Die Antwort auf meinen Appell, der Demokratie wieder frischen Geist zuzuführen, war nicht überragend. So es überhaupt Reaktionen gab, dann gerade noch eine Empfangsbestätigung, wie man sie früher fast achtlos bei rekommandierten Briefen dem Briefträger aufs Papier kritzelte. Es war weder der Witz gewürdigt, noch als denkbare Alternative ernst genommen worden. Ich gebe zu, dass mich die Möglichkeit, einen der „Mächtigen“ für einige Zeit ins Exil zu schicken wie in Athen, stets begeistert hatte. Obwohl Athen bei manchen Befürwortungen eines Exilantrags nicht gut beraten war, zum Beispiel den tapferen General gegen die Perser kurzfristig „auszubürgern“ – Themistokles, so war die Maßnahme ein wirksamer Schutz vor Oligarchen oder Ochlokraten aller Art. Wir wären viele Sorgen los, würden wir jene Parteihäuptlinge ins Exil schicken können, die offenkundig gegen die Loyalität zur Republik verstoßen. Während der türkische Staatspräsident seine Widersacher vom Gericht verurteilen und einsperren lässt, sieht die gegenständliche Variante die Wiederkehr des Verurteilten ins politische Leben nach zwei Jahren vor.
Eine andere scherzhafte Anregung war, einen maßgeblichen Teil öffentlicher Ämter zu verlosen. Das ist ebenfalls auf keine Gegenliebe gestoßen. Ich befürchte, wir sind schon so phantasielos geworden, dass wir nicht einmal mehr in Sandkästen spielen wollen. Da gleichen wir sehr schnell einem Präsidenten, der sich vielleicht den Krieg gegen den Iran drei Mal überlegt hätte, würde er mit Hilfe von Landkarte und Sandkasten Varianten seiner Strategie „durchgespielt“ haben. Obwohl wir sofort zur Stelle sind, um Ministern geringe Sach- und Fachkenntnis vorzuwerfen, können wir uns nicht vorstellen, dass „Laien“, also Menschen wie Du und ich, die Abteilung für Müllabfuhr oder Straßenbau, Kultur oder Sport leiten können. Was werfen wir eigentlich den Ressortleitern vor? Oder meinen wir, ganz allgemein für Leitungsfunktionen ungeeignet zu sein? Also sollten wir trotz lauter Kritik dieses perfekte Zusammenwachsen von öffentlicher Funktion, Partei und Macht billigen?
Mich wunderte, dass niemand den Funktionswandel der Medien thematisiert. Das war kein Spaß, sondern ich meinte es ernst, dass aus den Pionieren, die einmal individuelle Freiheitsrechte durchsetzten, Partisanen wurden, die die öffentliche Ordnung grundsätzlich zu destabilisieren wünschen. Was wollen denn diese Privatsender, aus merkwürdigen Quellen gesponsert oder als Geschäftsidee lukrativ und marktbeherrschend ausgestattet? Was wollen Sie? Sie betreiben die Destabilisierung eines politischen Bewusstseins grosso modo und freuen sich über den Erfolg, wenn ihr Thema in aller Munde ist und sogar Regierungschefs dazu Stellung nehmen müssen.
Es gab keine Reaktion auf den Hinweis, dass inmitten unserer Demokratie wir bei Entscheidungen in die Zwickmühle zwischen Komplizenschaft und Nötigung geraten. Haben wir diesen Zwang bereits internalisiert oder sind wir Zyniker geworden?
Ich werfe meinen Leserinnen und Lesern vor, sich bereits mit einer Welt abgefunden zu haben, über deren Wesen und Wirken nur noch drei Männer entscheiden und die Unterstützung bei vergleichbaren „Typen“ erwarten. Trump, Putin und Xi sind jene, offenbar die einzigen, die für Milliarden Menschen eine klare Vorstellung von der Gestaltung der Welt haben. Deren Wahnsinn findet offenbar die Billigung der Mehrheit der Weltbevölkerung.
Aus diesem Grund war meine Frage berechtigt, ob diese Menschheit unter derartigen Bedingungen noch tausend Jahre bestehen kann? Einerseits sind wir stolz, auf unsere Geschichte verzichtet zu haben, dafür kann jeder Schulabsolvent als Zeuge nominiert werden, andererseits treten wir alles Denken und Kalkulieren an eine maschinell ermittelte „Intelligenz“ ab. Offenbar ist unser Selbsthass so groß, dass wir uns nur zu bereitwillig kontrollieren lassen. Im Zahlungsverkehr haben wir uns bereits an den Beobachtungskapitalismus gewöhnt, also schaut uns grundsätzlich „jemand über die Schulter“. Wer wird nach dem Absturz unseres Bildungssystems künftig die Programme erweitern, ergänzen, auf neue Themen hin orientieren, da unser Interesse hauptsächlich darin besteht, Bildungsgüter, Wissensformen und Kulturen wie Sperrmüll zu entsorgen? Hingegen sind wir nicht einmal fähig, uns vom herkömmlichen Verbrennungsmotor zu verabschieden. Es ist kein gutes Omen, da die Zukunft von uns erhöhte Flexibilität auf allen Gebieten einfordern wird. Gerade diese auf uns zukommende sozioökonomische Lage fordert demokratische Entscheidungsfähigkeit, um drohender Tyrannei zu entgehen. Auch hier wird keine Antwort gegeben.
Was ich vergessen habe zu erwähnen, ist der gewaltige Erfolg in der Pornographisierung der Welt. Durch Tourismus wird die Natur entheiligt, was ja Kreuzfahrtschiffe nachhaltig betreiben. Das Nördliche Eismeer wird ja nicht nur wegen neugieriger Betrachter von Eisbergen befahren, sondern vorwiegend zur Entsorgung der Fäkalien. Dort befinden sich das Nützliche und Notwendige bereits im Einklang. Museen sind profanierte Tempel geworden und löschen nachhaltig jede Würde aus, früher hätte man es noch das Heilige genannt…Täglich werden Tausende Besucher in Distanzlosigkeit und Geringschätzung geschult. Vergessen habe ich jenen Tourismus zu erwähnen, der Menschen rat- und rastlos über die Welt wie Herdenvieh treibt und eine mentale Vermüllung fördert, die jetzt überall anzutreffen ist, wie Plastikreste im entlegensten Fjord und in jeder Garnele zu finden sind.
Uns ist diese Entwicklung bewusst. Wir sehen sie an jeder Ecke. Wir haben nur Eines wirklich dazugelernt: Wir spielen Ohnmacht oder fallen gern in Ohnmacht. Wir sind nur zu gern ohnmächtig. Vielleicht kann man wirklich in der Ohnmacht überleben? Gibt es ein Leben nach der Ohnmacht?