wenn es nicht zum Weinen wäre….
Wer hat die Mahnungen nicht in den Ohren? Wer erinnert sich nicht an die bewegenden Worte anlässlich der Gedenktage? In den Schulklassen berichteten Zeitzeugen über ihr Schicksal. Sie erzählten, wo Mutter, Vater, Onkel, Tante, Schwester und Bruder nach der Menschenjagd ermordet wurden. Sie erzählten Schulkindern, dass die Nachbarn plötzlich nicht mehr grüßten, wie die Wohnung arisiert wurde. Die Reichsfluchtsteuer konnten viele nicht bezahlen. Nach und nach gab es immer mehr Bücher, in denen alles zu lesen war: wie und wo und warum zerstört, vernichtet, gequält und ermordet wurde. Ein Thema war, wie Terror Menschen zur Gefolgschaft erniedrigt, zu Speichelleckern, Denunzianten, Mitläufern, Opportunisten, zur unbegründeten Grausamkeit bewog. Und diese feige Unmenschlichkeit hatte die überwiegende Mehrheit Mitteleuropas erfasst. Es war wirklich so, wie es Eugen Ionesco in den „Nashörnern“ beschrieben hatte.
Durch unzählige Fernsehserien war man fast zum Augenzeugen geworden. Dokumentarfilme zeigten, wie Menschen zu Unmenschen werden. Nach dem Krieg waren Kasernen nach jenen Offizieren benannt worden, die den Widerstand wagten. Das alles ist uns geläufig.
Nie wieder!, war die Parole!
Niemals vergessen, hatte man einander geschworen.
Die Schulbehörden hatten daher einmütig im Lehrplan Zeitgeschichte vorgesehen. Man lernte nicht mehr Antike, Mesopotamien, Ägypten, Griechen, Römer, Mittelalter, Neuzeit, sondern nur mehr Zeitgeschichte – auf und ab und nochmals. Blutspuren führen zu unserer Vergangenheit, sie waren zu unserer persönlichen Geschichte geworden. Die Zeithistoriker waren überzeugt, allen die Augen geöffnet zu haben – zwar spät, aber dann doch! Wir wurden unterrichtet, welche SS-Einheit in russischen Dörfern Gräueltaten verübte, in welchen Wäldern die Erschießungen waren, warum die Grausamkeit bis zum Ende des Regimes durchgehalten wurde. Wir glaubten jenen kein Wort, die während schwerster Verbrechen ihrer Einheit zufällig auf Fronturlaub waren. Keinem Arzt war zu trauen, da er vielleicht zu jenen gehörte, die für Experimente an Häftlingen und geistig Behinderten berüchtigt waren. Und man lernte Aufmerksamkeit, ob nicht alle, die unabkömmlich daheim bleiben konnten, für höchst sonderbare Dinge verantwortlich waren. Heute kann niemand sagen, von der Wannsee-Konferenz nichts zu wissen.
Stimmt das noch?
So begegnet uns die erste Merkwürdigkeit: Alle waren immer dabei, vom Anfang an: beim Marsch zur Münchener Feldherrenhalle, am Wiener Heldenplatz, in Nürnberg. Das halten uns die Zeithistoriker vor die Nase.
Und jetzt?
Wir beobachten den allgemeinen Gedächtnisverlust. Eine kollektive Demenz plagt die Gesellschaft. Die Parallelen zum damaligen Geschehen sind zum Greifen nahe. Der einzige Unterschied: Heute geraten wir aus dem Wohlstand ins Verhängnis, die Urgroßväter kehrten von einem Weltkrieg heim ins Nichts. Alles verloren.
Der Gedächtnisverlust ist das Resultat des Leugnens und Lügens. Man könnte meinen, es war der Odyssee entnommen worden: Niemand hat mich geblendet, niemand hat mir das Augenlicht genommen. Wie Odysseus hießen alle nach 1945 „Niemand“. Man war zwar illegaler Nazi gewesen, was wie ein Zwang zur Verzweiflungstat geschildert wird, doch die Ausrede auf politische Verführungskünste war erst nach 1945 üblich geworden: Niemand hat uns verführt. Niemand war schuld. Es klang wie die Beteuerungen des Kain nach dem Mord an Abel.
Und heute?
Es folgt die nächste Merkwürdigkeit? Alles ist wie damals. Wir begegnen haarscharf den gleichen Phänomenen. Allerdings gehen sie vom anderen Ende der Bedürfnisskala aus. Ernst von Salomon hatte die Heimkehrer von der Marne-Schlacht, von Verdun, vom Isonzo und von Przemysl beschrieben. Heute müssen wir wegen Schulbeginn von Mallorca, Kosa Mui, Cote d´Azur, Rimini oder Izmir heimkehren – braungebrannt im Minirock und kurzen Hosen. Der Kurzschluss im Bewusstsein ist derselbe wie 1919/20. Wir lehnen Menschen ab, wir hassen sie, obwohl wir in deren ehemaliger Heimat unsere Urlaube buchen. Wir wollen den politökonomischen Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte, aber ohne Zuwanderung. Für Populisten ist die Lösung ganz einfach: Die Zuwanderer und Fremden müssen weg! Dorthin, wo der Pfeffer wächst. Man erzählt von Phantasiezahlungen an Asylwerber. Es wird auf Heller und Pfennig geglaubt! Der Neid geht um…
Wir hören es und bleiben sprachlos.
Einige protestieren und marschieren mit schwarzen Fahnen und Runen in Harley-Davidson-Montur – nicht nur in Mecklenburg oder Sachsen-Anhalt, auch in Budapest, Warschau und Paris. Zu guter Letzt wird ausgerechnet Österreich zum Vorzeigemodell demokratischer Machtergreifung der Antidemokraten.
Und landauf landab herrscht eine diffuse Stimmung. Irgendein zweiter Rintelen oder Seyss-Inquart wartet bereits auf den günstigen Augenblick – und bleibt nicht allein. Das „Nie-wieder“ ist verstummt. Ist diese neue Gleichgültigkeit das Ergebnis des Zeitgeschichte-Unterrichts?
Was haben wir falsch gemacht?
Seit langem erwarten wir von der „Kunst“, wie vom Seismograph, tektonische Verschiebungen zu melden. Das Gegenteil ist der Fall. Dort weiß man noch immer nicht, dass das Abspulen der Antifaschismus-Masche nicht mehr greift. Wenn in der größten Feier zum deutschen Nationalstolz – also in den „Meistersingern“ – die Oper neuerdings in der Heirat des antisemitisch karikierten Sixtus Beckmesser mit dem Evchen endet und der Stuttgarter Chor einen Vers aus Paul Celan anstimmt: Der Tod ist ein Meister aus Deutschland….wissen die Kulturgewaltigen noch immer nicht, dass ihre politische Sensibilität dem Schnee von gestern gilt.
Gleichzeitig inszeniert ein TV-Sender über 24 Stunden täglich mit deutscher Subvention das große Streitgespräch zur Förderung von Vorurteil, Hass, Neid und Zynismus. Einer brüllt in Führer-Manier faschistische Platituden, ein anderer wäre fürs Modell eines Ariers in rassebiologischen Fachorganen geeignet, ein dritter klagt nach verkürzter, verbüßter Haft politische Seriosität ein, ein vierter spielt den unglaubwürdigen Gegenspieler, ein fünfter sollte lieber diese Funktion kündigen anstatt als Watschenmann für die alte Sozialdemokratie herzuhalten.
Diese Talfahrt ist in Österreich seit der Regierung Schüssel weit rasanter als in Berlin, Paris oder Rom. Schüssel hatte die „Feuermauer“ gegenüber der FPÖ endgültig beseitigt, in die Fred Sinowatz Löcher gebohrt hatte. Österreich war plötzlich wieder diese „kleine gemeingefährliche Welt, in der die große ihre Probe hält“. Mit Trump, Putin, Xi und Kim on-jung hatte die Probe durchschlagenden Erfolg. Welche „Welt“ soll das werden? Einen Vorgeschmack bietet die regelmäßig erhobene Wählergunst, die den „Herdentrend“ bestätigt, dass immer mehr schon auf der „richtigen Seite“ stehen.
Was ist heute die richtige Seite?
Nach dem Pflichtfach Zeitgeschichte in der Schule wissen die Medienarbeiter noch nicht, wo die richtige Seite sein wird? Also stellen sie die Muster für gesellschaftlichen Aufstieg und Elitenbildung dar, erklären diese zum Mittelpunkt ihrer journalistischen Recherchen: Ideale verkörperten in Österreich unter anderem Grasser, Benkö, Hochegger, Kurz, Kern und Kickl. Höhepunkte waren der Hochzeitstanz der Ex-Außenministerin Kneissl mit Putin und die Satire von Ibiza.
Wladimir Putin war für unsere Bundeskanzler nach 2000 wie früher „der Onkel aus Amerika“. Das wurde in Europa Usus. Alle Defizite, Fehler und Schwächen wurden der Europäischen Union angelastet und sie wurde dazu verdammt, die gleiche Rolle zu spielen wie die Alliierten in der berüchtigten „Kriegsschuldlüge“ von 1919 – nach Versailles, St. Germaine, Trianon und Sévres – aber diesmal im Bund mit Frankreich, Spanien, Italien und Niederlande.
Die Polarisierung der Gesellschaft schreitet voran. Wir haben keine gemeinsame Geschichte mehr, wir haben nichts zu plaudern und kein Reservoir für eine Gemeinschaftserzählung. Die Bombenkeller- und Lagergemeinschaften existieren nicht mehr. Die Polarisierung in der postliberalen Gesellschaft beendet die verbindliche Erzählung und löst sie in private Narrative der Selbstverwirklichungen auf. Die personale Sinnstiftung haben Medien übernommen, dialogfähig die Eigentümer nur mit ihrem Handtelephon; und im Austropop werden subjektive Befindlichkeiten besungen und zur Nachahmung empfohlen. In der U-Musik-Tradition seit Johann Strauß singt 1989 Falco:
„Die ganze Welt dreht sich um mich –
Denn ich bin nur ein Egoist….“
Oder: „Rock me Amadeo“ von Rob und Ferdi Bolland, Falco:
„Er war Superstar
Er war populär
Er war so exaltiert
Because er hatte Flair.“
Oder: Rosenstolz (2006): „denn ich / lieb mich…
Ich brauche niemanden, weil ich mich selbst habe….“
Ursprünglich im Album „Objekt der Begierde“ 1996 von Peter Plate und AnNa R.
Alte Texte verstehen wir nicht mehr:
„Die Poesie hebt jedes Einzelne durch eine eigenthümliche Verknüpfung mit dem übrigen Ganzen …, die Poesie bildet die schöne Gesellschaft – Weltfamilie – die schöne Haushaltung des Universums….Durch Poesie entsteht die höchste Sympathie und Coactivität, die innigste Gemeinschaft.“ (Novalis (Friedrich von Hardenberg): Logologische Fragmente, Fragment Nr. 31 aus 1798, in: Schriften, Bd. II. Stuttgart 1965, S. 533.)