Gedanken Reinhold Knolls

Sachsen-Anhalt

Wie soll man das ansprechen, was gerade geschieht?

Zurzeit kann man in Deutschland nichts mehr ansprechen. Als wären es Dämonen widersetzen sich die verschiedensten Interessen erfolgreich dem objektiven Befund. Dämonisch ist die Übermacht der Medien. In dieser Geschwätzigkeit ist keine Analyse möglich. Die politische Wirklichkeit ist ein Satyrspiel an der Spree. Welche Diagnose ist der Wahrheit verpflichtet?

Von diesem Problem erfuhr man bereits aus der Zeitgeschichte: die Hexenjagd faszinierte sie. In ihr waren die Täter die Väter der Opfer geworden. Zeitgeschichte ist der Prolog zum Verwirrspiel. Es bewahrheitet sich schon wieder der Aphorismus von Immanuel Kant: „Seitdem es in Königsberg eine Zeitung gibt, kommt nichts mehr auf.“ Heute gibt es eine Menge Zeitungen.

Die politischen „Systemadministratoren“ in Berlin wollen sich guten Gewissens mit Intelligenz und Leidenschaft gegen eine verderbte Intelligenz und Leidenschaft stellen. Mit magnetischer Kraft entfaltet eine feindlich gesinnte Bewegung ihre Lebenskraft. Daher ist der politische Wahrheitssinn in Deutschland extrem gefährdet. Bei der AfD ist die Hingabe ebenso bemerkenswert wie ihr Interesse, jede Wahrheit zu trüben.

Die Lüge war immer schon das Unheil gewesen. (In Deutschland kennt man nicht Franz Grillparzers „Weh dem, der lügt.“) Jetzt entfesselt wüstes Lügen alles, was demnächst verderben soll. Am liebsten würde man das alles wieder zuschütten, was da an die Oberfläche gespült wird. Es riecht übel. Die Vergangenheit erhebt sich aus ihrer Schlangengrube und vergewaltigt die Gegenwart. So bekommen wir die Kehrseite deutscher Gesellschaftsordnung zu sehen. Sie war immer vorhanden.

Selbst die Schatten waren immer gegenwärtig. Der Wohlstand begünstigte die Beibehaltung der Trug- und Schattenbilder. Sie sind im Wohlstand verblieben. Für alle war der Lebensplan mit einem Wort bestimmt: Karriere. Alle machten in Deutschland Karriere. Alte Werte waren das Außergewöhnliche am Deutschen – Fleiß, Loyalität und Treue. Man hätte meinen können, Goethe, Schiller und Richard Wagner sind die Paten des Besonderen immer gewesen. Nach und nach waren die Talente vom Durchschnittlichen und Berechenbaren ersetzt worden. In Deutschland ist das Böse stets aus der Imitation des Guten mit bester Absicht entstanden. Zuletzt wusste es noch Friedrich Nietzsche. Den hatte man professionell missverstanden. Daher entstand der kulturelle Stumpfsinn – vom Schulbetrieb bis zum Fernsehen.

In Sachsen-Anhalt ist jetzt zu sehen, wie die Gesellschaft samt ihrer ökonomischen Selbstbewertung auf der Stufe einer ins Nichts führenden Treppe kleben bleibt. Bar jeder Reflexion herrscht Aussichtslosigkeit. Sie kann weder durch Tourismus noch durch Komasaufen auf Mallorca oder Chalkidike kompensiert werden. Heute wollen die deutschen Wandervölker von der anderen Welt unruhiger Geister nichts wissen. Sie haben sie satt. Man weiß als Passagier auf Weltreise, wer diese Malaise verschuldet: die Demokratie.
Voll Neid blickt man auf Russland.

Diese Chance hatte man nicht ergriffen. So kommen dürre Jahre auf uns zu, mit längerer Arbeitszeit bei gekürzter Rente. Angst und Sorge stehen in allen Gesichtern. Zuwanderer sollen ohne Kontrolle den Wohlstand bestehlen und räkeln sich stinkfaul samt Kindersegen in der Hängematte des Sozialstaats. Angeblich pfeifen das die Spatzen vom Dach, behauptet die Erfolgspartei. An allen Ecken und Enden der Kaufhausketten ahnt man die Deklassierung. Es nährt den Defaitismus und den deutschen Zersetzungsprozess. In Städten herrscht die Meinung, bereits im Prekariat zu leben. Dieser Befund zur deutschen Eigenheit ist die neue Ohnmacht. Erworben wurde sie auf den Bahnsteigen beim gemeinsamen Warten auf den Zug. Der Staat bürgt für nichts mehr, sagen alle.

Ein Zwiespalt öffnet sich: Die täglichen Defizite kennt man gut, aber die Welt versteht man nicht. Fazit: die Regierenden machen nix dagegen und füllen nur eigene Taschen. Die Schuldigen kennt man aus dem Fernsehen. Ihnen ist zu verdanken, dass niemand mehr zufrieden ist. Wie kann man bei dem Niedergang der heimischen Autoindustrie zufrieden sein? Das deutscheste Wort in der deutschen Sprache verlor alle Zauberkraft: Volkswagen! Das tut so weh wie 1945.

Also lautet das Signal von Sachsen-Anhalt, sich endgültig vom Staat abzuwenden – bis er eben stirbt. Die Wähler wählten den Staat von Sachsen-Anhalt ab, und dafür wählten sie die AfD. Mit solcher Partei wird sich der lästige Rechtsstaat aufhören. Die Hälfte aller Deutschen wollen, wenn nicht gleich wie in Russland, aber in dieser Version sollte regiert werden. Warum soll es nicht wie zur Zeit der DDR sein? Die DDR wird vermisst. Sie war immer schon die humane Variante gegenüber Reich und Weltkrieg. Mit diesem Nicht-Staat zerfallen auch dessen Träger, die erst mit der Wende ins Land kamen.

Der Alltag auf der Autobahn entpuppt sich als deutsche Metapher: Ständig wird der kleine Fahrer in seinem bescheidenen Wagen überholt. Übermüdete Pendler stecken im Stau. Bei Eisen- und Autobahn beginnt das Lamento: dieser Staat inszeniert sich viel zu teuer, davon ist auf öffentlicher Bühne nichts zu sehen. Das Jammern zählte einmal zur Kernkompetenz der Sozialdemokratie. Sie überlässt ihre rostigen Phantasien nur allzu gern den Gewerkschaften. Und die Christdemokraten? Sie zittern vor den Ermahnungen der Synoden und Bischofskonferenzen. Dort hört man vom Skandal des juste milieu der Partei mit dem hohen C. Die Entwicklung Deutschlands wälzt sich Medienbeschau gestaltlos dahin. Treue Begleiterinnen sind organisatorische Wust, retardierte bürokratische  Momente und die Gedankenarmut. Durch sie werden die Menschen in den nationalistischen Atavismus gelockt. Aus ihm und aus sentimentalen Erinnerungen an all das Verlorene wird die neue Identität gebildet. Sie soll wieder schwarz, weiß, rot sein. Es soll sich wieder auszahlen, in Deutschland zu sein. Es ist der neue Rettungsplan. Der ist klar formuliert: „Raus aus allem, was verpflichtet, bindet und beengt“: raus dem Euro, aus der EU, aus der NATO, vielleicht auch UNO, raus aus der oktroyierten Bonner Verfassung und aus allen westlichen Bündnissen und überhaupt „raus“. Bei so viel Exodus bleibt man endlich unter sich. Allerdings werden viele Deutsche heimatlos, aber nicht in Magdeburg. Dort entsteht ja gerade die neue Heimat, sagt die AfD…