Architektur“ zu begehen – nämlich in der Struktur der Fassaden Wiederholungszwängen zu unterliegen. Das „zeichnet“ ja diese Zinshaus-Fassaden aus, dass sie bis zur Erschöpfung Ornamente verwenden, die ihren Sinn und Zweck schon längst verloren. Das ist jener Punkt, an dem Adolf Loos über den Wahn der Ornamente an Fassaden schonungslos zu schimpfen begann.

Shin glaubte, er befinde sich in einer Vorlesung in Kunstgeschichte und einen Stadtspaziergang hatte er sich niht so ausführlich vorgestellt. Ihm wäre es weit mehr um die Atmosphäre der Stadt gegangen.  

Was ist aber dem Haus angetan worden? Ansai verstand diese Frage nicht. Es fiel ihm zwar auf, dass sich über Erdgeschoß und Mezzanin eine Bank breit macht, die sich rücksichtslos gegenüber den Stockwerken darüber absetzt, aber in offenkundiger Missachtung einen grausamen Akzent setzt, der zur Debatte über das Hässliche und Ordinäre anregt. Der Bank war es gelungen, dass sich beide hier ergänzen. Und über dem letzten Stockwerk ist dann der typische Wiener Dachausbau, der nämliche Misston, der bereits laut und unübersehbar im Erdgeschoß angestimmt wurde.

Dieses Haus ist deshalb bemerkenswert, behauptete der „Cicerone“,  denn an ihm ist paradigmatisch die gerühmte „Wiener Revitalisierung“ zu sehen. Man könnte darüber dem japanischen Touristen die folgende Geschichte erzählen: Von einer Renaissance-Skulptur schlägt man die Unterschenkel und den Kopf ab. Man nehme also die Skulptur von „Perseus mit dem Haupt der Medusa“ von Cellini, entferne Unterschenkel und Haupt. Hierauf ersuche man einen Wiener Steinmetzmeister bei einem der städtischen Friedhöfe, den Torso zu ergänzen. Der Meister, gewohnt schwedische Granite in Formen eines Quaders oder Deltoids zu verwandeln, wird sich gewiss bemühen, Unterschenkel und Kopf für die Cellini-Skulptur zu ergänzen. Das Experiment wird in der Welt der Kunsthistoriker und Ästheten Empörung hervorrufen. So ähnlich behandelte man aber das Haus Wipplingerstraße 1. Nun ist das in Wien kein Einzelfall.

Es ist also einem Touristen aus Japan zu erklären, dass derartige lustvoll ausgeübten Zerstörungen, selbst wenn diese eine durchschnittliche Bausubstanz und eher „schmalbrüstige“ Ästhetik heimsuchen, ein Stadtbild, ein „Gesamtgefüge“ bewusst beseitigen und als Beitrag zur Unwirtlichkeit unserer Städte zu gelten haben. Deshalb soll Ansai dieses Haus im Gedächtnis behalten, um an allen Ecken und Enden der Plätze und Straßen in Wien dieses Zerstörungswerk am Stadtbild wahrzunehmen. Natürlich kann Gleichgültigkeit oder gnadenloses Unvermögen der gleichen Wurzel entstammen. Natürlich füllt ein derartiges Zerstörungswerk die Kassen der Geschäftemacher und Spekulanten. Der Anblick dieses Hauses an der Ecke zur Wipplingerstrasse ist die Bestätigung dafür. Vielleicht gelingt eine Begründung für dieses zeitgenössische Tun in Wien?

Die Wipplingerstraße

Sollte man das Haustor offen finden, wie gesagt: Hausnummer 1 der Wipplingerstraße, kann man sofort sehen, dass hier einmal ein historistisches Kleinod gebaut worden war – immerhin am Ende des „Foyers“ ein entzückender Maskeronbrunnen. Franz lud Shin ein, diese Hausfahrt genau zu betrachten, um sein Urteil zu verstehen. Und Ansai war wirklich erstaunt über die Geschicklichkeit, die vielen Materialien, mit unglaublichen Aufwand für Details eine normale Hauseinfahrt zu gestalten. Kunstwerk ist es nicht, dachte er, doch nun musste er Franz beipflichten.    

In weiterer Folge der Wipplingerstraße ist rechter Hand das „Alte Rathaus“, das die Handschrift von Johann Bernhard Fischer von Erlach verrät, aber nur die Handschrift. Der Baumeister des „Alten Rathauses“ war unbekannt und ehe das städtische Verwaltungsgebäude errichtet wurde, waren die Vorgängerbauten von unterschiedlicher historischer Bedeutung. Die neueste Forschung besagt, dass an der gotischen Version des Rathauses Laurenz Spenning arbeitete, der auch Dombaumeister war. Er schuf Beachtliches, wahrscheinlich ist der erhaltene Rahmen der Salvator-Kirche ein Werk von Spenning.  Überhaupt hatte er unter den Baumeistern im „römischen Reich“ eine gewerkschaftliche Funktion, sorgte für die Regelung der Gehälter und Versorgung der Arbeiter am Dombau. Am „Regensburger Hüttentag“ 1459 war sein Entwurf der  Anstellungsverhältnisse für verbindlich erklärt worden. Dombaumeister war er von 1454 bis 1477.

Früh hatte sich auf dem „Gelände“ des jetzigen „Alten Rathauses“  eine kleine Gruppe Wiener Patrizier zwei Mal gegen den Hochmut habsburgischer Herrschaft unter Friedrich dem Schönen verschworen. Der Aufstand war schnell niedergeschlagen. So hielt Friedrich der Schöne am 1. Februar 1310 ein Strafgericht  außerordentlicher Grausamkeit. Die umliegenden Häuser, vor allem das Schloss des hingerichteten Besitzers, waren beschlagnahmt und 1316 dem Stadtrat geschenkt worden. Schnell übersiedelte der Stadtrat in diese enteigneten Gebäude, in denen er bis 1885 blieb – bis zur Eröffnung des neuen Rathauses an der Ringstraße.

Der ganze Gebäudekomplex wurde nach 1420 auf Kosten der mittelalterlichen Bausubstanz umgebaut und erweitert, da man sich nach dem Wiener Pogrom von 1421 weitere Häuser der vertriebenen Juden angeeignet hatte.

Selten ist die vormalige „Rathauskapelle“ zu besichtigen, die zum Schloss der Wiener Patrizierfamilie gehörte – den sogenannten „Haimonen“; der beiden 1310 hingerichteten Brüder Otto und Haymo. Noch befindet sich über der Kirche der  älteste erhaltene Dachstuhl in Wien, von 1296 bis 1299 errichtet. Franz sagte absichtlich „noch“. Er meinte, in Wien ist kein Dachstuhl vor einem „Ausbau“ sicher.

Der bizarre Grundriss der Kirche entstand durch Zusammenlegungen, dessen gotischer Innenraum auch nach dem Umbau von 1741 erhalten blieb. Ab 1871 wurde die Kirche St. Salvator der altkatholischen Glaubensgemeinde zur Verfügung gestellt – bis heute.

Ein ebenso trauriger Schauplatz war der Innenhof des Hauses, da hier ein Repräsentant der ungarischen Magnatenverschwörung, Franz III Nadasdy 1671 hingerichtet wurde. Es war der empörte Protest des ungarischen und kroatischen Adels gegen Kaiser Leopold I., der trotz des Sieges gegen die „Osmanen“ bei Mogersdorf 1664 Gebiete Ungarns weiterhin dem Sultan überlassen hatte.

Etwas versöhnlicher ist im Innenhof der wenig beachtete Andromeda-Brunnen von Georg Raphael Donner von 1741.

Auch an diesem wäre Ansai ahnungslos vorbeigezogen, denn wer hätte ihn auf den Brunnen aufmerksam gemacht, wenn nicht Franz. Im Gebäude ist auch der alte Sitzungssaal des Rathauses. Im ehemaligen Festsaal befindet sich die witzig-groteske Ausmalung, auf deren Plafond in verkehrter Schrift belehrend mitgeteilt wird: Lauf oder sauf…

Der Brunnen von Raphael Donner ist insofern von Bedeutung, belehrte ihn Franz, da er ein sehr frühes Beispiel des Klassizismus in Wien ist. Merkwürdige Motive bereiteten dieser Auffassung den Weg. Da war Aufklärung im Spiel in der besonderen Helligkeit der Szenen, Anlehnungen an spätrömische Malerei und zugleich Renaissance, die vermutlich von den Malern auch verwechselt wurden. Bald war ein unangenehmer Akademismus erreicht worden, der die Gemälde wie den Bestand eines Lehrmitteldepots aussehen ließ. Mehr musste Franz nicht sagen, da Ansai sich über den Mangel an Erotik der Andromeda beklagen wollte. Ein Hinweis auf den Klassizismus Donners ist wohl seine Wahl des Vornamens „Raphael“ gewesen, den er nach dem Vorbild des großen Renaissance-Malers angenommen hatte. Donner hatte als Jüngling im Zisterzienserstift Heiligenkreuz beim Bildhauer Giovanni Giuliani das „Handwerk“ erlernt.

Vis a vis vom „Alten Rathaus“ wies Franz auf die vormalige „Böhmische Hofkanzlei“. Über zehn Jahre hatte Johann Bernhard Fischer von Erlach keinen Bauauftrag mehr in Wien erhalten, doch nun war er für den Entwurf der „böhmischen Hofkanzlei“ wieder gefragt. Der Auftrag, das „Winterpalais“ für Prinz Eugen zu entwerfen führte zum  Zerwürfnis mit dem Prinz. Lucas von Hildebrandt setzte die Arbeit 1702 fort. Somit war Fischer vermutlich bei dem Clan rund um Prinz Eugen in Ungnade gefallen. So war sein letzter Auftrag zehn Jahre vorher der Entwurf fürs Palais des Fürsten Batthyany in der Renngasse.  

Nun hatte Fischer das Gebäude an der Wipplingerstraße vorerst in ähnlicher Schlichtheit des Andrea Palladio konzipiert, aber durch den barocken Schmuck der Fassade war die anfängliche „Askese“ bald dahin. So vergisst man auch die bittere Konsequenz, die mit der Übersiedlung der „böhmischen Kanzlei“ von Prag nach Wien 1620 verbunden war.  Ferdinand II. hatte mit der Übersiedlung die zentrale Position Prags im alten Reich  absichtlich zerstört. Er befürchtete eine immer größere Eigenständigkeit dieser Verwaltungsbehörde in Böhmen und für das Reich. Diese Sorge war nicht unberechtigt, da die Kanzlei immer mehr die Regierungsgeschäfte des in Prag residierenden Kaisers Rudolf II. beeinflusst hatte, ja fast übernahm. Bald sah man sich in Prag als höhere Instanz als selbst das Reichsgericht, unabhängig und souverän. Dass Ferdinand II. mit der Übersiedlung der Kanzlei die politisch-kulturelle Identität Böhmens mutwillig beendete, da die tschechisch-deutsch-jüdische Beamten-Elite nach Wien beordert wurde, hatte zum Ergebnis, auf Dauer das Einvernehmen zwischen Böhmen und Österreich zu irritieren. Prag, bislang europäische Metropole, war bis weit ins 19. Jahrhundert zur musealen Provinzstadt geworden. Bei Betrachtung des grandiosen Verwaltungspalastes, bald waren die böhmische und österreichische Kanzlei zusammengelegt worden, war eine Reichsverwaltung geschaffen, die dann dem preußischen Grafen Haugwitz als Instrument der Bürokratiereform unter Maria Theresia diente.

Hinter beiden Häusern entdeckt man das Wohnhaus Johann Bernhard Fischer von Erlachs in der Jordangasse, was Ansai im Reiseführer entdeckt hatte. Fischer blieb in der Jordangasse ein bescheidener Bürger der Stadt.

Hier lebte auch kurz sein zweiter Sohn Joseph Emanuel Fischer von Erlach (1693-1742) Er hatte nicht nur viele Pläne seines Vaters abgeschlossen, sondern war auch ein hervorragender Konstrukteur. In dieser Eigenschaft wurde er nach England gesandt, um die neuen „Feuermaschinen“ zu erkunden. Im Grunde hatte er bei den englischen Kohlengruben vom Kaiser hoch bezahlte Werkspionage betrieben und seine Pläne und Skizzen der „Newcomenschen atmosphärischen Dampfmaschine“ nach Wien mitgenommen. Dieses Modell diente dann in den slowakischen (damals: nordungarischen) Bergwerken als Antrieb für Pumpen, um das Wasser aus den Stollen abzusaugen.

Ein Stoß im Himmel

Nach dem „Alten Rathaus“ querten sie die kleine Gasse „Stoß im Himmel“. Ansai wurde auf das dritte Haus auf der linken Seite  – Hausnummer 3 –  aufmerksam gemacht. Warum er ausgerechnet dieses Haus ansehen sollte, war im ersten Moment nicht zu begreifen. Als er von Franz hörte, dass es die erste Gründung einer Schule für Mädchen war, weckte es sein Interesse. Er wusste, dass die erste Mädchenschule in Tokyo erst in der Meiji-Periode 1875 gegründet wurde: „Tokyo joshi shihan gakko. Der Nachteil des Ausbildungssystems für Mädchen in Japan war die Erziehung zur Ehefrau und Mutter – „Ryosaikaubo“. In Wien hingegen, so man den Ausführungen glauben kann, war mit der Förderung des Kardinals Melchior Khlesl Maria Ward gegen anfängliche Widerstände aus Rom 1628 in der Lage, über 450 Mädchen zu unterrichten. Bald war der Orden der „Englischen Fräulein“ mit der Gründung von Schulen für Mädchen in ganz Westeuropa beschäftigt.

Kleine Umwege

Im Verlauf der Wipplingerstraße machte Franz seinen japanischen Freund auf den gewaltigen Niveau-Unterschied aufmerksam, der durch die an der Stadt vorbeilaufende Donau verursacht wurde. Ein Stück dieser Straße soll die „Via principalis“ gewesen sein, was man sich kaum vorstellen kann. Auch Franz hatte hier seine Schwierigkeiten, denn es konnte nicht sein, dass die angebliche Hauptstraße aus dem Kastell in diese Niederung führt.  Bestenfalls reichte sie bis zum „Tiefen Graben“ – und dann?. Der „Tiefe Graben“ selbst verläuft heute tief unterhalb der Wipplingerstraße. Die Donau war knapp an die mittelalterliche Stadt herangerückt, was man vom Franz Josephs-Kai aus an der am Flussufer errichteten kleinen spätromanischen Ruprechtskirche ebenso erkennen kann, wie am Passauer Platz, wo sich die Kirche „Maria am Gestade“ befindet.

Einer anderen Interpretation zu Folge, war die wichtigere Straße aus dem Militärlager jene, die  über die Tuchlauben zum Kohlmarkt verlief. Das war auch die Auffassung von Adolf Loos, da er genau am Schnittpunkt zischen Kohlmarkt, Herrengasse und Augustinerstraße sein berühmtes Haus positionierte. Doch darüber wollte Franz jetzt nicht sprechen und vertröstete Ansai auf später, sollten sie bis zum Michaelerplatz kommen.

Schwertgasse

Zu dieser gotischen Kirche gelangten sie, als sie von der Wipplingerstraße abzweigten und die kurze Schwertgasse durchquerten. Franz war diese Abzweigung sehr recht, denn endlich konnte er diese Stadtentwicklung seit der Spätantike auf sich beruhen lassen. So wies er sofort auf das Haus Schwertgasse 3. Da hatte Adalbert Stifter länger als ein Jahr gewohnt. Natürlich dachte Franz sofort daran, ob man einem Japaner Stifters Roman „Nachsommer“ begreiflich machen kann? Kann er überhaupt die darin entworfene Analyse des „Kaiserstaats“ nachvollziehen?

Kaum hatte Franz diese rhetorische Frage eher an sich selbst gerichtet, was Ansai als Unhöflichkeit empfand, kramte Ansai in seinem Gedächtnis. Er hatte auch Germanistik studiert. Zuerst an der Rikkyo-Universität in Nagoya und dann bei Kazuhiko Ogawa an der Universität Osaka. Bei Ogawa war Stifters „Witiko“ gelesen worden, allenthalben auch „Bergkristall“. So war er über Stifter recht gut informiert. Ansais Antwort auf die Unhöflichkeit beantwortete er ruhig und bestimmt: In Europa würde kaum wer einen japanischen Schriftsteller kennen. Er möchte erst gar nicht wissen, ob hier irgendwer Dichter kennt, die man auf die gleiche Stufe mit Stifter stellen könne. Er denke hier an Tokutomi Rika, an dessen Roman „Hototagisu“ 1898. Hier verwandelt sich das spätromantisch-prekäre Ich in eine reine Naturanschauung! Und wegen Stifters Neziehung zu Böhmen, lernte Professor Ogawa sogar tschechisch.   

Franz musste gestehen,  dass er von einer Stifter-Rezeption in Japan nichts wusste – aber schon gar nichts. Und noch deprimierender ist der Umstand, dass in der Schwertgasse nicht nur Stifter, sondern auch  andere Spuren verwischt wurden. In Wien ist der Umgang mit der Geschichte eine Kindesweglegung! Und sollte etwas adoptiert werden, dann bringt´s kein Glück. Davon war Franz überzeugt.

Shin Ansai hatte diesen nur gemurmelten Gedanken seines Freundes nicht verstanden. Wird er ihn jemals verstehen? Obwohl er gerade vorhin den Eindruck hatte, es gäbe eine Brücke, wie sie so oft in den Holzschnitten bei Hiroshige ein Motiv war, so erwartete er jetzt von Franz den ersten Schritt.  

Franz war Ansais Wissen über Stifter peinlich. Daher war sein  Hinweis, in der Schwertgasse 3 sei eine der ältesten Logen der Freimaurer gewesen, wie ein Versuch,  seine  Kennerschaft unter Beweis zu stellen.. Mozart war öfters in der Schwertgasse eingekehrt, pflegte die Mitgliedschaft, die ihm viele Anregungen bis zur „Zauberflöte“ geboten hatte oder diese seltsame Humanität in der „Entführung aus dem Serail“. Und Ansai war glücklich. Mozart war ihm vertraut. Die Musik hatte er „im Ohr“. Aus dem Gedächtnis würde er die Ouvertüre zur „Zauberflöte“ singen können. Da hatte er erstmals das Gefühl, in Wien zu sein.

Auf Ansais Schwärmen ging Franz nicht ein. Er wusste aus den Konzertbesuchen in Tokyo, Nagoya oder Fukuoka, endlos würde Shin über Musik reden wollen. Franz wusste, dass Shin selbst von den Wiener Philharmonikern enttäuscht ist, sollte Schmidl nicht die erste Klarinette spielen. Das war überhaupt die erste Begegnung mit Ansai in der Suntory Hall. Im Ohr hatte Franz noch dessen Enttäuschung  über die Dritte Brahms: „It was not Schmidl!“.

Sehr sachlich fuhr er fort: Das Haus selbst ist die übliche Stilmischung, die sich aus den Bau- und Renovierungsphasen ergeben hat. Vom beginnenden 16. Jahrhundert übers frühe 18. Jahrhundert bis zu den ersten nachhaltigen Veränderungen im Historismus war in der Schwertgasse 3 alles präsent. Solche Häuser sind jetzt die beliebtesten Objekte der Spekulation und nachhaltigen Zerstörung. In den  Einreichplänen wird zuerst von Sanierung gesprochen. Nachdem Abschluss der Arbeiten ist das Haus nicht wieder zu erkennen. Die Kastenfenster wurden durch „Plastikfenster“ ersetzt, das Haus um zwei Geschosse aufgestockt und das Dach zusätzlich ausgebaut. Im Erdgeschoß ein mondänes Wirtshaus und ein Souvenirgeschäft.  

Beide schwiegen und gingen langsam weiter. Ansai merkte an seinem Freund den Schmerz, wie Franz an den nachhaltigen Veränderungen in der Stadt litt. Es war ihm klar, ihm nicht helfen zu können.

Maria am Gestade

Die Kirche „Maria am Gestade“ wird nur von wenigen Touristen besucht, sagte Shin´s „Fremdenführer“. Bei Franz klang es wie eine Empfehlung, diese Kirche zu besuchen. Sie findet auch keine gebührende Erwähnung in den Stadt- und Reiseführern. In erster Linie fällt am Grundriss auf, dass er an die damaligen örtlichen Gegebenheiten wahrscheinlich angepasst wurde. Somit ist der Verlauf der gotischen Halle zum Hochaltar nicht geradlinig, wodurch für die gotische Halle ein besonderer Reiz erzielt wird. Zu fragen ist, ob diese Verschiebung der Achse durch den Steilabfall zur Donau verursacht wurde, oder aber durch die Anpassung des Grundrisses an die Stadtmauer? Um 1414 wurde die Kirche nach einer Bauzeit von etwa 30 Jahren fertiggestellt.

Da Wien erst 1468 ein eigenständiges Bistum wurde und 1723 Erzbistum, der erste Bischof von Wien war Leo von Spaur ab 1469, stritten sich die Bischöfe von Salzburg und Passau immer um den Einfluss auf diese Region. Nur Herzog Rudolf IV. von Habsburg bewirkte eine Unterbrechung. Er war der Schwiegersohn des luxemburgischen Kaisers Karl IV., der in Prag residierte. Mit unglaublichem Ehrgeiz hatte Rudolf die Stadtentwicklung Wiens vorangetrieben, hatte nicht nur den Dom zu St. Stephan initiiert, auch die Gründung einer Universität 1365 durchgesetzt. Er stattete die Stadt mit mehreren Privilegien aus, die aus Wien mit Donauhafen einen interessanten Umschlagplatz des Handels machte. Mit seiner Währungsreform stabilisierte er die ökonomische Basis der Stadt im weit geschätzten „Wiener Pfennig“ und belegte den Besitz der „toten Hand“ – der Kirche, mit erheblichen Steuerleistungen. Sein liberales Stadtrecht lockte Siedler und Handwerker an.

Die beiden Bischöfe von Passau und Salzburg führten eine Beschwerde nach der anderen in Rom gegen Rudolf IV., der sich selbstherrlich selbst den Titel Erzherzog verlieh. Das neue Domkapitel kleidete er derart ein, dass man der Meinung hätte sein können, in Wien würde eine europaweite Bischofssynode stattfinden. Die Wahlordnung  der römischen Kaiser in der „Goldenen Bulle“ von 1356 missachtete er und stellte diesem Dokument eine Fälschung des alten babenbergischen „Privilegium minus“ von 1156 entgegen, nämlich ein „Privilegium maius“, dem viel später Karl VI. die Beglaubigung und Gültigkeit zuerkannte. Mit dieser Fälschung beanspruchte Rudolf IV. eine erhebliche Unabhängigkeit gegenüber dem „römischen Reich“, also gegenüber seinem kaiserlichen Schwiegervater Karl IV. Das Dokument war im Grunde grotesk und kündigte dem Kaiser jede Dienstpflicht auf. 

Das politische Programm Rudolfs war der Wettbewerb mit Prag, den sein Bruder Albrecht III. fortsetzte. So war der Bau von Maria am Gestade, obwohl  nach dem Tod des Herzogs vollendet, für die Errichtung der Stephanskirche von Bedeutung, da der Turm zwar von einem „Baumeister Michael“ geplant war, aber vom späteren Dombaumeister Peter von Prachatitz zum Abschluss gebracht wurde.

Heute verfügt die Kirche über eindrucksvolle Gemälde des Meisters vom Minoritenorden, die im Chor der Kirche zu sehen sind.

Unter Josef II. wurde die Kirche aufgehoben und diente als städtische Kornkammer. Napoleon nutzte die gotische „Lagerhalle“ als Munitionsdepot und Pferdestall. Nach dem Ende der napoleonischen Kriege wurde „Maria am Gestade“ neu geweiht, restauriert und dem Orden der Redemptoristen 1820 übergeben.

Es war die gleiche Zeit, in der es das besondere Anliegen des „Romantiker-Kreises“ um Clemens Maria Hofbauer war, nach der Aufklärung eine  „Rekatholisierung“ zu erreichen. Zum „Romantiker-Kreis“ zählte unter anderem der Kulturhistoriker und Geschichtsphilosoph Friedrich Schlegel, dessen erste „Welt-Geschichte“ nicht nur die Ebenbürtigkeit der Kulturen betont, sondern auch die Geschichtsphilosophie Hegels kritisiert. Es ist die erste Publikation, die sich aus dem „Eurozentrismus“ löst. Clemens Maria Hofbauer erhielt in der Kirche eine Kapelle, in der das Hornberger Motivbild von 1462 zu beachten ist.

„Maria am Gestade“ ist in der Architekturgeschichte Wiens deshalb von Bedeutung, da viele Stilelemente sich bei der Errichtung der Stephanskirche wieder finden, wie auch die große Hallenkirche in Neuberg an der Mürz ein „Probegalopp“ für die Stephanskirche war. In Neuburg an der Mürz wurde 1397 der habsburgische Teilungsvertrag zwischen albertinischer und leopoldinischer Linie geschlossen. In der Folge war durch diesen Vertrag die Herrschaft über Spanien oder Mitteleuropa geteilt wurden. Nur Karl V. hatte beide „Kronen“ inne, regierte daher theoretisch auch bis „hinüber“ nach Mittelamerika. Die Wirksamkeit des Vertrags erlosch für „Mitteleuropa“ 1490, da Kaiser Maximilian I. über die zuvor geteilten Regionen des habsburgischen „Hausbesitzes“ verfügte. .

Da fasste Shin Ansai allen Mut zusammen und sagte gegen die dauernden Belehrungen seines Freundes, nicht die Absicht zu haben, bei einem Spaziergang österreichiche Geschichte zu lernen. Er könne sich nicht alles merken, was er sowieso morgen wieder vergessen hat.

Obendrein ist für die heutige Welt die Geschichte Österreichs von nachrangiger Bedeutung. Die Hälfte dieser Geschichte zu kennen, ist schon zu viel!

Franz entschuldigte sich. Jetzt hat er über eine Geschichte berichtet, die in Schulen nicht mehr gelehrt wird, oder wenn, dann nur als Geschichte der Unterdrückung und Leibeigenschaft. Im Grunde müsste sich jeder junge Mensch wundern, wie solche großartigen Werte und Werke bei derart widrigen Bedingungen geschaffen werden konnten. Die Landesgeschichte wird auf die letzten hundert Jahre zurechtgeschnitten und alles davor gerät ins Unvorbildliche. Im Zeitraum nach dem Ersten Weltkrieg gerät man noch mehr in diese Zusammenhänge der Bedrückung, Nötigung und Unfreiheit. Ob hier eine positive Identifikation mit dem Land gelingt, wird schwierig sein.

Franz wollte darüber nicht länger reden.

Ansai kannte das Problem historischer Kontinuität nur zu gut aus seiner Geschichte. Nie war man sich klar gewesen, ob sich Japan der Welt öffnen soll oder nicht, wie Traditionen zu pflegen sind ohne Entwicklungen zu hemmen, die das Land an Weltwirtschaft und Modernisierung teilhaben lassen. Man muss sich immer bewusst sein, meinte Ansai zu Franz, dass jede Gesellschaft immer mehr in enorme Belastungen und Herausforderungen gerät und nirgendwo gibt es eine Anleitung dafür, welche Entscheidungen getroffen werden sollten. Das macht eben die modernen Systeme nicht nur krisenanfällig, sondern allzu gern flüchtet man sich auch in die falschen Versprechungen autoritärer oder totalitärer Ideologien. Er möchte sagen, die Geschichte ist wie ein Pferd, das man an einer halbgeöffneten Tür vorbeijagen sieht. Und alle Phänomene der Welt gleichen Phantomen oder sind wie Tautropfen in der Morgensonne. Zeit und deren Verschwinden in der Geschichte gleichen einem Vogel, der in der Weite des Himmels dahinschwebt, ohne irgendwo nur einen Augenblick zu verweilen. Deshalb könne er jetzt nicht sagen, ob überhaupt eine Deutung der Zeit oder Geschichte möglich ist, da die eigentliche Wahrheit der Zeit entgegengesetzte Bedeutungen der „Phantome“ haben kann. All das Übel, das ich in der Vergangenheit bewirkt habe, entstammt anfangloser Gier, Zorn und Torheit. Mein Leib, mein Mund, mein Herz haben es hervorgebracht. Ich bereue es. Die Idee des „karma“ hat den elementaren Sinn, mich in der Beziehung zur problematischen Situation unserer Zeit zu sehen.

Beide schwiegen einige Zeit. Beide dachten an Musik, an eine Ton- Kunst, die in ihrer eigenen Zeit die Klangfiguren so zu formen vermag, als würde sich ohne Zutun eine Knospe öffnen.    

Dennoch war zu entscheiden!

Sollten sie zurück über die Salvatorgasse oder Richtung Börseplatz gehen? Also entweder wieder zurück zum Hohen Markt oder entlang der Wipplingerstraße zum Börseplatz.

Wäre jetzt eine Umkehr vernünftig? Shin Ansai wollte weiter gehen. Er war nicht müde, weit eher neugierig, ob er endlich irgendetwas Besonderes zu sehen bekommt, ähnlich der Schwertgasse 3.. Bislang hatte ihn kaum etwas beeindruckt, eher die Kommentare seines Begleiters, der über Mittelmäßiges so lange und kaum verständlich reden konnte. Sie setzten den Weg auf der Wipplingerstraße fort und kamen bald am Bankhaus Schoeller vorbei.

Dort arbeitete der berühmte Soziologe Alfred Schütz bis zu seiner Emigration nach den USA 1938. Und da zeigte sich bei Ansai erneut diese „Eselsbrücke“ in seinen Erinnerungen, dass er nämlich an der Sendai Universität, nahe bei Funaoka, beim Pionier der Phänomenologie in Japan, Yoshihiro Nitta, von Alfred Schütz gehört hatte. Das hatte Nitta in der anfänglich unverständlichen Hypothese erwähnt, die eine Verbindung zwischen Edmund Husserl und Martin Heidegger herzustellen versuchte. Damals hatte er diesem Versuch keinen Glauben geschenkt.

Auf der anderen Straßenseite blieben sie stehen, betrachteten das Haus, wo Schütz als Bankier gearbeitet hatte. Jetzt verstand Ansai aber, was Nitta mit der „Medialität“ in der Phänomenologie sagen wollte: die historischen Strukturen dringen in unsere Gegenwart ein, verursachen in ihr eine besondere Prägung, einem Bewusstsein nicht unähnlich. Dieses kann allerdings auch falsch sein. Es kommt auf die Analyse der Phänomene an, die sich in der Wirklichkeit einnisten und jede Beurteilung beeinflussen. Die Gedanken schienen bei Shin Ansai zu galoppieren und im Handtelephon fand er unter „Alfred Schütz“ das Zitat, dieser habe auch eine Analyse des „Fremden“ geschrieben, also darüber, was er selbst in Wien, hier in der Wipplingerstraße ist. Es amüsierte ihn, während sein Freund den Kopf schüttelte.    

Der Weg durch die Wipplingerstraße wird allerdings einen weniger interessierten Touristen nicht beeindrucken. Das „Alte Rathaus“ wird ihm so wenig sagen können, wie die „Böhmische Hofkanzlei“, in der jetzt der Verwaltungsgerichtshof der Republik untergebracht ist. Er wird keinen Hinweis finden, dass hier viele Häuser die ehemalige „Judenstadt“ bildeten. Heute erinnert der Name des dahinter liegenden Platzes – Judenplatz – daran. 1421 war hier das erste große Pogrom in Wien, die „Geserah“ in der Regierungszeit von Albrecht III.

Zur damaligen Judenstadt zählten jene Grundstücke, auf denen nach der Enteignung später die Häuser der Wipplingerstraße 5, 9, 12, 14 bis 19, 22-24 errichtet wurden. Auf Hausnummer 4 und 15 wohnte viel später Franz Schubert 1818 und 1821 und auf Hausnummer 14 wohnte W.A. Mozart im dritten Stock 1792 und hierauf auf Nummer 19. Im Haus Nummer 5, noch immer im damaligen Zustand erhalten, wohnte Gaetano Donizetti ab 1843  bis 1845.  

Für unseren Wien-Besucher waren die Namen der Komponisten mehr als geläufig. Allerdings irritierte ihn diese Diskrepanz zwischen mehr oder weniger belanglos-geschmacklosen Miethäusern und der Berühmtheit dieser Komponisten. Das hatte er nicht erwartet. Da musste er belehrt werden, dass im 19 Jahrhundert der Großteil des historischen Hausbestands in der Innenstadt mit solchen Gebäuden ersetzt wurde, wie man sie jetzt sieht. Hätten Staat oder Gemeinde mehr Geld gehabt, würden sie vielleicht schon damals alles abgerissen haben. Das wird jetzt nachgeholt! 

Am Ende der Wipplingerstraße öffnet sich der städtische Raum zum „Börseplatz“. Hinter den Bäumen kann man die alte „Börse“ sehen, ein ziegelrotes Gebäude von Theophil Hansen. Dessen Betrachtung wird später während des Spaziergangs entlang der Ringstraße nachgeholt..

Nun musste Franz Shin Ansai darauf aufmerksam machen, am Börseplatz die Dachaufbauten genauer anzusehen. Ihm müsse er ausführlich erzählen, was da in den letzten Jahren geschah! Zuerst waren die alten „Sockelzonen“ der Häuser gerade in der Innenstadt nahezu gänzlich zerstört worden und an deren Stelle entwickelte sich ein peinlicher Gestaltungswahn der Geschäfte. Die Struktur der Fassaden wurde missachtet, ob frühneuzeitlich, barock oder historistisch einerlei, der Umbau der Geschäfte verlangte nach „klarer Linie“, genereller Verglasung und erkennbarer Präsentation der Waren. Anfänglich konnte Shin Ansai nicht folgen, denn in Japan sind Veränderungen grundsätzlich ein „Kaizen“, also eine Veränderung zum Besseren, doch nun erfährt er, dass es in Wien gerade umgekehrt ist. Den Touristen fällt daher auch nicht auf, dass sie an den gleichen Läden in den noblen Straßen der Innenstadt vorbeiziehen, die sie aus Hamburg oder Düsseldorf, aus Bath oder Marseille bereits kennen. Und mögen diese Läden auch die noble Bezeichnung „flag store“ erhalten, so werden in Städten Europas die gleichen Produkte angeboten. Es sind stets die gleichen Firmennamen, dieselben Moden und Entwürfe für Koffer oder Kleider, die inzwischen jedem geläufig sein sollten. Ziel war es wahrscheinlich, mit dem Geschäftsumbau sich vom Gebäude selbst zu distanzieren, mag dieses einmal noch so elegant gewesen sein. Auf unserer Wanderung werden wir noch vielen Beispielen begegnen, erläuterte Franz, die Wien in die Nähe von Bochum oder Pforzheim rücken. Bereits in der Wipplingerstraße bemerkt man den fast absichtlich konzipierten, aber überhaupt nicht kreativen Widerspruch der Geschäftsportale gegenüber der Hausfassade. Nun kann man behaupten, dass diese Fadesse der historistischen Fassaden kaum den Kriterien eines Kunstwerks genügen, doch noch „besitzen sie ein Gesicht“, selbst wenn es verlogen scheint, eine Hochstapelei.

Entlang der Wipplingerstraße ist die Ansammlung hochnäsiger Einbildung fast noch im ursprünglichen Zustand erhalten. Es scheint schon das Nachbarhaus der „Hofkanzlei“ sich Fischers Planung ebenbürtig zu fühlen und zeigt keine Schwierigkeit, sich gegenüber Fischers „Hofkanzlei“ oder dem „Alten Rathaus“ zu behaupten.

Schlimm ist, dass man sich an dieses Aussehen der Wohnhäuser in Wien schon gewöhnt hat, an diese Groteske, dass man die erlesene Hässlichkeit der Geschäftslokale nicht mehr wahrnimmt, um dann nach mehrfachen Hinweisen die Fassade näher zu betrachten. Der Börseplatz erlaubt zusätzlich auch den Blick auf die Hausdächer. Da kann man erstmals wahrnehmen, dass in Wien die verschiedensten Fassaden der drei, vier letzten Bauphasen ab 1700 rücksichtslose Veränderungen erfuhren, sei es im Umbau der Sockelzone, sei es im Ausbau der Dächer. Der Überblick am Börseplatz reicht, um sich erstmals diesen Wandel des Baugeschehens in der Stadt zu vergegenwärtigen, um sich den Stadtbildverlust zu merken.

Beide begannen eine Diskussion darüber, wie dieser Hang zu Zerstörung und Hässlichkeit zu interpretieren ist. Beide meinten, dass es nur eine Antwort gibt. Und es war Ansai, der eine philosophische Lösung anbot. Vermutlich ist ein gestörtes „Selbstsein“ die  Ursache solcher ästhetischer Sünden. Es ist eine Leere im Subjekt, die nun mit Geltungssucht und mit Geld gefüllt wird. Sein Lehrer Keiji Nishitani, ein Religionsphilosoph, würde gesagt haben, referierte Ansai, dass die Anschauung eines „Nicht-Selbst-Seins“ die Überhand gewinnt. Mit der Entlohnung des Schlechten verliert sich jede reflexive Erkenntnis. Kaum ausgesprochen, flüchtete sich Ansai in sein unergründliches asiatisches Lächeln.

Die Renngasse

Der Anblick des Börseplatzes reicht aus, um nach links in die Renngasse abzubiegen. Die wenigsten Wien-Touristen wählen diesen Weg, denn die Renngasse in Richtung Freyung scheint eine nur geringe Attraktivität zu besitzen. Es ist ein Irrtum.

Gleich am Beginn der Gasse auf Nummer 10 ist linker Hand ein Wohnhaus 2019 errichtet worden, dessen Bausubstanz ausschließlich aus einer Holzkonstruktion besteht. Es ist seit 30 Jahren der größte Bau in der Innenstadt. Die planenden Architekten waren Evelyne Malek und Georg Herbst. Zwar reiht sich die formale Gestaltung in die bekannten Lösungsmodelle ein, doch es ist das Projekt von der Idee getragen, mit Holz gleichsam erneuerbare Baustoffe zu verwenden. Bekanntlich sind die Preise von Zement enorm gestiegen, also hat sich das Architekten-Team dazu entschlossen, den Schwerpunkt auf alternatives Bauen zu legen. Die geschwungene Fassade, die durch Holz erreichte Farbigkeit der Fassade ist in der Gasse buchstäblich ein gewöhnungsbedürftiger Kontrapunkt. Vor allem schließt das Gebäude unmittelbar an das Palais Windischgrätz an, das nun klein und bescheiden wirkt, wo es doch der Wohnort eines Ministerpräsidenten der Monarchie war, der für seine Zwecke die Belletage umbauen ließ.  Erstmals empfand Ansai, dass ihm die Darlegungen seines Freundes sofort einleuchteten.

Wahrscheinlich war man daheim recht gut beraten, den Großteil der kleinen Häuser rund um das Stadtzentrum von Tokyo in Holz gebaut zu haben. Alles hängt von der Dachkonstruktion ab, die man ab dem 10. Jahrhundert anwendete. Es war eine ästhetische Wirkung zu erzielen, Vorbild war das Dach des Horyu-Tempels von 1219. Jetzt begriff er, warum sein Freund so nachdrücklich auf die Zerstörung der Dächer hingewiesen hatte. Das historische Dach hatte bei ihm daheim vornehmlich den Sinn, eine „Kolonnade“, einen nach außen offenen Wohnraum zu schützen – vor Regen oder Mittagssonne. Das war aus China übernommen worden. Also das Dach, „hisashi“, war mit den Pfeilern des Hauses, „moya“, verbunden, war buchstäblich die Geste des  „Behüteten“ und der Geborgenheit.

Er war nun bereit, die Renngasse 10 für einen wichtigen Akzent zu halten. Dessen „bewegte“ Fassade lässt die in Wien bevorzugte „Postmoderne“ nach dem Muster Hans Holleins oder Wilhelm Holzbauers hinter sich. Die Anwendung gleichförmiger Bauelemente beeinträchtigte kaum das Konzept der Fassade, die in der Art von „Wellen“ die Ästhetik  des Selbstverständlichen gegen einen Wiener Pseudo-Monumentalismus ausspielt, der sogar an den neuen Fassaden auf der Ringstraße zu entdecken ist. Freilich ist die Wertschätzung dieses Gebäudes in den einschlägigen „Medien“ nicht überaus groß gewesen, da den planenden Architekten die politische Schubkraft des Wiener Rathauses anscheinend versagt wird.

Ansonsten ist die Renngasse von Verlusten heimgesucht worden. Einmal war die Gasse durch zwei Gebäude „nobilitiert“ worden, auf der einen Seite das Palais Batthyany-Schönborn von Fischer von Erlach. Der große  Baumeister wählte eine zart ziselierte Fassade, fast schon als klassizistisch zu bezeichnen, und ist ein  gutes Beispiel für die zurückhaltende Art des österreichischen Barock. Leider sind die Innenräume nicht besuchbar, da Johann Lucas von Hildebrandt sowohl für das Stiegenhaus, als auch für die Inneneinrichtungen des Palais verantwortlich war.

Über den Zeichentisch Hildebrandts liefen alle Baupläne des „römischen Reiches“, da er als Erster Hofbaumeister nach dem Tod von Johann Emanuel Fischer von Erlach alle Paläste im „Reich“ zu überprüfen und erforderlichen Falles zu korrigieren hatte.

Auf Hausnummer 3 war das historistische Palais des Bankhauses Rothschild. Nach der Enteignung 1938 war es später 1951 von der Schoeller-Bank von Rothschild erworben worden. Der Entwurf stammte von Ludwig Förster, der die Planung ab 1847 übernommen hatte. Somit war eine sehr erfolgreiche Architekten-Familie in Wien auch hier tätig geworden. Förster war der Schwiegervater von Theophil Hansen. Dessen Tochter heiratete dann Otto Wagner. So waren enge Bindungen entstanden, die sich qualitativ und innovativ auf die Stadtentwicklung Wiens auswirkten.

Die Freyung

Sie bewegten sich auf einen Stadtplatz zu, der Freyung, die einst ein sehr renommierter städtischer Raum war. Die Freyung war so attraktiv, dass sie von Canaletto zwei Mal gemalt wurde. Sie zählte  zu den repräsentativen Plätzen neben dem damaligen Schweinemarkt, heute Lobkowitz-Platz, dem Platz Am Hof und Hohem wie Neuem  Markt und Josefsplatz, Innerer Burghof und Michaelerplatz. Was Shin Ansai bei den Hinweisen verwunderte, war der Mangel an „Natur“, die er in Zitaten seltener Bäume erwartete. Seit dem Koreaner Shikomaro um 600 gibt es diese wichtigen Entnahmen aus der Natur für städtische Siedlungen und jeder Japaner ist diesem Zuwanderer aus Korea vor 1400 Jahren dankbar. Auf dem Weg bis zur Freyung r kein Baum zu sehen. Gut, am Börseplatz ist im Park alter Baumbestand, doch dieser zählt nicht zum Weg der Wanderung. Bis zur Freyung gab es nur in den Ritzen des Asphalts Löwenzahn.

Er sah dann doch zwei Bäume vor der Zufahrt zur Strauchgasse und war froh darüber. Und wer mit dem der Reiz der Platzbildung vertraut ist, wird die Bewegtheit des Platzes auf der Freyung schätzen. Da ist kein herrschaftlicher Gestus, es ist kein Platz für Versammlungen zu politischen oder festlichen Anlässen. Die Freyung hat ihre Beiläufigkeit bewahrt, von der niemand sagen kann, wer sie tatsächlich verursachte. Gewiss hat die mächtige Kirche der Benediktiner im ersten Moment „das Sagen“, scheint anfänglich den Platz zu diktieren, aber schon Giovanni Canaletto wusste, dass mit der  Seitenfront einer Kirche ein Platz weder abgeschlossen werden kann, noch einen Anspruch erhebt, diesem Platz die Bedingung einer Struktur aufzuerlegen.

Natürlich wird man in jedem halbwegs gut ausgestatteten Reiseführer lesen können, welche Gebäude diesen Platz bilden, mit welcher Bedeutung sie bewusst für diesen Platz konzipiert wurden. Und wieder begann  Franz mit seinem Vortrag, der endlos zu werden schien:

Canaletto hatte recht, wenn er auf seinen beiden Gemälden die „Schottenkirche“ zum geheimnisvollen, obwohl exzentrischen Punkt des Platzes erklärt. Auf erstem Blick scheint die Freyung aus einem Konglomerat von Häusern zu bestehen, deren Prospekte von den Zufahrtsstraßen bestimmt werden. So wird das Großartige des Platzes aus dem Widerspruch gegen traditionelle Platzanlagen gewonnen. Also ist die Freyung ein städtebauliches Paradoxon, dessen Reiz darin beruht, ein Platz geworden zu sein, ohne dass eine Absicht dahinter gestanden hätte. In jeder oberitalienischen Stadt hätte man spätestens nach der bestandenen zweiten Belagerungswelle der Osmanen nach 1683 das Portal der Kirche dem Platz zugewandt, dank des Gefälles hätte sich eine pompöse Auffahrt angeboten und man hätte wahrscheinlich die vielen Zufahrten verringert und teilweise elegant verbaut. Das alles ist bei der Freyung nicht geschehen.

Man hätte Ähnliches wie in Rom bauen können, eine pittoreske Straße wie die via Condotti, die sich zur Piazza d´Espagna öffnet. Das ist der Reiz in Wien, dass die versäumten Möglichkeiten besser aussehen als die ausgetüftelten Planungen. 

Dass die Planungen im 20. Jahrhundert wegen „Orientierungsmängel“  verunglücken, erkennt man daran, dass der großherzige Mäzen des Benediktinerordens, der Babenberger- Herzog Heinrich II. von einem Geometer zum Fixpunkt ausersehen wurde. Er ist an der Außenfassade des Querhauses am Relief von J. Breitner zu erkennen, eine fiktive Darstellung, die erst 1893 angebracht wurde. Mit der Fertigstellung der Tiefgarage 1989 orientieren sich die Einbauten unterm Straßenniveau am Relief Heinrichs II., wie auch das vorgesehene Kanalsystem samt Kanaldeckel.

Allerdings könne er den Stolz der Stadtverwaltung nicht teilen, mitten am Gehweg vor dem „Ferstel-Palais“ ein Stück mittelalterlichen Pflasters erhalten zu haben Und prompt stolperte unser japanischer Besucher und es war seinen Gleichgewichtsübungen zu verdanken,  nicht zu stürzen und seinem Gemüt, wegen solcher Blödheit nicht zu schimpfen. Ebenso stolz wie auf dieses mittelalterliche Zitat einer Pflasterung ist man auch auf die Tiefgarage unter der Freyung.

Unbeirrt setzte Franz seinen Vortrag über die Freyung fort:

Bis über die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts hinaus, war man im Rathaus überzeugt, Tiefgaragen in der Innenstadt wären ein effizienter Beitrag zur Verkehrsberuhigung. Diesen irrwitzigen Gedanken verfolgte man konsequent, zuletzt noch am Neuen Markt, unter dem die jüngste Tiefgarage im August 2022 eröffnet wurde. Ganz simple Überlegungen waren unberücksichtigt geblieben, dass nämlich die breiteste Straße so funktional ist wie deren engste Stelle. Vergleichbares gilt für innerstädtische Tiefgaragen, die ja dazu anregen, mit dem Auto ins Zentrum zu fahren. Im Grunde steigt das Verkehrsaufkommen. Ohne Zögern wird der innerstädtische Garagenplan weiter verfolgt und ist noch immer von der Überzeugung getragen, das Verkehrsaufkommen würde dadurch verringert werden.

In Tokyo wird erst gar keine Hoffnung gemacht, mit dem Auto in die Stadt zu fahren. Er ist hingegen stolz, sein Fahrrad in der neuesten und vollautomatisierten Fahrradgarage im Bezirk Minato-Ku nahe der Universität abstellen zu können und um monatlich 1800 Yen sein Fahrrad sicher zu verwahren.

Mitten im Vortrag hatte Shin also Franz unterbrochen. Das schätzte Franz überhaupt nicht. Irgendwie suchte er den Faden wieder aufzunehmen und setzte fort:

Wenden wir uns wieder dem Platz zu, so werden es etwa sieben Gebäude sein, die ein Wien-Tourist beachten sollte. Da sind die verschiedenen Palais, die sich in den Platz einfügen, wie etwa das Palais Harrach, Daun-Kinsky und das entzückende Haus auf Nummer 7, das sogenannte „Schubladenkastenhaus“, das „Ferstel-Palais“ im „neogotischen“ Stil und vis a vis das ehemalige Bankgebäude, heute das „Kunstforum“ der „Bank Austria“.“

Wahrscheinlich sollte ein so wissbegieriger Tourist wie Ansai auf das Eckgebäude Freyung-Strauchgasse hingewiesen werden. Es ist das sogenannte „Hardegg-Palais“, das von Anfang an als Mietpalais geplant war. Damit ist es ein Beispiel, dass adelige Familien zwar in der Innenstadt Quartier nehmen wollten, doch die Errichtung und Erhaltung eines Hauses würde den finanziellen Rahmen gesprengt haben. Erst 1847 erbaut, war dieses Miethaus auf prominenter Stelle errichtet worden, doch noch nicht nach Kriterien des Historismus. Diese Mitteilung ließ Ansai sofort den Unterschied zu Tokyo erkennen. Adelige Palais gibt es in der Stadt nicht und hat es nie gegeben. Dahingegen gibt es das riesige Vereinshaus. Dem Verein „Kasumikaikan“ gehören alle 509 adeligen Familien Japans an und versammeln sich regelmäßig im „Kasumigaseki-Building“, südlich von der kaiserlichen Residenz – wie eben der „Johanns-Club“ am Schubertring in Wien. Mit diesem Vergleich gab sich Ansai zufrieden und gab vor, sich diese veraltete Wiener Rangordnung zu merken.

Die Häuser der Freyung

Das „Schubladenkastenhaus“ ist das beste Beispiel eines „klassischen“ barocken Wohnhauses von 1773. Dass an dem Haus noch immer nichts verändert wurde, verdankt es dem Umstand, im Besitz des Ordens der Benediktiner zu sein. Wäre es im Besitz eines „privaten“ Eigentümers oder gar der Stadt Wien, wäre schon längst das Dach „ausgebaut“ worden, schon längst wären „moderne“ Fenster für die Hausfassade vorgesehen und an Stelle der Apotheke ein Souvenirladen.

Vielleicht sollte man noch das Daun-Kinsky-Palais erwähnen auf Hausnummer 4. Bei erster Betrachtung merkt man noch nicht, dass das Palais eine der eindrucksvollsten Leistungen von Johann Lucas von Hildebrandt ist. Er verlieh dem österreichischen Barock eine eigenständige „Architektur-Sprache“, andererseits sollten an diesem Gebäude zeitgenössische Architekten lernen, wie man ein so stolzes Gebäude in den Ablauf einer Straße einfügt. Keinen Zentimeter rückte Hildebrandt „sein“ Haus vor die anderen, selbst in der Geschoßhöhe bleibt er im Rhythmus der anderen Gebäude. Auf schmalem Grundriss entwickelte er äußerst kunstvoll den logischen Ablauf der Funktionen. Jeder Neugierige sollte versuchen, in das Hausinnere zu gelangen – vielleicht nicht jeder Tourist, aber jeder Kunstliebhaber oder Bewunderer großer Leistungen in der Baukunst -, um hier jenen „österreichischen Geist“ kennen zu lernen, der einem auch vor der Nationalbibliothek am Josefsplatz begegnet. Auch wenn nach den erfolgreichen Schlachten des Bauherrn – Feldmarschall Graf Daun der Auftrag 1713 erteilt wurde, so atmet das Haus keinen Hochmut, keinen Prunk, obwohl  hier erste Qualität in allen Bereichen des Kunstschaffens versammelt wurde. Es ist die Noblesse der Zurückhaltung, die das Raumkonzept diktiert. Darin wird die  unverwechselbare Mentalität zur Sprache gebracht samt der damit verbundenen Idiomatik.

Ein ähnliches Palais ließ Feldmarschall Daun auch in Znaim umbauen und es fügt sich am Masarykplatz ebenso harmonisch in den Ablauf der Fassaden ein, wie das Wiener Palais.

Also bleibt nur noch ein Nebengebäude des „Kunstforums“ der Bank Austria, besser: UniCredit Bank, zu  erwähnen, dessen gegenwärtiger Verwendungszweck eher bestürzt als beruhigt. Dieses „Kunstforum“ wird noch zur Renngasse gezählt, beherbergt aber im Nebentrakt links den Verfassungsgerichtshof der Republik. Nach der Betrachtung des Daun-Kinsky-Palais ist man von diesem neoklassizistischen Objekt keineswegs enttäuscht. Es ist ein massiver Bau, der in seiner einfallsreichen Steinfassade bereits eine zaghafte Anleihe am Flair Otto Wagners nimmt, weshalb die Architekten Ernst Gotthilf-Miskolczy und Alexander Neumann einige Anerkennung gebührt. Das Gebäude war 1916 bis 1921 erbaut wurden, ohnehin ein Wunder, während und unmittelbar nach dem Krieg dieses Bankgebäude errichtet zu haben. Es war damals das Haus der „Österreichischen Creditanstalt für Handel und Gewerbe“. Vor dem Portal des heutigen „Kunstforums“ hatte Gustav Peichl sowohl den Eingang zu einem „Trichterportal“ umgestaltet, als auch davor zwei Stelen in blauem Marmor zum Zweck erhöhter Aufmerksamkeit aufstellen lassen. Beide Stelen oder „Zeichen“ krönte er mit vergoldeten Messingkappen. Die Messingkugel über dem Portal wurde ebenso vergoldet. .Das Werk war 1988/89 vollbracht. Das mag alles seine Ordnung haben, auch wenn diese Geste am Trottoir keine rechte Bindung an die „gebaute Umwelt“ eingeht. Man fragt sich überhaupt, welchem Zweck diese Stelen dienen, deren Proportion nicht befriedigt.  

Wann wird das Mietverhältnis des Verfassungsgerichtshof gekündigt?

Wichtiger ist das Nebengebäude der ehemaligen Bank, in dem der Verfassungsgerichtshof eingemietet wurde. Dieses Objekt war oder ist noch im Besitz des Immobilienhais und Finanzhasardeurs René Benko. Allein die Vorstellung, dass das wichtigste Organ des Staates neben dem Parlament ein Mietverhältnis eingegangen ist, erschüttert und es wirft auf die Souveränität und Würde der Republik kein gutes Licht. Warum hat man für ein Höchstgericht keine eigene und feste, wie unabhängige Bleibe vorgesehen? Franz wagte erst gar nicht, sich diese nunmehr peinliche Abhängigkeit auszumalen, denn jetzt ist der Hausherr in allen Zeitungen in ein sehr schiefes Licht geraten. Seit Monaten – zwischen 2023und 2024 sind alle möglichen Verfahren anhängig und verdüstern das vormals in allen Farben schillernde Bild des Spekulanten. Es wird wohl  kein Wien-Besucher selbst nach langer Erklärung verstehen, wie überhaupt eine derartige Miet-Konstruktion den Vorzug erhielt, es sei denn, es ging ein bedenklicher Handel über die politische „Bühne“,  die auch dieses Haus in die  Hände Benkos spielte.

Wahrscheinlich muss man während der Spaziergänge immer wieder diese besonderen Phänomene erwähnen, die Österreich und Wien regelmäßig in die Spalten der Weltpresse bringen. Franz war der festen Meinung, Ansai würde diese Landes-Sotisen bestens kennen, aber dafür keine Erklärung haben. Also hielt Franz es für angebracht, das zu erklären, was auch Shin aufgefallen sein muss, dass nämlich Wien in den offiziellen Mitteilungsorganen der Stadt bis zu den lokalen Fernsehsendern Wien stets in den Kategorien des Besten, Schönsten und Fortschrittlichsten wie Sichersten beschrieben wird, was in dieser Übertreibung aber den Zweck hat, den offensichtlichen „Stadt- und Sittenverfall“ zu überspielen. Unter diesen Umständen schien nicht nur die Kritik von Franz unglaubwürdig zu werden, da ja in den Augen der meisten die Schauseite Wiens noch immer gediegen und ordentlich erscheint. Die Serie der politischen Kriminalfälle reißt nicht ab, dennoch wird in Wien behauptet, nicht nur über ein intaktes politisches System zu verfügen, sondern die „Beziehungsdichte“ verleiht diesem System eine hohe Stabilität. Franz würde sogar so  weit gehen, er richtete seinen Blick auf das Gebäude des Verfassungsgerichtshofs, dass sich ein perfektes System zwischen Komplicenschaft und Nötigung eingespielt hat. Und es gibt Hinweise, dass da die sogenannten unabhängigen und erhabenen Gerichtshöfe nicht nur eine Hand im Spiel haben.

Die genauere Betrachtung des „Austria-Brunnens“ auf der Freyung ist wahrscheinlich ein kleines Indiz dafür, dass die Lobeshymnen nicht in dem Umfang gerechtfertigt sind, wie diese allgemein in Fremdenverkehrsorganisationen angestimmt werden. Der Austria-Brunnen wurde zur Feier der Fertigstellung der Kaiser-Ferdinand-Wasserleitung 1844 geplant und 1846 errichtet. Die Kunsthistoriker bezeichnen den Brunnen als „romantischen Historismus“ in Wien, wobei auch die vielfältige Bindung der „ästhetischen Formen“ des Biedermeier an den Klassizismus des 18. Jahrhunderts am Brunnen ebenso zu finden sind. Jedenfalls begegnet man beim Austria-Brunnen den wichtigen Flüssen im damaligen „Kaiserstaat“ – Donau, Po, Elbe und Weichsel. Den Brunnen krönt die Figur der Austria. Die Gestalt des Mädchens soll die Enkelin Goethes sein, Alma von Goethe, die im 18. Lebensjahr in Wien1844 an Typhus verstarb.  Nach eingehender Besichtigung, die sich wegen der politischen Symbolik lohnt, wird man bemerken, dass der Brunnen offenbar eingesunken ist. Die Höhe von ein, zwei Stufen ging verloren. Daran kann man ermessen, dass die Tiefgarage das bisherige Straßenniveau nicht einhielt und somit den Treppenkranz um den Brunnen beraubte.

Das mag eine Kleinigkeit sein, vielleicht ist die Kritik nicht angebracht, doch die meisten Tiefgaragen in Wien haben sich nicht an das vorgegebene Straßenniveau gehalten, bemängelte Franz. Das überraschendste Beispiel könne man am Robert-Coch-Platz vor dem berühmten Postsparkassengebäude Otto Wagners sehen. Auch hier hat die Tiefgarage fast einen kleinen Hügel verursacht, der die ausgeklügelten Proportionen des Entwurfs von Otto Wagner nachhaltig irritiert.

Und Franz stellte in Aussicht, sollte man die Schritte in Richtung  Platz „Am Hof“ richten, wird er von einem weiteren Wiener Phänomen berichten können. Damit wollte er Ansai neugierig machen, denn der Austria.-Brunnen weckte keine Begeisterung. Mehrmals wollte Ansai den Redefluss von Franz unterbrechen, denn endlich hatte er bei Betrachtung des Daun-Kaunitz-Palais ein weiteres „städtisches Grün“ entdeckt. Es sieht ein wenig mickrig aus wie grüne Abdeckungen von Müllcontainern, wofür Efeu (Hedera helix) und Gaißblatt (Lonicera oder Caprifoliacaea) vorgesehen sind. Dennoch war man natürlich stolz von Seiten der Planung, denn man schwärmte davon, mit dieser Abdeckung der Garagenzufahrt an den ehemaligen Garten des Palais Harrach zu erinnern.   

Von der Freyung zum Platz am Hof

Der Weg von der Freyung zum Platz Am Hof ist wirklich ein Ortswechsel. Langsam wanderten sie zu dieser eher unprätentiösen Platzanlage, zu einem bewusst gebildeten  Viereck – eigentlich ein Trapez  – eines Platzes. Der Ortsname allein verrät schon, dass hier einst die babenbergische Residenz Heinrichs II. ab 1155 war. Davon ist nur mehr der Name erhalten. Nicht gleich merkbar, aber dann dominiert die weit ausladende Kirche zu den „Neun Chören der Engel“ den Platz. Einmal war sie eine Bettelordenskirche. Die Fassade ist eine gelungene „Theatralisierung“, doch nun ohne jede Funktion. Nichts, was an das ehemalige Kloster der Jesuiten erinnert. Dieses kirchliche Leben, ist inzwischen nahezu erstarrt. Und es ist dieser Gedanke angesichts dieser Kirche deshalb zutreffend, denn vor langer Zeit – 1782 – hatte hier vom Balkon der Kirche aus Papst Pius VI. den Segen an die Wiener Bevölkerung erteilt. De facto war der Papst erfolglos abgereist, denn der Kaiser ließ sich von seinem Kurs des „Josefinismus“, von Aufklärung und Staatsräson  nicht abbringen. Damit war das politische Konzept eines „Bündnisses zwischen Habsburg und Rom“, von „Thron und Altar“ tief erschüttert.

Ein noch bedeutenderes Ereignis war 1806 vom Balkon der Kirche verkündet worden: Die Auflösung des „Heiligen römischen Reiches deutscher Nation“ wurde von  Herolden des Kaisers Franz II. (I.) proklamiert und so war ein großes Stück europäischer Geschichte zu Ende gegangen. Dieser Balkon findet kaum Erwähnung bei Stadtführungen. Franz musste seinen japanischen Freund zu dieser Kirche bringen,

Vielleicht weiß das einer von hundert Wien-Besuchern? Leider, fügte Franz hinzu, dass man der gleichen Ignoranz bei Besuchern der  Weltlichen und Geistlichen Schatzkammer in der Hofburg begegnet, die ja nicht einmal eine Viertelstunde  Gehweg vom Platz Am Hof entfernt ist. Die meisten bewundern den Schmuck in den Vitrinen, die kostbaren Ketten, aber sie würden alles in Bausch und Bogen verkaufen. Welcher Tourist oder welcher „echte Wiener“ weiß von der Bedeutung des „Ordens vom Goldenen Vlies“? Diesen burgundischen Orden wird er Ansai genau erklären müssen und ihn mit der Frage quälen, ob es Vergleichbares auch in Japan gibt?

Gleich neben der Kirche tritt wieder die Gegenwart in Kraft. Früher war das Haus Am Hof Nummer 2 ein Gebäude der ehemaligen „Länderbank“, daher von den selben Architekten geplant, die später auf der Freyung das neue „Länderbank-Gebäude“ entworfen hatten. Interessant ist, dass die beiden Architekten für das Gebäude Am Hof in der Formensprache des Historismus verblieben, während sie auf der Freyung sich an dem dominierenden „Jugendstil“ im Sinne Otto Wagners anpassten.

Die behäbige Fassade Am Hof Nummer 2 , die aufdringlichen Gesten,

die den üblichen Historismus noch übertreffen, der Verlust der Proportionen sind nur einige jener Fehlläufe in der Architektur, die Adolf Loos so heftig verurteilte. Zählt man die „Zitate“ der Fassade auf, so klingen sie wie das Verzeichnis aller Attribute, die jemals Anwendung gefunden haben: Da sind Geschossabschlüsse zu sehen, teils in Formen eines Mäanders, teils durch Rosetten, daneben zahllose Gliederungen durch vorgesetzte Schein-Pfeiler – Lisenen – auf Löwenkonsolen. Und es beginnt beim Portal: da liegen männliche und weibliche Figuren darüber, mit Ähren, Palmzweigen und Früchten. Ab dem 1. Obergeschoss reliefierte Füllhörner mit Masken, Fischen, Amphibien, in der Mitte der Kopf eines Merkur. Entlang der Belletage Büsten vom Erfinder der Druckpresse, Gutenberg, Christof Kolumbus, Alessandro Volta samt Kondensator und Josef Ressel.             

Das reiche Dekor kann die Schwäche dieses mächtigen Hauses nicht verdecken. Allerdings hatte es die Vorgängerin verdrängt, die k.k. Hofkriegskanzlei, die gemäß der Abbildungen ein typischer ärarischer Bau der Monarchie in dunkelgelber Färbelung und grün lackierten Fenstern war, dem es aber auch an der Proportion gebrach.

Das Besondere war, dass nach dem Verkauf der „Länderbank“, um in ein Hotel umgestaltet zu werden, die Auflagen des Denkmalschutzes nicht berücksichtigt werden mussten, da ein Großbrand im November 2011 die oft gewürdigte Qualität der Innenräume zerstörte. Das setzte die Reihe der Brände in Wien fort, die immer dort stattzufinden schienen, wo  besondere Interessen am Um- und Aus- und Neubau bekannt wurden.

Das Großfeuer in der Wiener Stadtentwicklung

Ein kleiner Überblick belehrt, dass in Wien Gebäude gefährdet sind, sollten sie ein Nutzungsinteresse wecken. Der erste große Brand nach 1945 traf die Wiener Börse im April 1956. Dadurch wurde ein nachhaltiger Umbau im Innern des Gebäudes möglich und so konnten die Spuren des Entwurfs von Theophil Hansen nahezu ausgelöscht werden.

Zwar ist es nicht geklärt, doch der Brand beim Kaufhaus „Gerngroß“ im Februar 1979 begünstigte die geplante Zusammenlegung mit dem ehemaligen Kaufhaus „Herzmansky“.                                                                                                                    

Ein Brand mit merkwürdiger Ursache zerstörte die Redoutensäle in der Hofburg im November 1992. Im September 1993 brannte das „Neugebäude“, ohnehin eine zufällig noch existierende Schlossruine Maximilians II. Vom Neugebäude wurden „Spolien“ in den Garten von Schönbrunn verbracht, um dort eine zusätzliche Verzierung der von Hohenberg entworfenen römischen Ruine zu werden. Vielleicht war der Zweck des Brandes, endlich eine Rekonstruktion des „Neugebäudes“ herzustellen, die auch 2002 begonnen wurde.

Die Rekonstruktion der abgebrannten Redoutensäle war effizienter, denn der hohe Raum wurde unterteilt und im Obergeschoss befinden sich neue Räume, die eine bessere und auch einträgliche Nutzung versprechen.

Im August 2001 brannten die Sofiensäle im 3. Bezirk lichterloh. Der berühmte Tanzsaal war wegen seiner Akustik ein beliebter Ort für Tonaufnahmen. In dem Saal  fand die legendäre Gesamtaufnahme aller Opern Richard Wagners mit den Wiener Philharmonikern unter Georg Solti statt. Die Sofiensäle in Brand zu setzen, an die mehrere spekulative Interessen geknüpft waren, ist als Kunststück zu bezeichnen. Ein früher Stahlbetonbau – daher unter Denkmalschutz – wird nicht leicht ein Opfer der Flammen.

Im Februar 2017 brannte das bekannte Steyr-Daimler-Puch-Haus ab, das Carl Appel entworfen hatte. Es war bis heute die einzige moderne und zugleich beachtenswerte Architektur an der Ringstraße gewesen. Nach dem Brand wurde Brandstiftung eindeutig nachgewiesen. Die Pläne von Wilhelm Holzbauer für den Ersatz des abgebrannten Objekts waren schon vor der Brandlegung in Arbeit, also störte nur noch das bestehende Objekt.

Das lässt den Schluss zu, dass nach dem Verkauf der Postsparkasse von Otto Wagner an René Benko dem Gebäude ein ähnliches Schicksal droht wie den Sofiensälen, dem Steyr-Daimler-Puch-Haus  und dem Haus Am Hof 2. Da redet er erst gar nicht vom mysteriösen Brand 1963 in der „Alten Universität“, der den Festsaal zerstörte. Damals fehlte noch der Mut, nach dem Brand im Saal eine Zwischendecke einzuziehen wie bei den Redoutensälen.

Der Großbrand Am Hof mutet überhaupt wie eine Groteske an, da vis a vis am Platz die Feuerwehrzentrale der Stadt unmittelbar vor Ort gewesen wäre. Alle sind der  Meinung, dass es ein „Kabinettstück“ war, das Gebäude so fachkundig „abzufackeln“. Es gibt also Prognosen, dass bei übereinstimmender Interessenlage zur künftigen Nutzung der Postsparkasse am Georg-Coch-Platz, auch hier ein Großbrand ausbrechen wird. Mit dem Konkurs des Hausbesitzers Benko ist ein derartiges Ereignis in weite Ferne gerückt, fügte Franz mit maliziösem Lächeln hinzu.  

Vom „Ausbau“ zweier Häuser

Nun beherrschen zwei mächtige Häuser den Platz Am Hof, die erwähnte Nummer 2 und Nummer 11. Beide kränkeln an der Last der Fassadenneugestaltung, die Nummer 11 seit 1933. Während Hausnummer 2 das Motiv eines „konsolengegliederten Dreiecksgiebels“ aufweist, das sich nach den Umbauten wieder am Aussehen der „Kriegskanzlei“ orientierte, so ist dieses Motiv vom Dachausbau vollends erdrückt und zugleich als Gestaltungselement unnütz geworden. Hausnummer 11 zeigt das gleiche „Phänomen“.  Mit einiger Ironie liest man die Beschreibung aus dem Internet unter „Wohnhaus Am Hof 11 – Geschichte Wien der Stadt Wien“: „Um 2010 erfolgte ein Dachausbau in Anlehnung an die in Kriegswirren verloren gegangenen historischen Proportionen“. Der überraschend konzipierte Dachzubau erinnert an die Startrampe eines UFO und ist insofern fast weniger unerträglich wie der Dachausbau am Hohen Markt. Das Konzept geht überhaupt keine Verbindung mit der Fassade ein, weder als gedankliche Fortsetzung noch als Antithese, so dass die Störung am Dach von Laien mit Kreativität verwechselt werden kann .

Sollte also ein Tourist sich umblicken, hat er recht unterschiedliche „Haltepunkte“ für die aufmerksamere Betrachtung. Da sind noch Reste der barocken Platzanlage vorhanden, eben das von der Feuerwehr genutzte ehemalige Zeughaus, die barocken Anbauten und fast übersieht man die beiden alten  wie schmalen Häuser aus der Renaissance – Nummer 8 und 10. Schließlich liegt  die Fortsetzung bei einfallslosen Neubauten, selbst wenn man die Fassade zum Tiefen Graben mit neuen gewellten Aluminiumspangen aufzulockern versucht.  

Etwas mehr Beachtung verdient im Mittelpunkt des Platzes die Mariensäule, die von Johann Jakob Pock in Kopie der Münchener Mariensäue 1644 entworfen wurde. Sie gibt mehr vom historischen Charakter des Platzes preis als alle möglichen Erklärungen. Es waren ja nicht nur die bereits erwähnten folgenschweren Proklamationen, die vom Balkon der Kirche verkündet wurden, das Nebenhaus der Kirche diente ja zu dieser Zeit auch als Nuntiatur, sondern hier ballte sich im Zuge der „Revolution“ ebenfalls der Volkszorn zusammen und die Folge war die Lynchjustiz am Kriegsminister Baillet de Latour 1848.

Blickt man sich am Platz um, merkt man erst, wie labil die „Tektonik“ des Platzes durch die  Einfahrten zur Tiefgarage wurde. (Hier wird „Tektonik“ im griechischen Sinn von „tektonikos“ verwendet, „zur Baukunst gehörig“ und nicht im Sinne der Geologie, in der Tektonik eher Bewegungen in und auf der Erde meint.) Die für einen Platz nötige „ungestörte“ Ebene wurde umgegraben und untergraben, die für agierende Menschen am Platz so wichtige Schaufläche verlor ihre Selbstverständlichkeit, wie wir diese an den „Städtebildern“ Canalettos noch erahnen können.

Kann man noch durch die Bognergasse gehen? Eine Erinnerung

Es liegt auf der Hand, dass der „Stadtwanderer“ nicht die Fortsetzung der Bognergasse in Richtung der Längsfassade ehemaliger Länderbank nimmt, das alte Antiquariat „Gilhofer“ gibt es ja nicht mehr, das einen Besuch immer gerechtfertigt erscheinen ließ. Es besaß im Mezzanin einen sehr intimen Verkaufsraum mit britischem Flair, der Holzboden knarrte, so man die besonderen Druckgraphiken in den Vitrinen betrachtete, Inkunabeln, Dokumente und Handschriften. Ebenfalls schloss das Schirmgeschäft „Schaller“ am Beginn der Bognergasse, in dem Regenschirme nach Maß und Auswahl von Holz und Seide angefertigt wurden. Mit diesen Schließungen blieb als „Angelpunkt“ der Bognergasse nur das Restaurant „Schwarzes Kameel“ über. Gegründet wurde das Lokal von Johann Baptist Cameel 1618. Aus Gründen aparter Kuriosität blieb man bei diesem alten Namen fürs Lokal, dessen Firmenschild einmal Georg Friedrich Waldmüller aus Jux und Tollerei entworfen hatte. Leider wurde dieses seriöse Restaurant vom Anpassungsprozess an den soziokulturellen Wandel der vergangenen Jahrzehnte stark in Mitleidenschaft gezogen, was den Umweg in die Naglergasse rechtfertigt. Ein japanischer Tourist kann das freilich nicht wissen, vielleicht faszinieren ihn die neuen mondänen Geschäfte der Bognergasse eher als der Weg durch eine Gasse, deren fast liebenswürdig gebliebene Atmosphäre bei einiger Aufmerksamkeit für Wien einnehmen kann.

Die Naglergasse

Den Anfang bildet eine in Wien zu selten gelungene Geschäftsauslage, für die der früh verstorbene Eigentümer Hartmann Henn den Architekten Matthäus Jiszda 1974 beauftragt hatte.

Vorbei an mittelalterlich gebliebenen Häusern öffnet sich bald der Blick auf den Graben, einem städtischen Bereich, der als Herzstück der Stadt bezeichnet werden kann. Selbst hier soll es nur Hinweise geben, die weder bevormunden, noch die Spontaneität des Blicks beeinträchtigen sollen. Es kann sein, dass ein Stadtliebhaber an anderem hängen bleibt als an dem, was hier beschrieben ist. Es soll sogar sein, das ändert aber nichts an der Art seiner Erzählung, sagte Franz, die Eindrücke mit einem Hintergrund in Beziehung zu setzen, der historische, soziokulturelle, städtebauliche und transformative und politische Faktoren enthält.

Nach der fast beschaulichen Naglergasse gerät man sofort ins Getriebe am Graben. Die meisten Touristen folgen den Fähnchen Ihrer Fremdenführer und trotten hinterher wie eine Herde der Leitkuh. Am Graben sind die Touristenströme ähnlich stark wie auf der Rotenturmstraße, weshalb man beide Straßenzüge meiden sollte. Shin Ansai dachte angesichts des Menschengewühls sofort an das Prinzip des Tatamae, in dem die Mahung zu distanzierter Höflichkeit enthalten ist. Inzwischen hatte er gelernt, dass in Europa generell diese Zurückhaltung unbekannt ist, in Wien besonders. Die Rempelei, das Stoßen und Drängen wird in Wien nicht mit einer Entschuldigung quittiert, sondern eher mit dem Ausruf „Mir werdn kann Richter brauchn…“.

Und doch gibt es Sehenswürdigkeiten, an denen man am Graben nicht achtlos vorübergehen soll, so es die Touristen-Horden erlauben. Die Mehrheit der Touristen lässt eine Betrachtung nicht zu, da sie entweder mit ihren Handtelephonen dem Stadtplan folgen, unverwandt aufs Display gucken und daher ihre Umwelt fast nicht mehr wahrnehmen; oder sie nutzen ihr Telefon als Photoapparat. So die Wien-Besuche zu zweit geplant waren, sehen diese Touristen die Stadt nur mehr nach Gesichtspunkten eines „Selfie“: Das Motiv ist immer das Gleiche „wir vor Stephanskirche, wir vor Fiaker oder wir vor Wien“. So wird es ihnen nicht auffallen, dass die Häuserzeile am Graben eine leichte Krümmung zeigt. Niemandem wird auffallen, dass man daher nach vier, fünf Minuten Wegzeit über den Graben plötzlich vor dem Dom steht und jedes Mal vom Anblick überrascht sein sollte.

Der erste Blick auf Sankt Stephan und auf den Reiz alter Fassaden

Wie ein riesiger Rauchquarz erhebt sich die spätgotische Kathedrale über den Platz und scheint in dieser unverrückbaren Beständigkeit zu verharren.

Die leichte Biegung der beiden Längsseiten des Grabens entspricht der Baugesinnung, die im Spätmittelalter entwickelt wurde. Da war man der Auffassung, eine geradlinig ausgeführte Anordnung der Gebäude verursache eine Perspektive bis in weite Ferne, in eine unangenehme Endlosigkeit. Diesem  Erscheinungsbild wollte man nicht folgen, weil dann das zarte Spiel von Licht und Schatten im Ablauf des Tages unterbleibt. Auch die Singerstraße als Verlängerung des Grabens zeigt eine vergleichbare Krümmung, aus der sich an dem handverriebenen Verputz der Fassaden frühneuzeitlicher Häuser ein lockeres Schattenspiel je nach Sonneneinfall ergibt. Ebenso spielten auch die Fenster mit. Es war klar, die Flügel der Wiener Kastenfenster nach außen zu öffnen, eine beispielhafte großzügige Geste der Öffnung, wie das geschlossene Fenster bei Schlechtwetter durch den Wind zugedrückt wird und die Isolierung verbessert. Diese alten Erkenntnisse werden bei Renovierungen fast grundsätzlich beseitigt, an Stelle der alten werden die neuen Verbundfenster eingesetzt, zumeist in Kunststoff und ohne Sprossen. Damit erleidet jede Hausfassade eine deutliche Minderung ihrer Ausdruckskraft, ja im Grunde eine Kastration. Statt des Fensters sitzen nun finstere verglaste Löcher in den Fassaden, verbreiten Öde und Leere, die jeden Aufwand architektonischer Gestaltung zu Nichte machen.

Erinnerung an eine „Sparcasse“

Mit dem Eintritt in den Graben ist ein zentraler Ort der Stadt erreicht. Gleich rechts führt der Kohlmarkt zum Michaelerplatz und zur Hofburg. Linker Hand enden die beiden Verkehrswege, Tuchlauben und Bognergasse. 

Früher war jedem Besucher des Grabens das erste Haus aufgefallen, die Erste Österreichische Sparkasse, die mit ihrer Gründung 1819 ihre Zentrale 1835 bis 1839 am Graben errichten ließ. In der Wirtschaftsgeschichte war diese Sparkasse – nicht Bank – außerordentlich bedeutend, denn sie entstammte der sozialpolitischen Idee des Biedermeier, Bauern und Handwerkern nicht nur eine bescheidene Kapitalbildung zu erleichtern und mit Krediten zu fördern, sondern über eine Sparkasse den Geldwert der rasenden Inflation zu entziehen. Es war die Zeit, in der die ökonomischen Folgen der napoleonischen Kriege nun deutlich zu spüren waren. Selbst der kaiserliche Hof musste seine Gold-und Silberschätze bis zum Hausrat einschmelzen, um Geld für die Rüstungsindustrie zu mobilisieren. Der Kaiserstaat, wie er im Biedermeier genannt wurde, war bettelarm geworden und alle möglichen Sanierungsversuche nach 1811, dem Katastrophenjahr, waren teils von politisch-romantischen Gedanken getragen, teils von Versuchen, auch ökonomisch die alte Herrschaftsordnung zu restaurieren, ungeachtet der Frühindustrialisierung in der Steiermark, in Böhmen, in Nordungarn. Die Sparkasse am Graben, die als Architektur eine übergroße biedermeierliche Behaglichkeit ausstrahlt, im Giebel das Symbol der fleißigen Biene im Lorbeerkranz, war der Meilenstein einer konservativen Wirtschaftsreform. Die bereits erwähnten Romantiker, die sich um den späteren Stadtpatron Clemens Maria Hofbauer geschart hatten, besaßen in Adam Heinrich von Müller ihren ökonomischen Theoretiker, der das ständische Gesellschaftsprinzip auch ökonomisch verwirklicht sehen wollte. Zu seinen täglichen Vorträgen innerhalb einer Woche im alten Redoutensaal der Hofburg war „halb Wien“ hingeeilt, um von blühenden Ideen der Staats- und Wirtschaftsreform zu hören.

Müllers ökonomische und politische Theorie war 100 Jahre später die Vorlage für die problematische Staats- und Wirtschaftstheorie von Othmar Spann. Nun hatte er aus Instinktlosigkeit den politischen Umsturz durch den Nationalsozialismus für die Grundlage seiner politischen und ökonomischen Theorie verstanden. So schlimm diese Verwechslung war, halb aus Opportunismus, halb aus politischer Erblindung, war er dann in den zeitgeschichtlichen Untersuchungen der „ideale“ Nachweis für die Vorgeschichte von Faschismus und Austrofaschismus. So blieb er bis heute im Verdacht, ein Ahnherr des Nationalsozialismus gewesen zu sein.

Natürlich kann ein Wien-Tourist diese Details der Stadtgeschichte nicht wissen. Wissen sollte er aber, dass rund um den Wiener Kongress 1815 ernsthafte Versuche zur politischen wie ökonomischen Stabilisierung stattfanden, die nicht einfach in die Richtung des Kapitalismus liefen, sondern mit allen Mitteln versuchten, den Beginn dieser wüsten Wirtschaftsentwicklung zu bremsen und Argumente dagegen zu sammeln. Es war nicht allein die Idee von Adam Heinrich von Müller, die staatliche Lenkungspolitik grundsätzlich im Wirtschaftsleben zu verankern. Es waren auch die Grundsätze der viel später gegründeten christlich-soziale Partei um 1880, die freilich nicht durchgehalten wurden.

Ansai bewunderte diese dramatische Geschichte im Schatten vom „Graben 21“. Über eine vergleichbare Tradition verfügt Japan nicht. Eine „Bank“ im europäischen Sinn war erst durch die militärische Intervention der US-Kriegsmarine 1854 erzwungen worden, daher war die Gründung einer Bank in Japan erst 1869 möglich, durch die das internationale Handelsgeschäft erst aufgenommen werden konnte.

Das alles sind Assoziationen zu der Hausnummer 21. Den Verrat am Gründungsgedanken erkennt man an den Umbenennungen, denn längst wurden aus Sparkassen nicht nur Banken, also Motoren kapitalistisch organisierter Wirtschaft. Mit der Neu-Orientierung wurde aus der alt-ehrwürdigen Sparkasse eine Bank- und Investment-Gruppe mit dem Ziel, in Osteuropa und Russland zu agieren. 2019 verließ  diese Kreuzung aus Sparkasse und Bank den Graben 21 und übersiedelte als „Erste Group“ in das Viertel rund um den neuen Hauptbahnhof. Damit wurde das Erdgeschoß, das es noch vor 15 Jahren gegeben hatte – samt den Umbauten von Roland Rainer 1974, ein riesiges Juweliergeschäft und somit war auch dieses Haus ihrer historischen Gediegenheit beraubt. Die neuen Auslagen im aufdringlichen Nazibraun gleichen eher einem ehemaligen deutschen Mitropa-Eisenbahnzug nach 1933 und werden in ihrer Art am Graben und in der Tuchlauben natürlich eisern durchgehalten. Ab 2019 soll auch dieses Haus ein Hotel werden und der Umbau hätte bereits 2023 vollendet sein sollen.

Nun kann man an der Geschichte dieses wichtigen Hauses deutlich erkennen, in welche Richtung die allgemeine Stadtentwicklung gehen wird. Die Städte werden über den Tourismus zu Museen ihrer selbst und beenden damit ihre alte soziokulturellen Struktur. Sie sind nicht mehr die Zentren für Fleiß und Innovation. Statt lärmendes Handwerk der Schmiede und Schlosser, der Tischler und Schneider ersetzt nun ein marodierender Tourismus die Gewerbe und der gesamte administrativ-bürokratische Bereich im Stadtzentrum verkrümelt sich über „home office“ bald endgültig ins Private, in enge wie teure Eigentumswohnungen in Grünlage. Diese Entwicklung kann man beklagen, sie ist aber die Zukunft der Ballungszentren. Diese Änderung beflügelt die grundsätzliche Umstellung der Wertschöpfung in den Städten, die sich an einer vulgären Gewinnmaximierung orientiert. In den Städten wird keine expeditive Arbeit mehr geleistet, es fehlt an expeditivem Milieu, aus dem einmal eine kulturelle Avantgarde hervorging, also unterbleibt in „nächster“ Zukunft der innovatorische Schub.

Vom städtischen Raum

Am Graben gibt es eine Reihe architektonischer Akzente, die einmal sehr charakteristisch von Otto Wagner gesetzt wurden. Also fallen am Ende der Naglergasse drei Gebäude auf: der Graben-Hof, der Allianz-Hof und das hohe Wohnhaus von Otto Wagner, das Anker-Haus, mit einem imposanten Aufbau und Ausbau, der leider vergeblich mahnt,  mit der Dachzone eines Hauses sorgfältiger umzugehen. Auf diesem Haus errichtete Otto Wagner einen Glaspavillon, der selbstbewusst die Utopie der Schwerelosigkeit hoch oben überm letzten Stock zur Wirklichkeit werden lässt.

Nahezu unbemerkt bleibt noch das frühere Sparkassengebäude der „Erste Bank“

Die beiden ersten Gebäude bestechen durch ihre ausladende Front, durch die geschickte Gliederung der Fassade und wollen auch kein X vor ein u machen, wollen nämlich kein Palais sein, das aus Nutzungsgründen unmäßig vergrößert wurde. Das ist genau das häufig vorkommende Erscheinungsbild historistischer Gebäude in Wien, jetzt nicht nur großsprecherisch ästhetische Bedeutung vorzugaukeln, sondern auch noch die Funktion eines Miet- und Wohnhauses zu verleugnen. Das ist Otto Wagner nie in den Sinn gekommen, Also hatte er zusammen mit Otto Thieneman 1874/75 dieses Objekt entworfen und wählte dafür den Stil des „Wiener Renaissance-Historismus“, wie er später kategorisiert wurde. Mit den von Säulen gegliederten Geschoßen, von der Sockelzone bis zu den Obergeschoßen mit den korinthisch gegliederten Pilastern haben wir es mit einer Fassade zu tun, die wie eine mächtige Oper Guiseppe Verdis ihren Rang am Graben leicht behauptet.

Dass dann bei genauerem Blick ein zeitgenössischer Dachausbau sichtbar wird, sagt viel über unser Gegenwartsverständnis. Die sichtbaren Bauteile sehen wie billige Schrebergarten-Häuschen aus mit adäquatem Baum- und Strauchbestand. Vermutlich sind die Inhaber dieser Hüttchen am Dach mächtig stolz darauf und werden wohl einem Besucher gegenüber behaupten, dass erst durch ihr Zutun und mit ihrem Vermögen das Werk Otto Wagners genutzt werden kann und zu voller Geltung gelangt.

Mit den Gebäuden von Otto Wagner tritt der Generali-Hof in Konkurrenz. Gleich neben dem Graben-Hof mit der Hausnummer 13 versucht er mit der unglaublich selbstbewussten Fassade Otto Wagners Schritt zu halten. Das Gebäude hat prominente Vorfahren, die man aber kaum mehr erkennen kann. Der erste Bau stammt von 1794 und nach dem Umbau 1831 gewann das jetzige Erscheinungsbild 1894/95 seine endgültige Form. Das war der gleiche Zeitpunkt der Errichtung des Anker-Hauses von Otto Wagner 1894, seinem Frühwerk. Nun ist es nicht fair, Ansai sowohl die Unterschiede in der äußeren Erscheinung klar zu machen, als auch den Unterschied in der Art der Gestaltung von Fassade und Detail. Der Architekt des Generali-Hofes hat sich redlich bemüht, einen attraktiven Späthistorismus auf den Platz zu stellen, was gewiss keine Leichtigkeit ist. Hingegen wirkt Schwer ist die Qualität der Innenräume zu beurteilen, denn sie bleiben jedem Interessenten verschlossen.

Das nächste, schlanke Gebäude von Otto Wagner zeigt bereits in der Struktur an, wie eine Konstruktion aus Stahlbeton aussehen wird. Obendrein geht Wagner vom Konzept aus, dass künftig Gebäude eine multifunktionale Verwendbarkeit finden müssen. Daher soll ein Dachausbau eine adäquate Form erhalten, die mit dem Aufriss des Hauses korrespondiert. Der Gedanke, so provokant wie faszinierend er auch ist, bewog Wagner zu diesem „turmartigen“ Objekt.  Nimmt man erneute beide Gebäude in Augenschein, kann man wohl sagen, wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht das Gleiche.

Allerdings hatte Friedrich Hundertwasser viel später im Dachpavillon sein Atelier bezogen und wurde somit auch Stadtgespräch, denn der exzentrische  Maler stellte mitten in den Pavillon sein Ökoklo. Es war nicht ungewöhnlich, den Maler bei Verrichtung seiner Notdurft dort anzutreffen.

Die Geschäfte und Geschäftshäuser

Nun kann der Generali-Hof mit der Hausnummer 13 dennoch auf eine Besonderheit hinweisen, die alle anderen Häuser am Graben nicht haben: heute im Menschenstrom kaum beachtet, hatte Adolf Loos den berühmten Schneidersalon „Knize“ eingerichtet, der sowohl als Herrenausstatter  als auch wegen der unglaublich reduzierten Innenausstattung Berühmtheit erlangte. Typisch für die Wiener Wertschätzung des Geschäfts war der damalige Preis der Anzüge um 1970. Der spätere Bundeskanzler Bruno Kreisky war einer der Stammkunden, so dass er nach seinen politischen Erfolgen eine Bekleidungsrevolution in seiner Partei auslöste. Sein Finanzminister hatte dann die Kreisys Zahl der Anzüge von „Knize“ innerhalb von zwei oder drei Jahren eingeholt.

Im Geschäft und im Oberstock war der reduktionistische Entwurfsstil von Loos perfekt umgesetzt worden. Freilich soll die Stiege zwischen Geschäft und Oberstock vom „Arbeitsamt“ in den 80er Jahren bemängelt worden sein, daher ist diese entfernt und durch eine „benutzerfreundliche Treppe ersetzt worden. Wie zart und präzise die Ausführung gewesen ist, kann man am Nachbar-Geschäft ermessen. Es wurde von Paolo Piva 1993 eine Kopie hergestellt, „Lady Knize“, doch nun ist es offensichtlich, welchen IntentionenLoos folgte. Der Vergleich zeigt, dass die schlanken Profile, der sensible Einsatz der Materialien, die perfekte Ladenausstattung, die Umsetzung eines Konzepts, das sich deutlich gegen den überladenen Jugendstil absetzt, die Kopie in den Schatten stellen. Es war schon problematisch, ein spiegelverkehrtes Pendant herzustellen, was automatisch eine Ebenbürtigkeit zum Loos´schen Geschäft provoziert, doch dann erreicht man die Zartheit der Profile nicht, ist in der Verwendung der Materialien eher unsicher. Und welcher Stil sollte 1993 überwunden werden, den Loos vor mehr als hundert Jahren so entschieden abgelehnt hatte?

Traurig ist, dass die Anführer der Touristen-Herden mit erhobenem Fähnlein achtlos am „Knize“ vorbeigehen und diese Innovation der „Innenarchitektur“ samt Auslagen und Zutritt mit keinem Wort erwähnen. Will man die subtile Gestaltungskraft von Loos einschätzen, muss man es, soweit noch möglich, mit dem ehemals noblen Ausstattungsgeschäft und Hoflieferanten „Braun & Co“ vergleichen. Gegenüber „dem Braun“ bemerkt man, wie kühn das Konzept für „den Knize“ war, ohne dass hier Qualitätseinbußen auf beiden Seiten zu bemerken sind. Das Geschäft auf der Hausnummer 8 war gleichzeitig mit dem Haus selbst 1904 errichtet worden und hatte sich an Londoner Läden orientiert, die damals beispielgebend  waren. Dass die in der Einrichtung noch immer lesbare Noblesse aus der Stadt verschwunden ist, hat mehrere Ursachen, die nicht nur von zwei Weltkriegen verschuldet wurden.

Jedenfalls gefährden die Heerscharen von Touristen das deutlich beeinträchtigte Stadtbild. Es kann auch nicht wahrgenommen werden, denn bri solchen Menschenmengen ist mehr auf den eigenen Weg zu achten als auf Gebäude oder Geschäfte.

Bei „Braun“ ist anzumerken, dass die mit dem Bau der U-Bahn eingerichtete Fußgängerzone mehrheitlich die Geschäftsstruktur veränderte. Mit Glas, Stahl und Kunststein sollte Aufmerksamkeit erregt werden. Einige zeitgenössische „Unikate“ heben sich in ihrer  namenlosen, nicht begründbaren Exzentrik ab, weshalb man achtlos auch an jenen Geschäften vorbeigeht, die in Qualität und Tradition Beispiele geblieben sind. Dazu zählt das Schallplattengeschäft „Gramola“ auf Hausnummer 16, das seit 1925 modern und seriös allen „Gewaltanwendungen“ durch Umbau oder Modernisierung widerstanden hat.

Dazu zählt auch die Konfiserie „Altmann&Kühne“, am Graben 27, dessen Geschäftsportal Josef Hoffmann und Oswald Haerdtl 1932 entworfen haben. Es ist insofern von Bedeutung, da es das einzige, noch erhaltene Geschäftslokal von Josef Hoffmann in Wien ist. Dass die Bonbons in eigens hergestellten Miniaturkommoden aufbewahrt sind, macht den Reiz der Produkte von Altmann&Kühne aus.  

Wenn man dann endlich den Stock-im-Eisen-Platz erreicht hat, war man am Equitable-Palais vorbeigegangen, das wegen seiner skurrilen Fassade bemerkenswert ist. Es ist ein „Palast hoch zwei“. Offenbar hat es die Gefahren aus den 60er Jahren überstanden. Da war in den mit Neonröhren belichteten Räumen ein Paketdienst untergebracht und über Stockwerke waren die Pappkartons in den vormaligen Prunkräumen zu sehen. Das hat sich grundsätzlich geändert. Dieses Geschäftshaus war um 1887 errichtet worden, finanziert von einer US-amerikanischen Versicherungsgesellschaft, die offenbar den Ehrgeiz hatte, speziell im Hausinnern die höchste Qualitätsstufe zu erreichen. Leider ist das Hausinnere, vor allem der überdachte Innenhof kaum zu besichtigen. Drückt man die Nase an das reich ausgestattete Eingangstor platt, kann man halbwegs diese unglaubliche Vielfalt der aufgewendeten Materialien bssewundern. Man gewinnt den Eindruck, dass man eigentlich auf eine perfekte Nachahmung der Architekturmalerei der Renaissance blickt oder auf Zeichnungen von Sebastiano Serlio. Dieses aufwändige Bauwerk ist vollständig verfliest und mit der Majolica-Verkleidung verführt das Stiegenhaus in eine Traumwelt, wie sie nur in üppigen Ausstattungsfilmen zu sehen war. Wegen der respektlosen Zutritte Neugieriger ist nun der Eingang verschlossen. So man Glück hat, kann man einem Bewohner oder Besucher hinterher huschen und kurz den überdachten Hof genießen, den Stiegenaufgang, der einem Fürsten Medici würdig wäre.

Shin Ansai schien die erwähnten Geschäfte durchaus zu beachten. Mit einem Zollstab maß er die Profile beim „Knize“ und verglich diese mit dem „Lady Knize“ und merkte den Unterschied. Mit sichtlicher Erregung bezeichnete er die Kopie als Ungeheuerlichkeit als  würde ihm die Kopie eines Holzschnittes von Hokusei angeboten worden sein. Oder man hätte ihm einen Kalenderdruck verkaufen wollen, die berühmte „große Welle“ –  Kanagawa – von Hokusai, im Hintergrund der Fuji san. Und die Auslagen, die er kurz näher angesehen hatte, teilte er deren Art der Präsentation in zwei Kriterien ein: einfallslos oder lieblos. Er dachte, von Daniel Spoerri könnten sich diese „Designer“ eine Menge Anregungen holen.

Ein „Haas-Haus“ ohne Haas

So eindrucksvoll der Blick auf den Dom auch sein mag, so leicht vergisst man, dass schon die Veränderungen des Platzes im 19. Jahrhundert den Eindruck gewaltig beeinträchtigt haben. Bis in die Regierungszeit Karls VI. war rund um den Dom ein ummauerter Friedhof, wie es noch heute bei Dorfkirchen der Fall ist. Der Dom wuchs nicht inmitten enger und verwinkelter Häuser des Spätmittelalters empor, wie etwa in Straßburg oder beim Dom von Florenz. Der Historismus wollte dieses Motiv aufgreifen, aber in gewaltiger Selbstüberschätzung baute man um St. Stephan diese historistischen Monster, die nach Aufmerksamkeit gieren, aber der Qualität des gotischen Doms überhaupt nicht entsprachen. Schon damals schienen die Lage und das Bauvorhaben den Preis der Gebäude zu diktieren. Kurz kam Hoffnung auf, nach den Bombenschäden im Frühjahr 1945 könne eine bessere Architektur die zerstörten Häuser ersetzen. „Pustekuchen“! Das war eben nicht der Fall. Es wäre nicht Wien, würde man aus Fehlern gelernt haben. Getreu den Proportionen der zerstörten Häuser hatte man sie bei den Neubauten getreulich wiederholt, allerdings schienen sie in ihrer typischen Anspruchslosigkeit der 50er Jahre fast schon als gelungen. Es gab dann 1953 wieder ein Kaufhaus, das sogenannte „Haas-Haus“ von Carl Appel und Max Fellerer, dessen Ecklösung sogar attraktiv wirkte. Ausgerechnet dieses musste einem neuen post-modernen Gebäude weichen. Es war ein Feldzug ästhetischer Meinungsbildung angezettelt worden, um das Erscheinungsbild des echten „Haas-Hauses“ selbst in Zeitungen zu bekritteln. Kein Haus am Platz traf eine vergleichbare Kritik, obwohl um „Eckhäuser“ schlechter und peinlicher als das alte „Haas-Haus“. Endlich war man nach dem Abriss des Kaufhauses so weit, dass Hans Hollein 1985 für den Stock-im-Eisen-Platz 4 ein Gebäude entwerfen konnte. Der Auftrag an den Architekten war, einen „Konsumtempel“ zu planen, in dem auserlesene teure Produkte der berühmtesten Modehäuser angeboten werden sollen. Dieser Wortlaut einer Begründung für einen Konsum-Tempel, kommentierte Franz, war für eine sozialdemokratisch geleitete städtische Versicherung immerhin neu und überraschend. Daher verglich man bei der Eröffnung 1990 diesen Konsumtempel mit einiger Überheblichkeit mit dem „Trump-Tower“ in New York. Auf der Titelseite einer populären Tageszeitung wurde schon vor der Errichtung die Fassade des künftigen Hauses in Farbe abgedruckt, doch ein mächtiger Baum verdeckte die künftige Fassade. Nach der spektakulären Eröffnung war der Geschäftsgang der Folgejahre dennoch unbefriedigend, weshalb viele Firmen wieder auszogen. Die Konsequenz war, den obersten Stock an ein Restaurant zu vermieten, Restaurants sind in Wien grundsätzlich ein Erfolgsrezept.

Nun war man nach Fertigstellung der U-Bahn-Station Stephansplatz 1978 froh, die tiefe Baugrube zu schließen, die immerhin für einige Entdeckungen sorgte. So waren die beiden „Vorgänger“-Kirchen von Sankt Stephan um 1972 wieder ans Tageslicht gekommen, die Virgil-Kapelle, die den Einfluss des Salzburger Bistums aufs dörfliche Wien bestätigt. Für den Stationsbau der U-Bahn war unter anderen Wilhelm Holzbauer verantwortlich, die im Fall der Station Stephansplatz gelungen ist. Und darüber feierte man die Eröffnung des „neuen“ „Haas-Hauses“, was an sich absurd war, da dieses neue Haus mit der ehemaligen Einrichtungs-Firma nichts mehr zu tun hatte. Es ist wieder so ein Fall, in dem eine historische Kontinuität vorgetäuscht wird, obwohl weder Eigentümer noch die Baugeschichte irgendetwas mit dem neuen Gebäude zu tun haben. Jedenfalls war insinuiert worden, passend zur Geschichte des Doms müsse es auch eine kommerzielle Geschichte geben. Darin kann man auch ein Motiv post-moderner Architektur sehen, da sie in Zufallskonstellationen verschiedene Konzepte zusammenfügt, einerseits die modernen Baustoffe nutzt, andererseits in einem Potpourri von Formen und Farben die Nachrede eines Ideenreichtums erwartet, aber zugleich werden oft einfache funktionale Voraussetzungen nicht erfüllt oder werden nicht beherrscht.. Im Hollein´schen „Haas-Haus“ war das Problem ausbleibender Verkaufserfolge fast zu erwarten, da in der Anordnung der Geschäfte kaum jene Intimität vorgesehen war, die man für den Kaufentscheid von teurer Kleidung, auserlesenen Accessoires, von Design-Artikel benötigt. Es war auch die Exklusivität des Warenangebots nicht genügend transportiert worden, da der Bauherr, der vermutlich der Wiener Städtischen Versicherung und damit der Stadt Wien nahestand, diese Ein- und Erstmaligkeit der elitären Angebote nicht wirklich argumentieren wollte. Nach einem nicht wirklich erkennbaren Konzept war man mit der Rolltreppe hinaufgefahren, machte oben die Runde, wo jetzt das Restaurant ist,  und musste zu Fuß eine schmale Treppe wieder hinunter – und verließ in der Regel ohne Einkauf diesen Konsum-Tempel. Das wäre früher bei „Braun&Co“ undenkbar gewesen.           

Nun beherrscht das Erdgeschoß eine Bekleidungsfirma mit Billigangeboten, die mit dem Warenangebot der neuen Eigentümer von „Braun&Co“ vergleichbar sind. Damit ist die „Qual der Wahl“ für den Konsumenten der Innenstadt erheblich erleichtert worden. Und wieder kam Franz dieses sphinxhafte Lächeln über die Lippen. Jetzt fiel es sogar Ansai auf, dass da erhebliche Ungereimtheiten in das „Stadtbild“ gerieten, die an den zeitgenössischen Planungen und Bauten zu erkennen sein sollen.

Eine Kontroverse

Geduldig hatte Shin Ansai während des Spaziergangs den Vortrag von Franz bis hierher angehört. Er hatte ihn auch nicht unterbrochen oder gar eine Frage gestellt. Nur einmal waren sie stehen geblieben. Da hatte er die Profilleisten beim „Knize“ nachgemessen, indem er auf seinem Telephon eine App mit Maßstab öffnete und kurzer Hand die Messungen vornahm. Ansai war aufgefallen, dass er keine Stadtbesichtigung geboten bekommt, sondern eine sehr eigenwillige Interpretation der Stadtgeschichte. Nicht oft war das auch zu sehen, was Franz im Vortrag während des Gehens ohne Pause erwähnte. Da man den Spaziergang am Hohen Markt unter der Prämisse von Wiens Bedeutung in Europa begonnen hatte, so war jetzt am Stock-im-Eisen-Platz die Frage berechtigt, was ein Tourist in Wien zu suchen hat? Es war ihm während des Spaziergangs klar geworden, dass Wien oder überhaupt Österreich die weltpolitische Mission verlor, so man diese je gehabt hat. Vielleicht hatte man eine Chance dieser Art leichtfertig vertan? In Shin´s Augen war Wien mit diesem Historismus schon im 19. Jahrhundert immer tiefer ins „Unrevolutionäre“ gerutscht, in einen billigen Hedonismus. Schon damals glaubte man, dass die freundlich-skeptische Art aus einem Wiener einen Weltbürger macht. Also stellte er Franz die Frage, wie lang Wien eine Barock-Metropole blieb, ohne eine Barock-Politik betreiben zu können? Genau das ist ja der Geltungssucht dieser Häuser anzusehen, an denen sie vorbeimarschierten. Heute äußert sich diese Geltungssucht nur noch in Automobilen, die Ansai „Safari-Autos“ nennt, die breit und vulgär in der Stadt herumfahren. Am liebsten wäre den Besitzern vermutlich auch noch eine Bordkanone am Auto, als würden sie in der Innenstadt auf Elefanten Jagd machen. Wieso ist das alles verschwunden, was in alten Büchern als Wiener Eleganz erwähnt wird?

Franz war von den Fragen überrascht. Sie trafen genau den Punkt seiner Mentalreservation, die er sich während seiner Beobachtungen der letzten Jahre angeeignet hatte. Er konnte sich nicht mehr mit dieser Stadt identifizieren, die in ihrer kleinstädtischen Engsicht nur mehr den Reiz eines Einst zulässt. So gern würde Franz seinem Freund den Unterschied erklären, der Wien in der volkstümlichen Kunst so einzigartig gemacht hatte. Es waren auch die Reste der barocken Mundart, die die Sprecher zu Individuen machte, unverwechselbar und immer mit dem Komischen kokettierend.

Shin! – Franz wollte nun seine Rede direkt an seinen Freund richten: Shin, vergleiche die Operetten von Jacque Offenbach, Arthur Sullivan und Johann Strauß, sprach er laut mitten am Stock-im-Eisen-Platz! Strauß besaß nie eine ironische Note, der Musik fehlt die liebenswürdig-bissige Distanz zur Leichtlebigkeit. Die Operette war zur politischen Wirklichkeit geworden und eine Vorschubleistung für alle Leichtfertigkeiten, die den Weltkrieg heraufbeschworen. Das ist ein bekannter Vorwurf, dass nichts ernst genommen wurde. Bei Offenbach hört man die Ironie in jedem Takt der Operette, bei Sullivan die Sozialsatire – etwa beim Schwurgerichtsverfahren „Trial by Jury“ 1875, oder noch im „The Mandarin“ 1885.. In Wien war 1980 von Johann Nestroy nichts übrig geblieben. Schon längst war die romantische Liebenswürdigkeit Ferdinand Raimunds vergessen. Da war bereits eine subtile Kapitalismus-Kritik enthalten. Der letzte, der den Verlust der politischen „Geistesgegenwart“ beklagt hatte, war Karl Kraus. Die Musik von Johann Strauß war zum flachen Abklatsch einer komischen Oper geworden, ein dekoratives Amüsement. Jetzt kann er sich selbst ein Bild machen, wenn er dieses „Haas-Haus“ mit der Kathedrale vergleicht. Da war eine andere Sprache gesprochen worden. Sie war ein anderes Deutsch, deren Eigenständigkeit bei Nestroy und Arthur Schnitzler ihren Höhepunkt hatte. Man empfand das Deutsch der Deutschen seit jeher unangenehm. Heute? Heute kennzeichnet uns der Sprachverlust gegenüber der deutschen Sprache. Unsere Sprache verloren wir zuerst im Theater während der 70er Jahre. Jetzt reden die Schauspieler dieses Werbefernseh-Deutsch, wenn auch leise und unverständlich ab der 10.Reihe, und die volkstümliche Sprache am Markt ist Türkisch. Sollte sich ein „einheimisches“ Idiom dareinmischen, ist es vulgär und zotig, ordinär und gemein. Das kann er als Ausländer nicht verstehen, wer uns hier die Sprache raubt. Das Land selbst ist schon längst nicht mehr das Hinterlands des Burgtheaters, wie es Robert Musil bitter vermerkt hatte. Heute muss man sogar hinzufügen, dass das sogar ein Glück fürs Land ist. Wenn das Wiener Burgtheater stolz darauf ist, in deutschen Zeitungen die Beachtung einer Provinzbühne zu finden, kann man sich vorstellen, welche Rolle das Land im „internationalen Konzert“ spielt.  Wahrscheinlich wäre die Triangel schon eine Übertreibung.

Ansai war über den Redefluss nicht mehr verwundert. Verwundert war er über die harte Einschätzung der Landesgeschichte am Beispiel  von Johann Strauss. Es kann doch nicht sein, sollte Franz recht haben, dass ausgerechnet diese Musik zur Grußbotschaft für die ganze Welt wurde, pünktlich zu Jahresbeginn. Hat es da noch einen Sinn, weitere Spaziergänge zu planen? Trotz seiner Herkunft hat er eine Ahnung von österreichischer Literaturgeschichte, von den Philippika, die Thomas Bernhard in jedem Theaterstück zum Thema erhob. Da hätte sich sogar Demosthenes etwas abschauen können! Trotzdem: Will er so enden? Er nahm wieder Zuflucht zu seinem undurchdringlichen wie rätselhaften Lächeln.

Diese ganze Geschichte, die ihm Franz auftischte, ausgerechnet vor dem „Haas-Haus“,  erscheint ihm jetzt als die europäische Tragödie schlechthin. Das Urteil der Geschichte war paradox: die Europäer sollen frei sein. Die armen Europäer verstehen nicht, dass sie mit ihrer Freiheit nur zu Aspekten ihres Selbst wurden. Dieses Selbst hatte sich  nach der Französischen Revolution nie in der Gelassenheit seines Seins befunden.

Bei uns, sagte Ansai, weiß man noch, was das Selbst ist. Franz hatte seine Geschichte zu hören: Um was es geht, zeigt die unverstandene Arbeit des Töpfers. Tagelang streicht er behutsam über die Porzellanerde, bis er keine Unebenheit mehr empfindet, kein Körnchen, weil erst dann in der absoluten Reinheit die Porzellanerde ihr Selbst ist und geformt werden darf.

Ansai sprach die Sätze als würde er sie aus einem Buch vorlesen. Franz hörte aufmerksam zu.  

Der Stephansdom

Franz blickte sich um und Resignation beschlich ihn. Alles „Drumherum“, was hier zu sehen ist, ist der neuen Konsumentenschicht geschuldet. Ein grauenhafter Gedanke, sagte sich Franz. Er nahm Ansai an der Hand und eilte mit ihm in die Stephanskirche. Es sah aus als wollten sie in der Kirche eilig um Asyl ansuchen. Dennoch mussten sie sich vor dem Riesentor in die Schlange der Besucher einreihen. Endlich im Dom fesselte sie der Blick zum Hochaltar. Entworfen haben ihn die Brüder Tobias und Johann Pock. Zwichen 1641 und 1646. Tobias Pock malte das Altarbild, das Martyrium des heiligen Stephan, hingegen Johann J. Pock gestaltete den Aufbau des Altars in bemerkenswerter frühbarocker Manier.

Wahrscheinlich ist der Zauber der Stephanskirche die gelungene Folge der stilistischen Eigenarten, die bewusst gestalteten Beiträge, die nicht allein aus künstlerischen Motiven gewidmet oder gespendet wurden, sondern in der Intention der Verehrung, als Zeugnis des Glaubens, der in einer Domkirche noch zusätzlich als schützendes Dach empfunden wird –  vor Feuer und Seuchen, vor Krieg und Hungersnöte. In den Kathedralen Deutschlands, etwa Sankt Sebaldus oder Sankt Lorenz in Nürnberg, wurde die Entwicklung der Ausstattungen und Verehrungen in der Reformation beendet. Grundsätzlich wurde die katholische Üppigkeit abgelehnt. Die in der Architekturgeschichte wichtigen französischen Kathedralen hinterlassen einen oft düsteren und kargen Eindruck, da die kunsthistorisch bedeutsame Ausstattung großteils in der Zeit der französischen Revolution geraubt oder vernichtet wurde. Offenbar gehörte es zu den Vergnügungen der Revolutionäre, den reichen Figurenschmuck an den Westfassaden der gotischen Kirchen in die Tiefe zu stürzen.

Diese Zerstörungswut blieb der Stephanskirche erspart, allerdings war die Kirche in den letzten Kriegstagen in Brand geraten und nicht nur die barocke Glocke „Pummerin“ stürzte in die Tiefe, sondern der gigantische Dachstuhl brannte lichterloh, das Gewölbe stürzte ein und die Kathedrale drohte eine irreperable Ruine zu bleiben. Dass dem nicht so war, verdankt man der solidarischen Hilfe aller Bundesländer, wo die besten Handwerker und Experten die schlimmsten Schäden beseitigen konnten und zugleich eine beeindruckende Restaurierung begannen. Die Stahlkonstruktion des Daches spendete das Linzer Stahlwerk VOEST. Nach Fertigstellung konnte man die Berechnung anstellen, dass der ehemalige Dachstuhl etwa 2000 Festmeter Lärchenholz benötigte. Dessen Bedarf hatte das Weinviertel im Spätmittelalter – wohl bis heute „entwaldet“. Das traf für alle Kathedralen in Europa zu und so waren späte Kathedralen aus Holzmangel nicht mehr fertig gestellt worden.

Erinnerung an Humanisten

Da über die Stephanskirche eine reichhaltige und gute wie lesenswerte Beschreibung existiert, so ist es nicht nötig, die Baustruktur, die kunsthistorische Befundung zu wiederholen. Das erleichterte Franz die Aufgabe weit ausholender Erklärungen. Allerdings musste er darauf aufmerksam machen, dass Vieles und die Vollendung der Kathedrale dem Dombaumeister Laurenz Spenning zu verdanken ist, der weit mehr bewirkte als der viel öfter erwähnte Meister Pilgram. So ist das Deckengewölbe des Langhauses von Spenning, Und bei der Regotisierung der Kirche verwendete Friedrich Schmitt die Pläne von Spenning. Diese Pläne hatte man in der Folgezeit aus den Augen verloren, weshalb Pilgram mehr und mehr in den Mittelpunkt rückte und die Bedeutung von Spenning auslöschte. Wenn es einem Besucher gelingt, die Kirche einmal in den Abendstunden zu besuchen, so kann man ihm nur raten, gleich nach dem Eingang linker Hand den Epitaph des humanistischen Gelehrten Johannes Cuspinian (Spießheimer) zu besuchen, der Philologe, Mediziner und Dichter war. Von ihm gibt es Portraits, das eine im Wiener Kunsthistorischen Museum von Bernhard Striegel, das andere hatte Lucas Cranach d. Ä. 1503 gemalt und befindet sich in der „O. Reinhardt Sammlung“ in Winterthur.

Auf der gegenüberliegenden Seite rechts ist der Epitaph des großen Humanisten Konrad Celtis, der in Wien 1508 verstarb.

Der Sinn, auf Cuspinian und Celtis zu verweisen und diesen in der Kirche auch die Ehre zu erweisen, entspricht der Würdigung, die der in Wien durch Maximilian I, gepflegte Humanismus verdient. Diesen besonderen Humanismus hatte vor den beiden Gelehrten der Mathematiker und Astronom Regiomontanus (Johannes Müller) vorbereitet. Er wohnte gleich neben der Stephanskirche im Haus des Deutschen Ordens und um pünktlich mit der Vorlesung zu beginnen, hatte er vor seinem Fenster am Außenpfeiler beim südlichen Apostelchor der Stephanskirche eine Sonnenuhr anbringen lassen, die uns bis heute über die Tageszeit informiert – so die Sonne scheint….Wenn wir wieder in die Kirche zurückkehren, sollten wir kurz nach dem Eingang gleich links die Grabkapelle des Prinzen Eugen von Savoyen besuchen, wenigstens zwischen das dicke barocke Gitter schauen.

Franz begann plötzlich den Plural des Personalpronomens zu verwenden, um das Belehrende des Vortrags zu vermeiden. Damit wollte er sich als Betrachter auf die gleiche Stufe wie Ansai zu stellen, um überhaupt den Eindruck eines gemeinsamen Spaziergangs durch die Stadt zu erwecken.

Dieser Prinz, fuhr er fort, ermöglichte den Aufstieg des Habsburger-Reiches zur Großmacht und festigte diese Position sowohl in den Kriegen gegen das osmanische Reich als auch im Spanischen Erbfolgekrieg.

Sollte es gelingen, im rechten Seitenschiff bis zum Grab Friedrichs III. vorzustoßen, dann werden wir uns angesichts dieses Grabmals von Gerhaert van Leyden aus 1467 der Worte Goethes erinnern. Er hatte dieses Grabmal besonders studiert, meinte auch, dass es den Übergang der mittelalterlichen Kunst zur Renaissance am besten wiedergibt. Goethe war nicht nur ein Bewunderer dieses Grabmals gewesen, sondern würdigte es auch für diese Zeit als die größte Leistung der Bildhauerei in der Kunstgeschichte. Immerhin!

Nachdem Gerhaert van Leyden gestorben war, setzten Max Valmet und Michael Trichter die Arbeit1473 fort, die 1519 abgeschlossen wurde. Unter höchster Geheimhaltung war 1969 ins Grabmal ein Loch gebohrt worden; erst 2013 nutzte man diese Möglichkeit zu eingehenderen Analysen.

In gleicher Weise verdienen die Steinskulpturen aus der Zeit um 1320 hoch oben an den Strebepfeilern höchste Wertschätzung. Über 100 Figuren von erstaunlicher Qualität, teilweise farbig gefasst, werden kaum eines Blickes gewürdigt. Eigentlich sollten wir mit einem Fernglas sie länger betrachten, erzählt doch jeder Heilige eine zusammenhängende Geschichte seiner Zeit, seines Glaubens, seiner Heiligsprechung.

Vom Unbeachteten

Beim Abschreiten des Langhauses oder des Mittelschiffs wegen der „Säulenheiligen“ kommen wir, Franz hielt den Plural des Personalpronomens bei, vorbei an der sogenannten Pilgram-Kanzel. Diese wird allgemein bewundert, wie man am zahlreichen Photographieren bemerken kann. Allerdings ist man heute nicht mehr sicher, ob sie wirklich von Pilgram stammt, da sie nicht um 1515 angefertigt wurde, sondern Analysen ergaben eine Entstehungszeit um 1490. Das macht die Kanzel „moderner“, bewegt sich also in einer Formensprache der Renaissance, was jenseits der Alpen erstaunlich früh wäre. Die Figuren könne man stilistisch dem Umkreis von Gerhaerdt van Leyden zuschreiben, also wirft diese beeindruckende Kanzel noch immer viele Fragen auf. Freilich muss man in Erinnerung rufen, dass der Vorgänger des jetzigen Dombaumeisters unglaubliche „Bearbeitungen“ veranlasste, die mit der Erneuerung eines Gitters um die Kanzel begannen – man würde nicht einmal einen Bauerngarten so einfrieden – und die Fortsetzung ist überhaupt skandalös! Dem Stiegenaufgang zur Kanzel folgt ein Handlauf, der im damaligen Aberglauben auch von Kröten und Echsen symbolisch genutzt wird. Um das kecke Angreifen der vielen Besucher zu unterbinden, wurde der Handlauf „eingehaust“. Man war der Überzeugung, eine noble Form aus Plexiglas gefunden zu haben. Also bohrte man 10er-Dübel ins gotische Gewände und schraubte an diese die grausliche Plexiglas-Umhüllung an. Die tut nun verstaubt ihren Dienst und die Kröten und Echsen befreien den Prediger nicht mehr von sündigen Gedanken. Immerhin predigte von hier aus Abraham a Sancta Clara und zuletzt in den 50er Jahren Diego Götz und Monsignore Otto Mauer. Dann ersparte die Tonanlage jedem Prediger die Überwindung der steilen Stiege zur Kanzel. Zum Überdruss war die Zuleitung für die Lautsprecher ins Gewände eingestemmt und mit Gips verschmiert worden.

Der Zustand des Domes vor 50 Jahren war daher nahezu ein Beispiel der Verwahrlosung und versäumten Obsorge. Das Singertor diente als Lager für Pfandflaschen, hinterm Hochaltar war eine Waschmaschine montiert und in den Wiener Neustädter Altar hatte man mit einer Bohrmaschine für Elektrifizierung und Beleuchtung des grandiosen Altares gesorgt. Im Adlertor waren diverse Leitern, Besen, Kübel und Putzmaterial aufbewahrt worden. Man muss dem Nachfolger von Kardinal König hoch anrechnen, diesen Zustand sofort beseitigt und nachhaltig für Ordnung gesorgt zu haben. Vielfach wurden Bausünden beseitigt, allerdings nicht jenes hässliche Gebilde an der Außenmauer neben der Capistran-Kanzel, vermutlich eine Heizungsanlage, die bis zum First des Daches ihre schwarzen Spuren hinterlässt.

Der Rundgang durch den Dom ist nicht allein ein Weg durch die Geschichte der Kirche, der vielfältigen Bedeutungen für Menschen in Krankheit und Not, auch in Zeiten der Freude oder gar des Triumphs. Bei den Besuchern ist heute nichts von dieser alten Ergriffenheit zu bemerken, sie drängeln durchs Riesentor und streunen in der gotischen Hallenkirche ziellos herum. Schon längst zählt das in der Kirche verwaltete alternative Wissen nicht mehr zu den allgemein erwarteten Kenntnissen. Die Nonchalance, mit der eine Kirche betreten wird, und in Wien kann man das allenthalben in mehreren Kirchen beobachten, würde weder in einem muslimischen Bethaus noch in einer Synagoge akzeptiert werden. Offensichtlich sind die christlichen Konfessionen aus dem historischen Selbstverständnis in Europa längst ausgeschieden und behielten ihre öffentliche Funktion nur zu dem Zweck, um an christlichen Festtagen die Fernreisen für den Urlaub auf Gran Canaria, Malediven oder Koh samui zu legitimieren, ohne dass diese Tage dem gesetzlichen Urlaub angelastet werden.  

Welches Leben muss einmal im Dom geherrscht haben, da die vielen Altäre an den Strebepfeilern ja keineswegs zum Schmuck angebracht wurden. Es ist die erste Form einer „Schreibtischlandschaft“, der  wegen des „klerikalen Überflusses“ eine Notwendigkeit war.

Der Rest der Würde einer Kathedrale versteckt sich in der Barbara-Kapelle, gleich vorm Adlertor rechts, in der der ermordeten Opfer in Auschwitz gedacht wird. In ihr ist endlich die gewünschte Ruhe und Besinnlichkeit zu finden, die in einer Kirche erwartet wird.

Hier war auch Shin Ansai sichtlich bewegt und gedachte „seiner Toten“ nach Hiroshima und Nagasaki.

Hier verabschiedete sich Franz von Shin und beide gingen ihrer Wege. Knapp vereinbarten sie sich noch für den kommenden Tag wegen eines weiteren Spaziergangs.

2. Spaziergang

Eine Digitaluhr

Der Treffpunkt war vor dem Riesentor des Domes vereinbart worden. Auf die Sekunde genau traf Ansai ein. Es war nicht zu ermitteln, ob ihm der Spaziergang gestern gefallen hat, ob er enttäuscht war und seine Erwartungen geringer sind. Sein Gesichtsausdruck verriet nichts außer undurchsichtige Höflichkeit. Franz wollte ihm an Ort und Stelle gleich am Anfang an der Westfassade der Stephanskirche eine Besonderheit zu zeigen, die er sicherlich nicht erwartete.

Franz begann mit einem Zitat aus einem Aufsatz von Adolf Loos über die Stephanskirche  von 1906. Franz war der Meinung, Ansai sollte die Beurteilung dieses berühmten Architekten kennen: „…Dieser raum erzählt uns unsere geschichte. Alle generationen haben daran mitgearbeitet, alle in ihrer sprache. Bis auf die unsere – denn die kann ihre sprache nicht sprechen. Und so ist  dieser raum am herrlichsten, wenn die mitarbeiterschaft der letzten vierzig jahre  nicht zu worte kommt….“  Also ist man versucht, den Zeitraum der Kritik zu verlängern – bis 1990. Diese Geschichte muss immer wieder  wiederholt werden, denn die minderwertigen Arbeiten am und im Dom haben bis 1990 eine Fortsetzung erfahren, sagte Franz. Einem Touristen wird man es schwer begreiflich machen, welche „Verletzungen“ den Dom zugefügt wurden, nachdem der Dom  mit knapper Not die Brandkatastrophe vom April 1945 „überstanden“ hatte.

An der Westfassade ist die Baugeschichte recht gut abzulesen, was man aber in jedem „Führer“ nachlesen kann. Nie wird aber ein Detail in der Fassade erwähnt, das ebenso Beachtung verdient, wie die Enträtselung der Symbolik, die das „Westwerk“ beinahe ins Mythische transponiert. Über dem Abschluss der Mittellisene ist rechts das weibliche Geschlechtsorgan in Stein gemeißelt und darüber ein Rosettenfenster. Beide Rosetten, die viel später in die Fassade geschlagen wurden, werden für Uhren genutzt. Links zeigt die eine Uhr die Zeit analog an, hingegen rechts digital. Diese ist wahrscheinlich eine der ältesten Digitaluhren. Sie ist älter als die Digitaluhr an der Dresdener Semper-Oper und wahrscheinlich gleich alt wie die Digitaluhr am Uhrturm in Venedig. Aus dem Gedächtnis ist die Erinnerung abzurufen, dass diese Digitaluhr um 1820 in Venedig angefertigt und nach Wien verbracht wurde, Allerdings erfolgt diese Mitteilung ohne Gewähr.

Wenn Japan an der Entwicklung der Digitaluhr großen Anteil hat, diese Vorherrschaft konnte erst mit der vollautomatischen Uhrenproduktion von „Swatch“ 1983 gestoppt werden, so besitzt selbst diese Zeitanzeige eine alte Geschichte. In Venedig ändert sich die Zeitanzeige alle fünf Minuten, in Wien hingegen „minütlich“. Das hatte selbst Ansai nicht erwartet, also war seine Erwartung gestiegen.    

Vis a vis von der Stephanskirche ist das einzige erwähnenswerte Gebäude der Amtssitz des Wiener Erzbischofs, also das erzbischöfliche Palais.

Ein Palais mit versperrtem Haupteingang

Die Vorgängerbauten des jetzigen Palais besitzen ein ähnliches Alter wie der Dom. Anfänglich war es ein Pfarrhof gewesen – um 1260, dann wurde regelmäßig je nach Rang der Kirche erweitert und es immer größere Leitungsfunktionen übertragen. Zur Gründung der Universität 1365 kam es auch zur Einrichtung eines Kollegiatskapitels mit Propst und 24 Kanonikern, die Rudolf IV., wie erwähnt, in Gewänder kleidete, weshalb man meinen konnte, in Wien sei der Sitz eines Kardinalkollegiums. Dem Drängen von Kardinal Khlesl gab die Stadt Wien 1617 nach, die Nachbar-Grundstücke dem Kardinal zu übertragen und somit war das Grundstück für einen Neubau groß genug. Etwas später erhielt Giovanni Coccapani den Planungsauftrag, ein Gebäude für den Bischofssitz zu errichten.  Nun muss man dem Palais zu Gute halten, äußerst schlicht und zurückhaltend, nahezu bescheiden geblieben zu sein. So blieb es fast ein zaghaft wirkendes frühbarockes Gebäude das allerdings durch den späteren Ausbau der Rotenturmstraße die eigentliche Hauptfassade nicht mehr zur Geltung bringen will.  Erst anlässlich eines zweiten Papstbesuchs in Wien, war das Hauptportaal geöffnet worden, um Johannes Paul II. würdig im Bischofshof zu empfangen. Danach blieb das Tor wieder fest verschlossen und leidet vor sich hin – verstaubt und vergessen. Der eigentliche Zutritt zum Palais ist in der Wollzeile, ein eigens vorgesehener Zugang zum Dom befindet sich vis a vis vom Adlertor. Gleich neben diesem Ausgang ragt eine gotische Apsis aus der Hausfront. Es ist die erzbischöfliche Kapelle. Selten kann man das Innere des Palais besuchen, also kann man nur wenige Hinweise geben, aus denen man sich auch ein Bild machen kann. Wahrscheinlich ist in der Nutzung des Hauses generell eine erstaunliche Bescheidenheit dominant und es ist schwer zu sagen, ob die relativ karge Ausgestaltung die Folge eines Bombentreffers 1945 war oder durch die Entscheidung der regierenden Kardinäle verursacht wurde.

Der Bombentreffer erlaubte eine Renovierung im Stil „moderner Behaglichkeit“ der 50er Jahre, also gleicht einem schmucklosen Bürohaus mit Lift und automatischem Türöffner, aber viel zu schwer und massiv gebaut. Der einzige Luxus des gerade amtierenden Kardinals Christoph Schönborn ist die Einrichtung seiner Handbibliothek, die in ihrer Schlichtheit und mit der Wahl hellen Holzes überaus wohnlich gelang. Vielleicht das wichtigste Blatt der Bibliothek ist die Bleistiftskizze Fritz Wotrubas für die spätere „Dreifaltigkeits-Kirche“ in Lainz. Diese hatte Wotruba in einem Wirtshaus auf Bitten Ati Auer-Welsbachs schnell auf einer Serviette hingeworfen und blieb die Grundlage dieser im Stil des Kubismus-Brutalismus 1974 errichteten Kirche. Kulturrat Auer-Welsbach hatte diese Skizze dem Kardinal geschenkt.

Einzelheiten, die der Kardinal über seine Rom-Besuche berichtet, sind stets Hinweise auf eine dysfunktionale, von Einzelinteressen beherrschte „Bürokratie“, die weniger die Weltkirche im Auge hat-  eher Eifer- und Geltungssucht. Zweimal hätte ihm der Papst Handschreiben übergeben wollen, doch Kardinalstaatssekretär habe  sie beide Male dem Papst aus der Hand genommen und unumwunden dem Papst streng mitgeteilt, dass diese Schreiben nicht ausgehändigt würden.

Ansai war verblüfft über diese Erzählung und konnte nur antworten, dass im Vergleichsfall sich niemand unterstanden hätte, dem Tenno ein Schreiben aus der Hand zu nehmen. Sollte jetzt Ansai die Front des erzbischöflichen Palais entlang gehen, die heute kaum mehr als Hauptfassade angesehen wird, könnte er sofort wahrnehmen, dass Giovanni Coccapani eine außerordentlich glückliche Hand gehabt hatte, einer mächtigen Kirche eine so schlichte Fassade zur Seite gestellt zu haben. Hätte man sich in der Geschichte dieser Aussage menschlichen Seins im Entwurf des Palais bedient, meinte Ansai, wäre wohl die Idee umfassender Ganzheit und Unendlichkeit unbeschädigt geblieben. Bis heute wäre es ein Ehrenkleid, würdiger als alle Paramente und Goldstickereien zusammen.

Also kehrten sie wieder um, gingen am Stock-im Eisenplatz die Seitenfront des Palais ab und sahen, dass sie hier inzwischen zur Hauptfront avancierte. Neben ihr stehen die beiden mächtigen Häuser des Stephanplatzes. In Volumen und Anspruch nehmen der Zwettlerhof und das Domherrenhaus es leicht mit dem Dom auf, der mit der Apsis, dem halben Turm und der von der Dombauhütte großteils verdeckten Fassade ohnehin kleiner wirkt. Dennoch sind beide Gebäude knapp vor einer historistischen Auffassung entstanden und spielen in ihrer Größe und Höhe ein magnifiziertes Biedermeier, wie es einmal das Haus der „Erste Bank“ am Graben dargestellt hatte. Dahingegen ist die Westfront des Platzes von jeder kirchlichen Bedeutung vollständig emanzipiert.

Shin Ansai deutete auf die Zufahrt zu einer Tiefgarage unmittelbar vor der Apsis der Domkirche. Er konnte das Lachen nicht verbeißen, Am liebsten hätte er jetzt die Darstellung von Franz von gestern wiederholt. Es ist wirklich keine gute Idee, Autos bis zum Stadtmittelpunkt zu führen. Wie hatte Franz auf der Freyung gesagt: Keine Tiefgarage bewirkt eine Verkehrsberuhigung – im Gegenteil! Und Franz gab freudig seine Zustimmung….

Ein Ort verliert seinen Platz…

Wie erwähnt hatte im „Warenhaus“ Hans Hollein dem „Platz“ eine dauerhafte Prägung gegeben, ohne nun endlich einen Platz zu schaffen, oder die Schwächen des Bestands auszubessern. Die größte Schwäche wurde dadurch verursacht, die Zufahrt vom Graben zum Platz vergrößert zu haben und somit wurden schon vor zweihundert Jahren jene zwei Häuser abgerissen, die den Platz erst schufen. Also von der Rotenturmstraße aus sieht nun das weltberühmte „Haas-Haus“ so aus als würde ein schwerer LKW zurückgeschoben haben und noch immer nicht anhalten. Diese beunruhigende Szene wird vom Nachbarhaus keineswegs entspannt. Auch hier, auf Hausnummer 11, stellte Hans Hollein seine Glaskuben aufs Dach einer offenbar abwaschbaren Fassade und setzt dort fort, wo er beim „Haas-Haus“ endete. Damit war eine Ideologie des Glashauses bis vor die Stephanskirche vorgedrungen, die Spiegelung psychogeographischer Befindlichkeit. War der Historismus vergebens bemüht gewesen, wenigstens durch seine Fassade a la Hans Makart mit „altdeutschem“ Zierrat einen Kirchenplatz zu markieren, so sind nun die Westfassaden von diesem Ansinnen buchstäblich befreit, kümmern sich keinen Deut um den Dom oder sehen sich zu keinem Motiv veranlasst, das sich irgendwie mit dem gotischen Dom in Beziehung setzen will. Gerade mit diesen Glaskörpern wird der Passant zum Voyeur wider Willen, während sich die beiden Gebäude der Westfassade zur Kirche exhibitionistisch anbieten, alles zu  zeigen, was sie haben.  

Im Haus Nummer 10 befindet sich ein Geschäft des Verkehrsbüros, das ebenfalls Hans Hollein 1977 entworfen hatte. In diesem hatte er üppige Ideen verwirklichen wollen, die sich jetzt wie Störenfriede im Geschäftsgang erweisen und teilweise wieder verschwanden. Es bestätigt die Meinung von Ansai, in Wien habe man Geschäftslokale nicht erfunden.

Franz schlug vor, den Weg in Richtung Wollzeile fortzusetzen und somit durchquerten sie den Zwettlerhof.

Die Wollzeile ist eine typische Straße der Innenstadt, recht unaufgeregt, früher die Hauptstraße des Wiener Buchhandels, von dem noch zwei Geschäfte übrig blieben. Der Zinshaus-Historismus hat den barocken Bestand nahezu vertrieben und die Geschäftsfront ist in der Wollzeile alles andere als verführerisch. Freilich gibt es eine Ausnahme: Das Kindermodengeschäft der Hausnummer 17 zeigt in regelmäßigen Abständen die Sammlung von Puppen, Stofftieren und Puppenmobiliar samt Ausstattung. Nach Neujahr ist dann die Festtafel am Morgen ziemlich ramponiert, die Gäste schlummern teilweise bei Tisch oder fielen betrunken vom Sessel. Die Nebenauslage ist ebenfalls immer einem Thema gewidmet und die Bestände sind offenbar unerschöpflich. Ein Blick in die Auslage lohnt sich, selbst Ansai war begeistert und amüsierte sich königlich.

Ein Ausflug in die Botanik

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, Ecke Strobelgasse Wollzeile 10, ist die alte Tafel zu sehen, die dem Botaniker Charles de l´Ecluse gewidmet ist und den heute niemand mehr kennt. Franz waar wirklich stolz darauf, diesen längst vergessenen Botaniker in Erinnerung zu rufen. Gemäß der Gedenktafel soll er in Wien von 1573 bis 1588 gelebt haben, was aber näherer Prüfung nicht standhält. Als Hofbotaniker legte er für Maximilian II. einen Medizinalkräutergarten an, musste aber Wien aus konfessionellen Gründen nach Herrschaftsantritt von Rudolf II. verlassen. l´Ecluse ging auf Exkursion in den Gebieten rund um den Ötscher und Schneeberg. Gleichzeitig legte er das erste Alpinum an.

Da er Wien verlassen musste, wurde er vom Grafen Batthyany in Güssing aufgenommen. Dort schrieb l´Ecluse die erste österreichische Pflanzenkunde und die erste Systematik der Pilze: Fungorum Pannoniis observatorium brevis historia, gedruckt 1601. Ihm ist auch die Einführung der Rosskastanie, der Tulpe und der Kartoffel in Österreich zu verdanken.  

Da Japaner im allgemeinen Naturliebhaber sind, begeisterte sich Ansai an diesem Bericht. Und er sah sich bemüßigt, seine Kenntnis hinzuzufügen und berichtete aufgeregt, die Gedenktafel für l`Ecluse im Rücken, dass im Vorjahr (2023) der Botaniker Kenji Suetsugu zwei neue Pflanzen in Japan entdeckt habe, über deren Existenz man bislang nichts wusste. Zuerst fand er die „Feenlaterne“, die Thismia kobensis, und hierauf eine Orchideenart, die der australischen Spiranthes australis ähnlich ist, doch in Japan Unterschiede zeigt: die Spirantes hachijoensis, gefunden 300 km südlich von Tokyo.  

Beim Spaziergang auch auf solche exotischen Dinge hinzuweisen, ist nicht nur eine Auflockerung beim unaufhörlichen Betrachten von Gebäuden, Palästen oder kunsthistorischen Besonderheiten, sondern generell kommen die Naturwissenschaften bei Stadtrundgängen zu kurz. Immer wieder ist es ärgerlich, wenn Touristenströme sich in die Salzburger Getreidegasse ergießen, um das mehrfach veränderte Geburtshaus Mozarts zu sehen, aber am Geburtshaus von Christian Doppler achtlos vorübergehen, das vis a vis vom Landestheater steht. Und Doppler war wirklich ein bedeutender Physiker. Kein Mensch würde in der engen Blutgasse vermuten, eine Seitengasse der Singerstraße, dass hier Heinz Zemanek wohnte, der den ersten Computer im Mai 1958 angefertigt hatte, das sogenannte „Mailüfterl“. Würde man wegen dessen Wohnhaus extra einen Umweg machen? Natürlich nicht, denn es winken Paläste, Kirchen, Klöster und städtische Fixpunkte aller Art.

An Samstagen konnte man Zemanek bei Einkäufen treffen, erzählte Franz, und manche launigen Gespräche führen. Das macht den Reiz  einer Stadt aus. Das dichte Gewebe einer Stadt zwang zu Begegnungen, ehe Stadtautobahnen die vielfältigen Beziehungen unterbrachen und wie reißende Flüsse die gegenüberliegende Straßenseite nahezu unerreichbar machten.

Zwischen Wiener Schnitzel und einem Fest für Kaiser und König am Lugeck 1470

Der kurze Aufenthalt in der Wollzeile ist nötig, meinte Franz, denn es winken weit wichtigere Sehenswürdigkeiten, die auf der Wollzeile nur mehr in Spuren vorhanden sind. Die Neugier Ansais zwang einen Durchgang zum Lugeck zu wählen, der eindeutig ein Anziehungspunkt für Touristen ist. Das hatte er gelesen. Dieser Durchgang war in jedem Fremdenführer erwähnt und empfohlen. Wirklich drängeln sich die Wien-Besucher durch diesen „Hohlweg“, der seine Attraktivität einem Schnitzel-Wirt verdankt, über den in jedem Reiseführer zu lesen ist. Das sind die wahren Attraktionen! Bei Touristen hat dieser Durchgang von der Wollzeile zum Lugeck auch die Bezeichnung „Figlmüller-Gasse“ erhalten, die im weiten Umkreis bei Touristen ein Losungswort fürs Schnitzel-Essen ist. Spätestens ab 12 Uhr warten die hungrigen Touristen vor der Türe, die anderen warten vor der „Anker-Uhr“.  Der Aufenthalt in der engen Wirtsstube ist sehr beschränkt und es verbreitet sich daher jene gehetzte Atmosphäre, von der eben nichts in den Reiseführern steht. Die Situation ist ähnlich jener im Café El Greco in der via Condotti in Rom oder das „Tomaselli“ in Salzburg. Selbst Analphabeten, die keine Zeile eines Reiseführers lesen können, würden dennoch in diesen Lokalen landen. Zu aller Überdruss gelangen auch Rucksack-Touristen in Kaffeehäuser, die doch eher in Berghütten passen. Die Wartenden blicken mit großen Augen durch die Fenster ins Lokal, spähen nach einem Sitzplatz oder beurteilen die Essensgeschwindigkeit der Gäste, um in den Genuss eines freien Platzes zu kommen. Oder sie stehen gleich um die noch besetzten Tisch herum. Gerade  dass sie die Gäste nicht auffordern, den Kaffee schneller zu trinken. Unmissverständlich geben sie zu verstehen, dass die letzten Bissen auch während des Anziehens der Mäntel gegessen werden könnten.

Dennoch war es schwer, selbst einen überaus disziplinierten Japaner zu überreden, sich nicht in die Warteschlange einzureihen. Natürlich wusste Ansai aus dem Reiseführer, dass hier die berühmten Wiener Schnitzel sind und begriff nicht, dass ihm dieser Essenswunsch abgeschlagen wurde. Er hatte sich mit den touristischen Unsitten schon so weit abgefunden, dass er auch in einer Warteschlange zufrieden gewesen wäre. In Japan hätten ihn viele ehemalige Wien-Besucher gefragt, ob er wohl im „Figlmüller“ Schnitzel gegessen habe? Und nun werde er antworten müssen, dass es ihm von einem Freund untersagt worden war – einem Wiener!  

Mit erkennbarem Unmut äußerte er sein Protestverhalten, revidierte aber sein Enttäuschung, da er an den bekannten japanischen Psychologen Hayao Kawai dachte. In dessen Arbeit war das wichtige  „Tatamae“ beschrieben, die Tugend der Behutsamkeit, die im „Figlmüller-Durchgang“ ja auf eine harte Probe gestellt worden wäre.  Zweimal wiederholte er, dass die japanische Kultur einerseits von dem „Tatamae“ geleitet wird, andererseits vom „Amae“, über das Takeo Doi Analysen schrieb, nämlich sich so zu verhalten, als könne man grundsätzlich mit der Nachsicht seiner Nächsten rechnen. Ihm war bereits in der Stephanskirche aufgefallen, dass Beides, „Amae“ und „Tatamae“ Europäer nicht begreifen. Während der Schilderung über Charles de l`Ecluse hätte er dieses Urteil fast revidiert, doch nun im Gedränge vorm „Schnitzel-Wirt“ und Lugeck, wo riesige Schanigärten dieses allgemeine Fressen auf Straßen scheinbar zur Pflicht machen, sieht er die kulturellen Mängel, nämlich das Fehlen von „Amae“ und „Tatamae“. Hätte er gleich daran gedacht, würde er Franz keinen Vorwurf gemacht haben.

Eine „innere“ Geschichte

Wenn also am Lugeck Kaiser Friedrich III. und der ungarische König Mathias Corvinus Hunyadi aus Anlass eines Festes 1470 zusammentrafen, bedeutete es nicht, nunmehr die Kämpfe um die Königswürde Böhmens, Ungarns und um die Herzogswürde Österreichs einzustellen. Der Tuchhändler und reiche Ratsherr Niklas Teschler hatte das üppige Fest ausgerichtet und war als Parteigänger des Kaisers sogar zu dessen Krönung mit nach Rom gereist. Dieser außerordentlich verwickelten Geschichte konnte Ansai nicht folgen, wie er ja auch nicht verlangte, man solle jetzt die historische Funktion der Kazoku und deren Unterschied zu den Samurai erklären.
Das Gebäude, das noch Zeugnis fürs Fest gewesen war, wurde noch 1896 abgerissen. Nun steht an dessen Stelle ein riesiges Gebäude, dessen Fassade wie eine Kulisse den Platz beherrscht. Lugeck 4 wird in der Fachsprache des Wiener Denkmalamts als Wiener historistische Neorenaissance bezeichnet, die sichtlich weit von den bisherigen Konzepten der Renaissance-Architektur abgeht, doch wie soll man ein Haus bezeichnen, das eher als Vorstufe zur „naiven“ Architektur Friedrich Hundertwassers gelten kann, eher in eine Kinderwelt passt, eben „Hatschi-Bratschis Luftballon“, aber keine Ernsthaftigkeit formaler und funktionaler Gestaltung zu erkennen gibt? Es ist aber ein sehr gutes Beispiel, dass eine verantwortungsvolle Renovierung, eine sensible Wiederherstellung längst verwitterter Details selbst dieses Gebäude noch einmal zum Leben erweckt und besser aussehen lässt als es sein Ruf erlaubt.

Und das andere Haus am Lugeck, Hausnummer 7, bildet auch eine Front zur Rotenturmstraße und wäre ebenfalls wegen seines Vorgängers von historischer Bedeutung, würde es nicht 1846 ersetzt worden sein. Hier hatte 1713 Gottfried Wilhelm Leibniz bis 1714 gewohnt und der Zweck war, die Gespräche mit Eugen von Savoyen fortzusetzen. Der erste Punkt war wahrscheinlich die Reform der Universität, deren Bau der Prinz großzügig unterstützte, der zweite Punkt galt dem Gedanken, mit einer zweckgebundenen Papier-Steuer    

Wissenschaftliche Arbeiten in der Drucklegung zu unterstützen und zu fördern. Noch wichtiger ist wahrscheinlich über Leibniz Einblick in die Philosophie des Barock zu erhalten, in sein Konzept der prästabilen Harmonie, die sich in seinem „vinculum substantiale“ zusammenschließen lässt. Leichter verständlich wird diese philosophische Grundlage, die auch ernsthaft an die Aussöhnung der Konfessionen dachte, wenn man die Musik von Johann Sebastian Bach und dazu die unglaubliche Harmonie des Schlosses Belvedere Revue passieren lässt. Da vereinen sich ästhetische Kräfte, die Adolf Loos mehrmals erwähnte, weil diese Harmonie auch in der Architektur erreicht wurde.

Im jetzt noch vorhandenen Haus, berichtete Franz, starb der Konstrukteur des Schienenwegs über den Semmering 1860, Ritter von Ghega, und hatte damit den Eisenbahnbau revolutioniert. Zu seinem Team zählte auch der geadelte Vater des späteren Anführers der Deutschnationalen Bewegung in der Donaumonarchie. Georg von Schönerer lebte vom Geld seines Vaters auf Schloss Rosenau in Niederösterreich, war in der Politik ein schrecklicher Ungeist und mit ihm konnte sich die „Deutschtümelei“ bis in den Reichsrat  einschleichen, dieser ein namenlose politische Kitsch, den Heinrich Heine weit früher schon als „Gamaschenrittertum“ karikiert hatte. Es war ein Treppenwitz der Geschichte, dass Schönerer ein Schloss bewohnte, das im 18. Jahrhundert der geheime Treffpunkt der österreichischen Freimaurer gewesen war.

Das Haus Nummer 7 ist aus dem Grund bauhistorisch von Interesse, da einige Details aus dem früheren Bestand erhalten blieben. Das rettete das Gebäude aber nicht vor dem „großzügigen“ Umbau im Erdgeschoß zu einem beliebten Eisgeschäft, dessen „Schanigarten“ die Hälfte des Platzes beansprucht. Dass zumindest drei weitere Schanigärten sich angeschlossen haben, zeigt die städtebauliche Priorität an. In Wien sind freie Straßenflächen generell den Nutzungsvorstellungen der „Gastronomie“ unterstellt.

Ansai stellte die besorgte Frage, ob Wien regelmäßig von Hungersnöten heimgesucht wird?                                                                                                                                                                                                                                                        

Ein Blick über die Gasse…

Und Franz wollte Ansai wieder mit zwei Beispielen konfrontieren, die gegensätzlicher nicht sein können. Am Lichtensteg, einer „Mini-Gasse“, die zum Hohen Markt führt, sind diese beiden zwei Gebäude entstanden. Beide sind Hotels. Das eine will ungewöhnlich sein, Es will ein Objekt-Typus sein. Das Kleinsteinmosaik macht das Gebäude seefest oder vielleicht mit diesen Bullaugen als Fenster könnte das Haus samt Gästen in die Tiefe sinken, ein U-Boot, das nach den vormaligen Weltmeeren sucht. Vielleicht bewegen sich die versteinerten Ammoniten wie Seepferdchen, die Muscheln öffnen sich wieder und von Ferne hört man die Brandung, die Schachtelhalme, Farne und Koniferen umspült. Die Form des Gebäudes will uns weis machen, sie sei Biotechnologie. Das erlaubte dem Architekten, zugegeben auf engstem Raum, die hegemoniale Macht des „Modernen“ in der Art von Kolonialpolitik durchzusetzen. Man glaubt es nicht, gerade bei solchen Entwürfen hört man immer wieder, eine Idee habe alles bestimmt und untergeordnet, also wagt man gar nicht zu fragen, wo in der Ausführung die Idee hängen blieb? Gerade das Ungewöhnliche bedarf am meisten der Präzision, was Mies van der Rohe immer beteuerte.

Dieses Haus ist eben ein blasenartiges Behältnis und will die Einzigartigkeit seines Befremdens für die Idee ausgeben. Das kann man tun. Was ist aber, wenn der Hotelgast erwacht und in der Dystopie der Zeit verwirrt, sich weder in die zooarchäologische Welt noch in die soziale Welt hineinwagt? Hilft ihm der Blick aus dem Bullauge, sollen ihn ausgerechnet die historischen Simulationen der Ankeruhr in die Wirklichkeit bringen?

Das kann man alles tun. Man kann auch sagen, wenn das der Sinn des Entwurfs war, kann man ihn als gelungen bezeichnen, würden wir uns nicht in diesem zweifelhaften Zustand auch ohne den Entwurf bereits befunden haben….

Das Hotel vis a vis ist der gelungene Umbau eines namenlosen Objekts. Mit wenigen Handgriffen war die Kubatur ein lebendiger Baukörper geworden, allerdings mit der Linienführung, die dem  Dessauer Bauhaus verpflichtet ist. Man merkt, dass das Detaillösung die Voraussetzung des Gelingens ist. Also in der Klarheit der Form kann man zu Projektionen darstellender Geometrie aufbrechen, da durchdringen einander Räume wie es ein Doppelspat lehrt und die strenge Logik der Konstruktion erlaubt die Leichtigkeit räumlicher Anordnung. Da war Franz fast ins Schwärmen geraten, was sonst nicht seine Art ist. Nach so vielen misslungenen Beispielen vermeintlicher Baukunst, wollte er sich keiner Beckmesserei zu schulden kommen lassen. Deshalb lobte er das klare Renovierungskonzept dieses Hotels.

Ob nun Shin Ansai diesen Ausführungen folgen kann, hängt von seiner Sprachkenntnis ab, jedenfalls können ihm die Gebäude nicht fremd sein, denn in seiner Heimat baute Kenzo Tange gewaltige  Selbstbehauptungen in gigantischer Größe. Und Ansai kommentiert, dass seine Nation nach dem Modul der Tatami-Matte empfangen, geboren und aufgezogen wurde, die gerade 1 mal 2 Meter misst. Von daher stammt diese ungewöhnliche Empfindung geometrischer Ordnung. Man hat immer den Grid-Plan der Idealstadt im Blut. Und Franz fügte seine historisch begründete Erklärung an: Dies hat die Begründer des funktionalistischen Glaubens im 20. Jahrhundert zu der erstaunlichen Entdeckung geführt, dass der japanische Minimodul der direkte Vorgänger der Bauhaustheorie war. Freilich scheinen die Architekten, die in Wien um die Kleinaufträge des Geschäftsumbaus ringen, keine Ahnung davon zu haben, denn sie sind meilenweit von japanischer Rationalität entfernt, eigentlich dumm. Kein einziger, und das lehrt der Blick in die Rotenturmstraße, würde die Virtuosität chinesischer Han-Dynastie besitzen, nämlich das Talent, Mauern zum Sprechen zu bringen. 200 Jahre vor Christus war im Chinesischen das Zeichen für „Mauer“ ident mit dem Zeichen „Stadt“. Man sieht in Wien über 150 Jahre den Verlust des urbanen Verantwortungsgefühls, wogegen Loos oder Wagner, Camillo Sitte und Josef Hofmann vergeblich ankämpften.  

Wir müssen weiter, sagte Franz.

Bäckerstraße

Die Wahl ist schwer. Soll man die Bäckerstraße bis zum Ignaz Seipel-Platz gehen? Soll man die Sonnenfelsgasse nehmen?

Bei einem Stadt-Spaziergang sollte man keine Gasse zweimal gehen. Oder doch? Also vom Lugeck aus ist der Blick auf das Haus Nummer 3 in der Sonnenfelsgasse zu verführerisch, um nicht näher zu treten. Die üppige Barockfassade, unter anderem eine Madonna umgeben von den kleinen Engeln, hat anerkennende Blicke verdient. Obendrein ist der Keller in jedem Reiseführer erwähnt, wird im „Volksmund“ respektlos „12 A-Keller“ genannt. Die 12 Apostel unterliegen seit langem dem verbreiteten Laizismus. Jedenfalls ist die prächtige Fassade von 1717 das geeignete Entrée in ein barockes Stadtviertel. Beide Straßenzüge sind von Häusern „erzeugt“ worden, die die mittelalterliche Struktur in sich haben, einige mehr, andere wieder weniger. So verrückt war niemand – bis zu Beginn des 18. Jahrhunderts, Häuser abzureißen und neue zu bauen. Heute ist es ein gängiges Argument, um den Abriss eines Gebäudes zu beschleunigen. Regelmäßig wird gesagt, jede Zeit hat neue Häuser gebaut, daher auch jetzt. Die Frage wird aber nicht mehr beantwortet, warum dann diese Neubauten so hässlich sein müssen? In dieser Radikalität war nie die historische Bausubstanz beseitigt worden – im Gegenteil. Oft zum Nachteil der Planung hatte man die Struktur des Hauses beibehalten, bestenfalls die Versorgungsleitungen und Keller neu gegraben. Und die beiden Gassen sind das Beispiel, wie eng Mittelalter, frühe Neuzeit und Barock ineinander übergehen. Thomas Mann bezeichnete einmal diese geheimnisvollen Strukturen, die die Häuser verbinden, „neurotische Unterteuftheit“. Freilich verdanken beide Gassen ihre Beschaulichkeit der Wollzeile, die ihnen das „Leben und Treiben“ frühzeitig abgenommen hat.

Man spricht zwar im Jargon der Kunsthistoriker in Wien auch von Renaissance in diesen Gassen, doch dann muss man sich die berühmten Palazzi in Rom oder Florenz aus dem Kopf schlagen. In der Bäckerstraße erwähnt zwar die Dokumentation des Denkmalamtes mehrere Gebäude, die Palais heißen sollen und es vielleicht auch waren, doch welcher Kategorie gehört dann der Palazzo Farnese an? Er dominiert den Campo di Fiore, auf dem man Giordano Bruno am Scheiterhaufen verbrannte, ein ungeheuerliches Verbrechen. Was dominiert auf Nummer 10 das Nimptsch-Palais aus dem 17. Jahrhundert? Und Franz erweiterte seine rhetorische Frage: Was ist an der Hausnummer 3 ein „palaisartiges“ Stadthaus?  Dass ab dem späten 16. Jahrhundert Wien sich langsam zur Barockstadt mauserte, verdankt die Stadt dem Umstand, dass der Kaiser Wien zur dauerhaften Residenz nutzte. Jeder nachfolgende Kaiser erweiterte den alten „herzoglichen Bestand“ nach Amtsantritt. War bis ins Hochmittelalter der Kaiser „ortlos“, zog daher von Reichstag zu Reichstag – „ruhelos“ wie ein „Fliegender Holländer“. In den Städten der Reichstage musste er sich anmieten und war im Gegensatz zu den feisten Landesherrn und Kurfürsten quasi ein Nomade. Auch die Familie Dürer vermietete in Nürnberg dem Kaiser ihr Mobiliar, so war mit der Sesshaftigkeit der Habsburger in Wien nach dem „Intermezzo“ in Prag, die informelle Weisung ergangen, dass Ordensgemeinschaften und Adelige sich gefälligst in Wien zu zeigen haben, mit einem Wort einen ordentlichen Wohnsitz beziehen.

Das war ja die Absiccht des frtanzösischen Königs, die möglichen politischen Gegenspieler nach Versailles zum Hofdienst zu verpflichten. So hatte er immer ein Auge auf seine Adelsgesellschaft. Der Rechtshistoriker und Politikwissenschafter Eugen Rosenstock-Huessy beschrieb diesen Zustand in Versailles vom 17. zum 18. Jahrhundert als ein „Konzentrationslager. Das wollte der Kaiser in wien ebenso halten.

Noch eklatanter waren solche „Siedlungsbauten“ auf der Burg in Budapest, weil später und konzentrierter. Auf der Straße Uri utca (Herrengasse) zur königlichen Burg hatten die Magnaten ihre ziemlich kleinen Häuser seit dem Spätmittelalter zu beziehen und mit einem Schlag hatte man die politische und ökonomische Elite beisammen.

Überhaupt beispielgebend war Kardinal Richelieu, der bei der Planung seines Städtchens „Richelieu“ seinen Hofstaat gezwungen hatte, auch dort „Quartier“ zu nehmen. Mit einem Schlag hatte er eine ansehnliche Siedlung und verlangte von den Angehörigen seines Hofstaates saftige Zahlungen für den Erwerb des Hauses. Solche Maßnahmen waren für die barocke Stadtplanung wichtig, also auch für Bäckerstraße und Sonnenfelsgasse, denn ärmerer Adel zog hier in Häuser ein, die nicht viel prächtiger als die üblichen Bürgerhäuser waren.

Während des Schlenderns durch die Bäckerstraße war es das Gesprächsthema geworden. Die städtische Entwicklung hatte Ansai immer interessiert. Und in diese beiden kleinen Gassen fühlte er sich fast heimatlich. Sie entsprachen der alten Vorstellung von „miyako“, was nichts anderes heißt als „Stätte des ehrenwerten Hauses“. Zwischen 647 und 794 wurden mehr als zehn Städte errichtet. In diesen 150 Jahren, berichtete Ansai, regierten zehn Kaiserinnen und Kaiser. Und Tokyo war überhaupt erst 1868 zur Hauptstadt erklärt worden. Meistens vergisst man, dass in denkbar kürzester Zeit Tokyo eine Weltstadt wurde – mit mehr als 14 Millionen Einwohnern. Sollte man sich diese städtische Organisation vorstellen, wäre aus Wien bereits ein „Sauhaufen“ geworden, unfähig, die anstehenden Probleme zu lösen. Diese beleidigende Randbemerkung hat Ansai sofort wieder korrigiert. Damit wollte er nur den Zwang begründen, der die Städte in Japan zur „Rasterplanung“ nötigte. Das war überhaupt ein immer wiederkehrender „Regieeinfall“, Städte nach einem Raster zu bauen, seit Babylon oder Alexandria. Die Einteilung der „Blöcke“ oder Bezirke war nach dem Muster der Reisfelder vorgenommen worden, wobei jedes Viertel einen eigenen Markt beherbergte, Diese „machi“ bedeuteten „bebaute Felder“, waren aber Stadtviertel, um die herum die Wohnbezirke „ichi“ genannt wurden. Daraus bildeten sich „Stadtlandschaften, die aus „miyako“, „machi“ und „ichi“ gebildet waren. Ansai hätte es jetzt am liebten Franz heimgezahlt und würde gern ausführlich über die Stadtentwicklung vorgetragen haben, doch Franz ließ es nicht zu.   

Diese Zurechtweisung brachte Shin Ansai auf die Idee, das Barockhaus in der Sonnenfelsgasse nochmals betrachten zu dürfen. . Sie gingen dorthin und Ansai erläuterte am Beispiel der Fassade, die Bedeutung des Gegenteils bei einem japanischen Haus. Franz musste erneut zuhören und fühlte sich seiner Rolle beraubt. Das ist bei Stadtspaziergängen immer ein Problem, wenn andere Gedanken am Beispeil eines Hauses erörtert werden. Für Ansai ist das Haus in der Sonnenfelsgasse, dessen barocke Fassade ihm nicht aus dem Sinn ging, eben das Gegenteil einer reinen Form, eines klaren Konzepts. In diesem Ideal war er erzogen worden. Die Porzellan-Kultur verkörperte über 900 Jahre dieses homogene Stilgefühl und Varianten sind in den Augen von Laien voneinander kaum zu unterscheiden…

Ansai berichtete, eigentlich gegen die barocke Üppigkeit gerichtet, von einem einzigen Bruch der Tradition, da der Shogun Hideyoshi Toyotami im 16. Jahrhundert koreanische Meister nach Japan zwang, so dass die bisherige Spannweite der Porzellanmanufaktur zwischen Arite Yaki und Satsuma Yaki verändert wurde. In der Art des Wohnens, am Mobiliar war die klare Linie stets vorausgesetzt. Dieser Mentalität entstammen auch die Disziplinierungsmaßnahmen in den Gärten oder der Zwang, einen Baum in der Methode Bonsai kleinwüchsig zu halten. Und Ansai, der sich Mühe gab, diese Rätselhaftigkeit zu erklären, setzte fort: Es ginge darum, dass alles und alle Dinge zur Erscheinung kommen, ihr Selbst praktizieren und es auch bestätigen, worin die Erleuchtung, das „Dógen“, liegt. Alle Berge, Erde, Flüsse, Bäume, Ziegeln, Steine sind ein solches ureigenes Selbst  – „muso kokushi“. Allerdings war Dógen auch ein politisches Prinzip geworden – um 800.

Die Europäer sind in Wahrheit sehr dumm, sagte er vor dem Wirtshaus „Oswald und Kalb“ in der Bäckerstraße, da sie glauben,  in Japan würde man das Nichts im Zentrum sehen, was die Europäer sofort begeistert als ihren längst vermuteten Nihilismus begrüßen. Für ihn ist die Leere, also das Nichts ein Ort der Wahrung jeder einzigartigen Einzelheit.

Es war sehr schwer, ihn in seinem seltenen Redefluss zu unterbrechen. Es gelang. Mit dem Wirtshaus auf Hausnummer 14, das Hermann Czech 1979/80 umgebaut hatte, hatte Franz die schwache Hoffnung, er würde endlich mit der Ausstattung eines Lokals in Wien zufrieden sein. Er beachtete es nicht.

Zu sehen gibt es, was wir kennen…

Ansais Reaktion auf „Oswald und Kalb“ war nur Kritik. Wirtshäuser, Schenken, Trinkstellen und Heurige seien in Wien überproportional repräsentiert, sagte er im bestimmten Ton. Also man trinke oft und gern und zu viel. Im Reiseführer habe er von der Legende des „lieben Augustin“ gelesen, der selbst in der Pestgrube überlebt haben soll dank immerwährender Alkoholisierung. Das sei in Japan nur mit den Spielhallen vergleichbar, die bei jeder U-Bahn-Station seine Landsleute zur Spielleidenschaft verführen. Nach der Arbeit würde stundenlang an Geldautomaten gespielt, auch dieses Kugelspiel „Arcade“. Stattdessen trinkt man in Wien nach der Arbeit.

Die Pachinko-Hallen gibt es seit 1930, zuerst in Nagoya. Die Wiener Heurigen gibt es offenbar seit den Römern. Erfolgreiche Spieler bringen in Japan in Waschkörben ihre Gewinne zur Kasse, Metallkugeln, die sie gegen Stoffbären, Kinderrascheln oder anderen Krimskrams eintauschen, da Geldgewinne verboten sind. An seiner Ablehnung dieser Weinlokale in Wien würde das nichts ändern, auch wenn die Spielleidenschaft in Japan immer schlimmer wird.

Die „alte“ Universität

Am Ende öffnet sich die Bäckerstraße zu einem Platz, der die Beschaulichkeit der Gasse fortsetzt. Allerdings irrt man, denn auf universitärem Boden waren bis weit ins 16. Jahrhundert die theologisch-konfessionellen Debatten fortgesetzt worden. Sah man in der Stephanskirche die Grabplatten der katholisch gebliebenen Humanisten, es fehlte nur Thomas Ebendorfer, so waren die Studenten der theologischen Fakultät in höchstem Maß in diese Kontroverse verwickelt. Hier studierten an der alten Universität Ulrich Zwingli, der Urheber der Freikirchen-Bewegung, Konrad Grebel. War die Universität hundert Jahre zuvor strikt nominalistisch gewesen, weshalb sie maßgeblich das Todesurteil für Jan Hus beim Konzil in Konstanz beeinflusste, so war sie jetzt mehrheitlich reformatorisch orientiert. Diesen Mentalitätswechsel zeichnete dann die Wiener Universität immer wieder aus. Helden waren selten berufen worden! 1520 verweigerte die Wiener theologische Fakultät die Veröffentlichung der päpstlichen Bannbulle gegen Martin Luther. Trotz „Türkengefahr“ (1529) waren in Wien zwei Todesurteile gegen Angehörige der neuen reformierten Kirche verhängt worden – gegen Caspar Tauber und Balthasar Hubmaier.

Mit dieser bedrückenden Einleitung zu diesem wichtigen Platz soll man dennoch erleichtert sein, meinte Franz, denn inzwischen kann man in der Innenstadt jene Plätze an einer Hand abzählen, die noch durch keine Tiefgarage durchlöchert sind, durch die Einziehung einer zweiten „Ebene“ die Statik zu verlieren. Zwei markante Gebäude wecken Erinnerungen an römische Plätze, an eine gelungene „Korrespodenz“ zwischen Kirche, Jesuitenkolleg und „alte“ Universität.

Die Kirchenfassade erhebt sich ehrfurchtgebietend und mächtig als müsse sie dem ganzen Platz Schatten spenden. Fast würde man sie zu den markanten Gebäuden des Barock hinzuzählen, wenn nicht diese Proportion zwischen Breite und Höhe wäre, zwischen Vertikale und Horizontale. Daraus wird diese Selbstsicherheit erzielt als müsse schon die Fassade die Stärke der Gegenreformation dokumentieren. Nun zeichnet es den österreichischen Barock aus, gleichsam spielerisch derartige ideologisch-politische Wirkungen zu erzielen, der aber die „italienische“ – eigentlich römische – Spielart nicht folgt. Da steckt der Geist des Kaisers Ferdinand II. dahinter, der erbarmungslos durchgriff und die Reformation unmittelbar als Gefahr erlebte. Und alle Fürsten, die katholisch blieben, verfolgten die gleiche politische Linie. In „Hermann und Dorothea“ hatte Goethe den Auswanderern aus dem Erzbistum Salzburg das literarische Denkmal gesetzt.

In der Überzeugung, nun dieses Kapitel europäischer Geschichte Ansai näher bringen zu müssen, holte er erneut zu ausführlichen Schilderungen aus. 

Man darf trotz des Zaubers dieser Architektur die Tränen nicht vergessen, die diese Umsiedlungen und Aussiedlungen verursachten. So war in Europa eine Wanderungsbewegung entstanden, die einerseits eine Vertreibung der reformierten Christen aus den katholisch gebliebenen Territorien war, andererseits mussten die Katholiken aus Preußen fliehen.

Nachdem der Kaiser 1622 die Jesuiten nach Wien gerufen hatte, um vornehmlich die theologische Fakultät von Grund auf zu reformieren, war ihnen 1624 eine Kirche zugesagt worden, deren Plan Giovanni Carlone erstellte. 1631 war die Kirche vollendet, der Innenraum hatte aber nicht ganz entsprochen. So erhielt Andrea Pozzo 1703 den Auftrag einer Neugestaltung. Und so hatte Pozzo „zugeschlagen“. Er scheute keine Kosten und Mittel, für diese Kirche den perfekten Innenraum des Barock zu schaffen. Da es keinen Vorgängerbau gab, der zu berücksichtigen gewesen wäre, hatte Pozzo freie Hand und das zeigte er in jedem Seitenaltar, in jedem Winkel seiner entworfenen Kostbarkeiten. Nun wurde sowohl an eine Saalkirche gedacht, an deren „artgemäße“ Ausstattung und zugleich liebäugelte man mit der Idee eines Zentralbaus mit Scheinkuppel. Daraus entstand die Spannung im Innenraum und riskierte, dass sogar der Hauptaltar sich nicht – obwohl wichtigster liturgischer Bauteil  – in den Vordergrund spielt. Die „Riesenpilastergliederung“ stützt scheinbar ein verkröpftes umlaufendes Gebälk und darüber in der Form eines Tonnengewölbes hatte Pozzo selbst die Fresken gemalt, ebenso hatte er die Scheinkuppel mit den drei allegorischen Charakteristika der Gegenreformation ausgemalt: mit iustitia, religio und prudentia. Die Namensgebung der Kirche entsprach ebenfalls dem gegenreformatorischen Programm: Himmelfahrt Mariens. Der Hochaltar zeigt sich als prunkvolles Scheinportal, über diesem die gesprengten Segmentgiebeln und darüber noch Engel, die den Baldachin über allem halten. Das Gemälde des Hauptaltars ist ebenfalls von Andrea Pozzo, die Himmelfahrt Mariens, war aber ab 1861 mit einem Gemälde von Leopold Kupelwieser mit gleichem Thema ersetzt worden. Pozzos Gemälde verdrängte wieder 1951 die „Himmelfahrt“ Kupelwiesers.

An den Seiten der Saalkirche sind verschiedene Seitenaltäre, wovon einzelne eine besondere Widmung aufweisen. Wichtig ist wahrscheinlich die Stanislaus Kostka-Kapelle. Das Gemälde dieses Seitenaltars zeigt die Aufnahme von Stanislaus in den Jesuiten-Orden durch den Heiligen Francesco Borgia um 1775. Ebenso wird an diesem Seitenalter der Märtyrer Paulus Miki, Johannes de Goto  und Jakobus Kisai gedacht, die als Jesuiten das Missionswerk in Japan repräsentierten und den Tod erlitten.

War zuvor Ansai noch von der Fassade des „12 Apostelkellers“ begeistert, so fremd sie ihm auch blieb, so war er im Inneren der ehemaligen Universitätskirche nahezu fassungslos. Es war der konsequente Gegensatz zu der gesamten Tradition japanischer Architektur. Und dennoch! Da war nicht die Reinheit des Stils das Fascinosum, das war ihm nicht gleich bewusst, sondern die „Komposition“, die Fülle des Materialaufwands, dieser Formenreichtum samt den „Korkenziehersäulen“, in jedem Winkel und an jeder Ecke eine neue Überraschung. Jedes Gemälde von Skulpturen in Lebensgröße umgeben, die die Malerei zum Teil verdecken, darüber schweben Putti sonder Zahl. Ihm wurde fast schwindlig, so oft drehte sich Ansai um die eigene Achse und dachte, so überwältigt war er, vielleicht an den Sternenhimmel im Spätsommer.

Eingehend bewunderte er die intarsierten Kirchenbänke, wahrscheinlich die schönsten Wiens, und stellte fest, jede einzelne hatte ein eigenständiges Bildprogramm, illusionäre Architekturen. Sollte er nun Vergleiche anstellen, gewann er den Eindruck, dass irgendwo die äußerste Askese und die äußerste Üppigkeit einander begegnen. Wie Parallelen einander in der Unendlichkeit schneiden, so werden sie bei aller entschiedenen Gegensätzlichkeit zu einem gemeinsamen Schnittpunkt kommen, der Zen-Garten  und dieser Kirchensaal, denn je auf ihre Weise stellen sie das Absolute dar und gemeinsam ist beiden, dass der eine in der Beachtung der Natur, der andere in der Ausschöpfung aller künstlichen Formen alle Erscheinungsweisen Buddhas wiedergeben.

Ihn berührte es, ausgerechnet in dieser Ordenskirche diesen Einblick in die andere Welt zu erhalten.

Jesuiten und Japan

War dieser Orden die Ursache, dass im 13. Regierungsjahr Kan-si die Tokugawa-Regierung, also 1636 die Tore Japans zur Außenwelt geschlossen hat? Das war 87 Jahre nachdem der Jesuit Franz Xaver die erste Missionsstation in Kagoshima errichtet hatte. Das war in der Gegend von Kyusho und damit war seine Heimat nicht aus religiösen, sondern aus politischen Gründen zur Insel und Festung geworden. Diese Abschließung würden hier diese Dummköpfe als Rückschritt bezeichnen, doch in dieser insularen Existenz entwickelte sich Japan zur Perle in einer Muschel – unentdeckt. Nun war dadurch eine einzigartige und unvergleichbare Art und Weise des Denkens und Fühlens entstanden – bis ins 19. Jahrhundert. Mit der Schließung gegenüber der Welt wurde das „wabi“ des Mittelalters und auch das „iki“ bewahrt, die außerordentliche Empfindsamkeit für die Natur im „wabi“, für die soziale Umwelt im „iki“, dem wir die Vergnügungsviertel in Tokyo bis heute verdanken. Dahinter vermuten die europäischen Touristen in Japan ein Rotlicht-Milieu – ein Unsinn! Ansai betrachtete das Gemälde des Hochaltars, das zum Glück kein „Kupelwieser“ mehr war, dachte angesichts der Madonna an die Vergnügungen der Edo-Zeit, die aber von seinen Landsleuten missverstanden wurden. „Iki“ war nicht Koketterie, sondern ausgeprägte erotische Sensualität, das häufigste Thema der Holzschnitte. Das halten die dummdreisten Europäer entweder für Kabuki-Theater, oder gar als plumpe Anleitung zum Geschlechtsverkehr. Die Europäer glauben, die Besonderheit japanischer Kultur liege darin, einerseits alles perfekt nachzuahmen andererseits in den individuellen Beziehungen den Verhaltenskatalog nach Beate Uhse zu befolgen, oder gar die Artikel in der Zeitschrift „Emma“ von Alice Schwarzer. „Iki“ war alles andere, nämlich die äußerste Enthaltsamkeit bei gleichzeitiger verzückter Hingabe. So hatte er bisher die Verzückung in den barocken Gemälden gesehen. „Iki“ ist die höchste Leidenschaft inmitten von Verzicht. Liebende sind weit entfernt vom „iki“. Beim Ausbleiben der Leidenschaft war kein „iki“ zugegen, doch es ist genau so fern, sollte die sexuelle Begierde obsiegen.

Iki und Himmelfahrt

Ansai teilte das alles mit, inmitten der Kirche, denn er sah, dass sein Begleiter Franz das alles nicht verstand, ein Europäer eben. Andrea Pozzo wusste das noch, davon war Ansai überzeugt.

Der künstlerische Ausdruck von „iki“ ist die Gestalt einer Frau im yukata, im legeren Baumwollkimono. „Iki“ wird an ihr sichtbar nach dem Bad im Gesichtsausdruck, in der Kontur ihres Körpers, im Stoffmuster und in der Gestik. Daher hatte Ansai die Mariendarstellungen sofort verstanden, denn sie waren ihm im Gedächtnis eingegraben wie die Holzschnitte. Wäre die Frau nach dem Bad unbekleidet gewesen, wäre sie nicht „iki“ gewesen. Nach seinen Aufenthalten im Louvre, im Britischen Museum, in Rom oder Florenz wusste er jetzt, dass die Europäer diesen Unterschied überhaupt nicht mehr verstehen, weil sie mit der Französischen Revolution obszöne Lustmolche wurden. In der Jesuitenkirche waren  alles Gold und jede Vergoldung wie der Baumwollkimono der Frau nach dem Bad.

Kein Tourist in der Jesuitenkirche

Beiden war in der Jesuitenkirche aufgefallen, dass nur wenige Besucher kamen und sich kaum zurechtfanden. So musste Franz seinen Freund fragen, ob er in Japan einen vergleichbaren Tempel kennt? Ansai antwortete sofort: Der Horyu-ji Tempel in der Nachbarschaft des Ikaruga-dera-Tempels nahe bei Nara. Um 710, also noch vor Karl dem Großen, war Nara die Hauptstadt gewesen. Da hatte man auch alle Tempel dorthin verbracht. Im Grundriss gleichen diese Tempel einander, nicht unähnlich dem Grundriss des Athene- Tempels auf der Akropolis oder Selinunt oder Paestum. Merkmal war die Bescheidenheit, von der Ansai schon erzählt hatte. Das „Takamae“ war deren ausgezeichnete Eigenschaft. Und Ansai ergänzte: Das alles ist hier keineswegs unbekannt. Adolf Loos hat ebenfalls Innenräume entworfen, die den Innenräumen in Japan gleichen – seit zwei Jahrtausenden. Und die Auswanderer nach den späteren USA, die Shaker, pflegten bereits diese anspruchsvolle Schlichtheit der Form und Proportion. Er hatte recht. In Döbling wurde Wien ein japanischer Garten geschenkt, erwähnte Franz. Der Versammlungsraum in diesem Garten gleicht nicht nur einem japanischen Wohnhaus, es ist auch ein Raum – geeignet für einen Tempel.

Ohne viel Worte zu wechseln, kamen sie überein, die Kirche zu verlassen, um am Platz das Gebäude der ehemaligen Universität zu betrachten. Also verließen sie die Kirche.

 Die „alte“ Universität

Nach Verlassen der Kirche waren sie kurz von der Sonne geblendet. Franz tat als würde er sich für die „Gründerzeithäuser“ genieren, die diesen intimen kleinen Platz gegen die Wollzeile abschlossen. Zwar erlaubt ein Durchgang den direkten Zutritt zur Wollzeile, aber das ist schon der einzige Vorteil, den diese Häuser bieten. Zuerst wies Franz auf die linke Seite. Es war das schmucklose ehemalige Jesuitenkolleg, das zur Gänze die „Akademie der Wissenschaften“ in Beschlag genommen hat. Viel früher hatte dort Franz Schubert die Schule besucht. .

Warum ist eine derartig schmucklose Fassade beeindruckend?

Das konnte Anzai sofort beantworten: Es ist die Bescheidenheit! Es ist die gelungene Proportion von Länge, Breite und Höhe des Hauses.

Allein die Fensterachsen, die Formate der Fenster reichen aus, um diese Selbstverständlichkeit zu erreichen. Es ist das Ergebnis in der ausgewogenen Fassade zu sehen. Sollten sie jetzt an ihren ersten Spaziergang denken, der am Stephansplatz endete, standen sie ja ebenfalls vor Häusern. Und beiden war klar, dass das Wagnis dieser Häuser darin bestand, sich vor dem Dom „aufzupflanzen“ und zu behaupten, sie seien das Zeugnis neuer Ästhetik. Franz erinnerte seinen Freund daran, gestern die Schilderung des Raumkonzepts des Doms von Adolf Loos vorgelesen zu haben. Bei allen alten Gebäuden begegnen wir ähnlichen Überlegungen und das schafft diese Behaglichkeit – bis in den Städtebau. Ansai stellte er die Frage: Was ist an diesem Beispiel des Historismus falsch, ja peinlich?

Dieser glaubte, wie ein Schuljunge geprüft zu werden. Wie aus der Pistole geschossen sagte er: Es ist die misslungene Proportion. Da kann man noch so viele Details auf die Fassade „kleben“, das hilft nichts. Das Problem ist, dass Spekulanten, Baumeister und Hauseigentümer das künftige Gebäude planen wie ein Couturier die Modefarbe. Sie zerbrechen sich nicht den Kopf, wie das Haus auf die Nachbarn reagieren soll. Ob überhaupt ein Dialog mit der gebauten Umwelt stattfinden kann. Heute werden Neubauten so errichtet wie man ein Auto auf einer Straße parkt.

Nun bewunderten sie das Ensemble des Platzes. Sie waren beeindruckt, wie der Architekt der „alten“ Universität Horizontale und Vertikale der repräsentativen Eingangsseite zu einer Harmonie steigerte, die für alle weiteren Gebäude in Wien als Vorbild gedacht wurde.

Franz berichtete, dass Kaiser Franz Stephan von Lothringen den Architekten nach Wien mitgebracht hatte und mit dessen Hilfe die ästhetischen Konzepte für die Stadt durchsetzen wollte. Mit Jean Niclas Jadot de Ville-Issey arbeitete ein ganzes Team an dem Gebäude. Erstmals brachten diese eine französisch beeinflusste Planung nach Wien. Der Erfolg veranlasste den Kaiser, von Jadot auch die Pavillons und die Menagerie für Schönbrunn planen zu lassen, vor allem den Michaelerplatz neu zu gestalten. 1756 eröffnete die Gemahlin des Kaisers, Maria Theresia, das Universitätsgebäude. Da war Jadot schon wieder weg. Der Plan des Kaisers war nicht aufgegangen, Jadot insgesamt die Leitung der „Stadtgestaltung und Stadtplanung“ zu übergeben, da Jadot 1753 dem Engagement in Brüssel folgte.

Nun waren sie in das Gebäude eingetreten, folgten einem der Treppenaufgänge in den Festsaal. Nun müssen wir uns vergegenwärtigen, setzte Franz fort, dass das Raumkonzept in der neuen Aula der Universität sensationell war. Der Festsaal ist das beste Beispiel. In ihm sieht man sich in einem Raum, der seine Verwandtschaft zum Stadtpalais „Hotel Lambert“ (1644) von Louis Le Vau auf der Ile Saint-Louis in Paris nicht verleugnet. Die üppige barocke Gestaltung, die „Literarisierung“ des Deckenfreskos nach Vorgabe von Pietro Metastasio und deren Ausführung durch Gregorio Guglielmi 1755 waren zwar kunsthistorisch „verspätet“, entsprechen aber der damaligen politischen Bedeutung Österreichs in Europa. Welchen anderen Stil hätte man bevorzugen sollen, wenn nicht jenen imperialen Ludwigs XIV.?  

Warum ausgerechnet der Festsaal 1961 abbrannte, kann nicht ergründet werden. Franz hatte die Meinung, dass die Ursache nicht in  spekulativen Interessen zu suchen ist, so naheliegend diese Erklärung für Wien ist. Weit wichtiger ist, sich den Lageplan dieses Universitätsviertels anzusehen, das zusammen mit dem Jesuitenkolleg immerhin ein eigenes Stadtviertel geworden war. Die ältere Aula, also die Vorgängerin des Gebäudes von Jadot, beherbergte das Jesuitentheater und irgendwo muss auch die Sternwarte gewesen sein. Jedenfalls schien es die späte Umsetzung eines Planes von Prinz Eugen gewesen zu sein, – typisch für barocke Stadtplanung – Universität, Kloster, Kirche um einen Platz zu versammeln, freilich mit dem Zusatz einer Kaserne und eines Gefängnisses. Diese „Multifunktionalität“ eines Platzes  war eine typisch barocke Idee, sagte Franz. Sie entstammt dem Briefwechsel des Prinzen mit Leibniz. Er erinnerte Ansai, der fehlende barocke Abschluss des Platzes hätten Kaserne und Gefängnis sein sollen. So waren diese historistischen Zitate errichtet worden – insgesamt ein Jammer.  

Ansai kannte inzwischen die Abneigung von Franz gegen alle Architektur, wie sich diese ab dem 19. Jahrhundert entwickelte. Ausnahmen ließ Franz zwar gelten, insgesamt begleiten dessen Blick auf Neues schmerzhafte Empfindungen, ja war wie ein versuchtes Attentat auf die ästhetischen Überzeugungen. Es erinnert an die frühen Aufsätze von Sigmund Freud, in denen in der „Trauer und Melancholie“ die Gefühle fehlender Vertrautheit zum Vorschein kommen.

Ansai merkte hier den kapitalen Unterschied zu seiner Kultur, die in der Lage ist, Vertrautes in der kleinsten Pflanze zu finden, im kargen Zen-Garten, und wenn es sein muss, in einem Stein. Franz hat immer den verlorenen Körper im Sinn – seit der Renaissance. Ihm war klar, dass Franz die Überwindung des Formalen bei der Musik noch gelten lässt, aber nicht in der Architektur. Für ihn überschreitet die Architektur bei vergleichbarem Bemühen ihre natürlichen Grenzen. In Europa wollen so viele mit halbgeschlossenen Augen das Erhabene heraufbeschwören, die Linien zwar nicht mehr genau sehen, aber eher den Zauber des Lichts. So ist das Bauen in Europa zugleich  das Ende der Projektion des Körpers. Er ist nicht mehr das Maß der Dinge. Das zeigt der Verlust der Körpermaße auf jedem Plan – oder erklärt, warum Adolf Loos nie den revolutionären Pariser Meter verwendete. Schon im Kubismus wird der Körper zerstückelt. Seither vergöttern die Europäer jedes ausdrucksstarke Modell, selbst wenn es die Kriterien des Köperhaften längst einbüßte.

Franz sah sich in die Ecke getrieben und weigerte sich ostentativ, diese Debatte fortzusetzen. Knapp sagte er: Gehen wir!

In Richtung Schönlaterngasse

Vom Ignaz-Seipel-Platz über die Sonnenfelsgasse zur Abzweigung in die Schönlaterngasse ist es nur ein Katzensprung. Ansai musste Franz recht geben, dass diese Entfernung keine Herausforderung ist. Kaum am Beginn der Schönlaterngasse, ist man von der Abfolge der Häuser recht angetan. Es wird dieses „Bau- und Stilgemisch“ selbst in der Kunstgeschichte gebilligt. Alles sieht alt und pittoresk aus. Im ersten Moment will Franz sich der Schönheit dieser Gasse brüsten. Die Intimität der Gassenführung samt Legenden ist anregend und hat die Wirkung auf Franz nie verfehlt. So meint er, dass alle Wien-Besucher angesichts dieser Butzenscheibenromantik begeistert sind und hier Wien die besondere Schönheit zubilligen. In Wirklichkeit, so relativiert Franz alle Begeisterungen, sind doch hier die Häuser vom 12. bis ins 18. Jahrhundert zusammengewürfelt. Alle tragen an einer 600-jährigen Geschichte. Dennoch ist Kritik angebracht, hier mehr als andernorts, meint Franz. An der Färbelung der Häuser merkt man, dass die meisten Fassaden schon mit Thermoputz angeworfen wurden. Das lässt das Spiel des Lichts auf der Fassade nicht zu. Und schon jetzt bemerkt man das Abblättern der Dispersionsfarben vom Verputz. Es sind schwere Mängel im Berufswissen der „Baubeauftragten“. Oder ist es ihnen gleichgültig? So liebenswürdig die Farben scheinen, ihnen fehlt die Plastizität, wie sie alter Verputz immer besaß. Noch schwerer wiegt, dass die Färbelung beiläufig ist, eher das infantile Bedürfnis nach „Herzigem“ befriedigt als den Ernst mittelalterlichen Lebens. Recht grob sind die offenbar mit Lineal eingeschnittenen Fenster. Der nächste Mangel zeigt sich, wo das Steingewände der Fenster ebenso mit Dispersionsfarbe behandelt wurde. War der Stein des Gewändes eh grau gewesen, so wird darauf graue Farbe aufgemalt.

Die „veraltete“ Färbelung der 50er Jahre weist eher auf das Entrée in den Heiligenkreuzer Hof hin – auf das kleine Gebäude links vom Eingang zum Hof. Da war aus Kostengründen immer ein Ocker bevorzugt worden, eine Erdfarbe, von der man unter Diktat des Denkmalamtes abgegangen war. Bis in die 70er Jahre war Ocker als das sprichwörtliche „Kaisergelb“ geliebt worden. Niemand wollte wirklich wissen, dass die Kaiser die Schlösser aus Sparsamkeit mit Ocker färbeln ließen – Schloss Hof, Niederweiden, Schönbrunn, Laxenburg bis Ischl.

Nun müsse er doch einwenden, sagte Ansai recht bestimmt, dass es vollkommen belanglos ist, wie ein Haus „angemalt“ wird. Es besagt gar nichts. Bei dem öffentlichen Besitztum des Staates, ist es  sinnvoll, die Bausubstanz zu wahren, anmalen kann man immer noch nach Gutdünken. Ansai gab zu, noch vorm Spaziergang kurz am Heldenplatz gewesen zu sein und dort war der leopoldinische Trakt der Hofburg eben nicht im „Kaisergelb“. Da es der Sitz des hierorts agierenden Staatspräsidenten ist, darf wohl die anspruchsvollere Fassadenfarbe gewählt werden. Im Barock war die „Metallfarbe“ Grün die teuerste. Jetzt verstehe er diesen dauernden „Defaitismus“ von Franz nicht, weil dieses gewaltige Erbe nach Art barocker Hofhaltung nicht fortgesetzt werden kann. In Japan sind die Bedürfnisse des Tenno nicht nur strikt geregelt, sondern auch grundsätzlich „ausgabenseitig“ begrenzt. Diesen Autoluxus der politischen Elite wie hier, würde sich der Tenno nie leisten. Soweit ihm bekannt, würde das der japanische Kaiser auch nicht wollen.  

Der Heiligenkreuzer Hof

Franz betrat den großen Hof immer mit Respekt. Es ist der einzige erhaltene „Stiftskomplex“ in der Stadt seit Jahrhunderten. Trotz der „Fährnisse“ konnte der Orden der Zisterzienser seine Niederlassung in Wien behalten, ohne dass kühne Umbaupläne gezwungen hätten, im „Zug der Zeit“ mit zu marschieren.  Da musste er seinem japanischen Freund schon die Besonderheit der Wiener Niederlassung der Zisterzienser Mönche aus Niederösterreich erklären. Da war einmal ein Sohn Leopolds III. Babenberg und dessen Frau. Diese war die  Tochter Kaiser Heinrichs IV. Sollte er einmal das Kloster in Heiligenkreuz besuchen, würde Shin die Bedeutung des Ordens für das Land sofort einsehen. Der Sohn Otto studierte an der Sorbonne in Paris Theologie. Er schloss sich bald der Erneuerungsbewegung des Bernhard von Clairvaux an – dem gerade gegründeten Zisterziensern. Otto konnte seine Familie in „Österreich“ von dieser Reformbewegung überzeugen. überzeugen, Durch Stiftungen wurden die Babenberger Förderer dieser Kirchen-Reform. Und wirklich erhielt dieser Orden Niederlassungsrechte gemäß der Ordensregel in unwirtlichen Gegenden und in der Nähe eines Flusses: damals in  Heiligenkreuz, Zwettl und Lilienfeld. So sind die Zisterzienser mit der Gründungs- und Entwicklungsgeschichte dieses Landes eng verbunden, Die meisten Babenberger bis Friedrich II. (dem letzten) sind im Kapitelsaal des Klosters Heiligenkreuz beigesetzt. Leopold III.  ist in Klosterneuburg bestattet worden, da er der Gründer der Stiftskirche war. Und Otto von Freising war nicht nur der Biograph des Kaisers Friedrich Barbarossa, Gesta Friderici Imperatoris, sondern war auch aus der Heirat seines Vaters Leopolds III. mit Agnes von Waiblingen, der Witwe Friedrichs I. hervorgegangen und mit den staufischen Kaisern verwandt.

Die Atempause von Franz nutzte Ansai mit der Bitte, diese Geschichte nicht fortzusetzen, da er schon nach wenigen Sätzen den Faden verlor.
Franz antwortete, dass er nur das besonderes Verhältnis zwischen Land und Kirche schildern wollte, In „Kurzschrift, sagte Franz, ist das ganze Bauprinzip des Mittealters vom Verhältnis zwischen Papst und Kaiser bestimmt und die Babenberger betrieben eine Schaukelpolitik, von der sie am meisten profitierten.

Und daraus resultiert dieser noble Besitz in Wien? Die Frage hatte Ansai wie eine längst fällige Erkenntnis formuliert. In Wirklichkeit suchte er nach einem Vergleich mit der japanischen Geschichte. Der berüchtigte „innenpolitische“ Streit zwischen Welfen und Staufer, also zwischen Heinrich dem Löwen und Friedrich Barbarossa um Kaiserwürde und Vormachtstellung im Reich war das eine Merkmal, das Ansai mit seiner Geschichte vergleichen wollte. Der Sieger hatte dann im Konkurrenzkampf mit dem Papst zu bestehen –  und das scheint eine kompliziertere Geschichte  zu sein als in Japan.

Und doch hat es im 14. Jahrhundert ebenfalls den Konflikt zwischen zwei Kaisern gegeben, das Namboku-cho, Ganz anders war die Konfliktaustragung, da Freibeuter je einer Partei die Unterstützung zusagten. Bald siegten die Aristokraten über die Regierung Kamakura, bald verloren sie wieder und mit der Revolte des Ashikaga Takauji war ein Regierungsanspruch verknüpft, den man mit der Errichtung der Residenz in der alten Hauptstadt Kyoto einlöste. Jedenfalls war das Ergebnis ein „Absolutismus“, der seine autoritäre Macht über die strikte Errichtung einer 4-Klassen-Gesellschaft festigte; Krieger, Bauern, Handwerker, Kaufleute. Die Bauern waren im Grunde Leibeigene geworden. Toyotumi Hideyoshi (1537-1598) ernannte zusätzlich eine feudale Elite, – in Europa würde man es Dienstadel genannt haben –  die ihm den Bestand der „Herrschaftspyramide“ sicherte. Der Nachfolger Hideyoshis wurde Tokugawa leyasu (1543 – 1616), der schon Shogun war, also Oberbefehlshaber. Er war der Dritte in der Folge der Reichseiniger nach Hideyoshi. Die politische Situation lockerte sich erst im 17. Jahrhundert.

Hideyoshi hatte auf Grund eines 1596 gekenterten spanischen Schiffes, den Franziskanerorden verboten und die in Japan verbliebenen sechs Ordensleute und zwanzig japanische Konvertiten gekreuzigt. Da der Shogun die Ladung für sich beanspruchte, der Kapitän aber zur „Rettung“ seiner Ladung behauptete, diese sei für die Franziskaner bestimmt, war Hidoyoshi empört, da vom Orden immer behauptet worden war, das Gelübde der Armut zu befolgen. Es war eine der Bedingungen, sich in Japan aufhalten zu dürfen. Die dramatische Folge für Japan war, dass 1630 jeder Kontakt mit dem „Ausland“ abgebrochen wurde – bis 1854.

Ansai sah dennoch nur geringe Unterschiede zu Europa, denn es waren ja die historischen Leitlinien nicht nur Konflikte, Kriege, Grausamkeiten aller Art, sondern auch enorme kulturelle Leistungen. Was in Europa die Baukunst in den Kirchen schuf, das war in Japan der Garten gewesen, im Grunde ein ebenbürtiges Heiligtum. Der Blick aus dem Tempel in den Garten war zugleich die künstlerische Darstellung oder Wiedergabe eines weit größeren Gartens. So stellte der Garten des Daitoku-ji-Tempels in Koho-an die Landschaft des Biwa-Sees dar. Und Ansai resumierte sehr selbstbewusst, dass diese unglaubliche Leistung in etwa mit der „Geburt der Venus“ von Botticelli zu vergleichen ist. Das ist unsere Renaissance!

Franz hatte großes Verständnis für die japanische Alternative zur europäischen Kultur. Dennoch war er mit dem Vergleich von Botticelli mit einem der prachtvollen Gärten nicht einverstanden. Er wendete ein, dass ein Zen-buddhistischer Garten mit einer Ikone vergleichbar ist, mit den grandiosen Malereien in der Protorenaussance, von Cimabue, Giotto oder Duccio. Die Heiligen, und das ist der Sinn der Ikone, ermöglichen bei ihrem Anblick dem Betrachter den Blick in den Himmel. So verhält es sich in Japan mit der Natur. Sie ist gleichsam der Vorgeschmack des Blicks auf das Paradies. Deshalb muss die Ikone unverändert bleiben, besitzt eine strikte Logik der Bildsprache, sie die Natur im Garten unverändert bleibt, um vom Paradies eine Ahnung zu erhalten.

Franz erinnerte sich, dass er einmal vom Fenster des Hotels „Okura Tokyo“ aus das Waschen der Stiege zum Hoteleingang beobachtet hatte. Der Arbeiter reinigte sorgfältig die Marmortreppe, näherte sich mit dem Schwammwischer einem vom Herbst gefärbten Ahorn-Blatt. Er hob es auf, wischte und legte das Blatt wieder auf die Stufe zurück. Dieses einmalige Erleben belehrte Franz für immer. Dem entsprach nicht nur die Pünktlichkeit und Akkuratesse, die überall erkennbar war, sondern auch eine mit der Natur verknüpfte Ritualisierung. Vielleicht wurde wegen dieser Beobachtung vom Hotelfenster aus, eine Freundschaft geschlossen.

Seit dem 12. Jahrhundert waren die Zisterzienser in unmittelbarer Nähe zur babenbergischen Hofhaltung, begann Franz erneut zu berichten. Die Bitte seines Freundes schien er nicht zu berücksichtigen. Zuletzt wurde die Hofanlage im Josephinismus „modernisiert“, erhielt ihr einheitliches Aussehen und rhythmisierende Achsen. Hierzu  musste Franz erwähnen, dass die Baubeschreibung im „Dehio“ extra auf die „originalen Fensterflügel“  hinweist. Es ist in Wien nämlich die nächste Unart, mit erbitterter Entschlossenheit die klassischen „Wiener Kastenfenster“ herauszureißen. Offenbar ist man bei Restaurierungen erst erleichtert, wenn diese Verbundfenster mit Stahl- oder Plastikrahmen ohne Sprossen, vielleicht auch noch mit verspiegeltem Glas eingesetzt werden. Damit ruiniert man Dutzende Fassaden und schämt sich nicht der Zerstörung.

Ferner sollte auffallen, dass für diese gelungene Harmonie des Heiligenkreuzerhofes kein Architekt namhaft gemacht werden kann. Kein Baumeister, nicht einmal ein anonymer Entwurf ist bekannt. Das macht vielleicht den Charme von Wien aus, dass zahllose unbekannte Baumeister bis ins 19. Jahrhundert großartige Häuser schufen, Ideen verwirklichten und ein sicheres Empfinden für den Ablauf der Fassaden in einer Gasse oder für eine Straße hatten. Es gab verbindliche Richtlinien, eine alte kaiserliche Bauordnung, die gerade für Wien sehr früh Steinstiegen vorsah, um die Brandgefahr zu verringern. Das alles hat Ansai zu bedenken, wenn er durch die alten Gassen geht, dass in ihnen immer Innovationen zu entdecken sind, seien es Keller, in denen der Wintervorrat gelagert war, seien es Innenhöfe mit Pferdeställen, seien es die bekannten Vorbauten aus Holz, die „Pawlatschen“, die die Wohnfunktionen verbesserten, da der Gang nach „außen“ verlegt wurde.

Für den Amtssitz des Abtes in Wien war die Prälatur vorgesehen, die heute von der Hochschule für Musik  genutzt wird. Also muss er hinzufügen, dass bis heute in den Gebäuden der Zisterzienser begehrte Wohnungen sind, weshalb man sich nicht wundern darf, hier im Hof bekannte Persönlichkeiten anzutreffen. Früher wohnten hier Graf Leopold Kollonitz, Bischof und Organisator des Widerstands gegen die „Türken“ 1683, der Maler Martino Altomonte, der Dichter Ignaz Castelli, viel Später Helmut Qualtinger oder der evangelische Theologe Kurt Lüthi.

Nun musste Ansai eingestehen, dass es in Japan nichts Vergleichbares gibt. Er merkte, wie diese Architektur gleichsam Ruhe einklagt, den Schritt verlangsamt und zur Würde zwingt. Noch nie hatte er das Erlebnis, wie ein Innenhof eine eigene Welt bildet, oder auf den Gedanken bringt, dass so die Welt sein könne: friedlich und ausgeglichen. Ja, dass wollen auch die Gärten rund um die Tempel, rund um die alten Wohnhäuser. Jetzt begreift er, dass in Europa die Baukunst Ähnliches vermag wie der Garten in Japan. Jetzt begreift er auch den Zorn von Franz, wenn hier die Gebäude in derart infamer Weise zerstört werden. Er kann es nachfühlen! Ihn gruselt einem beim Gedanken, ein „Caterpillar“ würde in einen der Gärten Kyotos einbrechen und die ehrwürdigen Bäume niederwalzen. Genau darauf will Franz aufmerksam machen, wenn er Ansai auf die gewaltigen Beschädigungen der Häuser durch „Renovierung“ hinweist.

Das Hausinnere kann selten betreten werden:. Der vorhandene Festsaal, die Prälatur, der spätromanische Saal im sogenannten Binderhof ist unseren Blicken entzogen. Bei Hochzeiten kommt man  in die kurz geöffnete Bernhardi-Kapelle. Es ist ein kleiner Raum, dessen barocker Ausstattung die räumliche Dimension fehlt, daher auf die Nerven geht. Da war Franz in der Kritik ganz offen und ehrlich. So ergeht es ihm im japanischen Garten in Döbling, setzte Ansai fort,  von dem gestern die Rede war. Gestern hatte er nichts zu sagen gewagt, um Franz nicht zu widersprechen, doch in seinen Augen ist dieser kein Garten, kein Park, kein Ort des „Inne-Werdens“. Er ist sicher gut gemeint, hat aber mit Japan nur die Bezeichnung gemein.

Postgasse

Sie verließen wieder den Heiligenkreuzerhof, kehrten zurück in die Schönlaterngasse und gingen an der Rückwand der Jesuitenkirche vorbei zur Postgasse. Damit verließen sie das alte Universitätsviertel, Sie passierten das alte Bibliotheksgebäude der Jesuiten, in dem heute das Universitätsarchiv untergebracht ist. Das Gebäude in spätklassizistischer Form war erst 1820 errichtet worden. Vis a vis ist die recht schmucklose Fassade der griechisch-katholischen Kirche St. Barbara. Zuerst war die kleine Kirche die Kapelle der Jesuiten, doch mit der Aufhebung des Ordens 1773 bestimmte Maria Theresia, sie  der griechisch-katholischen Gemeinde zur Verfügung zu stellen.

Nun ist in ganz anderem Zusammenhang die kleine Kirche Gegenstand des Tauziehens gewesen – zwischen der kleinen Gemeinde und „Rom“. In ihr waren die Reliquien des heiligen Josaphat aufbewahrt. Die schweren Konflikte zwischen orthodoxen und katholischen Christen am Beginn des 17. Jahrhunderts in Litauen, Wolhynien führten zu bürgerkriegsartigen Zuständen. Bei einem dieser Straßenkämpfe wurde Josaphat, der inzwischen Erzbischof war, gelyncht. Er wurde bald „kanonisiert“, galt 1867 als Heiliger und wegen der fortdauernden Streitigkeiten waren die Reliquien noch im 19. Jahrhundert nach Wien überstellt worden. Während des 2.Weltkriegs befürchtete man die „Entführung“ der Reliquien, da Teile der orthodoxen Russen in der Sowjetunion die Rückführung forderten. Aus diesem Grund wurden die Gebeine heimlich nach Rom in Sicherheit gebracht. Über Jahre wurde die Rückgabe gefordert, doch       Rom war hart geblieben. Der Streit um die Reliquien fand ein Ende, da sie 1963 endgültig im Petersdom beigesetzt wurden.

Franz hatte diese Geschichte, die man der Fassade der kleinen Kirche gar nicht zugemutet hätte, mit süffisantem Lächeln berichtet, denn solche Streitigkeiten waren nur von den Kreuzzügen bekannt geworden, Byzanz wurde buchstäblich wegen der Reliquien geplündert, dass aber eine ähnliche Auseinandersetzung bis ins 20. Jahrhundert geführt wurde, war immerhin erstaunlich. Ansai konnte damit gar nichts anfangen. Die Teilnahme an Konflikten, an Kämpfen lag einem buddhistischen Mönch stets fern. Erst mit der Umwandlung Chinas unter Mao tse tung waren die Mönche und Nonnen gezwungen worden, buchstäblich „Partei“ zu ergreifen.

Wenn man sich umdreht und in die Postgasse Richtung Wollzeile schaut, sieht man nicht nur die mächtige Dominikanerkirche und das dazu gehörige Kloster, sondern davor auf Nummer 6 ist ein Wohnhaus schon 1852 im historistischen Stil errichtet worden. Die Architekten sind recht bekannt, da sie die Oper geplant haben: van der Nüll und Siccardsburg. Franz nannte deren Namen ziemlich nonchalant, denn beider Ruf ist mit der etwas misslungenen Oper-Planung bis heute beschädigt worden. Das Wohnhaus  aber entpuppt sich als gelungener Bau. Für diese Architektur spricht eine klassizistische Strenge, weshalb sie das Hoheitsvolle gut vermitteln können, obwohl dann in der Planung der Innenräume dieser äußere Eindruck schnell schwindet. Da wird es zum profitablen Mietshaus. Die Hauseinfahrt soll sogar über eine Siegfried-Skulptur von Dominik Fernkorn verfügen, also hatten sich die Architekten schon Einiges überlegt, vor allem dachten sie vor dem Stiegenaufgang an einen Brunnen mit Fischkopfausguss. 1867 wohnte in diesem Haus Johannes Brahms, der recht oft seinen Wiener Wohnsitz wechselte, obwohl man diese Eigenschaft nur Beethoven zuschreibt.

Franz schritt wieder voran, entlang der mächtigen ehemaligen Hauptpost, die auf der Seite der Postgasse die Hausnummer 10 trägt, auf der Seite der Dominikanerbastei vermutlich 13 bis 15. Es lag daher nahe, gleich vis a vis zur Dominikanerbastei die Postspar-Casse zu errichten, die das bekannteste Gebäude von Otto Wagner wurde. Es war ein Zumutung von Franz, über ein Haus zu reden, das aus der Postgasse nicht gesehen werden kann. Ansai hatten natürlich eine Ahnung vom Aussehen der „Postsparkasse“, sie ist in jedem Reiseführer abgebildet, doch darüber zu reden ohne etwas zu sehen, ist schon ungewöhnlich. Franz tröstete ihn. Es wird auch einen Spaziergang entlang des „Rings“ geben und bei diesem wird der Vorzeige-Bau von Otto Wagner nicht fehlen. Ansai merkte an der Reaktion von Franz, am Gebäude von Otto Wagner nicht „anstreifen“ zu wollen, vermutlich waren wieder Bausünden begangen worden, die Franz schmerzten. Und wirklich war Franz froh, endlich die Biegung zum Fleischmarkt einzuschlagen. Franz blieb aber plötzlich stehen und bat Ansai, sich diese vormalige Hauptpost anzusehen. Er erklärte ihm, dass der Entwurf von Paul Wilhelm Sprenger war. In Wien hatten über ihn alle nur geschimpft. Vor allem die ersten historistisch planenden Architekten ließen an ihm kein gutes Haar und nannten ihn: „Metternich der Architektur“. Sprenger war nämlich 1842 zum Leiter des Hofbauamtes ernannt worden, war also oberster Bauherr und sein Diktat ging allen auf die Nerven. Er war sparsam und reduzierte jeden Aufwand, so ein Entwurf eine kostenintensive Verwirklichung  befürchten ließ. Sprenger war ein Schüler von Peter Nobile, der in Wien das äußere Burgtor geplant hatte.

Nun hat Sprenger bei mehreren Gebäuden seine Intention veranschaulicht: klar, streng und dem Klassizismus tief verbunden. Nie würde er ein Bauelement nur um seiner selbst willen verwendet haben. Nicht umsonst herrscht die Meinung, Sprenger habe Theophil Hansen die „Wiener Note“ nahe gebracht, vor allem den roten Ziegel als Teil der Fassadengestaltung. Vielleicht  ist „die Münze“ am Getreidemarkt das noch bessere Beispiel als die Postgasse 10. Jedenfalls ist die Organisation des riesigen Gebäudes, es verfügt über drei Innenhöfe, beeindruckend und zugleich erhält man die Vorschau auf die künftige Technologie des Bauens mit Eisenträgern, Gusseisen, Glas und bald Beton. Natürlich hat man in Wien Sprenger völlig verdrängt. Das war die üble Nachrede der „Ringstraßen-Architekten“. Von Beginn an hatte Sprenger die ersten schüchternen Versuche des Wiener Historismus unbarmherzig kritisiert. Seine Gegner trafen aber weit besser den Zeitgeschmack, bedienten erfolgreich das Wiener Thema, das da lautete: Mehr Schein als Sein. Adolf Loos hätte mit Paul Wilhelm Sprenger bei weitem größere Freude gehabt als mit Eduard van der Nüll. Leider hatte die Cholera Sprenger 1854 dahingerafft.

Ansai stimmte Franz zu, in dem riesigen Gebäude Ansätze der Modernen zu bemerken, nicht nur technologisch. Und er war bereits ein derart gelehriger Schüler geworden, dass nun Ansai Franz auf die lange Fensterfront aufmerksam machte, auf deren „diaphane“ Wirkung, durch die die Fassade leicht und durchscheinend ist.. Und wie Franz äußerte er ebenfalls Befürchtungen über das Ergebnis der gerade laufenden Restaurierung. Noch ist nichts zu erkennen, was das Gebäude demnächst zerstören würde, jedenfalls sind die alten Fenster noch vorhanden und entlang der Sockelzone des Hauses ist kein Geschäftsportal zu erwarten.

Der Fleischmarkt

Am Fleischmarkt gingen sie am nächsten Postgebäude vorbei. Das ebenfalls  große Haus war gründlich verändert worden. Da war wirklich kein Stein auf dem anderen geblieben. Man glaubt es nicht, doch die gesamte Anlage aus dem Hochmittelalter war einmal im Besitz des reichsten Klosters in Wiens. Das Chorfrauenstift hatte um 1450 die Dominikanerinnen „beerbt“. Im Gebäudeverband war eine Kirche, deren Ausstattung 1783 mit der josefinischen Säkularisierung an verschiedene Kirchen aufgeteilt wurde. Das Altarbild zeigt den hl. Laurentius, das Peter Strudel um 1695 gemalt hatte, und in der Währinger Pfarrkirche landete. Der Hochaltar wurde in die Pfarre Schottenfeld im 7. Bezirk übertragen. Um 1818 wurde das gesamte Kloster abgerissen und an dessen Stelle ein staatliches Verwaltungsgebäude errichtet. Den Todesstoß ereilte das Gebäude 1991. Da wurde der gesamte Gebäudekomplex nochmals neu geplant, allerdings im Wiener Wortlaut als Revitalisierung von „Alt-Bauten“ ausgegeben.

Sie überquerten die Gasse Laurenzerberg. Da konnten sie hinunter zum Franz Josefs-Kai schauen, zum Donaukanal und hinüber in den 2. Bezirk. Da war nichts attraktiv genug, um erwähnt zu werden. Und doch! Es war Ansai, der mitten auf der Straße stehen blieb und den Arm ausstreckte, auf dieses Stadtbild zeigte und den Satz von Peter Eisenman zitierte: Es ist die Anwesenheit der Abwesenheit!

Das war leicht zu enträtseln. Mit den alten Stadtbildern haben wir die alten Stadt-Erinnerungen im Gedächtnis. Die Stadt der Moderne hatte bewusst die Anlagen der alten Städte durchkreuzt. Vom Laurenzerberg aus besteht der Horizont aus dem „hochhäuslichen“ Singular. Am anderen Ufer des Donaukanals stehen diese gebauten „Autismen“ in Glas, Aluminium und Leuchtreklamen. Man behauptet, sagte Franz, dass es zwischen hier am Fleischmarkt und dort drüben am Donaukanal die Balance gibt zwischen den Arten der Seinsfülle, doch genau dieses Stadtleben wird ausgelöscht, nämlich nicht nur das traditionelle, sondern auch das moderne.

Die Bausubstanz war am Fleischmarkt am Beginn von der üblichen Nutzungsart definiert, doch schon winkte die markante griechisch-orientalische Kirche zur „hl. Dreifaltigkeit“, deren Status sogar eine Kathedrale ist. Der rote Ziegelbau erweist sich am Fleischmarkt recht eigensinnig und ist der Rest der historischen Multikulturalität Wiens, die in der Zeit um den Wiener Kongress 1815 bestanden hat. Man kann sogar behaupten, sagte Franz, dass hier in diesem Viertel Griechenland wieder erfunden wurde, nachdem es über Jahrhunderte vom osmanischen Reich okkupiert war. Von hier aus unternahm Ioannis Kapodistria alles, um die Unabhängigkeit seiner Heimat zu erreichen. Ab 1811 war er als russischer Diplomat in Wien und aktiv an den Verhandlungen des Wiener Kongresses beteiligt. Ihm war es in gedeihlicher Zusammenarbeit gelungen, die dauerhafte Neutralität der Schweiz in die Wege zu leiten, immerhin mit dem Rückenwind aus Russland. Für die politische Konsistenz war in diesem kleinen Viertel die Vision von Hellas maßgebend. In dieser Begeisterung übersetzte Goethe Lord Byrons „Manfred“ 1817. Erfolglos waren hingegen die Aufstände, für die sich Fürst Alexander Ypsilanti einsetzte, während die Voraussetzung eigener Sprache Theodor von Karajan von Wien aus entwarf. Franz war richtig stolz, dass in Wien der Weg in die Freiheit Griechenlands geöffnet wurde. Die politische Verfolgung Ypsilantis in Wien warf den Schatten eines Polizeistaats auf die großen Hoffnungen. Kaiser Franz, seit dem Tiroler Aufstand gegen alle „Volksbewegungen“ skeptisch, verfügte die lebenslängliche Festungshaft über Ypsilanti.

Das alles hatte Franz im Schatten der griechisch-orientalischen Kathedrale erzählt und beinahe vergessen, dass das alte eindrucksvolle Bauwerk von Theophil Hansen geschickt erneuert wurde. Er schuf 1858 eine Architektur, die alle Romantik griechischer Träume in den Fleischmarkt setzte, in der die Eigentümlichkeit dieser Kirche kein Fremdkörper ist, sondern die andere Sprache in dieser Stadt.

Franz zwang Ansai bis ans Ende des Fleischmarkts, um ihm noch die beiden „Jugendstil-Gebäude“ zu zeigen, die aus dem  Büro von Arthur Baron stammten. Dieser war einer der erfolgreichsten Architekten zwischen 1905 und 1918. Dessen Häuser steckten die Gassenseite mit Jugendstil an. Das begann 1909 mit dem Eckhaus zur Rotenturmstraße, dem sogenannten „Orendi-Haus“, wurde vom Haus Nummer 3 und Nummer 5 fortgesetzt. Sie waren der Sitz der Verlagsgesellschaft „Steyrermühl“. Diesem Haus folgte der Sitz der Handelsgesellschaft „Julius Meinl“, von Max Kropf 1899 entworfen.

1985 wurden die Gebäude Nummer 1 bis 5 von Hans Glück sehr großzügig umgebaut, vor allem der Dachausbau war luxuriös erweitert worden. Freilich war dieser „Glücks-Bau“ vorsichtig in den Bestand „hineingebaut“ und mit grün gestrichenem Kupferblecht getarnt worden. So darf man noch immer angesichts der Fassaden einen recht späten Jugendstil vermuten, doch das Fingerspitzengefühl ermahnte Franz, dass hier nicht „alles beim Alten blieb“.

Im Zuge eines gewaltigen Bank-Skandals, deren Generaldirektor hatte das Dach zum repräsentativen „Palais am Dach“ umbauen lassen, war plötzlich das Haus im Mittelpunkt des Interesses. Der Nachbar am Dach war der Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes. Es war die wenig appetitliche Geschichte, die im Grunde die Abendstimmung der österreichischen Banken ankündigte. Franz bat um Verständnis, diese Geschichte nicht im Detail zu berichten. So erwähnte er schnell frühere Bewohner dieser Gebäude, den berühmten Dirigenten Franz Schalk und den Filmregisseur Billy Wilder.

Endlich war für Ansai wieder ein Stichwort gefallen! Natürlich war ihm Franz Schalk ein Begriff. Ihm verdanken bedeutende Kompositionen die Ur- und Erstaufführung. Seine Bearbeitungen von Bruckners Symphonien waren bald auf Kritik gestoßen, denn Schalk sparte etwa bei der 5. Symphonie nicht mit Tschinellen, „Pauken und Trompeten“, weshalb die Musik überladen klang, viel zu laut. Ansai wusste, dass diese Bearbeitung nur bei Hans Knappertsbusch und Carl Schuricht Verwendung fand, nie bei Claudio Abbado oder Joseph Keilberth. So lange war er schweigsam geblieben! Gehorsam hörte er das Schicksal der Reliquien des heiligen Josaphat an, erfuhr vom griechischen Viertel, das ihm nichts sagte, sah die Häuser an, die ihn nicht nachhaltig beeindruckten und Franz verdankte seinen  unwidersprochenen Darstellungen Ansais Geduld.

Mit dem Namen Schalk war der Bann gebrochen.

Er überlegte, ob Franz sein Verständnis der Musik teilt?

In ihr empfindet er die Dauer, die auch vorhanden bleibt, wenn die Töne verklungen sind. Wer weiß denn in Europa; dass das Liedgut, das bei ihm daheim gepflegt wird, aus der indischen Veda, aus den Ursprüngen des Hinduismus kommt und von China und Japan adoptiert wurde. Darin findet die perfekte Transformation der Naturtöne statt und erfährt die Rhythmisierung und die ursprünglichste musikalische Form in der Pentatonik. Es stammt aus der Gandharva-Veda. In der Musik sind die drei Lebensziele enthalten, die alle Musik bis heute trägt und erfüllen will: zuerst das „kama“, das Vergnügen, dann das „artha“, das politische Handeln, und zuletzt das „dharma“, die religiöse Verpflichtung. Und Ansai prüfte Franz, ob er denn zu den drei Lebenszielen entsprechende Kompositionen nennen kann? Franz ließ sich nicht lumpen, empfand es als gelungene Abwechslung und antwortete: das erste Prinzip sind die Tänze, eine Gavotte, Polonaise, ein Menuett. Die Volksmusik bietet in Polka oder Reigentänzen eine reiche Auswahl. Fürs zweite Prinzip will er Beethovens 5. Klavierkonzert in es-Dur oder die c-moll-Symphonie nominieren, vielleicht auch die Leningrader Symphonie von Schostakowitsch. Und für die dritte Kategorie Anton Bruckners 9. Symphonie in d-moll, deren drei Sätze; oder das Köchel-Verzeichnis 618 von Mozart in D-dur: Ave verum corpus…

Ansai war erstaunt, dass Franz seine komplizierte Herleitung der Musik aus der Gandharva-Veda so schnell ins „Europäische“ übersetzen konnte. Dennoch wollte Franz umkehren, da hinter der griechisch-orientalischen Kirche die enge Gasse beim „Griechen-Beisl“ unbedingt zu durchqueren ist. Franz wies ihn auf die Warnung hin, die jeder Kutscher früher zu beherzigen hatte. Jeder solle vom Kutschbock absteigen und die Pferde am Halfter führen. Sie gingen nur ein kleines Stück abwärts, vermieden die steile Stiege hinunter zum Franz-Josefs-Kai, hielten sich bald links. Erneut sah Ansai eine kleine Kirche, die griechisch-orthodoxe Kirche zum hl. Georg. Den Baugrund hatte Theodor von Karajan der orthodoxen Brudergemeinde 1802 geschenkt.

Die Griechengasse

Diese kleine Kirche sieht recht herabgekommen aus. Franz zeigte sie nur, um Ansai begreiflich zu machen, wie wichtig die griechische Minorität in Wien vor über 200 Jahren war. Über sie kam zum überwiegenden Teil die Kultur der Orientteppiche nach Österreich. Das war schon im 18. Jahrhundert möglich geworden, denn der europäische Teppich war zu teuer und selten geworden, berichtete Franz, und in diese neue Lücke stieß der Import der Orientteppiche. Die berühmtesten Importeure in Wien waren vor 150 Jahren die Firmen Oriendi und Schein. Die Konkurrenz führte zu einer Flut von Prozessen, da Oriendi in der Reklame formuliert hatte: „Der Schein trügt, kaufen sie bei Oriendi…“ Erstmals lachte auch Ansai, was für Japaner selten ist.

So war Wien ein  Umschlagplatz für Orientteppiche geworden. Paradox daran war, dass die teuersten Orientteppiche nach einem ganz anderen Umschlagplatz benannt wurden, nämlich Linz. Ein „Linzer Teppich“ galt noch im 19. Jahrhundert in den USA als absoluter Luxus. Trotzdem besitzt das Museum für angewandte Kunst am Stubenring die kostbarste Teppichsammlung. Sollte Ansai Interesse zeigen, würde er ihm den Besuch dieser weltberühmten Sammlung empfehlen. Als es noch den Schah von Persien gab, wollte dieser immer Teppiche aus  dieser Sammlung kaufen, was ihm aber höflich abgeschlagen wurde.

Franz entschuldigte sich, seinen Freud nicht wegen solcher Teppich-Geschichten hierher geführt zu haben. Nach seinem Ermessen ist die linke Häuserzeile der Griechengasse die letzte und erhaltene Front mittelalterlicher Häuser in Wien, die im Unterschied zur Schönlaterngasse am wenigsten ihren Charakter verloren. Nach außen scheint ja alles in Ordnung zu sein. So will er nur ungern die Illusion von Shin zerstören, hier in eine vergangene Welt einzutauschen. Beim Umbau der ersten Häuser des Fleischmarkts waren die „Eingeweide“ der alten Häuser der Griechengasse gleich mit entfernt worden. Seit dem 14. Jahrhundert waren die Häuser vorwiegend von griechischen Kaufleuten bewohnt. 1986 bis 1991 hatte man zugeschlagen. Beim  Umbau ging man allerdings rücksichtsvoll mit der Außenfassade um.  Also muss man dankbar sein, dass hier ein „Potemkinsches Dorf“ den Anschein wahrt.

Sie schlenderten zur Rotenturmstraße, gerieten aus dem dumpfen Schatten der Griechengasse in die sonnige Rotenturmstraße. Mit dieser Aufhellung war Franz froh, dass ihm Ansai keine Fragen zum Zustand dieser Häuser stellte. Hier steht das Wiener Bauen des 20. Jahrhunderts in voller Blüte. Die bunte Reihe geschmackloser Geschäfte definiert wieder das Straßenbild und wie gestern am Graben, so marschieren auch hier wieder Touristen-Gruppen in Richtung Stephanskirche wie marodierende versprengte Truppen nach verlorener Schlacht.

Ansai bat Franz, die Griechengasse nochmals zu begehen. Er war überzeugt, dass hier der Unterschied zu seiner Heimat am deutlichsten wahrzunehmen ist. In der langen Gasse war kein Baum, kein Strauch, den Schanigarten eines Wirtshauses zierten Topfpflanzen. Und Ansai  bemerkte zu Franz, daran Europa zu erkennen. Er übe jetzt keine Kritik, sondern er frage sich, wann dieser andere Weg eingeschlagen wurde? Mag sein, dass diese Bonsai-Zucht etwas lächerlich scheint. Bonsai heißt eben „Anpflanzung in der Schale“, ist die Miniaturisierung der Natur, die in China vor 2000 Jahren als Idee faszinierte. Nun kann man recht gut eine gewaltige Differenz wahrnehmen, nämlich in Japan spielt man sich mit der Aufzucht eines Olivenbaumes, einer Zeder in Bonsai-Format, in Europa gibt es die Spielzeugeisenbahn. Für ihn ist es ein Indiz für den kulturellen Unterschied. Während also Leonardo da Vinci angesichts einer Schlucht an eine Brücke dachte, so dachte Hokusai bei den 36 Ansichten des Fuji san nie an eine Begehung oder gar an ein alpinistisches <Abenteuer, sondern an die atemlose Stille und Erhabenheit eines Bergs.

Wie er gelesen hatte, waren ja hier vor 300 Jahren die Bauern ähnlich. Sie dachten nie daran, einen Berg zu besteigen, Gipfel zu stürmen. Es waren Engländer, die die Alpen „entdeckten“ und die Berge wie ein Sportgerät gebrauchten – bis zum Kult des Skifahrens.

Ein Zen-Meister bewundert den Stein an sich,  während Michelangelo im Marmor schon die Skulptur sah, die im Marmor schlummert. Ihr Europäer, sagte Ansai, seht in jedem Objekt eine Herausforderung, die es zu bewältigen gilt. Das war die Grundlage eurer Technisierung. Im alten Japan dachte man nie, natürliche Bedingungen in Funktionen zu interpretieren. Er hat gut in Erinnerung, was der Zen-Meister Gasan Goseki um 1340 unter sein Selbstportrait schrieb: „Seit jeher geheimnishaft wunderbar, Weder ich noch ein anderer Mensch…“

Würde das Franz verstehen?                                             

Das ist nicht zu verstehen, antwortete Franz knapp. Es war aber nicht seine Stimme, die das sprach, sondern sein europäisches Jetzt befahl es ihm. Ansai übte Nachsicht – das berühmte „amae“, das die Europäer zumindest seit dem 17. Jahrhundert nicht mehr zusammenbringen. Ansai überlegte, ob der Gründerin des Schulordens, Mary Ward, ob in deren Mädchenschule gleich bei der Wipplingerstraße Nachsicht noch geläufig war? Er konnte es nicht beantworten.

Ansai war von der Düsternis der Gasse bedrückt. Jetzt hatte er den Wunsch, Franz zu fragen, ob denn nicht diese Beklommenheit Wien ist? Ob man sich hier nicht einbildet, dass nur die Liederlichkeit der Walzer-Musik aus dieser Beklommenheit herausführt? Prompt fiel ihm der Refrain einer Operette ein: Glücklich ist, wer vergisst, was auch nicht zu ändern ist. Da Ansai die Melodie zu summen begann, interpretierte es Franz als die bekannte Wirkung Wiens aufs Gemüt der Besucher. Franz dachte sogleich an den Heurigen, der noch jeden Gast zum Wiener macht.

Sie kehrten um, wieder Richtung Rotenturmstraße. Franz stellte in Aussicht, gleich nach Überquerung dieser Straße bekomme er eine Einmaligkeit zu sehen, im Grunde Absurdes.

Seitenstettengasse

Ansai trottete Franz hinten nach. Die Ankündigung des Besonderen erweckte Neugier. Die Biegung der Rotenturmstraße schuf unwillkürlich einen Platz,  hinter dem sich eine Gasse fortsetzte. Ansai meinte vorerst, nur Baulücken zu sehen. Da wies Franz auf ein turmartiges Gebäude, das zwischen den benachbarten Häusern eingeklemmt schien. Mit Ausnahme mehrerer Luken, die wahrscheinlich das Stiegenhaus belichteten, waren  weiter oben zwei, drei Fenster zu sehen. Der Verputz des Turmes ist in schlechtem Zustand und niemand wird behaupten können, dass es ein anziehendes Gebäude ist. Franz erklärte, dass es der berühmte Kornhäuselturm ist. Josef Kornhäusel war ein viel beschäftigter Architekt der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, baute teils in der Formensprache des Klassizismus, teils verwirklichte er außergewöhnliche Ideen – wie eben  diesen Turm. Um 1827 hatte der renommierte Architekt sowohl das Nachbarhaus errichtet, als auch den Turm. Am 8. Juli 1842 beobachtete und beschrieb Adalbert Stifter vom Turm aus die Sonnenfinsternis über Wien, wahrscheinlich der einzige Grund für den Bekanntheitsgrad des Turmes.

Franz wies Shin auf die sehr großen Höhenunterschiede hin, die eine Bebauung erschwerten. So führt eine Stiege hinauf zum Desider Friedmann-Platz und von dort gelangt man durch die Seitenstettengasse zur Synagoge, die 1823 bis 1826 von Kornhäusel entworfen worden war. Eine Synagoge im Stadtzentrum zu errichten, war das Ergebnis des Toleranzpatents von Joseph II. von 1782. Allen Religionsgemeinschaften war in der Innenstadt ein Gotteshaus zugestanden worden, allerdings erhielt die Synagoge die Auflage, an der Gassenfront nicht erkennbar zu sein. So baute Kornhäusel vor dem Betraum eine normale Hausfassade, mit der der Verpflichtung zur Unauffälligkeit Rechnung getragen wurde. Erst nach dem Betreten des Hauses erfüllt es die erwartete Funktion.

Ansai stellte die üblichen Fragen. Und Franz musste Rede und Antwort stehen zu Themen des Antisemitismus, wieso es immer wieder zu Konflikten kommt, weshalb Juden um ihr Leben fürchten müssen. Und zur Erklärung gab er an, dass mit der Bindung der Juden an die Schrift, an den letzten Hauch der Sprache Gottes in der Welt vermutlich ein unbewusstes Eifersuchtsdrama begann, da man ihnen die Authentizität der Gotteszeugnisse neidete. Davon verstand Ansai wiederum nur die Hälfte. Er merkte die gespannte Atmosphäre in der Gasse, das Wachpersonal, die Absperrungen, die die Wirkung möglicher Attentate vermindern sollen.

Ruprechtskirche

Gern hätte er noch die mächtige Fassade des Hauses betrachtet, hinter der sich die Synagoge versteckt. Jedes Verhalten wird aber in der Gasse als verdächtig wahrgenommen. Sie kehrten daher um und gingen zur ältesten Kirche Wiens, zur Ruprechtskirche. Sie steht noch heute wie damals auf der Böschung, die das Ufer zur damaligen Donau bildete. Das Bombardement 1945 erlaubt wieder die freie Sicht vom Donaukanal auf die Kirche. Damit hat der Krieg einen historischen Zustand hergestellt, auch wenn es einer Menge Phantasie bedarf, sich dieses Kirchlein am Donauufer vorzustellen. Sie soll um 740 auf Initiative des Salzburger Bistums gegründet worden sein. Glaubwürdigere Unterlagen gibt es erst ab dem 12. und 13. Jahrhundert. Selbst wenn es die erste Pfarrkirche in Wien war, ist diese nicht größer als eine Kapelle. Obendrein war das Innere einer puritanisch motivierten Restaurierung unterzogen worden, ist also wie ein reformiertes Bethaus kahl und schmucklos. Es könnte eine kalvinische Kirche sein, die nur zu besonderen Zeiten den Gottesdienst hält.

Beide hatten an Motivation zum Stadtrundgang eingebüßt. Ansai schlug vor, für diesen Tag den Spaziergang zu beenden. Über die Judengasse gingen sie vor zum Hohen Markt und verabschiedeten sich natürlich bei der Anker-Uhr.

3. Spaziergang

Für dieses Mal hatte Franz seinen Freund zum Schottentor bestellt. Relativ leicht zu erreichen, wenn Ansai mit dem 1A-Bus bis zur Endstation am Ring fährt. Dort werde er Ansai erwarten.

Ansai war sehr neugierig, was ihm nun geboten wird. Einerseits rechnete er damit, dass Franz ihm Teile der Ringstraße präsentieren wird, andererseits bestand auch die Möglichkeit, diesen Nachmittag beim Heurigen zu verbringen. Soweit er dem Stadtplan entnehmen konnte, fahren in die Wiener Weinbauregionen sowohl der D-Wagen als auch die Linie 38.

Franz ließ sich nicht in die Karten blicken.

Die Hoffnung auf Wiener Wein schien berechtigt, da Franz den nächsten 38er wählte. Als Endstation war in der Straßenbahn „Grinzing“ angegeben. Daher war Ansai überzeugt, dass das Ziel ein Heuriger sein muss. So viele Freunde hat er in Tokyo, die vom Wiener Weißwein schwärmten. Sie alle hatten ihm nach Mitteilung seiner Wien-Reise trotz der üblichen Verwechslung von „r“ zu „l“ und umgekehrt von „Glinzing“ berichtet, vom „Heuligen“.

Ansai war daher völlig überrascht, bereits nach der fünften Station aussteigen zu müssen. Franz hatte gerade noch vor dem Abbiegen der Straßenbahn in die Nussdorferstraße erzählt, dass hier auf der Währingerstraße 50 Heimito von Doderer gewohnt hatte. Der Schriftsteller war das beste Beispiel fürs politisch-konfuse Wiener Bürgertum nach 1918. Ansai rechnete mit langatmiger Darstellung der Bedeutung Doderers, aber nein, unmittelbar danach mussten sie aussteigen.

Ansai sah plötzlich das kleine Geburtshaus Franz Schuberts, ohne dass es ihm gesagt wurde. Franz wollte es offenbar nicht erwähnen. Keinen Schritt machte er in diese Richtung. Das war für Ansai unverständlich: Schubert!, wiederholte er laut wie eine Entrdeckung. Franz antwortete schroff, als hätte ihn Ansai tief beleidigt: Bis heute bleibt dessen Musik ein Rätsel. Allein die h-moll-Symphonie! Der zweite Satz folgt nicht dem Schema auf D, sondern es ist die Dominante der Dominante der Paralleltonart. Da spielen nur Oboe und Klarinette und die Geigen bilden einen sehr schwankenden Untergrund.

Ansai wusste nur zu gut, dass das damals ein Ding der Unmöglichkeit war. Deshalb wollte ihm Franz auch nicht das Haus Schuberts zeigen: es ist zu Tode restauriert und lieblos eingeklemmt zwischen den hässlichsten Häusern der Straße. Noch immer ist in Wien jede Begegnung mit Schubert ein skandalöses Missverständnis! In Wien musiziert man Schubert so wie das Haus aussieht: glatt verputzt,  aber angeblich süß. Das ist schon gegen Haydns Klavierkompositionen zur Regel geworden: Kindermusik a la Diabelli. Zu leicht für fortgeschrittene Konservatoriums-Schüler, gerade richtig für Elternabende einer ländlichen Musikschule.

Die große C-dur-Symphonie Schuberts, 1828 von den heiligen Philharmonikern als unspielbar abgelehnt! 1844 lachte sich das hochnäsige Royal Philharmonic Orchestra in London schief über solche Katzenmusik. Ansai möge ihm jeden Kommentar zu Schubert ersparen, sagte Franz, jedenfalls nicht vor diesem Haus!

Die Canisiusgasse

Tatsächlich wollte ihm Franz ganz anderes zeigen. Es ist ein Pech, dass die Straßenbahn ausgerechnet unweit vom Schubert-Haus hält. Sie überquerten die Straße und selbstbewusst ging Franz in die Canisiusgasse hinein.  Gleich bei den ersten Häusern blieb er stehen und versuchte den Sinn der Visite zu erklären.
Dieser Spaziergang verfolgt den Zweck, am Beispiel dieses Stadtviertels das  Stadtwachstum vor Augen zu führen, das vor 200 Jahren begonnen hatte. Franz war in die Rolle eines Lehrmeisters geschlüpft. Entgegen der allgemeinen Meinung war die Qualität des Hausbaus sehr unterschiedlich gewesen. Nicht alles war schlecht gewesen. Franz wusste, dass mit solchen Sätzen regelmäßig der Nationalsozialismus verteidigt wurde. Und jetzt fällt er in diese Sprache hinein, die Ansai zum Glück noch nicht bemerkt hatte.

Hier waren bürgerliche Bewohner daheim. Die Wohnqualität war besser als in den Arbeitervierteln. So sich Ansai erinnert, habe er ihm am Hohen Markt ein Haus gezeigt, welches er sich merken solle. Es war das Beispiel namenloser Zerstörung. In diesem kleinen Stadtviertel waren derartige „Modernisierungen“ unterblieben. Aus  unerfindlichen Gründen hatten die Grundstücksspekulationen dieses Viertel noch nicht heimgesucht. Also könne man erst in diesen Gassen ermessen, welche Bausubstanz in der Innenstadt ruiniert wurde. In der Canisiusgasse hat er links und rechts in bunter Reihenfolge späthistoristische und vier secessionistische Häuser vor sich. Interessant ist die Hausnummer 17. Der Plan stammt aus dem Architekturbüro von Eugen Felgel von Farnholz und wurde 1909 umgesetzt. Man muss einmal diesen Reichtum der Ausstattung eines einfachen Miethauses berücksichtigen, sagte Franz. Dachgiebeln, Seitenachsen, die mit Lisenen gegliedert werden, Parapetkassetten und Medaillons mit Zopfornament wollen die Langeweile der Fassaden vertreiben, die ansonsten solche Straßen unerträglich machen. Die Kassetten sind natürlich kostengünstige Bauteile gewesen, die als Parapet die Höhe des Innenraums vom Fußboden bis zur Kante des Fensterbretts anzeigen. Unter der Voraussetzung, dass es sich um kein Schloss handelt, muss man doch für diese scessionistischen Häuser Partei ergreifen, denn sie besaßen nicht nur einen Lift, sondern vor allem war die Belichtung der Wohnungen ein wesentliches Moment, das durch die Parapethöhe erreicht wurde.

Im ersten Moment meinte Ansai, nichts an dem Haus bewundern zu können. Er merkte, dass in der Gasse wirklich vier derartige Häuser gebaut worden waren, alle um 1900. Sie gaben der Gasse ein recht lebendiges Bild. Da er Franz eine Antwort schuldig war, berichteter er ihm, in Japan habe man über Jahrhunderte spezielle Regeln im Städtebau befolgt. So waren die bürgerlichen Wohngebiete, um es mit diesem Viertel zu vergleichen, in „gyo“ und „mon“ eingeteilt. Dabei waren die  Wohnparzellen in west-östlicher Richtung in vier und in nordsüdlicher Richtung in acht Parzellen gegliedert. So entstanden 32 Blöcke, die „hanushi“ genannt werden. Ansai wurde unsicher, denn wie hätte er jetzt erklären sollen, dass da nach strengen Vorgaben die Straßen durch diese Wohnviertel liefen, Üblich war, dass straßenseitig orientierte Häuser nicht immer dem System von „gyo“ und „mon“ folgten. Allerdings verfügte jedes Haus über einen Innenhof, der die Funktion einer kleinen Ruhezone besaß. Dieser Typus der städtischen Organisation in Viertel erlaubt, sogar mitten in Tokyo bei Tee Ruhe zu finden, Kontemplation oder Dialog.

Franz war überrascht, wie Ansai in der Canisiusgasse seinen Vergleich mit japanischen Städten begann. Offenbar waren die Städte ab dem 19. Jahrhundert einfach überfordert. Aus den Straßen wurden Riesenschaufenster der Stadt. Und Franz meinte, dass selbst China und Japan sich diesem Wahn anschlossen. Und bald war mit den Schaufenstern samt Elektrizität die Monotonie entstanden. Das Augenmerk hatte man nur auf Stadtentwicklung gerichtet, und tatsächlich verlor die Stadt alle ihre Vorteile, nämlich von „Daseinsaufgaben“ zu entlasten. Die Grundlage für die kommende Megacity war geschaffen.

Und Franz merkte gegenüber Shin an, dass mit dem Ersten Weltkrieg Mitteleuropa bei derartigen Modernisierungen nur schwer Schritt halten konnten. Die Städte waren in den Augen von Sozialreformern vor 1900 ein Sündenpfuhl, die Quelle von Zuwanderungen, Infektionen, Tuberkulose, Prostitution und Arbeitslosigkeit. Modell aller künftigen Entwicklung war Philadelphia geworden. Unbeirrt sprach er weiter: dort hat Edmund Bacon die Stadt in die axiale Eintönigkeit gezwungen. Er hatte diese Fadesse zum Planungsideal erhoben und ab nun war eine lineare Stadttradition kein dynamisches Erlebnis mehr. Wir machten den Fehler, dass wir uns auf Chikago konzentrierten; ja das ganze Bauhaus war begeistert, dass die Zukunft dem amerikanischen Städtebau gehört. Zwischen 1879 und 1889 waren der letzte Schrei Wolkenkratzer geworden. Ein Stadtbild ist ab nun wie eine Spargelzucht.

Ansai teilte diese despektierliche Einschätzung nicht. Er war von jeher von den Konstruktionen von Kenzo Tanges begeistert. Es war ihm klar, dass ab nun Architektur ein singuläres Ereignis wird, vermutlich mit dem Risiko, dass gewaltige Bauten in der Stadt so autistisch erscheinen wie eben Autisten keine Beziehung zu ihrer sozialen Umwelt haben. Und nicht nur Tange verlieh den Millionenstädten „Markenzeichen“, die sich nicht wesentlich von den Türmen der mittelalterlichen Kathedralen unterscheiden.

Da unterbrach ihn Franz. Diese Bemerkung irritierte ihn, denn vorgestern hatte er geglaubt, Ansai sei einer der wenigen gewesen, die den magischen Charakter des Domes verstanden haben. 

Im Dialog war kurz Schweigen eingetreten. Beide blickten unverwandt in die Canisiusgasse und aneinander vorbei als würde ihnen der gemeinsame gleiche Blick wieder die Einmütigkeit zurückgeben. Der Blick blieb natürlich am roten Backsteinbau der Canisius-Kirche hängen. Der späthistoristische Kirchenbau von Gustav Neumann war sicherlich auch 1899 nicht beeindruckend. Heute besticht der von Bäumen beschattete Spielplatz, der allen Lärm, alle Unruhe abzusaugen scheint. Für Ansai war klar, den Baumbestand länger zu betrachten, denn schon wieder fehlten ihm Bäume, die botanischen Liebenswürdigkeiten.

Sollten sie wieder miteinander reden wollen, sollte es nicht das übliche „aufeinander Zugehen“ sein, die abgedroschene Floskel aus Gruppentherapien. Für Ansai galt, dass die „Selbstheit“ der Seele von ihrem Innern selbst durchbrochen werden muss, um den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen. Für Franz schien es bei weitem einfacher. Er hatte ja seinen Plan und mit dem Plan war automatisch eine Kommunikation verbunden. Der Plan bestimmte die Gehrichtung in die Sobieskigasse.

Sobieskigasse.

Wie immer genoss Franz den Blick in die ziemlich lange Gasse. Wie zuvor dominierten die späthistoristischen Häuser. In einer Linie waren diese 15 Häuser aneinandergefügt. Der Bauzustand war gut, die Fassaden unterschiedlich gefärbelt. Natürlich hätte Adolf Loos über jedes Haus geschimpft, vielleicht auch über die vier secessionistischen Häuser, aber Franz hatte immer im Gedächtnis die vielen zerstörten Häuser, die zwischen Geschäftszone und Dachausbau erwürgt wurden. In der Sobieskigasse war es nicht der Fall. Da gab es kein Geschäft, das sich mit Stahlprofilen und Umbauallüren profilierte, es gab auch keinen Dachausbau. Und Franz war inzwischen schon so demütig geworden, dass er solche Gassen aus dem Wiener 19. Jahrhundert bereits so schätzte wie verträumte Gassen in Rom, die vielen Wege, die sich in ihren verschiedenen Bezeichnungen den Anreiz erwarben: via, viale, borgo, largo, vico, vicolo, scala…Wie Shin darüber urteilt, konnte er nicht vorhersagen, doch Shin war ebenso begeistert. So weit war er von Franz sensibilisiert worden, dass auch ihm das Fehlen dieser grässlichen Auslagenarchitektur auffiel. Und der Anblick der Dächer war so wie das vermutlich vor 200 Jahren der Fall war.                     

Für beide war das Durchstreifen der Sobieskigasse wie die Wiederholung des Schlenderns in einem römischen Gässchen. Es war die Wiederholung des „Gleichartigen“, die die Gemütsverfassung besserte.  Die Wiederholung ist es, die  eine unscheinbare stille Gasse in einen Schauplatz verwandelt, in die alte „Welt“. Wie man im Hochwald vom Nebel überrascht wird, so kann man in Wien von einer Gasse aus der Gründerzeit überrascht werden. Der „Schauplatz“ brachte die beiden wieder näher. Es war diese sonderliche Harmonie in der Fülle der Gebäude, die gutmütige Mienen machten und die das Gehen zur „unbeabsichtigten Handlung“ veränderte. Und beide merkten an, dass diese Architektur die Ursache ihrer Abhängigkeit verwischt, ins Schleierhafte verdrängt, also in dieser Wiederholung der gleichen Gebäudesprache ist die Rätselhaftigkeit der Stadt verborgen. Das ist beileibe nichts Mythisches, sagte Franz, keine Phantasterei, sondern jetzt ahnt man Wien. Ansai nickte.
Als müsse sie ihr Weg auch noch ins Poetische führen, gelangten sie zum Sobieskiplatz. Unscheinbare, schlecht gepflegte „Grünflächen“, die japanische Stadtverwaltung nie so hingehen lässt, ein Biedermeierhäuschen, das Schutz suchend sich an Feuermauern drängt, und die gespielte Würde des Historismus bieten nichts Kunsthistorisches, nichts Einmaliges oder Unnachahmliches. Sie bildeten nur einen Platz, ein Stelldichein für Sonntagnachmittage.

Da war selbst Ansai verblüfft. Nie hätte er vermutet, vom Unscheinbaren so beglückt zu werden – bislang war es nur Pflanzen gelungen. Er blieb sogar stehen. Selbst ein ordentlicher „Patzer“ in der Planung des Platzes, hatte ein gutmütiges Aussehen angenommen, als wäre die Fassade der liebgewordene Rest eines Schloss-Portals. Allein dieses Detail könnte man der Kritik von Loos entgegenhalten. Was wäre diese zur Fassade gezwungen Fläche ohne Ornament? Was hätte man mit der Fläche von 450 Quadratmeter machen sollen? Der Würde der Gasse entspricht, dass keine Reklame, nicht einmal Neon-Röhren optische Aufheller sind, sondern es reicht der stabilen Lebenswelt die Straßenlampe.

Wie in einer Eingebung kamen Ansai Worte über die Lippen, die ihn selbst überraschten und wie sie bislang noch niemand hörte: Hierher gehört Schubert!

Wilhelm Exner-Gasse

Plötzlich wechselte der Name der Gasse. Als hätte Wien endlich die Türkengefahr von 1683 bestanden, als wäre jetzt der Kaffee-Ausschank dank der Befreiung durch den polnischen König Sobieski gewährleistet, stand das nächste Problem vor der Tür. Es war im Zuge der allgemeinen „Modernisierungen“ die Donaumonarchie ins Hintertreffen geraten. Im Andenken an die Bildungsreform war die Gasse nach dem Gründer der Technischen Lehranstalten genannt worden. Die Gasse führt eben direkt zu dieser Lehranstalt in der Währingerstraße. Schon von Weitem sieht man den roten Backsein-Bau. Früher hatte man ihn etwas schnoddrig „TGM“ genannt, ein etwas paradox anmutender Titel für eine Schule dieser Bedeutung. Sie hieß noch vor 40 Jahren „Technologisches Gewerbemuseum“. Ansai lachte über diese völlig unzutreffende Bezeichnung, die offenbar dem „politischen Historismus“ geschuldet war.    

Und wieder war die Exner-Gasse von „unschuldiger Normalität“ denn ein späthistoristisches Gebäude nach dem anderen reihten sich in die Gasse ein. Im Erdgeschoß waren generell die hohen Rundbogenfenster. Sie machten deutlich, wie unsinnig diese Geschäftsumbauten sind, wie diese Termiten gleichen und die ästhetische Stabilität des Hauses annagen.

Und es war Ansai, dem als erstem auffiel, dass in der Exner-Gasse ein Wunder geschah!

Wirklich hatte eine Lebensmittelkette diese Rundbögen belassen, sie wie zu „Kaisers Zeiten“ als Auslage genutzt, sogar den Eingang an der Hauskante rücksichtsvoll in Erhaltung der alten Substanz eingebaut. Beide blieben voll Verwunderung stehen. Die gleiche Lebensmittelkette, die überall mit ihrem grellen gelben Markenzeichen auffällt, zu allem Überdruss mit rotem Schriftzug, hatte ganz versteckt in der Exnergasse Geschmack bewiesen. Beide prüften die gelungene Restaurierung und behutsame Umgestaltung der Filiale. Da war nichts auszusetzen.

Ansai vermutete, deshalb von Franz hierher geführt worden zu sein. Wahrscheinlich wollte Franz ihm zeigen, dass man sehr wohl ein ordentliches Geschäft adaptieren kann.

Franz hingegen war selbst überrascht, denn er kannte dieses Geschäft nicht. Es freute ihn, dass auch Ansai begeistert war. Angesichts dieses gelungen Wurfs muss man sich ab nun nicht mehr den Vorwurf gefallen lassen, eine „stilgerechte“ Renovierung sei eine Lüge. Diese war zum Hauptwort einer hochmütigen Kunstkritik geworden und zählt zum normalen Sprachgebrauch: Lüge! Das Wort war sofort zur>Stelle, war einem Architekten der Zuschlag vorenthalten worden. Sofort unterstellt ein Architekt den Kommissionen, Magistratsabteilungen oder gar dem Bauherrn reaktionäre Gesinnung. Modern ist nicht, wenn kein Kastenfenster demoliert wurde, keine zusätzlichen Stockwerke aufs Haus gesetzt werden. Da ballt sich der ganze Eifer der Kaste zusammen, die mit Naserümpfen ihre Kritik beginnt und erst zufrieden ist, wenn statt vier Stockwerke nach der Sanierung sechs vorhanden sind. Erst wenn ein Haus die ordinäre Maske hat, ist es ein beredter Ausdruck der Gegenwart. Die Hässlichkeit ist die gepriesene neue Ehrlichkeit. Ehrlich ist, wenn ein Architekt seine Pläne für den adäquaten Ausdruck im Zeitalter der Autos und Flugzeuge, der Fitness-Urlaube und Kreuzfahrten ausgibt und dazu eine ausgesuchte Scheußlichkeit entwirft.  Ist das die neue Aufrichtigkeit? Und Franz ist der festen Überzeugung, dass kein Baumeister, der damals in der Exnergasse gebaut hatte, sich  einbildete, ein Kunstwerk zu schaffen.

Es ist, wie es ist….

Franz hatte sich mit diesen Fragen auf gefährliches Glatteis begeben. Nun suchte er gegenüber Ansai nach einer Rechtfertigung. Er behauptete, diese Tonart der Überheblichkeit im Ohr zu haben, wenn Architekten meinen, nicht verstanden zu werden. Dennoch erwarten sie, in naher Zukunft würde man ihre Objekte zu Kunstwerken erklären. An ihren Gebäuden würden die rot-weiß-roten Fähnchen als Auszeichnung des Magistrats hängen.

So reden sie ja, diese Herren, sagte Franz, bei Vernissagen.

Sie erscheinen im schwarzen Anzug mit schwarzem Hemd und schwarzem Borsalino, sind also eh wie Faschisten auf dem Marsch nach Rom gekleidet, sagte Franz. Tatsächlich sind sie fortwährend auf der Jagd, um die seit der Antike gelobte Kalokagathie auszurotten wie letzte Eisbären. Sie sind grundsätzlich fortschrittlich gesinnt wegen des Rathauses, tragen im weiten Sakko immer bei sich Parteibuch und den Ausweis des Zivilingenieurs.

Ansai habe ja bei der kurzen Ausführung über die Brandursachen                                                in Wien von gefährdeten Gebäuden erfahren. Es ist eine geheimnisumwitterte Regie, die ausgerechnet begehrte Gebäude in Flammen aufgehen lässt. Franz beließ es bei diesen Andeutungen.

Deshalb ist die Exnergasse ein Wunder. Vielleicht verdanken alle diese Gassen ihre Unberührtheit dem Umstand, für große Spekulationen ungeeignet zu sein. Oder man wartet noch zu, bis Hauseigentümer im Erbfall verkaufen müssen. Irgendwie gelten hier nicht die Marktmechanismen – und Franz grinste.

Historismus als Ästhetik

Ansai fühlte sich bei dieser Fundamentalkritik nicht wohl. Franz hatte  sich in ein „nihil“, in einen Skeptizismus hineingesteigert, der gegenwärtig typisch für Europa ist. Mit jeder emotionalen Kritik wird  man aber selbst ein Gegenstand des Zweifelns. Das war Ansais Einwand. Auf der Ebene des „Alles oder Nichts“ gewinnt man kaum eine Erkenntnis. Selbst die Wirklichkeit ist in Frage gestellt und damit auch unser Selbst. Das ist auch an Franz zu beobachten, denn schon seit geraumer Zeit hat er die Freude am Erscheinungsbild der Exnergasse verloren, beachtet nicht mehr diese Dokumentation von Kleinbürgerstolz, das Geschenk der Architektur an die Bewohner. Es mag einmal ein zweifelhaftes Geschenk gewesen sein, als sich alles zum Nationalismus geneigt hatte. Für ihn war es in seiner Heimat eine leidvolle Erfahrung – kokka shugi. Da war nicht mehr hinter der Leere nach den letzten Quellen gesucht worden, aus denen die Tätigkeiten der Vernunft entspringen. Da gab es keine „eigenen“ Bilder als „Ideen“, als „Ideale“, die wieder sichtbare „Bilder“ ergeben. Da hätte die Poesie erscheinen müssen –  wieder! Darüber hatte der Haiku-Dichter Takarai Kikaku um 1680 geschrieben, der bedeutendste Schüler von Matsuo Basho:

„Erster Schauer im Spätherbst.

Auch das Äffchen, so scheint es,

hätte gern ein Strohmäntelchen.“

Ansai hatte es auswendig rezitiert, zuerst auf Japanisch. Dann getraute er sich, es für Franz zu übersetzen.

Allerdings konnte Franz damit noch nichts anfangen. Ansai erklärte ihm dieses Sprachbild und dass darin diese Exnergasse ihren Ausdruck erhält. Es ist die bis zur Gefälligkeit gesteigerte Ästhetik der Gasse, eben ein Strohmäntelchen, doch was geschieht mit dem Äffchen, wenn es den Mantel nicht erhält und es ist Spätherbst?

Franz war erstaunt. In diesem Haiku war die Exnergasse charakterisiert! Er konnte es nicht gleich fassen. Auf dem Umweg der japanischen Poesie des 17. Jahrhunderts war die fatale Geschichte deutlich geworden –die ästhetische Entgleisung. Es bleibt dabei: Gerade aus ästhetischen Gründen muss man dieses Viertel bewahren, um einmal ermessen zu können, was da schief gelaufen ist. Anfänglich hatte alles so harmlos ausgesehen! Ansai hat diesen Späthistorizismus entschlüsselt!

Auf dem Weg von der Canisiusgasse zur Wilhelm Exner-Gasse waren die „Fehl- und Irrläufe beider Länder“ klar zu Tage getreten.

Es war ein Glück, dass sie beim Café „Weimar“ ankamen. Franz wollte ursprünglich noch weiter, doch Ansai vermutete hier ein unverändertes Café – ohne Touristen und üblichen Klimbim. Die Außenfassade versprach eine Authentizität, die in Wien selten geworden ist. So überredete er Franz. Ansai wiederum versprach ihm, im Café keinen grünen Tee zu bestellen, keinen Gyokuro, den es ohnehin in Wien nicht gibt, sondern – Kaffee!

Nach den Bestellungen, zur Wahl standen „Einspänner“, „großer Brauner“ oder Mokka, betrachteten sie vis a vis das ehemalige berühmte „TGM“.

Ansai betrachtete die wüste Zweckentfremdung der Ziegel-Fassade mit Plakaten, gesprayten Schriftzügen und diversen Ankündigungen und fragte, ob das auch zur Bildungstradition von Wien gehört? Mehr als deutlich war ja „Kulturzentrum“ zum „WUK“ aufgemalt worden. Franz wollte wie auch am Beginn des Spaziergangs vorerst nicht antworten. Beim zweiten Kaffee begann er mit seinem Bericht.

Das WUK

Anzunehmen ist, dass die Bildungsreform nach 1848 die einzig erfolgreiche Initiative in der Donaumonarchie war. Der neue Minister, Leo Thun-Hohenstein war als ausgebildeter Jurist von Prag nach Wien gekommen. Er wurde gegen seinen Willen mit der Leitung des sogenannten Kultusministeriums betraut. Schnell erkannte der neue Minister den katastrophalen Zustand des Bildungswesens. Und, damit rechnete niemand, Thun-Hohenstein zählte in Prag zum Kreis des Mathematikers und katholischen Priester Bernard Bolzano. So hatte Thun einige Kenntnis vom Fortschritt der Naturwissenschaften. In diesem Sinn informierte er sich über den Zustand der Universitäten und Schulen der Monarchie. Das bewog ihn, Zweidrittel der Professoren der Universitäten zu entlassen und die Lehrstühle neu zu besetzen. So kam es zur Einrichtung einer speziellen Ingenieur-Schule, zu der ihn Franz Exner geraten hatte. Das war im Nu umgesetzt worden. Und Franz fügte hinzu: Heute undenkbar!

Ansai muss wissen, dass gegenwärtig in Österreich seit mehr als vierzig Jahren Schulversuche laufen. Damals erlebten nicht nur die Universitäten der Donaumonarchie einen Aufschwung, sondern auch berufsorientierte Lehranstalten. Neben dem traditionellen Gymnasium gab es ab nun auch eine Realschule. 1884 war diese ehemalige Fabrik ebenfalls in eine Schule verwandelt worden. Der Gründer war ein anderer Exner, nämlich Wilhelm Exner. Nach dem ist ja die Gasse benannt worden, durch die sie spazierten. Mit dieser Schule samt einem unglaublich anspruchsvollen Ausbildungsprogramm hatte man den Rückstand aufgeholt und bald waren die Absolventen gesuchte Ingenieure. So passt dieses Fabrikgebäude, das 1866 erbaut wurde, recht gut zur späteren Nutzung. Vor allem die Werkhallen, die Fertigungsstraßen, die zur Herstellung von Lokomotiven gedacht waren, erlaubten einen praxisrelevanten Unterricht, der in Europa einzigartig war. Franz schloss mit dem Hinweis, dass dieser intellektuelle Aufbruch in den letzten Jahrzehnten der Donaumonarchie gewaltig war, eine Herausforderung, der letztlich die traditionelle Gesellschaftsordnung nicht gewachsen war.

Ansai kannte derartige retardierende Momente in der Geschichte seines Landes. Allerdings gelten andere Kriterien, die man kaum auf ein europäisches Land übertragen kann.

Auf der Währingerstraße

Sie überlegten, ob sie noch eine Besichtigung anhängen sollten – oder nicht? Ansai erklärte, nach einer heißen Suppe würde er seinen Wunsch äußern….

Eine halbe Stunde später waren sie wieder auf der Währingerstraße. Ansai schenkte dieser ehemaligen Lokomotivfabrik einige Beachtung.      

Er fragte sich, wie diese schweren Dampflokomotiven damals den Weg zur nächsten Remise schafften? Es war nicht zu beantworten. Selbst Franz stand vor Rätsel.  Sie gingen nicht gleich stadteinwärts, um auf der linken Straßenseite ein Haus zu betrachten, das wirklich unverändert erhalten geblieben ist. Es ist die Hausnummer 72. Ein wenig hatte es den Charakter eines Geisterschlosses. Der raue Verputz, die dunkelbraune Farbe der Fassade, caput mortuum, die abweisende Art waren Botschaft genug, um beide zum Halten zu zwingen. Es war rundum das einzige Gebäude ohne diesen „Geschäftsautismus“ und ohne Dachausbau. Franz bewertete dieses Entlaufen aus dem allgemeinen Wiener Trend als unglaubliche Seltenheit und fragte sich, wie man diesem Diktat entrinnen konnte.

Ansai unterbrach diese Gedanken. Er könne sich vorstellen, dass gerade in Wien ein Denkmalschutz besteht, ja dass man auf höchster Stelle Interesse hat, in die Liste der „Weltkulturerbschaften“ der UNESCO eingetragen zu werden.

Da lachte Franz bitter auf. Sollte er jetzt aus seinem Herzen keine Mördergrube machen, hegt er den Verdacht, dass der Denkmalschutz entweder der Korruption dient, oder aber die Unfähigkeit ansprechender Lösungen exponentiell zunahm. Das wirft natürlich auf die Ausbildungswege ein schiefes Licht.

Sie waren ein weites Stück vorangekommen. Nach Überquerung der Spitalgasse  kamen  sie erneut am Haus vorbei, in dem  Heimito von Doderer gewohnt hatte. Jetzt konnte es Ansai genauer betrachten. Er stimmte mit Franz überein, dass das äußere Ansehen des Hauses furchtbar ist. Wenn es jemals eine Fassade hatte, war sie abgeschlagen worden. Das Haus glich einer Unterkunft für Flüchtlinge. Er verstand jetzt, warum Franz den historistischen Fassaden nachweint.

Franz hingegen wies ihn auf ein Denkmal hin, das auf einer „Grünfläche“ vis a vis versteckt ist. Es erinnert an Guido Holzknecht. Diesen Namen hatte Ansai noch nie gehört. Franz betonte die Bedeutung dieses Mannes. Holzknecht übertrug die von Röntgen ermöglichte Entdeckung der „Röntgenstrahlen“ in die medizinische Diagnostik. Erstmals waren Organe des menschlichen Körpers „durchleuchtet“ worden und die inneren Organe des Leibes waren plötzlich sichtbar. Holzknecht, der anfänglich von der Wirkung dieser Strahlen noch nichts wusste, war dann selbst das Opfer überhöhter Dosis der „Röntgenstrahlen“ geworden. Wie am Denkmal vermerkt starb Holzknecht 1931 nach 64 Operationen. Stück um Stück waren  Teile seines Körpers von Radiodermatitis befallen und mussten amputiert werden.  

Ansai war wirklich erstaunt, dass diese großartige Erfindung in Wien ihren Ausgang nahm. Wie oft war er schon zur Röntgendiagnostik geschickt worden? Einmal war es der Bruch der Elle seines linken Unterarms, einmal die Prüfung seiner Lungenfunktion. Nie hatte er sich im San-Ikukai Hospital gedacht, den Nutzen aus einer Wiener Erfindung zu ziehen. Lange blieb er vor dem Denkmal stehen, eigentlich einer Büste, als müsse er jetzt Holzknecht danken. Franz drängte ihn aber zum Weitergehen.

Sie kamen an der Hausnummer 43 vorbei, der Bezirksvertretung für den Alsergrund. So wenig dieser Versuch gelungen war, hier ein kleines Palais 1860 zu errichten, so eindrucksvoll werden diese Häuser, je öfter Neubauten jeden Reiz, intelligente  Lösungen oder ehrgeizigen Entwurf vermissen lassen. Franz erklärte ihm, dass eine Bezirksvertretung der letzte Rest der alten liberalen Stadtverfasssung vor 150 Jahren verkörpert. Ja, es gibt eine schmal gewordene Zuständigkeit in der Selbstverwaltung eines Bezirks. Allerdings kann der zuständige Stadtrat den Beschluss dieser Vertretung entweder billigen oder aber aufheben. Daher ist es entscheidend, ob ein Bezirk „rot“ oder „schwarz“ ist, da die Stadt seit über hundert Jahren von den Sozialdemokraten verwaltet wird.

Dieses komplexe Gefüge der Stadtverwaltung war Ansai sofort geläufig. Tokyo besteht aus 23 unabhängigen Bezirken, für deren Grundversorgung eine eigens geschaffene Präfektur Tokyo-to chosha vor gut 80 Jahren geschaffen wurde. Kenzo Tange entwarf dieses Zentralverwaltungsgebäude 1988 unweit vom Bahnhof Shinjuku. Voll Begeisterung  berichtete Ansai von diesem Giganten der zentralen Stadtverwaltung. Er verglich ihn mit einer gotischen Kathedrale, denn da streben ebenfalls zwei Türme in schwindelerregende Höhe. Obendrein sind Aussichtsplattformen vorgesehen, die ähnlich dem Pariser Eiffelturm einen großartigen Blick auf Tokyo bieten. So hatte er für dieses winzige Gebäude der Bezirksvertretung „Alsergrund“ nur den Ausdruck „charming“ über, eine mehr als schmeichelhafte Anerkennung.

Franz machte auf das gegenüber liegende Chemische Institut aufmerksam. Immerhin war 1908 ein großes ordentliches Gebäude für eine moderne Naturwissenschaft endlich errichtet worden. Franz wollte aber eine dramatische Geschichte anschließen, die fast völlig in Vergessenheit geriet. In den letzten Tagen des 2.  Weltkriegs hatte wirklich ein junger Chemiker die Absicht, in die Wasserversorgung Wiens große Mengen von Gift beizumengen, das wohl alle Bewohner getötet hätte. Im Institut war dieser fanatische Nationalsozialist mit der Herstellung beschäftigt, war aber von einem Kollegen beobachtet worden. Während des folgenden Handgemenges war der Attentäter erschossen worden. Mit viel Glück hatte ein mutiger junger Chemiker eine eminente Gefahr abgewendet.   

Gleich nach dieser Erzählung, erreichten sie die Anlage des Palais Clam-Gallas. Und weil Franz gerade im Redefluss war, setzte er gleich fort. Ansai müsse sich vorstellen, dass ein Großteil des 9. Bezirks eine wunderbare Gartenlandschaft war. So ist hinter dem Zaun der Rest eines weit gedehnten Gartens zu sehen. Und in diesen ließ Fürst Dietrichstein 1834 ein schlichtes Gartenpalais bauen. Die Wiener Spezialisten nennen es Klassizismus. Die Freude des Fürsten gewährte kurz und er verkaufte es 1850 an die Grafen Clam-Gallas. Heute kann man diese Gartenlandschaft des Alsergrunds kaum ermessen. Immerhin zeigte der Verkauf an, dass die Stadt „im Wachsen“ war. Und es  lässt sich denken, dass ein Fürst, der ein derartig prachtvolles Schloss in Nikolsburg besaß, heute Tschechien knapp hinter der österreichischen Grenze, leicht auf dieses bescheidene Schlösschen verzichten konnte. Dass heute dieses Palais dem Golf-Staat Quatar gehört, wollte Franz nicht kommentieren.

Bislang war Ansai ein geduldiger Zuhörer gewesen. Aus den zahlreichen Büchern über Wien kannte er alte Ansichten, die Wien in einer gemütlichen Liebenswürdigkeit zeigen, die man offenbar in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts buchstäblich ausrottete. Der Wohn- und Platzbedarf war so drückend geworden, dass man diese „Stadtlandschaft“ nicht halten konnte. Eine Vorstadt nach der anderen legte ihren dörflichen Charakter ab. Das war wohl die Entwicklung zur Großstadt.

Genau das war in Tokyo ebenfalls der Fall. Einst waren es viele kleine Kleinstädte und innerhalb von hundert Jahren war die japanische Hauptstadt die dichtest besiedelte Region der Welt. Ansai enthielt sich eines Urteils, diese Entwicklung entweder zu begrüßen oder abzulehnen, hätte er damals etwas zu entscheiden gehabt. 

Nur kurz war Franz vor dem Josephinum stehen geblieben. Es war das verbliebene Zeugnis bester Architektur, die in Österreich den Sonderweg eingeschlagen hatte, nämlich das geläuterte Barock in einen Klassizismus zu verwandeln. Es waren das nicht Häuser für den Adel, ein nobler Herrschaftssitz, sondern unter Joseph II. waren diese Gebäude strikt an öffentliche Funktionen gebunden. Der Sinn des Gebäudes war die Reaktion auf den gewaltigen Blutverlust der österreichischen Truppen in den drei schlesischen Kriegen. So hatte der Kaiser die Idee, eine medizinisch-chirurgische Militärakademie zu gründen. Die Umsetzung dieses Plans in Architektur hatte er Isidor Canevale übertragen, der die Stiltradition Fischer von Erlachs fortsetzte. Und Franz wandte sich Ansai zu und hoffte auf dessen ungebrochene Aufmerksamkeit, die wegen der Länge des Spaziergangs bereits strapaziert erschien.

Innerhalb eines Jahres war 1785 das Gebäude fertig gestellt. Die Idee des Kaisers hatte sogar einen speziellen Zweck zu erfüllen. Durch eine verbesserte Rekonvaleszenz sollten die Verwundeten schneller tauglich werden. Von diesem kaiserlichen Wunsch blieben die 14 „Überlebenskoffer“ erhalten, die ein Militärmediziner in einer Schlacht hätte anwenden sollen. In einem der Koffer war die  Wiederbelebung thematisiert, die man durch Einflößen von Tabaksäure über die Atemwege erreichen wollte. Immerhin. Noch interessanter sind die Beispiele aus der Geschichte der Medizin. Sollte Ansai Zeit haben, müsse er das Josephinum besuchen. Er kann sicher sein, dort keinem Wiener zu begegnen. Er wird aber den ersten Magen sehen, an dem Theodor Billroth die berühmte Magenresektion vornahm. Er wird zahllose Spirituspräparate sehen, in denen die Spuren verzweifelter Versuche des Lebenserhalts zu sehen sind. Und er garantiert ihm, dass er mindestens eine halbe Stunde vor den Wachsmodellen stehen bleibt, die in Florenz von Felice Fontana und  Paolo Mascagni um 1780 hergestellt wurden. Die Reihe der Wachsmodelle beginnt mit der Nachahmung von Tizians Venus als Wachsmodell. Diese zauberhafte Schönheit wird nach der Reihe von Modell zu Modell seziert. Immer mehr Organe des Menschen werden sichtbar, so dass von Tizians Venus nur das Haupt und die Beine unberührt bleiben. Ansai müsse sich vorstellen, dass diese lebensgroßen Wachsmodelle mit Pferdewägen nach Wien transportiert wurden – ohne Bruch und ohne zu schmelzen.

Nach langem war Ansai wieder sprachlos. Er bemerkte, dass diese Medizin im 18. Jahrhundert mit der japanischen Tradition nichts gemein hatte. Der größte Reformator der Medizin war Tashiro Sanki um 1500. Ansai sagte, dass Kriege den medizinischen Fortschritt in Japan nie beflügelten. Man war grundsätzlich von der Proportion zwischen Körper und Umwelt ausgegangen. So hatte man bis zur „Verwestlichung“ der Medizin daran festgehalten, hatte das Augenmerk dem Verhältnis von Milz und Magen gewidmet und in der Reform konfuzianischer Medizin hatte man nie auf die Reziprozität zwischen Umwelt und individuellem Empfinden vergessen.

Franz kannte diese Entwicklung aus Erzählungen von Kollegen. Daher fiel er Ansai ins Wort. Man sei also im Grunde bei der Säftelehre eines Paracelsus geblieben und die Medikationen sind nach Konfuzius Tee und Erde. So gefinkelt auch die Therapien angewendet wurden, so waren die Fortschritte chinesischer Medizin letztlich bescheiden, also auch die japanische Lehre. Wenn er gegenüber diesem Traditionalismus nicht aggressiv wird, ja dann verdankt er seine Gemütsruhe dem Sieg der sogenannten „Schul-Medizin“, die systematisch ab dem 18. Jahrhundert entwickelt wurde.    

Im Übrigen, meinte Franz, diskutiere man heute diese Alternativen in der Medizin nicht in der Erwartung, bessere Kenntnisse zu  gewinnen. Die gesteigerte  Qualität „moderner Medizin“ sei in der alltäglichen Versorgung der Menschen so teuer geworden, weshalb Naturheilmethoden aus Kostengründen immer attraktiver werden. Gern gestehe er ein, dass bei verbreiteten Symptomen noch immer  mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird, da habe die Alternativmedizin Sinn, doch das endet bei echten Erkrankungen.

Sie gingen an dem ehemaligen Palais Chotek von 1871 vorbei, das bis vor kurzem eine berühmte Einrichtungsfirma nutzte, ehe es natürlich zu einem Hotel umgebaut wird. Friedrich Otto Schmidt war in Wien die letzte Firma, die über alle denkbaren handwerklichen Leistungen verfügte. So man einen Auftrag erteilte, waren Tischler, Maler, Anstreicher, Tapezierer, Elektriker und Posamentierer zur Stelle und im Nu war eine Wohnung wunschgemäß renoviert. Es sagt viel über die Wohnkultur, wenn derartige „Allrounder“ verschwinden. Es war eine aus dem Barock stammende Tradition, ganze Schlösser von Einrichtungshäusern adaptieren zu lassen. Selbst Maria Theresia bestellte in Brüssel bei van der Borght nicht nur Tapisserien, sondern auch Einrichtungen nach damaligem Geschmack.

Und Franz wies zum Schluss noch darauf hin, dass eine Gräfin Chotek den Thronfolger Franz Ferdinand geheiratet hatte. Die Ehe war „bei Hof“, also in Schönbrunn, für nicht „ebenbürtig“, also für morganatisch erachtet worden war, weshalb die Kinder aus dieser Ehe aus der direkten Thronfolge ausschieden. Diese skurrile Debatte über die Hypergamie der Gräfin erübrigte sich, da das Ehepaar in Sarajevo von Gavrilo Princip 1914 erschossen wurde und die Donaumonarchie im November 1918 ohnehin endete.

Ansai wollte aus Höflichkeit nichts dazu sagen. In Gedanken hing er noch immer an der vorhergegangenen Diskussion. Franz mache es sich da viel zu einfach, dachte er. Noch immer beschäftigten ihn die apodiktischen Einwände von Franz gegen die konfuzianische Medizin. Niemand könne den Erfahrungsschatz von Jahrhunderten so einfach über Bord werfen als wäre alles nichts gewesen.

Berggasse 19

Inzwischen waren sie bei der Kreuzung Berggasse angelangt. Ansai wusste natürlich von der weltweiten Bedeutung dieser Gasse. Dass sie Franz quasi im Vorbeigehen mitnahm, wunderte ihn nicht. Während eines Spaziergangs kann man sich keine erschöpfende Darstellung der Bedeutung Sigmund Freuds erwarten. Dennoch versuchte Franz eine Charakterisierung, in der er die Psychoanalyse als eine Soziologie der Seele bezeichnete. Damit meinte er, im Menschen stehen einander entgegengesetzte Antriebssysteme gegenüber. In der Verarbeitung dieser konfliktorischen Entgegensetzung im Unter- und Unbewusstem finden Verdrängungen zur formellen Beruhigung des Seelenlebens statt, die in der Methode der Analyse ans „Tageslicht“ gebracht werden. Oft sind es Träume oder Fehlleistungen, die ohne erkennbare Absicht und unkontrolliert an die Oberfläche sprudeln. Da liegt es auf der Hand, dass diese Sublimationen teils ins Sexuelle reichen, teils in traumatische Erfahrungen im Kindesalter. Dass Freud, setzte Franz belehrend fort, damit eine Beschreibung der Psychopathologie nicht allein des Alltagslebens gelang, sondern auch Spezifika der bürgerlichen Gesellschaft zur Sprache brachte, machte ihn zu einem Interpreten der Flüchtigkeit moderner bürgerlicher Kultur, die im Menschen ein undefiniertes Unbehagen verursacht.

Sollte Ansai näheres Interesse daran haben, kann er ihm nur empfehlen, das Arbeitszimmer Freuds anzusehen, aus dem ein Museum wurde. Ansai könne es täglich außer Dienstag ab 10 Uhr vormittags besuchen. 

Ansai fiel es schwer, den Worten von Franz zu folgen. Ihm war zwar bekannt, dass eine Menge der Fachausdrücke in die Umgangssprache übertragen wurden, doch ohne die analytischen Verfahren nachzuvollziehen. So wurden sie zu Schlagworten, die den Sinn der Psychoanalyse entwerteten.

Während dieses kurzen Vortrags dachte er an die Rezeption Freuds in Japan. Das war schon im ersten Spaziergang ein Thema gewesen. Und erneut dachte er an Takeo Doi, der das analytische Verfahren der japanischen Gesellschaft angepasst hatte. Da war der Freud´sche Lebens- und Todestrieb zum Spannungsverhältnis zwischen dem inneren Fühlen – honne – und der äußeren Fassade des Individuum – tatemae – geworden. Diese Gegenüberstellung wird im Bewusstsein des Menschen entweder „daheim“ verortet – uchi – oder im Draußen – soto. Dazu passen auch vorne und hinten als Verortungen – o mote  und ura. Somit hatte Doi in den 60er Jahren die  konkrete Realisierung der Triebstruktur des Menschen vorgenommen und in den soziokulturellen Spiegelungen zu erfassen versucht. Gemäß der japanischen Tradition, daheim die Geborgenheit zu erfahren, ist der Verlust dieser Intimität die Ursache konkreter psychischer Störungen.  

Da fragte er rund heraus Franz, ob er den Film „Der perfekte Tag“ gesehen habe, in dem sehr klar die „japanische Mentalität beschrieben“ ist. Würde Franz den Film gesehen haben, würde er die Mühe von Takeo Doi besser verstehen, die Psychoanalyse am Beispiel des amae in geeigneter Form soziokulturell auf die japanische Gesellschaft zu transponieren. Was vielleicht bei Europäern als Verdrängung gilt, das ist in Japan die Pflichterfüllung, die Identifikation mit der täglichen Arbeit. Im Film war das von Koji Yakucho großartig dargestellt worden. Er bewundert auch den Regisseur Wim Wenders, der sich in die Besonderheit dieser Kultur perfekt einlebte.

Franz ging auf diese Hinweise nicht ein. Obendrein wird dieser Film in Wien nicht gespielt. Es ist typisch, dass in Wien eine gewisse Bevormundung besteht und international beachtete Filme in Wien nicht ankommen.

Im Stillen hoffte Ansai, vor dem Wohnhaus von Freud würde der Spaziergang enden. Da hatte er sich getäuscht. Franz war von der Idee angetan, den Weg erst nach dem Besuch des Palais Liechtenstein zu beenden. Es ist ein berühmtes Schloss, es ist gleich in der Nähe und Franz war sicher, niemand würde Ansai dorthin führen.

Ansai war rechtschaffen müde, doch der Ehrgeiz seines Freundes steckte ihn an. Gemeinsam machten Sie sich auf den Weg. Franz machte Mut, da er zwei Mal wiederholte, zum Schloss ist es nur ein Katzensprung. Ansai lag auf der Zunge, Franz zu fragen, woher er wissen will, wie weit Katzen springen? Er unterdrückte die Frage. Gehorsam wie ein Schuljunge folgte er Franz. Sie gingen bis ans Ende der Berggasse. Franz bog nach links in die Porzellangasse ab und schilderte ihr Ziel, es sei nur mehr einen Steinwurf weit entfernt.

Um Ansai bei  Laune zu halten, berichtete er ihm, dass diese Gegend einmal zum Schloss des Fürsten gehörte. Die Porzellangasse war schon im 18. Jahrhundert die Grenze zwischen der zauberhaften Gartenlandschaft des „Alsergrund“, die sich bis vor die befestigte Stadt ausbreitete, und dem Arbeiterviertel. Der Großteil arbeitete in der zweitältesten Porzellanfabrik Europas. 1718 hatte der Hofkriegsagent Claudius Innozenz Du Paquier die Manufaktur auf dem Grundstück – heute Porzellangasse 39 bis 41 gegründet. Für diesen war es wichtig, dass ein Samuel Stölzel aus Meißen nach Wien floh und wesentliche Kenntnisse einbrachte. Aus schwer nachvollziehbaren Gründen floh dieser Stölzel wieder nach Meißen, allerdings mit einer Reihe von Farbrezepturen und technischen Neuerungen. Nach Zerstörung der Brennöfen war er 1720 wie vom Erdboden verschluckt.

Nun muss er weiter ausholen, sagte Franz. Nach Meißen schossen die Manufakturen in Europa wie Pilze aus der Erde. Der Grund? In erster Linie hatte man Interesse, Porzellangefäße mit Schwarzpulver zu füllen. Die Grenadiere hatten auf den breiten Brustriemen diese Granaten hängen, die leicht zu zünden und zu werfen waren. Also im Kriegsfall produzierte man diese Granaten für die Grenadiere und im Friedensfall das wunderbare Porzellangeschirr. Der Kaiser war ja im Spanischen Erbfolgekrieg noch engagiert und diese Innovation wäre ihm sehr gelegen gekommen, aber er hatte Pech, dass sein Hofkriegsagent so spät von der Erfindung des Böttger erfuhr. Böttger war Friseur, verwendete zum Anfertigen der Allonge-Perücken Kaolinerde. Die war bald sehr fest. Weitere Experimente brachten Böttger auf die Idee mit diesem Material Gebrauchsgegenstände zu fertigen. Das Interesse an diesem Schweizer Beitrag war schnell gewachsen, weil in diesen Jahren das Interesse an China  und Japan eine barocke Mode wurde. Porzellan wurde teuer aus China und Japan importiert. Ludwig XIV. läutete das Jahrhundert auf Versailles mit einem chinesischen Neujahrsfest ein – 1700 -, also begünstigte die Mode das Interesse am kunstfertigen Porzellan. Und so kam es.

Die einen Manufakturen kopierten chinesische Ware, andere wiederum japanische. Vor allem der Nachfolger Du Paquiers, Conrad Sörgel von Sorgenthal kopierte das japanische Imari Porzellan in höchster Qualität. Davor war es nur in England kopiert worden, aber in dem brüchigen Steingut, Keramiken mit porösem Scherben.
Da war Wien eine führende Manufaktur geworden, vor allem wegen der Verwicklung in diverse militärische Konflikte.      

Man müsse sich also vorstellen, sagte er zu Ansai, dass die Porzellan-Herstellung im Grunde 1744 „verstaatlicht“ wurde, weil sie zur „Rüstungsindustrie“ zählte. Wie in Ungarn die Pferdezucht in der Puszta florierte, die man zu diesem Grund trocken gelegt hatte, und den Reichtum der ungarischen Grafen bewirkte, bald auch Fürsten,  da sie die Pferde an alle Kriegsparteien verkauften – bis ins 19. Jahrhundert, so waren die Manufakturen die ersten Rüstungsbetriebe geworden. Obwohl Maria Theresia ungarische Königin war, verdienten sich die Magnaten „dumm und dämlich“ am Verkauf der Pferde an Preußen. Und damit Ansai weiß, wie absurd die „staatlichen“ Konstrukte beschaffen waren, spekulierte der Ehemann Maria Theresias, also der Kaiser Franz Stephan von Lothringen in preußischen Papieren gegen Österreich. Und diese enorm erfolgreichen Papiere sicherten einerseits den privaten Reichtum der Habsburgischen Familie, andererseits hatte der Kaiser die Staatsschuldpapiere Österreichs besessen, die Joseph II. bei seiner Wahl zum Kaiser öffentlich verbrannte.   

Es war ein Glück für Franz, dass der Weg zum Gartenpalais Liechtenstein länger war als vorhergesagt. So konnte er diese verwickelte Geschichte in der Porzellangasse erzählen, während sie die  Straßenbahnen der Linie D zweimal überholt hatten. 

Palais Liechtenstein

Endlich waren sie vor  dem Schloss angelangt. Ein Rondeau empfing die Besucher. Der Eintritt war frei, denn zufällig war eine Ausstellung zu Peter Paul Rubens angeboten. Es benötigte keine Übereinstimmung zwischen Franz und Ansai. Um diese Gelegenheit zu nutzen. Die Baugeschichte des Palais besagt, dass der Fürst Johann Adam Andreas Liechtenstein eine immer eindrucksvollere Gestaltungsabsicht verfolgte. Einerseits war das Konzept der österreichischen Version des Barock verpflichtet, andererseits war eine immer repräsentativere „Selbstdarstellung“ gewünscht worden. Gewiss wollte der prächtige Fürst mit den  Bauten Prinz Eugens von Savoyen gleichziehen, daher war nach dem Palais ein Belvedere am anderen Ende des Parks geplant worden. Diesen Auftrag hatte Johann Bernhard Fischer von Erlach erhalten. Es war vermutlich der spannendste Entwurf Fischers, der bewusst zwischen reduzierter Statik der Seitenrisalite und dem unglaublich dynamischen Mittelrisalit eine faszinierende „Erscheinung“ entwarf, die der Höhepunkt im Regelgarten des ausgedehnten Parks werden sollte. Teilweise ausgeführt, hatte Liechtenstein das Belvedere von Fischer im 19. Jahrhundert – um 1870  – abreißen lassen und Heinrich von Ferstel ersetzte diese Apotheose der Architektur durch ein furchtbar biederes, historistisches Schloss an der Alserbachstraße, das vielleicht eine bequemere Bewohnbarkeit anbietet. Vom barocken Glanz blieb nur die Raumhöhe und Fensterbreite erhalten.

Im barocken Palast beeindruckt die Organisation der Abfolge der Räume, die Qualität der Fresken von Johann Michael Rottmayr, Antonio Belucci und im Marmorsaal von  Andrea Pozzo.

Ansai war von der gesamten Anlage beeindruckt und verstummte. Mag die angepriesene Würdigung des Fürsten von 1700 durch Kunst und Repräsentationen dem erwarteten Nimbus nicht ganz entsprechen, so tun es die „Ölskizzen“, die Entwürfe zu projektierten Gemälden von Rubens.

Peter Paul Rubens

Im Vergleich zu den gewaltigen Gemälden, die Ansai nicht ästimierte, war die Dynamik der Malerei, die Kühnheit der Darstellung, die souveräne Beherrschung von Farbe, Licht und formaler Komposition in den „Ölskizzen“ von unnachahmlicher Qualität. So mancher impressionistische Maler des 19. Jahrhunderts hätte sich daran „eine Scheibe abschneiden“ können, denn nur selten war jene Virtuosität wieder erreicht worden, die hier Rubens gleichsam aus dem Ärmel schüttelte.

Schweigend gingen sie durch die Räume des Schlosses und bewunderten die unaufdringliche Noblesse des Raumprogramms. Ansai war tief bewegt. Sollte er nun einen Shogun mit dem Fürsten vergleichen, war er nun nicht mehr so sicher, wem er hier den Vorrang einräumen sollte.

Im Foyer des Schlosses bewunderten sie die etwas verwitterte Skulptur, die die Europa darstellte. Gerade wegen der Abnutzung der Skulptur durch Regen, Schnee, Hitze und eisige Kälte war sie von eindrucksvoller Schönheit. Giovanni Giuliani hatte sie als Skulpturenreigen für das Belvedere Fischer von Erlachs angefertigt. Damit war das überraschende Thema gegeben, das einmal Michelangelo angeschnitten hatte: Skulpturen reifen erst dann zur vollen Schönheit, wenn sie Ähnliches erleben wie der Mensch, die scheinbar frühe Vollendung in der Jugend und wenn alles Beiwerk abgeschliffen ist, kommen die Tugenden voll zur Geltung. Diese Spuren waren am Werk Giulanis deutlich zu sehen und sie haben das Werk des Bildhauers  nach zwei Jahrhunderten veredelt. Franz stelllte die Frage, ob man diese Skulptur nicht im Freien hätte lassen sollen? Jetzt würde sie ihre Musealisierung erleiden, ist der Vergänglichkeit entzogen, die doch ein wesentliches Paradigma unseres Daseins ist.

Es ist ein Elend, sekundierte ihm Ansai, dass gerade in Europa mit den zahllosen Museen ein Totenkult verbreitet wurde, in dem aber die Toten nicht geehrt werden, sie auch in keiner Erinnerung nachleben, sondern sie werden buchstäblich konserviert, einbalsamiert und luftdicht in Vitrinen gesperrt. Da ist die Frage berechtigt, meinte Ansai, für welche Generationen diese Relikte aufbewahrt werden sollen? Sollen sie den Horden von Voyeuren ausgesetzt werden, die nur mehr über ihre Handtelephone die Objekte betrachten – wie eben jetzt im Schloss. Wir rauben unserer Vergangenheit die Würde, klagte Ansai, und dachte an die respektlosen Führungen, die quatschend und fressend, lachend und kreischend durch den roten Tori gehen – zum nächsten Schrein. Er gewann da immer den Eindruck, speziell in Kyoto, dass die Touristen ihre Vorfahren generell für Idioten halten, da sie sich wegen der Holzverbindung eines Tempeldaches den Kopf zerbrochen hatten, je nach Zweck wenn sich hakari-hijki mit einem Tragbalken – kibana – kreuzen sollten. Hätten diese gescheiten Menschen sich schon damals mit Verbrennungsmotoren beschäftigt, mit der Luftfahrt, mit elektronischen Medien!

Harmoniegasse

Sie gingen die Liechtensteinstraße stadteinwärts. Entlang der Häuser mit Dachausbau und an Geschäften vorbei, die Zeugnisse infantiler Lust an Selbstverwirklichung sind. Franz bog plötzlich in die Harmoniegasse ab. Hier hatte 1865 Otto Wagner das „Harmonie-Theater“ gebaut, später Orpheum. Und in der Harmoniegasse waren die Miethäuser die ersten Gebäude, die Otto Wagner 1865/66 geplant hatte, nämlich Hausnummer 1, 3, 9, und 2 bis 10. Hier wendete er seine „Geschäftsmethode“ an, nämlich auf eigene Kosten die Häuser zu errichten, um sie nach Fertigstellung zu vermieten.

Ansai war mehr vom Wissen seines Freundes beeindruckt, weniger von den Resten des Theaters, das nur mehr Spuren der Handschrift Otto Wagners zeigt. Das vormalige Theater zählte zur Wasagasse 33.

Sie kreuzten die Berggasse, marschierten vor bis zur Maria-Theresien-Straße und Ansai blickte unbeirrt rechts zur Votivkirche, die er von Weitem nicht einschätzen konnte: Gotik oder Historismus?

Franz  gab ihm keinen Hinweis mehr. Der Spaziergang war ausgiebig lang und strengte ihn an. So ohne Weiteres wollte Ansai aber Franz nicht gehen lassen. Er bat, Franz möge noch eine Frage beantworten, die er wegen seiner geringen Kenntnisse europäischer Geschichte nicht lösen kann. Wie war es möglich, fragte er, dass inmitten des Christentums so viele Maler Themen der griechischen Antike malten, Herakles oder Perseus, Andromeda oder Helena?

Franz hatte mit dieser Frage nicht gerechnet. Ansai war auf diese Überlegung gestoßen, denn soeben hatten sie die Gemälde von Rubens gesehen, dessen Themen und hier hielten sich antik-heidnische wie religiös-christliche Inhalte die Waage. Das Motiv kann ja nicht nur die Freude an der Nacktheit bei den Auftraggebern gewesen sein, auch nicht die so lustvoll gemalte Dramatik von Menschen- oder Frauenraub, von wüsten Schlachtszenen, von denen man wusste, dass der soeben siegende Held schon morgen das nächste Opfer der zornigen Götter sein wird.

Die Malerei der Gegenreformation

Mit überraschender Eindeutigkeit antwortete Franz, dass dieses Phänomen viel mit dem Katholischen zu tun hat. In der Gegenbewegung zur Reformation war man sich klar geworden, die Einheit der europäisch-christlichen Kirche verloren zu haben. Ein paar Themen aus dem Alten Testament waren übrig geblieben, etwa Salomo und die Königin von Saba, David als Jüngling und Sieger über Goliath, Joseph als Opfer seiner Brüder, sicher wird man Darstellungen der Judit finden, die dem Holofernes einen grausamen Streich spielte, vielleicht auch Esther. Das Thema der Verstoßung aus dem Paradies, wegen Eva ein Lieblingsthema von Päpsten der Renaissance, war „evangelisch geworden“. Ansai  möge verzeihen, dass er hier nur ungeordnete Bruchstücke erwähnen kann. Jedenfalls rettete sich das katholische Christentum, was auch bei Rubens zu sehen war, in eine Art des Polytheismus, was nichts anderes war als eine Demokratisierung der Götter unter dem Vorsitz von  Christus. In einer solchen Idee erhielt diese neue Bilderwelt ihre Funktion, vor allem in Rom. Die protestantische Welt verstummt in der Sprache der Dinge oder verfällt der Stummheit und Grausamkeit des Absoluten. Rubens malt riesige Gemälde übers Jüngste Gericht, über den Sturz der Engel,  die so wichtig sind wie die Gemälde des Konsuls Decius Mus, aber letztlich wird selbst der Teufel gestürzt, also es gibt keine Hölle. Rubens verkündet in seinen Gemälden den Sieg des Rechts über Barbarei und Wildheit. Die evangelischen Maler können da bestenfalls wie Rembrandt ihre Schützenkompanie verherrlichen oder aber das neue Selbstbewusstsein der Generalstaaten mit dem Bürgermeister Jan de Witt von Amsterdam..

Hätte Ansai gewusst, was er da lostreten wird, würde er diese Frage nie gestellt haben. In dieser Schilderung war er wirklich mit Europa konfrontiert worden, in dem Österreich noch eine erhabene Rolle spielte. Franz wollte nach dieser kurzen Unterbrechung noch einen Schluss-Satz anfügen: Das werden die deutschen Historiker nie begreifen, denn in ihrer Disposition sind sie evangelisch geblieben, selbst wenn sie behaupten, Agnostiker zu sein. Und die österreichischen Historiker? Die wären schon gut beraten, das Niveau der Gesta Friderici zu erreichen, also Otto von Freising, um sich ein wenig aus der provinziellen Provinzgeschichte zu emanzipieren. Weil man das in Österreich eben nicht mehr kann, verbeißt man sich in die Geschichte des Nationalsozialismus, ins Dritte Reich und sieht die ganze Landesgeschichte als Vorläufer an.  

Und jetzt ist es soweit, sagte Franz, dass gerade in Wien hinter jeder Ecke bereits ein Nazi steht, der Ausländer zählt und seiner politischen Infantilität huldigt. Wien hat schon seit langem das verloren, was in den Reiseführern als unvergleichlich gilt. Bislang hatte er Ansai gegenüber noch nicht den wichtigsten Autor erwähnt, um hier und heute die Fortsetzung der Katastrophe zu verstehen: Karl Kraus.   

Sie waren weitergegangen. Sie wollten nur mehr zum Schottentor und zum 1A. Beide waren redlich müde. Shin ließ diese Stadtwanderung nochmals an sich vorbeiziehen, die in der Canisiusgasse begonnen hatte. Wusste er jetzt mehr über Wien?

Franz hatte ihm in erster Linie beigebracht, dass Wien im Späthistorismus zur Millionenstadt wurde, dass dieser Späthistorismus näher zu analysieren ist. Dieser Späthistorismus hatte sich als Widerspruch zur Barockstadt etabliert und vermutlich fehlte es nicht an kleinbürgerlicher Gehässigkeit. Es war eine erschwindelte Ästhetik, die mit Erkern, Lisenen und Belletage „Palais-Architektur“ vorgab, dahinter waren Zimmer-Küche-Wohnungen, für die Wien berühmt wurde. Ansai wiederholte die Kernsätze, die ihm Franz noch in der Sobieskigasse eingeschärft hatte. Dennoch war es ihm fremd geblieben. Hatte sich nicht in Tokyo Ähnliches entwickelt?

Er konnte es nicht beurteilen. War das die Fähigkeit von Franz, in schonungsloser Selbstkritik seine Geschichte zu betrachten? Soweit war er nicht. Oder: hindert ihn daran seine Geschichte, die er um keinen Preis in den Dreck ziehen will? War es in Wien nötig, das alles fein säuberlich zu sondieren, doch am  Ende steht die nationalsozialistische Katastrophe. Das war mehr als nur eine Entgleisung, sondern aus der Wiener Gemütlichkeit, die ohnehin eine Lüge ist, wird die schlimmste Gehässigkeit. Das hatte er von Franz gelernt.

Während Ansai das alles überlegte, glaubte Franz, dass sein Freund nur mehr in den Bus einsteigen will. Er wusste nicht, dass sein Freund das alles überdenkt, was er ihm sagte, alles systematisch analysiert, wie man eben in Japan die Musik Schuberts rezipiert, die wunderbaren Sonaten von Mozart und das Kunststück sich zu eigen macht, dass alle europäische Musik in Japan fast besser klingt als im Winer Musikverein.

Im 1A Autobus einigten sie sich, gleich bei der Anker-Uhr in der Porta dextra eine Flasche Veltliner zu trinken – natürlich aus Wien, aus Alsegg oder Nussdorf…

4. Spaziergang

Da saßen die beiden bei einem Glas Veltliner und Ansai war es nicht unangenehm, dazu die originalen Wiener Oblaten zu essen. Einige schmeckten nach Käse, andere nach Cilli oder Kümmel. Redselig waren die beiden nicht. Der dritte Spaziergang war anstrengender als sie sich zugestehen wollten.

Franz begann mit der Frage, was Ansai morgen zu sehen wünsche? Ansai war keineswegs überfragt, da im Reiseführer eine Reihe großartiger Bauwerke empfohlen wurden, die er unbedingt auch  „in natura“ sehen wollte. Das war natürlich die Staatsoper, das Burgtheater, das Rathaus oder der Heldenplatz.

Franz hatte diese Botschaft verstanden. Selbst im dünnsten Reiseführer ist die Ringstraße erwähnt wie der „Chek-point-Charlie“ für Berlin, der „Eiffelturm“ für Paris oder das Forum Romanum in Rom. Franz ärgerte dieser Wunsch ein wenig, da er seit langem der Auffassung ist, Wien-Besucher könnten die Ringstraße allein ansehen, auf ihr kann man sich weder verirren, noch kann man etwas  versäumen oder übersehen, so man den Hinweisen im Reiseführer folgt. Er wollte Ansai Besonderes bieten, nicht die „Deppen-Tour“ entlang des „Rings“, wie er es nannte. Selbst Gehbehinderte schauen sich die Ringstraße aus dem Bus an. Dennoch sagte er zu, sollte es der Herzenswunsch von Ansai sein. Er machte aber kein Hehl aus seiner Abneigung, Ansai ausgerechnet die Ringstraße vorzuführen.

Die Urania

Am nächsten Vormittag war als Treffpunkt die „Urania“ gewählt worden. Ansai hatte keine Schwierigkeit, das große Gebäude zu finden, dessen Grundriss etwas ungewöhnlich ist. Wie ein Schiff stellt es sich dem Übergang vom Franz Josefs-Kai zum Ring entgegen. Hätte man nicht eine Kassenhalle vor den Originalbau gesetzt, wäre der Eindruck erheblich besser geblieben. Den Architekten sollte Ansai bereits erraten können, meinte Franz, aber es war nur eine rhetorische Frage. Max Fabiani erbaute 1909 diese Volksbildungshalle, ein Gebäude mit Mehrfachfunktion. Damals hatte man auch ein Theater vorgesehen, doch schon 1920 wurde daraus ein Kinosaal.

Franz erklärte, würde man von den nahezu lächerlichen Zubauten absehen, hat Fabiani sich recht geschickt an die Umgebung angepasst und für Wiener Verhältnisse sogar einen Kontrapunkt gesetzt. Er hat in seiner Seitenfassade sogar den Donaukanal einbezogen und es ist weit und breit das einzige Gebäude, das auf diesen markanten Fluss reagiert. Ansonsten könne er schon hier zeigen, dass Wien nach der Donauregulierung nicht nur jede Nähe zum Wasser vermeidet, sondern den beachtlichen Donauarm einfach negiert, der an die alte, historische Donau noch erinnert. In Europa gibt es viele Großstädte, die mit einem Fluss viel anfangen können, doch nicht in Wien.

Er war mit Ansai ein Stück auf die Aspernbrücke gegangen, einerseits um den Zusammenfluss der Wien mit dem Donaukanal zu zeigen, andererseits auf die Beziehungslosigkeit in diesem städtischen  Raum aufmerksam zu machen. Mit diesen Häusern und mit den Verkehrsbauten ist nicht einmal der Charme einer Industrielandschaft entstanden, die immerhin am Horizont den Kahlenberg als optische Grenze hätte. Hier, an der Demarkationslinie zwischen erstem und zweiten Bezirk hat man eine Spargel-Siedlung mächtiger Bankriesen auf der einen Seite gebaut, auf der anderen Seite der Altstadt stehen die Häuser herum, wie sie der Krieg überließ. Gaston Bachelard bezeichnete solche Ansammlungen als Zementwürfel, in denen Zimmer mit eisernen Rollos sich gegen alles Nächtliche sträuben, also feindselig sind. „Wenn ich träumen will, fahre ich weit fort zu einem Haus in der Champagne…“ Das kann bereits die Umgebung von Wien anbieten, allerdings ist es fraglich, ob man dort noch gemütliche Häuser antrifft.

In beeindruckender Weise hatte Josef Plecnik in der Stadtplanung für Laibach –Ljubljana – die Save ins Stadtbild einbezogen. Berühmtere Beispiele für die Integration eines Flusses ins Stadtbild sind die Städte der Donaumonarchie Prag, Budapest, Salzburg und Innsbruck. Franz sah es als bedauerlich an, dass es in Wien nicht gelang; der Donaukanal bleibt vom Anfang bis zum Ende ein Fremdkörper oder wird wie ein Störenfried behandelt. Allerdings gibt es Bemühungen, diese „Ausgrenzung“ des Flusses zu beenden. Und wie denkt man in Wien, die asphaltierten Ufer entlang des Donaukanals zu beleben? Ganz einfach: Will man in Wien Erfolg haben, dann mit ausgedehnten Zonen für Fress- und Sauflokale, für „Partyzonen“ oder mit Diskotheken, deren Lärm bis spät in die Nacht dröhnt. So schätzt die Stadtverwaltung die Wiener ein, deren Interessen und Gewohnheiten.. Der einzige Lichtblick sind die ausgreifenden Bemalungen der Betonwände durch Spraykünstler, darunter durchaus Piktogramme und Zeichen, die  einprägsam ein Charakteristikum der Gegenwart sind.  

Franz würde noch weiter geschimpft haben, würde ihn Ansai nicht ermahnt haben, mit ihm die Ringstraße abzugehen.

Nun musste Franz ausnahmsweise selbst Otto Wagner kritisieren, der leider mit der von ihm entworfenen „Stadtbahn“ den Niveauunterschied zwischen Uferniveau und Donaukanal noch verstärkte, eigentlich einen Canyon verursachte, leider mit weit geringerem Reiz als jener in Arizona.

So ist die „Urania“ von Fabiani ein beachtliches Gebäude in mehrfacher Hinsicht geblieben. Sie war ja der Volksbildung gewidmet worden und bis heute werden Kurse der Volkshochschule in dem Gebäude abgehalten.

Die wenigsten wissen, dass diese Volksbildungsbewegung in Wien eine Pionierleistung war. Mit Stolz sagte Franz, dass man das erste „Volksheim“ im 7. Bezirk am Urban Loritz-Platz gegründet hatte, bald darauf ein eigenes Haus am Ludo Moritz Hartmann-Platz – damals Koflerpark 7 – in Ottakring. Dieses Volksheim nannte man bald das „Haus mit den hundert Lichtern“. Und nur 7 Jahre später war schon die „Urania“ als Akzent für die Volksbildung geplant worden. Der Plan sah auch ein Observatorium vor.

Franz war somit in seinem Element. Endlich konnte er von einer bedeutenden Bewegung sprechen, die unmittelbar nach der englischen Initiative auch in der Donaumonarchie begonnen wurde. Der „Verein der Volksbildung“ stand unter der Patronanz der Wiener Universität und der Mineraloge Friedrich Becke war der Verbindungsmann. Die ersten Kurse waren ehrgeizig und nannten anspruchsvolle Ziele. Es waren also „linksliberale“ Kreise, die die Wiener Version unterstützten, in England war es die Fabian Society, der auch George Bernard Shaw angehörte, sowie die erste Frauenrechtlerinnen Mary Wollstonecraft und Beatrice Webb. In Wien war es ähnlich.

Und das Kursprogramm hatte schon am Urban Loritz-Platz Mathematik, Physik und unter anderem auch Sanskrit vorgesehen. Das meist gelesene Buch, das aus der Leihbibliothek entlehnt worden war, stammte von August Bebel „Die Frau  und der Sozialismus“. An zweiter Stelle lagen die  Abenteurer-Romane von Karl May.

Das alles war Franz eingefallen angesichts der „Urania“ und Ansai staunte weniger über die Kenntnisse von Franz, vielmehr über die frühen Ambitionen der Volksbildung in der Donaumonarchie. Das hat es damals in Japan nicht gegeben. Wenn es für die verschiedenen sozialen Schichten Unterweisungen gegeben hat, dann war es eine volkskundliche Traditionspflege, die sich immer deutlicher gegen den „Westen“ artikulierte. Und dann geriet dieses Unterrichtsprojekt in die Zeit der japanischen Großmacht-Träume. Somit war es mit einer seriösen Wissensvermittlung vorbei. Tomitaro Karasawa hatte zu diesem Problem eine Anthologie zusammengestellt und es ist bedrückend, wie die Bevormundung der Bevölkerung gelungen war. Denkt er an diese Zeit zurück, so war der Unterricht eher eine Indoktrination in Imperialismus als ein ernsthafter Rückblick auf Japans Geschichte. Bis heute wirkt dieser Bruch nach und er kann nicht daran denken ohne in Schwermut zu verfallen.

Franz wies dann auf das dahinter liegende Gebäude, das für die Wiener freiwillige Rettung errichtet wurde. Der große Mäzen Johann Graf Wilczek hatte mit der Finanzierung einen modernen Rettungsdienst 1881 ins Leben gerufen. Ausschlaggebend war der schreckliche Brand des Ringtheaters mit zahllosen Toten. Nach der Gründung folgte eine wechselvolle Geschichte, bis endlich die bis heute bestehende Zentrale der Rettung – erbaut 1897 bis 1899 –  in dem kleinstädtisch anmutenden Gebäude hinter der „Urania“ „sesshaft“ wurde. 1931 kam sogar der japanische Thronfolger nach Wien. Takamatsu no miya Nobuhito gab dem „Roten Kreuz“ und der Wiener Rettung großzügige Spenden. Gleich daneben kann man von

der „Urania“ aus das riesige Gebäude fürs „Statistische Zentralamt“ sehen, ein öffentliches Gebäude, das von Peter Czernin zum großen Teil nach 1980 geplant wurde, auch wenn heute das nicht zu übersehende Gebäude mit dem Architekten nicht mehr in Zusammenhang gebracht wird. Das alles ist bereits im dritten Bezirk.

Franz schlug vor, diesen Bezirk inzwischen „links“ liegen zu lassen. Ansai war damit einverstanden.

Am Stubenring

Der Stubenring beginnt mit großen eindrucksvollen Häusern, die eigentlich nicht als Portal für die Prachtstraße gedacht waren, sondern sich zum Platz orientieren, der wegen der Brücke über den Donaukanal, den Kreuzungspunkten der Straßen zu einem verkehrsreichen „Verteilerkreis“ wurde, für Fußgänger unangenehm zu überqueren. Das erlebten sie bei dem Versuch, von der „Urania“ die Richtung zum Ring einzuschlagen. Freilich ist Ansai derartiges Verkehrsgewühl von daheim gewohnt und in seinen Augen hatte daher die Verkehrsführung etwas Provinzielles. Sollte eran die Shibuja-Kreuzung in Tokyo denken, kann er über das vermeintliche Verkehrsgewühl bei der „Urania“ nur lachen. Dort überqueren bei einer Ampelphase etwa 15.000 Menschen die Kreuzung.

In erster Linie müsse sich Shin vorstellen, sagte Franz, dass jenseits der mittelalterlichen Befestigungsanlagen ein weites Vorfeld bestand, was ja zur Verteidigung der Stadt nötig war. Trotz der verschiedenen Pläne im 18. Jahrhundert, diese Vorfelder zur Stadterweiterung zu nutzen, waren etwaige Vorschläge nie in das Stadium der Verwirklichung gelangt. Erst während der Belagerung Wiens durch die napoleonische Armee wurden 1809 die Befestigungsanlagen gesprengt. Dann fehlte es an Plänen und Geld, um irgendeine Nutzungsvorstellung zu realisieren. Einzig und allein das Burgtor wurde „nach außen“ verlegt, so dass eine große freie Fläche entstand, auf der Gärten, der spätere Burggarten, Heldenplatz und Volksgarten angelegt werden konnten. In Wahrheit war es eine Verbeugung vor Napoleon, da Peter Nobile im Stile der „Revolutionsarchitektur“ nach Ledoux dieses Burgtor neu entworfen hatte. Heute ist es  die Gedenkstätte für die vielen Kriegsopfer.

Alle anderen Initiativen wurden auf Eis gelegt, da die Regierung fortwährend in der Angst lebte, ungeschützt einer Revolution ausgeliefert zu sein, sollte sie die Ruinen der Kasematten beseitigen lassen.  Die ereignete sich erst 1848. So dauerte es bis 1857, dass der junge Kaiser Franz Joseph den Auftrag erteilte, auf den Resten der in Schutt und Asche gelegten Kasematten einen ringförmigen Boulevard um die Innenstadt zu errichten.

Nun kann er die lange Geschichte zum Bau der Ringstraße nicht in Details nacherzählen, da es ausreichende Darstellungen gibt, die diese städtebauliche Sonderleistung beschreiben. Es waren gewaltige Anstrengungen nötig, um allein schon die Grundrechte soweit zu verändern, um die Planung dieser Prunkstraße in Angriff zu nehmen. Vorgesehen war eine Straße mit Reit- und Fußwegen, die auf beiden Seiten den künftigen Ring begleiten. Militär wurde zu den Erdarbeiten eingesetzt. Fixpunkte der Planung waren einerseits Sicherheitsvorkehrungen, weshalb drei Kasernen vorgesehen wurden-Arsenal, Rossauer Kaserne und Franz-Josefs-Kaserne, anderseits war sofort an eine Oper gedacht worden.

Was jetzt wie ein geplantes Gefüge aussieht, war eher das Ergebnis langer und teilweise verwirrender Debatten. Die öffentlichen Gebäude hatte man am Plan wie Spielsteine herum geschoben, doch dem  Geldadel hatte man die Idee schmackhaft gemacht, bei gestiegenen Grundstückpreisen neue Repräsentationsbauten entlang des Rings zu bauen. Eduard von Todesco, Jonas von Königswarter, Friedrich Schey von Koromla, Franz Wertheim, Ignaz Ephrussi, Gustav von Epstein, Gustav Léon-Wernberg, Julius Gomperz, Wilhelm von Gutmann, Karl Goldschmidt und liberales Großbürgertum waren angehalten worden, relativ bald adäquate Behausungen zu beziehen. War anfänglich noch an Miethäuser gedacht worden, die stilistische Bedingungen zu erfüllen hatten, war nach der ersten „Besiedlungswelle“ auch an Familienmitglieder des Kaiserhauses oder hohen Adel gedacht worden. Reichsgraf Schlik, Khevenhüller-Metsch, die Erzherzöge Ludwig Viktor, Wilhelm, Philipp von Württemberg.

In schneller Rede haspelte Franz seine Einleitung zur Ringstraße herunter. Ansai schwirrten die Namen um die Ohren. Zwischendurch dachte er an Tokyo, wo die noblen Familien in einem einzigen Haus zusammengefasst sind. Das erschien ihm außerordentlich vernünftig und pries Tokyo glücklich, von solchem Pomp befreit gewesen zu sein.

So schritten sie am Stubenring vor zum ehemaligen „kuk“ Kriegsministerium. Es war später erbaut worden als die Postsparkasse Otto Wagners. Freilich hatte man einen anderen Plan im Auge. Otto Wagner war um 1900 für den Regulierungsplan des Stubenviertels zuständig und daher werden Gegensätze sichtbar, die die Ambivalenz dieser Stilmischungen wiedergeben. Da ist dieser typische Wiener Historismus, den man eigentlich als Vorläufer der Postmodernen bezeichnen kann. Hier übte er sich in der Wiedergabe der Versatzstücke der Renaissance, dort in der beliebigen Verwendung von Stahlkonstruktion und sezessionistischer Modernität. Ansai soll das wissen und ab nun Vorsicht walten lassen, wenn er solche Gebäude sieht wie dieses ehemalige Kriegsministerium. Otto Wagner stellte noch vor der Erbauung dieses Ministeriums seine Postsparkasse gegenüber, aber eingerückt. Er wollte mit der Distanz zum Ring eine Ansicht schaffen und dachte an einen Vorplatz. Der ist natürlich durch eine Tiefgarage zerstört worden.

Und ein Stückchen weiter, am Stubenring, ist bereits das nächste Beispiel des Sezessionismus, die Handelskammer. Es ist ein Unglück, dass in Wien die folgenden Baustile in den repräsentativen Stadtbezirken fehlen. Angesichts dieser vorlauten Architektur des Historismus wird Ansai auf einem der nächsten  Spaziergänge mit wachsender Begeisterung die Wohnbauten der Gemeinde Wien aus den 20er Jahren betrachten. Deren expressionistischer Stil, diese Kraft der Selbstbehauptung in Proportion und Zweckbestimmung besitzt schon eine andere Sprache als diese trickreiche Fassadengestaltung, die mehr vorgibt als sie zu halten vermag. Gerade am Stubenring wird ihm auffallen, dass das alles Kulissen sind, hinter deren Fenster sich vorwiegend verwinkelte Büroräume verbergen. Die unterschiedliche Behandlung der Etagen, wo dann eine zur Belle Etage erhoben wird, soll noch eine soziale Schichtung erkennen lassen. Daher ist die Frage zu stellen, wer damals in den Prunkräumen agierte, was doch ab 1900 nur mehr eine Schaumschlägerei war. Die Schatten des Fin de siècle waren immer länger geworden. Das bedeutende Gemälde von Gustav Klimt „Der Kuss“ kündigte dem in Goldornamente gefassten Liebespaar an, am Abgrund zu stehen.

Schon wieder hatte sich Franz in eine harte Kritik gesteigert, die  Ansai inzwischen kannte. Freilich muss er sich fragen, ob diese Kritik nicht einige Rechtfertigung besitzt? Er kennt aus der Geschichte seines Heimatlandes dieses Bramarbasieren, diese Überheblichkeit und dann der Katzenjammer samt Selbstmitleid. Eine unglaubliche Demütigung war nach 1945 in Japan eingetreten – in Österreich wahrscheinlich schon 1918. Das Kriegsministerium ist doch ein gutes Beispiel. Es wurde im letzten Moment fertig, um von dort aus Krieg und Untergang zu organisieren, wenigstens verwaltungstechnisch. Und er möchte nicht wissen, wie lange man da stolz in Stiefel durch die langen Gänge schritt, ungeachtet der schlimmen Lage. Hatte damals irgendein General vom Fenster aus das Elend gesehen, die Not, den Hunger, die zahllosen Invaliden? Und Franz nannte Ansai den Titel eines Buches, in dem die Frivolität der Offiziere in beiden Weltkriegen charakterisiert wird. „Major Kwaplitschka“ von Arthur Schütz wäre der Schlüssel, um Hochmut, Dummheit, Eitelkeit und Überheblichkeit kennen zu lernen, die bis heute in Österreich ihr Unwesen treiben.

Ansai kannte alle diese demütigenden Vorwürfe aus seiner Familiengeschichte. Er wusste von dem Begeisterungssturm zu  Beginn und vom schrecklichen Ende, vom Abwurf der beiden Atombomben.       

Franz bemerkte, dass Ansai das Inferno in Europa mit der Katastrophe in Japan verglich. Da blieb dessen Gesicht verschlossen, finster, ja so finster wie die Schauspieler auf den Holzschnitten, die Bösewichte mimen.  

Und Franz wies seinen Freund auf die gegenüberliegende Postsparkasse. Obwohl in den letzten Jahren vielfach geschändet, an einen Spekulanten „verhökert“, ist der verbliebene Baukörper die verhaltene Ruhe in Person. Nicht im Kriegsministerium, dort in der Postsparkasse war öffentliche Verantwortung zu Hause, die man am alten Österreich rühmte. Jedes Detail des Hauses wirkt wie eine Aufmunterung, die jedem durch die Klarheit des Konzepts nahezu injiziert wird. Da war keine Äußerlichkeit oder leere Geste. Während die gesamte Fassade des Kriegsministeriums von Soldatenköpfen verziert wurde, von allen Waffengattungen der Monarchie, von allen nationalen Truppenkörpern, von den Tiroler Kaiserjägern, den Hoch- und Deutschmeistern bis zu den Bosniaken, den Honved, Husaren und Ulanen, so weiß man jetzt, dass alle diese stolzen Gesichter samt ihren Tschakos im Krieg das Leben verloren –  alle – in der  Karpatenschlacht (800.000 Tote auf österr.-ungarischer Seite) oder am Isonzo (1,5 Millionen Tote auf beiden Seiten).

Es ist die Kehrseite der Ringstraße, die er aber deshalb nicht missen will, sagte Franz. Das ist der Irrtum heute, dass man meint, mit der Zerstörung der Objekte würde man die Vergangenheit vom Hals bekommen. Oft genug hat er erlebt, wie die Vergangenheit weiterhin  geplündert wird, weil man nur so in den Besitz von Beute kommt. Im Grunde sind es fortgesetzte Arisierungen, die da stattfinden. Genau dafür ist die Postsparkasse ein Beispiel. Uns allen hat man die Postsparkasse gestohlen, sie war immer im öffentlichen Eigentum wie die Stadtbahnstationen, sagte Franz. Aber was bedeutet Spekulanten und Konkursianten öffentliches Eigentum?

Die Postsparcasse

Wenn er hier nur kurz das Beispiel bringt, sagte Franz, war es immer  ein offenes Geheimnis, dass die Post alle Entwicklungen verschlief. Vor allem hat sie ihre uneingeschränkte Kompetenz im Kommunikationsbereich leichtfertig verspielt. Damit war der ganze Post-Betrieb eingegrenzt worden. Die letzten großen Geschäfte waren nur mit dem Verkauf ihrer Liegenschaften zu erzielen. Beim „Filetieren“ der Post winkten Millionen. Noch mehr Millionen winkten, wenn interessante Häuser oder Liegenschaften verkauft werden. Solche besaß die Post. Also war Otto Wagners „Postsparcasse“ für Käufer attraktiv, obendrein der Platz in der Innenstadt ideal. Nun muss man wissen, dass jeder Sessel, jeder Tisch, jeder Schreibtisch, ja der Kassensaal waren zu Gänze vorhanden.  Beim Verkauf war das Haus sozusagen  besenrein.

Ansai verstand die Verbitterung von Franz. Auch in Japan war der Übergang zur Meiji-Periode um 1867 von fürchterlichen Zerstörungen begleitet worden. Heiligtümer wurden zerstört, in Brand gesetzt. Es war eine Kulturrevolution, sagte Ansai. Es war die Zeit, in der „shinto“ zum  Shintoismus wurde, eine Nationalreligion. Vom Buddhismus gewaltsam getrennt, wurde aus der alten shinto-Tradition ein ideologisches Konzept, das recht gut im 20. Jahrhundert politisch verwendet werden konnte. Das war wirklich nicht mehr das mittelalterliche shinkoku-Japan.

Und da Ansai offenbar die Redepause von Franz nutzen konnte, wollte er ihm erklären, dass ein derartiger Umgang mit einem Kulturdenkmal in Japan heute undenkbar ist. Alles untersteht dem Amt für kulturelle Angelegenheiten – <bunka-cho. Der Schock des Meiji-Vandalismus ließ früh ein Denkmalschutzgesetz entstehen – Bunkazai-hogoho. Und das letzte Gesetz von 1975 schützt auch die  Handwerke, die Restaurationsarbeiten beherrschen. In Japan wäre es kaum vorstellbar, das Inventar eines Tempels verschwinden zu lassen. Also wunderte er sich, dass in Wien solche Möglichkeiten bestehen…

Sie gingen weiter. Die Wohnhäuser mit den geraden Hausnummern hatten alle die Merkmale des Wiener Ringstraßen-Stils, das heißt, sie geben sich wie Paläste der Medici, Pazzi oder Borgia, doppelt so groß, doppelt so hoch, aber ohne das Innenleben der Renaissance. So war es nur bei Allüren der Renaissance geblieben. Es war zwar ein Leichtes, bei Fremden, bei Besuchern Eindruck zu erwecken, aber dahinter steckte nichts. Es war offiziell eine Operettenseligkeit, doch selbst in den neu gebauten Häusern knisterte das Gebälk.

Da Wien inzwischen vulgär wurde, sagte Franz mit deutlicher Betonung eines Abstiegs der Stadt in die Halbwelt, war damals der Bewohner einer Renaissance-Belle-Etage noch ein nobler Herr, gab sich als Grand Seigneur und erst recht die „Hausfrau“. Am Abend wurde Bridge gespielt, Zigarre geraucht oder politisch räsoniert. Jetzt ist das Merkmal ein dickes Auto, laute Musik der Heavy Metals, andauerndes Telephonieren im hellen Kamelhaarmantel und eine Rolex. Die dazu gehörenden Damen sind mit Frisur und Schuhen beschäftigt, vom Einkauf ständig überlastet und klagen im Café über die Faulheit ihrer serbischen Haushaltshilfen. Die Schilder an den Eingangstoren der Ringstraßen-Palais verraten, dass in allen diesen Häusern nur mehr Büros, Praxen, Studios, Kanzleien, Haus- und Vermögensverwaltungen untergebracht sind. Im Erdgeschoß sind statt der früheren Ringstraßencafés Möbelfirmen mit anspruchsvollem Design aus Deutschland. Früher waren es „Autosalons“ und Banken. Den vormaligen Salon im ersten Stock erhellen Neonröhren. Je nach Dienstleistungsabgebot sind entweder Plakate mit Reißnägel an der Wand befestigt, Reklamen, an den Innentüren der Bürokästen Urlaubfotos. Die Kästen vom Billigmöbelmarkt haben nicht einmal mehr die Hälfte der Raumhöhe. Seriöse Kanzleien verfügen noch immer über Bene-Ordner, halten sich Schüttbilder überm Kamin, Phantastische Realisten, vornehmlich den „Adam“ von Rudolf Hauser, oder Darstellungen schauriger Mystik leptosomer Mädchen von Ernst Fuchs.                    

Österreichisches Museum für angewandte Kunst und Universität für angewandte Kunst.

Inzwischen näherten sie sich dem Museum für angewandte Kunst. Auch diese Gebäude stammten aus dem Architekturbüro von Heinrich von Ferstel. Für Wien hatte er mindestens ebenso viele Aufträge zu erfüllen wie Otto Wagner. Die bekanntesten vier/fünf Häuser, angefangen bei der Votivkirche, dann Universität, dieses Museum plus Universität und der Durchgang zwischen Herrengasse und Freyung. Ferstel  wählte jenen Stil, der im Auftrag erwünscht war, die Kirche eben in Gotik, wie er für den Durchgang den Typus eines fränkischen Kaufmannhauses wählte. Die Ringstraße soll den Akzent der produktiven Arbeit der Gewerbe erhalten – also roter Ziegelbau, die dazugehörige damalige Hochschule passte er dem Museumsbau an, und für die Universität sah er einen barocken Prunkbau vor, der die böhmische Kappe aufgesetzt wurde, also die Variante einer Kuppel.

Franz meinte, dass Ferstel wie in einem Kochbuch Nachschau hielt und aus dem Speisenangebot jene wählte, die dem Zweck am nächsten lag. Es ist das Problem im Historismus, dass zwar mit hohem technischen Qualitätsanspruch Gebäude entworfen wurden, aber darunter litt die Originalität. Das Gebäude, das jetzt Universität heißt, ist wie ein anspruchsvoller Fabrikbau. Wohlwollender wäre die Einstufung gemäß dem Medici-Schloss von 1444 in Florenz. Der ist ebenso ein schlicht aussehender Ziegelbau, nahezu unprätenziös, was im Falle der Medici eine Untertreibung war. Für den Entwurf von Ferstel war es von einiger Bedeutung, der erste fix und fertige Bau 1866 auf der Ringstraße gewesen zu sein. Die Hochschule kam zehn Jahre später hinzu. Immerhin muss man erwähnen, dass die jeweiligen Erweiterungsbauten sich sehr bewusst nach dem Baubestand orientierten, weshalb auch die Front zum Stadtpark recht attraktiv wurde, die 1906 bis 1908 Ludwig Baumann entworfen hatte.

Ansai schwieg beharrlich. Mag schon sein, dass der Ring in der Geschichte des Städtebaus von Bedeutung ist, doch er blickte traurig auf die Allee, die als fixer Bestand der Prachtstraße gegolten hatte. Diese Allee war aus verkehrstechnischen Gründen ziemlich schmal geworden. Geplant waren vier Baumreihen entlang des „Rings“, was aber nicht mehr der Fall ist. Die erste Pflanzung sah Reihen von Ahorn vor, hin und wieder Platanen, auch Sommerlinden.

Mit einiger Besorgnis sah Ansai, dass die Bäume deutlich unter der Erwärmung in der Stadt leiden. Deshalb werden Ahornbäume durch die Zürgelbeere ersetzt, an manchen Stellen sogar durch Tamarisken. Es soll ein notwendiger Kompromiss sein, heißt aber, dass Zug um Zug der Charakter einer klassischen Allee aufgegeben werden wird. Ansai kennt das Problem natürlich aus Tokyo. Obwohl dort sieben Mal so viel Menschen wohnen als in Wien, sind die Parkanlagen einfach gepflegter, die Bepflanzungen ehrgeiziger. Er gewann schon während des kurzen Weges den Eindruck, dass im Zweifelsfall ein Baum beseitigt wird. So beobachtete er, dass ein dicker Strich am Asphalt einen Radweg markiert. Die Teilung von Fuß- und Reitweg ist kaum mehr erkennbar.

Und zu allem Überdruss wollte ihm Franz bei der Querung des Lueger-Platzes diese unselige Geschichte des antisemitischen Bürgermeisters erzählen. So schlimm diese Geschichte ist, setzte Franz fort, so ekelhaft ist es, dass an diesem Platz um jeden Preis moralische Empörung mit recht kurzsichtiger Absicht geschürt wird.

Sollte er sich hier aber umblicken, so richten sich die Augen automatisch auf die Wollzeile, rechts davon die ausgedehnte Anlage des Dominikanerklosters. Und an der Gebäudekante waren die Bastionen und in gerader Richtung vor ihm das Stubentor, das immerhin bis um 1850 gehalten hatte. Beim Stubentor wurde 1528 Balthasar Hubmeier hingerichtet, da er sich als „Wiedertäufer“ deklariert hatte.

Der Stadtpark als Grünfläche statt Park.

An der Ecke zum Ring existiert noch eines der letzten typischen Ringstraßencafés, das „Café Prückel“. Bemerkenswert ist, dass die Ausgestaltung aus den 50er Jahren von Oswald Haerdtl erhalten blieb. Er könne Ansai nur raten, in einer freien Stunde das Café zu besuchen.

Nun gingen sie den Stadtpark entlang. Mit einem Blick hatte Ansai gesehen, dass die bittere Situation für Allee und Stadtgärten in Wien sich im Stadtpark fortsetzt. Dabei ist man auf den Stadtpark stolz, obwohl ihn asphaltierte Wege durchkreuzen, deren Breite einer Straße mit Gegenverkehr entspricht. Allen Ernstes herrscht die Überzeugung bei eingefleischten Wienern, der Stadtpark könne mit dem New Yorker Central Park konkurrieren. Das kann nur behaupten, wer die Großzügigkeit in Bezirken von New York nicht kennt. Da Ansai dennoch neugierig in den Park blickte, wollte ihn Franz ein kurzes Stück durch den Park führen. Unweit vom Kursalon betraten sie den Park, Ansai sah das vergoldete Strauß-Denkmal und weigerte sich, nur einen Schritt weiterzugehen. Für ihn war der Anblick namenloser Kiisch und er schämte sich für seine Landsleute, die bald den „Walzerkönig“, bald sich mit „Walzerkönig“ photographierten,

Sie kehrten zum Ring zurück und vis a vis sahen sie das Palais des Erzherzog Wilhelm. Ihm hatte noch Theophil Hansen das Palais erbaut, einen eigenen Sitz, den sich der Erzherzog als Hochmeister des Deutschen Ordens gewünscht hatte. Außerordentlich klar, mit Anlehnungen an den Klassizismus hatte Hansen diese noble Hausanlage geplant, ebenso auf der Rückseite des Palais Stallungen für etwa 80 Pferde, was kaum zu glauben ist. Auf diesen recht zurückhaltenden Bau wurde in den 60er Jahren natürlich ein hässlicher Dachausbau „draufgesetzt“, womit der Charakter dieses wichtigen Ringstraßenpalais verloren ging.

Ansai war deshalb überrascht, da er mit einem Mönchsorden eine recht bescheidene, karge Bleibe verband, doch hier war ein Palais entstanden, dem das Gefühl der Vergangenheit anhaftete. Franz stellte daher in Aussicht, ihm in der Singerstraße den gegenwärtigen Sitz des Deutschen Ordens zu zeigen, neben dem Dom gelegen, ist es wahrscheinlich das älteste Haus in Wien, das erhalten blieb. Das „Deutschmeisterpalais“ am Ring war recht schnell verkauft worden, war dann nach 1945 von mehreren Eigentümern deutlich belastet gewesen, so dass man von Glück reden kann, dass nur der Dachboden ausgebaut und nicht zwei Stockwerke aufs Haus „draufgesetzt“ wurden.

Ansai bemerkte entlang des Parkrings, wie versöhnlich dieser Stadtgarten wirkt, hingegen gegenüber waren die zahllosen Bemühungen deutlich zu sehen, mit allen Kräften das Gefühl für die  Vergangenheit zu beseitigen. Diese Allüren, die die verpatzten Renaissance-Imitate entlang der Straße verbreiteten, waren gleichzeitig als therapeutisches Programm gedacht, diese Geschichte vergessen zu machen. Das gelingt mit dem Umbau jedes Geschäfts, mit der  Vermietung großbürgerlicher Wohnungen an Büros, mit der Vertreibung der „Schnitzler´schen Mentalität“, von der jeder Architekt meint, sie verachten zu müssen.

Das konnte Ansai natürlich im Detail nicht wissen, aber Franz unterstellte ihm diese Wahrnehmung. Ansai wusste oder bemerkte mehr als Franz lieb sein konnte. Da war diese verrückte Heterotopie zu sehen. Das entging Ansai nicht, dass auf jedem Dach ein Garten angelegt wurde, eigentlich ein mickriger Schrebergarten. Als wären die Fenster zu klein, soll frische Luft über die Terrassen ins Haus gelangen. Verschämt verdecken Balustraden das Geschehen am Dach. Als wäre es dem Großbürgertum am Ring früher schlecht ergangen, muss ein kleiner Stadtpark aufs Dach, mit Sonnensegel und Thujen im Holzbottich. Ansai vermutete, dass dieser Teil des Rings deshalb auch Parkring heißt. Dennoch waren noch immer nostalgische Schatten vorhanden. Jedenfalls war es gelungen in der gegenwärtigen Nutzung der Häuser am Ring, dass  kein Salon  in der Familie bleibt, die Familiendramen ausbleiben und es gibt keinen Winkel mehr für Krimskrams, vergessenes Silberbesteck oder Tafelaufsätze. Statt ausladender Barockkommoden beherrschen Büromöbel die Szene und die Souvenir-Häferln neben den Monitoren zieren die Schreibtische – mehrfach verkabelt. Das alte Historismus-Haus ist zum Skelett geworden, die Innenwände umgelegt oder durch Trennwände ersetzt. Generell bekommt man ein Gefühl für nie belebte Räume. In jedem dieser Häuser ist die „Gegenmaterialität“ verbreitet, die sich abends in den Deckenleuchten zu erkennen gibt, in indirekten Beleuchtungen und Neonröhren. Kein Gemälde ist von der Straße aus zu sehen, kein Supraport, kein Gobelin.

Das ist also die Prunkstraße! Das wurde aus der genialen Idee einer Stadtplanung, die in allen Lehrbüchern erwähnt wird? Franz hob hilflos die Schultern, um Ansai zu anzudeuten, nichts dafür zu können. Es ist Ansais Problem, hierhergekommen zu sein.

Was würde heute Camillo Sitte sagen? In seinen Schriften analysierte er diese Anatomie der Ringstraße – Detail für Detail. Mit Manchem war er unzufrieden, das Meiste lobte er über den grünen Klee. Welcher Bankier würde sein Haus von damals in diesem Zustand wieder sehen wollen? Wären diese Reichsten der Reichen der Donaumonarchie noch immer bereit, hier Quartier zu nehmen? Welches Vertrauen hatten sie in die Donaumonarchie, dass sie der Aufforderung des Kaisers folgten? Glaubten sie wirklich, dass mit der Ringstraße das Paradies der Toleranz und Urbanität ausbricht? Ein halbes Jahrhundert später waren sie die Verfolgten, die Gejagten und oft reichte es nicht einmal für die Reichsfluchtsteuer.

Es war ein fatales Verhängnis. 1860 erlangten Juden die „Realbesitzfähigkeit“ – rechtzeitig für die mächtigen Gebäude an der Ringstraße. Sie kauften, bauten, boten der Stadt das Flair der Internationalität. Deshalb blickte man nach Wien, verglich es mit Paris und stritt darum, welche Herrenmode den Vorrang hat – London oder Wien?

Ansai ging es viel zu schnell. Ihm schwirrte der Kopf. Die Reste dieser Vergangenheit reichten aus, um an seinen bisherigen Wahrnehmungen zu zweifeln.

Endlich kamen sie am Schwarzenbergplatz an.

Ein Blick genügt nicht

In Wien hatte man entweder wenig Talent oder kein Interesse daran, sich eine „Stadtlandschaft“ zu wünschen. Auf der Freyung war man schon kläglich gescheitert und es grenzt an ein Wunder, dass die Freyung dennoch eine angenehme städtische Atmosphäre hat.  Meistens verwechselt man die Stadtlandschaft mit dem Blick von einem Berg auf die Stadt, vom Flugzeug aus, von Türmen oder Fernsehstationen. Damit meint man wegen der zahllosen Häuser, Straßen, Türme oder Schlote, dass es sich um eine artifizielle Landschaft handelt. Im barocken Städtebau waren die Intentionen grundsätzlich anders. Bewusst hatte man Räume geschaffen, ein dichtes Beziehungsnetz zwischen die Häuser gespannt, weshalb eine Geborgenheit  entstand, eine Ortszugehörigkeit und Identifizierung mit diesem kunstvollen Ensemble. Der Schwarzenbergplatz ist so etwas, sagte Franz. Von hier aus gibt es die Weggabelung  nach Süden wie nach Osten. Hier kreuzen sich die Vertikale des Rings mit der Horizontalen des Platzes, der leicht bergan sich nicht gleich entscheidet, der Prinz Eugen-Straße oder dem Rennweg zu folgen. Ein weiterer wichtiger Straßenzug kreuzt den Platz, die Lothringerstraße. Die Ausmaße dieser „Landschaft“ lassen Vergleiche mit Paris zu. Wieder gibt es zwei Häuser von Ferstel zu sehen, die Hausnummern 3 und 16. Nummer 3 erlitt schwere Bombenschäden 1945 und wurde von Georg Lippert mit rekonstruierter Fassade 1980 wieder errichtet.

Zum 1. Bezirk gehört das Palais von Erzherzog Ludwig Viktor auf Nummer 1 des Schwarzenbergplatzes. Auch hier  war der Gebäudeplan von Ferstel. Wie üblich war aus dem Repertoire des Historismus die Renaissance gewählt worden. Nach 1910 wurde das Palais das Palais das Offizierscasino. Da war für den Akt der Übergabe der Kaiser erschienen. Allgemein hatte man das Palais sehr gelobt und verglich es mit dem Renaissance-Schloss an der Loire: Chenonceaux um 1520. Es war die übliche Übertreibung, eigentlich peinlich einen Ringstraßenbau mit einem der schönsten Schlösser an der Loire in einem Atemzug zu nennen. Franz teilte diesen Vergleich auch Ansai mit. Da dieser das französische Schloss nicht kannte, war die Kritik ins Leere gegangen. An der Außenfassade lehnte man sich an oberitalienische Vorbilder an, doch aufs Gesims stellte man diverse Berühmtheiten, Niklas Salm, Laudon, Starhemberg, Prinz Eugen, Sonnenfels und Fischer von Erlach. Die riesigen Skulpturen waren noch 1865 hinauf gestellt worden, ohne irgendeine Verbindung zum damaligen Bauherrn zu haben. Erzherzog schmückte sich mit fremden Federn,  obwohl sich dafür genügend Habsburger gefunden hätten.

Ansai glaubte ihm.

Neben dem Offizierscasino, jetzt eine Probebühne des Burgtheaters, kokettiert das „Welten-Palais“ mit seiner Unauffälligkeit. Eduard Wiener von Welten war Präsident der Österreichischen Creditanstalt und Präsident. der Donau-Dampf-Schiffahrtsgesellschaft. „Eduard Wiener“ wurde im Prager Ghetto geboren, wurde katholisch getauft und war neben dem Großhandelsgeschäft auch Eigentümer der „Eduard Wiener Bank“. Verwandt war Eduard mit einigen Bankhäusern wie Goldschmidt und Rothschild. Der erste Sohn kam bei einem Duell in Bosnien ums Leben, der zweite Sohn war der Universalerbe, dem auch das Schloss Leobersdorf im Marchfeld zufiel. Beim Einmarsch deutscher Wehrmacht im März 1938 beging Rudolf Wiener von Welten im Schloss am Schwarzenbergplatz im August 1938 Selbstmord.

Franz bewog Ansai, ihn vor das ehemalige Haus Rudolf Wieners zu begleiten, um zu prüfen, ob sich beim Haustor ein „Stolperstein“ befindet. „Stolpersteine“, erklärte Franz, sind kleine quadratische Messingtafeln, die am Wohnort an die verschleppten und ermordeten jüdischen Bewohner erinnern sollen.

Vis a vis auf Hausnummer 15 befindet sich das Ofenheim Palais, das sich sehr an die Fassade Ferstels für den Erzherzog Ludwig Viktor hält. Das Nebenhaus Nummer 16 war das Wohnhaus Wertheim und Nummer 17 das Palais Wertheim. Am Auffallendsten ist das Hotel Imperial, das zuerst im bescheidenen Rahmen der württembergische Herzog Philipp bezogen hatte.

„Imperial“

Bereits nach 10 Jahren war das Schloss 1872 verkauft worden und in ein Hotel umgewandelt. Mehrmals setzte man zusätzliche Stockwerke aufs Hotel, so dass es jetzt die Größe eines alten New Yorker Wohnhauses hat, etwa in der Gegend des Central Park. Das Hotel „Imperial“ versucht die alte Gediegenheit beizubehalten, ja wie jedes Hotel der Sonderklasse will es beim Gast das Gefühl wecken, hier angekommen zu sein, in der Behaglichkeit der upper class, wo jeder Wunsch von den Lippen abgelesen wird.

Ansai war einmal Gast im „Imperial“. Er hatte diese weichgepolsterte Ruhe durchaus genossen, doch bald, nach vier, fünf Tagen war ihm nicht nur die gedämpfte Tonlage nicht recht, die Betulichkeit, sondern auch die Klimaanlage. Es ist der Nachteil jedes Hotels der Spitzenklasse, jeden Alltag „abzufedern“; das Geflüster ist das Merkmal der hoheitlich gedrillten Kellner. Er gibt zu, dass in diesen noblen Hotels überall immer alles großartig ist, doch irgendwann nervt es. Man hätte meinen können, dass er als Japaner genau diese Umgangsformen schätzt, die andauernd bezeugten Höflichkeiten, aber diese Vermutung haben nur Europäer, die das Wesen japanischer Höflichkeit nicht verstehen.

Höflichkeit ist eben nicht nur eine grammatikalische Form, in der Dialoge bestimmten Regeln folgen, betonte Ansai ohne darauf zu achten, ob Franz seinen Worten folgt. Wenn er Franz die grammatikalische Voraussetzung der Höflichkeit im Japanischen erklären darf, dann werden in der Umgangssprache drei Formen gebraucht: die einfachste Form des Ausdrucks von Höflichkeit ist Teinego. Es ist der Ausdruck der Wertschätzung und Anerkennung des Gesprächspartners – im Bus, in der Straßen- oder Eisenbahn. Im Sankeigo wird der Respekt zum Prinzip des Sprechens. Und Kenjogo soll in der Rede die Bescheidenheit zeigen. Das sind formale Regeln, auch wenn sie heute deutlich weniger im Sprachgebrauch angewendet werden, Im Dialog, in den Mitteilungen fügt man im Grunde eine Selbstbeschreibung hinzu, doch es ist keine personenzentrierte Selbstinterpretation, die obendrein eine Schichtzugehörigkeit verrät, sondern es ist weit mehr . Die Höflichkeit muss das Problem lösen, wenn die Selbst-Immanenz, die für das Ich eine Einschränkung bedeutet, sich stets im Selbstsein verfängt. Es ist eine Gefangenschaft, die in einem „Von-sich-eingenommen-sein“ beginnt, ein Narzissmus, was nur die Höflichkeit aufzuheben, ja auch zu beenden vermag. Vielleicht ist es verständlicher, meinte Ansai, wenn er Franz zu erklären versucht, dass man im Japanischen von sich selbst wie im altgriechischen Dual spricht. Bei den „Griechen“ betraf der Dual zwei Personen. In der Höflichkeit will man bewusst sein „anderes Ich“ vielleicht sogar das gemeinte Ich stärker betonen und darin das eigentliche Ich vorstellen, keine Eitelkeit, keine Verstellung, keine Maske.  

Ansai war sich jetzt nicht sicher, ob Franz seine Abhandlung nachvollzogen hat. Sollte er es verstanden haben, ist der erste Schritt zum Verständnis japanischer Kultur getan. Vermutlich ist es der wichtigste Schritt. Wie wichtig es ist,  kommt auch im Überreichen der Visitenkarte zum Ausdruck. Man hält sie mit beiden Händen, hebt sie wie einen Wertgegenstand leicht in die Höhe und überreicht sie mit leichter Verbeugung dem Gesprächspartner. Dieser muss seinerseits die Visitenkarte mit beiden Händen entgegennehmen, sich verbeugen und behutsam in seinem Etui bergen. Es ist beleidigend, wenn man beim Überreichen der Karte bemerken muss, dass sie der Gesprächspartner einfach beiläufig in die Rocktasche steckt. Noch schlimmer wäre der Hosensack. Die Visitenkarte ist eben ein Stück von sich selbst, sie ist es auch, da sie meinen Namen trägt, betonte Ansai und Franz hatte diese Schilderung Wort für Wort verstanden. Franz wusste bereits von dieser Zeremonie, die ihm ein wenig lächerlich erscheint, aber sie ist es nur, wenn wir nicht verstehen, dass damit ein Stück vom Selbst übergeben wird.          

So debattierten sie vor dem Hotel Imperial. Wie ein Saurier stand diese hohe Fassade vor ihnen, aber keinem der beiden beschlich Ehrfurcht oder Demut. Dieser ganze „Kasten“, ein Prinzen-Schloss mal drei, war geeignet, nach 1945 die sowjetische Militärverwaltung  aufzunehmen, schwer bewacht von stramm stehenden Gardesoldaten rechts und links vom Haupteingang. Da sie weit genug vom Hotel entfernt standen, zeigte Franz auf ein Gebäude hinterm „Imperial“. Ansai sah nur ein Eck davon, ein wenig von der roten Ziegelmauer, bereits ein Indiz für Theophil Hansen. Mit dem Finger wies Franz auf das Gebäude, ohne Anstalten zu machen, näher hin zu gehen. Es ist der Musikverein, sagte er übertrieben laut zu Ansai.

Da gingen dem japanischen Musikliebhaber die Augen auf. Jetzt konnte er sich erinnern, schon einmal dort Konzerte besucht zu haben. Er erinnerte sich. Er sagte nur Brahms in F-dur. Dann das Fünfte Klavierkonzert in Es-Dur. Hatte Friedrich Gulda gespielt? Es war eine rhetorische Frage. Über die Musik kam Wien wieder ins Bewusstsein zurück, was kein Gebäude am Weg hierher bewirkte. Endlich keine Ringstraßen-Floskeln, mit denen jede Beschreibung beginnt: „Strenger Historismus in Formen der Neuen-Wiener-Renaissance“. Selbst das „Imperial“ erhielt diese zweifelhafte Auszeichnung.   

Wie glücklich waren beide, durch die Musik wieder zur gemeinsamen Sprache zu finden. Freilich musste Franz eine scherzhafte Pointe anbringen. Da ja Ansai weiß, berichtete Franz, dass das philharmonische Konzert am Sonntag etwa einem früheren Hochamt in Sankt Stephan entspricht, eilen die Abonnenten an Sonntagen ins „Philharmonische“ wie früher in den Dom – um 11. Die Musiker waren gleichsam das „Domkapitel“ der Hohen Messe, das Dirigat durfte nach freier Wahl des Kapitels ein renommierter Kapellmeister übernehmen, der zuweilen den Rang eines Kurienkardinals  besaß wie Herbert von Karajan, oder den Rang eines Vorsitzenden der Glaubenskongregation in Musikfragen wie Leonhard Bernstein. Der langen Rede kurzer Sinn, sagte Franz, kaum war das Konzert zu Ende, die Enthusiasten hörten nicht auf zu applaudieren, was einmal Bernstein zwang im Bademantel nochmals am Podium zu erscheinen, da waren die Spitzen Wiener Gesellschaft schon längst bei der Garderobe. Dort lagen die Nerz-, Nutria- und Zobelmäntel schon vorbereitet. So eilte man mit offenem Pelzmantel aus dem Musikverein und schnell zum Hintereingang des „Imperial“ hinein – zum Essen. Hinterher hetzten die geplagten Minister, Sektionschefs, Bankdirektoren vor der Pleite – also die Elite von Wien. Das sind in Wien die Kultursonntage.

Ansai lächelte pflichtschuldigst. Er dachte, jetzt müsse er den Förmlichkeiten in der Suntory-Hall Abbitte leisten. Niemandem wäre dort eingefallen, irgendwohin zu hetzen, schon gar nicht im engen Kimono. In Wien ist es eben anders. Da hat man noch den Dominantseptakkord im Ohr, die verrückte Symphonie fantastique mit gesamten musizierendem „Domkapitel“ von 120 Mann/Frau und in Gedanken ist man schon im „Imperial“. Das Konzert ist für die Wiener männliche Elite der leidvolle Umweg zum „Imperial“. Das sagte Franz laut und gehässig.

Nun war es höchste Zeit, voranzugehen. Bei den „Ringstraßengalerien“ von Wilhelm Holzbauer erinnerte Franz an den Vorgängerbau, ans „Steyr-Daimler-Puch-Haus“ von Carl Appelt, das das einzig attraktive moderne Haus auf der Ringstraße war. Lichterloh hatte es gebrannt 1987.

Der Kärntner Ring

Am Kärntner Ring waren sie schnell voran gekommen.  Man kann fast von einschläfernden Ähnlichkeiten sprechen, wenn man die Reihe der Wiener Neo-Renaissance detailliert betrachtet.

Franz verwies auf die Baumreihe entlang des Rings und schildert die Allee als ein Werk der Barmherzigkeit gegenüber den Fassaden. Immer wieder ist zu lesen, sagte Franz, wie prunkvoll die Innenausstattungen der Häuser waren, in den Räumen waren kostbare Bilder, Möbel, Teppiche, Ledertapeten, über deren Schicksal er jetzt gar nicht nachdenken will. Jedenfalls ist jetzt die ganze Ringstraße mit wenigen Ausnahmen ein einziges Bürogebäude. Ansai begann langsam zu ahnen, welche Kulturbrüche auf dieser berühmten Straße stattgefunden haben. Da erfolgte unter Vorspiegelung künftiger Rechtsstaatlichkeit die kaiserliche Einladung, an der Modernisierung der Donaumonarchie mitzuwirken, ihre Rückständigkeit zu beseitigen. Nicht bedacht wurde, dass die Repräsentation des Großbürgertums  für alle anderen, für Kleinhandel und Kleingewerbe, für die kleinen Angestellten und Beamten, auch für die Proletarier einfach aufreizend war. Man musste nur in die noch immer vorhandene Glut hineinblasen, um einen Großbrand zu verursachen. Jeder Idiot ist dazu in der Lage, jeder verantwortungslose Taugenichts kann jederzeit einen Flächenbrand bewirken. Und es geschah.

Ansai sah, welches Glück sein Land hatte, von solchen Spannungen frei gewesen zu sein. Zuletzt waren in Japan alle Japaner gewesen, denn Hiroshima hat ein grausames Prinzip der Gleichheit durchgesetzt. In Österreich? Bis heute leben in Österreich nicht wenige, die alles andere sein wollen, nur nicht Österreicher, schon gar nicht wegen dieser Landesgeschichte. Selbst in der Straßenbahn hatte er diesbezügliche Bemerkungen aufgeschnappt. Die Grundlage sei erst in zweiter Linie ein Rassismus, in erster Linie ist es der Ausdruck unbewältigter Vergangenheit. Darauf beruht die mangelhafte Loyalität dem Land gegenüber. Ansai sah eine Erklärung in der Hypothese: würde eine stärkere Identifikation mit dem Land vorhanden sein, würden die Bewohner auf Verunstaltungen und Malversationen anders reagieren. Wie heute in Wien die angeblichen Hausherren mit  ihren Häusern umgehen, wie sie ihre Dachböden ruinieren, wie sie Geschäfte umbauen, beweisen sie nur ein recht vulgäres Geschäftsinteresse.

Jetzt kaufen Maklerfirmen, vorher Banken, die Häuser, verwandeln jedes Stockwerk in ein Büro, stellen sofort Rigips-Wände auf, ziehen Zwischendecken ein und verlegen im künftigen Zimmer des Chefs einen Spannteppich, im Sekretariat ein Linoleum aufs Sternparkett.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        

Ansai gab zu, keine stichhaltigen Beweise für seine üblen Phantasien zu haben, räumte dann doch ein, dass alles auch anders sein könne, würde er eine dieser ehemaligen Belle-Etage-Wohnungen betreten können. Vielleicht gibt es noch irgendwo die alte Ringstraßenwohnung? Ja vor Jahren war er in einem eleganten Haus, das Theophil Hansen entworfen hatte. Für die Verhandlungen war der ehemalige Salon geöffnet worden. Damals war er von der Anlage der Innenräume fasziniert. Durch die Rundbogenfenster sah er den kleinen Park des Platzes samt dem berüchtigten „Bürgermeisterdenkmal“, er erinnerte sich, wehmütig hinüber zum Museum für angewandte Kunst geblickt zu haben, da er so gern die Thonet-Sessel gesehen hätte, statt über Lieferfristen zu verhandeln, über Pönale und Zahlungsmodalitäten. Erst als etwas Kaffee gebracht wurde, merkte er, dass der einst stolze Salon kahl wirkt, ausgeräumt wie nach Taschenpfändung und staubig. Der Besitzer verfehlte nicht zu erzählen, bei Kaffee und Soletti, das Haus gerettet zu haben, denn es hätte das Schicksal leerer Ringstraßenhäuser teilen sollen. Die Entwürfe waren schon zu Einreichplänen gediehen – im Erdgeschoss eine Diskothek für gehobenes Publikum und darüber Büroetagen. Am Dach war an ein Penthaus gedacht worden, natürlich Dachterrasse mit Swimming Pool und Dachgarten. Ein Oligarch bekundete bereits Interesse. So sagte dann der Eigentümer zwischen Kaffee und einer Zigarette, dass sich in den zuständigen Ämtern kein Schwein um ein Haus von Theophil Hansen geschert hat – kein Schwein! Er war buchstäblich der Retter des Hauses in letzter Minute. Und er spürte den Hass, der auf allen Gesichtern deutlich zu lesen war. Sie alle sahen die möglichen, wahrscheinlich illegalen Felle davon schwimmen. Hier auf der Marmorstiege hätten sie ihn am liebsten ermordet, berichtete der stolze Eigentümer.

Diese Geschichte fiel Ansai am Kärntner Ring wieder ein, wo sich offenbar kein Retter gefunden hatte, kein Mäzen, kein Liebhaber für eins dieser Häuser. Es sind ideale Voraussetzungen für Spekulanten und Grabräuber, sagte Ansai, was aber Franz nicht verstand.      

Obwohl die weltberühmte Oper schon in Sichtweite war, wies Franz aufs Hotel Bristol. An diesem Gebäude war der wagemutige Versuch gestartet worden, Historismus mittels Sezessionismus zu modernisieren. Der Architekt war zuerst Ludwig Förster, der ein Wohnhaus hätte planen sollen, doch 1892 hatte man sich für ein Hotel entschieden. Nach 1945 war das Hotel der Sitz der britischen Militärverwaltung und konnte daher die Noblesse bewahren, was etwa dem Grand Hotel am Kärntner Ring 9 nicht gegönnt war. In ihm „saßen“ die „Russen“. Es war einmal das älteste Hotel an der Ringstraße, war nach dem Abzug der sowjetischen Truppen 1955 von der Atomenergie-Behörde benutzt worden und „avancierte“ erst ab 1991 wieder zum „Ana Grand Hotel“. Jetzt ist es ein zweifelhaftes Vergnügen, in der Lobby bei einer Tasse Tee zu sitzen. Von irgendwoher kommt das Geklimper seichter Unterhaltungsmusik, als Gast ist man umgeben von aufdringlich geschminkten strohblonden Russinnen, an deren Sesselbeinen ostentativ die Einkaufstüten nobelster Marken lehnen. Interessant, hatte Ansai einmal überlegt, dass es Russen regelmäßig an jene Orte zieht, wo sie schein einmal gewesen waren. Schnell hatte er vor einigen Jahren seinen Tee ausgetrunken, gezahlt und war auf Nimmerwiedersehen davon geeilt.   

Daher bestand überhaupt keine Notwendigkeit vom „Bristol“ zum „Ana Grand Hotel“ zurückzugehen, denn man hätte die Ringstraßengalerien entlang gehen müssen. Man darf sagen, setzte Franz fort, dass dieser enorme Block, der hier in den Ring buchstäblich hinein gestellt wurde, eine Anbiederung an Modernismus ist. Im Grunde zeigt der Entwurf eine vergleichbare Baugesinnung des Opportunismus als dazumal, da alles im Stil der Wiener-Neo-Renaissance gebaut werden musste. Jetzt müsse man sich vorstellen, heute würde die Ringstraße erbaut werden, welches Bild dann die endlose Reihe der Glasfassaden, die schlecht verputzten Ziegelwände mit Quadratfenstern abgeben würde.  Wahrscheinlich bewies Wilhelm Holzbauer bei seinen Entwürfen für die neuen U-Bahn-Stationen eine glücklichere Hand. Offenbar entsprachen die neuen modernen Verkehrswege eher seiner Vorliebe fürs Design im Organisatorischen. Da erhielt die unterirdische „Innenarchitektur“ ihren Reiz durch die Wahl der Farben. Die „Galerien“ bleiben hingegen einem Zeitgeschmack verpflichtet – ein Kompromiss zwischen Gebäudeverwertungsgesellschaft und Magistrat. Daher waren Zitate aus dem Stil der 50er Jahre hrvorgeholt worden, allerdings verloren sie in der Zwischenzeit ihre funktionale Bescheidenheit. Die Zusammenfügung der Bauteile, altmodisch: Risalite, klingt nach einer Fortsetzung von Pier Luigi Nervi, der die wichtigsten Bauten für Rom während der 30erJahre geplant hatte. Holzbauer besaß dafür immer ein offenes Ohr: wenn, wollte er, „ordentlich repräsentativ“ bauen. Man bastelt eben nicht mehr an der Reduktion von Profilen herum, wofür Mies van der Rohe bekannt war, man muss nicht mehr nach schlanken Betonverbindungen suchen, um die Wirkung von Leichtigkeit zu erzielen wie bei Richard Neutra, sondern die Fenster der langgestreckten Fassade sind getreue Wiederholungen von Belichtungsarten für Siedlungsbauten. Damit kommt ein politisches Prinzip in die Innenstadt. Die Fassade wird hierauf durch das Aufreißen zweier Quadrate ein futuristisches Zitat vor 100 Jahren. Die Galerien bieten im Inneren ein mehr als buntes Bild, bald gehören Abschnitte im Haus dem Historismus an, bald führen durchs Erdgeschoss Passagen, die ein langgezogenes Glasdach postmodern erscheinen lassen. Zuweilen ist es ein verwirrendes Sammelsurium. Bisweilen wird das Sammelsurium entflechtet durch traditionellen Markt oder Mode-Design.   

Es hätte ein Kontrapunkt zur „Wiener-Neo-Renaissance“ sein können, meinte Franz. Allerdings schafft diese Herausforderung eine in Routine erstarrende Fassade fast nie und die Durchsicht aufs „Dahinterliegende-stehende“ verwehrt durch eine Glasfassade jeden Haltepunkt fürs Auge. Da rutscht man visuell aus, erklärte Franz. Das hätte er Ansai nicht sagen müssen, denn solche Variationen zwischen modern-modernistisch und postmodern hat er in Tokyo jeden Tag vor Augen. Deshalb fragte ihn Franz direkt, ob er deshalb eine Reise nach Wien unternehmen würde. Ansais Antwort blieb diplomatisch: Das habe er überall auf der Welt. Franz kam sich enorm schlagfertig vor, da er auf die Oper wies und mit seiner Geste untermauerte: wegen dieser Oper müsse er immer nach Wien!  

Die Oper

Die Wiener Staatsoper war am Ring der einzige Integrationsfaktor, der selbst die Donaumonarchie überdauerte. Die Oper ist der gefeierte Mittelpunkt für so viele, die außerhalb einander nicht über den Weg trauen würden. Im ersten Schwung dachte Franz, über die Oper wird er nicht viel Worte verlieren müssen. Trotzdem gilt die Oper als „romantischer Historismus“, über den er Ansai erst gar nicht informieren wollte. Hätte sein Gast neugierig gefragt, was da der Unterschied zwischen einem „Wiener-Neo-Historismus“ und „romantischem Historismus“ ist, hätte er ihm die Antwort schuldig bleiben müssen. Geflissentlich überspielte Franz seine Wissenslücke, über deren Wesen er im Grunde nichts aussagen kann. Gibt es überhaupt einen Unterschied innerhalb dieser Historismen? Er nahm sich keine Zeit, dieser Frage nachzugehen. Knapp teilte Franz mit: 1869 hatte man die neue Oper mit „Don Giovanni“ eröffnet.

Es ist immer besser mit Fakten zu beginnen, dachte sich Franz. Von Kindesbeinen an wusste er, dass August Sicard von Siccardsburg und Eduard van der Nüll die Entwürfe lieferten, also die Ausschreibung gewannen. Um 1860 hatten die Vorarbeiten begonnen, denen eine siebenjährige Bauzeit folgte. Da wegen der scharfen Kritik van der Nüll Selbstmord beging und wenige Wochen später Sicard am Herzinfarkt verstarb, hatte ein Bauunternehmer die Fertigstellung in die Hände genommen und wohl auch finanziert.  Er ist völlig vergessen: Anton Hlávka.

Amüsant ist, dass das Innenministerium beauftragt wurde, den geeigneten Stein für die Oper ausfindig zu machen. Offenbar waren die Polizeibeamten tüchtig und meldeten nach Wien, dass der Wöllersdorfer Stein für Sockel und Stützen die genügende Härte aufweist. Den Kelheimer Stein, der teuer ist, könne man durch den Kaiserstein aus Kaisersteinbruch ersetzen. Da selbst der Kaiserstein noch zu teuer kommt, würde an weniger beachteten Stellen der Joiser Stein ausreichen. Die Anlieferung des Solnhofer Plattenkalk gestaltet sich häufig schwierig, so wurde er eben vom Breitenbrunner Stein ersetzt. Großes Problem bereitete die Suche nach einem Naturstein, den man für die Fassade benötigte. Da sprangen die „Ungarn“ ein mit dem  Soskuter Stein bei Budapest.

Nach der Grundsteinlegung 1863 war die Öffentlichkeit über die Pläne entsetzt. Eine Welle der Kritik traf die beiden Architekten. Denn man sah am Plan, dass die Oper gegenüber dem Heinrichshof lächerlich mickrig wirkte. Obendrein war unterdessen das Straßenniveau am Opernring um 1 Meter angehoben worden, weshalb die Oper bis heute den Eindruck macht, im Erdboden zu versinken. In den Zeitungen las man damals 1863, dass die Oper eine „versunkene Kiste“ ist. So war es „ein Segen“ für die Oper, sagte Franz, dass der Heinrichshof, obwohl 1945 minder zerstört als die Oper, nicht wieder aufgebaut wurde. Franz fügte aber auch hinzu, dass die Oper das erste Objekt ist, das in Wien in den Erdboden „einsank“. Mit dem Bau der Tiefgaragen war das eine übliche Veränderung der Straßenoberfläche, eben bei der Postsparkasse, auf der Freyung, Am Hof. Ähnlich war das Ergebnis nach Einrichtung der Fußgängerzonen. Da wurde das Niveau um eine Stufenhöhe angehoben, was man leicht am Graben bei dem Geschäft „ehemals Braun“ feststellen kann. Nun will er keine Spekulationen anstellen, jedenfalls, und aus Franz sprach einige Empörung, sind in Wien entweder die Leute des Vermessungsamtes schlecht ausgebildet, liefern eben falsche Daten, oder die Geodäten sind falsch eingestellt. Es kann aber auch sein, dass man beim Erdaushub sparen wollte, oder  – Franz rieb den Daumen der linken Hand am Zeige- und Mittelfinger. 

Beim Wiederaufbau der Oper hatte man auf den Hinweis von Adolf Loos nicht geachtet. Franz wusste jetzt nicht, ob er die Überlegung von Loos schon mitgeteilt hatte oder nicht. Selbst auf die Gefahr hin, sich zu wiederholen, berichtete er Ansai, dass Loos die Position der Oper als sehr ungünstig bezeichnet hatte. Sie steht wirklich im Weg. Wenn man Herrengasse und Augustinerstraße als geradlinigen Weg aus der Stadt am Plan sieht, würde man sich genau an Stelle der Oper nach Süden oder Osten orientieren können. Der Weg wäre auch bis zum Schwarzenbergplatz fortzusetzen. Das war gerade nach 1945 deutlich zu erkennen. Natürlich mit der Errichtung dieser „Stadtautobahn“ von der Sezession bis zum Stadtpark, sind solche Gedanken hinfällig. Heute könnte man den Karlsplatz leicht mit 100 kmh queren. Es ist unverständlich, dass die schlimmste Variante die Zustimmung erhielt. Die vormalige Einheit von der Oper bis zur Karlskirche wurde zerstört. Die Karlskirche ist nun endlich von der Stadt getrennt und ist wegen der „Stadtautobahn“ sowohl „unerreichbar“, als auch zum aussätzigen Fremdkörper geworden. Die Planung von Otto Wagner wurde ihrer Funktionen beraubt, von der noch die beiden Stadtbahnstationen vorhanden sind. Es waren beabsichtigte Zerstörungen, über die noch zu reden sein wird. 

Franz erwähnte, dass man kurz solche Pläne diskutierte und wirklich war auch die Rede von der Beseitigung der Opern-Ruine. Es wäre ja ein interessantes Projekt gewesen, die Oper auf dem Grundstück des ehemaligen Heinrichshofs zu errichten Überraschend setzten sich zwei zuständige Minister für die Restaurierung als der teuersten Variante  ein: Ernst Kolb und Udo Illig. Also verdankt die Oper ihr Überleben einem Vorarlberger und einem Grazer. Den Wiederaufbau leitete Erich Boltenstern. Viel später – 1995 – geriet auch die Wahl des neuen Eisernen Vorhangs von Rudolf Eisenmenger in heftige Kritik. Allerdings muss man wissen, sagte Franz, dass auch Marc Chagall angeblich für die Gestaltung des „Eisernen Vorhangs“ gebeten worden war. Diese Idee verblieb aber im Reich der Legende. Man hätte sich die leidige Debatte um den Vorhang erspart, in der die politische Vergangenheit Eisenmengers angeprangert wurde, wenn man von vornherein ästhetische Kriterien hätte gelten lassen. Aus den Unterlagen ist nicht ersichtlich, ob etwa ein internationales Ausschreiben stattfand, oder ob ohnehin nur eine enge Auswahl heimischer Künstler angesprochen wurde. Es war dann im Laufe der Debatten nie um die ästhetische Qualität des Vorhangentwurfs gegangen. Der Entwurf Eisenmengers glich der in Klassizismus transponierten Inszenierung eines Wagnerschen Bühnenstücks, war voll von morbidem Heldentum. Die spätere Debatte um die Demontage des Vorhangs wäre aus diesen formalen Gründen gerechtfertigt gewesen wäre. Da in solchen  Debatten immer nur Schlagworte siegen, so war die Nähe Eisenmengers zum NS-Regime ausschlaggebender als die Darstellung am Eisernen Vorhang.

Wenn er jetzt Ansai die Debatten zum Eisernen Vorhang in der Staatsoper erzählen darf, so erhält er wirklich eine bemerkenswerte Einführung in das Kunst- und Kulturschaffen Österreichs. Der geplagte Architekt Erich Boltenstern musste also eine Jury zusammentrommeln, die über den Vorhang entscheiden soll. Obwohl die Eröffnung für 1955 schon feststand, ging die Debatte über den Vorhang erst im Herbst 1954 richtig los.

Der amtierende Staatsoperndirektor Franz Salmhofer schlug für die erste Runde bekannte „Theatermaler“ vor wie Stefan Hlawa, Robert Kautzky, Walter Hoesslin. Dieser Plan wurde sofort verworfen. Während der ersten Zusammenkunft war die Runde der Maler um Eisenmenger ergänzt worden, wie es sofort Ministerialrat Josef Krzisch vom Handelsministerium gefordert hatte. Boltenstern schlug daher vor. Herbert Boeckl und Robin Christian Andersen als mögliche Teilnehmer am Wettbewerb zu nominnieren.

An der zweiten Runde unter dem Vorsitz von Boltenstern nahmen der Rektor der Akademie angewandter Kunst, der Architekt Max Fellerer und der Präsident des Denkmalamtes, der Kunsthistoriker Otto Demus teil, alle anderen waren Vertreter der Ministerien. Die 2. Sitzung ergab, dass die Vorschläge von Eisenmenger, Wolfsberger und Foitik geprüft werden sollen. Wolfsberger bot eine Stadtansicht von Wien mit einem Chor an, Foitik einen paradiesischen Lustgarten. Eisenmenger blieb bei der antikisierten Szenerie des Orpheus. Da Boltenstern Fritz Wotruba ins Spiel brachte, es lässt sich denken warum, lehnte Sektionschef Föhner vom Unterrichtsministerium diesen Vorschlag vehement ab.

Man einigte sich, in 10 Tagen sollten neue Entwürfe vorliegen. Die Sitzung war für den 26.10. 1954 anberaumt. Da erschienen die Minister Drimmel und Illig persönlich, in deren Schlepptau Ernst Marboe und natürlich Krzisch und Föhner. Boltenstern lud dazu auch Clemens Holzmeister ein. Es wurde verlautet, dass jede Entscheidung der Jury die endgültige Entscheidung des Handelsministers nicht bindet.

Für die nächste Sitzung wurde ein Modell angefertigt, in das die stark verkleinerten Entwürfe wie ein Bühnenbild hineingeschoben werden konnten. Den prüfenden Augen der Juroren hatte nur Eisenmenger standgehalten. Neue Maler wie Wolfgang Hutter oder Georg Jung, die Boltenstern nachnominierte,  waren a priori auf verlorenem Posten, Die Stimmungslage neigte sich zu Gunsten Eisenmenger. Holzmeister gab Eisenmenger noch den Rat, Eisenmenger sollte die gewaltige freie Fläche dieses Entwurfs um die Szene mit Orpheus wenigstens vergolden.

Gesagt getan und so kam es, resümierte Franz. Erst viele Jahre später war der Vorhang wieder ein Thema und nun einigte man sich, nach Vorschlag von Kathrin Messner und Joseph Ortner, aktuelle Kunstwerke in Überblendungen auf den Eisernen Vorhang zu projizieren.

Franz hatte schwer mit sich gerungen, Ansai diese peinliche Geschichte zu erzählen. Damals war der ausschlaggebende Punkt, dass ein praktikabler Entwurf genommen werden musste, da die Zeit drängte. Für den 5. November 1955 war die Wiedereröffnung der Staatsoper fixiert. Manche Künstler wurden mit der Begründung abgelehnt, sie würden die Arbeit aus Gesundheitsgründen nicht mehr zeitgerecht vollenden können – wie Andersen oder Jung. Dass Max Weiler und Georg Jung sofort auf Ablehnung stießen, lag auf der Hand. Deren mögliche Entwürfe wurden noch während der Debatten ausgeschlossen. 

Ansai wird auf einem der nächsten Spaziergänge mit einem vergleichbaren Vorgang konfrontiert werden der eine ebenso große Bedeutung besitzt. Franz stellte also die Nacherzählung eines ähnlichen Vorfalls in Aussicht. Beide Fälle lehren, betonte Franz, dass insgesamt in dem Land ein Loyalitätsmangel herrscht. In einem Fall betrifft es die Geschichte des Landes, im anderen Fall die Kunst und was man weit weniger weiß, die Seriosität in wirtschaftlichen oder administrativen Angelegenheiten, In Wien ist die Zuverlässigkeit von Entscheidungen erheblich in Frage gestellt. Ansai möge sich vorstellen, dass vor mehr als 200 Jahren Metternich persönlich die Initiative zur Gründung einer Akademie der Bildenden Künste ergriffen hat. Es war Metternich, der bei der konstituierenden Sitzung dafür sorgte, dass in der neuen Schule beide Hauptrichtungen zeitgenössischer Malerei vertreten sind: Klassizismus und Naturalismus. Von dieser Objektivität ist man heute inmitten von Republik und Demokratie weit entfernt, fügte Franz hinzu.

Ansai war sprachlos. Unverwandt sah er auf die Oper, die ihm ja auch nicht gefiel, aber er „sah“ die Musik vor sich, Musik, die im Haus gespielt wird. Er war nahe daran, jede Sünde zu verzeihen, wenn nur die Musik integer bleibt. Was ihm da Franz erzählte, ist natürlich fürchterlich, aber übertreibt er nicht? Ist Franz vielleicht der Fuchs, der den hoch hängenden Trauben die Ungenießbarkeit attestiert? Von niemandem lässt er sich sein Wienbild zerstören, murmelte Ansai! Auf keinen Fall! Überall auf der Welt finden Schweinereien statt! Wien wird da keine Ausnahme sein. Sichtlich wehrte sich Ansai gegen eine derartige Beschimpfung Wiens. Nicht vor der Oper! Wie zur Entschuldigung der Stadt entgegnete Ansai, dass doch hier jeden Abend eine Oper gespielt wird, jeden Abend im Grunde hervorragende künstlerische Leistungen geboten werden, die alles andere in den Schatten stellen. Wegen Bizet kam er nach Wien, nicht wegen eines Eisernen Vorhangs, antwortete er Franz. Und einen Wiener Mozart lässt er sich auch nicht nehmen, selbst wenn die Geschäfte hässlich und die Dachausbauten ein jämmerliches Bild abgeben. Von Franz lässt er sich jenes Wien nicht nehmen, für dessen musikalische Visitenkarte er in Tokyo regelmäßig dankbar ist.

Franz war verblüfft, seinen Freund so erregt zu sehen. Bislang kannte er solche Erregungen nur von Gemeinderäten der Stadtregierung, die inzwischen sogar ihrer selbst formulierten Lobhudelei glauben.

Franz wusste, wie er Ansai wieder auf den Weg der Objektivität bringt. Er möchte ihn daran erinnern, setzte Franz munter fort, wie deprimiert er beim Stadtpark vorbeiging und den Zustand des Parks sah. Nie wird man die hohe Kunst japanischer Pflanzenpflege hier erreichen, aber bemühen sollte man sich schon. Warum war er als Pflanzenliebhaber keinen Schritt weiter in den Stadtpark hineingegangen? Noch am Eingang zum Park hatte er gebeten, ihm den Anblick des vergoldeten Johann Strauß zu ersparen. Dieser Kitsch war ihm unerträglich gewesen, da eine bodenlose Gemeinheit dahinter steckt, wie hinter jedem Kitsch. Keinen Millimeter wollte er diesem weltberühmten Photomotiv aus Wien nähertreten. Vor einer halben Stunde hatte er sich an seinen früheren Wunsch erinnert, Thonet-Sessel zu sehen, weil er wusste, dass in keinem einzigen Design-Geschäft am Ring eine vergleichbare Qualität zu finden sein wird. Das war einmal der Fall und es war völlig normal.  Und fällt ihm nicht auf, dass hier diese berühmte Kultur so verdorrt wie die Bäume der Ringstraßen-Allee? Er würde Anzai beipflichten, dass es keine Rolle spielt wie diese Oper aussieht, wenn drinnen ordentlich musiziert und gesungen wird, Das war selbst im Krieg der Fall, behauptete Franz.

Es gibt ja die schöne Geschichte, dass in Sankt Petersburg Soldaten während ihrer Kampfpause in die Philharmonie gingen, um die Proben einer Schostakowitsch-Symphonie zu hören – die Leningrader Symphonie. In Wien spielte man das letzte Mal vor Kriegsende am 30, Juni 1844 natürlich die „Götterdämmerung“ unter Hans Knappertsbusch. Das war der perfekte Abschluss dieser Ära, sagte Franz, als wäre mit der Wahl der Oper ein sehnlicher Wunsch in Erfüllung gegangen. Allerdings viele hattenn noch niht in diesen Kategorien gedacht.    

Wie zur Ablenkung wandten sie sich um und blickten voll Mitleid auf den Heinrichshof, der nichts verbergen kann und nicht verborgen bleibt. Das war also aus einem Gebäude Theophil Hansens geworden: Da steht der neue Heinrichshof in seinem Wiederaufbau-Elan, unverrückbar und teilnahmslos. Es ist zu toll, setzte Franz fort, dass es ihm gelungen ist, nicht zur Ringstraße zu gehören, obwohl er jetzt Opernringhof heißt. Sein Glück, dass die Oper alle Blicke auf sich lenkt. Ansai ergänzte, dass man gerade hier Bäume benötigt, viele und hohe, weit auskragende Bäume, um zu vergessen, was dahinter ist.

Ja, setzte Franz fort, mit der Ringstraße wird den Leuten viel Sand in die Augen gestreut. Also machten sie sich auf den Weg zum Burggarten. 

Gespräche am Burggarten

Inzwischen waren sie eine lange Strecke am Ring gegangen und irgendwie waren sie unbefriedigt. Da waren, so man zu Fuß ist, keine Höhepunkte, die man in einem Schlosspark erlebt, in einer eigens errichteten Siedlung wie die Werkbundsiedlung in Hietzing aus den 30er Jahren oder in der Weißenhof-Siedlung in Stuttgart. Dort kann man wirklich von Haus zu Haus gehen, von Le Corbusier zu Mies van der Rohe, von Peter Behrens zu Walter Gropius. Solche Höhepunkte gab es an der Ringstraße nicht. Da war dieser Palais-Verschnitt, teils prunkvolles Fin de siécle nach Vorlagen von Hans Makart, darüber Mietwohnungen fürs hoch gekommene Bürgertum, da war dann nur ein einzige echtes Palais gewesen, das für den Hochmeister des Deutschen Ordens von Theophil Hansen, natürlich „aufgestockt“,  sonst Bauwerke der „öffentlichen Hand, von denen sie bisang nur ein einziges Gesehen hatten: die Oper. Nun erwog Ansai das Problem, wie man diese Gebäude erhalten soll. Wenn nicht das eintreten soll, was regelmäßig zur Sprache kommt – Abriss und Neubau – wie kann man diese Gebäude halbwegs kostendeckend verwalten? Ist das der Grund der Dachausbauten? Franz antwortete, dass es die letzte Chance ist, mit Hausbesitz am Ring zum großen Geld zu kommen. Ein Penthaus am Ring ist ein „Millionending“, reimte Franz. Also muss man die „Urbevölkerung“ aus den Häusern hinauswerfen, die reichen Hofratswitwen, die Enkel, die zum Friedenszins auf 400 Quadratmeter wohnen. Diese Leute werden einfach gekündigt, es war eine lapidare Feststellung von Franz, wie man in Amerika den Indianern das Land wegnahm. Unddann muss man nur nach Leuten Ausschau halten, die das Geld haben. Und es gibt sie. Die Ringstarßenhäuser stehen vor einer neuen Entwicklung: entweder übernimmt ein Anwalt, ein Modearzt, eine Vermögensberatung die Belle Etage, oder man zieht Zwischendecken ein, halbiert die Fenster und schaffte in Mehr an Raum, das man zu Innenstadtpreisen am Wohnungsmarkt anbietet. Genau das war der Fall vis a vis am Burgring. Da sind zwischen Opernring Hausnummer 35 und Hausnummer 43, dem neuen Heinrichshof, drei bemerkenswert „architektonisch akkordierte Häuser“, die bereits stark nach Sezessionismus riechen.  Ihnen drohte in den 90er Jahren der Abbruch. Im Geschäftsbereich war der berühmte Blumenladen „Saedtler“. Er war jeder Operndiva geläufig, denn nach Premieren waren die Blumensträuße alle vom „Saedtler“. Und alle großen Sängerinnen waren entzückt, lang haltende prachtvolle Bouquets im Hotelzimmer zu haben, Renata Tebaldi, Grace Bumbry, die in Wien 2023 verstarb, oder Kirsten Flagstad. Bei dem Gerücht, dass hier Neubauten den Ring zieren werden, war schnell von einem „Würstelstandbetreiber“ das Blumengeschäft gekauft worden. Er rechnete mit einer satten Ablöse, die seine riskante Spekulation bezahlt machen würde. Ätsch, sagte Franz, die Gebäude standen unter Ensembleschutz und wegen zu geringem Interventionsdruck blieben die Häuser erhalten. Alle lachten schadenfroh über den renommierten „Würstelstandbesitzer“, doch das Scheitern der Neubaupläne, die immerhin am Kärntnerring sehr erfolgreich waren, ist bis heute nicht zu erklären. Offenkundig hatte sich niemand gefunden, sie wie im Fall des „Steyr-Daimler-Puch-Hauses“ abzufackeln. Der Denkmalschutz wird es nicht gewesen sein, der das Überleben sicherte. Ausgerechnet der „Würstelbrater“ wurde in seiner Branche dann der „Retter des Opernrings“ genannt und erntete bei seinen Kollegen dröhnendes Gelächter. Die Ablöse hatte er schon verplant, da er sein Gewerbe bis nach dem „Neuen Russland“ ausdehnen wollte. Und da braucht es bekanntlich erhebliche Schmiergeldzahlungen. Wegen seines neuen Ehrentitels, der „Retter des Opernrings“ zu sein, hätte er sich gemäß der Wortbilder seines Milieus am „liebsten in den Hintern beißen wollen“, musste aber gute Miene zu diesem Spiel machen und zuum Schaden hatte er auch den Spott. Jetzt saß er fest auf dem noblen Blumenladen, der nicht einmal ein Viertel des Umsatzes machte, den üblicher Weise seine „Würstelstandeln“ erzielen.

Bei der Gelegenheit wollte Franz auch noch eine andere Geschichte los werden, die sich aber nicht am Ring sondern am Franz Josephs-Kai abspielte. Ein Betreiber mehrerer gastronomischer Betriebe wollte diese ebenfalls in den 90er Jahren verkaufen. Damals galten die jungen Verbindungen zum „Neuen Russland“ als Hoffnungsschimmer für lukrative Geschäfte jenseits von Finanzamt und Nationalbank. So hatte der Besitzer seine Restaurants und Pizza-Läden den Russen angeboten. Es war bereits in Wien üblich geworden, bei Käufen die eine Hälfte offiziell zu bezahlen, die andere „unter der Hand“ abzuwickeln. Freudestrahlend wollte der ehemalige Besitzer nach Abschluss der Verhandlungen das Schwarzgeld in die Bank schaffen. Zu seinem Entsetzen waren die Banknoten im Koffer alle gefälscht.   

Nun mussten sie doch den Weg fortsetzen, auch wenn Ansai auf diese „Inside-Informationen“ neugierig war. Vielleicht führten ihn vergleichbare Interessen nach Wien? Nach nur wenigen Schritten  wies Ansai auf ein riesiges Gebäude in der Goethegasse. Damit wollte er beweisen, die Lehre von Franz verstanden zu haben. Diese Gasse läuft entlang des Burggartens. Am Dach des riesigen Gebäudes trumpfen in Glas gefasste „Rauten“ auf, nicht Türme und auch keine Kuppeln. Sie sehen wie der vulgäre Triumph über den gesamten Denkmalschutz aus, sichtbare Verspottung jeder ästhetischen Pflicht zur Proportion.

Endlich hatte Ansai die Ironie bei Franz verstanden. Dass es möglich ist, sagte er voll  Verwunderung, diese Hässlichkeit so offen zu präsentieren, sagt viel über das ästhetische Selbstverständnis in dieser Stadt. Erneut müsse er Franz Abbitte leisten, nämlich seine heftigen Kritiken nicht richtig interpretiert zu haben. Jetzt versteht er, was die Ironie von Franz bezweckt. Und Franz antwortete ihm, sich entschuldigen zu müssen, denn er hätte ihn schon auf der Freyung darauf aufmerksam machen müssen, welche Richtung die Stadt einschlägt. So  er sich erinnert, hat er ihm schon  am Neuen Markt auf ein Haus aufmerksam gemacht, das alle Merkmale der Zerstörung aufweist. Das könne man auch vom Portal des „Kunstforum“ von Gustav Peichl vulgo Ironimus sagen. Im Fall des „Kunstforum“, des Portals und drüber die goldene Kugel, die beiden Stelen, bei denen man nie Gold mit Marmor kombinieren dürfe, sind eine unglaubliche Missachtung des ästhetischen Selbstbewusstseins in der Stadt und besagt eine Menge. Leider wird Ansai seinen Hinweis auf eine sogenannte Genealogie nicht einschätzen können. Wenn man die Akteure nicht kennt, geht vieel an Reiz verloren. Immerhin ist heute diese Genealogie jeder habsburgischen ebenbürtig. Also die Idee fürs „Kunstforum“ damaliger Länderbank hatte Heinz Conrads. Dieser wünschte für die leeren Räume der Länderbank eine Nutzung. Heinz Conrads war berühmt dafür, das Fernsehen in alle Wohnungen gebracht zu haben. Plot seiner Sendung am Samstag war die telegene Verbreitung liebenswürdiger Nachrichten über Wien mit rührseligem Gesang. Unter dem letzten Generaldirektor der „Länderbank“ war die Bank verkauft und das „Kunstforum“ von der „Bank Austria“ übernommen worden. Die Leitung des „Kunstforum“ übernahm Klaus Schröder“, Das Haus wurde dann an den Immobilienspekulanten René Benkö verkauft. Nominell führt Ingried Brugger das „Kunstforum“ weiter. Unter dem neuen Hausherrn Benkö, mietete sich der Verfassungsgerichtshof der Republik Österreich in einem Teil des Gebäudes ein. So sieht die Genealogie in der Republik aus, resumierte Franz. Nochmals entschuldigte er sich, diese Geschichte auf der Freyung nicht erwähnt zu haben, sieht sie aber als typisch für Wien an. Dank dieser Genealogie ist es eh ein Wunder, meinte Franz, dass die Sachen großteils so erhalten sind wie sie waren.
Zur Freude für Ansai war hinter den alten hohen Gittern der Burggarten zu sehen. Dahinter streckte und dehnte sich die Rückseite der Neuen Burg. Als wäre es nötig gewesen, wies Franz darauf hin, dass hier der schönste Teil der Ringstraße beginn, auch wenn schon viel unternommen wurde, selbst an dieser „Stadtlandschaft“ Hand anzulegen, um ein nachhaltiges Zerstörungswerk zu beginnen.  Ansai winkte ab, um sich nicht schon jetzt Illusionen rauben zu lassen.

Es war die groteske Situation eingetreten, dass Ansai meinte, er müsse Franz auf andere Gedanken bringen. Sie gingen den Burggarten entlang, der im besseren Zustand ist als der Stadtpark und es waren sogar die vier Baumreihen entlang der Ringstraße vorhanden, so dass die Straße, die Seitenwege angenehm im Schatten waren. Ein Durchblick gewährte die Ansicht der alten Akademie der Bildenden Künste am Ende des Schillerplatzes. Jetzt genügte Ansai schon ein einziger Blick, um wie aus der Pistole geschossen den Architekten zu nennen: Theophil Hansen. Die ziegelrote Fassade, Steingewände um die Rundbogenfenster, offenbar hohe und helle Innenräume und sehr bequeme Grundrisse für Räume, Gänge und Nebenräume, das kannte er jetzt schon.   Franz wies ihn an, bei Gelegenheit im Oberstock – jetzt sogar Universität – der Bildenden Künste die Galerie zu besuchen. Eine echte Empfehlung, unterstrich Franz. Die Gemälde finden kein Publikum, da kann der Sammlungsleiter Kopf stehen. Dabei ist sie interessant, denn zum großen Teil besteht sie aus jenen Gemälden, die Metternich persönlich gesammelt hatte. Man kann den Geschmack eines Staatskanzlers kennen lernen, der keineswegs ausgefallen oder kapriziös war. Metternich liebte Klassizisten, weniger Historienmaler wie Julius Schnorr von Carolsfeld und aus politischen Gründen lehnte er die Malereien von Italienern ab. Das alles ist unwesentlich, versetzte Franz, wichtig einzig und allein ist in der Galerie der einzige Hieronymus Bosch in Wien, ein grandioses Werk. Für diesen Hinweis war Ansai dankbar, da er diesen Maler im Kunsthistorischen Museum bereits vermisst hatte. Tatsächlich hatte er aber vergessen, wo der „Wiener“ Bosch zu sehen ist. 

Im Eckhaus zur Babenbergerstraße soll Franz von Suppè gewohnt haben, der einzige Künstler, der in einem Ringstraßenhaus „Quartier“ bezogen hatte. Sonst lebte kein Künstler auf der Prunkstraße. Suppè gilt als Wegbereiter des Wiener Typus der Operette, die bis zu diesem Zeitpunkt – 1870 – von Jacques Offenbach dominiert wurde. Seine Komposition „Leichte Kavallerie“ war zu einem Gassenhauer geworden und fand vielfältige Veränderung und diente so mancher Humoreske.

Ansai blieb plötzlich stehen und unverwandt blickte er aufs Mozart-Denkmal. „Der Mozart“ als Skulptur gleicht sicher nicht dem großen Musiker. Dennoch hat Victor Tilgner eine anständige Skulptur 1896 angefertigt, die ursprünglich am Albertinaplatz stand. 1953 kam sie in den Burggarten und wurde dort recht geschickt postiert, um von jedem, der dort vorbeigeht, gesehen zu werden. Franz bekrittelte den bewundernden Blick Ansais, sagte mit vorwurfsvoll-verärgerter Stimme, dass das einzige beachtliche Denkmal jenes Reiterstandbild vom Kaiser Franz-Stephan von Lothringen ist. Der Bleiguss von Balthasar Moll war 1781 erfolgreich und kam erst 1819 in den Burggarten. Es war das erste Reiterstandbild in Wien. Später folgte das Reiterstandbild von Josef II. im inneren Burghof, Offensichtlich hatte sich diese Skulptur bewusst in Motiv, Haltung und Würde an das Reiterstandbild Marc Aurel am Kapitol in Rom gehalten. Franz weitete seine Aufzählung von Skulpturen erheblich aus. Ansai konnte sich diese gar nicht merken, so schnell ratterte Franz die Hinweise  herunter. Jedenfalls war dann doch zu entnehmen, dass man wegen der Vergleiche mit „Italien“ die Skulpturen in Wien notorisch unterschätzt, die allesamt von hervorragender Qualität sind.

Ansai genoss den kurzen Ausflug in den Burggarten. Er bemerkte die besondere Bepflanzung des Parks. Dieser war ja nur dem Kaiser oder dem Kronprinz vorbehalten, hier Ruhe und Entspannung zu finden. Franz machte ihn darauf aufmerksam, dass das Tor des Parks direkt zur Albertina führt, vorbei an dem stiefmütterlich behandelten Danubiusbrunnen. Obzwar in bewusster Nähe zu den Brunnen in  Rom konzipiert, besaß er kein „Gegenüber“, war nicht integriert in eine Platzanlage, so war er grundsätzlich zum Verstummen oder gar Austrocknen verurteilt, die Realität einer unbedachten Idee. Das hat der mächtige Brunnen nicht verdient, meinte Franz.

Sie drehten um, gingen durch den Burggarten zurück, an einer mächtigen Heldenplatz vor. Es sollte ein Höhepunkt auf der Wanderung über die Ringstraße sein. Sie blieben vor der Auffahrt zur Neuen Burg stehen, betrachteten diesen berühmten Platz, der in allen Belangen den lohnendsten Anblick erlaubt. Hinter dem Volksgarten sieht man die beiden Türme der Votivkirche, die böhmische Kappe der Universität, vis a vis das große grüne Dach des Burgtheaters, in strahlendem Weiß das Parlament, zumindest den Tympanon und den Goldhelm der Athene. Hinter dem Parlament macht sich der neogotische Turm des Rathauses bemerkbar und etwas mehr sieht man vom Palais Epstein. In der Zeit der Besatzung Österreichs war es die sowjetische Kommandantur. Lange blickten sie von links nach rechts, von rechts nach links. Wahrscheinlich überraschte und reizte das Unregelmäßige, das A-Rythmische, was kein umbauter, geschlossener Platz an sich hat. Ansai war von der grünen Umrahmung des weiten Platzes angetan, hinter der sich die vielen Gebäude bemerkbar machen. Ganz links bewunderte er das Neue Burgtor, den Entwurf von Peter Nobile, dessen Entwurf ihn an die Architektur von Ledoux erinnerte. Franz stimmte ihm zu und erklärte, der riesige Platz war wegen der Vorverlegung des Burgtores erst zustande gekommen. Inwieweit die Aufschrift des Burgtores auch wirklich die politische Doktrin beeinflusste, bleibe dahingestellt. „Iustitia regnorum fundamentum“ Das blieb ein frommer Wunsch. Dahinter zeigten sich die Seitenfronten der beiden mächtigen Gebäude des Kunst- und Naturhistorischen Museums. Als Abschluss dieser beiden lang gezogenen Gebäude war die ehemalige  Reitschule zu erahnen, hinter der der Flakturm der Stiftskaserne zu sehen ist. Beeindruckend ist rechter Hand der Leopoldinische Trakt der Hofburg, an die halbwegs gelungen Gottfried Semper und Carl Hasenauer die Neue Burg angebaut haben. Die Verbindung zwischen den beiden Abschnitten der Hofburg ist dem Inneren Burgtor überlassen worden, das sich im Grunde älter geben will als der Leopoldinische „Langbau“ insgesamt. Franz wusste nicht, an welchem Punkt er seine Darstellung beginnen soll. Immerhin  ist er hier mit einem der größten Schlossanlagen in Europa konfrontiert. Er murmelte nur, dass jeder Kaiser bestrebt war, sich durch einen Zubau an die Hofburg zu verewigen. Es sieht so aus, dass auch die Neue Burg, die knapp vor Ausbruch des 1. Weltkriegs fertig gestellt worden war, – also auch Franz Joseph hatte sich ebenfalls zur Fortsetzung dieser Tradition entschieden. Das war zwar  sehr spät, aber mit diesem riesigen Gebäude nicht zu übersehen.

Franz sah sich in der gebotenen Kürze nicht imstande, die Baugeschichte dieses gewaltigen Schlosses darzustellen. Es war eine Kompanie von Architekten über Jahrhunderte beschäftigt. Jeder Trakt war in der Verfügung eines eigenen Stabes und bereits der extrem lange Leopoldinische Trakt ist vom 13. Jahrhundert an langsam gewachsen. Erst um 1650 haben die beiden Martino und Domenico Carlone das heutige Aussehen zum Heldenplatz entwickelt, wobei sie den Entwurf von Filiberto Lucchese umsetzten. Die wirkliche Schwierigkeit war jeweils den einen Trakt mit dem anderen zu vereinen. So zeigt der Leopoldinische Trakt hofseitig eine ganz andere Fassade, da man diese an den schon bestehenden Trakt des Schweizer Hofes anpasste. Auf der gegenüberlegenden Seite musste der langgestreckte Leopoldinische Gebäudeteil an den Amalientrakt angegliedert werden. Das war ganz gut möglich, denn mit dem Tor zu dem gegenwärtigen Amtssitz des österreichischen Bundespräsidenten, vor allem mit dem Vorbau, war ohnehin ein Bruch eingetreten,  der mit dem Durchgang von der Schauflergasse zum Inneren Burghof noch verstärkt erschien.

Die sogenannte Amalienburg entlang der Schauflergasse war erst im 16. Jahrhundert ein Teil der Hofburg geworden. In diesem Teil waren die Unterkünfte der Kaiserinnen und der Kaiser-Witwen vorgesehen, allerdings eine Ausnahme war während des Wiener Kongresses 1815 gemacht worden. Hier wohnte der russische Zar Alexander I. Obzwar man von der Neuen Burg aus die Amalienburg nicht sehen kann, so vermochte Franz Ansai zu beruhigen, er versäumt nichts. Die Schauseiten dieses Burg-Teils sind wenig attraktiv. Es ist ein eher finsterer Bau und ein Stück davon ist im Inneren Burghof durch den kleinen Uhrturm gekennzeichnet. Irgendwann wird sie eine Wanderung auch dorthin führen, tröstete Franz seinen Gast.

Die Neue Burg, setzte Franz fort, war als Kaiserforum gedacht und hätte gemäß der Planung ein Pendant vor dem Volksgarten erhalten sollen. Da kam der Krieg dazwischen und machte diesen Plan – eigentlich zum Glück, muss man sagen – zunichte. So grenzt der Heldenplatz an den Volksgarten, der auf den ehemaligen Glacis angelegt wurde. Die Neue Burg beherbergt den Lesesaal der berühmten Nationalbibliothek, vor allem hat in ihr die Papyrus-Sammlung einen festen Aufenthalt gefunden. Ansonsten ist nach langem Ringen die bisherige Widmung der oberen Räumlichkeiten negativ ausgegangen. Die berühmte Musikaliensammlung wurde in das „Weltmuseum“ ausgelagert, das gleiche Schicksal droht der Hofjagd-, und Rüstkammer. Sollte Ansai einmal  das prachtvolle Stiegenhaus hinauf zu den Sammlungen gehen, wird er sehr schnell einsehen, dass in diesem Gebäude die Planung eines Republik-Museums wie eine Usurpation ist. Er will gar nicht daran denken, was da alles verloren geht. Obendrein wird in der Sprache der Fremdenführer der große Balkon der Neuen Burg ohnehin schon als „Hitlerbalkon“ bezeichnet. Ansai könne kaum ermessen, welche üble Gemeinheit hier begangen wird, immerhin die Geschichte eines versunkenen Reiches, wenn diese mit dem werbewirksameren  „Hitlerbalkon“ verdrängt wird.

Franz teilte Ansai seine ärgste Befürchtung mit, dass nach Beendigung der Neuorganisation der Gebäudenutzung am „Hitlerbalkon“ ein Souvenirshop mit Kaffee und Allerlei sein wird. Vielleicht wird es auch einen „Pappmachéhitler“ geben, mit dem man sich Arm in Arm vom Heldenplatz aus photographieren lassen kann. Bewusst greift Franz einer Entwicklung voraus, denn jetzt schon wird der Heldenplatz den Reisegruppen mit dem glanzvollen Auftritt Hitlers am Balkon schmackhaft gemacht. Ansai bestätigte diese Tendenz. Selbst ihm war aufgefallen, dass man bei Führungen ausgerechnet am Heldenplatz das Gruselige bevorzugt, das sich besonderer Beliebtheit erfreut. Allerdings, fügte Ansai hinzu, ist auch hier die gärtnerische Leistung jämmerlich. Im Grunde ist der Platz zu einer Wüstung geworden, auf der einen Seite ein riesiger Parkplatz, auf der anderen Seite sind die Rabatten kaputt, die Wiesen braun, die Baumreihe entlang des Leopoldinischen Trakts eine Hundelaufzone. Den früheren Zustand des Platzes kann man noch auf alten Photos sehen. Nicht zuletzt waren es Photos, weshalb er nach Wien kommen wollte. Schon beim ersten Mal wollte er diesen Platz sehen, der jetzt einen durch und durch verkommenen Eindruck macht und so aussieht als wäre hier dem Wiener Kleingartenverein eine Spielwiese überantwortet worden. Mit einem Wort: Ansai war nach längerer Betrachtung entsetzt über den Zustand des Heldenplatzes,

Hatte Franz die beiden kolossalen Denkmäler für Prinz Eugen und Erzherzog Albrecht von Anton Fernkorn absichtlich nicht erwähnt, weil er sich schämte? Wollte er deshalb nicht zu viel über den Platz erzählen, weil hier den Stadtverwaltern diese letzte Geste der Donaumonarchie zutiefst verhasst ist? Auf Grund des Verhaltens von Franz erwog Ansai diese Fragen, ohne sich eine Antwort geben zu können. Es gibt ja alle fünf Jahre den Anlauf, nicht nur den Platz umzubenennen, sondern dessen Struktur nachhaltig zu verändern. Es ist die feste Überzeugung, mit stückweiser Zerstörung könne diese Geschichte endgültig dem Vergessen anheimfallen.

Heldenplatz und Tee-Zeremonie

Ansai spürte, dass Franz auf diesem vormals so grandiosen Platz bedrückt ist, depressiv. Um ihn auf andere Gedanken zu bringen, begann Ansai von japanischen Schlössern zu erzählen, die im 16. Jahrhundert Gegenstand politischer Inszenierungen waren. In der Azuchi-Momoyama-Zeit, in der Zeit des Wirkens von Rikyu, waren eindrucksvolle Schloss-Anlagen errichtet worden, die aber im Unterschied zur europäischen Entwicklung ihren wehrhaften Charakter beibehielten. Will man diese wunderbaren Bauwerke mit den Augen eines Europäers betrachten, sagte Ansai, dann hat man immer die Assoziation eines Tempelbaus, hoch und übereinander aufgetürmt. Mit zweitem Blick bemerkt man, dass diese Gebäude halb Schloss, halb Burg, im Unterschied zu den Schlössern in Europa in die Höhe streben. In Europa hatte man den Gedanken, eine Burg zu benötigen, aufgegeben. In Japan waren Zitate einer Burg erhalten geblieben und waren dem Traditionalismus verpflichtet. Nun war es nicht nur um den politischen Machtanspruch gegangen, sondern begleitet waren diese höchst politischen Intentionen auch von zwei „gesellschaftlichen Inszenierungen“.

So war die gigantische Blumenschau in dieser Funktion gedacht worden, die beispielsweise Exkaiser Gomizunoo ab 1629 veranstaltete und ebenso die Tee-Zeremonie, die Rikyu reformiert hatte.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               Inmitten dieses Schreitens, Verbeugens, Ausbreitens kostbarer Seidengewänder, war nicht nur an eine neue Bescheidenheit und Einfachheit appelliert worden, sondern es entwickelte sich auch eine überraschende Ansicht über Gleichheit. Gomizunoo öffnete seinen Palast nicht nur „niederen sozialen Schichten“, sondern über die Blumenschau, an der sich alle beteiligen konnten, war teils eine ästhetische Souveränität gegenüber Pflanzen gewünscht, teils war mit dieser Ästhetik immer auch Schönheit verbunden. Und das versteht er bei der europäischen Kunst nicht, Ansai stellte eine rhetorische Frage, dass etwa die grausamen Allegorien eines Goya hier als schön gelten, als ästhetisch, während in Japan es ein Ding der Unmöglichkeit war, Derartiges als ästhetisch zu bezeichnen. Vielleicht liegt darin das Geheimnis in Europa, dass mit dem Christentum eine Symbolik geschaffen wird, so setzte Ansai seine Vermutungen fort, die mit dem Tod Gottes allen Schmerz empfindet und ästhetisch verklärt. Und so kann er sich dann die Emanzipation in der Aufklärung vorstellen, dass nun das Schreckliche, das Räuberische, das Abgründige, er denkt hier an Michelangelo Caravaggio, einen Selbstwert erhalten. Das war in Japan undenkbar gewesen, sagte er, auch wenn für Europäer die Suomi-Ringer, die Schwertkämpfer alles andere als friedfertig gelten.

Man macht sich in Europa über die Hingabe an Blumenauch über Ikebana oder über die Feierlichkeit der Teezeremonie zuweilen lustig. Der Teemeister Sen no Rikyu sah nicht nur alle gleichberechtigt während der Zeremonie, sondern alle Waffen mussten abgelegt werden, ehe die Zeremonie begann. Es war der Beginn des sogenannten Tee-Wegs, erzählte Ansai, blickte hinüber zur Hofburg und am Dach flatterten die österreichische Fahne und jene der Europäischen Union im Wind. Entscheidend ist, dass mit dem strikten Ritual in dieser künstlerisch-künstlichen Form die Kommunikation begründet wird, ein stummer Gedankenaustausch. Er kann hier nur Hisamatsu Shiníchi nacherzählen, der in dieser Zeremonie im Sinn eines Zen-Kunstwerks die Asymmetrie für wichtig erachtete, ebenso die Einfachheit – kanso, die schlichte Erhabenheit – koko, Natürlichkeit –shizen, unergründliche Tiefe – yugen, Loslösung von allem Weltlichen – datsuzoku, und Stille – seijaku. Da man ihm einmal von der Bedeutung der Mystik erzählte, er erinnert sich genau, wie man versuchte, ihm Meister Eckehart nahe zu bringen, so ist die Zeremonie nach Rikyu ein vergleichbarer Weg in eine grenzenlose Weite und Tiefe. Hier werden Geist, Personalität, Leben und Materie zusammengesehen. Daraus folgt ein Mysterium, in dem die Wirklichkeit als Leben oder der Aspekt des Todes in Erscheinung tritt. Die Wirklichkeit ist Leben, sie ist Tod, und zugleich ist sie in sich selbst nicht Leben und nicht Tod. Sie ist etwas, was man mit dem buddhistischen  Schlüsselbegriff „Nicht Dualität von Leben und Tod“ bezeichnen könnte. So kann eine höchst komplexe Zeremonie, die in einer festen liturgischen Form stattfindet, einem Außenstehenden banal erscheinen, wie eben Europäer glauben, die im Shinto-Tempel beschworenen Naturerscheinungen seien ein Rückschritt in den Animismus.  

Diese Mystik ist freilich für die sogenannten modernen Menschen unverständlich, die jede Ruhe für unerträglich halten. Das ist die dröhnende Musik im Auto. Für ihn gelten diese Regeln noch immer, die sich bis ins Ritual der Lack-Kunst – urushu –                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    verfolgen lassen, bis zum Bemalen einer Namiki-Füllfeder. Franz würde große Augen machen, würde er einmal die großen Interpretationen der Holzschnitte lesen, zu den japanischen Bilderrollen oder zu den „Stellschirmen“, die hier Paravent genannt werden.  

Anzai blickte unverwandt ins Weite als wolle er den Geist dieser Stadt einatmen. Es kamen ihm die Verse von T.S. Elliot in den Sinn:

„Unwirkliche Stadt,

Im braunen Nebel eines Wintermorgens

Strömte die Menge über London Bridge, so viele,

Ich glaube nicht, der Tod fälle so viele…“

Gleichzeitig ist es die Wiederholung eines Motivs aus Dantes Inferno. Vor beider Augen sahen sie von der Rampe der Neuen Burg, wie die Menschen dahin strömen. Das macht eine geschäftige Stadt aus. Ist das aber die Wirklichkeit? Ist es nicht „unreal“? Franz teilte diese Gedanken. Er kannte die Verse aus dem „wüsten Land“ – „The Waste Land“, das auch alle Städte meinte, nicht nur London. Gerade hier fallen einem Jerusalem, Athen und Alexandria ein. Es waren die Geburtsstätten europäischer Kultur, die nun „unreal“ erscheinen. Wie auch hier. Da kann man restaurieren was man will, alle zehn Jahre die historischen Gebäude einrüsten und frisch färbeln, die große Aufgabe wird dennoch verfehlt – in Europa. Der Heldenplatz erinnert daran, dass nicht einmal mehr sein Erscheinungsbild an die Pflicht zur Humanität erinnert. Hier, auf diesem Platz war die Pflicht zur Humanität verraten worden. Die anderen Reminiszenzen wurden zerstört, der Platz devastiert, was der gärtnerische Zustand mehr als bestätigt. Letzten Endes will man in Wien doch, dass der „Hitlerbalkon“ die nicht weiter hintergehbare historische Wirklichkeit bleibt. Franz war plötzlich voll Spott: vor sich bereits das demolierte und demontierte Lueger-Denkmal zu sehen und die fröhlichen Touristen am „Hitlerbalkon“.

Ansai schnitt solche Gedanken abrupt als gefährlichen Unsinn ab. An Stelle dieser Phantastereien wollte er wissen, wo etwa die imperiale Achse verlief? So zwang er seinen Freund in die Realität zurück. Franz führte ihn zwischen die beiden Reiterstandbilder, zeigte gegen das Burgtor und schilderte den Verlauf dieser ominösen Achse, die von den Hofreitstallungen, zwischen den beiden Museen über den Heldenplatz in den „Schweizer Hof“ lief, um an dem Platz zu enden, wo einst die Kaiserkrone aufbewahrt war. Und um erneut dieser vermaledeiten Geschichte zu verfallen, war als anderer Endpunkt der Achse der Flakturm in der Stiftskaserne gedacht. Franz berichtete, dass dieser nach genau diesem Gesichtspunkt im Innenhof der Kaserne errichtet wurde. Noch heute kann man die Halterungen sehen, an die dann nach dem Endsieg der Flakturm mit weißem Marmor hätte verkleidet werden können. Ansai war erneut erstaunt über die Aufdringlichkeit gerade dieser Geschichte, die sich besser zu behaupten vermochte als weitaus bedeutendere Ereignisse. Auch der Gefechtsturm  in der Stiftskaserne war von Friedrich Tamms geplant und von „Fremdarbeitern“ 1943 gebaut worden. Heute dient dieser Flakturm erforderlichen Falles als Schutzraum für die österreichische Bundesregierung.

Obwohl „Japaner“ war ihm das privilegium minus als Verfassungsdokument dieses Landes geläufiger als so manchem Wiener, wie er auch über die Pragmatische Sanktion Bescheid wusste, die aus dem öffentlichen Gedächtnis gelöscht war. Es war Franz, der mit breitem Grinsen Ansai mit dem „Wunderbaren Mandarin“ verglich und ihn warnte, die moderne Zivilisation dieser Stadt nicht zu unterschätzen. Und Franz ergänzte aus seiner blühenden Phantasie, dass Ansai mit solchem Wissen wie der Mandarin ebenfalls Gefahr laufen wird, Opfer von drei Strolchen zu werden, wie in der Tanzsuite. Wenn er seine historischen Kenntnisse preis gibt, wird er unweigerlich Zeithistorikern in die Hände fallen. Ansai verstand den Spaß und sagte Franz zu, größere Vorsicht walten zu lassen. Es ist ohnehin sein Plan, sich mehr mit  portugiesischer Geschichte zu befassen, etwa mit den Lusiaden.

So waren sie wieder zur Ringstraße zurückgekehrt und setzten den Weg fort. Ehe sie das Tor zur Bellaria durchquerten, pflanzte sich Ansai vor ihm auf, eine völlig unjapanische Verhaltensweise und sagte dezidiert zu Franz: Er habe ihm die Bedeutung der Tee-Zeremonie samt dem Tee-Weg nicht einfach aus einer Laune erzählt, sondern er hatte am Heldenplatz sofort die überzeitliche Bedeutung wahrgenommen, wie diese auch bei der Tee-Zeremonie vergegenwärtigt wird. Es mag unverständlich klingen, doch ihm erschien der Blick über den Platz bis zu den verschiedenen städtischen Räumen wie ein Vermächtnis, das freilich nicht ihm gilt, sondern den Bewohnern der Stadt. Das ist zugleich die hier zu beobachtende Selbstaufgabe, das nicht mehr zu begreifen. Einen derartigen Verfall würde er für sein Land nicht attestieren. Franz nahm die Standpauke entgegen und schwieg. Ansai setzte sich wieder in Bewegung. Vor ihnen war das erst unlängst restaurierte Parlament.   

Das Parlament

Obwohl ein Parlament traditionell aus zwei Häusern oder Kammern besteht, war es immer seit seinem Bestehen um 1870 das Parlament. Es löste das eilig errichtete Parlament am Beginn der Währingerstraße ab. Das besaß ohnehin keinen guten Ruf, man nannte es nach „seiner politischen Seele“ das Schmerlingtheater, was ohnehin besagt, dass die erste politische Kreation, die immerhin den Neoabsolutismus zu bändigen vermochte, in der Öffentlichkeit kein hohes Ansehen besaß- Der Entwurf von Ferdinand Fellner beanspruchte ein Terrain zwischen Schottenring und Hörlgasse, die Front war zur Votivkirche ausgerichtet, wobei in der Schnelligkeit der Bauausführung diverse Schwächen zu entschuldigen sind. Also sah das Parlament von 1861 aus wie eine Kuranstalt in Baden und war zu diesem Zeitpunkt fest in liberaler Hand. Das Herrenhaus tagte im Niederösterreichischen Landhaus in der Herrengasse. Als der Wettbewerb ausgeschrieben worden war, gab es mehrere Bewerber, doch auch hier hatte Theophil Hansen die Nase vorn. 1874 war mit dem Bau begonnen worden, 1883 konnte die erste Sitzung des Reichsrats stattfinden. In der „cisleithanischen“ Hälfte der Monarchie waren über 500 Abgeordnete delegiert, die transleithanische Hälfte tagte in Budapest. Diese Unterteilung war Ansai noch nicht geläufig, was aber schnell geklärt werden konnte: Cis-und Transleithanien waren die Bezeichnungen für  die beiden politischen Regionen, die mit dem Ausgleich 1867 nach der militärischen Katastrophe gegen Preußen geschaffen wurden. Jenseits der Leitha war Ungarn samt seinen nationalistischen Ambitionen, diesseits der Leitha war das Konglomerat der Königreiche und Länder, die bald vom Deutschnationalismus dominiert waren. Franz kommentierte einen Satz aus Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“. Demnach war in der Donaumonarchie Patriotismus Hochverrat. Nach Musil hätte man jede Art von Chauvinismus ausschließen müssen. Das war ausgerechnet von den Regierenden überhaupt nicht gewollt und daher ungern gesehen. Der Deutschnationalismus war ein liberales Amalgam und galt somit als fortschrittlich.

Der Kaiser in der Hofburg hatte diese „gegenstrebige Fügung“ in der Donaumonarchie noch halbwegs kitten können, ehe der stärkere Nationalismus samt Hochmut der politischen Eliten dieses filigrane Gebäude zum Einsturz brachten. Im Grunde hätte es keines Weltkriegs mehr bedurft. Mit dieser Darstellung entpuppte sich Franz als Sympathisant jenes „größeren Österreich“, das bei Festspieleröffnungen in Salzburg in die Reden der Bundespräsidenten regelmäßig eingeflochten wird. Sie hatten soeben am Heldenplatz eine Ahnung vom „größeren Österreich“ erhalten. In den Reden zum „größeren, imaginären Österreich“ spielt natürlich Mozart immer die Hauptrolle, dem gleich hinten nach Johann Strauß folgt. So ist also ein ephemeres Österreich, gleichzeitig das „Weltösterreich“, für das so oft Anton Wildgans herhalten muss – mit seiner Rede über Österreich vor 1938. Es gibt dieses „Weltösterreich“ nicht nur dank der Emigranten, weshalb es zum „größeren Österreich“ kam, sondern für die Festredner gibt es immer wieder diese kleine Welt, in der die große ihre Probe hält. Bei festlichen Anlässen konnte man auf solche Ausflüge in den politischen Kitsch warten, was deshalb peinlich berührt, das der Redner alle die Tugenden vermissen lässt, die er als Typische für Österreich anführte.

Die Insassen des Parlaments sind weit entfernt von solchen hochfliegenden Illusionen, es beschäftigt sie weit mehr  – ja was eigentlich?, fragte sich Franz. Jetzt wollte er nicht ungerecht sein, denn die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ist eine große Sache, die jährlich abzustimmenden ASVG-Novellen zeugen von einem hohen sozialstaatlichen Niveau und Franz ist sogar bereit, gegenüber dem mangelhaften historischen Bewusstsein der Abgeordneten Nachsicht walten zu lassen, da die Wohlfahrt der Gesellschaft, der Erfolg der Wirtschaft, die prompte Verwaltung halbwegs gewährleistet bleibt und sogar grosso modo Teil des politischen Konsens ist. 

Es war eine lange Rede, die Franz vor dem Parlament am Ring wie ein parlamentarischer Berichterstatter mit Inbrunst vortrug, aber sie hatte Ansai völlig kalt gelassen. Im Gegenteil. Ansai hasste diese politische Lobhudelei, denn wenn alles wie durch Gottes Fügung gelingt und jeder Minister von seiner Erfolgsbahn überzeugt ist, wieso sieht es auf der Welt so dreckig aus?

Ansai war sich während dieses Monologs klar geworden, dass ihm sein Freund nicht die Geschichte  des Hauses erzählen will, sondern er nutzt die Gelegenheit zur Formulierung seiner politischen Stimmungslage. Sofort war zu erkennen, dass die Demokratie, die in Japan wie in Österreich das gestaltende politische Prinzip ist, unglaubliche Ähnlichkeiten bewirkte, weshalb zu fragen ist, ob es überall zur politischen Begleiterscheinung zählt. Die kaban, das weit geöffnete Füllhorn vor Wahlen ist in Japan ebenfalls das Erfolgsrezept bei Wahlen wie in Kärnten, als man jedem Eingeborenen die braune Trachtenjoppe versprochen hatte. Funktionierte diese Großzügigkeit, war die Wiederwahl selbst skandalumwitterter Politiker nahezu gesichert. Takeshita Noboru profitierte von diesem „Automatismus“ und Tanaka wurde von seinen Landsleuten unbeirrt wiedergewählt. Wie das in Österreich funktioniert, weiß er nicht, räumte Ansai ein, aber in Japan funktioniert das sehr gut. Was in Österreich gemäß der Parteimitgliedschaft gleichsam familial organisiert ist, ist in Japan glücklicher Weise die gemeinsame Sozialisation in der Eliteuniversität von Tokyo Daigaku. Eine derartige Sozialisation hätte sich Franz für Österreich gewünscht.

Ansai ermahnte ihn, aus Zeitungsberichten keine falschen Schlüsse zu zu ziehen. Es kommt nur auf die Selektionskriterien an, inwieweit sie anerkannt sind oder unter welchen Bedingungen sie zu umgehen sind.    Dieses Parlament stand immerhin vor hundert Jahren vor Entscheidungen,  für die Theophil Hansen den Rahmen baute, sagte Franz. Von hier aus wurde die Donaumonarchie für beendet erklärt, von hier aus die Republik ausgerufen. In dem Haus wurde die Demokratie abgeschafft und hatte die Durststrecke über zwölf Jahre zu überwinden. Franz fand es sogar erheiternd, dass Hansen vorgeworfen wurde, er habe für Wien und Athen fast idente Entwürfe abgegeben. Allerdings sollte das „Zappeion“ der olympischen Idee dienen, der Zappa sein Vermögen vermachte.

Ob nun die zahlreichen Heroen großer und weittragender politischer Entscheidungen, politischer Klugheit oder Schlauheit, die entlang der Rampe zur Aufstellung gelangten oder dem Treiben am Ring zuschauen oder ob die mächtige Figur der Pallas Athene die politische Redlichkeit beaufsichtigt, bleibt der Interpretation vorbehalten. Nach und nach kam das Skulpturenprogramm zur Vollendung, berichtete Franz, und bevölkert bis heute das parlamentarische Ambiente. Vor 150 Jahren beherbergte das Parlament 516 Abgeordnete, heute sind ein Drittel der damaligen Mandatare im Hohen Haus tätig. Diese Verringerung von Abgeordneten verhinderte keineswegs den Umbau des Parlaments. Offenbar war Theophil Hansen doch kein so guter Architekt, denn jetzt begann man, den Modernisierungen Rechnung zu tragen. Der erste Schritt war hinter dem Athene-Monument ein großes rechteckiges Loch zu öffnen, der den Zugang der Besucher vereinfachen soll. Für diesen hehren Zweck kann man ein Gebäude nicht ewig unter eine Käseglocke stellen, hieß es. Im zweiten Schritt hat nun der Dachausbau auch das Parlament ereilt. Die obere Etage erfährt keinen geraden Abschluss mehr. Sofort wird ein neu konzipiertes Dach auf Raumhöhe gebracht und dahinter ist dann in  Blechverkleidung der Dachausbau. Dessen Reiz kann man nur ermessen, wenn man ländliche Fitness-Studios kennt, Bräunungsstudios, die nun am Dach die Funktionen des alten Hansen-Baus verbessern. Ungeheuerlich sind die Proportionen dieser Zubauten, obendrein vulgär und einfallslos. Franz beschlich der Gedanke, dass dieser Dachausbau den Zustand der Demokratie perfekt wiedergibt. Vielleicht war die Minderheitsregierung nach 1970 von und für Bruno Kreisky die Sternstunde des Parlaments, dachte Franz, da Mehrheiten im Abgeordnetenhaus zu holen waren. Dieses Glück währte aber nur eineinhalb Jahre. Es war die Zeit, in der das Parlament fleißig, innovativ und flexibel war, zumindest seine Abgeordneten. Franz überkam fast Wehmut, wenn er an diese Zeit zurückdachte. Und Ansai beneidete diese Konstellation – damals in Österreich. Er gab zu, dass in Japan diese Clan-Bildungen den raschen Wiederaufstieg nach 1945 ermöglichten, aber dann immer deutlicher den wirtschaftlichen Abschwung Japans verschuldeten. Der Yen ist schwächer denn je, klagte Ansai. Er möchte in Tränen ausbrechen, wenn er könnte, da gegenwärtig ein Yen etwa um sechs Cent zu haben ist. Vielleicht ist der russische Rubel noch schwächer – 1 Cent ist ein Rubel, aber das ist kein Trost! Ihn tröstete ein Blick ins Grüne. Dafür bot ihm der Volksgarten Gelegenheit.

Der Volksgarten

Der Weg durch den Volksgarten war außerordentlich angenehm. Ansai war vom  Rosengarten beeindruckt, wanderte hin und her und ausnahmsweise interessierte ihn das Denkmal für Franz Grillparzer kaum. Er bewunderte eher die gelungene Gartenanlage und diese verleitete ihn, mehrmals sein Entzücken zum Ausdruck zu bringen. Zu Franz gewandt meinte er, dass diese Anlage schöner als der Nakanoshima Rosen Garten ist, auch den Jindai Botanical Garden bei Tokyo schlägt, auch wenn daheim sehr eindrucksvolle Züchtungen gezeigt werden, die es im Volksgarten nicht gibt. Sie wanderten am Theseus-Tempel vorbei, da Franz versprochen hatte, ihm noch ein Detail zu zeigen, dass ihn weit mehr beeindrucken wird als der Rosengarten. Dennoch hielten sie kurz bei diesem obskuren Tempel, dessen Funktion rätselhaft ist. Er war von Peter Nobile unter Beiziehung des Bildhauers Antonio Canova um 1820 im Volksgarten erbaut worden. Der ursprüngliche Sinn war, antike Skulpturen in den Kellerräumen des Tempels aufzubewahren. Der dorische Peripteros war also keine Marotte gewesen, keine Spielerei, sondern war nicht nur ein kleines Depot gedacht, sondern im Tempel sollte die Präsentation der Bildhauerarbeiten von Canova stattfinden. Um den Tempel waren Papeln und Zypressen geplant, um eine perfekte antikische Stimmung zu erzeugen, doch es blieb beim Plan.

So führte Franz seinen japanischen Gast in einen stillen Winkel des Gartens. Es öffnet sich gleichsam ein Hain, eine unerwartete Stille begrüßt die Besucher. Für diesen Teil hatte Friedrich Ohmann, der auch das Entree für den Stadtpark am Ende der Lothringerstraße geplant hatte, eine Jugendstil-Anlage außerordentlich sorgfältig vorgesehen. Es ist auch ein würdiger Rahmen für das Denkmal der Kaiserin Elisabeth. Obwohl Franz gegenüber der Ehefrau Franz Josephs nie eine besondere Wertschätzung entgegengebracht hatte, immer sehr distanziert von der strapaziösen und launischen Dame sprach, hatte diese Anlage ihm stets Ehrerbietung abgerungen. In gleicher Weise konnte keine der geschmacklosen Präsentationen in den sogenannten „Sisi-Museen“ Franz beeindrucken. Dass ausgerechnet am Gewände des Michaelertores der Hofburg eine Reklame fürs „Sisi-Museum“ angebracht wurde, hatte Franz immer angewidert und er wird Ansai niemals den Besuch empfehlen. Die Marotten der magersüchtigen Kaiserin als besondere Eigenschaft zu präsentieren, hatte immer die schärfste Kritik bei Franz gefunden.

Diese Anlage, die dem Andenken der ermordeten Kaiserin galt, schätzte Franz. Erst 1903 war der Gartenteil gestaltet worden und da war bis zur Baumpflanzung eine beeindruckende Einheit und melancholische Harmonie geschaffen worden. Dass davon Ansai ebenfalls entzückt war, ließ sich denken. Eine kleine Kastanienallee führte zum Denkmal, das Hans Bitterlich erst 1907 fertig stellte. Das alles war von schlichter Wirkung, bewirkte die erwähnte Stille, in Wirklichkeit war aber ein enormer gestalterischer Aufwand betrieben worden, der an den Bildhauer hohe Anforderungen stellte. Allein die zwei Wandbrunnen, wo Kinder das Wasser aus Amphoren gießen, die beiden Wasserbecken, die als Springbrunnen dienen, die eigefriedete Terrasse und der ausnahmsweise gut gepflegte Blumengarten zeugen von einigem Geschmack, für den der Jugendstil berühmt war. Das verfehlte nicht die Wirkung auf Ansai.

Obwohl  kaum ein größerer kultureller Unterschied angesichts dieses Denkmals gegenüber vergleichbaren japanischen Anlagen denkbar ist, war jene kontemplative Wirkung erzeugt worden, die man in den Reduktionismen eines Zen-buddhistischen Tempels ebenso erfährt. Das verblüffte Ansai. Gegenüber Franz merkte er an, dass er hier  sofort assoziiert, was nach der Meiji-Restauration gezielt angestrebt wurde: weitere künstlerische Leistungen in den allgemeinen Formenkanon der Kunst hinzuzufügen, der im Grunde die Kopie des europäischen Schemas war. Es war das Verdienst von Hosokawa Junjiró, der den Blumenstil um 1870 wieder in Erinnerung rief, vornehmlich das auch in Europa bekannte Ikebana. Berühmt wurde sein Buch „Anleitungen zum Arrangieren von Vasenblumen“ von 1877. Diese Tradition hatten der Maler Tsuda Seifu und dessen Bruder Nishikawa fortgesetzt. Seither ist die Liebe zu den „kleinen Künsten“ in Japan nicht erloschen. In seinem Empfinden zeigt auch der Jugendstil eine vergleichbare Tendenz, also in der Ästhetisierung des Alltags, der natürlich in einer derartigen Anlage im Volksgarten einen absoluten Höhepunkt erreicht.   

Franz zeigte seinem Freund auch den Rosenstrauch, der gleich beim Eingang zum Garten gepflanzt wurde. Es ist ein Ableger, der von der  Polyanta-Rose aus dem ehemaligen kleinbäuerlichen Garten der Eltern des ersten Bundespräsidenten Österreichs entnommen wurde. Franz ergänzte, dass er immer an Karl Renner bei passieren dieses Tores und des Rosenstrauchs denkt, der unter prekären Verhältnissen in Unter-Tannowitz die Kindheit verbrachte, dennoch in Nikolsburg das Gymnasium besuchte und dann in Wien Jus studierte. Und wenn er von hier aus zum Parlament blickt, sagte Franz, dann wird ihm übel, diese neue Eindachung zu sehen. Es ist wie ein Raub an der Würde des Parlaments. Niemand wird ihm einreden können, dass die Renovierung nach Kriterien der Denkmalpflege erfolgte, niemand wird ihm einreden können, dass diese Störung des ursprünglichen Entwurfs mit den Rahmenbedingungen der Denkmalpflege in Einklang zu bringen ist. Und Franz setzte erbost fort, dass er die Ausreden inzwischen kennt, in denen behauptet wird, von der Straße könne man die Dachausbauten nicht wahrnehmen, also sei der Gesamteindruck eines Hauses wie bisher erhalten. Ansai sekundierte den Zornesausbruch von Franz. Er hatte nämlich entdeckt, dass im Volksgarten mit der Baumpatenschaft die Widmungen mit zwei ordentlichen Nägeln am Baum selbst angebracht werden. Vielleicht eine Kleinigkeit, schränkte er ein, aber doch eine Verletzung der Borke und Rinde

Sie verließen den Volksgarten durch das große Tor, das gegenüber dem Burgtheater bis abends offen steht. Vielleicht ist hier noch der beste Eindruck der Ringstraße, man schaut nämlich auf recht repräsentative Bauten, Theater, Rathaus und Universität.

Der Rathauspark

Franz war jetzt wirklich neugierig, was Ansai zum Rathauspark sagen wird. Franz war sehr oft durch den Rathauspark gegangen, schon früher ehe der Bürgermeister daraus einen Rummelplatz machte. Zuerst begann es recht harmlos. Vor bald 60 Jahren war der Christkindlmarkt vor Weihnachten am Rathausplatz aufgestellt worden. Am Ende der Donaumonarchie war der Markt stets Am Hof. Diese Tradition konnte man nicht aufrecht erhalten, da inzwischen Am Hof ein Flohmarkt jedes Wochenende stattfindet, den man nicht mehr „vertreiben“ kann. Also war es eine weise Entscheidung, den Rahausplatz auszuwählen. Die Verkehrsanbindung, die Größe und die recht schnell beizubringende technische Ausstattung sprach für den Rathausplatz. Was man damals nicht bedachte, war eine Entwicklung, die mit Weihnachten immer weniger zu tun hat. Franz erinnerte sich, wie sich die Gerüche änderten. Früher war das Angebot von Maroni, Zuckerwatte und heiße Limonade nicht nur kindgerecht, sondern verbreitete diesen anheimelnden Duft nach Kastanien, Holzkohle, Bratkartoffel und süßer Zuckerwatte oder türkischem Honig. Jetzt lastet ein schwerer stickiger Geruch von altem Öl über den gesamten Patz, nach Langos, heiße Würstel, Käsekrainer und Cheeseburger. Statt Glühwein oder Tee wird vornehmlich Bier angeboten, auch Schnaps und der übel beleumdete „Jagatee“. In diesem ist mehr Schnaps als Tee, weshalb viele Besucher schon nach einer halben Stunde schwer betrunken über den Platz taumeln. Es war eine Idee des damaligen Bürgermeisters, der in solchen Belangen keine Gelegenheit ausließ, seine Vorstellung eines zweiten Oktoberfests zu verwirklichen. Da war von Weihnachten keine Rede mehr. Glückliche Wiener torkelten ab acht Uhr abends über den Platz. Wegen der Qualität der Speisen und Getränke war das zu schnell Genossene und halb Verdaute bald im Rathauspark in den Wiesen, vor den Stämmen der Gleditsien und der Koleutheria wieder vorzufinden. Franz graute zu Weihnachten vor dem Rathausplatz. Ja, er war zum Rummelplatz geworden und über das ganze Jahr der Ort verschiedener „events“.

Im Sommer plärren Lautsprecher „La Traviata“ oder „La Boheme“ bis in die Seitengassen. Will wer diese Opern „in effigie“ sehen, muss er Eintritt zahlen und wartet am Rathausplatz auf Gartensesseln das Schicksal der Mimi  ab, oder der Violetta. Beide gehen an ihren Liebhabern und an Tuberkulose zugrunde. Das war dann bis zur Votivkirche oder Rossauer Kaserne zu hören und vermutlich erhielt Wien dank der Schallkapazität der Lautsprecher den Ruf einer Musikstadt. Bis tief in den 8. Bezirk hinein hören die Bewohner im August bei geschlossenen Fenstern „Traviata“ und finden immer weniger Gefallen an italienischen Opern.

Franz wollte seine Erfahrungen im Rathauspark nicht vor Ansai ausbreiten. Er wollte als Wiener den Ruf seiner Stadt nicht schädigen. Vor allem war zu bemerken, dass Ansai den Baumbestand des Parks bewunderte. Von Baum zu Baum war er gegangen, tat so als würde er jeden einzeln begrüßen. Offensichtlich hatte Rudolf Siebeck 1877 ganze Arbeit  geleistet, was er ja auch im Stadtpark versucht hatte, aber hundert Jahre nachher ein Opfer der idiotischen Empfehlung wurde, man könne den Stadtpark wie den Londoner Hyde Park nutzen. Es war wie ein Signal gewesen und alle gingen kreuz und quer über die Wiesen. Unter weit ausladenden Platanen konnte die Vermarktung der Drogen im Schatten vor sich gehen und auf den Kinderspielplätzen blieben die Injektionsnadeln in der Sandkiste. Das gab es im Rathauspark nicht. Unter den Augen der Bürgermeister hatten stets Zucht und Ordnung das Sagen, also war nur traditionelle Alkoholisierung bei modernem amerikanisierten Imbiss erwünscht.

Ein wenig über das Rathaus

Das alles konnte Ansai am helllichten Tag nicht wahrnehmen. Ahnungslos über die Abende lobte er den Zustand des Parks, bezeichnete die Ausweitung eines Vergnügungsparks im Park als Kompromiss mit der Gegenwart und lobte die gewissenhafte Arbeit der Gärtner, die um die Baumscheiben Rindenmull ausgebreitet hatten und bei den Rhododendren für saure Erde sorgten. Und Franz war darüber gar nicht glücklich, obwohl er eingestehen musste, dass am Rathaus selbst nichts auszusetzen ist. Es war nicht einmal der Versuch unternommen worden, durch zusätzliche Gaupen den Dachboden zu belichten und für weitere Büroräume zu nutzen. Wäre das Rathaus ein Palais, wäre es schon längst geschehen. Franz erklärte Ansai, dass die Bürgermeister unmittelbar nach ihrer Ernennung zu dem riesigen Rathaus sofort eine nahezu erotische Beziehung entwickeln, der man bei den Renovierungen und Restaurationen in der gesamten Stadt nicht mehr begegnet. Leichten Herzens würde man auf der Hofburg zusätzliche Stockwerke errichten lassen oder neue Fensterrahmen geht einsetzen, die weit dickere Profile haben und die Zartheit der Rahmen geht verloren.

Es ist ja ein Wunder, dass auf dem Belvedere noch immer kein Dachausbau vorgesehen ist, den man leicht realisieren könnte. Das Rathaus gilt jedem Bürgermeister als ein Heiligtum, unantastbar und unberührbar. Vermutlich lieben es die Bürgermeister, bei Veranstaltungen in der Volkshalle über die verwinkelten Gänge einfach zu verschwinden.

Es war ein glänzende Idee, berichtete Franz, dass ein Bürgermeister in den 70er Jahren sein weitläufiges Amtszimmer um den  Sitzungssaal für Stadträte vergrößerte. So war ein riesiger Saal entstanden, der jeden Besucher verblüfft, wenn er dem Bürgermeister auf besonders weichen Teppichen entgegen schreitet. Franz erinnerte sich, dass man bis zum Händeschütteln mit dem Bürgermeister die gleiche Strecke zurücklegt wie damals im Arbeitsraum Hitlers in der Berliner Reichskanzlei von Albert Speer. Im Rathaus war der kleine Sitzungssaal der Stadträte dem bürgermeisterlichen Arbeitszimmer hinzugefügt worden.

Ansai konnte es nicht glauben. Er hatte die Schilderung nur insoweit verstanden, dass der Amtssitz des Bürgermeisters dem Audienzsaal eines Königs gleicht. In keinem der sogenannten Rathäuser von Tokyo würde ein Bürgermeister ein derartiges Amtszimmer haben.  Franz zuckte nur mit seinen Achseln, also wusste er auch keine Antwort und nahm diesen Umstand hin wie die Schwerkraft.   

Weitaus wichtiger für die Landesgeschichte ist der Rote Salon gewesen. Franz berichtete, dass dort Karl Renner am 29. April 1945 die provisorische Staatsregierung präsentierte und hatte damit die Zweite Republik Österreich gegründet. Sollte man das Rathaus als Durchhaus nutzen, von der Ebendorferstraße zur Bartensteingasse, quert man drei Höfe, die darauf vorbereiten, dass die Stimmung im Haus von dumpfer Dunkelheit bestimmt wird. Allein die Hauptstiege, die zu allen Varianten von Festsälen und Salons führt, ist von der Unstimmigkeit der Proportionen geprägt, einerseits eine kleinbürgerliche Behäbigkeit, die mit Imitationen von Gotik die falsche Geschichte aufdrängt, andererseits in Größe und Unübersichtlichkeit Unbehagen verbreitet, weil eher Macht und Hochmut der Bürokratie wahrzunehmen ist, weit weniger Serviceleistung und Hilfe. Da nützen  keine liebenswürdigen Plakate, dass die Stadt Tag und Nacht für ihre Bürger da ist, da die Architektur bedrückt, muffig ist und von Selbstsicherheit strotzt die jeden Optimismus sofort im Keim erstickt. Das Naturell von Franz entsprach jedenfalls nicht der Baugesinnung des Rathauses. Ansai bemerkte es. Die Architektur entschlüsselte er relativ schnell mit seinem Wissen über die europäische Aufklärung. Das Stimmungsbild im Rathaus, dachte Ansai, entspricht genau der üblichen Nachrede im 18. Jahrhundert, dass das Mittelalter nämlich finster gewesen war.

Aus der Nähe betrachtet verlor das Rathaus viel von jener Wirkung, die es aus einiger Entfernung erzielte. Ansai warf Franz vor, ihm diesen ersten Eindruck vom Rathaus verdorben zu haben. Dennoch lächelte er und wusste, dass sich Franz jetzt denkt, er würde das ominöse asiatische Lächeln „aufgesetzt“ haben, undurchdringlich und rätselhaft.  

Ein gelungenes Triumvirat

Franz machte Ansai auf diese wunderbare Stadtlandschaft aufmerksam. Auch wenn nichts Originelles zu sehen ist, eben soweit das Auge reicht: Historismus in Reinkultur, so war es doch „komponiert“, mit höchstem Aufwand geplant und qualitätvoll umgesetzt. Selbst so entgegengesetzte Gebäude, das Rathaus von Friedrich Schmidt, das Burgtheater von Semper-Hasenauer und die Universität von Ferstel waren an und für sich solitäre Gebäude und hatten überhaupt nicht die Absicht einer Zusammengehörigkeit. Sie waren also fast beiläufig „zueinander geraten“, waren dennoch wie entgegengestellte Themen einer Symphonie zur Einheit gezwungen. Franz meinte, es wäre hier jene Harmonie gelungen, die er aus der großen C-dur-Symphonie von Franz Schubert kennt, die mit diesem wunderschönen Horn-Solo beginnt. Genau diese Lineatur einer einzelnen Stimme des Instruments würde auch diese Plätze einen, natürlich alles zusammen bescheiden, leise, innig, langsam. Wenn man die Musikalität des Platzes verstehen will, muss man wohl oder übel die Interpretation von Karl Böhm im Ohr haben, in Sichtweite die Neue Burg, das Parlament, und dann wird man dem Geist dieser Stadt näher kommen. Franz steigerte sich in einen Hymnus auf seine Heimatstadt. Und Ansai; der erstaunt diesem Hymnus folgte, verstand, warum er mit unnachsichtiger Schärfe alle weiteren Schäden an der Substanz anprangert, er verstand, dass hinter diesen bewusst vorgenommenen Zerstörungen eine Absicht zu erkennen ist. Er verstand jetzt im Rathauspark, dass Franz hinter diesen fortgesetzten „Modernisierungen“ und zeitgemäßen Adaptionen das Fortwirken des Nationalsozialismus vermutet, die gelingende endgültige Vernichtung des Österreichischen und für Franz ist es doppelt bitter, dass angeblich fortschrittliche Kräfte in der Stadt noch immer dieser totalitären Verführung erliegen. Sie haben diesen Hass geerbt, der sich auch im Rathaus einnistete und bemerken nicht, Punkt für Punkt die Stadtplanung des NS-Regimes zu vollziehen.

Das Burgtheater

Eilenden Schritts verließen sie den Park, standen unmittelbar vor dem Burgtheater, das stilistisch zwar der Neuen Burg ähnlich ist, aber den Eindruck erweckt, ihm wäre die Flucht aus dem Schatten der Hofburg gelungen. Als eigenständige kleine Burg steht es am Ring. Unter den deutschsprachigen Theatern war es einmal eine begehrte Berühmtheit. Ansai müsse wissen, sagte Franz, dass hier vor über hundertfünfzig Jahren die Bühnensprache die Fortsetzung der Redeweisen bei Hof war. Vor siebzig Jahren hatte man im  Burgtheater noch immer so gesprochen wie einst in Schönbrunn. Es war eine melodiöse Sprache, manchmal ironisch, bisweilen tückisch, grundsätzlich nachlässig in der Beachtung der Grammatik. Jeder Satz war bis oben „angeräumt“ mit Sprachbildern und köstlichen Entnahmen aus dem Italienischen, Französischen,  Tschechischen und Ungarischen.

Franz erklärte umständlich, dass diese Sprachen samt dem erhalten gebliebenen Mittelhochdeutschen der Juden, dem sogenannten Jiddischen, die Sprachmelodie des Wienerischen einmal bestimmte hatte. Ein Ahnung davon erhält man, wenn man die Komödien Johann Nestroys liest. Bei „Lumpacivagabundus“ sind diese köstlichen Idiome zitiert und zur Meisterschaft gebracht. Bei Arthur Schnitzler ist diese österreichische Hochsprache in Perfektion repräsentiert. Das ist alles vorbei, sagte Franz resigniert. Man hatte das Burgtheater buchstäblich „germanisiert“. Jetzt hört man von der Bühne, so überhaupt noch etwas zu hören ist – ab der 15. Reihe, das „g“ nach französischen Lehnwörtern – wie „Salong“, „Balkong“ oder „Bouillong“. Das deutlichste Merkmal der zweiten Okkupation nach 1938 war die Abschaffung des Livrees der Platzanweiser. Der deutsche Direktor war der festen Meinung gewesen, der braune Stoff mit den Goldborten stamme aus der „Nazi-Zeit“. Und dieser Blödheit hatte man im zuständigen Ministerium sofort die Konzession erteilt.

Herr Direktor, der natürlich nur mehr das Kabinett des Kaisers für die Pausen benutzte, hatte in die Mitte einen Thronsessel gestellt und die Regisseure und Dramaturgen scharwenzelten um den Thron herum wie in einem Königsdrama von Shakespeare.

Der hatte wirklich keine Ahnung, dass es die alte Hofuniform war, die sich im Theater erhalten hatte. Wo denn sonst erhalten sich solche Residuen? sagte Franz als würde er Ansai prüfen wollen.

Ansai hatte lange Zeit interessiert zugehört. Währenddessen betrachtete er die offenbar wichtigsten Dramatiker des deutschen Sprachraums, deren Büsten die Theaterfassade schmückte. In der Mitte kannte er alle drei: Goethe, Schiller, Lessing. Auf der linken Seite kannte er ebenfalls die Dichter: Moliere, Calderon, Shakespeare. Auf der anderen Seite hatte er seine liebe Not: Wer war Halm? Den Namen Grillparzer hatte er sich aus dem Volksgarten gemerkt, hingegen Friedrich Hebbel war ihm nicht geläufig. Franz schilderte ihm Hebbel als ungemütlichen Patron, der wie so viele in Wien nur unglücklich war.

Da war nun Ansai direkt gefordert, den Unterschied der literarischen Traditionen zu erwähnen. Er sprach anfangs von drei verschiedenen literarischen Typen, die alle im Bereich des Theaters angesiedelt waren, teilweise auch noch sind. Die bekannteste Variante ist  Kabuki, der andere Bereich ist dem No-Theater zuzuordnen und der dritte Bereich ist mit dem vom Jurori Puppentheater charakterisiert. Das betrifft generell das 17. Jahrhundert. Da waren in Europa die ersten Schritte eigenständigen Theaters erst in Vorbereitung. Allerdings, meinte Ansai, sind die japanischen Formen mit einem Oratorium in Europa zu vergleichen, Allerdings waren die Oratorien szenische wie musikalische Gestaltungen gemäß der Evangelien. Das war in der buddhistischen Form nicht gegeben. Vielmehr waren es situationsbedingte Varianten des Handelns, zumeist ein Kampf zwischen Gut und Böse. Das konnte man an den  viel späteren Holzschnitten ablesen, wenn besondere Grimassen der Schauspieler nichts Gutes erwarten ließen. Dazu kommt eine spezielle schauspielerische Praxis, die Frauen bis ins 17. Jahrhundert dominierten. Allerdings gingen die Entwicklungen ins Zügellose und in die Gefilde wilder Sexualität, der dann Einhalt geboten wurde. Der bekannteste Schriftsteller fürs Puppentheater war Chikamatsu Monzaemon. Dessen Arbeiten haben aber keinerlei Berührungspunkte mit der europäischen Tradition. Die Themen waren stets Kriege, Rache und fürchterliche Grausamkeiten. Allerdings ist ganz etwas anderes hervorzuheben: die Schriftstellerinnen im 11. Jahrhundert.

Da fiel ihm Franz ins Wort und fügte zu Ansais Anmerkung hinzu, dass da gerade der Minnesang in Europa am Höhepunkt war, obwohl Walter von der Vogelweise im 12. und Ulrich von Lichtenstein im 13. Jahrhundert gelebt hatten. Im Übrigen stützt sich die europäische Tradition auf die griechische und lateinische Antike, in der gewaltige Dramatiker tätig waren, Komödiendichter und davor natürlich der „Vater“ aller Dichtkunst: Homer.

Ansai war über diese Unterbrechung unglücklich, sagte aber nichts. Also nutzte er die Verschnaufpause von Franz und erwähnte die Aufzeichnungen von Sei Shonagons „Kopfkissenbuch“. Nach Ansais Meinung waren es überhaupt die ersten psychologisch entworfenen Beobachtungen der Weltgeschichte. In der Stringenz der Beobachtungen und Beschreibungen war es überhaupt ein erster Roman. An ein derartiges Thema hatte sich in Europa erstmals Robert Burton in der „Anatomie der Melancholie“ 1621 herangewagt. Nach ihm war noch das „Handorakel“ von Gracian stilistisch, inhaltlich und methodisch um 1655 eine Fortsetzung. Das folgende Werk „Kritikon“ war zwar von gleichem Rang, wurde aber erst unlängst wieder ans Tageslicht gebracht – durch neue Übersetzungen Franz musste mit Erstaunen erfahren, dass sein Freund über die europäische Frühaufklärung gut bewandert war, was er schon beim Rathaus bemerkt hatte. Woher Ansai das wusste, war ihm rätselhaft.

Das alles debattierten sie vor dem Burgtheater. Allerdings war ihnen klar, dass es heute vergleichbare Kontroversen im Theater nicht mehr gibt. Das Theater ist schon seit langem keine Lehranstalt mehr wie zu Lessings Zeiten. Im Gegenteil. Jenes Theater erwirbt das größte  Ansehen oder Aufsehen, wenn es Männer wie Frauen splitterfasernackt auf die Bühne bringt. Franz berichtete, selbst erlebt zu haben, wie als Draufgabe auch die Verrichtung der Notdurft im Engagement festgelegt worden war. Er konnte allerdings die Frage nicht beantworten, was dem Schauspieler passiert, wenn es ihm nicht gelingen sollte.

Franz wollte sich auf solche Spitzfindigkeiten nicht weiter einlassen. Er merkte, wie ihre Unterhaltung an Niveau einbüßte, vulgär wurde und das alles wegen mangelhafter Adjustierung der Schauspieler auf der Bühne. Und da erkannte er, dass die Intention der Regie hoffte, in direkte Konfrontation zu geraten. Aus dieser sei dann die Wahrheit zu ermitteln, wie das wahre „Mensch-Sein“ aussehen sollte. Dem Publikum war das Begreifen derartig hochtrabender Gedanken nicht anzumerken. Die dösten in den Sesseln vor sich hin, waren nur aufgeschreckt worden, wenn unter Gebrüll irgendetwas verlautbart wurde. Oder die Gruppe nackter Männer rast weiße Kulissen entlang und trocknet die blutverschmierten Hände an den weißen Wänden. Franz waren diese Bilder noch gegenwärtig, die nur entfernt mit der Bühnenvorlage „Macbeth“ zu tun hatten. Vom Anfang bis zum Ende standen 36 nackte Männer auf der Bühne. Die Theaterkritik war generell begeistert, veröffentlichte Hymnen über Inszenierung, Dramaturgie und lobte den Wagemut der Regie.

Franz versuchte witzig zu sein, da er die Regieeinfälle im Burgtheater mit der Schließung des Wiener Moulin rouge in Verbindung brachte. Den Grund konnte Franz sofort angeben. Im Moulin rouge musste man aufs Striptease bis Mitternacht warten, hingegen im Burgtheater war das Gleiche ab halb acht abends zu sehen. Dieser Konkurrenz war das Moulin rouge nicht gewachsen.

Beide lachten, Ansai deshalb, da im 16. und 17. Jahrhundert die Schauspielgruppen nicht nur in zweifelhaftem Ruf standen, sondern es war insgesamt zu Entgleisungen gekommen, die auf Dauer nicht mehr zu tolerieren waren. Besondere Gesetze und Regeln, unterschiedliche Funktionen in der Ausübung des Berufs einer Geisha waren in Japan die Folge, um Übergriffe oder gar Vergewaltigungen mit Sanktionen zu belegen. So war eine entgegengesetzte Entwicklung eingetreten. Heute ist der Beruf der Geisha selten geworden, die frühere scheinbare Selbstaufgabe der Frauen an einen Mann, ihn mit Singen, Musizieren, Tee-Zubereitung und Erzählungen zu amüsieren, ist Geschichte.

In Europa hingegen ist ein Zustand eingetreten, der in Japan im 16. Jahrhundert herrschte. Diese pornographische Endlichkeit des menschlichen In-der-Welt-Seins ist hier grenzenlos geworden, sagte Franz, eine unendliche Endlichkeit auf der Bühne, also eine „schlechte Unendlichkeit“, wie es Hegel nannte. Damit stürzt man in Widersprüche, in Antinomien, von denen man anfänglich meint, sich im Exzess aus diesen zu befreien. Daraus lässt sich kein Begriff ableiten, es sei denn jener der Obszönität, die sich eine endlos währende Endlichkeit wünscht, die Ungeschichtlichkeit schlechthin. Das kommt einer Auslöschung des Menschen gleich.

Ansai setzte fort, dass daheim vor 400 Jahren der wichtigste kulturelle Bestand fast verloren gegangen wäre. Hier würde man jetzt sagen, dass erst in der Unverschämtheit der Mensch zu sich selbst käme, in der Lust sogar dem Leid entkommt. Im Buddhismus ist es der falsche Weg. Das Leid zählt zu den Vier Edlen Wahrheiten, erzählte Ansai. Davon ist man in Europa weit entfernt. Ihm gilt sein Dasein als ein dauerndes Werden. Darin müssen sich die drei karmas zeigen, im körperlichen Tun, im Sprechen und Denken. Und unsere Existenz erfährt im karma die  unbegrenzte Vergangenheit, wie sich darin auch die unbegrenzte Zukunft nähert. Das war der ursprüngliche Gedanke des japanischen Schauspiels, meinte Ansai. Im alten Europa nannte man diese Gedanken Transzendenz, aber davon ist nur mehr selten die Rede.

Franz glaubte, dass in Goethes „Faust“ Ansätze dieser Überlegungen zu finden sind, aber wahrscheinlich enthält selbst „Faust“ nur den deutschen Irrweg.

Sie gingen um das Theater herum, entdeckten in den Ankündigungen , Bildausschnitten und Photos von Posen der Schauspieler nur den Zeitgeist, der offenbar sich kein einziges Mal mit jenen Gedanken beschwert zeigt, die Franz und Ansai gerade beschäftigten. Franz drängte, im gegenüber liegenden Café Landtmann eine Kleinigkeit zu essen, doch Ansai wollte wieder zurück in den Volksgraten zu jener Anlage, die im Andenken an die Kaiserin errichtet wurde.         

Im Landtmann

Franz konnte letztlich Ansai doch überreden, eine Pause zu machen. Jetzt waren sie von der Urania bis zum Burgtheater zu Fuß unterwegs, also ist eine kurze Rast vertretbar. Ansai erkannte sofort den Typus eines noblen Cafés, wie es diese in Paris gibt. Nun hatte er gegen ein Verweilen nichts einzuwenden. Er freute sich darauf, sich vom Ober in der Wahl der verschiedenen Zubereitungsarten des Kaffee beraten zu lassen. Er wusste aus dem Reiseführer, dass man in Wien bei Bestellung eines Kaffee ein wenig kapriziös ist. Nicht, dass es allzu  verwirrend wäre, es ist eben kein Tee, aber es zählt zum Spiel zwischen einem Ober und einem Ausländer. Sollte man gleich einen Einspänner verlangen, doppelten Espresso oder eine Melange, ist der Spaß gründlich verdorben und man hat es im Laufe eines Abends mit einem frustrierten Kellner zu tun. Der Ober empfahl Ansai für den frühen Nachmittag einen starken Mokka. Erst danach wären weitere Bestellungen angezeigt.

Franz mischte sich bewusst nicht ein. Irgendwie hatte er die Hoffnung, im Gespräch mit dem Ober würde Ansai eine weitere Facette von Wien kennen lernen. Und der Ober wird sogar glücklich sein, einmal das schnoddrige „n´Kännch´n Káffe“ nicht zu hören. Noch ärger ist es, wenn wie aus der Pistole geschossen die Bestellung klipp und klar mit nur einem Wort erfolgt: koffeinfrei. Das kann neuerdings mit der Bestellung beim Heurigen verglichen werden: Vom Alkoholfreien zwei Dezi.

Franz wusste, warum er mit Ansai ins Landtmann ging. Von ihm war diese Befehlstonart bei Bestellungen nicht zu erwarten. Obendrein hatte Ansai das Lokal ohne Rucksack, Photoapparat und Fernglas betreten.

Das Café gefiel Ansai außerordentlich und mit Recht vermutete er, dass hier noch Spuren vorhanden sind, die einmal die Donaumonarchie auszeichneten: die Weltbürgerlichkeit. In Wien war sie damals nie großsprecherisch, überheblich. Diese Tonart der Überheblichkeit hatte sich inzwischen eingeschlichen, vornehmlich in der Bognergasse, erwähnte Franz, wohl wissend, dass Ansai diese Anspielung nicht verstehen kann.

Würde man noch die alte Sprache von damals beherrschen, gibt es nur ein Wort, das das „Wienerische“ treffend charakterisiert: nonchalant.

Diese Stimmung war natürlich schon beim Eintritt einer Prüfung unterzogen worden, denn die vier Stelen vergegenwärtigen die 20er Jahre, an denen die meisten achtlos vorbeigehen. Dass diese von Hans Scheibner stammen, wusste man längste Zeit nicht. Es war der Psychotherapeut Wilfried Daim, der den Schöpfer dieser expressionistischen „Säulen-Skulpturen“ ausforschte. Und bis heute steht im extrem genauen Dehio, dem Kunst- und Kulturkatalog Wiens, über Scheibners Arbeit: „altdeutsche Figuren, Sinnsprüche“…Das sagt viel über die Einschätzung jener Künste, die damals und heute noch immer keine vollgültige Anerkennung finden! Franz war richtiggehend empört!

Wilfried Daim, berichtete Franz weiter, zählte in seinem „Nebenberuf“ zu den wichtigsten Sammlern der österreichischen Malerei der Zwischenkriegszeit neben dem Augenarzt Leopold. Den Grundstock der Sammlung hatte Wilfried Daim nach einem Besuch in den USA bei Otto Kallir erworben. Kallir  – so heißt es ja immer in Wien: „war noch vor dem Krieg“ nach den USA emigriert. Er war der Besitzer der Galerie St. Etienne in der Grünangergasse. In dieser Galerie waren auch heute geschätzte Maler zwischen 1900 und 1930 vertreten – natürlich auch Egon Schiele. Wahrscheinlich sind deshalb sehr viele eindrucksvolle Künstler gleichen Zeitabschnitts nie aus dem Schatten der in Wien organisierten Publicity getreten: Otto Rudolf Schatz, Carry Hauser, Georg Ehrlich, Johannes Fischer.

Kallir hatte keine Gelegenheit gehabt, die Gemälde aus der Galerie mitzunehmen. Hals über Kopf war er geflohen. Er schlug Daim bei dessen Besuch in New York einen „deal“ vor: Kallir wird ihm alle Gemälde, die sich noch immer im Keller der Grünangergasse befinden müssen, verkaufen, wenn er hier und jetzt 200.000 Schilling für die „ungehobenen Schätze“ erhält. So war es auch, erzählte Franz und Ansai bekam immer größere Ohren.

Als Daim wieder in Wien war, meldete er sich in der inzwischen berühmten „Galerie nächst Sankt Stephan“, die Monsignore Otto Mauer beriet und begleitete, um die deponierten Gemälde zu holen. In der Galerie hatte man von diesem Schatz nichts gewusst und man folgte Daim die Gemälde aus. Das war etwa am Ende der 60er Jahre. So gelangte der Grundstock der Sammlung in die Hände von Wilfried Daim.

Dessen Spezialität war, Maler und Bildhauer, die 1938 Österreich verlassen mussten oder ein Opfer des Regimes wurden, zu sammeln. Georg Ehrlich oder Johannes Fischer waren nach London geflohen, Carry Hauser nach Zürich; andere waren ermordet worden. Zu dieser Gruppe gehörte sicherlich auch Scheibner. Außer den Stelen im „Landtmann“ und ein paar Zeichnungen in der Sammlung von Daim ist von ihm nichts bekannt. Im Grunde, führte Franz aus, sollte man bei den Stelen eine kleine Gedenktafel anbringen. Es ist nämlich eine Ungeheuerlichkeit, schimpfte Franz, dass man neben den beiden – Schiele und Oskar Kokoschka – völlig auf die wichtige österreichische Malerei schlechthin vergisst. Beim Umbau des Westbahnhof, ein Juwel der Architektur der 50er Jahre, war ein Wandrelief von Otto Rudolf Schatz im Bahnhofscafé demoliert worden, wie man dann später den gesamten Bahnhof, dessen vormalige Offenheit und „Weltläufigkeit“ zu bewundern war, vollkommen ruinierte. Der Bahnhof wird einfach von zwei außerordentlichen und geschmacklosen Nebenbauten eingezwängt und verliert die Aura seiner Großzügigkeit. Das nennt sich zwar „Europaplatz“, ist aber in seiner abscheulichen Hässlichkeit nur noch mit dem Berliner Potsdamer Platz zu vergleichen. Eigentlich müsste er Ansai auch dorthin führen, um ihm an Ort und Stelle die Demolierungswut in Wien zu zeigen.

Ansai war von der Erzählung tief beeindruckt. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass man in Wien mit dieser ekelhaften Vorgeschichte noch immer nicht ins Reine gekommen ist. Allein die Missachtung der großen Leistungen nach 1918, von den ersten „Gemeindebauten“ bis zur „Werkbundsiedlung“, von der Qualität der Malerei oder Musik bis zur Blüte der Wissenschaften an den Universitäten, sieht wie ein politisches, kulturpolitisches Programm aus. Meistens werden die Arbeiten dieser Zeit abqualifiziert.

Ansai verstand sofort, da er wusste, wie schwer man sich bei ihm daheim tat, aus dem Schatten des japanischen Imperialismus herauszutreten. Um ein neues Japan zu schaffen, „flüchtete“ man sich in die gewaltige  Modernisierung und Innovation, – daher ist man zur Zeit auch in die Krise geraten, da die nächsten Schritte der technologischen Innovation ausblieben.

Ansai fragte Franz, warum man in Wien nicht Ähnliches versucht? Die Voraussetzungen sind besser als in Japan, wo der Schock nach Hiroshima und Nagasaki die Menschen über Jahre gelähmt hatte. Das unfassbare Leid, das die Menschen heimsuchte, war nur mit dieser Welle der Innovation zu bewältigen. Im Rückblick überrascht ihn, dass es speziell US-amerikanische Wirtschaftshistoriker sind, die diese Entwicklung Japans analysierten, während „seine Landsleute“ dafür offenbar keine Zeit hatten. Stattdessen hatte man Autos produziert, sagte Ansai, und jedem Europäer war ja die Uhrenfirma „Seiko“ ein Begriff. Dieser Erfolg fand ein jähes Ende, denn die Schweiz antwortete mit der Produktion der „Swatch“, wie jetzt China das E-Auto erfolgreicher forciert als Japan.

Warum also, Ansai wiederholte seine Frage, ist in Wien noch immer diese Verdrängung zu spüren, dieses Ausweichen vor einer Geschichte, die auch aus anderen Ereignissen besteht?

Franz versuchte, eine Antwort zu geben, aber war dazu nur beim zweiten Kaffee bereit. Ja, sagte er, wir bekommen den Schlagschatten des Nationalsozialismus nicht vom Hals. Wie zur Bestätigung, was die NS-Zeit noch immer bewirkt, kreisen alle Gedanken immer nur um diese politischen Grausamkeiten, aber er wird den Verdacht nicht los, dass darin eine Portion Faszination mitschwingt – oder Denkfaulheit? Ansai hatte es ja am Spaziergang selbst gesehen. Die Spuren der „anderen“ Geschichte werden ausgelöscht, wie bei einem Kreuzweg in der Fastenzeit werden die Leiden repristiniert. Also man trauert den Emigranten nach, zählt die Opfer, schildert minutiös die Gräuel, forscht nach den Schergen, schwärmt von einer Erinnerungskultur, die erst ab Karl Lueger beginnt und badet sich in der Klage über die noch immer vorhandenen Versäumnisse.

Das sieht dann so aus wie beim Bundeskanzleramt. Dort wurden mehrere Betonklötze auf Kosten eines Stückes vom Volksgarten deponiert und gelten der Erinnerung nicht nur der Deserteure von der Deutschen Wehrmacht. Und wie viele waren es? Gemäß der Tafel waren alle Opfer zusammengezählt worden: Deserteure, Frauen und Kinder besetzter Gebiete, die von Wehrmachtsmitgliedern erschossen wurden, Saboteure und politische Gegner – etwa 30.000.

Gleichzeitig wird der Balkon der Neuen Burg als Hitlerbalkon jedem Touristen ins Gedächtnis gehämmert. Kaum eine Fernsehdokumentation kommt ohne Hitler aus. Und dass Österreich sich außerordentlich lang „zierte“, die Restitutionen in die Wege zu leiten, zeigt auch, dass man sich hier in einer Kontinuität der Besitzaneignung ohne Skrupel befindet. Man fühlte sich die längste Zeit als berechtigter Erbe des Raubguts, da man im Stillen hoffte, es sei inzwischen „herrenlos“, wie der überraschende Fund einer verlorenen Münze am Trottoir.

Ansai sah Franz unverwandt an, denn er konnte diesen Frontalangriff auf die österreichische Landesgeschichte nicht gleich nachvollziehen. Bei allen Reserven gegenüber der Geschichte Japans der letzten hundert Jahre, so war im nationalen Denken eine „Einheit“ erhalten geblieben, die er jetzt eher als Einmütigkeit bezeichnen möchte. Noch immer ist der „Kaiserliche Erziehungserlass“ von 1890 – Kyoiku chokugo – von Bedeutung. Es war die Zeit größter Umwälzung, doch die Denker der sogenannten Mito-Schule – Mito gaku – hatten einigen Einfluss auf den Erlass ausgeübt. Die „Götterland-Lehre“ des Shinto wurde in die Nationale Schule integriert und wurde zum Kanon ethischer Maximen des Konfuzianismus. Im Weiteren wurde das „familistische“ Konzept des Kokutai – was ein Synonym für Japan ist – in die Definition der japanischen Nation aufgenommen. So versteht man sich in Japan als eine reale Abstammungsgemeinschaft, einer Familie von gemeinsamer göttlicher Abkunft, deren natürliches Oberhaupt der Tenno ist.

Natürlich hatte sein Land den Vorzug, ein derartiges Konzept für eine Insel zu argumentieren. In Europa ist das nicht möglich. Für Österreich sieht er das Problem, Ansai setzte seine Mutmaßungen fort, dass die Landesgeschichte viel zu sehr mit den Habsburgern kontaminiert ist. Aus ihr wird gegenwärtig das hochmütige Bewusstsein von eigenständiger Besonderheit „entwendet“. Er erinnert sich an Stadtführungen, in denen diese schizophrene  Ambivalenz fortwährend zur Darstellung kommt. Kaum gerät die  Nacherzählung in mulmige Zeiten, sagt man sich von jeder Geschichte los. An deren Stelle tritt eine Erzählung. Da hat es Jahre erneuerter Weltbedeutung – ab 1938 – gegeben, die auch Jahre schlimmster Erniedrigung waren. Daher gibt es den Hitlerbalkon für die einen, um noch einmal einen Traum zu träumen, für die Touristen, um diese Geschichte mit dem Kitsch des Sisi-Museums zu amalgamieren. Eine Schizophrenie macht sich breit.

Ansai sah sich bestätigt, dass es die genuine österreichische Geschichte noch nicht gibt. Die Historiker scheinen die Geschichtsschreibung zu behindern, oder stürzen sich auf die alternde,  immer entferntere Zeitgeschichte, an der sie vermutlich noch in hundert Jahren ihr Interesse bekunden. So lautete sein Vorwurf an die Adresse dieser Heerschar von Historikern, Kunsthistorikern, Denkmalschützern und Restauratoren.

Die Erzählungen schaffen keine Klarheit, flüchten in wüste Konstruktionen im Minderwertigkeitskomplex, oder dokumentieren die fortgesetzten Kränkungen nach 1866.  Und wenn man dann meint, in der gezielten Zerstörung des historischen Erbes würde man eine neue Geschichte aus dem Hut zaubern können, durchschneidet man immerhin eine Schlagader der Österreicher. Wen wundert es, wenn mehr Österreicher auf den Chronik-Seiten der Tageszeitungen erwähnt werden – als große Kriminelle, Betrüger und Defraudanten. Hie und da gibt es einen Nobelpreisträger, aber zur dauerhaften Orientierung wenig geeignet.

Franz hatte ohne einen Versuch der Entgegnung zugehört, rührte mit dem Löffel im Kaffee, was nie seine Gewohnheit war, und im Grunde war er Ansai dankbar, diese Problemlage so klar dargestellt zu haben. Den Monolog von Ansai wollte er nicht unterbrechen, da er selbst zum Teil der Urheber dieser Analyse war. Er hörte in etwas veränderter Form seine eigenen Interpretationen. Und doch schlummerte auch im Bericht Ansais dieser Defaitismus, der zum Wesensmerkmal in Ostösterreich oder nur in Wien geworden ist. Mit Defaitismus, den sein Freund übernommen hatte, würde man keine Alternative zur besseren Erklärung der Geschichte finden können. Um aber jetzt den dumpfen Fall des Landes in die Bedeutungslosigkeit nicht als letzte Einsicht gelten zu lassen, fiel Franz eine Geschichte ein, die sich im Landtmann zugetragen hatte.  

Beide legten in ihren Gesprächen eine Pause ein und konsumierten den üblichen Imbiss in einem Café: ein Paar Sacherwürstel mit Senf und Kren. So fremd dieser Geschmack für Ansai war, so ästimierte er ihn doch. Freilich hätte er jetzt lieber Sushi gehabt, vielleicht auch Sake, aber er blieb gehorsam, um die Sitten und Gebräuche dieses Landes an der Wurzel kennen zu lernen: dazu gehört eben Kaffee, ebenso diese Würstel.

Franz war mit seiner Mahlzeit schneller fertig und begann den Vorfall im Landtmann zu erzählen, der sich jetzt vor mehr als 100 Jahren abgespielt hat. Die Wellen der russischen Revolution hatten 1919 wieder einen Kulminationspunkt erreicht und die Prognose über die Zukunft Russlands war schlecht. Um darüber zu befinden, hatte sich hier der berühmte Ökonom Joseph Schumpeter mit dem Soziologen Max Weber getroffen. Sie vereinbarten eine Debatte im Landtmann, der auch „Sekundanten“ beiwohnen sollten: für Max Weber der Historiker Ludo Moritz Hartmann, für Schumpeter der Bankier Walter Somary. Weber hatte wegen der Oktoberrevolution sogar russisch gelernt, um die Ereignisse in der Zeitung verfolgen zu können. Max Weber schilderte eindringlich die bevorstehende Katastrophe für Russland. Er prophezeite eine Diktatur, gegen die die Regierung Iwans des Schrecklichen vergleichsweise harmlos gewesen ist. Weber war entsetzt, dass die teilweise schüchternen Modernisierungsversuche in Russland nicht nur wegen des Krieges zum Stillstand gekommen waren, sondern Lenin schien alles darangesetzt zu haben, den demokratischen Kurs der Kerenskij-Regierung zu unterminieren und letzten Endes zu stürzen. Russland schien im politischen Chaos zu versinken und im Grund hatte man zwar die Teilnahme am Weltkrieg  1917 beendet, dafür aber einen Bürgerkrieg schlimmsten Ausmaßes begonnen. Die Berichte über Mord und Terror hatten Max Weber erschüttert und an den Rand der Verzweiflung gebracht. Von diesen Schrecknissen in Russland war Max Weber sogar nachhaltig traumatisiert worden. Daher wollte er den Ökonomen fragen, wie Schumpeter die Lage in Russland einschätzt? Gibt es einen Hoffnungsschimmer, um zu geordneten demokratischen Strukturen zu kommen? Wie kann die Raserei der Willkür und Gewalt beendet werden? Und Schumpeter lehnte sich auf den  Sessel zurück und antwortete nonchalant: Was wollen Sie, es sind ganz normale Vorgänge, die ein politisches Chaos immer verursachen! Jetzt können Sie die Reaktionen wie bei einem chemischen Experiment in der Eprouvette beobachten. Diese knappe ironische Antwort hatte Max Weber derart empört – in dessen Augen war die Antwort herzlos und unmenschlich gewesen, dass er aufsprang, den Kaffeehaustisch umwarf und das Café eilends verließ. Das Gespräch war geplatzt und Max Weber hatte sogar seinen Hut vergessen, weshalb ihm Hartmann nachgelaufen war.

Somary hatte diesen Vorfall in seinen Memoiren erwähnt und war als Schüler von Schumpeter gerade beschäftigt, seine ungarische Bank in die Schweiz zu verlegen. Das hatte Franz seinem Bericht noch hinzugefügt. Diese Geschichte hatte er auch aus dem Grund erzählt, um den charakterlichen Unterschied zwischen einem „Deutschen“ aus Oerlinghausen und einem Alt-Österreicher deutlich zu machen. Der Hinweis war für Ansai sehr hilfreich, da er ja nie in die Gelegenheit hätte kommen können, einem sogenannten Alt-Österreicher zu begegnen. Wegen dieser Erzählung von Franz, dachte Ansai an die großen Gemälde von Gustav Klimt, an die Personen, die portraitiert wurden, und das ist schlechthin ein österreichisches wie unzweideutiges Vermächtnis. In diesen Gemälden war das zu sehen, was Österreich einmal ausmachte und vom Nationalsozialismus brutal vernichtet wurde, gerade unter Mithilfe eines wild gewordenen Plebejertums, deren Gefühlswelt aus Hass bestand. Schon damals hatte nicht viel für eine „Kristallnacht“ gefehlt. Das war jetzt Ansai  im Landtmann klar geworden, dass das unverkennbar Österreichische von den deutschnationalen „Österreichern“ selbst zerstört wurde, wie er es aus den Szenen aus den „Letzten Tagen der Menschheit“ von Karl Kraus entnommen hatte. Das Ergebnis seiner Gedanken teilte er Franz mit: Eine Kultur wird immer nur von den eigenen Leuten kaputt gemacht, um den nahen soziokulturellen Anforderungen zu entgehen. Es wäre hier nie so weit gekommen, hätte es eine „Kultur der Niederlage“ gegeben. Die Anleitung hätte man aus Robert Musil oder Hermann Broch beziehen können!  

Franz bejahte. Er bat den Ober um die Rechnung, zahlte und verließ mit Ansai das Café.

Ein wichtiger Umweg

Kurze Zeit gingen sie schweigend nebeneinander her. Franz schlug vor, nicht gleich den Ring zu überqueren, sondern die Anlage der Mölker Bastei anzusehen, davor das Denkmal für den Bürgermeister Johann Andreas Liebenberg, der Wien heldenhaft gegen „die Türken“ verteidigt hatte. Noch größere Verdienste erwarb er sich im Kampf gegen die Pest 1679. Trotz der Zusammenarbeit mit dem Leibarzt der Kaiserinwitwe Eleonore, Paul Sorbait, war die Ausbreitung der Seuche nicht zu verhindern. Liebenberg selbst starb im September 1683 an der Ruhr, während die Mölker und Löwel Bastei  gegen „die Türken“ verteidigt wurde. Das Entsatzheer war bereits am Kahlenberg, schoss zur Beruhigung der Wiener Bevölkerung Leuchtraketen ab, dennoch war die Lage der Verteidiger angespannt und schwierig.

Franz ging ums Denkmal herum, es gefiel hm nicht sonderlich, aber es gehörte eben zu den vielen „Stadtmöbeln“, die man dann doch nicht missen möchte.

Hierauf zeigte er Ansai den Rest der Bastion, die nach der Dominikaner Bastei wie ein befremdendes Zitat erhalten blieb. Über die  Schreyvogelgasse führte der Weg hinauf auf die Bastei. Ansai äußerte den Wunsch, von der Bastei aus die Universität zu betrachten. So viel hatte er von ihr gehört, er kannte sogar in Japan Absolventen dieser Universität, also fand er seinen Wunsch berechtigt. Franz hatte nichts einzuwenden. Also musste er Ansai kurz erklären, dass der Teil der Bastei nach einer Sprengung 1809 wenig später 1811 wieder hergestellt wurde. Diese Renovierung sagt viel über die Unschlüssigkeit aus, wie man mit dem gesamten Territorium rund um die Innenstadt Wiens verfahren soll. Da schätzt man dann den Entschluss, hier endlich mit einer umfassenden Planung zu beginnen, sich für eine Prachtstraße zu entscheiden.

Bei der Besteigung der Rampe von der Schreyvogelgasse aus nähert man sich dem Haus Nummer 8 auf der Mölker Bastei, dem Paqualatihaus. Vom Ring aus dominiert das mächtige Haus mit fünf Stockwerken die Bastei. Peter Mollner war um 1795 der Baumeister, der zuerst das Gebäude der Militär-Ingenieur_Akademie wegreißen musste. So erstand eigentlich ein klassisches Haus des Empire. Ehe Franz und Ansai die verwinkelte Gasse der Mölker Bastei erreichten, gingen sie am „Dreimäderlhaus“ vorbei, Schreyvogelgasse 10.

Es ist ein ziemlich spät erbautes Giebelhaus im spätbarocken Stil, 1801, das Gegenstand vieler Legenden wurde. Die waren durch die Operette „Dreimäderlhaus“ erfunden worden. Das Libretto will hier Schubert als unschlüssigen Verehrer dreier Töchter des Glasermeisters Franz Tschöll vorstellen, der jeder Tochter „den Hof“ gemacht haben soll, aber letztlich abblitzte. Die seichte Musik ist von Heinrich Berté, reichlich kitschig, die Grundlage war ein ebenso schwacher und verzichtbarer Roman „Schwammerl“ von Rudolf Hans Bartsch. Obwohl hier nichts stimmt, betonte Franz, ziehen Scharen von Touristen dennoch vorüber, die sicherlich der Überzeugung sind, dass hinter einer der Fenster ein Klavier steht, auf dem Schubert irgendwann den Gesang von „Hederl, Haiderl oder Hannerl“ begleitete. Es ist blanker Unsinn, sagte Franz, doch für Reiseführer geeignet, Ignoranten noch zusätzlich „Ignoranzen“ aufzutischen. Zumeist werden diese Geschichten mit Begeisterung aufgenommen und am Ende sind alle weiteren Sehenswürdigkeiten nicht einmal halb so interessant. Übers Dreimäderlhaus bis zum Hitlerbalkon wird Wien zum Vorort von Hollywood, unangenehm süß wie ein schlechtes Bonbon.

Bei weitem interessanter ist das Haus Mölker Bastei 10. Hier wohnte Beethoven wirklich!, rief Franz aus. Man kann es kaum glauben, doch hier wohnte er für seine Verhältnisse relativ lang.

Nun wiederholte Franz die Hypothese, die er schon einmal erwähnt hatte, dass Beethoven seinen Wohnort deshalb oft wechselte, um dem ins Klavierspiel vernarrten Wien die Klaviernoten zu verkaufen. Ansai hörte diese geschäftstüchtige Seite Beethovens überhaupt nicht gern. Franz blieb aber dabei, dass er ja auch aus Geschäftsgründen die 31 Variationen zu einem Thema von Diabelli komponierte. Auch hier war Beethoven bereit, sich die verbreiteten und beliebten, weil leicht zu spielenden Kompositionen Diabellis zu Nutze zu machen. Ansai war versucht, sich die Ohren zuzuhalten, um vom Geschäftssinn des verehrten Komponisten nichts zu hören. Sein Bild Beethovens wollte er sich von Franz auf keinem Fall zerstören lassen. So fiel er Franz ins Wort, sagte schnell die Stichworte wie eine Provokation: Siebente Symphonie, Zweiter Satz!

Franz konnte mit diesem Einwand nichts anfangen. Er ahnte zwar, dass er mit seiner „Mediatisierung“ eines Heroen der Musik auf wenig Verständnis stoßen wird, aber eine derartige Reaktion war nicht zu erwarten. Wie kann er jetzt seinen Freund auf andere Gedanken bringen? Da war ihm Ansais Erwähnung der 7. Symphonie gerade recht.

Das Haus auf der Mölker Bastei 10 besteht natürlich nicht mehr, sagte Franz. Das Haus, wohin sie jetzt gehen, ist 1841 erbaut worden, viele Jahre nach Beethovens Tod, der in der heutigen Schwarzspanierstraße 1827 verstarb. In der um 1900 noch bestehenden Wohnung Beethovens hatte der junge Philosoph Otto Weiniger Selbstmord begangen, nachdem sein Buch „Geschlecht und Charakter“ 1903 publiziert worden war. Franz drohte sich zu verlieren, was Ansai natürlich bemerkte.

Ansai schätzte sich so mutig ein, Franz auffordern zu dürfen, nun endlich bei Beethoven zu bleiben. Er möchte schon wissen, ob er ausgerechnet über diesen großen Komponisten weitere Legenden kennt, wie jene, von der er gerade berichtete?

Franz überhörte den ironischen Unterton, der ja für Ansai ungewöhnlich war. Dennoch setzte er fort. Ja, am 8. Dezember 1813 war die 7. Symphonie uraufgeführt worden – und zwar im Festsaal der neuen Universität. Dirigent soll Antonio Salieri gewesen sein, Ignaz Schuppanzigh war an der 1.Violine, hingegen Louis Spohr war der Stimmführer der Zweiten Violinen. Joseph Mayseder spielte vermutlich die Viola und Mauro Giulini Violoncello. Andreas Romberg hatte bei den Ersten Violinen Platz genommen, wo aber Johann Nepomuk Hummel spielte, habe er vergessen, bedauerte Franz. Auch Giacomo Meyerbeer soll hier musiziert haben, da er gerade wegen Salieri in Wien war.

Ansai war verblüfft, dass Franz sogar Mitglieder des Orchesters nennen konnte, als wäre er an dem Abend beim Konzert gewesen. Noch mehr verwunderte ihn der Umstand, dass Franz auch die Besonderheit des zweiten Satzes „Allegretto“ der Siebenten in A-dur, wusste, dass dieser nämlich mit einem ungewöhnlichen Quartsextakkord beginnt. Und Franz erläuterte, dass über dem Basston in der Quart und Sext der Akkord gebildet werden muss. Der Zweite Satz endet auch mit diesem Akkord, was in der bisherigen Musikliteratur noch nicht vorgekommen war. Dass diese Symphonie Beethovens die Interpretation nahelegt, nämlich Dionysisch-ekstatisch“ zu sein, erinnert an Friedrich Nietzsche.

Franz mahnte, auf der Mölker Bastei nicht den Einbruch der Dunkelheit abzuwarten. Sie haben noch ein gutes Stück der Ringstraße vor sich. Dennoch setzte Franz seine Schilderungen unverdrossen fort. Im Vorgängerhaus der Nummer 10 lebte während der Zeit des Wiener Kongresses ein enfant terrible: Fürst Charles de Ligne. Berichtet wird, der Fürst hauste im obersten Stock und war gern besucht worden. Sein Ziel war, in Wien beim Kongress die Rückgabe seiner Besitzungen zu erreichen, die in den Wirren der Französischen Revolution enteignet worden waren. Dieses Ziel hatte der Fürst mehr oder weniger erreicht, obwohl er bereits 1814 am Kahlenberg verstarb. Die enge Wiener Wohnung des Fürsten war oft aufgesucht worden, sogar vom Zaren, da viele sowohl seinen Rat suchten, als auch sich gern mit ihm unterhielten. Charles de Ligne war „mit Gott und der Welt“ auf vertrautem Fuß, war überall gern gesehen und seine klugen Gedanken waren sogar von Madame de Staél ediert worden.

Das sind aber nicht die einzigen Merkwürdigkeiten von Nummer 10, sagte Franz. Nach dem Fürsten lebte hier für geraume Zeit die Schwiegertochter Goethes. Die sehr lebenslustige Dame Ottilie von Goethe, die Frau von Goethes Sohn August, brachte hier 1835 ihr  uneheliches Kind zur Welt. So war sie übler Nachrede in Weimar entgangen, wie sie auch ihren Schwiegervater nicht kompromittieren wollte. Der Vater des Kindes war ein Captain Story, weshalb sich Ottilie in Wien auch Ottilia Storri nannte. Die Tochter Anna Sibylla starb aber bereits im Folgejahr. Die ehelichen Kinder weilten ebenfalls in Wien, vor allem die 1827 geborene Alma von Goethe, einer Enkelin des „Dichterfürsten“. Alma war nach Schilderungen ein wundervolles, hübsches „Wesen“, weshalb auch Franz Grillparzer recht gern bei Ottilie zu Gast war – etwa um 1842. Ottilie setzte ihr „Lotterleben“ fort, wurde bekannt für ihre Liebschaften, vor allem mit dem Nachbarn, dem Arzt Romeo Seligmann. 1844 starb Alma, die ihr  Bewunderer Grillparzer in einem langen Gedicht würdigte und ihe Abbild wurde zur „Austria“ am Brunnen auf der Freyung.

Mit einiger Erleichterung sprach Franz, mit den Geschichten von Nummer 10 sei jetzt Schluss. Ansai war keineswegs ungeduldig gewesen. Er hatte mit wachsender Neugier zugehört, was sich im Lauf der Jahre in einem Haus abspielt. Auch wenn die Ausführlichkeit zuweilen Ansai verwirrte, so war er fassungslos über die Mitteilung wie viele berühmte Musiker im Orchester bei der Uraufführung der „Siebenten Beethoven“ mitwirkten. Jetzt konnten sie endlich hinüber zur Universität gehen.

Franz war rechtschaffen müde, aber seinem Freund zuliebe wollte er den Weg bis ans Ende gehen – bis zum Ringturm am Ende des Schottenrings. Jetzt allerdings gingen sie gegen alle Vorschrift der Straßenverkehrsordnung über den Ring, teilweise liefen sie wegen der nahenden Fahrzeuge, doch auch Ansai fand dies als eine mögliche Überquerung einer Hauptverkehrsstraße. Darüber verloren sie kein Wort. Heil auf der gegenüberliegenden Straßenseite  angekommen, standen sie vor dem großen Gebäude  der Universität.

Eine Universität

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 von der Rampe aus über die Bedeutung des Hauses, der Bildung und der Geschichte. Franz war jeden Kommentars enthoben. 1356 hatte der habsburgische Herzog Rudolf IV. die Universität gegründet. Rudolf, so wird oft behauptet, war grenzenlos ehrgeizig wie eifersüchtig, speziell in Richtung seines Schwiegervaters Karl IV. in Prag. Kaum war in Prag die Idee geboren worden, eine mächtige Kathedrale zu bauen, ahmte sie Rudolf nach. Unmittelbar mit dem Veitsdom entstand die Stephanskirche, für die Rudolf natürlich Bauleute aus Prag abzuwerben versuchte. Kaum hatte man in Prag den Gedanken geäußert, eine Universität zu gründen, jagte Rudolf auch diesem Plan für Wien nach, was gar nicht so leicht war.
Wenn sich Ansai an den ersten Spaziergang erinnert, hatte er darüber schon Einiges erfahren. Im  übertragenen Sinn ist nun diese Universität das Konkurrenzunternehmen gegenüber Prag gewesen. Es war dann kein Ruhmesblatt, dass ausgerechnet diese Universität die Verbrennung von Jan Hus beim Konzil von Konstanz fanatisch betrieben hat. Allerdings hatte auch der Kaiser sein Wort gebrochen, da er Hus sicheres Geleit zusagte.

Das alles hatte Franz noch auf dem Weg über die Rampe zum Haupteingang erzählt. Der Empfangsraum, die Aula, ist ein geräumiger, heller und hoher Raum, fast wie der Festsaal eines Schlosses. Den Abschluss zum Innenhof bildet ein weit zu öffnender alter Holzrahmen-Glasverbau mit dem Blick auf einen historistischen Garten – ehemals. Links und rechts führen zwei großzügige Stiegen in die Seitenflügel oder Seitenrisalite des Gebäudes. Die rechte Stiege wird als Philosophenstiege bezeichnet, die linke ist somit die Juristenstiege. Am Ende der Juristenstiege dominiert Kaiser Franz Joseph das mächtige Stiegenhaus. Immerhin sind bis dorthin etwa 85 Stufen zu überwinden. Ansai fiel auf, der Marmorkopf des Kaisers sei zu groß. Franz erläuterte, dass ein Bombentreffer die Juristenstiege teilweise zerstörte und ebenso war des Kaisers Kopf in die Tiefe gestürzt. Damals hoffte man, es muss 1946 oder 1947 gewesen sein, man werde für die Statue einen kleineren Kopf anfertigen. Das war nicht der Fall. Der Kaiser war als erster wiederhergestellt worden, da war das Stiegenhaus zur Hälfte noch nicht passierbar.

Es ist ohnehin ein Wunder, dass die fortschrittlichen Kräfte in der Universität, deren gibt es viele, sagte Franz spöttisch, den Kaiser noch nicht entfernen ließen. Für solche wichtigen Geschichtskorrekturen gibt es alle sGeld der Welt.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                       
Ehe Franz die beiden Stiegen zeigte, machte er auf eine breite Nische links aufmerksam, in der in photomechanischer Bearbeitung die Nobelpreisträger dieser Universität präsentiert werden. Dahinter ist die Liste der gefallenen Angehörigen der Universität während der beiden Weltkriege im Marmor eingemeißelt. Es ist die seltsame Korrespondenz einer „Bedeutungsstruktur“.

Ansai war vom „Innenleben“ des Gebäudes beeindruckt. Obwohl es Spuren der Verwahrlosung erkennen lässt, ein merkwürdiger Gegensatz zum stillosen Einbau einer viel zu großen Portierloge an der rechten Seitenwand, ist die Aula viel begangen und es herrscht einiger Trubel der Kommenden und Gehenden. Früher war die Portierloge aus Eiche im altdeutschen Stil eine richtiggehende Behausung, die sich bescheiden an die Seitenwand schmiegte. Vor ihr stand meist ein Portier im mausgrauen Anzug, der Dienstkleidung, mit grauer Kappe, eine durchaus würdig-freundliche Erscheinung. Die beiden Portiere, die abwechselnd den Dienst versahen, kannten jeden Professor oder Assistenten und hin und wieder hatte sich ein Gespräch entwickelt. Jetzt sitzen hinter einer Glaswand zwei telephonierende Individuen in  der üblichen Kleidung: Jeans, T-shirt, NATO-Jacke und Tätowierung. Zumeist sind zwei oder drei im Glaskobel zu sehen, deren Tätigkeit nicht leicht zu erraten ist.

Nun belehren uns die Kunsthistoriker, und Franz sprach als würde er ein Referat halten, dass die Universität von Heinrich von Ferstel innerhalb von zehn Jahren, ab 1873 im Strengen Historismus erbaut wurde. Und behauptet wird, dass die Universität „gattungsspezifisch“ eine singuläre Leistung darstellt, da der Grundriss nach einer barocken Klosteranlage gewählt wurde. Die beiden Trakte, die er am Beginn noch ohne Ehrfurcht als Risalite bezeichnete und damit in ihrer Funktion minderte, gab Franz zu, umschließen vier Höfe: Vergleicht man sie mit dem Rathaus, fehlt das Muffige und Dumpfe. Und in der kunsthistorischen Beschreibung wurde sogar Franz schwindlig: zahllose Vorbilder lassen sich in der Anlage der Universität entdecken. Das Gesamtkonzept soll Ähnlichkeit mit dem Residenzkloster Escorial haben, dann vereint der Aufriss des Gebäudes Merkmale Wiener Barockschlösser samt Belvedere in der Gestaltung der Außenfassade. Der Abschnitt des Festsaales, über dem die Kuppel errichtet ist, soll in der Fassade ein Zitat der venezianischen Loggetta darstellen, wie dann der mittlere große Innenhof einem Ehrenhof nachgebildet ist, er gilt auch als Campo Santo der Wissenschaft, und soll als Nachbildung des Palazzo Farnese in Rom angesehen werden. Dieser Ehrenhof bietet den Anblick der Büsten und Denkmäler von 151 Skulpturen berühmter Wissenschafter, auch des Unterrichts- und Kultusministers Graf Leo Thun-Hohenstein (1811-1888), der durch seine Berufungspolitik die Wiener Universität aus dem Dornröschen-Schlaf geweckt hatte, wenn nicht die gesamte Donaumonarchie.

In der kunsthistorischen Beschreibung, die Franz fast auswendig zu rezitieren vermochte, war ihm dann doch die Strapazierung bedeutenderer Gebäude, die da als Muster herhalten müssen, zu viel. Es erinnerte ihn an den platten Positivismus in den Lehrveranstaltungen der Kunstgeschichte, die vornehmlich aus dem geistigen Training der Enträtselung unechter Brüche bestand war. So interessant die Entwicklung irischer Buchmalerei auch gewesen sein mag, so schwierig war dem Inhalt zu folgen, denn man war während der Betrachtung zahlloser Dias damit beschäftigt, die Jahreszahl zu ermitteln, die sich hinter dem Wortlaut versteckte: Drittes Viertel des ersten Drittels in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts…In dem Fall war diese Bibel etwa aus 1160.

Mag im Moment Ansai daran wenig Interesse bekundet haben, sie näherten sich der Philosophenstiege, so genügte doch der Hinweis, dass es sich bei der Buchmalerei um die kunstvolle Abschrift heiliger Schriften handelt. Damit konnte Ansai sofort etwas anfangen. Er beantwortete den fragenden Blick von Franz mit der Erwähnung des Kojiki, das erste Buch, das Auskunft über die Entstehung der Erde, der Sprache, des Heíligen gibt. Es soll von O no Yasumaro umm 712 n Chr. verfasst worden sein. Schriftmeister Hieda no Are hatte es aus dem Gedächtnis diktiert, wobei unklar ist, ob der Schriftmeister ein Mann oder eine Frau war.

Franz schilderte nun seinerseits die von ihm erwähnte Malerei, die erst im 15. Jahrhundert in den Besitz des Stiftes Admont kam, aber aus einer Notlage an die Österreichische Nationalbibliothek 1937 verkauft wurde. Daher stammt der Name Admonter Riesenbibel, einmal sogar als Pfand von Westungarn an Sankt Andrain in Zala gelangte. Eigentlich stammt diese Bibel aus Salzburg, aus der Zeit stammt auch die Datierung. Im Fall des Kojiki hätte der Kunsthistoriker gesagt: Zweites Fünftel des ersten Drittels in der ersten Hälfte im 8. Jahrhundert. Beide lachten und Franz fügte hinzu, derartige Marotten in der Ausbildung bleiben hängen, von der Riesenbibel bleibt nichts im Gedächtnis. Dem stimmte Ansai nicht zu. Daheim hatte er natürlich eine Kopie des Kojiki und wirft auch einen Blick hin und wieder hinein.

Inzwischen waren sie am Treppenabsatz der Philosophenstiege angelangt. Am Steinboden war eine Inschrift eingraviert. Franz las  sie vor:  Moritz Schlick – Protagonist des Wiener Kreises wurde am 22.Juni 1936 an dieser Stelle ermordet. Ein durch Rassismus und Intoleranz vergiftetes geistiges Klima hat zur Tat beigetragen.

Beide hielten kurz inne. Beiden war der Wiener Kreis der Philosophie geläufig. Den Kreis hatte der Physiker und Philosoph Ernst Mach ins Leben gerufen – noch vor 1900. Es war eine strikt positivistische Denkmethode entwickelt worden, die so unterschiedliche Personen vereinte. Auf der einen Seite war Otto Neurath bekanntes Mitglied des Kreises geworden, der den Positivismus noch gehörig steigerte, auf der anderen Seite firmierte Ludwig Wittgenstein als Gast. Zwischen Wittgenstein und Karl Popper war es später zu einem heftigen Streitgespräch gekommen, bei dem Wittgenstein Popper mit dem Schürhacken des Kamins bedrohte. Franz wollte aber diese Geschichte am Stiegenabsatz nicht zu Ende führen, obwohl sie Ansai gern gehört hätte. Franz wollte dennoch die Inschrift am Steinboden kommentieren. Alle angeführten Punkte der Inschrift sind richtig. Es war aber der Mord an Schlick nicht aus den hier genannten Motiven ein gezieltes Attentat. Der Mörder, der Nelböck hieß, war mit einer Studentin Schlicks verlobt. Schlick wusste von der schwierigen Lebenssituation, der Täter war krankhaft eifersüchtig, hatte sich einer anderen philosophischen Richtung verschrieben und steigerte seinen Hass auf Schlick nach der Mitteilung der Verlobten, dass sie sich von Nelböck zu trennen wünsche. Schlick habe ihr dazu auch geraten. So war es im Grunde ein simpler Mord aus Eifersucht. Das ist die eigentliche Geschichte, sagte Franz. Dass dann die Motive wie Rassismus und Intoleranz hinzugefügt wurden, war nicht das Motiv der Tat, es entsprach gewiss der politischen Stimmung in Wien. Der Mörder wurde nach Einmarsch der Nazis in Wien 1938 bald aus der Haft entlassen. Als der bekannte Professor Philosophie, Viktor Kraft, 1951 in einer Monographie zum Wiener Kreis den Mörder als einen Psychopathen beschrieb, klagte Hans Nelböck. Der Prozess endete mit einem Vergleich, da sich Kraft bedroht fühlte.

Ansai war nicht so sehr von dem Mord entsetzt, da ja Attentate gegenwärtig oft stattfinden und das Leben zahlloser Menschen plötzlich aus Willkür auslöschen, so erschütterte Ansai weit mehr, dass ausgerechnet in Wien eine Unfähigkeit des Dialogs wahrzunehmen ist. Offenbar hatte sich Schlick seines Dissertanten Nelböck angenommen, verschaffte ihm die Lektorenstelle an einer Volkshochschule, was aber den Mord nicht verhinderte. Ansai zeigte an, dass er über Wien und über solche Geschichten in Wien sehr gut Bescheid weiß. Im Grunde hätte er über das Attentat ebenso reden können wir Franz. Oft hatte Ansai die Vorlesungen von Hiroshi Kujima gehört, der eher phänomenologisch im Sinne Edmund Husserls orientiert war, doch den Wiener Kreis ausführlich darstellte. Oft war das „Unbehagen im Denken“ das Thema in Tokyo gewesen und noch dort hatte er von der Dialogphilosophie Martin Bubers und Ferdinand Ebners erfahren. Das alles hatte es vor 100 Jahren in Wien gegeben! Das war die Ursache von Ansais Entsetzen. Hätte er hier am Sterbeort von Moritz Schlick Franz vorwerfen sollen, dass sich gerade in der Philosophie in Wien nichts gebessert hat? Hätte Franz ihn verstanden? War er nicht auch ein Schüler jener „post-Hegelschen“ Philosophie Erich Heintels und einem platten Marxismus? Das hatte sich bis Tokyo herumgesprochen. Das war unter anderem von Nitta Yoshihiro oder Shimomisse Eiichi thematisiert worden. Was war zu der Zeit in Wien? Im Neuen Institutsgebäude hatte man zwischen den beiden Lehrkanzeln der Philosophie eine Mauer errichtet. Sensationell!, sagte Ansai und Franz verstand nichts mehr. Wer dachte hier an den weiteren Weg des Philosophierens? Wer würde hier die menschliche Person noch als ein „topisches Selbst“ denken. Das darin enthaltene geschichtliche „Subjekt“ wäre zugleich die Umkehrungsgestalt des Absoluten. Ansai erwies sich als aufmerksamer Schüler von Kitaro Nishida. Das alles klang furchtbar fremd in den Ohren von Franz. Dass sie wie zu Ehren von Moritz Schlick hier zu philosophieren begannen, darauf beharrten, ohne Streit anderer oder gegensätzlicher Meinung zu sein, war im Grunde die Hommage an eine Universität. Franz wollte in diesem Moment die geistige Situation nicht kommentieren, sondern im Gedenken an Schlick verweilen. Ansai sah sich hingegen veranlasst, was auch ein Trost für Franz sein soll, dass ihre Debatte typisch für Wien und die Universität ist – trotz allem noch immer! Deshalb kam er her! Im Verborgenen gibt es das noch, was er in amerikanischen Büchern über den „Austrian Mind“ gelesen hatte. Und dass sie das hier wiederbelebten, zeugt von der Unsterblichkeit der Philosophie.

Franz fragte Ansai, ob er noch einen Blick in den Festsaal werfen will, auf die Reste des Prunks, den ein Kunsthistoriker mit dem Palazzo Farnese verglich? Ansai war unschlüssig. Einmal war er ja hier gewesen – vor Jahren. Da war er über diesem Kompromiss zwischen altdeutschem Eichenmobiliar und Fin de siècle Malerei überrascht. Unklar war ihm geblieben, ob das Deckenfresko von Klimt war oder von Franz Matsch?  Heute votierte er für Matsch und wollte den Sieg des Lichts über die Finsternis nicht nochmals sehen. Zu dunkel sind die Schatten, die die Geschichte der Universität bis heute bedrohen, ja einzuholen scheinen.

Also gingen sie die Stufen wieder hinunter. Franz wollte ihm noch den zerstörten historistischen Garten des Innenhofs zeigen. Als Ansai merkte, dass ein Drittel des Innenhofs gepflastert ist, dankte er für jede weitere Einsicht ins universitäre Innenleben.

Das Schottentor

Während sie die Rampe der Universität hinuntergingen wies Franz auf das gegenüberliegende Ephrussi-Palais. Ansai antwortete wie aus der Pistole geschossen, dass der prächtige Bau von Theophil Hansen sein muss. Er hatte natürlich recht. Mit Ausnahme des Parlaments weist jedes Gebäude von Hansen diese ziegelrote Farbe der Fassade auf. Es war mehr als nur sein Markenzeichen. Er wollte die Authentizität des Baustoffes wieder zum Vorschein bringen, den er aus seiner Beschäftigung mit der Antike in so unterschiedlicher Verwendungsart kennen gelernt hatte. Das Ephrussi-Palais war das letzte Gebäude, das Hansen geplant hatte. Er hatte mit Sorgfalt den vielfältigen Wünschen der Bankiersfamilie Rechnung getragen. Walter Benjamin bezeichnete einmal die Ausstattung dieser „Halb-Palais-halb-Großbürgerhäuser“ als Ausdruck einer „Wohnsucht“, die schwer zu überbieten war. Dabei war man in der „Ringstraßen-Zeit“ vom Makart-Stil schon geläutert. Diesen Schwulst samt Philodendron, die schweren Vorhänge, die  vermutlich nach Naphtalin rochen, die schwer vergoldeten Bilderrahmen, in denen noch düsterere Gemälde waren, die dunkelroten oder blauen Damast-Tapeten waren nicht mehr en vogue. Als erster brachte Hansen wieder Licht, Luft und Sonne in die Salons, was aber nicht sein vordringliches Ziel war. Sein Ziel war der Kampf gegen die Tuberkulose, soweit er medizinisch beraten war.

Franz schien entsprechend der Größe des Ephrussi-Palais zu einem längeren Vortrag anzusetzen. Ansai fragte ihn nach dem Grund dieser detailreichen Schilderung, wo er sich hingegen beim Vorbeigehen an der Hofburg sehr zurückgehalten hatte. Die beiden berühmten Museen, zwischen denen das große Denkmal für die Maria Theresia steht, hatte er fast übergangen.

Zur großen Überraschung von Franz war Ansai mehr aufgefallen als zu vermuten war. Ansai hatte Erklärungen vermisst, deren Fehlen er jetzt Franz vorwarf. Es war ein unüberhörbarer Misston. Franz wollte sich gar nicht rechtfertigen. Ihm lag schon die Frage auf der Zunge, ob Ansai nun auch zu jenen „Japanern“ gehört, die Wien an einem halben Tag ansehen und ganz Europa in einer Woche. Die Frage unterdrückte er. Dennoch reagierte er ungehalten. Ansai hatte von ihm eine Menge erfahren, er habe ihm deshalb auch immer Zeit gegeben, die Lebensart seines Landes als Kontrast gegenüberzustellen. Er habe sich nie als Fremdenführer gesehen, der mit gezücktem Regenschirm und Sprechfunkgeräten wie der Rattenfänger von Hameln durch die Stadt zieht, um zu  erzählen, dass den Dombaumeister Buxbaum der Teufel holte, oder eine eitle Dame vom Teufel verschont wurde, weil sie ein Stoßgebet zum Himmel richtete. Bereits in der Schönlaterngasse hätte er ihm vom legendären Obelisken berichten und am Heiligenkreuzer Hof vorbeigehen können, ohne dass Shin bemerkt hätte, dass hinter dem breiten Tor sich ein architektonisches Kleinod befindet. In der Universität hatte er Ansai von dem schrecklichen Mord am Philosophen informiert. In Wien würden das 90 Prozent der Bewohner nicht wissen. Also weiß er mehr als der überwiegende Teil der Bevölkerung.

Er werde ungeachtet der Kritik den Weg fortsetzen. Ansai könne ja vom Schottentor mit dem Bus zum Hotel fahren, oder für den nächsten Tag gäbe es diese Tour „Hop on hop off“ – eine Alternative, obendrein im Sitzen.

Ansai lenkte ein. Sein Einwand habe dem Umstand gegolten, dass er von Objekten nichts erfuhr, die ihm die Reiseführer empfohlen hätten, hingegen waren sie vor Häusern stehen geblieben, die nirgendwo mit einem Wort erwähnt werden. Deshalb haatte er Franz unterbrochen, da er hinter der Auswahl der betrachteten Objekte kein System erkennen konnte. Im ersten Moment, führte Ansai aus, blickte aber doch auf die Fassade des mächtigen Ephroussi-Palais, ist es doch grotesk, hier vor diesem Haus zu verweilen, während Franz über die  beiden Museen kein Wort über die Lippen kam. Da würde auch „der besterzogene Japaner“, das hatte Ansai bewusst spöttisch formuliert, störrisch werden und sich wundern. Franz akzeptierte diese Erklärung. Um das Einvernehmen wieder herzustellen, wollte er die Diskrepanz am Beispiel der Geschichte dieses Hauses erklären. Ephrussi war eine der reichsten Familien der Donaumonarchie.  Angeblich konnte der Sohn Leon aus Odessa kurz einee Schule in Wien besuchen, da dieser den freien Platz erhielt und nicht der Jahrgangsbeste Isaac Babel. Das hatte der spätere Sowjet-Kommunist in seinen „Geschichten aus Odessa“ geschrieben. Babel wurde ein berühmter russischer Schriftsteller, war aber auf Geheiß des Beria verhaftet und einen Tag nach der Verurteilung 1940 erschossen.

Der Familie Ephrussi erging es nicht besser. Nun muss Franz eine Reihe von Irrtümern einbekennen, die er stets bei Anblick dieses Hauses rekapitulierte, bis er glaubte, die Wahrheit zu wissen. Bis zur Veröffentlichung des Romans „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ von Edmund de Waal, einem Enkel des Victor Ephrussi, 2010 in London, wusste eigentlich kaum wer, dass die  Familie Eigentümerin des Hauses war. Plötzlich war der Name in aller Munde. Bisher habe er geglaubt, der Architekt war einer der Architekten Foerster, nun muss er diese Annahme korrigieren: es war Theophil Hansen. Ihm war unbekannt, dass das Haus als erstes von Alfred Rosenberg persönlich „arisiert“ wurde. Er hatte geglaubt, die „Casino Austria“ habe es rechtmäßig erworben und dann weiter verkauft. Es wurde zuerst einmal 1938 der „Amtssitz“ von Rosenberg. Die Familie Ephrussi hatte alles verloren.

Mit einer Sonderausstellung im „Jüdischen Museum“ kam es zum Treffen aller lebenden 40 Familienmitglieder und mit diesem Aufsehen förderte die Gemeinde Wien den Roman durch den Druck von 100.000 Exemplaren. Mit dieser Geschichte, Franz begann sich zu verteidigen, ist dieses Haus vis a vis wichtigwer als die Museen, die wegen ihres Inventars reüssieren, nicht in der üblichen Architektur eines aufgedonnerten Historismus. Es ist auch der Entwurf vermutlich der beste Weg, aus den Schablonen der Ringstraßen-Architektur auszubrechen. Hansen nahm die „Kurve“ der Ringstraße in sein Konzept auf, ließ bewusst ungeklärt, wo nun Haupteingang oder Nebeneingang ist, ließ auch offen, ob das Gebäude mehr zum nicht mehr vorhandenen „Schottentor“ blickt oder zum Ring. Hansen hatte die nicht mehr vorhandenen Baumreihen nicht als Störung empfunden, sondern in der Allee ein zu nutzendes Ambiente gesehen. Was alles in dem riesigen Haus unterzubringen war, ist ihm ein Rätsel, jedenfalls war die Widmung der Belletage durch die Familie fast schon als bescheiden zu bezeichnen, wenn man Billard- oder Rauchzimmer als normales Raumprogramm erachtet.

Endlich erhielt Ansai wieder eine Erklärung, die ihm dieses Gebäude rasch verstehen ließ und er nun Vergleiche anstellen konnte, die weniger befriedigend waren. Die weniger attraktiven Häuser hatte er schon zur Genüge am Burgring gesehen und  – wenn er sich jetzt umblickt, sah er eine Reihe solcher Bauten, die nicht die Qualität von Hansens Gebäude haben. Entlang der Währingerstraße drängen und bedrängen sich zwar mächtige Gebäude, denen aber jeder Charme fremd ist. Dafür war sofort ein sehr primitiver Dachausbau zu erkennen, davor waren dem Gebäude zwei Ausbauten in grüner Guglhupf-Form aufgesetzt worden. Hier begann die Stadtzerstörung unmittelbar am Ring. So Geschäfte vorgesehen, sind sie in ihrer verkümmernden Ästhetik eher nach der immer deutlicheren Steigerung ihrer Hilflosigkeit zu bewerten und sind weit entfernt vom  waghalsigen Fortschritt.

Im Hintergrund pflanzt sich die Votivkirche als perfekte Neogotik auf, die Ansai sehr an vergleichbare Kirchen in den USA erinnerte, etwa Saint Patrick in New York. Auch hier sah sich der Architekt Ferstel in seinem Entwurf nicht an die Beibehaltung des historischen Raumkonzepts für eine Kathedralgotik gebunden.

Franz setzte dort an, wo Ansai in Gedanken begonnen hatte. Adolf Loos hatte schon Kritik daran geäußert, dass die Kirche nicht in einen Platz „eingebaut“ wurde, wie man es hinter der Kirche andeutungsweise versucht hatte. Wieso konnte Ferstel, der doch ein perfektes Imitat geschaffen hatte, den nächsten Schritt nicht machen? Warum hatte er es verabsäumt,  diese gotische Kirche in ein städtisches Ambiente zu integrieren? Vorbilder kannte Ferstel sicherlich – wie eben das Straßburger Münster, dessen ehrfurchtgebietende Größe sich dem Betrachter unmittelbar nach Durchschreiten enger Gassen und Winkel eröffnet? Franz wiederholte, was Loos schon heftig kritisiert hatte. Obendrein, was Loos nicht wissen konnte, war mit dem „Verkehrsbauwerk“, nämlich die Straßenbahnlinien nach Währing unters Straßenniveau zu führen, eine große Grube entstanden, die die optische Festigkeit der Kirche samt dem riesigen Vorplatz untergräbt. Ausgerechnet hier eine zweite Ebene zu schaffen, war städtebaulich kein Ruhmesblatt, sagte Franz  Es trifft aber die unternehmungslustigen 50er und 60er Jahre keine Schuld. Die Kirche war ja wegen eines Attentates auf den Kaiser gebaut worden – als Dank für die Errettung. Sicherlich hatte man nach einem freien, repräsentativen Platz für diese Kirche gesucht und das gab es nur mehr am „militärischen Vorfeld“ zwischen Hofburg und Kaserne. Für den Einsatz der Artillerie wurde dieses Vorfeld  als Sammelort des Regiments der Rossauer Kaserne gegen jede künftige revoltierende Bevölkerung frei gehalten. Der Schock von 1848 saß noch tief. Und so war ein Akzent geschaffen worden, der einfach falsch gesetzt wurde. Hätte man statt eines neogotischen Entwurfs eine freistehende neobarocke Kirche gewählt, wäre das Problem jedenfalls geringer.

Bei der Gelegenheit musste er Ansai eine lustige Begebenheit erzählen. Er fuhr in der Straßenbahn und beobachtete, dass zwei japanische Mädchen ihre Fahrt am Stadtplan nachzuvollziehen versuchten. Es gelang ihnen nicht. Endlich erschien die Votivkirche. Am groben Stadtplan war ebenfalls eine gotische Kirche verzeichnet. Sie meinten, jetzt ihren Standort zu kennen, obwohl kein Fluss in der Nähe der Kirche war. So hatte er den Plan der beiden Mädchen näher angesehen. Es war der Stadtplan von Köln.

Beide lachten. Wie aus einem Mund sagten beide: Touristen.

Das alte Parlament stand am Beginn der Währingerstraße, setzte Franz fort. Das hatte er schon erwähnt. Das Original sah aus wie der „Sauerhof“ von Kornhäusel in Baden. Mit dem Neubau war das ganze Areal zum Bauland geworden und die Angst vor der Revolution war 1870 geschwunden. Nun aber musste er um die Aufmerksamkeit von Ansai bitten, was er schon angedeutet hatte. Zwei Spezialisten für Planung von Bankgebäuden erhielten den Auftrag, hier ein klobiges repräsentatives Gebäude zu errichten. Ernst Gotthilf-Miskolczy und Alexander Neumann übernahmen den Auftrag und zwischen 1909 und 1912 wurde gebaut.

Franz begann mit ähnlicher Verve übers Bankgebäude zu reden wie übers Ephrussi-Palais. Während es Hansen gelungen ist, „sein“ Haus an die Schottengasse und an den Ring anzupassen, so war das den Bank-Spezialisten nicht gelungen. Sie entschieden sich für die frequentierte Schottengasse, hatten aber aus Anerkennung der Ringstraße auch ein Portal „ringseitig“ vorgesehen. Während Hansen die Allee nutzte, wie gesagt, und sich dem Straßenverlauf „stellte“, hat die Ringfassade der Bank am Ring jede Funktion verloren und ist zur Kulisse erstarrt. Ansai kann nun sehr genau sehen, dass die beiden Architekten wegen der inneren Organisation des Hauses mit der Ringstraßen-Seite nichts mehr anzufangen wussten. Sie hatten zwar einen phänomenalen Kassensaal geschaffen, der der Würde der Bank voll gerecht wurde, so war durchwegs nur die eine Seite an der Schottengasse interessant geblieben. Natürlich kann man an Hansen kritisieren, das Speisezimmer der Belle Etage in die Mitte des Gebäudes vorgesehen zu haben, wobei Belichtung und Belüftung ein erhebliches Problem darstellen. Solche Mängel wurden durch die Ausstattung kompensiert. Das war in der Bank nicht erforderlich, da sie bereits die neuen Ansätze des Sezessionismus besaß, die sich nicht nur an der Fassade, in der Art der Fenster, der Strukturierung der Längswände bemerkbar machen, sondern es war eben a priori an ein Bürohaus gedacht worden.

Ansai teilte diese Interpretation. Was das Gebäude von Hansen betrifft, dachte er unentwegt an den Toshogu-Schrein, der trotz seiner Ausdehnung die Harmonie beibehielt. Es war zwar die Ausbildung der drei Baukörper klar voneinander getrennt worden, aber die Ausführung der Fassaden erwarb sich eine transformierte Ästhetik, die schließlich die vorhergehende Harmonie nicht mehr benötigte. Mag das Ephrussi-Palais 12 Mal größer sein, so war es Hansen gelungen, Palais, Wohnen und Arbeiten zu kreuzen. Darin sah Ansai die Stärke der Häuser der Ringstraße, dass sie unterschiedliche Funktionen gemäß der Zugehörigkeit zur bürgerlichen Oberschicht verbinden konnten. Das war die kaum mehr sichtbare Leistung des Historismus, die im „Dehio“ großteils als „Neuer Wiener Renaissancehistorismus“ bezeichnet wird.

Franz beobachtete seinen Freund, sah, dass er in seinen Erinnerungen „Ordnung schaffen“ wollte und schwieg daher. Kaum war zu vermuten, Ansai ansprechen zu können, fragte er ihn, ob er nun den ehemaligen Kassensaal sehen will? Ansai zögerte. Daher genügte der Hinweis von Franz, dass dieses stolze und etwas hochmütige Gebäude ohne jeden Charme in der Struktur und Funktion zerstört wurde. So ist das Gebäude ein Symbol eines unbegreiflichen Niedergangs. Wie in Wien üblich, ist der Kassensaal ein Lebensmittelmarkt, bei deren Adaption man nicht einmal ein Minimum des Verständnisses für den alten Bestand aufbrachte.

Ansai konnte dieser Einschätzung noch nicht zustimmen. Er fragte sich vielmehr, ob es überhaupt einen genuinen Historismus in Japan gegeben hat? Ihm fiel nur das Museum in Kyoto ein – Kyoto-shi bijutsukan –, das im Stil des Historismus erst 1928 nach Plänen von Kenjiro Maeda begonnen wurde. Eröffnet wurde das Backsteinbauwerk 1933. Es ist ein langgezogener Baukörper, der den mittleren Teil durch ein wuchtiges Portal hervorhebt. Die Fassade ist durch Lisenen strukturiert, eine Fensterreihe ist nur im Erdgeschoss. Das Gesims zieht sich über die gesamte Länge des Bauwerks und dient der Belichtung im oberen Stockwerk. Im Grunde ein zweigeschossiger Bau, der erst darüber die Funktion der Verwaltung und Publikumsbetreuung vorsieht.

Vor einigen Jahren wurde das Museum teils renoviert, teils wurde ein gänzlich neues Konzept von Jun Aoki und Tazzo Nishizawa für das Museum entwickelt. Dieses scheint den bestehenden Bau zu „unterfangen“. Es wird über den gesamten Grundriss ein Untergeschoss eingebaut, wodurch in den Innenräumen ein völlig geändertes Design wirksam wird, auch durch die veränderte Raumhöhe. Mit der rigorosen Reduktion in der Raumanordnung entstanden neue, klare Raumstrukturen, in die elegante Stiegenhäuser als geometrische Körper eingeschnitten wurden. Ansai berichtete, dass er von der gelungenen Symbiose der beiden Konzepte – 1933 und 2020 – nach seinem Besuch überzeugt wurde. Der Sammlungsbestand wurde um zeitgenössische Kunst erweitert, vornehmlich durch Objekt- und Design-Kunst. Einerseits blieb die Sammlung der jüngeren japanischen Malerei bestehen, andererseits wird weiterhin die Sammlung japanisch-expressionistischer Malerei des 19. Jahrhunderts mit starkem europäischen Einfluss gezeigt.

Ansai erwähnte diesen gelungenen Umbau, da sich ja bei der ehemaligen Bank am Schottentor eine vergleichbare Aufgabe gestellt hatte. Hier musste man ebenfalls mit dem Bestand kreativ umgehen, doch davon ist nicht die Rede. Franz begrüßte Ansais Ergänzung, während sie sich das neue Museum in Kyoto am Laptop ansahen. So konnte man nachdrücklich beweisen, was man am Schottentor nicht nur versäumte, sondern als erbärmlichen Murks bezeichnen muss. Keine einzige Stellage, kein Segment in diesem „Fress-Tempel“ wurde dem Raum zugeordnet, oder war im Bezug auf den Raum entworfen. Alles sieht so aus als hätte man irgendwelche  Möbel zu Sonderpreisen aus einem Baumarkt en gros eingekauft und nach Belieben aufgestellt.

Sie kehrten um. Sie beschlossen, dem Schottenring zu folgen.

Der Schottenring

oder: wie die Stalinallee in Berlin heute aussehen könnte.

Am Schottenring befriedigt nur der Rückblick auf die räumlich gestaffelte Universität. Da erscheint sie wirklich als lebendiger Baukörper. Die Häuser nach dem Schottentor sind schwer einzuordnen, erklärte Franz, da sie von Beginn an mit Renovierungen und Umbauten den Charakter der Ringstraßengebäude einbüßten. Einmal reihten sich an das Bankgebäude strikt historistische Gebäude, deren renovierungsbedingten Veränderungen auf der Seite der Innenstadt „unauffällige“ Miethäuser zurückließen. Deren bescheidene Qualität wird durch die Gnade der Baumreihen genauerer Ansicht entzogen. Ebenso „unsichtbar“ werden die Geschäfte, deren Portale, die eher für Ausfallsstraßen der Randbezirke geeignet wären.

Würde nicht schon von weitem die Börse „winken“, ein exemplarischer Entwurf von Theophil Hansen, wäre bis dorthin Trostlosigkeit angesagt.

Franz nahm den ersten Band des „Dehio“ zur Hand und las Ansai laut die Beschreibung der Häuser vor, die auf der gegenüberliegenden Seite zu sehen sind. „Hotel de France: Erbaut 1872 von Franz Fröhlich, Gebäudeensemble mit ortsteingequaderten Seitenrisaliten und additiven Giebelfenstern. – Nummer 3, leicht vortretende, schmale Fassade, – breitere Fenster, korinthische Riesenpilaster in der Rücklage, durch Karyathidhermen zweigeteilte Fenster in Mezzanin und Attika, seichter Beletagebalkon. Nummer fünf: Eckhaus mit ionischem Pilasterportal und Beletagebalkon über gebänderten Pilastern sowie Eckrisaliten mit Ädikulen, Balkonen und Eckpavillons. Pyramidenstümpfe mit Ädikulagaupen. Gedenktafel für Anton Bruckner….

Beide griffen sich an den Kopf. Die Beschreibung mag stimmen, die Fachwörter erschweren die Anschaulichkeit und üben sich in nobler Zurückhaltung, die Qualität der Gebäude zu beurteilen. Die Hausnummern 7 bis 9 bezeichnen nun das Amtsgebäude der Polizeidirektion. Der Architekt war Alfred Dreier und die Direktion wurde um 1970 errichtet. Es ist ein auf einem Betonsockel errichteter Fertigteilbau, insgesamt eine Stahlbaukonstruktion, die man sich zu dieser Zeit gut in Ost-Berlin hätte vorstellen können. Franz ist regelmäßig verwundert, wie überhaupt ein derartiger Entwurf die Baubewilligung erhalten konnte? Auf der anderen Seite stützt das Aussehen des Gebäudes das Argument von Franz, dass man in Wien mit einem Vermächtnis entweder nichts anzufangen vermag, oder erst gar nicht den Wunsch aufkommen lässt, sich mit neuen Mitteln der alten Ästhetik gegenüberzustellen. Das war einmal Appelt am Opernring mit dem „Steyr-Daimler-Puch-Haus“ gelungen, doch wurde das Haus „abgefackelt“.  Bei der Polizeidirektion stellt man sich gegen die Gesinnung dieser Straße, die doch immerhin in ihrer vormaligen Qualität zu berücksichtigen ist, argumentierte Franz. Man muss eben trennen zwischen dem politischen Geist, den man nicht teilen muss, und dem ästhetischen Anspruch, der erhalten blieb.

Nun ist das Gebäude auf „geschichtsträchtigem Grund“ gebaut worden. Hier stand bis 1881 das „Ringtheater“. In einem Flammeninferno brannte es ab und nahezu alle Insassen fanden den Tod. Das Theater war von Emil von Foerster geplant worden und stand nicht einmal 10 Jahre. Die Katastrophe, an die noch immer die Aussage eines diensthabenden Polizeibeamten erinnert: Alles gerettet!, war für jede weitere Baumaßnahme ein Schock. An Stelle des Theaters war zum Andenken an die Opfer ein Sühnhaus 1882 nach Entwurf von Friedrich von Schmidt errichtet worden. Wegen eines Bombentreffers 1945 entschied man sich für den Abriss der Ruine. Mit dieser Vorgeschichte war die Polizeidirektion belastet, doch, wie man sieht, waren offenbar Bauherr und Architekt von allen düsteren Erinnerungen befreit und bemühten sich mit der „Direktion“ ihre Missachtung der Zeit, der Gesinnung, der Kultur zum Ausdruck zu bringen. Das ist den Bauträgern gelungen, lobte Franz.

Die Reste des Schrecklichen Feuers im Ringtheater sind im Uhrenmuseum erhalten. In den Vitrinen liegen die zum Teil verkohlten Taschenuhren der Besucher. An der Art der verbrannten Uhren kann man ungefähr die soziale Herkunft der verstorbenen Besitzer erschließen. Es waren zumeist Angehörige der Bourgeoisie, die sich auf einen entspannten Theaterabend freuten.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        

Gleich nebenan mit der Hausnummer 11 gelang es dem Entwurf des „Hilton-Plaza-Hotel“ von Kurt Hlawenicka 1988 in die Liste der Wiener „Monumentalbauten“ im „Dehio“ aufgenommen zu werden. Der Beschreibung folgt man mit fassungslosem Staunen. Und es heißt da, las  Franz laut: „Sockelloser, stein- und metallverkleideter Stahlbetonbau mit abgetreppten Eckpfeilern, vertikale Fensterbänder, sowie polygonal vorkragenden Obergeschossfensterachsen unter konvex zulaufender Attika mit Geländer. Erdgeschossfenster mit Metallrelieffries; Krieger, Tänzer, Pfauen, Pegasus, Musikanten.“ Und die Hoteleinrichtung zeigt, was gut und teuer ist. Hier sind alle Pionierleistungen der Moderne wahrscheinlich in Kopie benutzt worden – um eine „japanisierende  Wandgestaltung“. Die Architekten bemühten sich, nicht nur alle Zitate von Adolf Loos, Josef Hoffmann, Bauhaus Weimar hier einzubringen, sondern auch mit Mobiliar zu versehen, das an Hochstapelei gemahnt: Frank Lloyd Wright, Mies van der Rohe, Eliel Saarinen „im Chesterfield Stil“. In der Hotelhalle ist ein Torso von Anton Hanak aus 1906 zu bewundern.

Bei der Lektüre kicherten Franz und Ansai wie zwei Schuljungen, die einen Streich verübten. Damit verbargen sie Zorn und Enttäuschung über diese Schwindeleien,

Ansai fragte, ob die Ringstraße mit dem Schottentor endet? In seinen Augen konnte es nicht sein, dass nach wenigen Metern dieser Absturz zu bobachten ist. Es müsse dahinter irgendeine böse Kraft geben, meinte er. Nochmals erwähnte er das Museum in Kyoto, mit welcher Präzision man eine Verbindung von „alt und jung“ herstellte. Man sieht buchstäblich die Wertschätzung des alten Gebäudes, das man nun in ein neues Gewand kleidet: behutsam, zurückhaltend, sensibel. Hier, an der Wiener Ringstraße gewinnt man angesichts beider Häuser den Eindruck, man habe die Pläne verwechselt. Die Häuser hier habe man vermutlich in Ost-Berlin bauen wollen. Vielleicht stehen jetzt respektable neue Häuser in Ost-Berlin und veranlassen zum Schwärmen über den Aufbruch der Moderne im Osten, über die Ablöse des sozialistischen Realismus?

Franz  hätte noch viel mehr Gründe zur Klage. Angesichts beider Bauten machte er Ansai nochmals auf das Problem aufmerksam, das in Wien immer wieder hoch kommt, nie verschwindet, aber regelmäßig mit neuer Vernichtungskraft alles hinwegfegt, was irgendwie die Wohnlichkeit der Stadt erhalten will. Hier war von nichts etwas verstanden worden, was wir in der Modernen zu beachten haben. Und Franz dozierte vor der Polizeidirektion, dass eine Wand schön sein kann, nicht nur wegen ihrer plastischen Form, sondern welchen Eindruck sie bei uns hinterlässt: Bequemlichkeit, vornehmes Wesen, oder Macht und bösartige Brutalität. Eine Wand kann abweisend sein oder gastlich. Jede Wand ist geheimnisvoll, denn sie weckt Gefühle.

Gestikulierend zeigte Franz auf diesen vermeintlichen Kubismus, der sicherlich dem Architekten als Argument diente, als wäre er der zweite Josef Chochol. Das kann man in Wien vielleicht behaupten, empörte sich Franz, doch jeder der den tschechischen Kubismus kennt, sieht sofort den Unterschied zu diesem Machwerk. In Prag ist der Kubismus in der Architektur von besonderer Bedeutung und ein „Leckerbissen“ für jeden Liebhaber.

Neugierig näherte sich ein Polizist. In der Vermutung eines kleinen Auflaufs, machte er darauf aufmerksam, dass das Verweilen vor dem Haupteingang der Polizeidirektion ein ordnungswidriges Verhalten ist.

Wortlos zogen beide weiter.   

Die Veruntreuung von Theophil Hansen.

Ansai ging gehorsam hinter Franz. Inzwischen war er müde geworden. Er wollte es sich nicht eingestehen, aber nach dem langen Marsch über die Ringstraße, dachte er hin und wieder daran, wie bequem es wäre, das alles aus dem Bus zu betrachten. Er schämte sich, Franz dieses Geständnis zu machen.

Auf Franz lastete inzwischen das gegenteilige Problem. An ihm nagte das unangenehme Gefühl, er würde immer wieder dasselbe sagen, ihm gehen die Worte aus, sein Repertoire der Schilderungen ist erschöpft. Würde er überhaupt noch eine Neuigkeit mitteilen können? Weiß er noch Neues?

Einige Zeit gingen sie wortlos nebeneinander her. Franz war nichts anderes eingefallen als Ansai darauf aufmerksam zu machen, dass Alleebäume nachgepflanzt wurden, aber kein Ahorn mehr, sondern Tamarisken.

Das hatte Ansai längst bemerkt, dass man offenbar die Ergänzung der Primärpflanzungen aufgegeben hatte. Trockenheit oder Klimawandel begünstigten im städtischen Bereich südliche Baumarten. Hinter dem schütteren Bewuchs kam die Börse im näher. Es war das erste Gebäude, das nach dem Krieg in Brand geriet. Das Innere des Gebäudes war völlig ausgebrannt. Im Rückblick kann man behaupten, dass der Brand allen möglichen Interessen entsprach. Einerseits hatte ein derart großes Haus für den immer geringeren Gebrauch der Funktionen fast ausgedient, andererseits wwar der Börsenhandel in Wien nach 1945 nie wirklich in Schwung gekommen. Hier war eben nicht London oder Tokyo, New York oder Frankfurt. Was nun in dem Haus geschieht, entzieht sich jeder Kenntnis, sagte Franz. Mit dem online-Handel benötigt niemand mehr eine Börse. So steht das Haus als singuläres Ereignis fast vereinsamt am Ring. Wäre nicht am Eck zur Wipplingerstraße ein Lokal, darunter ein recht aktiver Blumenhändler, der das gesamte Untergeschoß der Börse mit seinen exotischen Pflanzen zu einer angenehmen Oase machte, würde man sonst keine Idee haben, was in den hohen Räumen abläuft.

Nach dem Brand hatte man den Börsensaal nach 1956 in einen Innenhof umgewandelt.

Die Lage des alten Saales, die um ihn gruppierten Räumlichkeiten samt den großzügigen Couloirs erinnert im Grundriss an die Anlage einer Basilika oberitalienischen Typs. Einmal soll der Börsensaal über drei Längsschiffe gegangen sein, ein 5 mal 11 Achsen messender Raum mit kannelierten Halbsäulen. Inwieweit die weiteren Bedingungen des basilikalen Schemas erfüllt sind, etwa die jeweils eigene Belichtung des Hauptsaales und der Nebenräume, die wie ein Seitenschiff beidseitig um den Hauptraum angelegt sind, kann von außen nicht beurteilt werden. Die Börse hatte von Jahr zu Jahr an Bedeutung verloren, da ja auch der nationale Aktienhandel schwach blieb. Nur hier und da war ein Börsenpapier wie ein Komet am Himmel des Aktienhandels aufgestiegen, doch bald wieder verglüht. Durch die damalige Konstruktion Verstaatlichter Wirtschaft waren die aus dem Liberalismus stammenden Mechanismen nie voll entwickelt. Das galt etwa bis zum Beitritt zur Europäischen Union.

Die Börse ist ein in sich ruhendes Gebäude, völlig unaufgeregt, meinte Franz, soweit man das über ein Bauwerk sagen kann.

In Wirklichkeit schmerzte es ihn, dass dieses Bauwerk nach den Veränderungen im Umkreis nahezu isoliert ist, ja es steht wie ein einsamer Held standhaft, soweit es die Umbauten nach dem Brand erlaubten. Franz ermunterte Ansai, sich hier umzusehen.  Die Bürse ist wie die Erinnerung an eine bessere Zeit, obwohl auch diese Zeit nicht gut war. Ringsum sind erbärmliche Dachausbauten die Regel geworden. Ie sehen aus wie ein geheimer Wettbewerb, wer wohl  den hässlichsten Ausbau zu Wege bringt. In diesem Zusammenhang apellierte Franz an Ansai, sich ans Hotel Imperial zu erinnern, wie da vom Ring aus der „Musikverein“ aus den Gassen hervorlugt und  man begegnet reiner Freude, wenn man endlich den Seiteneingang zum Konzertsaal erreichte. Jeden Sonntagvormittag findet dieses fröhliche, erwartungsvolle „Ziehen“ über den Schubertring zum „Musikverein“ statt. Diese Anziehung ist der Börse versagt.  Ausnahmsweise wäre es eine gloriose Idee gewesen, dieses Gebäude irgendeiner Sparte darstellender Kunst zu öffnen. Da hätte man das Haus wieder seiner alten Bedeutung unter geänderten Bedingungen gewidmet. Daran denkt natürlich niemand, bedauerte Franz. Würde in der Börse nicht dieser erfolgreiche Blumenhändler sein, wird man gewiss schon an die Verwertung des Grundstücks gedacht haben. Das ist offenbar die ernste Tätigkeit, die von der Stadtverwaltung zu erwarten ist.  

Ein Trauerspiel

Die Wanderung nähert sich dem Ende. Beide sahen schon den Ringturm, das beherrschende Gebäude am Übergang vom Schottenring zum Franz Josefs-Kai. Bis dahin sind es noch ein paar hundert Meter. Allerdings ist es ein Spießrutenlauf für jeden, der einmal alte Photos vom Schottenring gesehen hat. Entlang der ungeraden Hausnummern von 1 bis 33 ist einmal fast durchgehend der Dachausbau minderer Qualität ohne jeden Bezug zum Gebäude wie ein Schandmal verwirklicht.  Franz zeigte am Laptop seinem Begleiter das ursprüngliche Aussehen von Hausnummmer 17, das ehemalige Léon-Palais. Es war ebenfalls von Ferstel 1870 entworfen worden, der offenbar in ernsthafter Konkurrenz zu Theophil Hansen stand.

Ansai konnte es nicht fassen, denn erstens war dieses Gebäude keine Replik der Gotik, wie man es von Ferstel erwarten konnte, und zweitens hatte er eine minimale Abwandlung des Ringstraßen-Historismus umgesetzt, die der klassischen Zuordnung in den sogenannten „Neuen Wiener Renaissancehistorismus“ nicht entsprach. Am Photo aus 1900 ist noch das Portal zu sehen, ein toskanisches Säulenportal mit vier Atlanten, die darüber liegende Balkone tragen.

Zufällig stießen sie auch auf das Photo des Sühnhauses, das, wie erwähnt, an Stelle des Ringtheaters errichtet wurde – von Ferstel. Das war wie auf der Freyung ein aus blühender Phantasie geschaffenes Haus der Gotik. Etwas düster muss das Haus gewesen sein, nicht so düster wie das Rathaus, aber dennoch „verhangen“ wie an Novembertagen.

Ansai konnte die Bildfolge nicht unterbrechen, um den Unterschied beim Léon-Palais von einst und jetzt zu ermessen. Er war von jedem einzelnen Haus fast zu sehr begeistert. Franz nahm ihm den Lap top aus der Hand und durch Streichen mit dem Zeigefinger über diese graue Scheibe schob er die Bilder auf das Haus Nummer 17 zurück. Und da war es wirklich zu sehen. Die Fassade ist nicht mehr wiederzuerkennen. Da steht vor ihnen ein Gebäude, das einmal durch das Portal eine fast heroische Wirkung erzielte. Jetzt? Dieses könnte genau so gut am Gürtel stehen, am Rand zum 18. Bezirk.

Franz erinnerte sich, am Eck in dem Geschäft für Spielzeugeisenbahn Kunde gewesen zu sein.  Vielleicht vier, fünf Lokomotiven hatte er dort gekauft, die Schnellzug-Garnitur mit dem blauen Speisewagen der „Wagon-Lits-Firma“ – oder war es der Schlafwagen? Durch Käufe in diesem Geschäft war sukzessive die Aufzieh-Eisenbahn der Großeltern abgelöst worden. Damals hatte er nicht die geringste Ahnung, im Palais eines Industriellen gewesen zu sein. Noch gut konnte sich Franz erinnern, dass eine kleine Dampf-Verschub-Lokomotive 110 Schilling gekostet hat. Und Ansai staunte, dass sein Freund wegen der Eisenbahn-Erinnerungen fast ins Schwärmen geriet und damit den Ärger über die Zerstörungen des Hauses zu überwinden schien.

Franz gewann wieder seine Contenance zurück  und wollte Ansai auf die kommenden Gebäude vorbereiten, die alle unter der wüsten Vermarktung und rücksichtslosen Nutzung ihr Flair verloren.

Vielleicht konnte sich noch die Hausnummer 23 vor der schlimmsten Beeinträchtigung retten. Es war von Otto  Wagner als sein persönliches Wohnhaus geplant worden. Obzwar es noch im strengen Historismus entworfen worden war, sind die Einflüsse von Theophil Hansen unverkennbar. Im kräftigen Terrakottarot der Fassade war bereits die erste Anlehnung an Hansen beabsichtigt worden. Immerhin

Finden sich Zitate aus Plänen von Hansen, von vis a vis, dem jetzt „Hansen-Palais“ genannten Hotel, vom Palais Epstein an der Bellaria oder von der Fassadenabwicklung bei der damaligen Akademie der Bildenden Künste am Schillerplatz. Allerdings kann man alle Vergleiche über Bord werfen, denn das Aufbringen dieses textilen Dreiecksmusters, die enorme Zartheit der Fenstereinschnitte und die Anordnung der Geschoßhöhen verraten bereits Otto Wagner. Dabei fällt auf, dass die beiden unteren Geschoße „ortssteingequadert“ bleiben, erst in  der Beletage beginnt das typische „pompeianische“ Rot, das dann die Fassade aus der Häuserzeile hervorhebt.

Kleinlaut fragte Ansai nach dem Sinn des Wortes, das er nun schon mehrmals hörte: ortssteingequadert“? Franz antwortete ihm ausweichend: Ortsstein ist in erster Bedeutung ein sehr fester Boden, der wie Urgestein einige Härte verspricht. Es ist im buchstäblichen Sinn ein Baustein. Das sei aber nicht der Sinn dieser Wortverwendung. Tatsächlich ist es die bekannte Rustika, wie sie schon bei der Hofburg zu sehen war, doch die Formate der Steine sind anders gelegt. Wird die Rustika fast wie der Ziegelverband aufeinander gelegt, speziell an Gebäudekanten, so wird der Stein in Form eines Quaders zugehauen und kann in verschiedener Weise aufeinander gestellt oder aber mit Mörtel verbunden werden. Franz war richtiggehend stolz darauf, dass ihm rechtzeitig diese Erklärung einfiel.

Ansai war aber schon längst in Gedanken wo anders. Er blickte von Haus zu Haus. Einige dieser Häuser hatten „den Mut noch nicht aufgegeben“, sich ihrer Haut zu wehren – Ansai schien nun die Gebäude zu personalisieren. Wie war es möglich, dass aus dem Schottenring 11 ein Hotel wurde mit sehr fragwürdiger Ausstattung? Ansai fragte Franz, ob es in Wien noch eine Ausbildung für Bauingenieure und Architektur gibt?

Franz gab darauf keine Antwort. Würde er selbst diese Frage gestellt haben, hätte er auch keine Antwort parat. Wie kann es passieren, eine rhetorische Frage von Franz, dass das sogenannte Sturany-Palais am Schottenring 21 eine derartige Veränderung hinnehmen musste? Wird es in der Beletage die allegorische Deckenmalerei von Gustav Klimt oder von dessen Bruder Ernst noch geben? Wer weiß es. Vermutlich wurden in die Deckenfresken Neonröhren montiert, Rigipswände unterteilen den Salon und im Zimmer des Chefs wurde gewiss ein Spannteppich übers Sternparkett geklebt. Es ist ein Alptraum, sagte Franz zu Ansai.

Franz kramte in der Erinnerung und entdeckte darin, dass das Haus einmal der Teil der theologischen Fakultät war. Also hatte er dort vor urdenklichen Zeiten Bücher entlehnt. Da war im Obergeschoß nichts von dem vorhanden, was im „Dehio“ aufgezählt wurde. Das Haus war von den Spezialisten für Theater, von Hellmer und Fellner, geplant worden. Es hatte wirklich etwas Theatralisches an sich, Beide Architekten haben für die gesamte Monarchie die  Theater gebaut. Franz wiederholte sich, da er laut und langsam sagte: es ist ein Alptraum.

Ansais Hypothese

Ansai war nun doch noch zu einer Hypothese gekommen, mit der er den Abstieg der Architektur erklären will. Er begann mit der Vermutung, würden ihn die Wiener Zeithistoriker oder Politologen hören, werden sie ihn lieben, allerdings nicht wissen, weshalb. Auch für ihn beginnt die Geschichte vom „heutigen“ Wien mit dem Nationalsozialismus! Es ist hier – so oder so – das verbleibende einigende Band. Seit der Erwähnung des Hitlerbalkons bekommt er die Idee nicht aus dem Kopf, dass hier rundherum eigentlich alle an Zerstörung und Auslöschung Interesse haben. Sie haben das Interesse aus unterschiedlichen Motiven beibehalten, führte Ansai weiter aus. So viel hat er mitbekommen, dass in der Stadt ganz offen eine starke Option für Terror und Grausamkeit besteht. Davon erhoffen sich viele ein adäquates Lösungsmittel für alle aktuellen Probleme – von der Zuwanderung bis zur Energiekrise und Pandemie.  

Dieses Phänomen ist Ansai geläufig. Ähnliche Meinungen gab es auch in Japan zur Zeit des 1.Weltkriegs. Die Bewegung hieß Uyoku. Sie bildet bis heute eine „alljapanische Konferenz patriotischer Verbände“ – Zen-nihon aikokushadantai kaigi. Sie sind eng mit der rechtsextremen Yakuza verknüpft. Wenn Franz über diese Bewegungen hier erschüttert ist, müsste er es weit mehr über diese Bewegung in Japan sein. Von Beginn an war die Uyoku gegen Demokratie und Rechtsstaat, also gegen die Taisho-Demokratie. Die Anführer über den 2. Weltkrieg hinweg waren Kita Ikki und Okawa Shumei. Beide könnte Franz mit dem Innenminister Arthur Seyss-Inquart oder mit Anton Rintelen um 1934 bis 1938  vergleichen, die die Machtübernahme Hitlers am Hitlerbalkon ermöglichten. Dass dieser Extremismus nicht erlosch, zeigen die Gruppierungen an der Kokushikan-Universität in Tokyo oder an der Universität in Nagasaki. Gegenwärtig ist deren Anführer Mishima Yukio, der gut zu den rechtsextremen Parteien in Europa passt.

Franz hätte nicht gedacht, dass in Japan spiegelbildliche Bewegungen existieren, die ihre Rückschrittlichkeit für Fortschritt halten.

Ansai war mit seinen Ausführungen noch nicht am Ende. Die Tragödie ist im Grunde, dass die Bereitschaft kultureller Auslöschung der Vergangenheit bei den „fortschrittlichen Kräften“ in Österreich jenen rechtsextremen ähnlich ist. Es fehlt an Bewusstseinsbildung! Ja er könne sich erinnern, dass der bedeutendste Bundeskanzler in Österreich seit 1945 keinen Unterschied zwischen Konservativen und jenen machte, die er dann mit Nachsicht als Liberale einstufte. Da gesellschaftspolitische Ziele Mangelware wurden, versteifte man sich darauf, die letzten Konservativen in die gleiche Ecke zu stellen wie Nazis. Das beginnt beim Lueger, das hatte sich ja Ansai am Parkring gemerkt, und zieht sich fort bis zu Schuschnigg, dessen Jammergestalt unter allen Umständen ein „rotes Tuch“ bleibt – wie es die Gen´yosha mit ihrer Fahne machen. Es erklärt, meinte Ansai samt seiner extremen Interpretation, dass man schon aus ideologischen Gründen die Ringstraße durch Demolierungen wieder zum Glacis zu verändern wünscht. Wären nicht die enormen Grundstückpreise, würde dieser Plan viele Anhänger finden und so manchem ökologischen Wunsch entsprechen. Die Gebäude sind nur durch Kapitalinteressen vor ihrer Demolierung geschützt, würden die fehlen, wäre die Ringstraße schon längst grüne Wiese und Freizeitparcour. Und wenn sie bestehen bliebe, dann würden die Ringstraße Häuser zieren, Kreuzungen zwischen Polizeidirektion und Hotelarchitektur. Allerdings sollte die komfortable Fahrbahn bleiben. Es kann auch sein, dass dann die  Ringstraße wieder der Idylle von 1740 gleicht. Das waren nun Phantastereien.

Und gibt es noch einen Grund, fragte Franz neugierig?

Ja freilich, antwortete Ansai: Es ist die Geldgier. Sie schützte bislang die Ringstraße am besten. Zwar ist es die wohlhabend gewordene Kleinbürgerlichkeit, die die Häuser aber nur im Innern ruiniert. Diese Täter schimpfen sich „bürgerlich“, scheren sich aber keinen Deut darum. Sie haben nur das Geld im Kopf. Wenn man schon Menschen nicht mehr ausbeuten kann, also die  „Eingeborenen“ verbleiben im Schutz der Sozialgesetzgebung, so werden Grund, Boden und Häuser ausgebeutet. Er sieht als Vision für dieses Land, dass alle drei Ideologien das Parlament einreißen werden und gemeinsam eine Annonce zum Verkauf des Grundstücks aufsetzen. Ein erster Anlauf war schon genommen worden! Mit der Auslagerung des Parlaments auf den Heldenplatz, um auch diesen Bau von Theophil Hansen ins schiefe Licht der Modernisierung zu rücken, hatte man buchstäblich zwei Fliegen mit einem Schlag erwischt.

Franz protestierte entschieden gegen dieses Bild. Erneut wies er auf das „Hansen Palais“, jetzt ein Hotel des „Kempinski-Konzerns“, das sicherlich zerstört worden wäre, wenn es nicht ernsthaftes Interesse an der Revitalisierung des Hauses gegeben hätte. Nach der wechselvollen Geschichte war es als repräsentatives Wohnhaus von Hansen 1869 entworfen worden. Über 100 Jahre erlitt es das Schicksal eines ungeliebten Hauses. Und plötzlich hatte sich ein Käufer gefunden! Franz strahlte vor Optimismus.   

Ansai wollte diese Debatte nicht auf die Spitze treiben. Er verstand die Position von Franz, der nun zwischen zwei Sessel saß. Auf der einen Seite war er leidenschaftlicher Wiener, auf der anderen Seite lebt er in dauerhafter Empörung über die Stadtzerstörung. Das Problem aller Architektur in den Städten liegt darin, und dessen war sich Ansai im Resultat seiner spekulativen Gedanken klar, dass jede Motivation abhanden gekommen ist, den Lebensraum der Menschen in der Stadt auch ästhetisch zu  bessern, einfach nur Licht in die lauten, stinkenden und überfüllten Straßen zu bringen. Ihn hatte früher die Analyse von Sybil Moholy-Nagy sehr beeindruckt, die die bedrückenden Ergebnisse der Stadtplanungen weltweit als Ausdruck von Stadthass beschrieb. Seit 1890 meinten die meisten Städteplaner, das Heil wäre nur in der Flucht aus der Stadt zu erringen. In der Stadt bleiben Unrat, Kriminalität, Epidemie und Armut zurück. Die Stadtplaner entdeckten die Vorstadt als Lösung städtischer Probleme. Dafür war Wien ein wunderbares Beispiel. Und zu diesem Irrtum zählt noch dazu, dass die Stadtzentren gleichzeitig Nobelherberge und Slum wurden. Anstatt das zu lösen, bauten sie Straßen, um in erreichbarer Entfernung die Satelliten zu bauen. Und dort ging die Malaise von Neuem los.

Franz hörte dem Vortrag aufmerksam zu. Er merkte jetzt, dass das dominante Prinzip architektonischen Denkens in Japan die Sorgfalt ist. Als erster hatte Bruno Taut die Sorgfalt in den 20er Jahren entdeckt. Und stets war man bemüht, den menschlichen Maßstab zu wahren. Selbst wenn er sich jetzt ins eigene Fleisch schneidet, muss er zugestehen, dass diese grandiosen Schlösser und zauberhaften Anlagen verrückt sind, da sie jedes menschliche Maß verlassen haben. Das war in Japan selten der Fall. Einen Garten gibt es schon auf 12 Quadratmeter. Und in jedem ist der Qualitätsanspruch vorhanden, wie jeder Dachstuhl seine Struktur besitzt und in wunderbarer Weise die Sparren geschickt rational zusammenfügt. Unser Problem ist, dass wir auf falschem Fundament die Moderne errichteten: auf der Gigantomanie von Versailles, in der gegen den Menschen geplanten Salzerzeugung von Chaux nach Claude-Nicolas Ledoux. Jede Fabrik kommt aus dieser barocken Planung, die einmal so sympathisch begann und derart bedrückend im Backsteinbau samt Schlot endet.

Sie merkten, lang debattiert zu haben. Sie hatten nicht bemerkt, vor dem Ringturm zu stehen. Da waren sie entlang des dazugehörigen Gebäudes gegangen, ohne es als Kommentar zu ihren Gedanken zu sehen. Franz überfiel bei Betrachtung des Ringturms immer Rührung. Für ihn war das Gebäude zum Symbol neuer Zeit geworden, der Überwindung von Diktatur und Krieg. Gleichzeitig wirkte der ganze Gebäudekomplex so vernünftig – wie solcher ästhetischen Vernunft nur in Skandinavien begegnet werden kann. Vielleicht sind die skandinavischen Länder Japan am ähnlichsten – in Entwurf, Design, menschlichem Maß und Selbstdisziplin, Askese.

Der Ringturm

Beide blieben in angemessener Entfernung vor dem Ringturmm stehen. Ansai sagte als erster, dass es enorm schwer gewesen sein muss, jene Korrektheit in der Proportion zu erreichen, ohne auf den geeigneten Detailreichtum zurückgreifen zu können.

Franz verstand nicht gleich.

Ansai fuhr fort, dass er bei dem Gebäude von Mies van der Rohe in der Weißenhofsiedlung gelernt hat, wie wichtig ein Fensterprofil ist, welche Wirkung die technischen Begleitformen der Architektur auferlegen. Er hatte noch am Opernring Fenster gesehen, Plastikprofile!, sieben Zentimeter breit, es zerstörte mit einem Schlag die gesamte Fassade. Oder diese Glotzaugenfenster! Oder die Auswechslung von Fenstern, die nach außen zu öffnen waren und jetzt nach innen geöffnet werden können. Seit wann haben Fensterputzer in der Architektur das Sagen? Ansai wurde ganz gegen seine Herkunft ausfallend. Bei Mies van der Rohe hat das Fensterprofil zwei Zentimeter, bestenfalls zweieinhalb. Daher hat Boltenstern hervorragendes geleistet, denn er fügt seine Fenster in Kenntnis ihrer Plumpheit proportional zur Fassade in Leibungen ein. Keiner merkt den genialen Schwindel.

Franz sah lange auf Boltensterns Fenster und pflichtete Ansai bei. Es ist eigentlich ein Wunder, dass noch niemand auf die Idee kam, diese Gebäude zu zerstören wie beim Westbahnhof. Auffallend ist, dass zwei Fensterformate gewählt wurden, wobei bei den Bürohäusern das Fenster ein Zitat aus der Tradition der Gemeindebauten ist, hingegen beim Hochhaus werden diese tief liegenden Fenster durch  aufwändiges Kleinmosaik auf einer Seite des Turms verkleidet. Ganz oben folgt eine  Abdeckung des Turms durch ein Kordongesims. Bautechnologisch ist Franz natürlich überfordert, jetzt die Besonderheit des Stahlbetonbaus samt den Details der Verkleidung des Turmes aufzuzählen.

Ansai sah ein, die Wanderung nicht mit einem Bauingenieur unternommen zu haben. Dennoch gefiel ihm das „Skandinavische“ am Gebäudekomplex. Er verglich ihn mit einem anderen Gebäude, das sich ebenfalls an die skandinavische Baugesinnung annähert – das „Böhlerhaus“ am Schillerplatz von Roland Rainer. Der Unterschied liegt ja nicht nur an der Materialverwendung, sondern hauptsächlich an der Einstellung gegenüber dem Energieverbrauch. Der frühere Bau von Boltenstern ist so errichtet, dass der Energieverbrauch im Winter in Grenzen bleibt. Hingegen stammt das Haus von Roland Rainer aus einer Zeit, in der man überzeugt war, dass Energie oder Wärme zu jeder Zeit und zu jeder Menge verfügbar sein werden.
Heute ist das ein wesentlicher Unterschied, bestätigte Franz.

Beide waren überrascht, dass der lange Spaziergang jetzt ein so abruptes Ende findet. Dass sie am Ende mit dem Ringturm eine andere Perspektive des Bauens wahrnehmen konnten, war deshalb wichtig, da es mit der Zukunft des Historismus auf der Ringstraße schlecht bestellt sein wird. Die Neuerungen auf der Ringstraße sind kein gutes Omen.

Franz, der gewiss mit dem alten „Gesichtsausdruck“ der Fassaden auf der Ringstraße seine Identität mit der Stadt verbindet, war von  dieser Überlegung betroffener als Ansai. Dass auch Ansai die Zukunft der Ringstraße nicht im rosaroten Licht sah, begründete er mit einem Satz, den er vom Volksgarten mitgenommen hatte: Wer in einen Baum zwei Nägel schlägt, ist ein Barbar.

Sie vereinbarten den nächsten Spaziergang am nächsten Tag. Treffpunkt soll der Beginn der Kärntnerstraße sein.    

5. Spaziergang

Bereits am Vormittag hatten sie sich vor dem Schuhgeschäft am Eck der Kärntnerstraße zur Singerstraße getroffen. Ansai war vom Vortag noch etwas müde, gab aber erstmals zu, dass ein „schneller Kaffee“ belebend wirken wird. Da bot sich gleich diese Espresso-Kette vis a vis an, die in Wien zum Markenzeichen wurde, sowohl im Design die 50er Jahre beibehalten – grosso modo, als auch der dominanten Farbe Rosa die Treue gehalten zu haben. Ein „großer Brauner“ weckte in Ansai die Lebenskräfte und er sah sich in der Lage, diesmal einem eher legeren Spaziergang zu folgen. Im Freien saßen sie bei Kaffee und Croissant, blickten umher und Franz machte seinen Freund auf den Unterschied der beiden Häuser, die zur Singerstraße zählen, aufmerksam. Die Nummer 1 war als historistisches Märchenbuch konzipiert. Die Fassade war mit einem Sammelsurium historischer Hinweise und Zitate aus Gedichten bemalt. Gäbe es nicht schon den historisschen Namen des Hauses „Zum  Goldenen Becher“ wäre die Bezeichnung „Knusperhäuschen“ angebracht. Die Konditorei dieser Espresso-Kette würde auch dies zusammenbringen, vielleicht mit mehr rosa, um diese „altdeutsche“ Düsternis der Fassade mit hundert verspielten Accessoires, Balkon, Erker, Kandelaber, Säulchen und Attika aufzuhellen, wo doch die Motive ohnehin schon in die Renaissance deuten. Franz bezeichnete dieses Haus als „Geisterbahn“, womit er nicht unrecht hatte. Ansai zeigte sich objektiver, da er in den letzten Tagen erlernt hatte, mit seinen Augen die Dinge hier nicht mehr nach der gelungenen Reduktion, der klaren Form, der Schlichtheit und der Konstruktion zu beurteilen, sondern der Maßstab war Verspieltheit und Üppigkeit bei gleichzeitiger Geschmacksverfehlung. Viele Gebäude in Wien würde er mit Sumi-Ringern vergleichen, die  auch einmal eine wichtige Funktion hatten. In der Verabsolutierung ihrer Fettleibigkeit erwerben sie Berühmtheit, ziehen die Massen an und sind damit ein Symbol Japans. Das ist peinlich, gestand Ansai, ein Widerspruch zur Geschichte und doch wieder nicht. Und viele Häuser in Wien sehen wie Sumi-Ringer aus, wie auch viele Bewohner sich zu bemühen scheinen, wenigstens in der Fettleibigkeit einem Sumi-Ringer zu gleichen. Allerdings musste Ansai ergänzen, dass alte Photos den Nachweis erbringen, dass diese Fettleibigkeit ein Erfordernis im 20. Jahrhundert wurde. Der erste Sumi-Kampf soll 23 vor Christus stattgefunden haben. Gern würde AnsaI einen Vortrag gehalten haben, aber er merkte das sinkende Interesse von Franz am Sumi-Sport. Franz hätte nie ein Rikishi werden wollen und würde die strengen Regeln der Erziehung nie auf sich genommen haben. Allerdings hätte er den traditionellen Eintopf der Ringer gern gekostet – Chankonabe – bestehend aus Fisch, Fleisch, Gemüse, dazu Reis und jede Menge Bier, doch jetzt musste er sich selbst zur Ordnung rufen. Der Tag sollte doch nicht mit Überlegungen zum Ringkampf beginnen. Also forderte Franz seinen Begleiter auf, das andere Haus zu betrachten. Es wurde um 1952 von Oswald Haerdtl geplant und beherbergt die Filiale eines bekannten Schuhherstellers.

Beide blickten auf das Haus, das  einer Ecklösung aufwarten kann, die nahezu unauffällig hervorragend gelang. Immerhin treffen beim Haus zwei prominente Straßen zusammen. Beide dachten gleichzeitig an Boltensterns Ringturm. Hier war die vergleichbare Qualität erzielt. Und sollte man jetzt die beiden Häuser miteinander vergleichen, so fällt die Wahl zu Gunsten Haerdtl´s aus. Seriös, zurückhaltend, ruhige Proportion waren die Pluspunkte für die 50er Jahre. Der historistische Verschnitt war durchgefallen, wobei am Abend ein Blick vom Graben aus auf den „Goldenen Becher“ Zutraulichkeit, Heimeligkeit vermittelt, – vor allem wenn die Kandelaber am Balkon leuchten und der hell erleuchtete Erker die Geborgenheit eines „Knusperhäuschens“ verspricht, was offenbar im Historismus das bevorzugte Ausdrucksmittel der Kunst war.

Nach der Bezahlung der beiden „Kaffee“ forderte Franz seinen Freund auf, dieses dolce farniente am Vormittag zu beenden. Er schlug vor, ein paar Schritte auf der Kärntner Straße zu gehen, freilich nicht bis ans Ende.

Die Kärntnerstraße

Die Gründe für die Berühmt- und Bekanntheit der Straße sind vielfältig, uralt und seit einigen Jahren eine Überschätzung. Die Funktion des frühmittelalterlichen Verkehrswegs nach Süden – bis nach Venedig hat die Straße eingebüßt. Spätestens seit 1987 ist die Kärntnerstraße eine Fußgängerzone. Franz fragte sich, ob die Verbannung der Autos, das Ende des Verkehrsgewühls, der Wirbel  der Straße mehr schadete als die Fußgängerzone?

Es ist ein bekanntes Phänomen, das wusste Franz, dass mit der Eröffnung einer Fußgängerzone die Geschäftsstruktur der Straße sich grundlegend verändert.

Ansai kannte das Problem der Fußgängerzonen ebenfalls aus seinen Studien der Antike. Ohne nun auf die Frage von Franz einzugehen, sie war ja eher rhetorisch gemeint, wollte Ansai sein Weltbürgertum unter Beweis stellen. So oft wird es angezweifelt, da Europäer meinen, diese Auszeichnung für sich allein beanspruchen zu dürfen. Ansai  hatte sich abgewöhnt, von dieser Überheblichkeit beleidigt zu werden. Anfänglich ärgerte es ihn maßlos, wenn ihm diese „Weltläufigkeit“ einfach abgesprochen wurde.  Da er ja die Studie Friedrich Meineckes kannte, etwa „Weltbürgertum und Nationalstaat“, würde er heute dieses wichtige Werk mit den Worten kommentieren: Der Nationalstaat hat von Beginn an die Weltbürgerlichkeit ruiniert. Er hatte diese fragwürdige politische wie nationale Identität bewirkt. Im ethnischen „Schmelztiegel“ Mitteleuropas eine Verrücktheit und dauernder Anlass zu Radikalismen. Man kommt zwar nach Weltkriegen um den Nationalstaat nicht herum, doch er zerstört Multikulturalität, Humanismus und die Gleichheit der Menschen.

Ansai trachtete, zu seinem ursprünglichen Gedanken zurückzukehren. Also belehrte er Franz, dass es derartige Zonen erstmals im antiken Rom längst gegeben hat. Damals hatte er hellauf gelacht. Da saß er in der Biblioteca Nazionale Centrale di Roma und las die lex Julia. Es waren die ersten Regeln einer Fußgängerzone unter Caesar. Zu- und Abfahrt für Fuhrwerke war längstens bis eine Stunde vor Mittag erlaubt. Die Geschäfte hatten spätestens zur Stunde der ersten Nachtwache zu schließen. Vorher waren die ausgestellten Waren einzuräumen. Während der Mittagsstunden war das laute Anpreisen der Waren untersagt. Die Nachtruhe galt etwa bis zu jener Stunde, zu der die Mönche strenger Orden bis heute die Laudes beten.

Franz war erstaunt über die Kenntnisse von Ansai. Es war das Ergebnis von dessen Interesse für die Regeln buddhistischer Mönche. Deren Regeln hatte er in Rom mit jenen der europäischen Mönche verglichen. Und diese hielten ihre Stundengebete nach den Rhythmen der römischen Nachtwache. Als Nebenprodukt des Studiums erfuhr Ansai von der lex Julia.

Alle diese Leute, die sich durch die Kärntnerstraße drängen, genießen ohne es zu wissen die Regel der lex Julia, war die spitzbübische Randbemerkung Ansais. So war jedes Weiterkommen schwierig. Hunderte Touristen bevölkerten die Straße, doch beide konnten nicht erkennen, was der Zweck dieses zahlreichen Besuchs der Straße ist?

Setzten sich hier die Fassaden der Neuen Wiener Neorenaissance endlos fort?, war die bange Frage von Ansai.

Franz bestätigte. Ein wenig sah er sein Wissen im Schatten seines Freundes. Um davon abzulenken wies er auf die beiden Häuser auf der linken Straßenseite.  

Auf der Kärntnerstraße war es den beiden nicht möglich zu plaudern. Sie wurden buchstäblich von den Touristenhorden im gewohnten Rindertritt überrollt. Was Franz zeigen wollte, waren die Häuser, die Nummern 13 bis15 und 17. Nun besaß die Hausnummer 17 auch für den Begriff des Neuen Wiener Renaissancehistorismus eine bemerkenswert lebendige Fassade, die vor 150 Jahren zu der bekannten Porzellan-Firma Wahliss bewusst „hinzukomponiert“ wurde, selbst Porzellanfliesen durften auf der Fassade nicht fehlen. Der Architekt war 1878 Gustav Korompay. Korompay war letzten Endes eine unglückliche Existenz. Überblickt man  die Zusammenarbeit von Korompay mit Carl Hasenauer, die Mitarbeit am Entwurf von Pavillons für die Wiener Weltausstellung, die Aufträge für Paris und Marseille, würde man annehmen, dass er sich auch ein Wohnhaus wie Otto Wagner erarbeitete. Er hatte „am Schillerplatz“ bei Siccardsburg und van der Nüll studiert und eignete sich dort Grundbegriff der neobarocken Architektur an, Obendrein war er ein „Multitalent“. Er malte zahllose Aquarelle mit Ansichten von Wien, war Mitglied im Ingenieur und Architektenverein. Also schien es ein erfolgreiches Leben gewesen zu sein. Das war nicht der Fall. Er starb verarmt in Wien.

Nun kann man zu dieser Art der Architektur stehen wie man will, am Beispiel der Kärtnerstraße ist sie attraktiv und ordentlich, jedenfalls besser als die beiden vorhergehenden Häuser. Das wollte Franz aber nicht besprechen. Er wies darauf hin, dass Souvenirgeschäfte beide Häuser bis übers Mezzanin mit ihren Reklamen verklebten. Auf dem einen war Gustav Klimt der Werbeträger, auf der anderen Mozart mit den weltbekannten gleichnamigen Kugeln – und auf Hausnummer 17 wird großflächig für Parfümerie-Artikel geworben. So man entlang der Hausmauern schleichen muss, sieht man diesen Umgang mit einem Haus nicht. Erst aus der Distanz vom Neuen Markt aus sieht man zusätzlich den Dachausbau dieses Hauses. Soeben noch gelobt als bemerkenswertes Exemplar des Historismus, ist die eine Hälfte der Fassade des Hauses mit der plakatierten Ankündigung von Parfümerieartikel beklebt, der andere Teil wird durch die „draufgesetzte“ Hütte am Doch eine unglaubliche Jämmerlichkeit. Die Mauerfarbe der Hütte ist unangenehm gelb, die Fenster sind dem Muster des Gemeindebaus aus den 80er Jahren entnommen und der Dachausbau selbst wäre nicht einmal für einen niederösterreichischen Dorfverband bewilligt worden. Franz kam vor, dass jemand um wahnsinnig viel Geld am Dach auf der Kärntnerstraße sein Heimweh nach einem Gemeindebau befriedigte.

Da sie wegen ihrer Betrachtung der Häuser immer wieder stehen blieben, störten sie den Fluss der Touristen. Beiden fiel  auf, dass die Touristen  die Häuser der Straße mit keines Blick würdigten. Sie zogen wie aufgezogene Gliederpuppen an den Fassaden vorbei, da hätte stehen können, „was da wolle“. Neugierige Blicke gab es nur für Billigmode oder Souvenirgeschäfte. Ja, die Entscheidung ob der „Kuss“ von Klimt oder das Portrait von Sisi aufs Schnapsglas passt oder gar der Turm der Stephanskirche fällt schwer. Ein Renner ist der „Kuss“ auf dem Bierdeckel, wie er auch auf Textilien passt: als Shawl, als Kopf- oder Schultertuch. Reizvoll ist „Klimt“ am Kugelschreiber oder Bierkrügel. Mozart hat es ungleich schwerer. Er ist vornehmlich über die gleichnamigen Kugeln bekannt, die weltweit vertrieben werden. Franz wollte tolerant wirken und meinte, dass in einer Stadt alle diese Sachen ihren Platz haben dürfen. Warum sollen nicht die Ingredienzien der Mozartkugel auch als Likör angeboten werden? Mozart auf Schoko-Taler oder Bonboniere?

Franz erlebte noch nie so stark, dass es entlang dieser „Souvenir“-Meile keine Geschichte mehr gibt. Die Straße hat sich nur die Relation zwischen Konsum und Konsument aufbewahrt. Sie „marktschreierisch“ und wird durchs Fast Food charakterisiert. Die Reklamen haben alle Melancholie der Stadtgeschichte verjagt. Von Charme, Unverwechselbarkeit oder Einzigartigkeit ist seit Jahren keine Rede mehr. Vermutlich waren die Touristen nur aus dem Grund nach Wien gekommen, um zu prüfen ob es hier auch „Nordsee“, „McDonald“, „Burger King“ und „Nespresso“ gibt. Und sie werden nicht enttäuscht. Der nuancierte Geschmack wich den Fertiggerichten, die aus Tüte und Stanitzl im Gehen verzehrt werden. Bis zur U-Bahn leitet die Spur der Fertiggerichte die Touristen bis zum Prater, einem Vergnügungsviertel.

Voll Wehmut vermisste Franz auf der Kärntnerstraße das exklusive Papiergeschäft, dessen Kompagnon das gleiche Geschäft am Kohlmarkt geleitet hatte. Er vermisste das Buchgeschäft, spezialisiert auf Architektur und Design. Wo ist der Porzellanladen Wahliss geblieben? Ihm fehlte das spezielle Stoffgeschäft Backhausen wie die Schneiderei Silbernagel.

Aus dem traditionellen Angebot, weshalb man vor 150 Jahren die Innenstadt aufsuchte, blieb nur das noble Luster- und Glas-Geschäft über: Lobmeyr. Wenn man die unprätentiöse Auslage bewundert, die feinsten Glas-Entwürfe von Josef Hoffmann oder die Luster, die bis in die fernsten Opernhäuser versendet wurden, merkte Franz, dass kein Tourist nur zwei Sekunden davor stehen bleibt. Tatsächlich lauern bereits ein halbes Dutzend Immobilienmakler samt Hausherrn auf das große Geschäft, vermutete Franz. Mindestens drei neue Bertreiber würden im Geschäft Platz haben. Schon träumen die Makler vom „Burger-Laden“, von Billigmoden und Souvenirhandel. Nach dem „Braun&Co“ am Graben wäre das letzte „alte“ Geschäft in Wien liquidiert. Es waren trübe Gedanken, die Franz vor der Auslage des Geschäfts plagten.

Da meldete sich Ansai, der Franz offenbar träumen ließ, zupfte ihn am Ärmel, um anzumelden, gehen zu wollen. Ansai bat Franz, die Straße verlassen zu wollen. In Tokyo wäre er auch der Ginza-dori  ausgewichen. DieGinza-line ist bei weitem weniger aufdringlich, oder bleibt von solchen Touristenströmen halbwegs verschont. Allerdings zieht ihn dann doch das Kaufhaus Mitsukoshi an – und wenn es nur Zahnstocher sind.

Die Himmelpfortgasse

Franz schlug die Flucht in die Himmelpfortgasse vor, der Ansai sofort beipflichtete. Am Weg dorthin setzte Ansai seinen Erlebnisbericht übers Mitsukoshi fort. Er würde schon wegen Kleinigkeiten das Kaufhaus in der Ginza-dori aufsuchen, denn er bewundert dort das kunstvolle Verpacken selbst nebensächlicher Gegenstände. Da entpuppte sich Franz ebenfalls als Mitsukoshi-Kundschaft. Dort habe er eine neue Namiki-Füllfeder gekauft, bemalt ist sie mit Ästen der Zypresse, die nicht billig war. Eine Verkäuferin verpackte die kleine Schachtel und am liebsten hätte er damals noch etwas gekauft, nur um diesem Verpackungs-Kunststück der Verkäuferin zuzusehen. Und er erinnerte sich an die Begleitung im Lift des Kaufhauses, die in Kostüm, Hütchen und weißen Handschuhen zu jedem Stockwerk erklärte, was es da zu kaufen gibt. Franz würde sofort zugegeben haben, im Kaufhaus von David Chipperfield ebenfalls gut bedient zu werden, dass im Innern eine helle, gut organisierte Konsumlandschaft hergestellt wurde, doch eine vergleichbare Spezialisierung wie an der Ginza-dori ist nicht zu erwarten.  Im Rückblick merkte Franz noch an, sich noch immer darüber zu wundern, dass Chipperfield oder dem Betreiber des Kaufhauses die Gehmigung erteilt wurde, da die Baulinie der Straße nicht ganz eingehalten wird.

Das Gespräch über ihre Vorlieben für Kaufhäuser mussten sie beenden, denn die Himmelpfortgasse forderte ihre Aufmerksamkeit. Rasch gingen sie an der Seitenfassade des Kaufhauses vorbei, die sich gemäß der geschickten Planung von Chipperfield zwischen einem historistischen und barocken Gebäude vordrängelt, um dann vor einem traditionellen Café stehen zu bleiben. Es ist schade, sagte Franz, dass man bei diesem Ambiente die Moderne nicht würdigen kann. Während also das Kaufhaus auf der Kärtnerstraße nachgerade souverän erscheint, die riesigen Lichtöffnungen in der Fassade, man kann diese nicht Fenster nennen, eine gewöhnungsbedürftige Struktur durchhalten, so wirkt die Wiederholung in der Himmelpfortgasse befremdend. Sie sieht aus wie ein Verkehrsbauwerk, etwa der Hochgarage der U-Bahn jenseits der Donau bei der UNO-City. Man müsste diskutieren, Franz verbohrte sich in theoretische Fragen der Architektur, ob man in diesem Konzept die Fassade in der Himmelpfortgasse anders hätte entwerfen können – als geschehen.

Ansai mischte sich nicht ein. Ihre Bewunderung des Barockhauses samt Café galt einem Blick, der sich über Jahrhunderte bewährte. Hier war der Ort, wo erstmals Kompositionen von Mozart oder Beethoven erstmals gehört werden konnten. Schon  im 18. Jahrhundert war hier ein Gassenlokal mit einem Kozertsaal. Mozart konzertierte hier, spielte Klavier und beteiligte sich an der Aufführung eines Pastorale von Händel 1788. Dort gab er auch eines seiner letzten Konzerte am 4. März 1791. Beethoven konzertierte hier 1797 und 1798. Es war also ein „Kulturbetrieb“ im Gang, der sich heute nur schwer vorstellen lässt.

So bestätigte sich das Vertrauen der Betrachter in das recht hohe Gebäude. Das Haus war wie ein lieb gewonnenes Möbelstück in der Gasse geblieben, selbstbewusst und unverrückbar. Beide teilten dieses Urteil. Und gleich daneben schloss sich eine wunderbare Fassade an. Obwohl sie unmittelbar neben dem Café beginnt, signalisiert sie unmissverständlich ihren Rangunterschied zwischen Schloss und Bürgerhaus. Das faszinierte Ansai, denn darauf hätte man ihn nicht extra aufmerksam machen müssen.

Franz erklärte, es handle sich bei diesem Gebäude um das Stadtschloss des Prinzen Eugen. Er habe diesen Prinzen schon am ersten Tag im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Akademie der Wissenschaften erwähnt. Prinz Eugen war der politische Architekt der europäischen Großmacht Österreich. Der Prinz hatte im Westen und im Osten den Habsburgern Platz geschaffen. Er drängte das Osmanische Reich weit weg von Wien, er bewirkte das labile Gleichgewicht gegenüber dem französischen König. Das Wunderbare an diesem Schloss war, dass Lucas von Hildebrandt auf die bestehenden Planungen Johann Bernhard Fischer von Erlachs einging und aus dieser Kongenialität der beiden war auf engstem Raum eine kleine Zauberwelt entstanden. Mehr als Dutzend Künstler waren beschäftigt worden. Ein kurzer Blick beim Haupteingang in das Entree des Schlosses zeigt sich sofort die Besonderheit. Mit äußerstem Geschick wird ein Raumgefühl vermittelt, das sich aus den gelungenen Proportionen ergibt.  Aus dem etwas abgedunkelten  Empfang öffnet sich ein kreisrunder Raum, von dem aus die Stiegen in beide Richtung ins Obergeschoss führen. Es ist aber auch der Durchblick auf einen Brunnen angeboten, der eine Weite vermuten lässt, die die engen Gassenführungen nicht gestatten.

Ansai konnte sich nicht satt sehen. In dem offenen Rahmen des Stadtschlosses war 1920 ein Konzert der Salzburger Festspielhausgemeinde. An dieser wirkte Richard Strauss als Pianist mit. Es kam auch zur Erstaufführung seiner Komposition „Der Bürger als Edelmann“. Es war zugleich die Initialzündung für den Beginn des Festspielbetriebs in Salzburg, der zuerst aus dem Wiener Musik- und Opernleben die Auswahl treffen konnte, gleichzeitig der Tristesse nach dem Weltkrieg eine Festspielkultur entgegenstellen wollte, als gelte es, über Musik zu anderen Gedanken zu kommen.

Die beiden Portale zum Stadtschloss waren eine funktionale Notwendigkeit, um eine rationale Aufschließung des in die Länge gezogenen Gebäudes zu ermöglichen. An der Rückseite des „Winterpalais“ hatte sich ja in der Johannesgasse das Stadtpalais von Kaunitz-Questenberg breit gemacht, also war die Grundstückfläche zwischen den beiden Gassen aufzuteilen. Und beide Entwürfe zeigen einen hohen Ehrgeiz in der Nutzung des knappen Raumes, ohne erkennbare qualitative Abstriche in der barocken Gestaltungsidee hinzunehmen. Man muss sich immer vergegenwärtigen, dass sukzessive das Schloss immer erweitert werden konnte, da man Stück für Stück die benachbarten Grundstücke erwarb. Dafür ist das Winterpalais ein gutes Beispiel. Die Erweiterungen waren nach dem Ankauf der angrenzenden Grundstücke der Grafen Thun und Herberstein möglich.

Franz erwähnte noch, dass die Abfolge der Räume im Obergeschoss eine frappante Ähnlichkeit mit dem Wohnhaus von Louis Le Vau hat, dem ersten Architekten von Versaille. Le Vau hatte auf der Isle de Cité in Paris ein Haus bezogen und auf das prunkvollste ausgestaltet. Dieser Idee war auch der Prinz gefolgt und einige Zimmer des gegenwärtigen Finanzministeriums haben noch den Glanz seines Bewohners: das Goldkabinett, der Rote Salon. Und dass der Prinz Hildebrandt beschäftigte, war natürlich auch eine vergleichbare Entscheidung wie jene des Königs für Le Vau. Hildebrandt war für das gesamte Territorium des Reiches der Chef der Baubehörde und alle größeren Baupläne gingen über dessen Schreibtisch. Hildebrandt hatte sogar beim Reichsvizekanzler Schönborn den Schlossbau in Pommersfelden korrigiert und das Stiegenhaus neu entwerfen lassen. Im Übrigen ist es jenes Ministerium, das durchgehend seit 1848 im Winterpalais untergebracht ist. Im Couloir befinden sich Wandgemälde, setzte Franz fort, wo der Restaurator einen besonderen Scherz hinterließ: er malte in die barocke Idylle einen Radfahrer.  

Zur Seilerstätte

Ansai glaubte ihm aufs Wort, aber irgendwo gab´s Zweifel. Sie betraten die Gasse und blickten in die Richtung des sogenannten Ronacher-Theaters auf der Seilerstätte. In der Mitte der Straße blieb er stehen. Die linke Straßenseite hatte eine leichte Biegung und soeben  trafen die Strahlen der Frühjahrssonne auf die Fenster. Als wäre er im Scheinwerferlicht kniff Ansai die Augen zu. Er sah kaum etwas. Dennoch bewunderte er diese barocke Gasse. Im ersten Blick schien sie in Ordnung. Als wäre er von Geisterhand geleitet, ging er vis a vis vom Finanzministerium an dem Garageneinbau vorbei. 1979 war der Großteil des „Himmelpfortklosters“ endgültig abgerissen worden, Der Todesstoß war dann die Garage 1989, der auch das Chorpolygon des ehemaligen Klosters zum Opfer fiel. So war noch schnell ein Akt der Modernisierung gesetzt worden, dem es gelang, einen Gebäudekomplex aus 1331 zu beseitigen.

Das alles war Ansai entgangen. Die Häuserreihe mag man bis zur Seilerstätte josefinisch nennen, spätbarock, bürgerlich und für den Bedarf einer Familie selbst damals zu eng, zu schmal, zu wenig  komfort. Trotzdem gab es eine seltene Harmonie, die nichts störte.

Franz mahnte zur Eile. Er hatte sein fixes Programm vor Augen und befürchtete, das überraschende Innehalten Ansais würde den Fortgang der Wanderung deutlich verzögern. In Anbetracht dieser Umstände beschleunigte Franz seine Kommentare. In der Himmelpfortgasse wollte er nicht nur auf die noch bestehende Charakteristik einer alten Wiener Gasse verweisen, sondern nun war die „Wohnbevölkerung“ von Interesse. Zum Beispiel wohnte auf der Hausnummer 9 Joseph Weigl. Dieser war Dirigent und auch Cellist im Orchester der alten Hofoper. In dieser Tätigkeit hatte er regelmäßig mit Mozart zu tun.

Er hatte praktisch die Regieassistenz bei Einstudierungen von „Hochzeit des Figaro“, „Cosi fan tutte“ und „Don Giovanni“. Nach den Premieren übernahm er die Dirigate. Weigl war das Patenkind von Joseph Haydn in Eisenstadt gewesen, studierte bei Albrechtsberger, der unweit des Stifts Klosterneuburg wohnte und erfreute sich der Förderung durch Antonio Salieri.

Ein weiteres Kapitel Antisemitismus

Gleich daneben hat das Haus Nummer 11 eine für Wien sich wiederholende Vergangenheit. Sie wurde regelmäßig verdrängt. Das Haus gehörte zum Himmelpfortkloster; es wurde „Ziegelhaus“ genannt. Nachdem Kaiser Maximilian II. am 5. Juni 1571 verfügt hatte, dass alle Juden in Wien in einem Haus zusammen leben sollten, wurde von der Stadt Wien das „Ziegelhaus“ für diesen Zweck frei gemacht. Allerdings sollte das Haus nur einen Zugang haben, ein Eingangstor, um die Bewachung zu erleichtern. In Wien gab es damals nur sieben jüdische Familien. Diese wurden in das „Ziegelhaus“ eingewiesen. Im Haus selbst waren sieben Zimmer, jedes war etwa 4 mal 4 Meter groß. Am 22. Jänner 1572 war die Stadt angewiesen worden, für ein größeres Quartier zu sorgen. So weit kam es nicht, da am Jahresende ein neuer Erlass des Kaisers vom 1. Dezember 1572 die Ausweisung aller Juden aus der Stadt befohlen hatte. Bis Palmsonntag 1572 sollte sich kein Jude mehr in Wien aufhalten. Diese Frist wurde dann doch bis 1575 verlängert.

Durch Zufall war Franz auf diese Informationen gestoßen, die er Ansai nicht vorenthalten wollte.

Ansai antwortete, dass es bis 1861 in Japan keine Juden gegeben hatte. Der erste war Alexander Marks und dessen Bruder. Ihnen folgte Raphael Shover, der hierauf die Zeitung „Japan Express“ gegründet hatte. Immerhin war 1895 die erste Synagoge für etwa 70 Familien gebaut worden. Bis zu diesem Punkt gab es keine wesentlichen Animositäten gegenüber Juden. Die japanische Regierung orientierte sich immer mehr an den konfliktreichen europäischen Dispositionen politischer Zielvorstellungen. Das war eine völlig fehlgeleitete Richtung, die man wegen des Nachholbedarfs an Imperialismus über die Maßen befürwortete. Es kam zu Kopien des europäischen Antisemitismus. Dieser wurde immer schlimmer, je mehr die Regierung sich an Deutschland orientierte. Ab dem Pakt mit Hitler importierte man auch die schlimmste Form des Antisemitismus.

In dieser Geschichte gab es ein einziges, kleines Ruhmesblatt, das man der Initiative dreier Menschen verdankt. Konsul Chinue Siguhara, der chinesische Konsul in Wien, Ho Feng Shan, und der Sekretär der Gesandtschaft der Mandschurei in Berlin, Wang Tifu, hatten Einreisevisa für Shanghai ausgestellt. Im Ghetto von Shanghai konnten Tausende überleben. Ho Feng Shan hatte sein Büro in der Johannesgasse 22.

Franz hatte Manches von dieser Geschichte nicht gewusst.

Ein Abenteurer gegen Habsburg

Sie gingen weiter zum Palais Erdödy-Fürstenberg. Franz behauptete, über dieses kleine Palais keine Aufzeichnungen gefunden zu haben. Es ist kein Baumeister bekannt. Vermutlich war es gleichzeitig mit einem anderen Palais in der Singerstraße erbaut worden. Die Familie Erdödy erfreute sich nur kurz am Palais. So war es von der Familie Fürstenberg übernommen worden. Wichtiger als die Architektur war, dass Fürst Ferenc II. Rákóczi um 1690 regelmäßig hier wohnte. Er verkörpert am besten die Geschichte Ungarns, eingekeilt zwischen den Machtblöcken des Kaisers und des Sultans. Im verbissenen Kampf um die Eigenständigkeit Ungarns schlug er sich auf die Seite Frankreichs während des spanischen Erbfolgekriegs. Es war im Interesse Ludwigs XIV., dass dieser halb ungarische, halb siebenbürgische Fürst im Rücken der Habsburger „zündelt“. Das tat er ab 1701. Mit seinem Kuruzen-Heer vermochte er nicht viel auszurichten, wurde schließlich gefangen und in Wiener Neustadt in Haft gesetzt.  So war er dort gelandet, wo schon sein Großvater auf die Hinrichtung gewartet hatte. Durch Bestechung gelang Rakoczy die Flucht. Der bestochen Offizier wurde hingerichtet. Zurück nach Frankreich lebte er von einem privaten Spielclub, den er in seiner Wohnung eingerichtet hatte. Nach dem Ende der Kriege sollte er per Schiff zurück in die Heimat. Inzwischen hatte er sich vom Zaren die Zusage geholt, ihn gegen den Kaiser zu unterstützen. Der Zar stellte ihm die polnische Krone in Aussicht. Dieser Plan schlug fehl. Das Schiff änderte während der Fahrt den Kurs in Richtung Kleinasien. Irgendwann hatte er Smyrna erreicht und blieb dort bis ans Lebensende.

Ansai folgte der Erzählung und in seinen Ohren waren es befremdende Abenteuer, die er nur mit den Rasereien einiger Shogune vergleichen konnte.

Von der Wohnbevölkerung

Diese Zwischenbemerkung passte Franz ganz und gar nicht. So einfach kann man die ungarische Geschichte nicht darstellen. So überging er diesen Einwurf  und zeigte auf die Hausnummer 14 vis a vis. Hier war einmal nicht nur das Wirtshaus, in dem Mozart verkehrte und wahrscheinlich sein Geld beim Billard verspielte. Vom Glücksspiel fasziniert, hatte er dafür keine gute Hand. Dennoch spielte er sobald er Zeit hatte. Im Haus wohnte im Oberstock später sein „entfernt Verwandter“ Carl Maria von Weber. In diesem Haus schrieb er die Korrekturen zur Oper „Euryanthe“. Die Uraufführung im Kärntnertor Theater war am 5. Oktober 1823 und war erfolgreich. Attraktion war die 17-jährige Sopranistin in der Titelrolle.

Und ohne Unterbrechung wies Franz auf die Hausnummer 17, wo Hugo von Hofmannsthal gewohnt hatte. Darüber gibt es nicht viel mehr zu berichten. Später war er dann an den Stadtrand gezogen, er kann aber nicht mit Sicherheit sagen, ob es Kalksburg oder Mödling war.

Weder noch, korrigierte Ansai: Hofmannsthal lebte in Rodaun! Oft genug hatte er in den Programmen in der Oper über Hofmannsthal wegen der Libretti zu Richard Strauss gelesen. Also erinnerte er sich genau an den Wohnort.

Franz irritierte der Einwand überhaupt nicht. Das ist das Schicksal jedes Cicerone, Franz sprach von sich wirklich als Cicerone, einmal sich zu irren.

Auf Hausnummer 21 wohnte der Maler Tobias Pock, der nicht nur das Gemälde des Hochaltars für Sankt Stephan gemalt hatte, sondern auch jenes der Deutschordenskirche in der Singerstrasse. Wegen dieser Aufträge war er aus Süddeutschland nach Wien gekommen.

Damit war ein buntes Bild der Himmelpfortgasse geboten worden, das Franz selbst verblüfft hatte. Noch nie hatte er sich eine derartige Zusammenfassung überlegt und merkte daran, welch lebendiges Leben vor 300 Jahren gewesen sein muss. Mit der „Ausdünnung“ der Innenstadt, es leben nur 16.400 Bewohner im 1. Bezirk, von Jahr zu Jahr weniger, ist jenes Leben erloschen, das man auf alten Photos sehen kann. Um 1700 lebten etwa 120.000 Einwohner auf dem Territorium der Innenstadt, fast 10mal mehr als heute. Das war nicht nur die übliche Entwicklung gewesen, einerseits Stadtwachstum und andererseits „Stadtflucht“ aus den Kernzonen, sondern die schnelle Bevölkerungsentwicklung der letzten 15 Jahre war für die Bevölkerungsstatistik der Innenstadt ohne Relevanz.

Reflexionen eines Japaners über den Stadtpark

Das interessierte Ansai nicht wirklich. Sein Blick folgte der Himmelpfortgasse bis zum Stadtpark. Am Herzen lagen ihm seine jüngsten Beobachtungen im Stadtpark. Er war überzeugt, aus der Analyse des Stadtparks Merkmale von Wien gewonnen zu haben. Er wusste, dass sein Vorgehen sofort als typisch japanisch apostrophiert werden wird..

Also blieb er auf der Seilerstätte inmitten der Straße stehen. Ohne ein Verständnis bei Franz zu erwarten, sagte er im bestimmten Ton:

In Wien gibt es keine Geduld.

Das ist das Resultat seiner Beobachtung aus dem Stadtpark. Er hatte die Gärtner beobachtet. Ihm fiel auf, dass sie ihr Selbstwertgefühl über den kleinen Traktor gewinnen, nicht aus der Zuwendung zum Park. Der mag einmal eine Oase gewesen sein und Rudolph Siebeck hatte angeblich den Central Park in New York als Vorbild genommen. Das liest man wie eine unglaubwürdige Legende.

Mit der phantasievollen Verbauung der Ufer des Wienflusses hatte Friedrich Ohmann ein unnachahmliches Ambiente geschaffen. Es  entstand vor mehr als hundert Jahren als verwunschene Oase, die ein würdiges Echo im Park verdient hätte.

Ansai war kurz von der Gartengestaltung abgelenkt als er beim grandiosen Brunnen „Befreiung der Quelle“ anhielt. Josef Heu war der Bildhauer, der 1938 nach England emigrierte

Im Parkhatte sich Ansai ermahnt, wieder den Park zu beobachten. Er verstand nicht, wie man mit Maschinen aller Art über den Park herfällt als wäre er unnachsichtig fürs Wachstum zu bestrafen. Und wirklich beobachtete er einen Gärtner, der am Rasenmäher saß. Anfänglich hatte Ansai sich gedacht, vom Rasenmäher aus würde er die winzige Bescheidenheit eines Gänseblümchens nicht bemerken. Fast keck ist es da herausgewachsen, schutzlos, aber mutig. Pech: Der Gärtner hatte es auch gesehen. Zweimal musste er mit schwerem Gerät über die Rasenkante fahren, um das Gänseblümchen abzumähen. Ansai hatte sich den selbstzufriedenen Gesichtsausdruck gut gemerkt.

Die Wiesen- und Gartenpflege erkennt man am Aufmarsch gegen die Eigenwilligkeiten der Natur. Den Traktoren folgen die Rasenmäher. Der Schubkarren-Abteilung folgt die Gruppe der Blasinstrumente, die aus jedem Eck das alte Laub hervorpusten, dahinter die Schwadron der Mistkübelauslehrer und Laubsammler.

Wenn er das nun offen sagen darf, Ansai fasste Mut, so hatte er im Stadtpark beobachtet, dass die Gärtner keine Gärtner sind. Sie stehen offenbar im Dienst städtischer Sauberkeit und in deren Augen ist jede Pflanze bis zum Laubbaum im Herbst die Ursache namenloser Verunreinigungen.  

Es fehlt an Hingabe. Und er möchte jetzt nicht die berüchtigte Mentalität des Japaners ins Spiel bringen, die von wenigen verstanden wird. Gartenpflege hat er auch in Europa erlebt, in Stuttgart, in der berühmten Wilhelma. Die Glashäuser, die Anlagen sind dort mehr als nur gepflegt. Sie verraten sofort, dass dort eine Symbiose erzielt wurde: Gärtner und Garten.

Jetzt ist es ihm klar geworden: man hat in Wien kein Herz. Harmonie gilt in Wien als verzichtbarer Überfluss, wenn er nicht essbar ist. Das Verhältnis zu Pflanzen ist eben keine japanische Spezialität oder Marotte. Soll es ein Kulturgut sein, so besteht in Wien nicht die geringste Gefahr, die Natur im Garten als städtisches Kulturgut zu bezeichnen. In den Nachpflanzungen ist es zu sehen. Das Ziel im Park ist, den Anschein der Sauberkeit zu erwecken. Im Zweifelsfall müssen Bodendecker herhalten: Kriechwacholder, Thujen, Buchs oder Legföhren, Feuer- oder Sanddorn. Die Wege durch den Stadtpark sind breit wie Autostraßen. Da kommt keine Beschaulichkeit auf.

Um den Besuchern des Stadtparks zu zeigen, dass hier ein schöner  Park ist, rückt eine Abteilung aus und pflanzt einjährige Blumen: Tagetes, Kaisersalbei, Canna, Stiefmütterchen, auch Bergenien und Funkien. Das hat nichts mit Natur zu tun. So schminkt man die Natur.

Franz musste Ansai wieder in die Gegenwart zurückrufen. Das kurze Stück auf der Seilerstätte ist nicht ohne Kommentar zurückzulegen.   

Franz hörte nicht auf Ansais Schimpfen über den Stadtpark.

Ansai hatte im Moment keine Veranlassung, eines dieser zahllosen Häuser genauer zu betrachten. Er vermutete, dass ihn im Moment Franz nicht versteht. Wie soll er ihm erklären, warum die Wahrnehmungen der Natur bedeutsam sind. Wird er ihm jemals erklären können, dass die in Europa übliche Selbstinterpretation der Person immer nur um sich selbst kreist. Alle Resultate dieser Interpretation sind nur Zeugnisse einer Voreingenommenheit, da man immer nur von sich selbst ausgeht. Deshalb sind die Menschen, die meinen, mit der Entdeckung ihres Ich mit ihrer Emanzipation beginnen zu können, auch mit neuen Arten ihrer Freiheit. In Wirklichkeit sind sie Gefangene, erleiden einen Narzissmus, der sie vollends in die Irre führt. Für ihn ist die Natur das dem Menschen beigegebene Regelwerk. Deshalb ist sie unser unverzichtbarer Erfahrungsraum. Nicht etwa, dass darin der Mensch hinlänglich bestimmt ist, sondern die Natur erinnert, was an uns das Ich ist und was der Natur zu eigen ist. Es wäre nun falsch anzunehmen, das wäre eine Bipolarität, sagte Ansai entschieden. Tatsächlich achten wir die Phänomene der Natur, weil wir an ihren Erscheinungsformen unsere Selbstvergewisserung vornehmen, sei es in der Blüte, sei es während der herbstlichen Verfärbung. Während kein einziger Europäer den Meister Eckhart mehr versteht, keine Mystik, so ist jedem Konfuzianer dessen Satz sonnenklar: „Hier ist Gottes Grund mein Grund und mein Grund Gottes Grund“. 

Ein kurzer Blick auf die Seilerstätte

Franz schnitt Ansai das Wort ab. Er könne seine Gedanken beim säkularisierten Ursulinenkloster fortsetzen, doch jetzt möge er doch diese gewaltige Haus ansehen: Seilerstätte 22. Shin wird es ihm nicht glauben, sagte Franz, aber das Haus besteht seit dem 15. Jahrhundert. Es ist mächtig und verdankt seine Schwerfälligkeit einerseits seinem Verwendungszweck, andererseits den Umbauten. Am Ende des 16. Jahrhunderts ist es durchgehend im öffentlichen Besitz, oder in damaliger Sprache: ein ärarisches Gebäude. Hier fand die Waffen- und Munitionsproduktion statt. Somit war es das weitaus ältere Zeughaus als jenes Am Hof. Um 1702 hatte man sich zur Demolierung entschlossen,  Nun plante man, im nachfolgenden Gebäude die militärischen Verwaltungsstellen unterzubringen., die Zeughausbeamten und das Hofkriegskanzleiarchiv.

Ratgeber für die Planung des fünfstöckigen Gebäudes war Felice d´Allio. Immerhin hatte er später die wesentlichen Entwürfe für den Ausbau kaiserlicher Residenz in Klosterneuburg beigebracht, wie er auch die Planung des Klosters der Salesianerinnen im 3. Bezirk in direkter Nachbarschaft zum Schlosspark ddes Belvedere übernommen hatte.

Franz erzählte, dass d`Allio als Vorbild für heutige Zeiten gelten kann. Als kleiner, junger Bauarbeiter kam er aus Italien nach Wien. Verdingte sich an irgendwelchen Baustellen und war zum Baupolier aufgestiegen.  Sein Interessensgebiet waren militärische Anlagen und Festungsbauten. Vermutlich hatte er „seinen“ Sebastien Le Prestre de Vauban gründlich studiert, der die Befestigung Mannheims durchführte und der Pionier der Ergonomie war. Deshalb kam d`Allio mit der Seilerstätte 22 in Berührung, da ein militärischer Neubau erwünscht war. Gleichzeitig war er bereits in kontrollierender Funktion für militärische Gebäude, er war also im weitesten Sinn Beamter. Sein Aufstieg war dann nicht mehr zu bremsen, da ihn der Erzbischof von Esztergom, Imre Esterhazy beauftragte, auch zivile Planungen vorzunehmen. Begonnen hat die Tätigkeit, statische Gutachten für die Festungsmauern von Pressburg zu erstellen. Hierauf war er für militärische Anlagen in Slavonski Brod und Belgrad engagiert. Der Erzbischof erteilte ihm dann auch Aufträge zur Errichtung barocker Kirchen. D´Allio wurde ein gesuchter Architekt und Baumeister und darf wohl wegen der Qualität seiner Ausführungen an die Seite von Fischer von Erlach und Hildebrandt gestellt werden.

Im gegenwärtigen Zustand des Hauses konnte Ansai das Genie des Architekten nicht erkennen. Es war immer ein Zweckbau geblieben, wegen Herstellung von Rüstungsgütern immer von Sicherheitsvorkehrungen „belastet“ und „atmete“ nichts von der Leichtigkeit der Entwürfe im frühen 18. Jahrhundert. Zwischendurch war es der Sitz der Trabantenleibgarde. Das alles wusste Franz aus dem Stegreif. Für das Haus war wohl die merkwürdigste Nutzung ab 1841 vorgesehen worden. Es war als Dienstort vorgesehen – für häufig wechselnde Dienstzuteilungen von Ämtern „ohne Amtssitz“. Offenbar wechselten Dienststellen häufig von einem Ressort zum andern, wurden aufgelassen oder neu erdacht. Zu diesem Zweck mussten eigene Koch- und Küchenstellen eingerichtet werden. Zuletzt war dort das Bezirksgericht untergebracht.

Franz zeigte aber auch auf die Hausnummer 16, dem Residenz-Hof. Er war von den Theater-Spezialisten der Monarchie, von Ferdinand Hellmer und Hermann Fellner 1896 errichtet worden. Die sehr wechselhafte Geschichte wurde damit beendet. Immerhin hatte das Haus einige Jahre der Frau des Malers Tobias Pock gehört. Schließlich war es von der Direktion des sogenannten „Residenz-Club“ erworben worden. Was die Funktion des Clubs war, entzieht sich der Kenntnis von Franz. Er konnte nur annehmen, dass die Bezeichnung nicht mit jener übereinstimmt, die gegenwärtig für ein Bordell verwendet wird. Das wird wohl  nicht der Fall gewesen sein. Jedenfalls  macht das neobarocke Haus viel her, scheint eine  gewisse Großzügigkeit in das historistische Bauen gebracht zu haben.

Bei dem Residenz-Hof erinnerte sich Franz regelmäßig an die rue Rivoli in Paris. Von dort nahm er seinen ersten Eindruck des Historismus in der Architektur mit nach Wien. In Wien hatte er dann Gebäude entdeckt, die auch in der rue Rivoli Platz reüssiert hätten. So war er dann überhaupt auf den Gedanken gekommen, dass dieser Historismus eine weltumspannende Architektur wurde, natürlich blieb das ästhetische Programm „auf Schmalspur“. Bei den besseren Gebäuden, wie eben auf Nummer 16 war er stets amüsiert, denn in der Formensprache und im Anspruch hätte man daraus ein Schloss bauen können, das war ja auch auf der Ringstraße zum Problem geworden. Es siegte dann aber doch die ökonomische Rationalität. Außen war es ein Schloss geworden, aber wie ein hochgestellter Quader, innen verschachtelte man das Gebäude in viele Mietwohnungen. In Paris waren dann die Mietobjekte lächerlich klein und teuer. Inzwischen gilt es auch für Wien. Auf der rue Rivoli war wegen der „noblen Gegend“ auch der Dachausbau erfunden worden. Seither sind die Objekte schreckliche Monster, unansehnlich, ohne jede Proportion. War vor 170 Jahren die Verelendung der Stadt vornehmlich in den Außenbezirken zu sehen, meistens in den östlichen Stadtteilen, ist jetzt die ästhetische Verelendung ins Kerngebiet gerückt. Franz würde jede Wette eingehen, dass in 50 Jahren die Elendsviertel am Dach zu finden sein werden. Die geringste künftige Hausreparatur stürzt die Eigentümer oder Mieter in noch höhere Mietpreise. So wird man sich fragen, wo das „schnelle Geld“ aus den Dachausbauten geblieben ist? Wo ist das Geld geblieben, dass „das Haus“ bei Geschäftsvergabe eingenommen hat? 

An der Ecke zur Johannesgasse

Insgesamt sieht die Seilerstätte so aus als wären die Geschäfte gerade noch am Leben, der Dachausbau hält sich in Grenzen, also muss man zufrieden sein. An der Ecke zur Johannesgasse bogen sie ein, aber nicht ohne die Bronzetafel zu lesen. Auf ihr steht, dass der spätere Stadtpatron von Wien bei den Ursulinen gewohnt hatte. Sieben Jahre von 1813 an, hatte er hier gewirkt. In Wien, schon im Schatten der Marienkirche am Gestade erwähnt, hatte er den Kreis der Romantiker aufgebaut. Die vor Napoleon nach Wien geflüchteten Gelehrten erhielten hier eine neue Heimat, die ihnen auch Clemens Maria Hofbauer bereitet hatte. Zum Kreis zählten Clemens Brentano, Joseph von Eichendorff, Friedrich Schlegel, Zacharias Werner, Friedrich August Klinkowström. Natürlich waren andere in lockerer Verbindung zu diesem Kreis, da sie einerseits die polizeiliche Bespitzelung fürchteten, andererseits Karriere machen wollten. Im Spätjosefinismus wäre eine enge Bindung oder gar Mitgliedschaft im Kreis um Hofbauer, recte Dvorak, einer Karriere hinderlich gewesen. Metternich hatte zu solchen Gruppierungen ein höchst ambivalentes Verhältnis. In ihnen sah er letztlich ebenfalls Gegner des ancien regime. Und in der Nachrede der Historiker, die sich einem Laizismus verschrieben hatten, waren beide Dispositionen, die Metternichs, jene des unermüdlichen Seelsorgers falsch.

Wahrscheinlich war es in der Geschichtsschreibung der erste Ansatz, der in den Darstellungen eine eindeutige Parteinahme erkennen lässt. Franz wusste zu gut Bescheid von der unseligen Wirkung des Historischen Instituts in Wien, das über 1950 hinaus einen nachhaltigen Einfluss auf die Ausbildung der Geschichtslehrer ausübte.

Franz führte diesen Gedanken nicht weiter, konzentrierte sich wieder aufs Kloster, das heute ein Teil der Universität für Musik und Darstellende Kunst ist. Die Seilerstätte, führte er aus, ist die deutliche Trennung zwischen der alten Bausubstanz, die eine starke Homogenität zwischen  den Zeiträumen und Stilen ausweist. Es ist nur Spezialisten möglich ein spätmittelalterliches Gebäude von einem frühneuzeitlichen zu unterscheiden. Die frühere Bausubstanz ist von den Zu-, Um- und Ausbauten völlig aufgesogen worden, weshalb man nur bei Schlössern die Stilbestimmung klar vornehmen kann – oder aber bei Kirchen. So hat der Historismus insofern eine beachtliche Veränderung gebracht, denn wegen eines abnormen Stadtwachstums ist eine einheitliche Baugesinnung zu erkennen, ob es nun der 10. Bezirk oder der 3. Bezirk ist. Man kann für die überwiegende Mehrheit der Wiener Gebäude blindlings vorhersagen, aus dem historistischen „Modejournal“ der Architektur zu stammen. Leider gelang dem Wiederaufbau nach 1945 nicht, diese anfängliche architektonische Askese zu bewahren, oder in der frühen Moderne fortzufahren, sondern die Massenproduktion von Architektur übt sich in geistigen Einsparungen noch mehr als bei den auferlegten Sparprogrammen bei den Baukosten. Wie der Historismus einmal die Fadesse der Wiener Gassen jenseits des Gürtels bestimmte, so ist es heute im gleichen Umfang der Emmentalerkäse-Stil, der von Nussdorf bis Neuwaldegg, von der Brigittenau bis Floridsdorf als stolze Leistung der Gemeinde gepriesen wird.

Ansai konnte diese heftige Kritik weder bestätigen noch ihr widersprechen. Er stimmte Franz zu, in der Seilerstätte eine imaginäre Grenze der Stile zu sehen.

Das Savoysche Damenstift

Franz führte ihn bis zur Hausnummer 15 der Johannesgasse. Unter der Bezeichnung „Savoysches Damenstift“ war eine alte Einrichtung verstanden worden, die einmal ein Neffe des Prinzen Eugen gegründet oder über eine Stiftung möglich gemacht hat. Der Zweck war, Witwen adeliger Abkunft, die über keine Vermögenswerte verfügten, hier aufzunehmen. Hier hatten sie ein Leben in einer Art Beguinage führen können, wie solche Institute in Westeuropa längst bestanden haben. Für das Damenstift galt die Regel, dass im Haus 40 Angehörige leben können, 20 aus österreichischem Adel, 20 aus böhmischen. Das Damenstift galt nach dem Kirchenrecht als Dritter Orden. Das heißt, dass sich Laien verpflichten, nach den Regeln jenes Orden zu leben, aus dem sich diese Gemeinschaft entwickelte. So verfügt der Franziskaner Orden auch über einen Drittorden. Franz zeigte Verständnis, dass Ansai diese Art religiösen Lebens kaum begreifen wird. Jedenfalls war die letzte Leiterin dieses Damenstifts die Gräfin Fünfkirchen, die 1980 verstarb. Seither gilt diese Gemeinschaft für  erloschen. Über die Witwe des savoyischen Prinzen kam das Damenstift in Liechtenstein´schen Besitz – bis heute, durch den auch die Hausverwaltung geregelt wird.

Nun waren die alten Damen aufs Äußerste irritiert worden, es war um die Mitte der 70er Jahre. Die sozialdemokratische Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg erhielt im Damenstift eine Wohnung! Bis zu ihrem Tod hatte sich Gräfin Fünfkirchen beschwert, dass gegen alle Satzung eine Agnostikerin dieser Hausgemeinschaft zugewiesen wurde. Das war der eine Teil der Geschichte, sagte Franz. Er machte eine längere Pause und begann mit einer Geschichte, die er so erzählen wollte, als hätte sie mit der Geschichte davor nichts zu tun.

Knapp nach dem dritten Wahlsieg von Bruno Kreisky 1975 war ein Ansuchen auf dem Tisch des Bundesdenkmalamtes gelandet, das man sofort ans zuständige Wissenschaftsministerium weiterleitete. Es ging um eine Ausfuhrgenehmigung mehrerer Gemälde aus Liechtenstein´schen Besitz nach Vaduz. Jedes Kunstobjekt, das Österreich verlassen soll, benötigt eine eigene amtliche Zusage. In diesem Fall war wegen des hohen Sachwerts die Unterschrift der Ressortleiterin erforderlich. Die Genehmigung war von Hertha Firnberg unterzeichnet worden. Die Gemälde konnten nach Liechtenstein ordnungsgemäß ausgeführt werden.

Ansai hatte verstanden, was Franz hier zwischen den Zeilen andeutete. Es bestätigte seine Überzeugung, dass Demokratien, die derart auf Kooperationen setzen, auf Konsens und Kompromiss nahezu grundsätzlich an Korruption anstreifen. Die größte Gefahr geht von informellen Willensbildungsprozessen aus, wenn sie langsam dem Verwaltungsrecht an den Leib rücken. Offiziell wünschen sie, durch sogenannte Vereinfachungen dem Bürokratismus den Kampf anzusagen. Der Erfolg lässt sich in der Umgehung verwaltungsrechtlicher Normen erkennen. So werden zuweilen wunderbare Träume unter städtischer Aufsicht möglich. Soweit er es verstand, war nach dem 2. Weltkrieg in Japan jene Situation eingetreten, wie es Österreich nach 1918 leidvoll hinnehmen musste. So berücksichtigte die neue Verfassung in Japan nach 1954 keine traditionellen Strukturen, weshalb juristisch gesehen eine „Amerikanisierung“ der staatlichen Institutionen eintrat. Deren Folge war bald zu beobachten. Sie erleichterte den ökonomischen Erfolg. Alle Augen der Welt richteten sich auf Japan, das in wenigen Jahren zum Motor der Innovationen weltweit  wurde. 1994 war ein dichtes Netz zwischen zentralen Ministerien und Bürokratie geflochten. Das betraf besonders das Handelsministerium – Tsusansho-, die Wirtschaftsplanungsbehörde –Keizai Kikakucho – und das Finanzministerium – Okurasho. Konservative Parteipolitiker und hochrangige Beamte hatten eine eigene Klasse gebildet. Zwischen 1971 und 1991 waren durchwegs ehemalige Beamte Ministerpräsidenten. Kurzfristig war die sozialistische Opponentin Doi Takako gegen diese „Versäulung“ staatlicher Institutionen erfolgreich – doch nicht lang. Eigentlich, und Ansai kannte in etwa die Situation in Österreich, war nach Kreisky die Reformpolitik zum Stillstand gekommen, ebenso die starke Opposition ab 1993 in Japan. Diese Partei – Nihon Shakaito – hatte sich sogar 1996 aufgelöst. Das war in Österreich nicht der Fall. Ansai meinte, dass es Franz Vranitzky gelang, in Koalitionen den sozialdemokratischen Anschein aufrecht zu halten. In Japan geriet man hingegen immer mehr ins Fahrwasser „feudalistischer“ Gepflogenheiten, die durch Geldspenden unterfüttert wurden. Die kaban war das Hauptwort für erfolgreiche Politik: die offene Tasche. Takeshita Noboru war wegen Korruption schwer belastet, wurde 1993 unabhängiger Abgeordneter nach dem überragenden Erfolg in seinem Heimatbezirk. Da ließ er sich dann nicht lumpen und der Geldregen ergoss sich über die Provinz. Nach gleichem Muster war der abgesetzte Ministerpräsident wieder erfolgreich. Mehrfach verurteil tauchte Tanaka Kakuei wie ein Phönix aus der Asche auf und das war zum Vorteil seines Wahlbezirks und Heimatpräfektur Niigata ken.

Also da kann ihm Franz noch viele weitere Geschichten erzählen.. Er befürchtet, dass die Demokratie auf Dauer in der Korruption versinkt. Jedenfalls war er mit seinen Erinnerungen ans adelige Damenstift noch nicht fertig. Franz berichtete, dass mit dem Einzug der Frau Bundesminister ins Damenstift ein Konflikt vom Zaun gebrochen wurde, der keine Entspannung erfuhr. Frau Bundesminister wollte die Gangtüre der Belle Etage zum Stiegenhaus offen halten, hingegen Gräfin Fünfkirchen wie eh und je geschlossen. So entspann sich ein unaufhörliches Ringen um die offene oder geschlossene Gangtüre. Die Gräfin bat ihre Gäste darauf zu achten, ob die Gangtüre offen ist, gegebenenfalls sei sie zuschließen. Und wenn sie geschlossen war, dann öffnete die Frau Bundesminister die Türe, arretierte sie und ging ihrer Wege. Es war täglich ein Öffnen und Schließen, bis sich an dieser Entscheidung das ganze Haus beteiligte. Um ihren Willen durchzusetzen, beauftragte die Frau Bundesminister ihre Schwester, regelmäßig nach der Gangtüre zu schauen. War sie geschlossen, dann hatte die Schwester diese zu öffnen. Diese Kontroverse war bis zum Tod Firnbergs ständig gegenwärtig.

Die Häuser in der Johannesgasse – Begegnung mit Literatur

Ohne weiteren Kommentar zeigte Franz das ans Damenstift angrenzende Gebäude. Es war ein in den 50er Jahren errichtete Gemeindebau, den Ladislaus Hruska entworfen hatte. Franz wiederholte, was er schon einmal angedeutet hatte, dass ab 1950 der öffentliche Wohnbau in Wien an seine trotzig-expressionistische Aussagekraft nicht wieder anschließen wollte. Jetzt war der Wohnbau dafür bekannt, eine merkwürdige Erbschaft angetreten zu haben. Wahrscheinlich dachte man, dass eine etablierte Partei dieses Protestverhalten nicht mehr benötigt wie um 1927. Am Ginzkey-Hof kann man gut erkennen, dass die frühere Intention fallen gelassen wurde, nämlich im bürgerlichen Umfeld eine feste Burg zu sein. Er wagt zu sagen, dass der Gemeindebau ein Verschnitt  aus peinlichen Missverständnissen der Bauhaus-Tradition und fortgesetzter nationalsozialistischer Formensprache wurde, die in den Kasernen und Wehrmacht-Bauten eingeübt war. Offiziell behauptete man, es gelte die übliche Wiener Wohnungsnot zu bekämpfen, inoffiziell sollte der Gemeindebau in „bürgerlichen“ Bezirken die konservative Mehrheit schwächen.

Er erinnerte sich, dass Bruno Kreisky bei späten Spaziergängen mit seinem Hund in Grinzing über die Verbauung der alten Weinberge und Hügel keineswegs erfreut war, aber sich gehütet hatte, darüber ein Wort zu verlieren.

Der Architekt des Hauses war auch ein sonderlicher Bewerber um den Planungsauftrag. Hauska war 1938 nach Berlin gegangen, um dort nationalsozialistische Siedlungskonzepte zu erlernen, die er dann in der Slowakei umsetzte. Das war Empfehlung genug für den öffentlichen Wohnbau nach 1945. Lebende Architekten, die weit vor 1938 tätig waren, wurden nicht mehr berücksichtigt. Das alles klingt sehr merkwürdig, wie es auch merkwürdig war, den Hof nach seinem Bewohner Ginzkey zu benennen, 

Franz war nicht verwundert, dass die gleichen Bewohner des Ginzkey-Hofes, deren Wohnungssuche wegen ihrer politischen Gesinnung erleichtert worden war, sich von ihrer alten Partei wieder zu verabschieden beginnen. Mehr muss er ja wohl dazu nicht sagen, fügte Franz verbittert hinzu. So werden die Danksagungen an die Rathaus-Elite immer peinlicher, die auf den Fassaden der Gemeindebauten angebracht werden – seit jeher.

Ansai erlaubte sich, seine Beobachtung hinzuzufügen. Er meinte, dass man sich früher über den Personenkult in der Sowjetunion und  Ostblock lustig gemacht hatte, aber – wie man auch beim Ginzkey-Hof sehen kann – blieb diese Tradition in Wien ungebrochen. Auf jedem „Gemeindebau“ ist in großen Lettern die lange Liste der Angehörigen der Wiener politischen Klasse aufgeführt, weithin sichtbar als wäre es das großherzige Geschenk an eine undankbare Bevölkerung gewesen.   

Franz wechselte die Straßenseite und wollte Ansai das Hofkammerarchiv zeigen. In diesem Amt wirkte Franz Grillparzer. Franz erklärte, dass der Dichter mit einem Bein noch zur Literatur der „deutschen Klassik“ zählt. Nun sei es ein irreführender Begriff geworden, denn Grillparzer war der erste, der die Eigenart österreichischer Dichtung erstmals ganz deutlich repräsentierte. Vor allem in den Tagebüchern ist Grillparzers „Hofratsliberalismus“ nachzulesen, der schlechthin den Bestand der Donaumonarchie gesichert hatte. Erst wenn man diese Volten in der Geistesgeschichte verstanden hat, dann vermag man in der Charakteristik des Österreichischen vorankommen. Offenbar taten sich amerikanische Historiker mit „österreichischen Migrationshintergrund“ leichter, diese Besonderheit darzustellen als die österreichischen, wenn sie  nach der Fin de siècle-Literatur das Phänomen erklären wollten. Die Brücke wäre Karl Kraus gewesen, wahrscheinlich auch Johann Nestro; diese Brücke hatte man aber bewusst abgebrochen, sei es wegen des Bürgerkriegs 1934, sei es wegen der immer stärkeren Neigung für Hitlers Deutschland.

Franz ließ nicht locker darüber zu reden. Gerade in der Hauseinfahrt zum Hofkammerarchiv war Franz kaum zu stoppen. Als müsse er die Literaturgeschichte nach Grillparzer nacherzählen, fand er in seinem Bericht keinen Punkt. Wäre da nicht eine neue Kassa gewesen, bei der man ein Billet für den Eintritt ins neue Literaturmuseum lösen musste, würde er weiter geredet haben. Diese natürliche Hürde war dann doch hoch genug, um Franz in die Gegenwart zurückzurufen.

Ansai wollte die Billets kaufen, doch ehe er dazu kam, trat Franz dazwischen und wollte wissen, was es zu sehen gibt – Manuskripte, Notizen, Skripten oder Erstdrucke? Die junge Dame in der Kasse verstand vermutlich die Frage nicht. Sie antwortete, es gäbe das Schreibzeug von Dichtern zu bewundern, persönliche Habseligkeiten. Im Hinweis fehlte nur noch die Behauptung, man könne hier auch Schillers Apfel sehen, den dieser im Schreibtisch wegen des Geruchs aufbewahrte. Dass war dann doch nicht der Fall.

Wenn aber Franz einmal mit seinen Fragen begann, dann war er nicht mehr zu bremsen. Also fragte er, ob sie wisse, wer Ginzkey war, der vis a vis sogar gewohnt hatte? Da sie verneinte, wollte er wissen, ob sie jemals etwas über „Hatschi Bratschis Luftballon“ gehört habe? Auch diese Frage wurde verneint. Damit war Franz dermaßen enttäuscht, dass er sich verabschiedete und Ansai mehr oder weniger nötigte, ihm zu folgen. Beim Verlassen des Hofkammerarchivs war Franz empört darüber, dass gleichsam zum Empfang Neugieriger eine Ignorantin aufgeboten wird. Also stimmt die Behauptung Robert Musils im berühmten Roman nicht mehr. Dort wird berichtet, dass gemäß der Erfahrung des Generals von Bordwehr in der Nationalbibliothek das Personal immer das am besten informierte gewesen war. Bibliothekare schnappen von jedem Besucher die Kommentare über die gelesenen Bücher auf, merken sich diese und gemäß dieser Einschätzungen gaben sie dieses Urteil an den nächsten Lesesaalbesucher weiter.

Das ist in diesem Literaturmuseum offenbar nicht der Fall. Wegen der Füllfeder von Daniel Kehlmann würde er den Schauraum nicht betreten. Ihn hätte dessen Quellenarbeit, die Skizzen und Notizen zur „Vermessung der Welt“ weit mehr interessiert. Wie kam er dazu, Alexander Humboldt und den Mathematiker Gauss in den Mittelpunkt zu stellen? War es das Interesse des Dichters, die damalige Welt darzustellen, der immer mehr Geheimnisse entrissen wurden – vom Geographen und Geometer? In Marbach, setzte Franz fort, habe er im Grunde schreckliche Einsichten in die Rezepte des jungen Arztes Friedrich Schiller erhalten. Da war in allen Verschreibungen Arsen enthalten. Das nennt sich Literaturarchiv, schwärmte Franz. Dort hatte David Chipperfield einen großartigen Rahmen geschaffen, die Tempel-Form eines dorischen Peripteros. In dessen Untergeschoß sind die Vitrinen und Schaustücke. Insgesamt beherbergt Marbach 1.200 Nachlässe. Dahingegen nimmt sich ja die Schaustellung in Wien armselig aus, eine merkbare Geringschätzung österreichischer Literatur. Das allein zeigt ja die Dummheit, da man ja nicht mehr H.C. Artmann sagen oder schreiben kann, denn die Wiener assoziieren sofort einen Politiker, der beim Versuch, Zwischenhändler für Staatsbesitz zu sein, heimlich gefilmt worden war.

Es war ein außerordentlich langer Vortrag, den Franz in der Johannesgasse gehalten hatte. Sie gingen an der ehemaligen Kommende des Souveränen Malteser-Ritterordensordens vorüber, den Franz nur knapp erwähnte, obwohl das Haus in erstaunlich unberührtem Zustand ist, also ohne mondäne „Verbesserungen“. Zuvor wäre auf der rechten Seite das Palais Corbelli-Schoeller gewesen. Diese Hausnummer 7 hätte Franz schon eingehender erwähnen können, denn immerhin wird der Entwurf Lucas von Hildebrandt zugeschrieben. Dieser sehr zarten und äußerst harmonischen Fassade folgt das Palais Questenberg-Kaunitz auf Hausnummer 5. Auch hier gibt es eine Zuschreibung, die Jakob Prandtauer für den Endentwurf nominierte. Darüberhinaus war ein halbes Dutzend Künstler an diesen beiden Schlössern beteiligt.

Da Franz nur wenig über die beiden Palais berichtete, war Ansai auf sich allein gestellt, die Qualität der Gebäude zu schätzen. Franz bemerkte weder seinen Fehler, noch bemerkte er die sehnsüchtigen Blicke von Ansai, sich ein wenig mit diesen klassischen österreichischen Barockbauten auseinanderzusetzen. Franz überging  dieses Verlangen.

Also musste sich Ansai selbst ein x vor ein u machen. Er blieb stehen, während Franz im Monolog weiterredete, betrachtete die beiden Häuser und prüfte, ob er nicht Derartiges schon gesehen hat?. In der Vermutung war ihm aufgefallen, dass dieser österreichische Barock etwas Singuläres gewesen sein muss, eine eigene Formensprache, eine eigene Gesinnung und Gestik. Es sind eigenständige Details und in den Kuppelfresken in den meisten Schlössern immer wieder diese politische Tugend der pietas Austriaca verherrlicht. Ansai kam zum Schluss, dass er die Erklärung für sein Shinto nicht nur im Japan-Handbuch gelesen hat, sondern Joseph Kitagawa beschrieb das Phänomen für Japans Shinto, das er nun ebenfalls auf die Eigenständigkeit Österreichs ab dem 17. Jahrhundert anwenden dürfe. Wenn also Shinto eine zugrundeliegende Wertorientierung war, so äußerte sich das in Japan im Zusammenwirken von divergierenden und doch einzigartigen Sensitivitäten. Und das zeichnet beide Palais aus, auch wenn sie jetzt fest versperrt, keine Lebenskultur mehr bergen, keine leichtfertigen Gedanken mehr auf den Weg bringen, sondern in ihnen ist öder Büroalltag. Zwischen Stellwänden, Computeransschlüssen riecht es nach Leberkässemmel, wahrscheinlich vom Burger-Shop nebenan.

Die Erklärung des Österreichischen durch Vergleiche mit Shinto

Damals war es diese religiöse Überzeugung der pietas, die man der altrömischen Tradition entnahm, die weit mehr mit Cicero zu tun hat als mit bombastischen Hochämtern und politischen Liturgien. Zu ihr gesellte sich eine kulturelle Haltung, die seit der frühesten Zeit bis –ja bis wann?, fragte sich Ansai, das Erleben der Menschen geprägt hat. Dazu passt dann die Musiktradition, das Melodiöse in der Architektur, die Leichtlebigkeit im Umgang mit der eigenen Existenz. Diese Eigenschaften wird man natürlich nicht im Shinto finden, strukturell war es im Österreichischen enthalten. Das, was da Kitagawa über  Shinto aussagen will, ohnehin schon ein Wunschdenken, ist fürs Österreichische noch länger vergangen, weit mehr in weiter Ferne. Diese Architektur vermag die Menschen nicht mehr zu läutern, wie sie auch nicht beim Passieren eines Portals im Schritt nicht mehr innehalten. Kitagawa hat dort wieder recht, wo er im Shintoismus die Ideologie sieht, immer schon ein Verfall. Und das ist in Wien noch weit deutlicher geworden. Das Anpreisen des Wienerischen durch Tourismus ist ein Ideologem, das nichts mehr damit zu tun hat, was phasenweise in den Gassen noch aufgespürt werden kann, sondern es ist vulgär, grob, ohne Charme.

Während Ansai vor sich hin meditierte, halblaut, war Franz doch umgekehrt, hörte die Halbsätze und wusste sie zu deuten. Er bestätigte diese Gedanken, von denen er doch fast nichts gehört hatte, war aber trotzdem sofort an Hermann Broch erinnert. Dieser war der letzte Schriftsteller, der das Österreichische noch gekannt hatte. Er hatte es in der Expertise über den Bestand dieser kleinen Republik an den Genfer Völkerbund 1936 ausgeführt und dass der Nationalsozialismus für diese Bewohner hier, die Entlastung vom historischen Anspruch ist. Das ist heute die Wiener Kultur: eine einzige ordinäre Entlastung.

Wer sich wirklich während dieser Spaziergänge vergewissern will, was in dieser Stadt passierte, oder was der Stadt passiert, wird auf Dauer auf die diachronischen Analyse nicht verzichten können. Die zweite Methode ist, die der sogenannte Fremdenverkehr wunderbar nahe legt: die Betrachtung des Betrachters. Der nimmt nämlich das Gesehene oder Sichtbare nicht als Teil seiner selbst wahr. Leider trifft das auf die Wiener ebenfalls zu, sagte Franz, da er wieder in den Trubel der Kärntnerstraße eintauchen muss. Diesmal musste Franz lächeln, da er sich in Gedanken ausmalte, wie die Wiener im Grunde die Fremden in Wien sind. Sie benehmen sich nach Sonnenuntergang wie Urlauber auf Mallorca am Graben.

Beide waren sich einig, diesmal die Kärtnerstraße schnell zu überqueren. Franz meinte sogar, dass es in der Zeit, in der hier Autos fuhren, leichter war. Ansai glaubte ihm kein Wort und sah es als Übertreibung an.

Sie gelangten im Eilschritt zum Neuen Markt. Ansai war von der Leere des Platzes überrascht. Nach dem Bau der Tiefgarage hatte sogar der Providentia-Brunnen von Raffael Donner seine „Ort“ verloren. Irgendwo schwamm er auf dem Pflaster herum. Franz betonte, schon immer gesagt zu haben, wie wichtig für die Struktur der Stadträume ein Trottoir ist. Diese winzigen Niveauunterschiede geben Halt, Orientierung, Richtung. Jetzt ist es am Neuen Markt nur für die Fahrrinne unverdrossener Autofahrer oder Zubringer vorgesehen. Alles andere ist zugepflastert.

Ansai sekundierte. Da er während des Umbaus des Platzes auch in Wien war, beruflich, schien ihm sein damaliger Eindruck des aufgegrabenen Platzes besser als jetzt. Dank dieser Umgestaltungen scheint der Hohe Markt an ästhetischer Reputation gewonnen zu haben.

Als Folge eines Anblicks, der ihm noch immer und  jedes Mal mit diesem beklemmenden Bedeutungsentzug des Platzes konfrontierte, beschleunigte Franz seine Ausführungen. Widerwillig stellte er sich der Aufgabe, Ansai jetzt die Rolle der Kapuzinerkirche zu erklären. Das lag nicht am Objekt, sondern an der widerlichen Leere des Platzes insgesamt. Einmal, sinnierte Franz, hatte er sich in seinem Urteil dazu verstiegen, den Neuen Markt mit dem Campo di Fiore zu vergleichen. Von solchen Vergleichen war er nun befreit worden. Die durchwegs unhübsche Färbelung der Kapuzinerkirche ist jetzt die einzig adäquate Farbgebung am Platz. Früher hätte sie eine gewisse Armseligkeit symbolisieren sollen, doch jetzt passt sie. Beide drückten sich um einen riesigen Container herum, der den Zutritt zum Platz verstellte – vermutlich die Ent- und Belüftung der Tiefgarage. Und wenn man dann alles vor sich sieht, sagt man nicht mehr Ah!

Der Neue Markt

Es bleibt einem das Wort im Mund stecken. Ansai bekräftigte diese kurze Atemnot. Franz begann sein Wissen herunterzuleiern, dass also in der Krypta der Kirche die Gräber der Kaiser, der kaiserlichen Familien sind. Es war nur einem Kaiser möglich, hier im Zinnsarg beigesetzt zu werden. Vorher war ein Ritual zur Aufnahme des Toten in der Krypta vorgesehen. Der Mönch fragte nach dem Begehr. Ihm antwortete eine Stimme: der Kaiser von Österreich, König von Ungarn, Böhmen, Graf von Tirol, Erzherzog unzähliger Landschaften, Herr über Lodomerien und Galizien, Istrien und Dalmatien, Triest und Kroatien. Es wurde ein Rattenschwanz von Titeln vorgelesen. Der Mönch lehnte die Aufnahme ab. Er fragte ein zweites Mal: darauf folgte eine bescheidenere Antwort. Schließlich fragte der Ordensbruder ein drittes Mal. Die Antwort lautete beispielsweise: der sündige Diener Franz Joseph oder Franz oder Joseph. Und erst dann wurde der Verstorbene eingelassen.

Ansai hielt das Ritual für angemessen. Er kannte die Gruft von einer Führung und hatte die riesigen barocken Särge bewundert. Die Krypta wird wohl keinen Kaiser mehr aufnehmen.

Franz antwortete schnell und mit Witz: Aus eben diesem Grund ist er Mitglied der Freunde der Kapuzinergruft geworden. Aus dieser Gruft kommt niemand mehr wieder. Im Unterschied zu den Gespenstern der Ideologien verhalten sich die hochgestellten Persönlichkeiten sehr ordentlich und brav. Er selbst verfolgt die Verlegung des Sargs der Gräfin Fuchs.

Wieso?

Da sie gleich neben einer Türe im Zug liegt, war die Antwort von Franz. Jedes Mal wenn eine Führung ist, streift ein sehr kühler Windhauch den Sarg der Gräfin Fuchs.

Jetzt lächelte auch Ansai. 

Franz wollte wieder ernst sein. Mit dem linken Arm zeigte er über die gesamte Westseite des Platzes, also von der Kapuzinerkirche bis zur Kurkonditerei Oberlaa. Mit Ironie wiederholte er den Eintrag des „Dehio“, dass auf der Westseite die Altstadtsubstanz erhalten blieb. Nun sind die Spuren von Johann Bernhard Fischer von Erlach gründlich beseitigt. In der Erinnerung, als der Platz dieses positive räumliche Gefühl vermittelte, waren die Spuren des barocken Entwurfs offenbar noch vorhanden. Ohne dass man es bemerkt hätte, war eben die Handschrift eines großen Gestalters lange erhalten. Solange sich die nachfolgenden Gebäude an die Platzplanung hielten, war es selbst einem nichtssagenden Haus gelungen, eine gewisse Wirkung zu erzielen, vor allem durch den „Dialog“ mit seinen Nachbarn. Ein Beispiel dieses „dialogischen Verfahrens“ ist die Piazza Navona in Rom, auch wenn hier zwei Antipoden der Baukunst ihre private Fehde am Platz ausfochten. Der Neue Markt hatte mit dem Brunnen, den der Schüler von Giuliani, Raffael Donner, entworfen und ausgeführt hatte,  damals einen festen Platz im Gefüge erhalten. Jetzt kann man den unglaublichen Einwand erheben, dass der Platz mit den parkenden Autos noch besser beisammen war als jetzt.

Nun ist der Vergleich mit dem Navona-Platz gar nicht so weit hergeholt, denn am Neuen Markt fanden auch Turniere statt,  hier hielt sich im 13. Jahrhundert der Minnesänger Ulrich von Liechtenstein auf und  hier war der Mittelpunkt der Wiener Ballsaison und zahlreicher Freiluft-Konzerte. Das alles kann man sich nicht mehr vorstellen.

Vorstellen kann man sich auch nicht, dass man allen Ernstes Ende der 50er Jahre hier eine Garage errichtete, die Karl Schwanzer entworfen hatte. Es war der erste Schritt zur Zerstörung des Platzes. Dank der recht ordentlichen Häuser, die nach dem Krieg errichtet worden waren, etwa das Hotel Ambassador beispielsweise, die alle ein gutes Gefüge auf der Westseite des Platzes eingingen, so haben die Dachausbauten auf der Hausnummer 9 eine unfassbare wie verantwortungslose Veränderung bewirkt, die die barocke Fassade darunter als schlechten Scherz erscheinen lässt.

Gelungene Zerstörung

In diesem Haus hatte einmal Josef Auenbrugger gelebt und war hier auch 1809 gestorben. Er war eine internationale Berühmtheit in der Medizin und gilt als der „Erfinder“ der Lungen-Perkussion. Immerhin hatte ein Soziologe, Michel Foucault, Auenbrugger in seinem wichtigen medizinhistorischen Werk „Geburt der Klinik“ Auenbrugger erwähnt. Franz konnte sich nicht entsinnen, ob Auenbrugger auch in Graz Professor gewesen war, oder nur in Wien. Jedenfalls war auf diesem Haus ein dreistöckiges Penthaus errichtet worden. Interessant ist, dass einerseits bei solchen Planungen nie der Architekt genannt wird, der sich erbötig zeigte, historischen Bestand zu zerstören, andererseits geht man fehl in der Annahme, das Penthaus würde nur auf dem einen Dach errichtet worden sein. Nein, der ehrgeizige Plan weitete sich auf zwei Häuser aus. Es ist unverständlich, da offenbar Geld keine Rolle spielt, dass diese teure Variante den Vorzug erhielt, wo doch. um weit weniger Geld über ein ganzes Schloss verfügt werden könnte. Offenbar war die Absicht des Plans auf Nummer 9, ein Stein des Anstoßes sein zu wollen, eine Provokation mit dem Zweck, dass man in Wien jede Grenze, jede gesetzliche Bestimmung umgehen kann. Dieser Nachweis ist gelungen.

Hausnummer 10 am Neuen Markt ist wohl eines der witzigsten Gebäude in Wien. In Wien war zwar das Wohnen stark von alt-deutschen Möbeln definiert worden, doch alt-deutsche Häuser waren überaus selten. Es kann sein, dass die Niederlage gegen Preußen 1866 die Begeisterung fürs Alt-Deutsche dämpfte. So ist dieses sehr eigenwillige Haus eine willkommene Abwechslung, auch wenn man es ins Surreale einordnet. Die vielen Zutaten, angeblich mit vollem Ernst geplant und verwirklicht, schaffen weniger einen Eindruck des Pittoresken, auch nicht des Verspielten, sondern viel mehr realisiert das „Alt-Deutsche“ in seinem Ernst und Aufwand, was einmal Heinrich Heine als Gamaschenrittertum bezeichnete. Auf dem Erkerdach ist dann obendrein zur Bekrönung ein Merkur, freilich nach dem Vorbild des Giambologna. Das ist ja zu erwarten. Nicht zu erwarten war, dass der Keller zum Umbau für die Tiefgarage herhalten musste. Jetzt kann man bestimmen, sagte Franz, wann die Platzzerstörung eingetreten ist: 2003.

Erstmals hatte Ansai den Wunsch, diesen Platz hätte er gern vor 300 Jahren erlebt. Von da an ging der Aufwärtstrend der Stadt steil nach oben. Es war eine seltene Konstellation in der Landes- und Stadtgeschichte, das wusste er. So oft hatte er gehört, dass der sagenhafte zugewanderte Prinz aus Savoyen alles auf neue Beine stellte, im Grunde für Wien eine Rolle bekleidete wie vormals Fürsten der Renaissance. Da hatte er nicht nur mehrere Schlösser erbaut, in die Stadtplanung eingegriffen, mit Hilfe von Leibniz die Universität zu reformieren versucht,  die politische Perspektive der Habsburger in die Hand genommen, sondern er war auch rundum ein gebildeter Mann, der nicht nur militärisch ein „Draufgänger“ war, sondern auch der „arbiter elegantiarum“. Seine wichtigste Leistung war, und das hatte Ansai in den letzten Tagen bei den Spaziergängen gelernt, dass Wien sich in Ruhe und Sicherheit entwickeln konnte. Endlich waren jene Vorstellungen realisierbar, die bereits London und Paris zu modernen Städten gemacht hatten – im damaligen Verständnis.

Diese Bewunderung hatte auch Franz mitbekommen. Vielleicht wollte er Ansai in der Begeisterung etwas bremsen, da er auf die Stirnseite des Platzes wies und eine weitere Kritik anbrachte. Dort war einmal das Stadtpalais der Fürsten Schwarzenberg. Und es ist nicht der einzige Schaden, der dem Platz zugefügt wurde. Franz nahm seinen lap top in die Hand, öffnete das Suchprogramm und tippte „Neuer Markt“ ein. Schnell erschienen Beschreibungen und Bilder, die Franz teils laut vorlas, teils zeigte. Darunter gibt es nicht nur den Hinweis auf ein Gemälde von Canaletto, das das bunte Treiben am Mehlmarkt – jetzt Neuer Markt – und das noch bestehende Palais Schwarzenberg zeigt, sondern die Szenerie verrät eine noble Stadt mit hohen barocken Gebäuden. Und laut las Franz den Satz vor: „Unter Denkmalschutz stehen das Marco d`Aviano-Denkmal, der Donner-Brunnen, die Häuser 10-12, 13, 14, sowie der Wohnhaus- und Geschäftshauskomplex, bestehend aus vier Häusern unter der Nummer 8.“

Beide fingen zu lachen an. Franz prustete los: Denkmalschutz! Ansai kicherte. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Man wird ab nun niemandem einen Dachausbau verwehren können, denn dieser auf dem Barockhaus ist ein unüberbietbarer Verstoß gegen die geltenden Gesetze. Und bei dieser Gelegenheit empfahl Franz ein Buch, das die bisher bittersten Beispiele der Stadtzerstörung auflistet. 
Ein Autorenkollektiv hat es publiziert: Dieter Klein, Martin Kupf und Robert Schediwy. Unter dem Titel „Stadtbildverluste Wien“ kann Ansai all das nachlesen, was er gestern und heute hörte.

Man muss sich vorstellen, setzte Franz fort, dass im Palais Schwarzenberg die Uraufführung von Haydns Oratorium „Schöpfung“ stattfand. Das war am 29. April 1798. Haydn selbst war persönlich anwesend. Hat man sich vor Jahren noch einbilden können, den Nachhall der Musik zu hören, so war das jetzt nach dem Platz-Umbau nicht mehr der Fall. Haydns „Schöpfung“ hatte ein einzigartiges Echo. Die Polizei musste verstärkt werden, da die Menschenmenge den Weg zum Schloss fast versperrte. Ursprünglich war das Textbuch für Georg Friedrich Händel gedacht, doch das Projekt zerschlug sich. So war an Haydn gedacht worden. Jedenfalls hatte Gerard van Swieten die Hände im Spiel, der das Libretto des Oratorium auf Deutsch übersetzte. Der hohe Leibarzt hatte da eine mangelhafte Übersetzung zubereitet, die umgehend auf Kopfschütteln stieß – auch die Rückübersetzung war nicht gut. Der Erfolg war nach den Aufführungen dennoch enorm.

Haydn

Ansai merkte, dass Franz unkonzentriert war. Die Erwähnung von Haydns Oratorium war beiläufig gewesen und ganz gegen seine Art genauer Charakteristik. Soweit er es beurteilen konnte, war die „Haydn-Tradition“ in Wien schon vor Jahren recht dürftig geworden. Als er in der Musik noch nicht so bewandert war, glaubte er den gelangweilten Gesichtern der Pianisten, wenn von ihnen Haydn verlangt wurde. So war Haydn der Komponist für Klavierschüler geworden. Haydn hatte Diabelli abgelöst, während die Fingerübungen nach Karl Cerny Pflicht blieben. Anspruchsvolles Klavierspiel begann in den Augen der Wiener Musikkenner bei den späten Beethoven-Sonaten. Als Höhepunkt bei größter Wertschätzung samt Beifall waren die Klavierstücke zwischen Franz Liszt und Johannes Brahms bewertet worden. Im Konzertsaal war man sogar aufgestanden, um diese Bravourstücke am Klavier besser sehen zu können. In den knappen Pausen der Musikstücke flüsterte man einander zu, dass dieser Pianist zwei Oktaven vom Daumen bis zum kleinen Finger umspannen kann, jener nur eineinhalb Oktaven. Über Jahre hatte er diesen Unsinn für Musikverständnis gehalten, sagte  Ansai wie ein Schuldbekenntnis. Nach Haydn droht Mozart ein ähnliches Schicksal. Er hatte gesehen, wie gelangweilt der Pianist ins Publikum schaute, so er nicht spielen musste. Offenbar hatte den ein Klavierkonzert nicht interessiert. Das war bei den Salzburger Festspielen. Vermutlich schien der Pianist von der Komposition unterfordert. In dieser Weise hätte er fortfahren können. Ihm ging es aber um die Beobachtung, dass Haydn, dann auch Mozart zur Gebrauchs- und Schulmusik abstiegen. Der eine hatte mit der Kaiserhymne eine politische Ungeheuerlichkeit hinterlassen, der andere musikalische Bagatellen.

Und Ansai konnte sich noch genau an die Zeit erinnern, wo Haydn durch Glenn Gould wieder Aufmerksamkeit erhielt. So hat er bis heute die fünf letzten Haydn-Sonaten im Ohr, die Glenn Gould für die Schallplatten eingespielt hatte. Da merkte man erst, dass schon eine Viertelpause bei Haydn das Schwierigste für den Pianisten ist. Da merkte man, welchen Atem man benötigt, um Haydn überhaupt anrühren zu können. So ist er der festen Überzeugung, dass ein großer Pianist auch hervorragend Haydn spielen können muss –  wie Alfred Brendel. Und Ansai hätte sich weiter in diese Materie vertieft, die ihm offenbar mehr bot als diese ewig ähnlichen Historismus-Bauten. Loos hatte schon recht, wenn er den Historismus verfluchte.

Diesen Satz hatte er laut gesprochen, sodass ihn Franz hören konnte. Er war verblüfft. Sie standen vor dem Zubau der großen Konditorei am Neuen Markt und Franz hätte eher erwartet, dass Haus und Konditorei aus dem Ringstraßen-Stil ausbrechen. Franz tat sich schwer, jetzt mit zweierlei Maß zu messen. Er musste anerkennen, dass diese Kurkonditorei vornehmlich die Wiener anzieht. Bekannte Kaffeehäuser haben sich mit ganzem Herzen dem Tourismus ergeben. Bei einem stehen Touristen am Gehsteig zu Hunderten, da im Café angeblich Wien stattfindet. Und in Wien gibt es mehrere „Touristenfallen“, die die Urlauber anziehen wie das Licht die Motten. Da sitzen nun die Touristen an ihren Kaffeehaustischen, schauen herum und sehen immer nur Touristen, also sich selbst.  Deshalb sind die schlimmsten Kaschemmen gut besucht, denn kein Deutscher würde es wagen, hier den Kaffee zu bestellen.

Am Weg zum Dorotheum

Über die Seilergasse bewegten sie sich zur Plankengasse. Franz wusste über beide Gassen nicht wirklich Bescheid. Vielleicht hätte er die Hausnummer 4 der Plankengasse erwähnen können. Knapp vor dem Ausbruch des 1. Weltkriegs hatten Karl und Wilhelm Schön das Haus fertiggestellt. Unter dem Einfluss Otto Wagners  hatte man die Geschäftszone und das Mezzanin in einer Einheit entworfen. Und in geschickter Weise ist die Statik des Hauses gleichsam auf Stelzen gestellt, ohne nun die leichte Bauweise der Geschäftszone über Gebühr zu belasten. Zusammen mit der Hausnummer 3, von den gleichen Architekten entworfen, ist eine gelungene Einheit geschaffen worden. Ohne nun die Qualität der beiden Häuser in den Himmel zu heben, sagte Franz, der sich dann doch bequemte, über die Plankengasse ein paar Worte zu verlieren, hatte er sich Architektur immer als Dialog der Häuser ausgedacht, eine kommunikative Einheit, die auch in der Lage ist, „Fremdsprachen“ zu integrieren. Damit meinte er, dass auch zeitgenössische Architektur in die Stadtbildgestaltung aufgenommen werden soll, allerdings unter der Voraussetzung einer „Gesprächsbereitschaft“: Wenigstens auf diesem kurzen Stück ist es gelungen, weshalb er gern durch die Plankengasse geht. Und dieses Gefühl wollte er auch Ansai vermitteln.

Nun hatte Ansai schon mehrmals Hinweise erhalten, die er sich nur schwer aneignen konnte. Zu fremd, zu verschlüsselt waren sie gewesen, um gleich in eine Begeisterung auszubrechen, jetzt und auf der Stelle den Zweck des Hinweises verstanden zu haben. Also in diesem Fall wollte Ansai Franz beim Wort nehmen. Er blieb stehen, sei es die Hausnummer 3 oder die Hausnummer 4. Gewiss hoben sie sich angenehm von diesen historistischen Monstern ab, aber sind sie nur deshalb erwähnenswert? Ansai überlegte, da er nicht in die Fallstricke des „Japonismus“ geraten wollte. Diesen hielt er für eine mehr als nur problematische Rezeptionsgeschichte japanischer Kultur in Europa um 1900. Für Japan hatte er nichts gebracht. Es waren Besonderheiten japanischer Kunst, die rezipiert wurden. Wie oft hatte er zur Einleitung von Ausstellungen gelesen, von Kunsthistorikern geprüft und konzessioniert, dass der Holzschnitt wie eine „Bombe“ in Paris einschlug und alle orientierten sich an ihm – van Gogh, Toulouse-Lautrec, Matisse bis Monet. Es mag schon sein, dass die Lithographien, die ihre ersten Erfolge auf Plakaten feierten, in Paris Furore machten. Ihn beschlich aber regelmäßig das mulmige Gefühl, ob die lieben Spezialisten sich nicht in der Einschätzung des japanischen Holzschnittes irrten? Ob sie nicht für ihre persönlichen Interpretationen den Holzschnitt missbrauchten? Natürlich muss man an die Schlüsselfigur des Exotischen in der Malerei denken, also an Paul Gauguin, doch dieser hat in den Gemälden eher europäisch gedacht. Befremdend anti-europäisch, auch völlig fern von japanischen Traditionen war das bewusste Zitieren des Ursprünglichen.

Eine Diskussion in der Plankengasse über Holzschnitt

Die Zuneigung für den japanischen Holzschnitt verdankte sich der „Bildersprache“, die einen speziellen Expressionismus mit klarer Form und Farbe zuließ. Während also der Impressionismus alles „verflüssigte“, ins „Nebulose“ brachte, wie eben das grandiose Gemälde „L´impression soleil levant“, so führte dieser Expressionismus die Farbe in die materialen Grenzen des Gegenstands zurück. In Sekundenschnelle hatte das Ansai rekapituliert. Das war aber nicht die Frage, die Franz im Grunde gestellt hatte: Gibt es den Jugendstil in Japan? Gemäß seiner Kenntnisse wollte er diese Frage teilweise bejahen. In der Dichtung, in der Malerei, in der Bearbeitung alltäglicher Gebrauchsgegenstände war der Stil in Japan mit dem Jugendstil vergleichbar. Deshalb war das japanische Aushängeschild Takehiti Yumei geworden. Wenn man will, so war es der Zeitabschnitt des Taisho-Romantizismus – Taisho roman – um 1890, der unserem Jugendstil näher kommt – oder wegen der Zeitüberschneidung so genannt wird. Allerdings, schränkte Ansai ein, hatte man keine vergleichbare Bewegung wie in West- und Mitteleuropa beobachten können. In Japan war es ein Wunschdenken geblieben, ein Anpassungsversuch, von dem man überzeugt wurde, den gleichen Standard wie Frankreich oder Deutschland zu haben. Das war natürlich Unsinn und stärkte nur die nationalistischen Bewegungen.

Genau diese Ausführungen liebte Franz, denn das war die Belohnung für das „Wiederkäuen“ Wiener Begebenheiten, die er in-  und auswendig kannte. Selbst wenn Ansai nur zu murmeln schien, immerhin auf Deutsch, so hatten die Einwände Hand und Fuß. Sie versteckten sich weder hinter der kunsthistorischen Wiener Zahlenmystik, noch hinter dem Verwirrspiel, welcher Maler an welchem Ort irgendetwas gekannt haben muss, um daraus für seine Arbeiten  Anleihen zu nehmen.

Vom Würger in der Spiegelgasse

Sie gingen an der Ecke zur Spiegelgasse links. Ansai war im ersten Moment unsicher gewesen. Franz erzählte ihm, würden sie etwas mehr Zeit haben, hätte er ihm gern seinen Hemdenmacher in der Spiegelgasse vorgeführt. Da hätten sie aber nach rechts gehen müssen. Den Großvater hatte Franz noch gekannt. Seit ewigen Zeiten hatte er dort stets die Hemden bestellt. Er will jetzt keine Reklame machen, so lange bleibt ja Shin nicht in Wien, um die Fertigstellung eines Maßhemdes abzuwarten, aber er sollte ihm das Geschäft zeigen – wenn es die Zeit erlaubt. Es ist eines der wenigen Geschäfte, in dem man stolz darauf ist, in dieser Einrichtung, in diesem Stil, in dieser praktischen Unaufdringlichkeit verblieben zu sein. Das war seit jeher vom Großvater gewollt und verwirklicht. So man nicht am Samstag das Geschäft aufsucht, erlebt man noch jene Höflichkeit und ein zuvorkommendes Verhalten, wofür Wien berühmt und beliebt war. Der gegenwärtige etwas tollpatschige Eigentümer hat im Gegensatz zu vielen anderen eingesessenen Geschäften jede Krise überlebt und sein Augenmaß  besteht aus ökonomischem Kalkül.      

Da sie gleich nach links abbogen, waren sie im Nu vorm Dorotheum. Das war Ansai nur in groben Zügen bekannt. Er musste gestehen, noch nie im Dorotheum gewesen zu sein. Er hatte irgendwann gehört, dort würden alle möglichen Sachen versteigert, bei Kunstauktionen würde man sich um Gemälde raufen, die aus der dritten Kategorie des 17.  Jahrhunderts stammten. Gerüchte gab es viele.


Von Wiener Gemütlichkeit

Ansai berichtete Franz, einmal war er auf einen Tee beim Heiner in der Kärntnerstraße gewesen, doch nur kurz. Der Tee hatte in der Kanne noch nicht gezogen, war er schon angesprochen worden. In Wien ist ja die typische Frage, die blöder nicht sein kann, ob er wohl ein Japaner ist? Die Mundart konnte er nicht gut nachahmen, doch zum Gaudium von Franz versuchte er es: „Sanse a Japana?“ Und damit nicht genug. Der ungebetene Gast erzählte detailliert vom Glück, bei der Kunstauktion einen Gauermann erworben zu haben. Es soll der Lieblingsmaler vom Kaiser Franz Joseph für die Villa in Ischl gewesen sein. Und der Glückspilz ließ sich nicht unterbrechen. Immer wieder sagte er: „Stölln´s Ihna vor: an Gauermann, an echten Gauermann um läppische 7000! Des könnan`s aber net beurteil, weu Se kennan kan Gauermann – hab i recht?“

Ansai hatte diesen Dialog recht gut wiedergegeben, jedenfalls hatte Franz alles verstanden. Das Ergebnis war fortgesetztes Gelächter.

So betraten sie mit schallendem Gelächter das Dorotheum. Franz konnte endlich nachtragen, was er zu erklären vor dem Haus versäumt hatte. Das neobarocke Gebäude war um 1900 von Emil Förster geplant und daraufhin erbaut worden. Es muss auf dem Grundstück ein respektabler barocker Bau gestanden haben. Die Kirche aus dem 14. Jahrhundert war der heiligen Dorothea gewidmet. Den barocken Umbau besorgte Mathias Steinl 1705. Das hinderte nicht am Abriss von Kloster und Kirche im Zuge der josefinischen Kirchenpolitik. Damit war das Grundstück neu zu nutzen. Also übersiedelte das Versatz- und Versteigerungshaus hierher, das schon Josef I. 1707 gegründet hatte. Der vorhergehende Ort dieses Amtes war auf der Seilerstätte 30.

Die unzeitgemäßen Funktionen eines ehemaligen Klosters für ein Versatzamt hatte man doch verändern wollen. Und so kam es zur Neuplanung und Neu-Adaptierung innerhalb eines neobarocken Neubaus. Der Stiegenaufgang ist beeindruckend und würde einem Liechtensteinschen Schloss in Tschechien alle Ehre machen. Man ist deshalb an das historistische Schloss in Lednice erinnert. Unter dem triumphalen Stiegenabsatz sind die Angebote im Freiverkauf erwerbbar. Eine weitere Abteilung des Freiverkaufs ist im 2. Stock, sprach Franz.

Da war Ansai sofort Feuer und Flamme, sich einmal im unteren Freiverkauf umschauen zu wollen. Schon davor locken langgestreckte Vitrinen neugierige Käufer an. Franz gab unumwunden zu, ein regelmäßiger Käufer zu sein. Er machte Ansai den Mund wässrig, da er ihm von seinem letzten Kauf vorschwärmte: versilbertes Besteck für sechs Personen; dazu Suppenschöpfer, Vorlegebesteck, Salatgarnitur und 6 Salzfässchen leicht beschädigt; Gebrauchsspuren Marke Berndorf 1908, punziert mit aufrechtstehendem Bären. 130.- Euro. Würde er also jetzt ein Besteck kaufen, in Stahl für sechs Personen, würde er weit mehr als 350.- Euro zahlen müssen. Obendrein war das Besteck im Dorotheum in einer Kassette.

Das war für Ansai eine harte Probe, in der berüchtigten asiatischen Gelassenheit zu verbleiben. Schon lockte ein „Karafindel“ mit englischem Beschauzeichen, Birmingham 1925. Und in der anderen Vitrine waren die Messingfiguren der 20er Jahre –  Reh, Hase, Fuchs, Kerzenständer –  aus den Wiener Werkstätten nach einem Entwurf von Hagenauer, zu denen sich Ansai noch mehr hingezogen fühlte. Schließlich entdeckte er die Druckgraphiken zu sehr moderaten Preisen. Sie waren teilweise unsigniert, doch eindeutig von Carry Hauser –  monogrammiert, Frans Masareel, Paul Flora, Marc Chagall. Ansai war kaum zum Weitergehen bereit.

In der Zwischenzeit entdeckte Franz ein großes Blumenaquarell von Gerda Matejka-Felden. Er wusste haargenau, dass sie die Leiterin der künstlerischen Volkshochschule in Wien nach 1945 war. Sie war die geschiedene Frau des kommunistischen Kulturstadtrats Viktor Matejka. Da kamen Kindheitserinnerungen ins Spiel. So störte es nicht, dass Ansai inzwischen die Drucke von Lovis Corinth bewunderte.

Von jedem Besucher ließ sich der Kulturstadtrat einen Hahn zeichnen. So hinterließ er hunderte Hähne, darunter einer von Picasso oder von Chagall, von Paul Claudel und von Wiener Bürgermeistern. Wer weiß, wo die landeten?, dachte sich Franz.

Nun war es doch an der Zeit, das Erdgeschoß zu verlassen.

Im zweiten Stock wartete auf die beiden Neugierigen Silber, Gemälde, Porzellan und Krimskrams. Natürlich weckte das prächtige russische Silber beider Interesse. In der mittleren Vitrine stand eine Besamimbüchse, 250 Jahre alt, mit Moskauer Punze. Franz war hin und hergerissen. Zweimal umrundete er die Vitrine, kehrte zur Besamimbüchse zurück, sah sie und sie siegte. Auf Ersuchen des Aufsehers war die Vitrine geöffnet worden und Franz war bald der glückliche Besitzer.

Ansai hatte inzwischen die Gemälde betrachtet. Ihm schienen sie gemäß der Qualität und des Alters zu teuer. Die Hälfte des Preises hätte er sich einreden lassen. Das nächste Hindernis wäre der Transport nach Japan gewesen. Tatsächlich hatte es Ansai ein Gemälde von Anton Hansch angetan: Chiemsee im Herbst. Er überlegte hin und her. Der Preis schien ihm sehr hoch zu sein, auch wenn das Gemälde jenen idyllischen Zauber der Romantik vor Augen führt, was jeden Betrachter wehmütig macht. Allein wegen der Wehmut würde er das Gemälde kaufen. So sah er ein einziges Hindernis: den  Transport nach Japan. Da konnte ihm Franz helfen. Es ist kein Problem, so er das Gemälde erwerben will, kann es in vierzehn Tagen in Tokyo sein. Sollte er handelseins werden, würde Franz die Firma Sobolak anrufen, ein Spediteur seines Vertrauens. Dort sitzt ein Mann namens Lotzer, der das Gemälde persönlich abholt, verpackt und selbst dorthin sicher versendet, wo nur Pfeffer wächst. Mehrmals hatte er die Hilfe dieser Firma in Anspruch genommen, regelmäßig zur vollen Zufriedenheit.

Nun drängte die Zeit. Franz gab seine Besamimbüchse in Verwahrung, Ansai den Hansch mit Chiemsee. Freudig bewegt und erfolgreich verließen sie das Dorotheum, doch nicht durch den Ausgang Spiegelgasse, sondern Dorotheergasse.

Zur Augustinerkirche  

Ansai tat es leid, so abrupt aufgebrochen zu sein. So gern hätte er noch die Mappe japanischer Holzschnitte durchstöbert. Im Vorbeigehen sah er zwei Hokusai, einen Hishikawa Moronobu und drei Torii Kiyoshige, die grimmig aussehende Schauspieler darstellten. Den Preis konnte er in der Schnelligkeit nicht ablesen. Das hatte Franz nach seinem glücklichen Erwerb nicht mehr zugelassen. Ansai erinnerte sich, in Salzburg in der Sigmund Haffner-Gasse Farbholzschnitte erworben zu haben, Nachdrucke aus dem späten 18. Jahrhundert, die recht billig waren. Vielleicht hätte es eine ähnliche Chance auch hier gegeben. Vorbei und vergessen, sagte er sich.

Sie zogen die Gasse entlang bis zur Augustinerstraße. Damit stießen sie direkt auf die Längsfront der Augustinerkirche. Franz drängte darauf, in die Kirche hineinzugehen.

Die gotische Hallenkirche hat eine durchaus ebenbürtige Geschichte zu Sankt Stephan, meinte er. Allerdings ist die wechselvolle Baugeschichte, die sich über Jahrhunderte hinzog, die Ursache einer besonderen Wirkung. Die Kirche betritt man in einem Durchgang unter dem Augustinertrakt. Es ist wie ein „pronaos“, da der Durchgang etwas dunkel ist. Kaum durchquert empfängt den Besucher eine helle gotische Halle, deren Seitenfront straßenseitig den Hochaltar und das Schiff belichtet. Franz ist der Ansicht, dass die besondere Helligkeit in der Kirche einer klassizistischen Malerei gleicht, die am Ausgang des 17. Jahrhunderts in Frankreich gebräuchlich war. Es ist dieses Licht, das ihn immer wieder beeindruckte, wiederholte Franz. Also hat die „Entbarockisierung“ der Kirche sehr gut getan. Im Auftrag Josefs II. hatte man veranlasst, alles Barocke einfach zu entfernen. 1784 wird über Auftrag des neuen Pfarrers der Hochaltar demoliert. Die „barfüßigen Augustiner“ hatten das Kloster bereits aufgegeben und waren später durch die „Augustiner Eremiten“ ersetzt worden.

Viel später dachte man an einen neuen Hochaltar. Da war die Gelegenheit günstig. Der Würzburger Bildhauer Andreas Halbig hatte gerade den für die neogotische Votivkirche vorgesehenen Hochaltar beendet. Dieser landete in der Augustinerkirche. Obwohl diese Arbeit stets als historistisch bezeichnet wird, Franz erwies sich geradezu als Spezialist für die Augustinerkirche, so würde er diesen Altar, der präzise in den Hochchor eingefügt werden konnte, als charakteristisch für das Biedermeier bezeichnen. Immer wieder ging ihm die Ähnlichkeit mit dem Hochaltar in Maria am Gestade von Thomas Marzik 1840 durch den Kopf. Man kann doch nicht alles generalisierend als Wiener Historismus bezeichnen, lautete der Einwand von Franz gegen den kunsthistorischen Allerweltsbegriff.  Schon längst hätte man Differenzierungen vorzunehmen, denn selbst der Historismus lässt sich in Phasen darstellen, wobei man in der Augustinerkirche eine Pionierleistung erblicken kann.

Würde man etwa die Villa von Horace Walpole, Strawberry Hill, als erstes Beispiel wählen, sie wurde um 1760 gebaut, dann ergibt sich eine bemerkenswerte Mischung zwischen Klassizismus und Romantik, die schließlich mit der Entscheidung zum Eklektizismus eine Anreicherung durch alle Stile der europäischen Geschichte erfuhr, aber sehr bald mit einer Gesichtslosigkeit jede Originalität einbüßte. Nun war der Pionier des Historismus in Wien Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg. Er bestimmte in großem Umfang den Umbau des Augustinerklosters und der Kirche ab 1784. Besonders erfolgreich war er in der Reparatur der im Josefinismus halb demolierten Minoritenkirche, und ebenfalls betrifft es die Deutschordenskirche. Es ist seine Lieblingsidee, die Franz immer wieder erwähnte, auch hier erste Spuren des Historismus zu  erkennen. Alle drei Bauwerke wurden im gleichen Zeitraum „regotisiert“.  Die nächste geschickte und optisch gelungene Komposition gelang dem Oberhofarchitekten 1775 mit der Gloriette als Abschluss der Schönbrunner Gartenanlage.

Nun sprudelte es aus Franz nur so hervor, alle kunsthistorische Weisheit zum Zweck des besseren Verständnisses dieser beachtlich schönen Kirche. So zeigte er Ansai, weshalb man am Höhepunkt der Gotik die Seitenschiffe in gleicher Höhe wie das Mittelschiff abschloss, nach welchen Kriterien der Chorabschluss erfolgt. Nun war stets zu berücksichtigen, dass an die Kirche nicht nur das Augustinerkloster angeschlossen war, sondern die bedrängte Situation ergab sich durch die weiterhin bestehende Festungsmauer, die heute als Auffahrt zur Albertina genutzt wird. Ferner war die Kirche zur Hofburg, recte Nationalbibliothek heute, eingeengt oder hatte darauf Rücksicht zu nehmen. Und im Übrigen war an die Kirche die zweischiffige Georgskapelle „angelehnt“ samt der Anlage der „Herzgruft“. Von hier aus war ein Gang zum Oratorium wahrscheinlich, das sich an die Prunkstiege, dem alten Aufgang zur Bibliothek und zum grandiosen Prunksaal der Bibliothek anschloss.

Das Oratorium war der erste Ort der Aufbahrung verstorbener Kaiser gewesen. Dort fand dann die Einbalsamierung statt und dort waren Herz und Beigaben in eine Urne gegeben worden, um in der Herzgruft der Augustinerkirche aufbewahrt zu werden.

Ansai beneidete den Vorgang wegen dessen Klarheit und Eindeutigkeit. In Japan war in der Meiji-Zeit ein Begräbnisritus neu erfunden worden. Er war sogar gesetzlich geregelt – Taiso no Rei. Die Komplikation hatte sich ergeben, da man zuvor eine Trennung zwischen Shinto und Buddhismus vollzogen hatte. Also war ein toter Tenno nach staatlichem Zeremoniell beerdigt worden, zugleich aber fanden Shinto-Rituale statt, die in der Bevölkerung nicht beliebt waren. Der Kompromiss war, auch ein „informelles“ buddhistisches Begräbnis vorzusehen, wie es schon immer der Fall war. Ansai vergaß nicht zu erwähnen, dass die letzte Beerdigung eines Tenno 1912 bei der Niju-Brücke in Tokyo im Bild festgehalten wurde. Da war es zum letzten Mal gelungen, staatliche und religiöse Symbolik zu vereinen. Das war auch deshalb möglich, da sich die Verfassung Japans 1889 strikt ans preußische Vorbild hielt und den Tenno in gleicher Weise wie den deutschen Kaiser in die Verfassung nahm – in der Form konstitutioneller Monarchie. Seither gibt es sogar Beschwerden beim Verfassungsgerichtshof, sollte ein hoher Beamter bei einer Trauerzeremonie gesehen werden, da man die Trennung von Konfession und Staat sofort gefährdet sieht. Als dann im November 2013 ein Sprecher des Tenno angekündigt hatte, im Fall des Todes würde sich der Tenno verbrennen lassen, wurde die öffentliche Meinung zu Bestattungsritualen in unvorhersehbare Debatten verwickelt. Plötzlich war dieselbe Meinungsmenge, die sich früher gegen religiöse Rituale ausgesprochen hatte, dafür und frühere Befürworter dagegen.   

Als gelte es, Bestattungsrituale zu vergegenständlichen, näherten sie sich langsam dem künstlerischen Höhepunkt in der Kirche. Es ist das Grabmal für Marie Christine, der Frau des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen.

Canova

Das Meisterwerk von Antonio Canova wird man kaum im vollen Umfang würdigen können. So leitete Franz seine Beurteilung der Grabstätte ein, die doch einige Fragen aufwirft. Zuerst wird man an ihr eine deutliche Abkehr vom christlichen Verständnis des Todes wahrnehmen. Gleichzeitig lässt Canova das ursprüngliche Motiv seiner Arbeit links liegen und kommentiert durch seine Arbeit die Darstellungsarten der Malerei und der Poesie. Das behauptete Lessing 1766 in seiner Interpretation der antiken Laokoon-Gruppe. Von Lessing war zwischen der Körperlichkeit in der Malerei und der Handlung in der Poesie unterschieden worden. Die Folge war, dass es zwei Betrachtungsarten gibt, die ebenso viele Formen der Wahrnehmung ermöglichen. Deshalb argumentierte Lessing mit Diderot. Dieser hatte behauptet, Malerei beziehe sich grundsätzlich auf den Augenblick, auf einen Moment in der Situation. Da bleibt es bei einem einzigen Gesichtspunkt der Betrachtung. Daher verliert die Malerei ihre „Mehrdimensionalität“.

War es der Grund für den Historismus, sich wenigstens die historische Dimension zurückzuholen? Mit dieser Frage hatte Franz seine bisherigen Ausführungen eigentlich relativiert. Wenn Lessing die Laokoon-Gruppe im Vatikanischen Museum als „Bildwerk“ interpretierte, bestand er auf seine Differenz zwischen Körperlichkeit und Handlung im Kunstwerk – und  geht von Anfang an in die Irre.

Franz hatte diesen Zugang zum Werk Canovas absichtlich gewählt. Er wollte seine Behauptung aufrecht erhalten, dass ein Blick auf eine  Skulptur nicht reicht. Eine Skulptur hat einen Raum zu bestimmen, in dem der Betrachter sich zu bewegen beginnt. Es gehört zum Wesen der Skulptur, den Betrachter zur Wahrnehmung der Mehrdimensionalität zu veranlassen, seinen Standort zu wechseln. Franz hatte die letzten Sätze sehr eindringlich gesprochen, um hier Ansai zu überzeugen, dass es um grundlegende Voraussetzungen der ästhetischen Wahrnehmung geht. So betonte er, dass dieses  Phänomen in der Bildhauerei seit der Renaissance in der Sammlung der römischen Villa Borghese mehrmals geboten wird. Canovas „Pauline Borghese“ beginnt man schon aus Neugier von allen Seiten zu betrachten; schelmisch fügte er hinzu: weil hier in Marmor das vergöttlichte Laster gezeigt wird. 

Ansai war ungeduldig geworden und es war nicht zu übersehen. Er putzte mehrmals seine Brille, umständlicher als nötig. Er schien nervös, da  er bei Franz noch keine direkte Bezugnahme auf Canova hören konnte. Jetzt in der Augustinerkirche von der Laokoon-Gruppe in Rom zu reden, von der Pauline Borghese, mutete ihm ziemlich absurd an.

Mutiert da Franz vor seinen Augen zum Kunsthistoriker, fragte er sich? Sind diese Ausführungen nicht auch eine Störung stiller Betrachtung?

Ist nicht sein Fachwissen der Beweis für die Imperfektibilität eines Kunstwerks? Hatte er nicht oft gehört, dass ein Kunstwerk keines Kommentars bedarf? Erweist sich eine Wissenschaft nicht als „Defekt“, wenn sie das jikishin, die Lauterkeit des reinen Herzens mutwillig übergeht? Es ist immerhin der Kern in den Meditationen  Buddhas.  

Hat nicht Franz so getan als würde das Kunstwerk die Kunstgeschichte benötigen, um ins Reich der Vollendung zu gelangen? Da brauten sich düstere Gedanken zusammen, die Ansai schon zu seinem Selbstschutz gegen Franz vortragen wollte.

Franz war unglücklich darüber, unterbrochen worden zu sein. Er nahm seinen Faden wieder auf. Er wies auf das Grabmal. Er wiederholte nochmals das Zusammenspiel von Blick und Bewegung.

Und hier?

„Wir bleiben stehen. Canova zwingt uns zum Innehalten, was durch die Komposition bewirkt wird, die zugleich mit unserer bisherigen christlichen Auffassung bricht.“

Diese Sätze hatte Franz hart und kompromisslos formuliert. Ansai war beeindruckt. Er hätte diese Aussage Franz nicht zugetraut. An die Verstorbene wird im Medaillon gedacht, das die ägyptische Uroborosschlange umgibt. Die Glückseligkeit hält im Schweben das Gedächtnis an die Verstorbene am Leben. Die Hauptfigur trägt die Urne ins Innere des Grabmals, die Mildtätigkeit führt einen Greis. Löwe und Genius auf der rechten Seite zeigen ihre Trauer über den Verlust an. Vor allem besticht der schwarze Eingang. Die dominante Aussage ist das Nichts.

Die Kritiker Karl Ludwig Fernow und August Wilhelm Schlegel erkannten sofort die Problematik in Canovas Werk.Der Vorwurf lautete, Antonio Canova vernachlässigt die von ihm selbst zitierte legitime Allegorie, rückt von ihr ab. Damit hebt er die konfessionelle und ästhetische Bedingung traditioneller Trauer auf. Deshalb hatte Franz die Gegenposition zu Lessing rasch zitiert. Tritt also der kleine Trauerzug ins Nichts ein, in eine Nichtung, wie es Heidegger formuliert hätte?

Franz gab sich selbst die Antwort: Dieses Werk wiederholt jene Reflexion, die wir bereits in Mozarts „Zauberflöte“ zu hören bekommen: Es ist der Raum der Initiation – in die Bildlosigkeit und Lautlosigkeit, in die ewig herrschende Stille und Finsternis.

Ansai fragte sich, ob er jetzt höflich applaudieren soll? War das noch Kommentar, Beschreibung? Immerhin hatte Franz zuletzt die Regularien der Kunstgeschichte wieder verlassen. Das schien ihm angenehm. Und doch regte sich auch Widerspruch. Franz hatte ihm zu verstehen gegeben, dass er sich mit dieser zuletzt gebotenen Deutung   identifiziert. Da war er in den Augen Ansais wirklich Europäer geblieben. Also hatte er nicht verstanden, welch himmelhoher Unterschied zwischen der Auffassung des europäischen Nichts und dem konfuzianischen vermeintlichen „Nicht“ ist. Oder hat es sich Franz nicht gemerkt: er hatte doch vor zwei Tagen ihm noch zugestimmt?
Ansai verstand die Botschaft des Grabmals recht gut: verzweifelte Trauer. In derartiger Gemütslage lag ihm der Rat Keiji Nishitanis näher. Aus der Gelassenheit, aus dem samadhi-Seins  kommen wir – auch die Dinge – wieder an ihren Ort, an dem wir mit uns selbst eins werden, wo uns alles offenbar wird, wenn wir den Sprung von der Peripherie in sein Zentrum wagen. Mit dem europäischen Nihilum geraten wir in den Zweifel an uns selbst. Der mag bei David Hume noch produktiv gewesen sein, aber jetzt? In dieser Krise?

Franz war ein wenig enttäuscht, dass seine „gedrechselte“ Rede zu Canova zu keiner Begeisterung veranlasste. Natürlich schien ihm Ansai durchaus beeindruckt, aber das Nachwort lenkte Ansai auf eine Bahn, die in eine Grundsatzfrage mündet: Ist das Grabmal nicht zuletzt eines der Aufklärung? Kann diese Trostlosigkeit nur in einer gewaltigen wie grausamen Revolution überwunden werden, mit der willkürlichen Erfindung von Zukunft und Geschichte?

Um auf andere Gedanken zu kommen, erläuterte Franz die Bedeutung dieser Kirche in einem entscheidenden Moment: die Eheschließung zwischen der Tochter des Kaisers Franz mit Napoleon. Der Kaiser glaubte, mit diesem Pfand ein Reich zu retten, während Napoleon mit der Hochzeit hoffte, kein Parvenue mehr zu sein. Aus so ungleichen Motiven hatte man sich zusammengefunden – auf Kosten der Tochter. Diese Hochzeit war kein Beispiel politischer Klugheit. Sie war, um es extrem zu sagen: ein Menschenopfer. Marie-Louise ereilte das Schicksal, das im 10. Oder 11. Kapitel des Buches der Richter verzeichnet ist.  Bei einem Sieg gegen die Ammoniter will der Richter Jephtha seine Tochter opfern. Es war blanker Opportunismus, der das Regierungskabinett leitete. Habsburg bot Napoleon die Chance, eine eigene Genealogie zu begründen. Die eigene Haut wollte der Kaiser retten. Zum ersten Mal galt der Vers aus dem 16. Jahrhundert für Habsburg nicht mehr:

Bellum gerant alii –

Tu felix Austria nube…

Der adelige Gehorsam der Tochter war das letzte politische Zeichen der zugrunde gehenden Pietas Austriaca. Napoleon war nicht einmal anwesend, unabkömmlich in Kriegs- und diplomatischen Angelegenheiten. So gab es die Hochzeit „zur linken Hand“, wobei die Stelle des Bräutigams Erzherzog Karl übernommen hatte. Obwohl eine „Handschuhehe“, soll der Aufwand am 11. März 1810 enorm gewesen sein, eigentlich verkehrt proportional zur politischen Situation..Wegen der Abwesenheit Napoleons wurden 12 Eheringe geweiht, da niemand die Maße von Napoleons Finger parat hatte.

Die frisch vermählte „Kaiserin“ reiste ab – in Richtung Bayern mit mehr als 80 Kutschen, gezogen von mehr als 500 Pferden. Dort sollte die französische „Übernahme“ der Braut erfolgen, da Bayern auf der Seite Frankreichs war. Napoleon hatte wert darauf gelegt, dass das gleiche Übernahme-Ritual eingehalten wird, wie es nach dem 19. April 1770, dem Hochzeitstag zur „linken Hand“ von Marie Antoinette, bestimmt worden war. Auch Marie Antoinette heiratete vorerst in der Augustinerkirche, stellvertretend für König Ludwig XVI. war der Bruder der Braut, Erzherzog Ferdinand nominiert worden.

Ansai kam es vor, als würde die Kirche für Prominente attraktiv gewesen sein. Es muss ein Sammelort der Eitelkeit gewesen sein, ein Jahrmarkt der Eitelkeit. Es wird wohl nicht anders gewesen sein wie die Thronfeierlichkeiten in England, die man aus den Fernsehberichten gut kennt. Ansai wollte eigentlich die Kirche schon verlassen. Wie zum Abschied blickte er lang zum Altar, genoss das Längsschiff, das immer so wirkt als würde es vom Licht durchflutet werden.

Franz hingegen wollte noch eine pikante Geschichte los werden. Vom Hörensagen wusste er von der berühmten Autographensammlung von Stefan Zweig. Die war bis zur Emigration nach London in der Wohnung am Kapuzinerberg in Salzburg aufbewahrt. Heute soll die Sammlung sich im Archiv der Stanford Universität in San Francisco befinden. Berichtet wurde von einem Besucher am Kapuzinerberg, dass ihm Zweig ein Schreiben von Napoleon zeigte. Es war am Tag der „Handschuhehe“ an Marie-Louise in verfasst worden. Im Brief wollte Napoleon seinen Wunsch nach baldiger Begegnung dadurch unterstreichen, dass er am Brief Spuren von Sperma hinterlassen hatte.

Für Ansai war es Grund genug, schnellstens die Kirche zu verlassen. Er befürchtete, dass Franz noch mehrere derartiger Histörchen auf Lager hat.      

Am Josefsplatz

Lang waren sie in der Augustinerkirche gewesen. Franz blickte auf die Uhr und äußerte Zweifel daran, das Ziel des Spaziergangs heute zu erreichen.

Ansai folgte ihm. Inzwischen hatte er erlernt, dass der Wunsch nach Beschleunigung bei Franz nur von kurzer Dauer ist. Also spielte es keine Rolle, wenn Ansai auch am Josefsplatz stehen blieb und sich umsah. Ihn faszinierte, wie Fischer von Erlach die Stimmung am Platz definierte und vor allem Würde und Bescheidenheit paarte. Die Fassaden sind wir gläserne Teppiche ausgebreitet und ummanteln ein Heiligtum, das keinem den Zutritt verwehrt: die Bibliothek. Dass unter der schützenden Kuppel der Prunksaal besteht, die Vergöttlichung Karls VI., mag verzeihlich sein. Hier war das dauerhafte Geheimnis Österreichs gut aufbewahrt worden, sagte Franz. Wie der Trauerzug vor dem ägyptischen Mausoleum in der Kirche das letzte Zeichen von Anmut und Würde sind, so träumt das gewaltige Fresko im Prunksaal von der ungebrochenen Dauer dieser Menschlichkeit.

Ansai muss wissen, dass ihn diese Aussagen an dieses Land binden und nun kann er begreifen, dass die Wiener Zerstörungen mehr sind als nur Unbeholfenheit und Dummheit. Jeder Erstsemestrige im Geschichtsstudium lernt sofort, dieser Botschaft den Garaus zu machen. Renitente Kleinbürger kämpfen siegestrunken gegen das Vermächtnis wehrloser Humanität. Auf diesem Platz liegt es offen zur Einsicht, weshalb wir hier keine Erinnerung ans Österreichische zulassen, warum wir aus diesem Platz einen touristischen Rummelplatz machten, denn unsere Geschichte beginnt auf der anderen Seite des Schlosses beim Hitlerbalkon. Dass die Bücher im Prunksaal aus dem Nachlass des Prinzen Eugen stammen, also der Grundstock der kaiserlichen Hofbibliothek sind, passt zur wunderbaren Vermählung von Anmut und Würde. Wenn man sich jetzt noch die Augustinerkirche hinzudenkt, kann man die Klugheit von William Blake ermessen. Er zeichnete die Arenga zur Geburtsurkunde des Historismus: „Das Griechische ist errechnete, das Gotische lebende Form….“

Also damit kann Ansai die vormalige Rolle des Historismus verstehen, wie er jetzt auch verstehen kann, warum der Historismus in der Langeweile verödeter Form versiegte. Denn bei Fischer von Erlach steckte immer ein Stück Historismus im Plan. Für ihn war er noch wie ein Pfad aus der Wehmut, die von der Harmonie seiner Fassaden dann gänzlich verdrängt wurde. Die Lisenen tragen korinthische Erinnerungen, die Proportionen weichen von Palladio nicht ab, die diaphanen Fenster sind Einsicht und Aussicht zugleich, zart umrandet mit römischen Motiven. Am Gesims thronen die vielen Götter und Helden, die seit der Renaissance wieder leben. Gutmütigen Atlanten ist der vergoldete Planet ein Leichtes. Sie lassen ihn nicht fallen. Das alles geschieht zu Ehren des zweiten Marc Aurel. 11 Jahre hat Franz Anton Zauner an dem Reiterstandbild gearbeitet. Und aus Josef II. wurde mehr als eine politische Ikone. Er ist auch mehr als es naseweise Geschichtsschüler nachplappern, wenn sie vom Josefinismus reden, so sie davon noch etwas lernen. Vermutlich werden ihnen ohnehin nur Hitlerdaten eingebläut. Aufs Genaueste werden die Verbrechen aufgezählt und in der Schulbehörde merkt niemand, dass sich erhebliche Teile der Jugend mit den Grausamkeiten zu identifizieren begannen.

War es Vermessenheit von Josef II., weil er aus seiner Krönungsurkunde die Formel „von Gottes Gnaden“ ersatzlos gestrichen hat? War es sein Realitätssinn, dass ab nun der Staat buchstäblich von „Gott verlassen“ scheint? Bei Josef II. war beides präsent.

Ansai merkte, dass Franz politisch-historischen Phantasien nachhing. Für ihn waren sie fremd. Er konnte sich nur vorstellen, dass Josef II, das bewirkte, was in Japan 1868 im „Fünf-Paragraphen-Eid“ zustande gebracht wurde: eine umfassende Reform – gokajo no goseimon.

Franz wies auch auf die beiden Palais, die den Platz abschließen: Palais Palffy und Palais Pallavicini. Im Vergleich mit dem Nachbarpalais hat die Gassenfront des Palais Palffy eine sehr bescheidene Wirkung. Vermutlich war die Restaurierung 1956 nach einem Bombentreffer die Ursache dieser reduzierten Fassade. Erst im Inneren öffnet sich ein beispielhaftes Treppenhaus der 50er Jahre. Selbst die Stiegen sind selbstbewusst und in ihrer reduzierten Art samt mondänem Handlauf von beeindruckender Linienführung.

Das Palais Palffy

Im „Palffy“ erwachte nach dem Krieg wieder das literarische Leben in Wien. Von Wolfgang Kraus wurde 1961 die „Österreichische Gesellschaft für Literatur“ gegründet und im Palais Palffy fanden die ersten Veranstaltungen statt. Es war dieser Initiative gelungen, nicht nur die eigenständige österreichische Literatur fortzusetzen, was mit H. C. Artmann ein voller Erfolg wurde, sondern Schriftsteller aus der Emigration wieder nach Österreich einzuladen. Selbst dieses schwierige Unterfangen war erfolgreich. Es war erfolgreich, denn in allen Sachen Literatur wirkte unermüdlich Jeannie Ebner. Hans Weigel hatte sie eine poeta laureata genannt. Ihre kleine Gestalt, das schwarze Kostüm, das sie sich aus der SS-Uniform um wenig Geld machen ließ, daher es immer mit schlechtem Gewissen trug, das alles war bei Franz in lebendiger Erinnerung. Das alles war im „Palffy“ versammelt. Ohne sie hätte es keine Ingeborg Bachmann gegeben. Die Bedeutung der Wiener „Literaturszene“ litt erheblich unter dem Abgang von Otto Breicha nach Graz und Salzburg. Dorthin war die Literatur abgewandert. Und Franz scheute sich nicht zu sagen, dass die Provinzialisierung im Groben, Direkten und im Um-sich-Schlagen und Wüten eintrat, die sich im „Holzfällen“ von Thomas Bernhard gegen Wien Luft verschaffte. Es wäre in Wien unmöglich gewesen.  

Offenbar war Franz hier nicht der geeignete Berichterstatter, war die Meinung von Ansai. Da fehlte es an Objektivität. Als Japaner hatte er von Ingeborg Bachmann gehört, vom Lyriker Erich Fried und natürlich von Thomas Bernhard. Bei Franz hatte sich sofort die typische Wiener Distanz aufgebaut, hätte man darüber reden wollen. Im Grunde war „das Palffy“ zu einem Denkmal zeitgenössischer österreichischer Literatur geworden.

Franz war merkwürdig zurückhaltend, fast in sich gekehrt. Waren es die Erinnerungen an die Literatur? Wird Ansai mit ihm darüber reden können – vielleicht morgen? Ansai konstatierte, Franz war in seiner Meinung fest gefahren.

War Canetti hier?, fragte er Franz direkt, um abzulenken. Ansai wusste es natürlich. Stolz hatte man ihm im „Literatur-Club“ im Palais Wilczek in der Herrengasse bereits freimütig darüber erzählt. Man hatte sich gefreut, Elias Canetti wieder in Wien zu haben. Man konnte ihm auch eine Lesung aus seinen Werken anbieten. Über Canetti wusste man im „Literatur-Club“ scheinbar alles. Ansai konnte aber nicht in Erfahrung bringen, wem es gelungen war, Canetti von London nach Wien zu bringen. Noch weniger wusste man im Palais Wilczek, was Canetti im „Palffy“ gelesen hat? Vielleicht aus der Komödie der Eitelkeit? Oder die „Die Befristeten“? – die „Hochzeit“?  Unisono erklärte man aber, es sei ein unvergesslicher Abend gewesen. Mit Canettis lauter und zur Übertreibung neigenden Stimme wurden es unüberbietbare Abende, der Saal zum Bersten voll. Selbst Franz erinnerte sich an diese Abende, obwohl er damals nicht einmal zwanzig war. Er erinnerte sich, dass nach Canettis Spott die Besucher vor der Garderobe ihre Gespräche zu Canetti fortsetzten – wortwörtlich. Und im Rückblick würde er genau diese bizarren wie absurd anmutenden Höflichkeitsfloskeln gern zurückrufen!

Wien ist ordinär! war die Meinung von Franz. Er sprach es aus wie ein Höchstrichter – unerbittlich. Und der, der Canetti überredete, doch nach Wien zu kommen, trotz allem, war Hans Breiner gewesen. Der gehört auch zu den Vergessenen und Verdrängten- wie Jeannie Ebner, sagte Franz. Kein Hahn kräht mehr nach ihnen. Dabei hat Breiner am Libretto mitgewirkt, das Otto Zykan vertont hatte – der Skandal der „Staatsoperette“ war programmiert. Empörung gleich nach der Fernsehsendung bis Mitternacht. Und Thema der erbitterten Empörung? Dollfuß, der Millimetternich, wie er im Volksmund bis zur Ermordung hieß, war zu positiv weggekommen. Die österreichische Niedertracht störte niemanden, aber dass Dollfuß fast so „positiv“ wie in Bert Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ vorkam, das war der Skandal.

Ansai war wie so oft verwundert, dass sein Freund zu solchen kategorischen Beurteilungen neigt. Vielleicht hatte er das gleiche  fürchterliche Naturell wie Canettti, an niemandem ein gutes Haar zu lassen. Hinter Canettis Schriften steckt mehr als eine Revanche für Kränkungen? Ansai konnte es jedenfalls nicht entscheiden. Er vermutet, dass Thomas Bernhard sich hier Einiges aus Canettis Methode angeeignet hat, wenn nicht auch aus Thorsten Veblen, der sich wegen seines beißenden Spotts zwischen alle Sessel gesetzt hatte. Vielleicht zählt es zum Wiener Selbstverständnis immer ein Haar in der Suppe zu finden. Vor allem nach dem Fund laut auszurufen: Ich habe es gewusst!

Im Moment fiel Ansai nur Michuko Aoyama ein, die völlig frei von ähnlicher misanthropische Last unlängst einen liebenswürdigen und feinfühlenden Roman präsentierte: „Frau Komaki empfiehlt ein Buch“.

Ansai war verblüfft, denn Franz war ihm ins Wort gefallen: Solche Bücher kennt er. Sie gehören in die Kategorie falscher Versprechungen. Zuweilen sind sie anspruchsvoll, vermeiden nicht einmal ein böses Ende, aber bleiben bei der individuellen Befindlichkeit stehen. Das ist zur Zeit überhaupt die Tendenz, mehr oder weniger nur über sich selbst zu schreiben. Schon deshalb geht ihm Peter Handke auf die Nerven. Da wird eine Wehleidigkeit an den Tag gelegt, dagegen ist der romantische Weltschmerz ein leichtes Fieber gewesen. Unsere Welt verkommt und die Schriftsteller klagen über ihre Nagelbettentzündung. Was wird ihm Frau Komaki empfehlen können? Gibt es jetzt ein Buch, das den Scharfsinn Hermann Brochs  besitzt? 

Ansai blieb stehen. Franz hatte doch keine Zeile von Aoyama gelesen. Wie konnte er so etwas sagen? Er bemerkte, dass im Moment mit Franz nicht zu reden ist, schon gar nicht über Literatur. Bei Gesprächsstillstand hilft in Wien immer das Stichwort „Mozart“.

Franz ließ nicht locker: Gibt es aktuell etwas zu lesen?

Ansai blieb die Antwort nicht schuldig. Das freie Atmen gibt es in der Lyrik. Ob Franz wohl von Shimpei Kusano gehört hat? Er ist die Alternative zum Geschwätz im Café der Leihbibliothek.

Und Ansai zitierte auswendig Kusano:

„Das Meer lauscht auf sein eigenes Rauschen.

Der Himmel starrt auf den eigenen Himmel.

In der herabstürzenden Welle bricht sich die Welle.

Der Himmel setzt sich im endlos weiten Himmel fort.

Das Meer lauscht auf das seelenlose Rauschen des Meeres.

Der Himmel auf das seelenlose Klingen der Leere.“

Es ist ein shin-Gedicht, sagte Ansai. Aus Kusanos Tätigkeit in China; er war als engagierter Anarchist dort, ehe er ausgewiesen wurde.

Damals schrieb er:

„Wir, die wir kämpfen

Wir, Zehntausende, wortlos

Die Stimme des einen Sterbenden wird umschlossen

Von der Dunkelheit und uns

Der Dunkelheit und uns.

Was sollen wir schreien, was sollen wir beten?

Machtlos

Was sollen wir schreien, um was sollen wir beten…“

Ansai schwieg. Aus ihm ein Gedicht hervorzuholen, ist ein seltenes Ereignis. Es ist selten, ahnte Franz. Daher schwieg er. Fast schämte er sich für seinen Ausbruch. Er bewunderte Shin, gefasst zu bleiben, gleichmütig und besonnen. Es ist der übliche europäische Irrtum zu meinen, Ansai würde immer nur Teilnahmslosigkeit, Gleichgültigkeit  ausstrahlen.

Wie – um diese Einschätzung zu bestätigen, zitierte Ansai ein weiteres altes Gedicht in der Form eines Joseki:

„Ich will auf ihr Spielen

Jetzt, wo der Mond und ich

Ganz alleine sind.“

Franz war ruhig geworden. Er war voll Dankbarkeit für die Verse, die ihn auf die Erde zurückholten. Im ersten Gedanken erschien ihm seine  Annahme absurd. Es scheint zu stimmen: Lyrik holt auf die Erde zurück. War er jetzt Zen-Buddhist?

Da kamen auf Franz Dutzende Bilder zu, als würde er in die Geschichte schauen können. Vor sich sah er die trippelnden Schritte eines Sechsjährigen an der Hand des Vaters: 1762. Dem Knaben schien es selbstverständlich zu sein, hier am Platz ins nächstbeste Palais zu gehen. Die vielen Menschen um ihn herum war der Knabe gewöhnt. Der Stiegenaufgang war nicht so prächtig wie in München oder Passau. Es gab auch keinen Prinzen oder Fürsten, nur Grafen,  Barone, Freiherren und entzückte Damen in ausladendem Gewand. Wenn sie lachten, hielten sie ihre Fächer vor den Mund. Sie lachten nur kurz und es war ein unnatürliches Kichern.

Franz schämte sich für diese Träumerei. Ansai sah es als eine Läuterung, die das zuletzt rezitierte Gedicht bewirkte. Franz bestätigte nur, dass Mozart erstmals in Wien war, am Josefsplatz und im Palais Palffy. Dort warteten bereits alle, die in Wien Rang und Namen hatten. Auf  das Wunderkind war man neugierig. Angeblich hatte Mozart bereits eigene kleine Kompositionen am Klavier gespielt: zwei Allegros, ein Andante und ein Menuetto. Es wurde artig applaudiert. So hieß es damals. Es war der Beginn der Konzertreisen über Jahre. Es war zugleich das Ende der Kindheit.

Nun wollte Franz dieses wundersame Phänomen erwähnen, dass es am Ausgang des 18. Jahrhunderts mehrere Wunderkinder gab. Ebenso bewundert wurde das virtuose Geigenspiel der blinden Maria Theresia Paradis. Die erste systematische Arbeit zur „Geniereligion“ hatte Edgar Zilsel noch in Wien publiziert. Die Erklärung lag auf der Hand. Der in der Aufklärung konzipierte „neue Mensch“ erhielt im Wunderkind die Bestätigung. In ihm äußert sich eine Entfaltungskraft, die im Zeitgeist angelegt schien. Angeblich gab es wirklich diese merkwürdige Protuberanz der Begabungen, die alle Hoffnung nährte, die aufgeklärte Zeit wird den aufgeklärten Menschen schaffen. Das Persönlichkeitsideal war klar formuliert worden. Dessen Entwicklung hängt nur von gesellschaftlichen Voraussetzungen ab.  

Da sprang Franz vom Klavierspiel eines Kindes plötzlich zu einer spannenden Hypothese aus den Sozialwissenschaften, als müsse er sich für seinen kurzen Traum noch immer entschuldigen.

Ansai befürchtete bereits: dass hier das Gleiche eintritt wie bei der Debatte über Canova und der Kunstgeschichte. Das wäre doch in der Tat diese lächerliche Überheblichkeit, die sich den Triumph des Sperlings in den Fittichen des Adlers einbildet. Ansai schnitt vorausschauend alle weiteren Ausführung von Franz entschieden ab, indem er ihn nach dem Nachbar-Palais fragte.

Palais Pallavicini

Das war natürlich Wasser auf den Mühlen von Franz. Ha, das Pallavicini-Palais!, rief er aus. Das ist ein merkwürdiges Haus. Obwohl viel später erbaut als jenes der Grafen Palffy, wirkt es – vor allem nach den Bombenschäden beim „Palffy“ – würdiger, ernster und hoheitlicher. Das ist blitzfalsch. Der Wiener Stararchitekt Hetzendorf von Hohenberg hatte es erst 1783 entworfen. Die Kunsthistoriker behaupten, und  Franz wollte es ironisch formulieren, es sei das Vorbild für alle weitere historistische Ringstraßenarchitektur gewesen, ein Schnittmuster für das Gelingen großer Pläne, die ein Palais mit einem Zinshaus kreuzen wollten. Allerdings verlangten die späteren Bauherren auf der Ringstraße, ihr Haus solle dreimal so hoch und eineinhalbmal so breit sein wie das „Pallavicini“. Kein Wunder, was da herauskam.

Nun war der Initiator dieses Gebäudes, Johann Graf Fries, ein sagenhaft reicher Bankier. Er war wahrscheinlich der hochherzigste Mäzen der Musik und der Künste. Mit beiden Händen gab er das Geld für seine Leidenschaften aus. 1799 dirigierte Haydn persönlich seine 102. Symphonie im Palais Fries. Anschließend nahm Beethoven am Klavier an der Aufführung seines Quintetts in Es-Dur teil. Das wusste Franz natürlich als wäre er selbst dabei gewesen.

Da Joseph Haydn´s Musik Franz besonders schätzte, berichtete er Ansai, dass diese Symphonie in B-Dur mit einem Largo beginnt. Sofort herrscht eine souveräne Ruhe. Plötzlich unterbricht das Orchester im Vivace diese ursprünglich reich ziselierte Musik. Die Dominanz übernimmt die freche Flöte. Von da an kehrt „Normalität“ ein. Der dritte Satz, die Erfindung Haydns, zitiert diesen Alltag im Menuetto, doch im Presto des vierten Satzes überstürzen sich die Ereignisse und drängen auf ein Ende.  

Franz schien die Symphonie gut zu kennen, teilweise begleitete er seine Ausführung damit, dass er die Themen sang. Er bildete sich ein, sofort sei die Symphonie durch seinen Gesang zu erkennen.

Bei aller Wertschätzung des Gesangs waren die Zitate aus der Symphonie für Ansai kein Hinweis. Was Franz empfand, war kein Hörerlebnis für Ansai. Daher hatte es Franz unterlassen, das Quintett Beethovens, op. 16, in gleicher Weise zu  interpretieren.

Einmal war es während eines Konzerts von Beethoven um 1800 zum Eklat gekommen. Beethoven brach seinen Klaviervortrag abrupt ab. Er war wutentbrannt aufgesprungen und schrie in den Salon hinein: „…für solche Schweine spiele ich nicht!“

Was war passiert?

Ferdinand Palffy hatte sich mit einer hübschen Dame laut unterhalten. Der Graf war sich seiner Unhöflichkeit gar nicht bewusst. Er muss ein Rüppel gewesen sein, obendrein ein Schürzenjäger, fügte Franz hinzu. Trotz der Belagerung Wiens durch die Franzosen blieb Graf Fries großzügig und offenherzig. Jedem stand die Betrachtung seiner Kunstsammlung offen. Es sollen über 100.000 Zeichnungen, Kupferstiche, Drucke, Aquarelle gewesen sein, nebst der Gemäldesammlung. Dessen Nachfolger hatten bald alles Geld  verjuxt, verspielt und den Rest verschlang der Staatsbankrott von 1811. Einer der Grafen Fries wurde zur Vorlage für Ferdinand Raimunds „Verschwender“, ein anderer stürzte sich in die Donau. Jedenfalls starb der „letzte Fries“ verarmt: ein Moritz I. Fries 1826. Sofort kaufte ein Pallavicini das Palais samt Inhalt. Es ist auch der Grund, dass das Palais bis heute seinen „Charakter“ nicht verlor.

Das Innere des „Pallavacini“ zeigt ein berühmter Film. Da wohnte Harry Lime im „Dritten Mann“.

Ansai war von den Hinweisen auf die Musik bei weitem mehr angetan als von dieser traurigen Familiengeschichteoder Film. Er hatte auch für diese ersten wechselvollen Jahre im österreichischen Kaiserstaat kein ausgeprägtes Verständnis. Es kam ihm so vor als hätte er von Franz über den Staatsbankrott schon erfahren. Jedenfalls hatte er sich aus den Berichten 1811 gemerkt. Es war wohl der Bau der Spar-Casse am Graben der heroische Versuch, die schlimmsten Folgen von den „kleinen Leuten“ abzuwenden. Der Zusammenbruch erschütterte das Vertrauen in den jungen Kaiserstaat, doch es war viel zu wenig bekannt, dass mit der Niederlage im fünften Koalitionskrieg gegen Napoleon die auferlegten Reparationszahlungen die bis dahin kaum ausgeglichene Bilanz platzen ließ.

Das Notprogramm der Budgetpolitik war allerdings bald erfolgreich. Auf Anraten von Kolbe-Kabielski, ein Doktorand bei Kant, durch und durch Preuße, schilderte Franz, erhielt der Kaiser den Tipp, wie er die Staatswirtschaft halbwegs retten kann. Jeden Tag vor sieben Uhr früh kam der Kaiser in der Kutsche vorbei, hielt in der Schwarzspanierstraße, plauderte mit Kolbe-Kolbielski, der ihm auch schriftliche Unterlagen aushändigte, und fuhr noch am Vormittag zum Kronrat. Zum Erstaunen der Mitglieder des Kronrats verkündete der Kaiser Sanierungspläne, die man Seiner Majestät nicht zugetraut hätte.

Es ist eine tolle Geschichte, die Franz einem genialen Aufsatz von Karl Pribram aus der Zeitschrift des Staatsarchivs entnommen hatte. Und gleichzeitig erfuhr man vom hinterfotzigen Charakter des Kaisers. Als Dank für den Rat ließ er Kolbe einsperren, allerdings in Ungarn, wo er im Grunde ein „Freigänger“ war.

Endlich eine spannende Story, sagte Ansai lobend und voll Hochachtung. Sie standen noch immer neben Zauners Denkmal für Josef II. Ansai amüsierte sich köstlich, er zeigte es aber nicht.

Wann hatte Franz gesagt, man müsse sich beeilen?

Und nun war es Franz, der sich vom Josefsplatz nicht trennen konnte. Franz deutete die Neugier Ansais für derartige Geschichten als Aufforderung.

Daher setzte Franz  ohne Umschweife fort, dass schon Josef II., also der hier am Pferd wie Marc Aurel sitzt, oft an den Bruder Leopold nach Florenz schrieb, Ratschläge erteilte für die Erziehung von Franz, dem späteren Kaiser. Leopold hatte aus Florenz geklagt, sein ältester Sohn sei heimtückisch, falsch und boshaft.

Ansai konnte nicht glauben, dass man solche Briefe verfasst hatte. Diese Korrespondenz zwischen Wien und Florenz? Unglaublich.  

Franz war indigniert, dass ihm kein Glauben geschenkt wurde, Deshalb verwies er Ansai auf ein altes Buch des Amerikaners Walter Consuelo Langsam, der die Korrespondenz der beiden Brüder herausgab und bearbeitete. Franz gab obendrein den Hinweis, im Staatsarchiv sei alles vorhanden, was seinen Kommentar bestätigt.

Diese genauen Hinweise waren ein Zeichen der Kränkung. Ansai merkte es. Er entschuldigte sich damit, dass er Gleiches für Wien angenommen hatte, was in Japan bis heute gilt: niemand kommt an die Korrespondenz der kaiserlichen Familie heran.

Sie entschieden, jetzt doch den Platz zu verlassen. Sie querten den Durchgang zum inneren Burghof, der sie an der Schatzkammer vorbeiführte.

Kaiserkrone – Sanshu no Shinki

Zuvor merkte Franz beim Durchqueren eines Lichthofs der Hofburg an, dass hier im obersten Stock links der Thronfolger sein Quartier aufgeschlagen hatte. Der Lichthof war von der gotischen Apsis der Hofburgkapelle definiert, doch rundherum war alles Hofburg, eng und düster. Dass Erzherzog Rudolf dort oben wohnte, besagt alles: weitab von der Kontrolle des Vaters, konnte er ungestört seinen abendlichen Eskapaden frönen. Über die Kapelle kam er zum kleinen Haustor oder kehrte über die Kapelle wieder zurück. Die Fenster der Wohnung waren alle zum Lichthof gerichtet und selbst im dritten oder vierten Stock fielen nur wenige Sonnenstrahlen herein. Heute sind in dieser Wohnung die Instrumente der Hofburgkapelle aufbewahrt. Das alles sprach Franz im Gehen, schnell, ohne Unterbrechung.

Vor ihnen war schon das Schweizer Tor. Franz zeigte auf den Zugang zur Schatzkammer. Selbst diese musste ihren Platz wechseln. Mit einigem Ärger schilderte er die ägyptische Finsternis, in die alle Objekte jetzt verbannt sind. Die alte Krone Ottos I., die Hauskrone Rudolfs, aus der die österreichische Kaiserkrone wurde, das Krönungsornat, das den Kaiser als Diakon zeigt, das alles ist in diese Finsternis getaucht, ist also tot. Respektlos zieht man an tausend Jahre Geschichte vorüber.

Franz schilderte es so eindringlich, als würde er den Besuch Ansai nicht empfehlen. Und Franz erwähnte, dass auf der alten Krone die Genealogie der israelitischen Könige zitiert wird. Also unter Otto I. ab 962 sah man sich nicht in der Nachfolge der Imperatoren oder gar römischen Götter –  Karl VI. war ja im Hauptsaal der Bibliothek ein Apollo geworden, sondern schloss sich politisch dem Alten Bundesverhältnis an. Im Grunde wird auf der Krone der politische Sturz der Könige unterlaufen, nämlich diese israelitische Genealogie hat Christus im Neuen Bund transformiert: aut Christus aut nihil.

Das sagte Franz in voller Überzeugung. Aus dem Hofstaat von Ezechias zusammen mit dem Propheten Isaiah, David und Salomo wurde die Brüdergemeinde der Apostel, deren Haupt der Sohn einer allein erziehenden Mutter war.  

Einen deutlicheren Bruch der Genealogie gibt es nicht.

Und das alles sollen die fränkischen Könige oder sächsischen und schwäbischen Kaiser nicht bemerkt haben? Und wenn, so haben sie es wegen ihrer Erbrechtsfragen unterschlagen.

Ansai hörte zu, des Lateinischen nicht mächtig, bat er um die Übersetzung. Franz sagte sie ihm.

Im Gegenzug wollte Franz etwas über die japanischen Kronjuwelen wissen. Zwar war ihm überhaupt nichts über sie bekannt, doch es muss doch Vergleichbares geben. Ansai bejahte und gleichzeitig gab er zu verstehen, dass die Insignien – Sanshu no Shinki –  nie öffentlich zu besichtigen sind. Er selbst kennt sie nur aus Photographien. Dem nachfolgenden Tenno werden sie ausgehändigt. Die Insignien bestehen aus dem Schwert, – Kusanagi no Tsurugi, aus der Halskette – Yasakani no Magatama – und dem Spiegel –Yata no Kagani. Alle drei Gegenstände sind etwa 2000 Jahre alt und jedes einzelne Objekt ist mit einer speziellen Legende verbunden, mit einer Geschichte, die eine eigenständige politische Mystik bildet. Alle drei Objekte gehören der Glaubenswelt des Shinto an  und sind somit sehr frühe Zeugnisse einer spezifischen Glaubenstradition, die sich aus dem Buddhismus entwickelte, aber nach und nach immer eigenständiger wurde.

Das Schwert, was ja auf der Hand liegt, symbolisiert die Tapferkeit, die Halskette ist ein Amulett aus der Shinto-Tradition und der Spiegel hat gemäß der Legende eine besondere Tradition, nämlich in ihm ist die politische Reflexion empfohlen, die man im Dialog eröffnen könne. Der Spiegel ist im höchsten Heiligtum des Shinto aufbewahrt, im Schrein von Ise.    

So besteht zwischen den japanischen Insignien und den Kronen der                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         Schatzkammer ein gewaltiger Unterschied – und vielleicht doch wieder nicht. Sie sind eben wesentliche Bezugspunkte zur politischen Religion. Ansai hätte das gern noch ausgeführt, doch Franz deutete ihm, unbedingt weiterzugehen. So konnte Ansai nur noch einen Satz sagen: Politische Religionen enthalten Begriffe, die heute nicht mehr verstanden werden: historische Kontinuität, auf einem Mythos begründete öffentliche Ordnung und obendrein gehört der Herrscher zugleich auch einer anderen Welt an. Diese andere Welt, der nur die Geschichte auf die Spur kommt, eröffnet ein Geisterreich, in der diese Geister eine Kette bilden, bis die gesamte Geschichte in der Endphase des Selbstbewusstseins zur Erinnerung geworden ist. Es gilt ab nun nicht mehr, etwas im Gedächtnis zu haben, sondern es muss in der Erinnerung buchstäblich verinnerlicht werden. Im Shinto scheint es etwas geordneter zu sein als bei den Europäern, die sich an eine vergleichbare Konstellation nicht mehr erinnern wollen.

Franz war ungeduldig und gab unmissverständliche Zeichen der Beeilung.

Ansai sah es ein und sagte wirklich nur mehr einen Satz: Geschichte und Organisation des Gedächtnisses werden zur begriffenen Geschichte, mit der politische Wirklichkeit, Wahrheit und Gewissheit zur Darstellung kommen, den Mythos einerseits enthüllen, andererseits beenden.

Franz war sichtlich erleichtert, denn schon trottete Ansai nach ihm durchs Schweizer Tor auf den inneren Burghof. Das Schweizer Tor selbst blieb unbeachtet. Würde man es aus der Nähe genau betrachten, würde es sich als eine recht bescheidene Rezeption der Renaissance erweisen, wobei die mehrmalige Zitation des österreichischen Wappens patriotisch-provinziell anmutet. Jedenfalls hatte man diese spätmittelalterliche Toranlage belassen. Das Tor war der Zutritt zur Residenz, die schon der Babenberger Friedrich II. nutzte, nach ihm der böhmische König Ottokar. Nach dem Sieg gegen Ottokar zog König Rudolf I. ein, der erste Habsburger. Die Anlage war relativ bescheiden wie ein Zweckbau. Von der ursprünglichen „Burg“ blieb im Grunde nur die Kapelle erhalten.

Der Innere Burghof

Wenn man nun den Burghof betritt, ist es nach der beklemmenden Enge der Höfe wie eine Befreiung. Franz erklärte, wie hier mehrere Bauperioden zusammengeführt wurden. Schrittweise war die Hofburg zum „Endlos“-Projekt über Jahrhunderte geworden. Noch sind die „Handschriften von Lukas von Hildebrandt und von Johann Bernhard Fischer von Erlach erkennbar – noch! Vom Heldenplatz aus ist der Leopoldinische Trakt eindrucksvoll, hingegen im inneren Burghof ist er ein anspruchsloser Baukörper, dem man den Charme vom Heldenplatz nicht zuschreiben würde. Ähnliches ist vom Amalientrakt zu sagen. Es ist jener Teil der Hofburg, der die Schauflergasse zum Michaelerplatz säumt. Franz hätte am liebsten mit einem Lageplan die verwirrenden Bauperioden der Hofburg veranschaulicht. Ohne Plan wird Ansai mit seiner Schilderung gar nichts anfangen können. Es ist auch verständlich, wenn Ansai sich gegenüber solchen Erklärungen „einigelt“. Was ist da zu sehen, was den Rang anderer Schlösser übertrifft? Architektonisch besehen herrscht am Inneren Burghof ein Kuddelmuddel. Und Franz schwur mehrere heilige Eide, bei dieser Einschätzung zu bleiben. Jetzt muss man schon andere Stadtschlösser zum Vergleich heranziehen, schlug Franz vor, um zu sehen, dass die lieben Habsburger knausrig waren –   oder eben mit leeren Taschen regierten. Das hat sie bei den heutigen Kritikern nicht sympathischer gemacht – im Gegenteil. An den Instituten für Geschichte ist die Übersiedlung der Habsburger nach Wien der Grund, jede Entwicklung zur bürgerlichen Gesellschaft verzögert  zu haben.

Das hatte sich Ansai bereits gedacht. Wenn Franz soeben meinte, in Mitteleuropa sei die Entwicklung zur bürgerlichen Gesellschaft verzögert eingetreten, so hat Japan einen weitaus stärkeren „Verzögerungsprozess“ hinter sich. Wenn hier im Burghof eine „Gesellschaft“ der Aufklärung behindert wurde – zwischen Modernisierung und Traditionalismus, so war selbst der Begriff „Gesellschaft“ bis ins 19. Jahrhundert in Japan fragwürdig geblieben. Es war wie in allen vormodernen Gesellschaften zu „Formen der Vergemeinschaftung“ gekommen. Regional führten diese Formen in Japan zur modernisierten „Nationalgesellschaft“ – gerade rechtzeitig für den Zweiten Weltkrieg.

Ansai ging um das Denkmal eines Kaisers herum und setzte sich auf die erste Stufe des Sockels.

Franz setzte sich zu ihm. Deutschlands Einfluss aufs sozialwissenschaftliche Denken in Japan war größer als der jedes anderen Landes,  obwohl man fleißig auch Herbert Spencer gelesen hatte. Diesen verdankte man dem Einfluss der USA.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         

Ansai stimmte weder zu noch war er gegenteiliger Meinung. Er meinte, dass man in Japan glaubt, mit shakai einen allgemein verbindlichen Begriff für Gesellschaft gefunden zu haben. Der Erfinder war der Schriftsteller und Journalist Fukuchi Gen´ichiro im Jahr 8 –  1875 – in der Zeit der Meiji-Regierung. Er hoffte, für die Übersetzung aus dem Englischen den richtigen Begriff für society gewählt zu haben.

Allerdings fragte sich Ansai, wie er Franz erklären soll, dass man in Japan über viele Schatten zu springen hatte, um endlich vom „Westen“ anerkannt zu werden. Hier rund um Wien musste man nie um fremde Schatten springen. Im äußeren Erscheinungsbild war Japan traditionsreich geblieben. Das mag mit Kimono oder Yukata einen pittoresken Eindruck hinterlassen, doch mit der Beibehaltung der Rangordnungen, der formellen Höflichkeiten hatte man eine bei weitem größere Nähe zur Ethnologie als zur mondänen Soziologie.

Ansai belehrte Franz, dass im Japanischen Gesellschaft einmal das Zusammenleben der Menschen in Gruppen meint, dann die „Welt“ der Sozialisation in Familie und Schule oder das Ergebnis angewandter Sozialkunde.

Franz fühlte sich sehr wohl angesprochen, auch wenn das Thema für den Inneren Burghof nicht zu passen schien. Seinem Gefühl nach beschritt das Nachdenken über Gesellschaft in Japan den deutschen Weg der frühen Soziologie. Ihm kommt vor, dass in Japan Ferdinand Toennies der geeignete Interpret gewesen wäre. Toennies wäre in Österreich nie die Grundlage der Gesellschaftswissenschaften gewesen. Hier war Lorenz von Stein der Konstrukteur der Soziologie. In Japan mögen Gesellschafts- und Gemeinschaftsformen  nebeneinander bestanden haben.. Die Frage ist, ob man in diesem Fall von traditionaler Gesellschaft reden kann, inmitten einer galoppierenden Modernisierung? In der Donaumonarchie waren die Sozialisationen bei weitem entscheidender. Es gab drei Sozialisationsagenturen in der Donaumonarchie, exemplifizierte Franz:. Kirche, Schule und Militär. Darüber baute Lorenz von Stein das „soziale Königtum“, gestärkt durch Finanzwissenschaften. Immerhin war diese merkwürdige widersprüchliche Entwicklung bis zum Weltkrieg erfolgreich.

Ansai war jetzt im Schatten des Denkmals von Kaiser Franz überrascht. Es gibt also in der Soziologie kein Generalrezept, wie Gesellschaften sich entwickeln. Jetzt versteht er die spät erschienene Arbeit über Japan von Shmuel Eisenstadt in der „Antinomie der Modernen“ besser. Der war ja an Max Weber orientiert. Und er beschrieb, wie die Institutionen in Japan immer schwächer werden und ihre Integrationskraft verlieren, obwohl es keine beunruhigenden Einflüsse von außen gab. Ansai überlegte, ob „den Japanern“ so eine Integrationsfigur fehlte wie dieser Kaiser hier, der in Bronze gegossen unverändert bleibt. Also geht es in Japan nicht um diesen „westlichen“ Begriff Gesellschaft. Das war der Traum der 60er Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, dass es „das Japan“ gibt: innovativ, stabil, traditional.

Bei Eisenstadt, sagte Franz, ist es spannend zu lesen, wie der Traditionalismus in Japan einerseits erstarrte, andererseits an diesen appelliert wird, als fiktive Kraft die Modernisierungsschäden in der Gesellschaft zu reparieren. Diese zeigten sich in den Erosionen des demokratischen Prinzips, in den Parteien, im Niedergang der Institutionen  während der 90er Jahre und waren dramatisch. Ein Beispiel bietet die Auflösung der sozialdemokratischen Partei in den 90er Jahren. Davor war sie unter Takako Doi ab 1970 zu überraschenden Erfolgen geführt worden.  

Ansai stimmte ihm zu. Ohne das Heraufbeschwören eines Krieges  war man in Japan schlechthin in eine Krise geraten. Die Donaumonarchie muss man ohne diesen Schatten sehen, setzte er fort.

Ja und nein, wendete Franz ein. Es gab niemanden, der die spezielle Aufgabe der Donaumonarchie verstanden hätte. Es gab einen tschechischen Historiker um 1870, der prognostiziert hatte: wer die Donaumonarchie zerstört, der riskiert, dass die Preußen oder Russen nach Mitteleuropa, nach Südosteuropa vordringen. Jan Palacky kann als Prophet gelten. Er hätte nie die Auflösung gewollt, die 1918 inmitten des Elends gefeiert wurde, sondern einen ähnlichen Ausgleich, wie diesen Ungarn 1867 mit Wien erreicht hatte.  

Ansai spitzte die Ohren: Kehren beide zur Soziologie zurück? Die  Gegenüberstellung von Gemeinschaft und Gesellschaft mag eine gute Erklärung auch für die Gegenwart in Japan sein. Die Donaumonarchie hatte diese sozialen Bindungen nicht mehr mit Leben gefüllt. Die Konkurrenz in den Übersetzungsversuchen von „Gesellschaft“ um 1900 in Japan sagt alles. Die „westliche“ Version hatte gemäß Fukuchi gesiegt. Hatte man jetzt die japanische Gesellschaft besser verstanden?

Ansai meinte, besonders witzig zu sein und zugleich wollte er Franz sekkieren, wenn er jetzt die Alternative formuliert: Bestimmt der hier amtierende Bundespräsident in der Hofburg die politische Wirklichkeit oder sind es noch immer die verwaisten Wohn- und Arbeitszimmer Franz Josephs?

Franz spürte ein Gefühl der Unsicherheit. Gleich beim Entree werden allerlei Souvenirs angeboten, alle zeigen den Kaiser auf Tassen und T-shirts. Welche Bedeutung hat diese politische Ikonographie? Gleichzeitig zeigen die Randbemerkungen von Ansai, dass wohl die japanischen Gesellschafts-Begriffe meilenweit von den Bestimmungen in Europa entfernt sind, so diese außerhalb der technischen Entwicklung angewendet werden.

Nun gut, dachte Franz, wenn auch in Japan Gesellschaft ebenfalls aus dem Geist der Soziologie erfunden wurde, wie bei Emile Durkheim für Europa, so ist es als Wissen sozialer Organisation oder als Verwaltungswissen hier am Platz. Der ganze Burghof ist das Zentrum sozialer-politischer  Organisation geblieben. Er meinte weiter, dass dazu das Denkmal in der Mitte des Platzes gut harmoniert. Da steht der Kaiser Franz – unbewegt wie ein Kollektivbewusstsein zur Beibehaltung labiler Traditionen. In Japan wäre es ein hellroter Torii. Man könnte meinen, ein spätrömischer Senator garantiert nach Plänen von Pompeo Marchesi seit 1842 den Wahlspruch Friedrichs III. aus dem Spätmittelalter: Austria erit in orbe ultima. Da ist ja die traditionale Herrschaft nach Max Weber zum Greifen nahe, auch wenn man nicht nur in Japan  meilenweit vom Begriffsinventar Max Webers entfernt zu sein scheint. War dieser Mangel der Grund, dass der Nachlass Max Webers in Japan angekauft wurde?

Ansai war nun gefordert. Wie soll er Franz etwas erklären, wenn ihm jene Sprachbilder fehlen, die gleichsam automatisch im Japanischen  enthalten sind? Mit dem Begriff seken ist eigentlich ein empirischer Begriff der Gesellschaft gemeint, meint daher, etwas mit den Augen der Öffentlichkeit zu betrachten. Die Verneinung – seken shirazu – bedeutet, die gesellschaftliche Welt nicht zu kennen, oder seken ni kaomuke ga dekinai heißt, sich in der Öffentlichkeit nicht mehr zeigen zu können.

Seken wird also funktional eingesetzt, reicht bis in die Erziehung der Kinder und legt sehr unterschiedene Bereich frei, die für Außenstehende schwer zu begreifen sind. Innerhalb des Beziehungsgeflechts von Familie und Freundschaft wird keine Scham empfunden oder man zeigt keine Zurückhaltung. In diesem Bereich finden die Entlastungen statt, die allerdings heute nicht mehr so gut funktionieren wie früher. Im Kreissegment der näheren Bekanntschaft herrscht die Welt der Scham, der Zurückhaltung als Kern jeder sozialen Regel.

Franz machte Ansai darauf aufmerksam, dass er Phänomene einer „ethnologia europea“ wiederholt, Gemeinschaftlichkeit, die die Kriterien des Gesellschaftlichen ausblendet. Obendrein erinnerten ihn Ansais Charakteristik an das Kerngebiet einer Rollentheorie, auch an die Bestimmung eines Ego inmitten der reziproken Konstruktion von Robert Merton.

Wie zur Bestätigung, dass hier Wandlungsphänomene eintraten, gab Ansai zu verstehen, dass innerhalb dieser Methoden die katastrophalen Veränderungen veranschaulicht werden können, die nach dem Verlust des Traditionalismus hervorbrechen. So weigert man sich, Kinder in die Schule zu schicken, den  Alkoholproblemen junger Männer beizukommen, die Frequenz der kapuseru-Hotels oder die pachinko-Hallen als Kulturproblem zu verstehen. Beide zeigen, dass das familiale Geschehen an Bedeutung einbüßte. Das alles wurden dominante Erscheinungsbilder, die das Zerbrechen des sozialen Gefüges ankündigen – in Japan.

Nur in Japan?, warf Franz ein.

Vielleicht liefen die Kompensationen 1830 in Wien anders. Und Ansai wurde provokant: Wenn die einzige Dialogform die Kammermusik war, dann ist wohl die Politik in der Unterbelichtung verblieben. – schon damals…    

Franz schluckte diese Provokation tapfer hinunter. Seine Antwort wich Ansai aus und er begann – im Inneren Burghof – über japanische Gesellschaft zu sprechen. Er würde diesen Erosionsprozess in der japanischen Gesellschaft kennen. Er las darüber. Er wusste, dass einerseits die formale Soziologie nach Georg Simmel in Japan noch vor 1900 der zündende Funke war, Toennies verdrängte. andererseits Takata Yasuma in seinem Hauptwerk „Shakaigaku gairon“, 1989 ins Englische übersetzt, wieder zum alten Begriff der „shakai“ zurückgriff. Wie hätte er „die Japaner“ charakterisieren können, ohne den Begriff „Gesellschaft – shakai“?   

Während der Diskussion blickten sie sich um, und vermissten die Würde, die der Hof einmal  gehabt haben muss. Gerade deshalb steht man staunend vor der Fassade der Reichskanzlei von Fischer von Erlach. Es ist die erste Fassade eines Schlosses, die zu erkennen geben will, dass hier immer schon staatliche Macht das Sagen hatte. Entscheidend war offenbar die Vorstellung vom Stufenbau des Staates, vor allem in der Verteilung der Verwaltungsagenden.

Da Franz nicht geneigt war, hier auf den Stufen des Denkmals vom Kaiser Franz über Politik zu „philosophieren, wies er auf die Bedeutung der Reichskanzlei. In recht manierlicher Weise stellt sie sich in das Baugeschehen am Platz, schafft einen eigenen Rhythmus, hat auch noch den Atem des Österreichischen in „weltbürgerlicher Absicht“.

Allerdings hatte ein Aufschrei von Franz Ansai erschreckt. Soeben erreichte die Sonne die Fensterfront der Reichskanzlei. Nun sah man im Sonnenlicht die Beeinträchtigung der noblen Fassade der Reichskanzlei. Die Belle Etage, dort wo die Zimmer von Franz Joseph zu vermuten sind, hatte man die Fenster von A bis Z mit Spiegelglas versehen. Franz ergänzte, dass nur mehr rote Leuchtreklamen in Herzform fehlen, allenfalls eindeutige Laternen, um anzunehmen, dass dahinter ein florierender Bordellbetrieb herrscht. Das ist heute das Österreichische, sagte Franz, unterstützt von perversen Deutschen, die die Kulturämter des Landes, der Stadt inzwischen lückenlos besetzten. Daher kommt niemand auf die Idee, das könnte die Reichskanzlei gewesen sein!

Ansai wollte diese Attacke beenden. Ihm war sie peinlich, denn mehrere Touristen hörten der lauten Rede von Franz zu. Es waren vornehmlich deutsche Touristen, die die Rede von Franz für übertrieben hielten, ihm aber in der Sache recht gaben. Es war für Ansai ein groteskes Erlebnis, dass die von Franz beschimpften Deutschen seiner Empörung beipflichteten. Ansai hörte, wie diese Urlauber redeten, dass in irgendeiner Cafeteria in der Wiener Vorstadt schon längst wieder ein arbeitsloser Hitler sitzt. Ob dieser auch Postkarten malt, weiß man nicht. Sie bezeichneten es als das Typische in Wien, dass von hier aus der Wahnsinn immer seinen Ausgang nimmt – und warum  nicht erneut? Die deutschen Urlauber, eine Gruppe von sieben, acht Touristen, wollten die Stoßrichtung der Anklagen und Vorwürfe umkehren. Sie sagten zu Franz, dass heute in Wien der neue Nationalsozialismus einen fruchtbareren Boden vorfindet als in Deutschland.

Also ergab sich im Inneren Burghof eine hitzige Debatte, der Ansai nur teilweise folgen konnte. Er vermisste weit mehr im Innenhof einen Baum, etwas Grünes. Da gab es nichts davon. Im Grunde, dachte sich Ansai, ist der Kaiserpalast in Tokyo in der gleichen Zeit errichtet worden wie die Neue Burg am Heldenplatz – 1868. Als der Tenno diesen Amtssitz nach dem Shogunat beanspruchte, war aus Edo Tokyo geworden, die kaiserliche Burg: Kojo. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Anlagen schwer beschädigt. Der Wiederaufbau und die Neuplanung lag in den Händen von Yoshimura Junzo 1968. 

Nun war es wirklich an der Zeit, den Burghof zu verlassen. Franz schlug vor, durch das Michaelertor zum Michaelerplatz zu gehen, um dort über den weiteren Spaziergang zu entscheiden.

Das  Michaelertor. 

Das Tor der Hofburg zum Michaelerplatz war zur Geste einer Öffnung gegenüber der Stadt geworden. Mit dieser höflichen Umschreibung nahm Franz den Faden wieder auf. Freilich wäre über diesen Torbau sehr viel zu sagen, ist er doch ein Symbol geworden zwischen Planung, Unentschlossenheit und beeinträchtigtem Repräsentationsgehabe. Während sie unter der riesigen Kuppel hindurchgingen, wobei der Hall aller Geräusche mehr beeindruckt als das zum Gigantismus neigende Gebäude, war aus dem Portal ein Verteiler geworden, wie der Kreisverkehr eines Autobahnzubringers. Allein deshalb treten die Scharen der Touristen hier unangenehm in Erscheinung. Es herrscht ein ohrenbetäubender Krawall. Franz musste Obacht geben, um Ansai nicht zu verlieren. So war er auf seinen Kommentar zur Architektur nicht konzentriert, denn die Baugeschichte dieses Portals ist rekordverdächtig. Seit dem 16. Jahrhundert war der nordöstliche Teil der Hofburg Gegenstand von Entwürfen und  Planungen. Selbst so große Architekten, so man diesen Titel auf die damalige Zeit schon anwenden darf, wie Lukas von Hildebrandt und Joseph Emanuel Fischer von Erlach boten Projekte an, die origineller gewesen wären als die jetzt zu sehende Lösung. Jedenfalls entnahmen die zahlreichen nachfolgenden Entwürfe Motive der Vorgänger auf, blieben bei Zitaten, obwohl generell immer reduziert wurde, bis eben Ferdinand Kirschner einen Abschluss dieser ewigen Baustelle anbieten konnte, der dann auch ab 1889 gebaut wurde. So hatte Nicolaus Pacassi um 1770  eine Anlage mit drei Kuppeln um 1770 für  den Michaelertrakt entworfen. Haute kann man nicht mehr entscheiden, welcher Plan am attraktivsten gewesen wäre.

Warum bei den Planungen nichts weiterging, lässt sich leicht erklären. Als das sogenannte Burgtheater unmittelbar vor diesem Teil der Hofburg stand, war an eine Veränderung nicht zu denken. Franz hatte irgendwo eine ruhige Nische gefunden und nützte diese Chance für seine Belehrungen. Also erzählte er von mehreren wahnwitzigen Restaurierungen, Umbauten und Plänen, die das alte Burgtheater stets als fixen Punkt voraussetzten. 1776 hatte man es sogar  Nationaltheater genannt, eine enorme Rangerhöhung, die dem Gebäude nach den Uraufführungen der Opern von Mozart auch zustand. So hatte dieses Theater jedem Entwurf für den Michaelertrakt den Garaus gemacht. Also, was für die Donaumonarchie typisch war, beauftragte man einen qualifizierten Beamten nun endgültig diesen Michaelertrakt zu entwerfen. Und so geschah es, sagte Franz. Ferdinand Kirschner hatte schon am Prager Hradschin einige Erfahrung gesammelt, war im Hofbauamt gut integriert und kannte die Entwurfsgeschichte bis ins kleinste Detail. Somit entstand diese mächtige Anlage, der man viel zu kurz einigen Augenmerk schenkt, um den Anspruch wahrzunehmen, den Kirschner für Donaumonarchie und Kaiser erheben wollte. Vergleicht man also den Trakt der Reichskanzlei mit dem Michaelertor, würde man unter der Kuppel die ungebrochene europäische Macht Österreich vermuten. Franz spielte mit dem Gedanken, den er auch Ansai mitteilte, dass das Michaelertor zu Karl VI. gepasst hätte, zu einer Zeit des Aufstiegs zur Großmacht. Hingegen ist das Bauwerk fast ein Mausoleum geworden. Natürlich bemerken das die Wien-Touristen nicht, dass das Michaelertor weit mehr mit dem Pariser Invalidendom zu tun hat, eher eine Gedenkstätte verwunschener Träume ist. Das ist in dem Wirbel nicht wahrzunehmen. Diese Horde von Idioten sieht solche Gebäude über ihr Telephon an, meistens sind es Selfies, die nach gelungener Suche eine Kreuzung ergeben müssen zwischen dem grinsenden Touristengesicht und einem markanten Detail des Gebäudes. Und dann teilen sich die Touristenscharen auf zwischen Sisi-Museum, Silberkammer und Schauräume. Dabei ist das Sisi-Museum die reinste Abzocke, sagte Franz. Die Um- und Einbauten sind aus billigem Material, mit Stoff bespannte Novopanplatten. Das nennt man in Wien einen Verwertungszusammenhang. Aus einer Geschmacklosigkeit ergibt sich die nächste Geschmacklosigkeit. Mit keinem Wort werden die krankhaften Ess-Störungen erwähnt, die ausgewachsene Anorexie, bisweilen auch krankhaftes Erbrechen des soeben Gegessenen. Die einzige akzeptierte Nahrungszufuhr war das ausgepresste Blut aus halb gekochtem Tafelspitz. Die Geräte dafür sind in der ehemaligen Küche zu sehen, die jetzt der Silberkammer angeschlossen ist. Die wunderbaren Schränke zur Aufbewahrung der Tischwäsche sind freilich dem Musealisierungswahn der Kommerzinteressen zum Opfer gefallen. Franz hätte jetzt zu schimpfen begonnen, doch Ansai war weitergegangen und war auf solche Kommentare nicht neugierig.

Der Michaelerplatz

Am Michaelerplatz musste sich Ansai erst an die Helligkeit gewöhnen, also sah er die Gebäude am Platz unscharf, verschwommen. Er rieb sich die Augen, als würde das helfen.  Er hatte sich  noch nicht orientiert, da war Franz bereits an seiner Seite. Er bot eine überraschende Interpretation des Platzes, den er als Kernstück der Stadt bezeichnete. Hier ist alles versammelt, was Wien einmal bedeutend machte: die Hofburg, die Michaelerkirche mit dem angrenzenden Wohnhaus von Metastasio, die Bank von Adolf Loos und am Eck zur Herrengasse war das Zentrum der Literatur, das Café Griensteidl. Das alles folgte einem Magnetismus, der sich hier aus dem Kreuzungspunkt ergeben hatte. Hier berührte die vom Norden nach Süden verlaufende Römerstraße die Munizipialstadt, den militärischen Stützpunkt tangential. Auf sie  traf die Ausfallsstraße aus dem Kastell. Franz benannte diese Kreuzung mit der Herrengasse, deren Fortsetzung in der Augustinerstraße, und den Kohlmarkt, der die Tuchlauben vom Hohen Markt fortsetzte. Kein Wunder, dass an diesem Ort ein Kraftfeld die logische Folge war. Hinter diesem Tor saß der Kaiser tagaus tagein am Schreibtisch, daneben stritten die Schriftsteller und Dichter im Café – und Wien hatte davon eine Menge zu bieten, auf der anderen Seite die Kirche. Die stattliche gotische Kirche war im 14. Jahrhundert gründlich erweitert worden.

Franz empfahl seinem Freund, bei Gelegenheit die Kirche zu besuchen. Zum Glück ist sie nicht sehr frequentiert. In ihr findet man Ruhe und jede Menge Beschaulichkeit. Es ist ja der Hochaltar eine grandiose Ausstattung. Da schmiegen sich barocke Wolken an die Apsiswand und geben den stürzenden Engeln keinen Halt. Die Idee dazu hatte Jean Baptist d´Avrange 1781, der als Mathematiklehrer aus Lothringen nach Wien gekommen war. Er erhielt eine Hofanstellung und muss wohl noch Kinder Maria Theresias unterrichtet haben. Damit war noch nicht genug. Über dem Sturz der Engel wurde eine Wolkengloriole hinzugefügt, die Karl Georg Merville 1782 anfertigte. Diese Idee, eine gotische Apsis mit dieser Apotheose auszustatten, ist ein gutes Beispiel für den österreichischen Barock, der in seiner Fähigkeit der Anpassung an ältere Raumkonzepte – in dem Fall an eine dreischiffige Hallenkirche, sehr leicht in einen frühen Klassizismus gerät. Gleichzeitig ist es seine Stärke, den waghalsigen Versuch einer „Totalästhetisierung“ umzusetzen. Diese Nähe ist bereits bei Fischer von Erlach zu bemerken. Man nennt es dann eben eine „barocke Klassik“, die sich von anderen zeitgenössischen Arbeiten deutlich abhebt.

Franz hatte über diese Kirche gesprochen, gab die Empfehlung, diese zu besuchen, hetzte aber weiter. Auf dem Kohlmarkt Hausnummer 11 wohnte der auf Umwegen nach Wien gelangte Pietro Metastasio. Sein Ruhm war in Europa wie ein Losungswort gewesen, wollte man zu den Barockopern ein gutes Libretto haben. Sein Ansehen war enorm, weshalb sich der Kaiser bemühte, ihn nach Wien zu holen. 1730 war es soweit. Mit der Übersiedlung nach Wien hörte Metastasio aber auf zu schreiben. Ein Zeitgenosse bezeichnete ihn als „schreibscheu“. Er lebte zwar zurückgezogen, doch sein Urteil hatte weiterhin Gewicht. Jedenfalls war er zu einem Wiener Faktotum geworden, nämlich als Dichter und Schriftsteller zu gelten, aber keine Zeile mehr geschrieben zu haben.

Berühmt wurde Metastasio durch seine Libretti für  Opern, Texte für Gesangstücke und Lieder. Die ersten Texte schrieb er für Nicola Antonio Porpora in Neapel. 1720 kam von Porpora die „Feta teatrale Angliae e Medoro“ zur Aufführung. Der Text war von Metastasio. Überhaupt war ein Wettstreit der Komponisten im Gange zwischen Porpora und einem Leonardo Vinci. Metastasio entschloss sich, mehr und mehr für Vinci zu arbeiten. War Porpora auch ein weit bekannter Gesanglehrer, für Metastasio von Interesse, so schuf Vinci einen neuen Stil, da er die Singstimme mit dem Orchester zur neuen Einheit brachte. Es war für Georg Friedrich Händel von hohem Reiz, aus den Kompositionen Vincis ein Pasticcio 1728 zusammenzustellen, das in London vor dem König brillierte. Wenige Jahre später war es zur Regel geworden, den Gesang mit einem Orchester zu vereinen. Das war jetzt mit den speziell ausgebildeten Sängerinnen und Sängern nach Porpora möglich.

Franz fand bei seinem musikhistorischen Vortrag kein Ende.

Also vergaß er auch nicht zu erwähnen dass später auch Haydn in eine Dachkammer desselben Hauses einzog, um über kurze Distanz schnell bei seinem Schreibtisch fürs Komponieren zu sein.

Beim nächsten Haus ist keine besondere Erklärung nötig. Franz sagte nur: Loos. Und damit war bereits alles gesagt! Es ist wahrscheinlich eines der ältesten Häuser der Modernen, wahrscheinlich eine Pionierleistung, die nicht zufällig für diesen Platz geplant wurde. Auf dem Michaelerplatz Nummer 3 war es zum Akzent einer neuen Zeit und Ästhetik geworden.

Nun war das „Loos-Haus“ in mehrfacher Weise ein hervorgehobenes Kapitel der Stadtgeschichte geworden. Während der Erbauung gab es genügend kritische Stimmen. Plötzlich meldeten sich Experten zu Wort, die so taten als wären sie Päpste des Bauingenieurwesens. Da war man ernsthaft der Meinung, ohne diese historistischen Giebel und Masken, ohne Gesims würde es direkt auf die Fenster und  in die Zimmer regnen. Man hatte trotz dieser Vermutung aber dennoch verbissen am italienischen Verputz fest gehalten, weshalb auch die historistischen Gebäude sich im Regen stets grau bis dunkelgrau verfärbten. Das hatte man an den Fassaden der Ringstraße sehen können, ebenso an der Hofburg.

Franz wollte aber eine ungewöhnliche Baugeschichte erzählen. Obwohl das Haus direkt vor der Nase des Kaisers gebaut wurde, war Franz Joseph darüber dauerhaft unglücklich. Trotzdem erhob er gegen das Nachbarhaus keinen Einwand. Es wird wahrscheinlich eine üble Nachrede gewesen sein, wenn behauptet wird, dass der Kaiser jene Fenster mit Brettern vernageln ließ, durch die man das „Loos-Haus“ sehen konnte. Wichtiger war, dass mit dem Einmarsch 1938, Hitler sofort den Befehl gab, das Loos-Haus zu verändern – zu zerstören. Das Loos-Haus blieb bis weit nach dem Krieg in diesem „kastrierten Zustand“. Franz berichtete, sich noch erinnern zu können, dass im Erdgeschoß ein Sportgeschäft eingemietet war, dessen Portal und Zugang von außergewöhnlicher Hässlichkeit war. Man hatte den Ehrgeiz, die heiklen Proportionen des Entwurfs zu ruinieren. Bis über 1955 hatte das Haus dem nationalsozialistischen Geschmacksempfinden entsprochen. Erst mit der Renovierung 1989 durch Burckhardt Rukschcio waren sensationelle Entdeckungen gemacht worden. Da hatte man die Maße  überprüft und bald merkte man, dass diese überhaupt nicht stimmen. Es gab Wände und Raumteilungen, die widersinnig waren. Nach dem Abbruch dieser Einbauten entdeckte man die unbeschädigten Wandverkleidungen der ehemaligen Einrichtungen, die kostbaren Paneele, die Details der Entwürfe, von denen man meinte, diese alle seien verloren. Also hat ein patriotischer Baupolier bei der Devastation des Hauses 1938 die Originale einmauern lassen, in der Hoffnung, dass spätere Generationen dankbar sein werden, sollte das „Loos-Haus“ wieder in seinen ursprünglichen Zustand gebracht werden.

Mit Staunen hatte Ansai zugehört. Jetzt besaß die Freundschaft mit Franz wieder einen Sinn. Er war sogar glücklich, denn diese Geschichte, die Franz erzählte, würde in Wien kaum jemand wissen. Er war stolz, dass er „als Japaner“ nun über die Stadt mehr wusste als die zwei Millionen Einwohner.

Die lange Erzählung übers „Loos-Haus“, jetzt im Eigentum einer Bank, brachte eine unverständliche Halbherzigkeit an den Tag. Der neue Eigentümer weigerte sich, das hintere Gebäude, ebenfalls von Loos, zu restaurieren. Es zeigte, dass die Renovierung auf der „Platz-Seite“ der Eitelkeit der Herren Bankdirektoren schmeichelte, an der „nicht sichtbaren“ Seite war das Interesse schnell erloschen. Man sah es als sinnloses Investment. Ein Mäzen hatte diese „Loos´sche“ Rückseite gekauft, perfekt restauriert, vermutlich besser als die Bank, und für den Originalzustand gesorgt.

Franz versetzte daraufhin den nächsten Schlag gegen das kulturelle Selbstverständnis der Wiener in Wien. Und der traf in die Magengrube. Bekanntlich wird in einer konventionellen Literaturgeschichte die Erwähnung des Café Griensteidl nicht fehlen. 1997 wurde es geschlossen. Mit der Hausnummer 2 war ja das Herberstein-Palais wenig bekannt, hingegen das Café im Haus war seit 1847 eine Institution. Diese blieb sogar auch nach dem Umbau zum Palais 1895 durch Carl König erhalten. Die vielen, berühmten Namen wird Ansai par renommé kennen, sagte Franz, also wird er nur ein paar nennen: Karl Kraus, Hugo von Hofmannsthal, Stefan Zweig, Arthur Schnitzler, Hermann Bahr. Einmal gab es sogar eine Szene mit einer satten Ohrfeige. Felix Salten hatte sie Karl Kraus verabreicht. In den Aufzeichnungen fügte Schnitzler hinzu, dass die Mehrheit der Kaffeehausgäste diese Tat billigte, 

Es war wohl versucht worden, das Café 1990 wieder zu eröffnen, doch war die Einrichtung derartig scheußlich und vulgär, dass nicht einmal Touristen diese jämmerliche Replik akzeptierten. Für den Tourismus bei weitem dienlicher ist jetzt ein Geschäft einer Lebensmittelkette, die Touristen schnell mit Wurstsemmeln oder Dosengetränken rasch versorgt.

Um nun diesem Haus den Garaus zu machen, war ein Dachausbau aufs Haus gesetzt worden, zu dessen Krönung wieder ein in Wien häufig vertretenes Symbol verwendet wurde: ein Flugdach. Dessen Spitze soll das Auge jedes Betrachters verletzen und diese Idee ist außerordentlich erfolgreich, obwohl im Palais noch kein Augenarzt ordiniert.

Ansai glaubte, Franz werde jetzt die Schilderungen über den Platz beenden und darüber entscheiden, ob er mit ihm noch weiter gehen will. Es war eine Fehlannahme. Franz wies auf die Mitte des Platzes. Dort hatte man buchstäblich eine Grube gegraben, ohne dass der Urheber in diese hineinfiel. Ansai traute es Franz zu, er werde jetzt die Todsünden der Stadtverwaltung aufzählen. Und Ansai überlegte, welche Todsünden jetzt genannt werden?

Das Sündenregister trug Franz wie eine Litanei vor. Er begann mit dem Polizeipräsidium – die Schande schlechthin. Wegen der soeben erfolgten Fertigstellung nominierte Franz das neu eröffnete Parlament an die zweite Stelle. Theophil Hansen hatte das Parlament bis zum Schreibzeug entworfen. Franz erinnerte sich an die Schreibtische, Türen und Kästen, an Sessel und Teppiche. Diese Inneneinrichtung ist nun weg. Wenn das Inventar wenigstens im Bundesmobiliendepot gelandet wäre, dann hätte man für kommende Zeiten eine großartige Möblierung.

Nach dem Parlament würdigte er die Zerstörung der Innenausstattung der Postsparcasse mit dem dritten Platz. Ex aequo würde er dieses neu adaptierte Hotel Am Hof nennen. Beim Umbau wurde nicht nur dem Haus die Substanz geraubt, sondern auch hier konnte man sich nach einem Brand über die historische Organisation des Gebäudes hinwegsetzen.

Dann nannte Franz Theophil Hansen als den großen Verlierer im Kampf um das historische Stadtbild. Dessen Vorstellung von Stadt, Stadtentwicklung und Ästhetik wurde Schritt für Schritt geschmälert.  Als Beispiel ist der spießbürgerliche Dachausbau auf dem Deutschmeisterpalais zu nennen,

Den fünften Platz verdient der Heldenplatz, dessen „Stadtlandschaft“ so verändert wurde, dass jetzt großzügige Sportanlagen fast als begrüßenswerte Alternative gelten können. Auf dem Heldenplatz bildet der allseits geliebte Hitlerbalkon eine Ausnahme, denn er wird erhalten bleiben. Eine vielfach gelungene Aktion war die Verspiegelung der Fenster der Reichskanzlei und nun, Franz sprach nun bedächtig: die Schandgrube inmitten des Michaelerplatzes. Es ist wohl die bemerkenswerteste Vernichtung räumlichen Empfindens. Zwar war es die Schuld der hier nun residierenden Bank, keine Option für den Platz genannt, überhaupt kein Interesse gezeigt zu haben. Die Idee gab es, hier einen Obelisken aufzustellen, der seit „Jahr und Tag“ im Innenhof des Kunsthistorischen Museums liegt und vor sich hin modert. Es wäre ein Zeichen geworden wie auf dem Place Vendome in Paris, wie es manche Plätze in Rom haben – Piazza della Minerva und im Park der Villa Torlonia auf der Via Nomentana -, in London Saint Georges Circus. Die Indolenz siegte – ähnlich wie am Graben. Bei der Aufbringung eines neuen Straßenbelags stieß man auf Gebäudereste. Der gerufene Stadtarchäologe erklärte diese Reste für historisch relevant. Zum Gaudium des Bürgermeisters entpuppte siche der Grundriss als ein mittelalterliches oder spätantikes Stundenhotel.  Umgehend wurden die Ziegelreste für erhaltungswürdig erklärt und dafür schuf Hans Hollein die noble Einfriedung.

Und Franz schilderte die kaum zu überbietende Zote. Da dann doch zu wenig Ziegel zum Vorschein kamen, wurde der Mangel aus den Beständen der Stadt ergänzt. Wie vor der Ankeruhr bestaunen auch hier die Touristen mit Inbrunst diese archäologische Sensation, die eigentlich ein Schwindel ist..

Mit dieser Ziegelgrube war offenbar ein Probegalopp gelungen, der als Muster für weitere „Platzgestaltungen“ herhalten soll, selbst wenn man gar nichts findet.

Nun war klar, dass hier mit diesem Schandfleck die Wanderung nicht beendet werden kann. Ansai sah in dieser unfassbar misslungenen Intention am Platz mit dem Blick auf den Kohlmarkt eine bewusste Verschlechterung des Stadtbilds. Er konnte freilich nicht verstehen, was die Planungsstäbe reitet?

Ein Lob des frühen sozialen Wohnbaus

Franz überlegte, ob nicht die Ausweglosigkeit in dieser Zeit in den architektonischen Erlebnissen deutlich in Erscheinung treten. Wenn er eine Straße entlang geht, überfällt ihn eine bleierne Müdigkeit. Wir haben es ja an der Ringstraße gesehen, sagte Franz, wo man die einzelnen Fassaden erst gar nicht hätte betrachten müssen, denn sie sind in ihrer Einfallslosigkeit, in der Platz- und Raumverschwendung kaum zu übertreffen. Die Wirtschaftsräume in diesen Mietzins-Palais sind schlecht belichtet, verfügen über keinen Abzug von Küchendunst, die Zimmer des Personals sind auf einer Grundfläche vorgesehen, die etwa doppelt so groß ist wie das Bett. Die Be- und Entlüftung war unbefriedigend über ein kleines Fenster auf den Gang vorgesehen. Waschgelegenheit war in der Regel ein Lavoir und ein Wasserkrug. Eine Diensteinteilung gab es nicht. Gewöhnlich galt, früher als „die Herrschaft“ aufzustehen und später zu Bett zu gehen. 

Wundert es, wenn die Menschen die historistischen Fassaden, hinter denen ihnen die berüchtigten Zimmer-Küche-Unterkünfte angeboten wurden, mit Ekel und Widerwillen ablehnten? Jetzt kann man erst die Leistung der Gemeinde bewundern, unmittelbar nach einem Weltkrieg humane Wohnformen entwickelt zu haben. Wenn es die Zeit zulässt, will er Ansai zu diesen alten Gemeindebauten führen, die gegen die Formen der Deprivation Gemeinschaftsformen bewusst förderten, womit auch eine eigenständige Arbeiterkultur entstehen konnte.

Ansai erkannte seinen Freund nicht mehr. Aus seiner vernichtenden Kritik rettete er sich ins Schwärmen über den frühen Sozialbau. Einmal war er vor zwei Jahren in Wien gewesen. An einem freien Tag fuhr er mit dem D-Wagen Richtung Nussdorf. Vor dem Anstieg zur Hohen Warte war unterhalb der berühmte Karl Marx-Hof gebaut worden. Darüber hatte er schon in Japan gelesen. Er war sogar ausgestiegen und wanderte durch die riesige Anlage. Soweit die Homogenität von Zeit, Gesinnung und neuer Expressionismus gegeben war, hatte er sich mit diesen Aussagen identifizieren können. Man hätte ihm „einem Japaner“. Gar nicht zugetraut. Als er aber eine Hausfront entlang ging, bemerkte er die Ausstattung der Balkone. Da waren Hirschgeweihe und Krickeln von Rehböcken keine Seltenheit, halb bäuerliche Zitate, Postkarten-Ansichten von Wald, Feld und Flur, also Idyllen mimten vergangene Behaglichkeit. Alte landwirtschaftliche Geräte hingen an der Wand, Heugabeln, Sensen. Er war verwirrt. Welcher Gesinnungswandel war hier eingetreten? Hatte er hier eine vergleichbare Lüge entdeckt, wie sie hinter den historistischen Fassaden anzunehmen war?

Ganz in Gedanken verloren, suchte Ansai nach einem gemeinsamen Nenner seiner Beobachtungen. Die Chance hatte er nicht, sich wie Franz in eine Empörung zu steigern, ins Schimpfen, ins Gezeter übers Ungeheuerliche. Dafür fehlte ihm auch die Legitimation. Am Michaelerplatz besaß er anfänglich einigen Optimismus. Durchs Tor fühlte er sich in die Stadt entlassen. Angeblich ist in der Stadt die Freiheit daheim, behaupten Europäer. Und der Rundgang hatte ihn anfänglich darin bestärkt. Metastasio verkörperte eine Internationalität gleich am Beginn des Jahrhunderts. Die Musik hatte sich eine gemeinsame Sprache angeeignet, Barockmusik. Und am Ende war das Café, das Wiener Kulturmodell zugesperrt worden. Versteht man in Wien nicht, was selbst Blinde und Taubstumme wahrnehmen können? Welche Präpotenz hatte diese Stadt heimgesucht?

Ein Abstecher in den Kohlmarkt

Diese Frage verblüffte Franz, nicht weil sie ihn überrascht hätte, sondern dass Shin dieser Stadt so schnell hinter die Schliche kommt. So schlug er vor, ausnahmsweise einen Abstecher zum „Demel“ zu machen.

Wenn Wiener nach dem „Demel“ gefragt werden, reden sie einhellig und ehrfürchtig über den Hofzuckerbäcker als würde der Kaiser noch immer Torten bestellen..

Franz wollte die jüngste Geschichte gar nicht wieder aufrollen. Er tat es trotzdem; nicht aus Sensationslust, nicht um einen Gast über Wiener Verbrechen aufzuklären, von denen behauptet wird, sie würden sich mit Südamerika vergleichen lassen, sondern weil es zur Geistesgeschichte der Stadt gehört wie das Burgtheater, die Oper, der Verfassungsgerichtshof und die Lipizzaner.

Im „Demel“ verlebte die Sozialdemokratie im dritten Stock ihre Blüte bei schönsten Stunden. Franz war jetzt schonungslos zynisch. Die Gestalter von Fortschritt und Zukunft hatten sich hier in einem Club eingenistet, nannten ihn „45“ und erfreuten sich an der Anrede des Personals – beispiesweise: Haben Herr Zentralsekretär schon gewählt? Im „Demel“ im dritten Stock sahen sie sich fast am Ziel ihrer Träume. Das Ziel gab´s im vierten Stock mit Sauna und auf Verlangen mit Balletteusen. Da war alles über den Haufen geworfen worden, was Sozialhistoriker mit sozialem Gewissen vorwurfsvoll formuliert hatten. Im dritten Stock war die Unterscheidbarkeit von „liberal“ und „Libertinage“ auf ein Minimum geschmolzen.

Franz betonte, dass man den Beleg für die Peinlichkeit am Kohlmarkt Hausnummer 14 im Verschweigen ermessen kann. Bis 1972 waren die Schaufenster des „Demel“ von Berzeviczy-Pallavicini gestaltet worden. So steht es im Dehio. Und dann? Obwohl der Dehio ein Vorwort von 2003 enthält, Drucklegung 2007, fehlt der Eintrag von Udo Proksch als nachfolgendem Eigentümer des „Demel“. Die Flut an Prozessen, die dessen Existenz umrahmten, bis zur Mordanklage, war für das Selbstverständnis in der Republik ein Desaster.

Franz versuchte objektiv zu sein und fügte seinem Urteil den Nachsatz hinzu: Jetzt kann man erst ermessen, welche Anstrengung es Franz Vranitzky ab 1986 gekostet haben muss, dieses schlingernde Schiff wieder auf Kurs zu bringen.

Sie standen vor dieser berühmten Konditorei. Natürlich gingen Touristen aus und ein. Die Neugierigen mit Dumont-Reiseführer gingen voll Erwartung hinein, die Herauskommenden klagten über die Preise und nachlässige Bedienung. .Am Haus selbst war nichts Erwähnenswertes zu entdecken. Dennoch bewegte sich Franz keinen Schritt weiter.

Nun hatte Franz geglaubt, sein Bericht würde Ansai beeindrucken. Er hatte geirrt. Für Ansai waren korrupte Machenschaften generell nicht nur nicht fremd, sondern hatten schon vor geraumer Zeit die politische und ökonomische Stabilität Japans schwer geschädigt. Im Vorjahr war ein Parteispendenskandal, der vier Minister das Amt kostete.

Franz war enttäuscht, da Ansai ihm schonungslos mitteilte, dass jeder über politische Unregelmäßigkeiten in seinem Land berichten kann. Allerdings blieb Franz bei seiner Überzeugung, dass sich Österreich in unliebsamer Weise in den Vordergrund drängt, denn verkehrt proportional zu Landesgröße und Bevölkerungszahl stellt die Alpenrepublik einsame Rekorde der Malversationen und Machenschaften auf, die im Fall des „Demel“ eben nicht nur ein Versicherungsbetrug größten Ausmaßes war, sondern einige hohe Politiker hatten mitgespielt, um das Maß der Glaubwürdigkeit des Betrugs zu erhöhen. Und der Schwindel wäre nie ans Tageslicht gekommen, würde der Anwalt der Versicherung die Strafverfolgung nicht auf eigene Faust fortgesetzt haben. Die Versicherung war bereit, den angeblichen Schaden zu bezahlen. Auf geheimnisvolle Weise waren Im berüchtigten „Bermuda-Dreieck“ Uranerzmühle samt Schiff verschwunden. Dabei war ein Matrose zu Tode gekommen. Der Übeltäter und „Demel“-Eigentümer wäre fast entkommen.

Man stelle sich vor, sagte Franz, dass Scotland Yard nach Wien meldete, der Gesuchte sei im Flugzeug nach Wien. Wäre am Wiener Flughafen bei der Polizei keine Grippeepidemie gewesen, hätte der Übeltäter bei freiem Geleit den Flug nach Südostasien fortsetzen können. Die Überbringerin einer stattlichen Summe zeigte ein auffälliges Betragen im Transitraum und war vom supplierenden ahnungslosen Kriminalbeamten zur Ausweisleistung aufgefordert worden. Sie konnte nicht begründen, wie sie ohne Flugticket den Transitraum betreten konnte. Die höchst nervöse „Fluchthelferin“ verriet sofort alles und so konnte der stadtbekannte „Herr Udo“ verhaftet werden.

Ansai fand die Geschichte wunderschön, denn in ihr waren so viele Wiener Eigenheiten enthalten. Die Gemütlichkeit in der Konditorei korrespondierte mit schweren Straftaten. Die sozialen Ebenen wurden wie selbstverständlich vermengt und erfüllen das Gebot merkwürdiger Gleichheit: Hofkonditorei und Versicherungsbetrug, höchste Gesellschaft und  Amtsmissbrauch, Amtshilfe zur Fluchthilfe. Das war am Wiener Flughafen wegen Grippe alles aufgeflogen. Es muss Künstlerpech gewesen sein, dachte sich Ansai. Eigentlich fand er es fast unglaublich, dass nicht schon längst die japanische Mafia, Yakuza oder Gokudo, die in Wien gebotenen Chancen nützt. Im Grunde zeigt dieser Umstand, wie sehr verbrecherischen Organisationen die Phantasie fehlt. Er könne sich nach dieser Sotise sehr gut vorstellen, dass man die Kontrolldienste der Yakuza am Flughafen überlässt. Im Sinn privatisierter Auslagerung  von eigenrechtsfähigen Institutionen, wäre eine budgetäre Entlastung der Vorteil und man kann auch sicher sein, dass die Kontrolle der Flugpassagiere lückenlos und effizient organisiert sein wird.

Franz riss Ansai aus diesen merkwürdigen Tagträumen. Er erklärte seinem Freund, keinen Schritt am Kohlmarkt weiterzugehen. Mit der Fußgängerzone hatte sich der Charakter der noblen Gasse komplett verändert. Der Kohlmarkt hatte ihn immer an die Via Condotti erinnert, in der Mitte der Gasse das berühmte Café „El Greco“  und der Blick auf die spanische Treppe. Man bog vom Corso in die „Condotti“ ein und war über Leben und Treiben erfreut, vor allem deshalb, denn links von der Treppe war der Medici-Palast, an dem man vorbeigeht, sollte man auf den Monte Pincio wollen.

Am Kohlmarkt war das noble Tabak-Geschäft, vor urdenklichen Zeiten „der Kugler“, dessen sagenhafte Sandwiches, das Modegeschäft Brühl, und vor allem knapp vor dem Eckhaus zum Graben, auf Hausnummer 5 im Mezzanin das erste Geschäft eines Herrenschneiders, das Adolf Loos 1897 entworfen hatte. Es wurde später gründlich verändert. Es erlitt ein ähnliches Schicksal  wie das „Loos-Haus“ 1938, aber erst 2001. Er könnte auch das wunderschöne Haus von Max Fabiani erwähnen, hinter dessen Jugendstil-Fassade einmal das berühmte Geschäft Freytag und Berndt war. Das ist alles Geschichte, sagte Franz und seufzte. So blieb der „Demel“ erhalten. Allerdings ist man sich nicht sicher, ob das nach der Geschichte wünschenswert ist? So steht der offene „Demel“ dem geschlossenen „Griensteidl“ gegenüber und niemand sieht den unaufhaltsamen Niedergang.