Gedanken Reinhold Knolls

Was tun gegen den Rechtspopulismus?

„Oft habe ich hin und her gesonnen über den Wandel und die Unbeständigkeit der irdischen Dinge., ihren wechselvollen, ungeordneten Verlauf, und wie ich bedenke, dass der Weise keinesfalls sein Herz an sie hängen soll, so finde ich durch vernünftige Überlegung, dass man über sie hinwegschreitend sich von ihnen lösen müsse.“

Diesen Rat, den Otto, Bischof von Freising, um etwa 1150 schrieb, beherzigen wir nicht mehr. Die Empfehlung könnte ebenso in den Vorträgen Friedrich Nietzsches stehen – Über die Zukunft der deutschen Bildungsanstalten 1872 – sie wiederholen sich in den beiden Vorträgen Edmund Husserls zur „Krisis der europäischen Wissenschaften“ 1936 in Wien und die Bedenken waren in den Debatten über die Universitätsreformen in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erneuert worden. Jedenfalls war diese Empfehlung weder im Hochmittelalter, noch in „unserer“ Zeit berücksichtigt worden.

Otto von Freising war der  Sohn Leopolds III. Babenberg und Agnes, Tochter Kaiser Heinrichs IV. Ottos Halbbruder war Kaiser Konrad III.; er war Onkel Friedrich Barbarossas, Bruder zweier Herzöge von Bayern und des Bischofs von Passau, Schwager des Herzogs von Böhmen und einer Nichte des Kaiser Manuels I. von Byzanz. Nach seinen Studien in Paris trat er dem Orden der Zisterzienser in Morimond bei. Seine politisch-historischen Gedanken schrieb er  in einer „Geschichte zweier Staaten“ 1157. Dem Leser wollte Otto von Freising zeigen, „wovor man sich in irdischen Dingen hüten muss, dem sorgfältigen, wissbegierigen Forscher ist aber eine gute Ordnung der vergangenen Ereignisse vorzulegen.“

Warum dieser Exkurs, der unsere großartige Geschichte in Erinnerung rufen will?

Wir bedachten zu wenig, dass allein schon die Wandlungsprozesse in Naturwissenschaften und Ökonomie unsere Gesellschaften in ein Dilemma stürzten, dem wir kaum mehr gewachsen sind. Aus dem Wissen der Naturwissenschaft wurde Technik, eine Handlungsanleitung zur Erleichterung unserer Lebensbesorgungen. Aus der allgemeinen Lehre der Ökonomie wurde während der Industrialisierung eine Verhaltensregulierung, der wir die Voraussetzung der Eignung zur Industriegesellschaft verdanken. Technik und Ökonomie begannen, den Menschen in ihrem Kontext zu definieren. „Gerade die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft erleichtert, erweitert und beschleunigt in erheblichem Maß die kommerzielle Ausbeutung des menschlichen Lebens. Sie unterwirft Lebensbereiche, die bisher dem kommerziellen Zugriff unzugänglich waren, einer ökonomischen Ausbeutung.“ (Byun-Chul Han) Aus diesen Thermalquellen der Moderne entsprangen unsere Fortschritte, deren Ziel die Steigerung der Lebenslust war. Mit dieser Orientierung verblassten die Solidarisierungseffekte historischer Gemeinschaftsbildung. Lange Jahre merkten wir nicht, welche Neben- und Nachwirkungen die Entlastungen durch Fortschritt bewirkten. Die Bedürfnisse der und in der Gesellschaft wuchsen zu einer Pyramide heran, die bald aus negativen „Tugenden“ bestand: Narzissmus und Neid, Konsumwahn und „Multioptionsgesellschaft“. Gesellschaftliche „Werte“ waren zu bisweilen unerfüllbaren Wünschen gediehen. „Klassischer“ Ausdruck für den „kulturanthropologischen Wandel“ war der umformulierte Text von Schillers „Ode an die Freude“ , den Kurt Sowinetz perfekt vortrug: „Alle Mensch´n san mir z´wider, i könnt ihna in die Gosch´n hau´n.“   

Es ist das Vorwort zu den Gefahren, die unser politisches System zu verderben drohen. Wir leiden an einer unzulässigen – darf man das überhaupt schreiben? – Emotionalisierung politischer Anliegen, die sich vornehmlich im Gebrüll und wüsten Parolen aus unguter Vergangenheit äußern. Und die Medien fördern die Hilflosigkeit, weil sie uns einreden, diesen Zustand sei jenen „Verkörperungen“ zu verdanken, die den Populismus ins Volk tragen: Marie Le Pen, Wilders, Gauland, Weidel, von Storch, Chrupalla, Höcke, Hickl, Strache, Salvini, Orban….

Wir sind den Bildmedien auf den Leim gegangen und sie verführten uns, in den rechtsextremen Personen würde der Populismus erst spruchreif. Deren wilde, bisweilen dummdreiste Sprüche hielten wir für die Ursache dieser neuartigen Volksbewegung. In Wirklichkeit gäbe es keinen Populismus, würde er seinen Ursprung nicht in der Gesellschaft haben. Die Akteure in den Bierzelten artikulieren nur die wüsten Gesprächsfetzen vor den Marktständen, werden zu Parolen der Krakeeler, entstammen der Depravation der Randgruppen, bilden die Verzweiflung in der prekären Lage der Modernisierungsverlierer ab, der Deklassierten und Arbeitslosen, der in der Gesellschaft  Zu-Kurz-Gekommenen. Die unerwünschten Zuwanderer stocken das Unbehagen auf und werden in absurder Drehung zum Hassobjekt. Wir haben einzusehen, diese Gruppen repräsentieren inzwischen ein Drittel der europäischen Bevölkerung. Der Populismus ist nur die Reibfläche fürs Zündholz.

Otto von Freising macht uns auf einen Fehler aufmerksam: „Wenn wir die Nöte vergangener Zeiten gedenken, vergessen wir bis zu einem gewissen Grad die gegenwärtige Bedrängnis.“ Wir befinden uns in einer Krise, die wir meinen, mildern zu können. Und wir meinen, der Appell zur Vernunft würde die Zeitgeschichte unterstützen, wenn wir dieser Gegenwart deren Vergangenheit vor die Nase halten.  Wir meinen, der Text von 1157 würde zutreffen, weil hier zu lesen ist, dass nach den Wandlungsprozessen „das Römische Reich nicht nur altersschwach und vergreist, sondern es hat sich auch durch seine Unbeständigkeit …vielerlei Schmutz und mannigfache Schäden zugezogen. So zeigt sich selbst am Haupt der Welt der irdische Jammer und sein Fall kündet dem ganzen Körper drohend den Untergang an.“ Den Bischof beschäftigte „weniger die Folge der Ereignisse als ihr Elend.“ (non tam rerum gestarum seriem quam earundem miseriam….) Ex amaritudine animae – aus verbitterter Seele …fuhr er fort, sind nicht Geschichten zu erzählen, sondern „trübselige Tragödien vom Leiden der Sterblichen – erumpnosas mortalium camalitatum tragedias…“ „Scheint es dir nicht auch so, als ob sich die weltliche Würde wie ein Fiebernder….bald hierhin, bald dorthin dreht? Denn die am Fieber Leidenden hoffen auf Ruhe durch Wechsel der Lage, deshalb werfen sie sich….ständig hin und her. …“ Und das Resultat? „Müssen wir doch mit ansehen, wie die Kleinen von den Großen, die Schwachen von den Starken verschlungen werden und wie diese sich schließlich, wenn sie keine andere Beute mehr finden, gegenseitig zerfleischen.“

Wir können dieses Krankheitsbild auf den Zustand der Demokratie übertragen und somit hat dieser alte Text seine Aktualität.  .

Der Populismus verdankt sich der immer tieferen Spaltung des Eigeninteresses und den „Triebfedern der Moralität“ (Kant). Der Eigennutz ist uns als menschliche Eigenschaft geläufig, der aber zu Gunsten der Vernunft zu überwinden ist. Im Populismus wird gebrüllt: „Wer nur Mitleid empfindet, hat keinen Verstand…“ Kant hätte entgegnet: „Wer nur Verstand hat, hat keine Vernunft….“

War der vergangene Nationalsozialismus zermürbend, da er in einigen unerwogenen Ahnungen uns direkt ansprechen konnte,  wo wir uns kaum zu wehren wussten – siehe daher Max Picard „Hitler in uns selbst“ 1946 – so spricht der Populismus in unserem Hirn Synapsen an, die es erst zu widerlegen gilt. Dafür nehmen wir uns keine Zeit und daher frisst der Populismus die Bedenkzeiten der Demokratie mit Haut und Haar.