Gedanken Reinhold Knolls

Ermutigung

Die schönste Kraft, die aus der Erinnerung gewonnen werden kann, ist wirksam, sollte sie das „Geschichtliche“ der politischen Vergewaltigung entreißen können. Dieses Ziel hat die Zeitgeschichte weit verfehlt. Erst in der Erinnerung kann das erlebte „Übergeschichtliche“ die Geschichte zum Frieden zwingen,  kann sie der Politik entziehen, die zu selten den Frieden brachte, obwohl sie es könnte.  

Ehe wir uns in dieses Wunderland versetzen, in der die Geschichte mit uns in direkter Rede zu sprechen beginnt, vergilben die historischen Befunde wie die Folianten in den Bibliotheken. Die Geschichtsbücher reüssieren als Zeitkritik  und brillieren Jahrzehnte lang in ihrer Art der Interpretationskunst. In dieser Absicht waren Weltgeschichten geschrieben worden – vor und nach Edward Gibbon.  Da wurden wir ebenfalls kritisch und so wir kritisch blieben, leben wir in deren Bewunderung und merken nicht, dass sich damit nichts mehr bewegen kann. Kritik ist ein an und für sich schräges Selbstverständnis und „Kritisch-Sein“ zumal das Leichteste. Sofort ist jede tiefere Einsicht wie ein Gespenst verscheucht.  Da bleibt alles an der Oberfläche. An der Oberfläche sonnen wir uns im Wissen und lassen uns nichts mehr Weis machen. Es sind die „mitgebrachten“ Werte, die wir in die Geschichte wie Bausteine einsetzen, statt Wertverständnis zu erwerben.

Also wird die „objektive Kritik“ zur Säure. Diese zersetzt alle Materie, so sie ungehemmt sich ergießen kann. Eine Spaltung vollzieht sich, die weit vor uns begann. Die Geschichtsschreibung muss sich also zwischen Prüfen und Bauen entscheiden. (Fast schon zu spät hatte man sich entschieden, die Buchreihe „Europa Bauen“ zu nennen, die Jacques Le Goff eröffnete.) Die Gelehrten konnten sich aber von ihrem Selbstverständnis des Prüfens nicht trennen, so waren die Philosophen, Dichter und Schriftsteller aufgerufen, unsere Geschichte zu suchen. Der erste unter ihnen war Karl Jaspers (Europa- Wohin soll es gehen? 1946).

Geschichtsschreibung ist zugleich ein Ringen um Objektivität. Diesen Ringkampf kann man beschreiben: Vermutlich kann ein Theologe mit Agnostizismus mehr anfangen als ein Agnostiker mit der Offenbarung. Also ist zu fragen: Welche Herrschaft bezeichnet der Historiker als legitim? Zumeist rettet er sich in die Betrachtungen eines „Unpolitischen“.  Oder aber er sieht seine Chance in der Heldenverehrung. Es ist der Historiker, der die „höhere Instanz“ erfindet, die den Helden zum Helden erklärt – zum Geisteshelden wie viele Forscher und Entdecker oder zum Helden politischer Tat. Alle diese Helden entgingen wie Schiffbrüchige dem Sturm des Widerspruchs, des Konflikts oder der Verfolgung.

Dem Historiker verdanken wir den Begriff der Genialität als solche. Genialität ist unheimlich schnell verbraucht, verarmt mit der Zeit an Gehalt, es bleibt fast nichts übrig. Soeben scheint selbst Goethe in Vergessenheit zu geraten. An Genialität herrscht aber nie Mangel. Die Menschheit war mit Genialem reich beschenkt worden, aber es ließ uns regelmäßig ratlos zurück. 

So hatten uns die schriftstellernden Historiker Visionen angeboten: Untergang des Abendlandes (Oswald Spengler), Der Gang der Weltgeschichte (Arnold Toynbee), Weltgeschichtliche Betrachtungen (Jacob Burckhardt), Kampf der Kulturen (Samuel Huntington), Kulturgeschichte der Neuzeit (Egon Friedell)  Die Darstellungen belehren uns, keine Vision, die in diesen weltgeschichtlichen Analysen enthalten ist, hatte sich verwirklichen lassen. Deshalb geriet die Geschichtswissenschaft ins Hintertreffen, denn sie konnte mit Naturwissenschaften nicht konkurrieren, weder empirisch noch methodisch. Einen Vorrang hat der Geschichtsunterricht bis vor vier Jahrzehnten verteidigen können: Im Schulfach „Geschichte“ erlebten Schulkinder diese als mehr oder weniger gelungene „Umdichtung“ – teils patriotisch, teils kritisch. Offensichtlich hatte das Geschichtsverständnis aufgehört, ein Drama zu sein,  aber wollte ein Gerichtsurteil über die Geschichte fällen, unbarmherziger als jede Vermutung übers „Weltgericht“.  

Die Lehre? Wie im 16. und 17. Jahrhundert die Menschen wegen der religiösen Tragödie zu Narren wurden, so ab dem 19. Jahrhundert wegen der politischen und sozialen Tragödien. Die Behauptung ist zulässig, das Böse ist im 20. Jahrhundert zur allgemeinen Anschauung sichtbar geworden. Die Zeitgeschichte hat aber für die Manifestation des Bösen teils ihre Aufmerksamkeit verloren, teils mit der Darstellung der Unvergleichbarkeit des Bösen dieses Phänomen der Fassbarkeit entzogen. Jene Epoche darf sich glücklich schätzen, die zu wissen scheint, mit welcher Art des Bösen sie zu tun hatte.

Diese End-Gedanken stellen sich unvermutet als Sinn der Geschichte ein. Daraus gibt es zwei Schlussfolgerungen: Die Geschichte dokumentiert, wie schnell wir einem Ende entgegeneilen, sei es nun ein tragisches Ende, der Triumph einer im Irdischen nicht vollziehbaren Gerechtigkeit, sei es nur ein Kreisen vom Aufgang zum Untergang hin – und wieder zum Aufgang zurück. Daher gab es – streng genommen – weder eine Verfallszeit noch eine Blütezeit. So neigen wir uns der Intention der griechischen Geschichtsphilosophen zu – wie Heraklit: „Derselbe ist Hades und Dionysos.“ In dieser Einsicht lautet das Kinder gebären zugleich auch den Tod gebären. Also wird jede Offenbarung, die ab dem Ende der Geschichte erst zu erzählen beginnt, zur Sehnsucht jedes Menschen, mit sich und der Welt im Einklang zu sein. Diese Sehnsucht wird durch die Erkenntnis immer stärker, unsere eigene Geschichte nicht begreifen zu können. Es ist entgegen aller Beschreibungen und naseweisen Theorien nicht möglich, den Sinn zu ermitteln – jetzt! Deshalb erwarten wir eine Antwort „von außen“ – oder gar von oben. Die Antwort muss gegeben werden und wir erwarten sie. Es geht um die Rettung jenseits des Endes.