Gedanken Reinhold Knolls

Verlust der Gegenwart

(Nachsehen: in welcher Gesellschaft leben wir?)

Wir müssen von einem Paradox ausgehen: Hermann Lübbe hatte einmal gemeint, die Aufdringlichkeit der Gegenwart, der Zwang zu andauernden Vergegenwärtigungen im Sinne der Steigerung personaler Authentizität würden uns derart fesseln, dass wir kaum mehr auf eine Geschichte Bezug nehmen können und die Zukunft ist nahezu ein Teil der Gegenwart geworden. Wir anerkennen Zukunft schließlich nur in der Art ihrer jeweiligen Verwirklichung – und Vergegenständlichung. Das heißt, Zukunft ist gerade das noch nicht Geschehene und enthält keine längerfristige Perspektive. Aus diesem Grund hat man „Fünfjahrespläne“ entworfen, damals das Maximum an Zukunft, oder aber wir denken, wie wir oft lesen können, in Legislaturperioden. Eine Zeit „davor“ büßt relativ schnell unser Interesse ein. Also denken wir nicht an künftige Möglichkeiten, etwa den Hunger in der Welt zu besiegen, dafür aber an weitere Weltraumfahrten oder daran, den Mond erneut zu betreten. Die Visionen von Jules Verne sind schon längst die Wirklichkeit und sind fester Bestand unserer Vorstellung tatsächlicher Wirklichkeit. In dieser Hinsicht hatte Voegelin recht, wenn er darauf beharrte, dass wir nur mehr in der Gegenwart leben. Dennoch geht es in der Vorlesung nicht darum, dieser Aussage Voegelins zu widersprechen, denn sie hat ihre Berechtigung ebenso behalten, wie die Hypothese aber deshalb nicht falsch ist, wenn in ihr behauptet wird, die Gegenwart eingebüßt zu haben. Es ist ein Merkmal der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation, ausgerechnet mit ihrer innovativen Kraft immer mehr auf die Vergangenheit bezogen zu sein. Sie ist wie eine Folie, auf der sich unsere Lebenswelt abzustützen scheint. So müssen wir uns langsam der Überlegung annähern, dass inmitten unserer Modernisierungen oder Veränderungen mittels technischer Zuschnitte zugleich Vergangenheitsvergegenwärtigungen stattfinden, die es noch nie in diesem Umfang gegeben hat. Nicht einmal der Historismus hatte in vergleichbarer Weise Einfluss ausgeübt, denn für ihn war die Geschichte bloß ein Exerzierplatz der Ideen gewesen, deren Nutzen man dann in Pläne oder politische Entwürfe einbezog. Als Beispiel soll die „Neue Burg“ in Wien dienen – es kann auch die Dresdener Oper von Gottfried Semper sein – die zwar in der äußeren Gestaltung unserer damaligen Vorstellung entsprechen, dass deren Gestaltungsästhetik zum Aussagesystem dieser Zeit zählt, jedoch nicht ohne deutliche Veränderung, die nahezu unbemerkt Platz griff. Heute ist das von einem ganz anderen Verständnis begleitet:

 Die Dynamik unserer Zivilisation äußert sich in der wachsenden Zahl der Museen, und die Groteske wird Wirklichkeit, dass bei der vollkommenen Veränderung eines städtischen Ambientes, das strikt einer bewussten Vorstellung der Modernität unterworfen scheint, gleichzeitig der Denkmalschutz eine seltsame Instanz  wird und seine Aufgabe darin sieht, den Aufenthalt in der Gegenwart erträglicher zu gestalten – also eine Kompromiss-Architektur zu empfehlen. Aus anderem Blickwinkel merken wir, dass die ursprüngliche Widmung des Kunsthistorischen Museums nicht mehr zu gelten scheint, eine Dokumentation historischer Malerei ist nicht mehr beabsichtigt, und nun werden zeitgenössische Malereien ins Programm einbezogen und zählen im Grunde in diesem Rahmen schon während ihres Entstehens oder ihrer Fertigstellung bereits zum historischen Bestand. Es ist die perfekte Historisierung eines zeitgenössischen Gegenstandes.

So stehen wir ratlos vor der Frage, warum die moderne Zivilisation sich ihrer eigenen Geschichtlichkeit scheinbar immer mehr bewusst sein will – in welcher Version auch immer, ja diese kultiviert und zum unverzichtbaren Bestand erhebt? Natürlich muss der Einwand gelten, welche Art der Geschichtlichkeit hier gemeint ist? Es ist ja keine primär politische Geschichte im traditionellen Sinn, die wir hier als Geschichtlichkeit anführen. Es hat bei weitem mehr mit einer Form der Kulturgeschichte zu tun, die nie ganz die Würde der Geschichtsschreibung erlangte. Während also die technisch-wissenschaftliche Zivilisation so tut, als ob der Griff nach der Zukunft im Zentrum des Bemühens steht, steigt das Interesse an der Vergangenheit. Dass diese Konstellation sich derart in den Vordergrund schob, hat seine Ursache im Phänomen zunehmender Beschleunigungen. Die zivilisatorische Evolution zeigt sich gerade in dieser Eigenschaft als bislang einzigartig. Wir können das beispielsweise so formulieren, dass die rasche Veränderung unserer Lebensverhältnisse ein merkwürdiges Befremden erzeugt über unsere unmittelbar vorangegangenen Lebensformen, so dass wir uns kaum vorstellen können, ohne Auto oder Flugzeug entfernte Ziele erreicht zu haben.

Wiederholen wir die Hypothese: Die Vergangenheit in Form von Geschichte wird dann „gegenwärtig“, wenn wir gerade eine jüngst erlebte Vergangenheit in unserer Gegenwart als Vergegenwärtigung nicht mehr wiedererkennen. Vielleicht muss man sich vorstellen, mit den schriftlichen Matura-Arbeiten, die man vor Jahren verfasst hatte, überraschend konfrontiert zu werden. Man würde vermutlich die Mehrzahl der Fragestellungen nicht mehr verstehen, obwohl sie ein wichtiger Bestandteil unseres Erfahrungsraumes sind. Diese Arbeiten sind buchstäblich zu Geschichte geworden. Mit den Fortschritten in Technik, Ökonomie und Wissenschaft ist die Art des Veraltens noch weit deutlicher gestiegen, wobei zu beachten ist, dass hier die jeweilige Lebenswelt der Generationen ihre Eigenheit erhalten hat, die aber miteinander nicht mehr verglichen werden kann. Die Verbindlichkeit der kulturellen Kontinuität scheint zerbrochen. Ältere Menschen scheitern am Gebrauch elektronischer Geräte, was in der nächsten Generation zur Selbstverständlichkeit wurde. So werden Lebenswelten getrennt, verlieren ihre Kontingenz zwischen den Generationen und es gibt keine verbindlichen kulturellen Prägungen mehr.

Wie so oft stehen wir vor dem Paradox, dass es gerade die kulturrevolutionäre Dynamik ist, die ein historisches Bewusstsein kreiert – zumindest diese Erfahrung schafft, die Unterschiede in den Einschätzungen von einst und jetzt zu charakterisieren. Also vollzieht sich ein soziologisch relevanter Prozess: Wenn sich Erfahrungsraum und Erwartungshorizont im Bewusstsein der Zeitgenossen trennen, ist die Vergangenheit wirklich vergangen, sie ist unwiederholbar, abgeschlossen. Die Vergangenheit ist gerade noch in ihrer verwandelten Form gegenwärtig, denn sie liegt wegen ihrer beschleunigten Bewegung nicht nur weiter zurück im Gegensatz zu früher, sie wird unumkehrbar, einzigartig, unvorhersehbar-zukunftsoffen. Das erfüllt das Kriterium von „Geschichte“ im modernen historistischen Sinn.

Nun muss man fragen, was denn der geistesgeschichtliche Sinn des Historismus war? Er zeichnete sich einmal dadurch aus, dass einerseits in Beantwortung der großen Revolution eine Kontinuität ausgedacht wurde, die einfach an einer Geschichte anknüpfe wollte, allerdings war man sich nicht einig, an welcher man sich zu orientieren wünschte. Da kam die Kunst- und Planungsgeschichte zu Hilfe und hatte dafür die entsprechenden ästhetischen Formen angeboten: Romanik, Gotik, Barock, Renaissance oder aber die am Klassizismus orientierte Massenproduktion der Häuser oder Gestaltungselemente fürs Interieur – je nach Vorliebe. Wir müssen aber gleichzeitig ins Auge fassen, dass der Historismus zuvor eine geschichtsphilosophische und eigenständige methodische Interpretationsweise der Geschichte entworfen hatte. Die Reflexionen Hegels weisen ja darauf hin, dass hier Geschichte eine Besonderheit sein muss, nämlich die vielfältige Ausdrucksform menschlichen Genies einerseits und andererseits eine darüber hinausgehende Sinnkonstruktion, die sogar den Rang des Göttlichen beansprucht. Der Historismus kreierte die schon genannte Konstruktion und Verknüpfung von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont, freilich in Berücksichtigung jeweiliger unterscheidbarer „Projektionsflächen“. Im Historismus kommt es erstmals zur politischen Schöpfung der modernen Nation, die Gebürtigkeit in einer politischen Fassung, die dann bei den Geschichtsforschern gleichsam eine „Individualität“ erhält. Die Nation ist mehr als eine Herkunftsbezeichnung, die vornehmlich über die Sprache tradiert wird, dann über die Konfession, doch nun ist sie in der politischen Fassung die Voraussetzung eines Staates, ja sogar die erstrebte Einengung zum Nationalstaat. So zeichnet sich der Historismus dadurch aus, dass er eine individualisierende – das heißt: eine nationale Geschichte im Sinne von Epoche und Kultur entwirft, die nicht nur unvergleichbar ist, also jede Epoche hat Eigenheiten, die nicht einfach bei anderen wiederzufinden sind, sondern der Forscher übernimmt die Aufgabe, dieser Annahme empirisch nachzugehen und sie auch nachzuweisen wie in der nationalistischen Geschichtsschreibung bei Treitschke, also inwieweit eine personale Funktion im historischen Prozess eine überpersonale Bedeutung gewinnt. So wird ein „genetischer“ Ansatz gewählt, der die „Vermischungen“ nur ungern wahrnimmt, andererseits die „Exklusionen“ als Bruchstellen umso deutlicher in den Vordergrund treten lässt. Ausnahmsweise soll hier auch Karl Popper erwähnt sein, der ja gerade im „Elend des Historizismus“ die Auffassung vertreten hat, durch eine bewusste Verzeichnung dieses genetischen Ansatzes vom Werden und Vergehen kommt es zu ideologisch-willkürlich entworfenen Visionen oder gar Phantasien, die sich schließlich ebenfalls aus der Geschichte zu begründen versuchen. Angeblich ist das in der Politeia  nur der Anfang bei Plato, erhält viel später über Hegel bei Marx eine eminente politische Schlagkraft, die immerhin das ausgehende 19. Jahrhundert bestimmte. Wenn man den revolutionären Elan abzieht, der ohnehin nur kurz und fast ekstatisch 1917 ausbrach, so hat der Sozialismus in der westeuropäischen Version zu den Termini Staat und Nation auch noch das Volk hinzugefügt, allerdings in dessen industriewirtschaftlicher „Funktion“. Dieser Rückblick macht dann für unsere Fragestellung klar, dass wir inmitten der zivilisatorischen Beschleunigungsprozesse nicht nur diese Zerrissenheit schmerzlich empfinden, die in der Trennung von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont eintrat, sondern in historistischer Form reklamieren wir eine Vergangenheit für uns, die wir uns einfach nach eigenem Ermessen ausdenken. (Das kommt sehr gut dort zum Ausdruck, wo gleiche Erfindungen jeweils für ein Land beansprucht werden und man damit vergessen machen will, dass Auto oder Nähmaschine mehr oder weniger gleichzeitig da und dort entwickelt wurden.) Es ist damit kein Wunder, dass diese frei gewählte Vergangenheit je nach Gemütslage und ökonomischer Lagerung die Revitalisierung des Nationalsozialismus heute wieder begünstigt, die eben ihren Erwartungshorizont auf die Wiederkehr der Brutalität abstellt und in dieser das Mittel der politischen Korrektur sehen. Und dieses Phänomen wird man nicht allein in Mitteleuropa feststellen. Über kurz oder lang bilden sich dann Antinomien aus, die eben wie im Islamismus eine willkürlich gewählte Vergangenheit in ihrer Gegenwart wirksam sehen wollen und der Erwartungshorizont sich mit Exklusionen in der Gegenwart einnistet. Genau hier beginnt der Punkt des wirkungsvollen Verlusts der Gegenwart. Natürlich scheint die Gegenwart von einer Hyperdynamik befallen zu sein. Seit 1750 ist in der technisch-industriellen Welt der Prometheus entfesselt worden und hat in seiner theoretischen Zuspitzung zum Kapitalismus eine gewaltige Kraft entfaltet, die so mächtig scheint als könne sie allen historischen Wechselfällen widerstehen, ja diese sogar benutzen. Wir kennen alle damit verbundenen Erscheinungsbilder, die einerseits eine für immer geltende Totalität behaupten, andererseits sich damit hervortun, dass nichts stabil sein kann, eben alles im Fluss bleibt, in der Schwebe, in der Unentschiedenheit – und alles zusammen macht den Reiz des Neuen aus, in der „Ortlosigkeit“ des vormaligen Marktes einen imaginären Ort zu entwickeln, von dem aus die realen Bestimmungen verfügt werden. Nun wird man in Verfolgung dieser Beschleunigungen und in der Tendenz zur „Ortlosigkeit“ recht schnell den Eindruck erhalten, dass die Kraft der Zerstreuung dominiert, nicht nur in der Unterhaltungsindustrie, die darin ihren kulturellen Auftrag ernst nimmt, sondern in den beschworenen Pluralismen wird die Zerstreuung zum Thema, was dann die Beliebigkeit der Wertorientierungen in Gesellschaften erlaubt. Es sind die Libertinagen, die Freizügigkeiten aller Art, die in ihrer Interpretation eines Ausschnitts der Geschichte, sich für berechtigt halten, eine soziale Ordnung nur marginal anzuerkennen, bestenfalls diese als Schutz der individuellen Freiheit für sich zu reklamieren. Gewiss hatte diese existentialistische Selbstinterpretation ihre Berechtigung gegenüber dem Totalitarismus, hat aber im Verlust dieses Gegners das Ausmaß freier Gestaltungskraft überzogen. In der zivilisatorischen Evolution besitzt die Zerstreuung das Übergewicht über die Arbeit und über die Reproduktionskräfte.

Wir  müssen auch andere Phänomene ins Auge fassen, um zu erkennen, dass wir uns in einem kürzer werdenden Zeitraum der Gegenwart aufhalten. So müssen wir davon ausgehen, dass unterschiedliche Institutionen den Beschleunigungscharakter unserer Zeit repräsentieren, in verschiedenartiger Weise miteinander verknüpfen, weshalb schon der Ablauf weniger Stunden wie eine verfrühte Form der Vergangenheit erscheint und daher durchaus respektable Neuigkeiten bereits während ihres Eintretens in einer historischen Perspektive wahrgenommen werden. Professionelle Berichterstattung und theoretische Aufarbeitung in diversen Publikationen verbindet ein Lesepublikum höchst unterschiedlicher Art und schafft eine Bewusstseinskonstellation aus unverbundenen Einsichten und Erfahrungen. Man kann also fragen: Was verbindet das Archivwesen mit dem statistischen Zentralamt? Wieso wächst der Aktenberg ungleich schneller als die damit beschäftigten Verwaltungsbehörden? Wie sieht unter dieser Bedingung die nötige Archivierung aus und wie ist die Zuverlässigkeit für die Aufbewahrung dieser Quellen gewährleistet? Wie wird die Organisation der Bibliotheken aussehen, wenn sich einerseits die Produktion der Druckschriften vervielfacht und die Halbwertszeit ihres Veraltens immer knapper ist? In der Soziologie haben wir Tonnen von empirischen Grundlagen fürs Gesellschaftswissen produziert, nach denen schon nach einem halben Jahr kein Hahn mehr kräht. Wieso förderte eine künstlerische Avantgarde die Museumskunst als Erfahrungsraum und nach welchen Kriterien können wir die Gebäude der antihistorischen architektonischen Moderne beurteilen und tun so als ob sie historische Bauten wären? Seit wann reden wir von klassischer Moderne und bestätigen indirekt, dass das Moderne und Zeitgenössische selbst schon ein Teil der Kulturgeschichte geworden ist?

Alle diese Fragen berühren das Phänomen der Beschleunigung. Es lässt sich dort am besten nachvollziehen, wo Bücher in den berüchtigten Tiefspeichern landen. Ab wann zählt Hegel zum historischen Bestand einer Bibliothek und gehört nicht mehr in eine Präsenzbibliothek. Gerade die noch vor 40 Jahren so aktuelle Frankfurter Schule ist bereits zum historischen Relikt geworden und Adorno wie Herbert Marcuse sind gerade noch nicht in den Tiefspeichern auf Nimmerwiedersehen verschwunden, wie es dem Großteil der durchaus beachtenswerten Literatur aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bereits zugefügt wurde. Nach welchen Kriterien meinen wir, dass die Schriften von Ludwig Gumplowicz veraltet sind, aber nicht jene von Emile Durkheim? Das alles sind vorerst recht triviale Anmerkungen, deren Folgen aber keineswegs trivial sind. Wie sind die Schwierigkeiten beschaffen, die sich aus diesen Phänomenen ergeben? Inwieweit prägen sie unsere gegenwärtige Zivilisation, die einmal so beschrieben werden kann, nämlich im Zustand dauernder Überforderung zu sein, an Erschöpfung zu leiden, da die institutionellen und individuellen Kapazitäten an ihre Grenzen stoßen in der Erfüllung ihrer kulturellen Innovationsverarbeitung? Hier stoßen wir in erster Linie an die Grenze unseres Erinnerungsvermögens. Technisch haben wir anscheinend erfolgreich Maschinen geschaffen, die sowohl alles zu verwalten vermögen, wie sie auch ein unerschöpfliches Erinnerungsvermögen besitzen, das unser Gedächtnis bei weitem zu übertreffen scheint. Allan Bloom hatte im „Niedergang des amerikanischen Geistes“ beschrieben, dass allein diese unglaubliche Wissensmenge zu Überraschungen fähig ist. Nach Belieben wird ein scheinbar verloren geglaubtes Wissen von Archivaren neu entdeckt und kann einen zweiten Siegeslauf antreten, ohne dass man den Grund erkennen kann. Es ist wie eine subtile Rache der Bibliothekare und Archivare, diese geistige Vergangenheit neu aufleben zu lassen. Zum großen Teil verursachten diese „archäologischen“ Funde in den Archiven die Studentenrevolution. Da wurden Marx und der junge Hegel entdeckt, Rousseau als Wegbereiter kommender Kultur gepriesen und russische Anarchisten wie Kropotkin waren zu Vorbildern geworden, die inzwischen längst vergessen waren. Seit langem leiden wir an der Überforderung des historischen Bewusstseins, das sich einmal dadurch zu erkennen gibt, sehr wortreich die Unkenntnis der eigentlichen Geschichte zu begründen und zu verteidigen. An Stelle des Gestern tritt ein rasches Vergessen, oder aber die doppelte Sicherung tritt in Funktion, nämlich zu vergessen, vergessen zu haben.

Nun müssen wir an ein klassisches Produkt der Moderne denken, das sich bis heute die Aufgabe stellte, uns täglich und ausführlich zu informieren. Die Zeitungen scheinen ein Institut zu sein, in dem das Aktuelle, das Tagesgeschehen zumindest am gleichen Tag der Vergangenheit anheimfällt und erst viel später als Quelle vielleicht auch Geschichte bilden kann. Die laufenden Berichterstattungen sind die besten Beispiele für schnelle Veralten, ja im Handumdrehen ist das soeben Berichtete ein alter Hut und bereits zwei Stunden später dem Vergessen verfallen. Kaum war etwas vergegenwärtigt worden, behauptete zum Bestand unseres Bewusstseins zu gehören, ist es schon wieder weg, abgelegt in Kürschners Geschichtsfahrplan. Dort ist es vielleicht noch aufgehoben, vielleicht auch noch in unsere Gegenwart adoptierbar, aber das Museale haftete dem an wie dem Konfirmationsanzug nach dem feierlichen Fest. Angezeigt wird, dass in der Zivilisationsdynamik die Zeit immer knapper wird, dass uns diese buchstäblich ausgeht, wie auf der anderen Seite auf Pünktlichkeiten beharrt wird, gleichsam die Haltepunkte zwischen den Strecken unseres Vergessens. Und weil die Zeit knapp wurde, sind wir auf rationale Nutzung angewiesen und müssen mit weit vorauseilenden Planungen unser Präsens scheinbar ausweiten und in eine Zukunft hereinholen. Allerdings diese Zukunft ist uns weiterhin unbekannt, daher wird diese Unbestimmtheit der Zukunft durch den Terminkalender domestiziert. Natürlich ist die Vorwegnahme von Zukunft keineswegs deren Einbruch in unsere Gegenwart, sondern sie erfüllt gleichsam einen Buchtitel, in dem noch gar keine Vorstellung vorhanden war, dass es tatsächlich eingetreten ist: „Die Zukunft hat schon begonnen“ hieß es bei Robert Jungk, allerdings in erster Linie eine Kritik an der Machtausweitung der USA und in zweiter Linie galt das Buch der Klarstellung einer an Umfang zunehmen den Entmenschlichung der Zivilisation. Freilich hatte Robert Jungk mit der Spekulation gespeilt, künftig würde die atomare Energie eine Menge menschlicher Arbeit ersetzen und könne den Weg ins Schlaraffenland bereiten. Das fand nicht statt, auch nicht der Ausgleich im Wissensstand über atomare Vernichtungswaffen förderte den Gedanken einer alternativ zu entwickelnden Gesellschaft, sei diese nun aus der Utopie geboren oder aus dem Geist eines Kapitalismus mit humaner Kulisse, jedenfalls der Eintritt der Zukunft in die Gegenwart zeigt wenigstens deren traditionell formierte Bewusstseinskultur und gleichzeitig ließ sich diese Innovationskraft nicht mehr in die gesellschaftliche Entwicklung integrieren. Immer muss man vorausschicken, dass der Ost-West-Konflikt die Perspektive für ein weiteres unbekümmertes Dasein erheblich beeinträchtigte. Jede Sekunde hätte ja dieser atomare Bedrohungsfall eintreten können, weshalb die Menschen in Europa und Nordamerika nicht mehr bereit waren, nochmals einen Weltkrieg zu riskieren. Sie  lebten daher in einer erstaunlichen Diskrepanz. Zum einen ächteten sie die Atomenergie wegen ihres militärischen Potentials, andererseits konnten sie sich eine Energiegewinnung ohne Atomkraft nicht vorstellen. Da man militärische und friedliche Nutzung nicht wirksam trennen konnte, war die Beobachtung der Staaten mit dem Potential der Kernspaltung wichtig geworden. Gleichzeitig war das Handeln vom Phänomen möglicher Anwendung atomaren Potentials ausgegangen und dennoch war die Ächtung der Kernspaltung das Thema der internationalen Kontrollorgane. Allein die Debatte darüber weist darauf hin, dass die Zukunft mit einem Dilemma verbunden war, nämlich diese Modernisierung generell zu befürworten, gleichzeitig waren damit Ängste verbunden, die eine internationale Gegenbewegung auf den Plan rief. Das heißt, Imaginationen, Vorstellungen einer möglichen künftigen Welt waren zugleich mit einer aktuellen Entscheidung verknüpft, die jede Regierung und jedes Parlament überforderte. Also gerieten diese Mechanismen gerade wegen ihrer Unvorbildlichkeit in einen wahnhaften Hysterisierungsprozess und zum ersten Mal nach 1945 waren die Legitimationen oppositionellen Tuns nicht innerhalb geltender Rechtsordnung gesehen worden. Ja, im Widerstand brüstete man sich, der Demokratie ein anarchisches Prinzip gegenüberzustellen. In nahezu theokratischer Weise sieht man sich zu allen Missetaten legitimiert und die eigene Rechtfertigung steht meilenweit über der Legalität der Rechtsordnung. Nun kann man das schon mit der Schilderung dieses Zustands belassen, würden hier nicht Vergangenheiten und Zukünfte ins Spiel kommen, die ein Agens in der Gegenwart sind. Ein verschrobener Erfahrungsraum, der immer mit dem Konjunktiv beginnt (im Sinne von: die Deutschen hätten den Krieg gewonnen, wenn nicht Juden, Amerikaner, das Kapital oder gar Saboteure weltweit sich gegen Deutschland verschworen hätten….) endet bei der Vorstellung eines Erwartungshorizonts, in dem die Wechselfälle der Geschichte erneut eintreten, also nochmals eine Chance erhalten. Wenn es zu dieser Vorstellung eine Verbindung gegeben haben soll, dann nur über ein revitalisiertes Widerstandsrecht, das man sich aus den Erfahrungen mit totalitären Systemen geborgt hatte.

Das Museum

Mit den Futuristen war es denkbar geworden, Museen als Friedhöfe der Kunst zu bezeichnen. Marinetti an der Spitze erklärte die ins Museum gesteckte Kunst für tot und Museen seien überhaupt Totenhäuser eigener Art. In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war es eine bevorzugte Metaphorik, diese gesamte archivierte Kunst für unvorbildlich zu halten und es war gerade aus den Verwaltungsstäben der Museen ein Aufbruch zu beobachten, nämlich aus dieser Friedhofsruhe der Ästhetik auszubrechen. Es waren zwei Tendenzen zu einer Bewegung verschmolzen, einerseits die Absicht einer wirksameren „Ökonomisierung“ dieser teuren Betriebe, andererseits müsse sich die zeitgenössische Kunst gerade im Kontext der historischen Künste ebenbürtig repräsentieren lassen. Nun war Marinetti offenbar entgangen, dass es eine recht lebendige Erinnerungskultur gibt. Diese hat ihren Ort nicht nur in den städtischen Friedhöfen, in denen die individualisierte Form des Gedächtnisses zum tradierten Kult gehört, sondern das Erinnerungsprogramm der Denkmäler und Straßenbezeichnungen hat eine strenge politische Bedeutung, wobei man meint, sich vor der Geschichte verantworten zu müssen. Große Staatsmänner, Helden, Künstler und Dichter sind auf den öffentlichen Plätzen wie Prüfsteine für die Gegenwart. Wenn nun Marinetti glaubte, diese Museen besäßen eine vergleichbare Bedeutung wie Mülldeponien, so wandte er sich gegen einen Trend, der heute noch viel stärker geworden ist, wenn Millionen als Touristen wie Heuschreckenschwärme die europäischen Metropolen heimsuchen und überzeugt sind, dieser Erinnerungskultur im Fremdenverkehr zu huldigen.

Vermutlich steckte eine sonderbare Absicht dahinter, was dann später im Totalitarismus zum Vorschein kam: Es ist die Intention, über das Gedächtnis zu bestimmen und darüber zu entscheiden, woran man sich erinnern soll. Es ist eine übliche Tatsache, nicht nur Straßen und Plätze nach dem Sturz eines Regimes wieder umzubenennen, sondern es dürfen wieder historische Personen erwähnt werden, deren Musik darf wieder gespielt werden, die kurz zuvor nur unter erheblichen Gefahren aufgeführt werden konnte. Man durfte wieder Philosophen verschiedener Richtung lesen.  Das heißt, Marinetti und mit ihm der Futurismus haben die Diktatur übers Bewusstsein vorbereitet, begründet und ermöglicht, die der Totalitarismus als Argument benutzte. (Es ist schwer, den Totalitarismus aus dem Kontext des Modernen herauszuheben – wenn nicht unmöglich) In der Vollstreckung eines Geschichtssinnes hatte man das Fortleben der Opfer im Gedächtnis der Nachwelt auszulöschen versucht. Namen wurden getilgt und Massengräber unkenntlich gemacht. Wenn nun diese Museen die Intention einer Vergangenheitsvergegenwärtigung erfüllen, haben sie auch den Zweck der Erinnerungskultur fortgesetzt, wobei auf Friedhöfen eine zusätzliche individuell relevante Form des Erinnerns und Gedenkens stattfindet. Wichtig ist, dass das eine Vergangenheit betrifft, die nichts mit Historismus zu tun hat, nichts mit der Frage nach dem Sinn der Geschichte, sondern es ist die je eigene und persönliche Geschichte, die ihren Platz erhält und immer hatte. Und diese Geschichte umgibt auch die Kunstwerke in den Museen, so man sich von Mal zu Mal an den Blickwinkel, den Eindruck und an die frühere Beachtung erinnert

Das Gemälde gewinnt einen Anteil an der eigenen Entwicklung der ästhetischen   Vorstellungen, ja existiert unabhängig von den kunsthistorischen Befunden im Gedächtnis. Die Auslöschung von Herkunft, die stattfindet, so Gräber aufgelöst werden oder gar geschändet, oder wenn Gemälde nur mehr nach ihrem materiellen Zusammenhang oder gar Gebrauchswert eingeschätzt werden, ist zugleich die bewusste Liquidation eines sehr persönlich geformten historischen Bewusstseins. Auf der Ebene kann man – wie erwähnt, Voegelin folgen, der für die gegenwärtige Zivilisation nur mehr eine eindimensionale Gegenwart diagnostizierte und die Gegenwart äußert sich vor allem in ihrer Zerstörungskraft und Destruktion.

Nun müssen wir auf ein vermeintliches Gegnteil Bezug nehmen, nämlich diese Neigung zur Flüchtigkeit in unserer Kultur zu untersuchen. Diese scheint die Gegenwart zusätzlich zu kürzen. Um dieser Ahnung vom Vergessen zu zu entgegnen, begannen wir unsere Namen in Stein zu meisseln, scheuten keine Kosten, um der Nachwelt mitzuteilen, ein Oberrevident in Ruhe gewesen zu sein, ein Direktor oder ein unvergesslicher Buchhalter gewesen zu sein, obendrein Ehrenbürger diverser Gemeinden, Obmann aller möglicher Einrichtungen eines Dorfes. Früher war es in vormeoderner Zeit ein Vorrecht der Eliten, der Nachwelt letzte Bedeutungen am Grabstein zu berichten, bei den hochwohlgebornen Frauen die erstaunlichsten Tugenden und Sittsamkeiten und wir können das Lächeln kaum verbeißen, wenn wir diese Eitelkeiten lesen, die ja den Tod letztlich nicht vermeiden halfen. Gewiss war man der Überzeugung, über Generationen würden zahllose Besucher mit Ehrfurcht diese Nachrichten lesen, sich am aufopferungsvollen Leben ein Beispiel nehmen und somit eine Erinnerung fortleben lassen, die jede Gegenwart überdauert. Um die Sicherung fortdauernden Gedächtnisses durchzusetzen, konnte man eine Ruheplatz auf Friedhofsdauer erwerben, also nach menschlichem Ermessen eine ähnlich dauerhafte Position am Friedhof erwerben wie die Grafen in den feudalen Grüften ihrer Schlosskapellen. Und es war der Gedanke unerträglich, einmal würde selbst der Friedhof dem Wachstum der Stadt Platz machen müssen, somit die Gräber aufgelassen und für immer der Vergessenheit anheimgefallen. Die steinernen-unvergänglichen Inschriften werden abgeräumt, die Erinnerungskultur unliebenswürdig abgebrochen. Auf den Sammelstätten abgeräumter Gräber merken wir tatsächlich die Vergänglichkeit und die Erinnerungskonservierung war vergeblich. Es ist schon traurig und lächerlich zugleich, dass ein zerbrochner Stein an einen karitativen Apotheker erinnern wollte, ein anderer an einen Offizier, der vielleicht gar kein Grab erhalten hatte, der nur aus genealogischen Gründen am Grabstein verzeichnet war. Nun ist am Beispiel der vom Denkmalschutz behüteten jüdischen Gräbern zu erkennen, dass sich die Ablauffristen der Friedhöfe verlängerten. Obwohl sie devastiert wurden, dem Boden gleich gemacht, wurden diese wieder restauriert und sind im Sinne des Denkmalschutzes für immer zu bewahren, obwohl es keine Nachfahren gibt, keine Familien und Verwandten. Es war der Widerspruch zur Ermordung dieser Menschen, obwohl die Bestatteten diesen Schrecken nicht mehr erlebt hatten.Die Erinnerungskonservierung findet trotz der Namensverluste statt. Kein Mensch weiß, wer da im Grab liegt, denn selbst die Steine waren unleserlich gemacht worden oder zerschlagen. Das heißt natülich, dass diese besonderen Grabstätten sehr begehrt sind, denn auf die vereinbarte Friedhofsdauer kannn man sich nicht verlassen. Im Schatten der Prominenten begraben zu sein, erhöht die Chance, gleichsam in der Erinnerung zu bleiben für immer.  Dass sich ein Wettstreit inzwischen einstellte, der jenem der Immobilienmakler nicht unähnlich ist, benötigt nicht viel Phantasie. Der Gedanke der Urchristen, das Grab in der Nähe der Heiligenreliquien zu haben, lebt in der säkularistischen Gesellschaft wieder auf, da man meint, nahe bei der Prominenz würde man eine längere Verweildauer erwarten dürfen. Natürlich gibt es auch die Gegenbewegung. Bestattungen am offenen Meer erfreuen sich ebenso einiger >Beliebtheit, wie eben die heute begehrten Bestattungen der Asche unter einem ausgewählten Baum. Nun ist das keineswegs ein Wandel im Totenkult, wie man glauben möchte. Dieses Verlöschen im Verstreuen der Asche hat den Zweck, die Hinterbliebenen der Pflicht zu entbinden, fürs Grab Sorge zu tragen, was nach einigen Jahren ohnehin vergessen wird. Obendrein hindert die Mobilität der Lebensverbringungen eine Vorsorge der Grabpflege. Wer lebt nach 20 Jahren noch am gleichen Ort?

Nun muss man dem Denkmalschutz attestieren, dass er seine Erinnerungskapazitätsgrenzen noch nicht erreichte. Ja, er ist weit davon entfernt. Wie plötzlich Friedhöfe zu dessen Betreuungsfall wurden, so schon zuvor Industriebauten oder gar Absonderlichkeiten der Architektur, die im Grunde kaum eine Beachtung verdient hätten. Man könnte meinen, wie durch ein Wunder haben selbst unauffällig wirkende Gebäude den Grenzwert des Alt-Seins gerade erreicht und zählen ab nun zu einem Objekt besonderer Obsorge. Das bedeutet, der Denkmalschutz „expandiert“ in temporaler Hinsicht. Eine nahezu ideale Übereinstimmung wurde für das – inzwischen nicht mehr originale – Kerzengeschäft von Hans Hollein am Wiener Kohlmarkt erzielt, denn gleichzeitig mit der Eröffnung war es auch unter Denkmalschutz gestellt wurden. Etwas übertrieben formuliert, kann man behaupten, dieses kleine Geschäft war nie zu seiner Gegenwart gekommen. Daran gemessen sind die Bemühungen des Denkmalschutzes im Rahmen der Stadtarchäologie als trivial zu bezeichnen, wenn immer mehr undefinierbare Objekte ans Tageslicht gefördert werden, buchstäblich dem Vergessen entrissen werden, doch es gibt über deren Besonderheit kaum einen Hinweis. Die Kehrseite der Medaille beansprucht das Gegenteil, sollten wir auf eine Vergangenheit zurückblicken, die bereits für wert erachtet wurde, geschützt zu werden. Reziprok zur zivilisatorischen Innovationsdynamik werden die Denkmäler immer jünger, und die Gegenwart, das heißt die chronologische Extension der Zeit, schrumpft, in der wir Gegenstände als noch nicht denkmalsfähig wahrnehmen.

Diese komplementären Zusammenhänge wurden bereits häufig beschrieben, nämlich die Reziprozität zwischen Neuerungsrate und wachsendem Vergangenheitskonservierungsinteresse. Das Phänomen ist relativ klar zu skizzieren. Gebäude, anspruchsvolle Bauten, die von einer relativ kurzen Zeit ihres Bestehens zeugen, aber jetzt schon als Denkmäler in diese Kataloge aufgenommen werden, erhalten eine immer größere Bedeutung für die Kontinuitätserfahrungen, je schneller unser städtisches Lebensambiente durch innovationsbedingte Änderungen verunsichert wird. Ja, es scheint sogar die Absicht zu sein, den Ortsansässigen eine Ortlosigkeit zuzumuten, um dadurch die erwünschte Flexibilität und Mobilität zu erzielen. Somit hat der Denkmalschutz den amüsanten Auftrag, den Verlust der Vertrautheit, der vom Tempo des Wandels bestimmt wird, zu kompensieren.

Oft wird entgegnet, dass vergleichbare Veränderungen immer stattfanden, also gleiche Phänomene stets ertragen werden mussten, denn sie gehören eben zum Wesen von Geschichte, Zeitgeist und Wandel. Freilich verwundert es, denn es gab auch Phasen der Geschichte, in der die Reste der Vergangenheit als Baumaterial dienten, ohne Ansehen der historischen Bedeutung Verwendung fanden oder der Abbruch ganzer Stadtviertel konnte mit der Zustimmung der Bevölkerung rechnen – vermutlich. Allzu oft wird behauptet, der Zeitgenosse heute lebt generell in Verunsicherungen und leidet im Grunde an der modernen Zivilisation, weshalb er dieses historische Ambiente braucht, um eine Stabilisierung des Bewusstsein zu erhalten. Die verbesserte Vergangenheit soll trösten – und nicht nur den Bewohner, sondern den Stadttouristen ebenfalls. Es ist eine unbillige Vereinfachung, die allein deshalb schon fragwürdig ist, denn die moderne Zivilisation ist ausreichend zukunftsfähig, denn sie würde diese Funktionen nicht ermöglichen, die heute fürs moderne Selbstverständnis nötig sind. Die Erhaltung der historischen Bestände in Stadt und Land ist eine andere Sache. Hier geht es um den Prozess der kulturellen Selbsterhaltung, solange dieser für wichtig und notwendig erachtet wird. Er wird überschätzt, wenn man die durch Kriege zerstörten Städte betrachtet, die diese anheimelnden Erinnerungsräume schönerer Vergangenheit nicht besitzen. Berlin ist das beste Beispiel verfügter Ortlosigkeiten, wo nach Möglichkeit und Baulücke Akzente gesetzt werden, die erst gar nicht darauf abzielen, eine ähnliche Stadt zu schaffen wie in Italien. Berlin ist eben nicht Venedig. Zu Nomaden werden die Menschen in beiden Städten. In Berlin vertreibt der Mietzinswucher die Bewohner, in Venedig tun es Touristen.

Nun ist Denkmalschutz an sich eine komplexe Sache. Wie es Jean Baudrillard in der „Agonie des Realen“ Beschrieb, können wir keine klare Linie mehr ziehen, die Restauriertes vom Renovierten scheidet, oder noch anders gedacht, wir konservieren Restauriertes und konservieren Restaurationsruinen. Wir erhalten Modernes als wäre es alt und wir wollen die Erhaltung des Alten, doch um die Bedingung der Modernisierung. So sehen wir Städte und Dörfer in einem Zustand, den keine Generation zuvor so gesehen hatte. Dabei ist das Problem nicht etwa mit einem Plädoyer für den architektonischen Kompromiss beantwortet, dessen Vorzüge zu oft gepriesen werden. Eine historisierende architektonische Praxis will eine aktuelle Gebrauchsfunktion erreichen und dennoch vorgeben, ein historisches Bewusstsein beibehalten zu haben. Diese Kompatibilität will der Denkmalschutz erreiche und zugleich hat er allein schon mit diesem Ansinnen die Gegenwart kompromittiert.

Nun werden wir bei dieser Schilderung die Tendenz zur Selbsthistorisierung wahrnehmen, ja sie wird schlechthin das Merkmal der modernen Zivilisation bleiben. Die jüngsten Produkte der Raumfahrt befinden sich schon im Museum. Das birgt die Überraschung, vor einer noch nie gegebenen Vielfalt kultureller Äußerungen zu stehen. Die Massengesellschaft, wie diese genannt wird, hat bislang nur rudimentär die Vermassung spüren lassen, es sei denn im Souvenirshop, in dem die Karikatur der renovierten Restaurationsruine in einer Glaskugel sich wiederfindet – bei Schneegestöber.

Leider müssen wir in dieser Darstellung im kunsthistorischen Diskurs fortfahren, denn für Soziologen gilt das immer als Ausrede für faktenorientiertes Forschen in der Gesellschaft, und für Kunsthistoriker fehlt eine historische Methode, worunter man die Rekonstruktion der Herkunft der diversen Werke versteht. Beides findet hier nicht statt. So ist man auf Hypothesen angewiesen, die sich auf keine Anleitung stützen können. Sie können sich nur auf eine Geistesgeschichte verlassen, die im Sinne einer phänomenologischen Methode die relevante Struktur der Dinge rekonstruiert, also die diskursive Methode von Foucault wiederholt anwendet. So darf man in diesem Sinne doch sagen, dass es Gebäude des architektonischen Historismus gibt, die bei basaler Bildung der Betrachter einem sofort zu erzählen beginnen, wes Geisteskind sie sind. Es sind sprechende Bauten, die kein Hehl daraus machen, sich im Grunde kostümiert zu haben und geben zu, eine ähnliche Absicht besessen zu haben wie in Gottfried Kellers Erzählung „Kleider machen Leute“. Man spielt Palast, aber man ist eine Börse, man spielt ein wenig Hochmittelalter, ist aber de facto ein Verwaltungsgebäude einer Versicherungsgesellschaft. Es ist höchst amüsant, dieses Geplauder der Gebäude aufzunehmen, die da alle behaupten, eine bessere Zeit gesehen zu haben, aber unverdrossen an ihrer Position festhalten, auch wenn sie sich eingestehen müssen, wegen eines Immobilienmaklers die Würde verloren zu haben. Gegen diese Redseligkeit hatte sich der antihistoristische Konstruktivismus zur Wehr gesetzt. Mit diesem Geschwätz wollte man von Anfang an nichts zu tun haben. Das waren ehrenwerte Anliegen in der Werkbundsiedlung oder in der Weissenhof-Siedlung in Stuttgart, in Dessau im Bauhaus und in den extrem asketischen Entwürfen zwischen Mies van der Rohe und Gropius. Die Erholung vom Geschwätz zwischen den Gebäuden war ihnen anzumerken und so sie nicht ebenfalls im Zuge des Denkmalschutzes neuen Aufgaben unterworfen wurden, um diese Architektur angeblich zu erhalten, haben sie eine respektable Ausdruckskraft bewahrt. Nur nebenbei erwähnt, ist genau diese Gegenposition zugleich die größte Schwierigkeit für die Postmoderne. Eigentlich ist diese Stilerfindung eine Demonstration der Überforderung. Zuweilen gleicht sie sich den hysterischen Übertreibungen des Jugendstils an, dann wieder will man dem Modernen mit Ironie begegnen und will mit dieser asketischen Formensprache zu spielen beginnen. Jedenfalls bleibt die Einsicht bestehen, dass da ein Stilpluralismus fortgesetzt wird, freilich nicht wie im Historismus zwischen Backsteingotik und Renaissance-Palast, sondern es ist die Unentschlossenheit, entweder die Moderne fortzusetzen, oder aber diese in der Postmodernen zu überstürzen. Kein neuer Entwurf wird diese Krise überwinden dürfen, sondern es besteht Übereinstimmung, dass es ein kulturpolitisches Programm sein muss. Es ist das Geleitwort für den bereits in Anfängen agierenden architektonischen und städtebaulichen Totalitarismus

Die Verkürzung der Gegenwart im Kunst- und Kulturbetrieb kann man mit dem Scherz veranschaulichen, dass die Stilrichtung, die heute schon von morgen sein will, schon übermorgen von gestern ist. Gleichzeitig wird der Vorgang der Beschleunigung erkennbar, also im Grunde müssten die Avantgardisten jedes Jahrzehnts mit Missmut zur Kenntnis nehmen, nämlich schon längst den Anspruch auf  Museumsreife zu erfüllen. Und das ist vermutlich die dramatische Seite dieser Vorgänge, die uns ruhelos vorantreiben, dass der Anteil der Jungen am Kulturbetrieb zwar immer größer wird, deren Leistungen sind gewiss nicht als alt zu bezeichnen, aber sie sind bereits im Geschehen veraltet. Und die Kommentare vertiefen noch dieses Unlustgefühl, nichts Neues auf der Welt erwarten zu können. Die Langeweile ist die verbliebene Form der Gegenwart und selbst diese verkürzt der Witz, das Komödiantische und da kommt der politische Clown wie gerufen an die Macht. In dieser Gegenwart ist man informiert genug, dass es befriedigende Lösungen nicht mehr geben wird, daher  politische Fragen keine Antwort finden. Das ist auch nicht mehr intendiert, denn es wäre ein Rückschritt in alte politische Optionen.

Geht man beispielsweise davon aus, dass Politik eine Reihe verschiedener Kriterien benötigt, um einen Entschluss fassen zu können, es müssen ja nicht gleich Kriegserklärungen sein, so war noch im 19. Jahrhundert ein Überblick möglich, der eine Folgeabschätzung erlaubte. Genau diese Folgeabschätzung kann auf Grund des unglaublich gestiegenen Informations- und Datenmaterials kaum mehr erhoben werden und fällt als Entscheidungsgrundlage aus. Man muss sich vorstellen, dass die Aktenbestände der US-amerikanischen Bundesregierung schon vor vierzig Jahren um nahezu tausend Kilometer jährlich angewachsen waren und weiterhin um mehr als das Hundertfache rascher wächst als noch am Ende des 19. Jahrhunderts. So wenig daraus eine eindeutige Grundlage für Entscheidungen ermittelt werden kann, so unmöglich wird es sein, diese Menge als künftige Geschichtsquelle nutzen zu können. Es begünstigt somit nicht nur die bereits erwähnte Entscheidungsschwäche, was aber niemand zubilligen wird, sondern verschiebt die in modernen politischen Systemen immer wieder geforderte Entscheidungskompetenz der Politik auf eine andere Ebene, nämlich in ein „Show-Business“ in Vorwahlzeiten. In dieser werden die Entscheidungen angekündigt, die dann nicht umsetzbar sein werden. Wie im Kulturbetrieb eine Drehung der dramatischen Aktualität professionell vorgenommen wird, die Inszenierung steht ab nun über dem Drama, ja kreiert erst dessen Geschichtssinn im Vergegenwärtigungszwang, so ist das Dramaturgische in die Vorwahlzeit als Wahlkampf einbezogen worden, entscheidet scheinbar über die Auswahl der Personen und Kandidaten, um dann in der Zeit des Regierens immer kleinere Schritte folgen zu lassen. Das erklärt nicht nur eine Politik der Entpolitisierung, zu der hysterisch gesteigerte Katastrophenszenarien gut passen, sondern begünstigt den Schausteller oder Clown. Er verkörpert in der Gegenwart glaubhaft die Unglaubwürdigkeit. Die ernst gemeinten begleitenden Analysen und Kommentare in Medien aller Art sind in keinem Fall einem objektiven Bild oder Urteil entnommen, sondern bilden die Komparserie einer unpolitischen Politik. In einer kurzen Zeitspanne, in der recht überraschend zwei Arten des Gedächtnisses entwickelt werden, das eine uns geläufige und das andere weitaus kürzere politische Gedächtnis, hat sich ein wesentliches Kriterium der Entscheidungsfindung verändert. War es früher die Rezeption, die aus der Hermeneutik kommend mit der Prüfung der historischen Sachverhalte begann, in der Vergegenwärtigung des Vergangenen den Nutzen abschätzte und zugleich die Quellen durchsah, um deren Eignung für aktuelle Fragen oder Interessen festzustellen, so ist es jetzt die Präzeption. Man benötigt einen „Vorausblick“ oder eine „Vorausschätzung“ künftiger Rezeptionsinteressen. Darunter ist zu verstehen, dass wir gemäß der politischen, ökonomischen oder kulturellen Lage vorherbestimmen sollen, welche Quelle, welche Faktoren welcher kommende und wankelmütige Zeitgeist das Vergangene nicht nur zur Geschichte erhebt, sondern das jeweilige politische Handeln begründbar erscheinen lässt. Das hatte ja einmal Ideologien stark gemacht, die hinter allem einen Geschichtsautomatismus sahen, und zusätzlich vorhersagten, welcher Angelpunkt erreicht werden wird, um die Welt nachhaltig zu verändern. Da spielt dann Gegenwart keine Rolle mehr, denn dereinst wird sie mit der Ewigkeit verschmelzen.

Nun ist mit der Veraltensgeschwindigkeit die Präzeption fast wie eine politische Tugend, die in der weiteren statistischen Datenschöpfung fast wöchentlich legitimiert werden soll. Deren Publikationen sehen wie eine politische Weihe und zugleich Offenbarung aus. Die Wirklichkeit schwindet gleichsam während ihrer empirischen Enthüllung. Die Politik krönt sich mittels der Weihe statistischer Daten wie vormals ein Kaiser durch Gottes Gnaden. Allerdings muss die Voraussicht von der Einsicht belehrt werden, dass nicht nur das Gottesgnadentum angezweifelt worden ist, sondern auch die Dignität der statistischen Daten. Und diese Unsicherheit kann in fataler Weise von ökonomischen oder technischen Nebenfolgen verstärkt werden, die man bislang vernachlässigte oder aber erst gar nicht zur Kenntnis nahm. Ja, Politik wird zur Ablenkung von Fehleinschätzungen, die mit der mangelnden Aufmerksamkeit gegenüber Quellen, Daten oder Dokumenten eingetreten waren. Wäre es beim alten Rezeptionsinteresse geblieben, wäre dieser Fehler nicht passiert, doch die Präzeption hatte die Rezeption erst gar nicht zu Wort kommen lassen.

Nun weist die Statistik unbarmherzig wie ein Sekundenzeiger auf unerbittlich aufbegehrende Fakten. Als Technik verdient sie ein vergleichbares Vertrauen wie Motoren oder Maschinen. Wenn Peter Berger einmal fragte, was uns diese individualisierte Zeit am linken Unterarm brachte, so ist die Frage noch dringlicher, was uns Sekundenzeiger außer einer technischen Spielerei lehren? Mit diesem wissen wir angeblich, wie schnell die Zeit vergeht, wie schnell wir sein können, so wir laufen, was wir versäumen, so wir den Zeiger beobachten. In unserem Fall ist die Statistik nicht nur der Sekundenzeiger, sondern kondensierte Information, die aus der Einschätzung eines Bildes, eines Zustands eine Zahl macht. Deren ästhetischer Reiz liegt im Mathematisieren bei gleichzeitiger Neukonstruktion des Objektiven. Diese Zuverlässigkeit täuscht meistens über die Belanglosigkeit hinweg, oder aber kann punktuell den berüchtigten Massenwahn produzieren, den Hermann Broch analysiert hatte. Phänomenologisch betrachtet ist die Statistik die Zeitgeschichte, die aber in Kürze ihre Zeit verliert. Sie ist wie ein verkürzter Aufenthalt in der Gegenwart, denn im Grunde sitzen wir einer Täuschung auf. Die Statistik beansprucht eine Aktualität, die aber bereits der Vergangenheit angehört, doch behauptet, eine Zukunft zu prognostizieren. Die Aktualität liegt in der Vermutung des Kommenden, das in der Darstellung eine Gegenwart beansprucht, doch das Argument beruht auf dem Vergangenen. Es ist ein merkwürdiger Zirkelschluss, der gemäß des Rezeptionsinteresses gute Dienste leistet. Für die einen scheint der Höhenflug des Wohlstands ungebrochen, für die anderen sind wir bereits in der Zweidrittelgesellschaft. Das bliebe ein reizvoller Streit, würde es nicht die Dringlichkeit dieser Aufzeichnungen geben, ein Messinstrument zu unserer Gegenwartsbestimmung – doch für wie lange?

Nun sehen wir recht deutlich, gerade in den Überlegungen zur Statistik, dass sie eine Tatsachenbestimmung sein soll, die aber ihre Vorgeschichte aus dem 17, Jahrhundert verlor. Meistens fehlt dieser Referenzrahmen. Es wird zwar versprochen, diesen nachzureichen, ja dass man selbst die Daten sammeln könne, um Fragen zu beantworten, doch die Zeit drängt und die Frage wird übergangen. Generell wird man die Beobachtung machen können, dass mit der Fortentwicklung der Sozialwissenschaften die Methoden und Hypothesen beliebige Verwendung finden und die Einschätzung nahelegt, jeder Amateur könne sie als Rüst- und Werkzeug nach Belieben verwenden. Damit verlieren die bislang aufgezählten Phänomene ihre gesellschaftliche Dimension und der Erklärungshorizont leidet bald an einer unzulässigen Banalisierung. Daher wurde die über die industrielle Zivilisation verursachte Verdichtung der Innovation und Produktionsbeschleunigung als selbstverständliche Entwicklung unreflektiert hingenommen. Technische Entwicklung sieht daher so aus, als hätte sie sich an der biologischen Evolution ein Vorbild genommen, allerdings ist sie schneller und weitreichender. Jedem ist die Zeitskala technischer Entwicklung geläufig. Sie beginnt zäh und langsam, kaum dass ein Fortschritt merkbar ist, und am Ende übertreffen einander Erfindungen und Produktionssteigerung dieser Neuartigkeiten. Deutlicher kann man die Gegenwartsschrumpfung nicht vorstellen, denn in den letzten 150 Jahren überstürzen sich die Ereignisse. Nun wird selten die Tatsache berücksichtigt, dass diese rasanten Entwicklungen von der Postkutsche zum Überschall-Flugzeug unter anderem zeitkulturelle Folgen haben. Diese nehmen wir wie Naturereignisse zur Kenntnis, nehmen also nicht die Verschiebungen wahr, die unmittelbar unser Bewusstsein betreffen. Da geht es ja nicht allein um die Beschleunigung im Verhältnis zwischen Innovationsrate und Veraltensrate, nicht um die Trennung des komplementären Zusammenhangs zwischen  Erfahrungsraum und Erwartungshorizont, sondern die fortgesetzte Steigerung von wirtschaftlicher Nutzung von immer mehr produzierten Gütermengen wird als eine triviale Tatsache ohne Folgewirkung hingenommen. Hinzuzufügen ist, dass die Zeitmenge für die Herstellung der Produkte ebenso schrumpft, wie dadurch Zeitnutzungsgewinne eintreten, die einerseits wieder den ökonomischen Erfolg zu nutzen verstehen, oder aber die Relation von Kapital und Arbeit weit flexibler gestalten lassen.

Nun muss man sich vor Augen halten, dass die technische Innovation auch dazu einlädt, nicht nur eine Produktstandardisierung hervorzurufen, sondern zu gleichen Teilen steigt das Konkurrenzdenken. In erster Linie scheint es die Betriebe zu zwingen, aus Gründen der Konkurrenz die Maschinen noch vor ihrer Abnutzung zu erneuern. Früher hätte man diese verwendet bis sie verschlissen waren. Alte landwirtschaftliche Geräte zeigen diesen Nutzungscharakter über Generationen, während heute die Traktoren trotz ihrer robusten Ausstattung bei weitem kürzer gebraucht werden. Ein Nachlassen im Konkurrenzdenken ist gleichsam der Tod des Betriebes. Kurzum: Diese industrielle Revolution verursachte letztlich nicht nur die Konstituierung und Omnikompetenz der Märkte, ja es gibt den Weltmarkt schlechthin, sondern das Funktionieren ist auch in erheblichem Ausmaß verkehrsabhängig. Gütermassen müssen über Raumdistanzen transportiert werden, was mit traditionellen Verkehrsmitteln nicht mehr möglich ist. Nun war die Transportgeschwindigkeit gefragt, denn ohne sie wären diese Konsumversprechungen weltweit nicht erfüllbar. Bedenkt man, dass es die Eisenbahn war, die nicht nur diese Aufgabe zu erfüllen trachtete, sondern als selbstverständliche Neuheit auch Zeitnutzungspläne, Fahrpläne entwickeln musste. Ab nun gab es eine technisch kontrollierte Einheitszeit in Flächenstaaten, denn ohne diese Einheitszeiten und Fahrpläne wäre eine Koordination nicht möglich gewesen. Dieses Modell wurde von den nachfolgenden Verkehrsmitteln übernommen, sodass wir hier eine neue und andere Art der Raum-Zeit-Relation vor uns haben. (Gerade jetzt bemerkt man in Deutschland, dieser Relation nicht Rechnung getragen zu haben, ja falsche Bedarfsstatistiken und Fehleinschätzungen der Bedeutung des Individualverkehrs schufen gegenwärtig diese gewaltigen Probleme im Eisenbahnverkehr, die weder zu finanzieren, noch in absehbarer Zeit zu lösen sind.)

Hat Jacques Le Gof in den Studien „Für ein anderes Mittelalter“ nachgewiesen, wie sehr die städtische Kultur und Struktur über die Turmuhr verändert wurde, das „natürliche“ Zeitgefühl wurde sukzessive einem „physikalischen“ untergeordnet, das auf Helligkeit oder Dunkelheit, auf Tag und Nacht keine Rücksicht nimmt, so war jetzt die Eisenbahn die Vermittlerin einer Zeitumgangskultur. Die die Pünktlichkeit spielte jetzt eine überragende Rolle. Die frühen, eindrucksvollen Taschenuhren, nobel in Gold und Email gearbeitet – noch im 17. Jahrhundert als Kunsthandwerk betrieben, vor allem mit sensationellen mechanischen Funktionen – waren ja im Grunde Spielautomaten gewesen, was nun nicht mehr gebraucht wurde. Die Eisenbahn benötigte eine andere Uhr. Eine Uhr muss einen funktionalen Gebrauch ermöglichen. Die Ganggenauigkeit war wichtiger als ein spielerisches Beiwerk mit Minutenrepitition. So waren auch Handlungen möglich geworden, die mit anderen Handlungen koordiniert werden konnten, so man sich verbindlich auf eine gemeinsame Arbeitszeit einigte. Die Muße der astronomischen Zeit war endgültig hinfällig geworden, die Astronomie, die wegen der Schifffahrt den Bau besonderer Uhren bewirkte, hatte ihre Bedeutung in der neuen Zeitmessung eingebüßt. Die Übereinstimmung in der Zeit steigerte die Kooperationschancen und die Uhr wird jetzt ein notweniges Kultursymbol für Zeitdisziplin und vorausschauender Tagesplanung. Es war die Voraussetzung für jede Arbeitsteiligkeit geworden. Taschenuhr und Armbanduhr waren die wichtigsten Requisiten in der Zeitumgangskultur geworden und zugleich bewirkten sie eine merkwürdige Ambivalenz zwischen „individualisierter Zeit“, die eine Form der emanzipatorischen Zeitunabhängigkeit verheißen hatte, und gnadenloser Besitznahme der Zeit, für die die Uhr die Information gab, wann eine Arbeit beginnt und wann sie beendet werden kann. Norbert Elias beschrieb die Uhr als die gelungenste Domestikationsmaßnahme der modernen Zivilisation. Umgehend stellen sich Sprichwörter ein, Metaphern, betrübliche Klagen, die früher vielleicht Krankheiten gegolten haben. Die Uhr raubt plötzlich die Zeit, die Uhr zeigt an, dass die Zeit drängt, sie ist wird nicht mehr mit diese gemütliche Sanduhr oder Stundenglas gemessen, die stets von den Symbolen der Vergänglichkeit und des Todes begleitet wurden. Heute lieben politische Oppositionsbewegungen die Dringlichkeit ihrer Anliegen grundsätzlich mit dem Hinweis auszustatten, es sei fünf vor zwölf – ein beredter Beweis für Hysterisierung – oder es ist gar fünf nach zwölf, weshalb alle Maßnahmen zu spät kommen werden.

Ein besonderer Punkt kann unter die Folgewirkungen dieser neuen Zeit eingefügt werden. Die zivilisationsspezifischen Zeitnutzungschancen hatten am Beginn Zeitnutzungszwänge bewirkt, die einmal auf der Zeitdisziplin beruhten. Die gewaltigen Produktionssteigerungen, die Hand in Hand mit Automatisierungen erzielt wurden, erlaubten eine Entlastung der beruflichen Pflichterfüllung. Die Effizienz wurde nicht über Lohnsteigerung abgegolten, sondern über die Rückvergütung in Zeit. Eigentlich waren die Forderungen auf  Kürzungen der Arbeitszeit a priori in die falsche Richtung gegangen.

Der Anteil jener Zeit an der Lebenszeit, in der nichts geschieht, bietet ein paradoxes Erscheinungsbild: Diese Zeit ist ungleich länger als Urlaubszeit und Freizeit geworden und verlangt nach einem Zeitausgleich oder man wird zur Kurzarbeit gezwungen. Dafür kann man recht gut die Studie von Lazersfeld über die „Arbeitslosen in Marienthal“ heranziehen, nämlich wie durch das Ausbleiben einer sinnstiftenden Tätigkeit das Zeitbudget des Alltags erodiert und schließlich in der ausbleibenden Antwort auf die Sinnfrage des Lebens direkt in die Depression führt. Ab nun ist das Verständnis für Freiheit als Gewinn disponibler Lebenszeit empfunden, jedoch damit ist noch nicht jene Selbstbestimmung erreicht, die außerhalb der Berufspflicht zu kreieren ist. Es ist hier nicht die Stelle, das weiter zu kommentieren, doch vielleicht ist die Schwäche in der Bewältigung dieser gewonnenen Zeit die Ursache für das Überwiegen kurzfristiger Vergnügen, von Entertainment oder Spaßkultur, die alle in einer psychischen Erschöpfung enden. Schon längst hatte man die Illusionen zu begraben, diese gewonnene Zeit würde die Lesekultur steigern. die Liebe zur Musik würde die musikalische Tradition des Biedermeier wieder aufnehmen oder die Gartenpflege wird die willkommene Alternative sein. Die einzige Form, die sich als reales Pendant zum veränderten Zeitbudget entwickeln konnte, waren Schwarzarbeit oder Schattenwirtschaft.

Die Kehrseite kann sein, dass das Individuum diese „Freisetzungen“ selbst zu bestimmender Lebenszeit nicht bewältigt und in einer Selbstbestimmungsunfähigkeit landet. Am vorzeitigen Ruhestand ist zuweilen wahrzunehmen, dass die Betroffenen schon nach kurzer Zeit paralysiert erscheinen, kränkeln, mit der unbefriedigender Selbstbeschau beginnen, um diese auf den Alterungsprozess zu konzentrieren. Während Leopold Rosenmayr in seiner „Späten Freiheit“ der Meinung war, in diesem Lebensabschnitt das alles nachvollziehen zu können, was man bislang meinte, versäumt zu haben, dass eine epikuräische Lebenslust die Greise ergreift und zu tollkühnen Taten treibt, die sie sich bisher versagten, zeigt das tatsächliche Bild die Altersdepression, die vorschnelle Einbuße der Lebensbewältigungsstrategien und Auslieferung an einen sinnentleerten Lebensabend. Während der Sinn darin läge, die Orientierung an Tugenden aufzufrischen, die sekundäre Tugend im Zeitumgang zu üben zwischen Pünktlichkeit, zeitgebundener Organisation der Lebensverbringung und die Zeitumgangstugend zu stärken, so spricht der Zeitgeist der Nachlässigkeiten, der Entbindungen, der zahllosen Ratschläge für Lebenserleichterungen dagegen. Wie oft sieht man dann die deformierten Alten, die sich nicht mehr ankleiden, den Tag im Bett verbringen, Zeit buchstäblich tot schlagen, um dann die Ermunterung aus dem Fernsehen zu beziehen. Diese sogenannten Zwänge, sich eben nicht gehen zu lassen, die im Moment keine Konjunktur haben, ja sogar als Minderung des Lebensglücks verstanden werden, würden weit eher einer Stressvermeidung dienen, als die fatale Einsicht, über eine immer geringere Kompetenz zu verfügen. So ist der modernitätsspezifischen Zeitverknappung eine Freisetzung notwendigkeitsentlasteter Lebenszeit komplementär. Und nun sehen wir die Verknüpfung deutlich vor uns. Dispositionsfreiräume öffnen sich und in deren Nutzung gibt es ausdifferenzierte und kulturpolitisch egalisierbare Selbstbestimmungskompetenzen, die diese Alltagskulturen wachsen lassen und je nach Kulturniveau der Individuen eine eigenständige soziale Einheit ergeben. Freilich ist genau diese Tendenz, die sich auf der Donauinsel vor Jahren institutionalisierte, an jene Tendenzen rückgekoppelt, die hier bereits beispielsweise erwähnt wurden. Es sind Verbindungen, die sich aus der Selbsthistorisierung ergeben und daher eine Geistesverwandtschaft zu Museen haben, ebenso zum Denkmalschutz als Teil eines kulturpolitischen Programms. Beide haben diese „geistige“ Verwandtschaft wiederum in ihrem Verständnis für die mannigfachen verkehrstechnischen oder städtebaulichen Konservierungen dokumentiert, plädieren sogar für „Rückbau“ oder Wiederherstellung alter städtischer Formen und Errungenschaften. Analog dazu gebietet der Naturschutz die zu beachtende Integrität der Naturlandschaft, die nun in ihrer historisierten Form zu behüten sein wird. Die politische Legitimation dieser oft widersprüchlichen Wunschvorstellungen findet dort die Befürworter, die in ihrer Alltagspraxis sich in Ausstellungen drängen, gegen den Abriss alter Gebäude demonstrieren oder ihre Freiheit in der zeitlich-zeitgeistig  eingegrenzten Selbstbestimmung erblicken, die sie im Liegen auf vormals kulturlandschaftlichen Wiesen in Regelgärten genießen.

Nun ist es keineswegs so, dass die Beschleunigung ohne Einspruch dominiert, das allumfassende Sinnbild bietet, sondern es gibt ebenso zahlreiche Gegenbeispiele, die sich der Langsamkeit verschreiben, ja auch meinen, Zeitverzögerungen stiften zu können, um den Aufenthalt in der Gegenwart zu sichern. Das ist sicher der Fall, vielleicht würden diese auch eine repräsentativere Gruppe bilden als Avantgardisten und Kulturpolitiker, die die Zeit eher vorantreiben wollen, dafür Sorge tragen, dass sie nicht stehen bleibt oder sie wollen überhaupt ihrer Zeit vorauseilen.

Wir werden nicht umhin kommen, dem Zivilisationsprozess eine evolutionäre Struktur zuzuweisen. Neu ist – gegen die bisherige Bedeutung einer Unterscheidung zwischen Natur- und Gesellschaftsontologie, dass strukturell die die kulturelle Evolution sich non der naturalen kaum unterscheiden lassen. Es ist wirklich die bei Arnold Gehlen oft erwähnte Naturwüchsigkeit der Zivilisation eingetreten, nämlich die Diskrepanz zwischen hochentwickelter Technologie und Rückfall ins Archaische. Was nun in der biologischen Evolution genetisch verläuft, ist in der kulturellen der sprachlich-symbolische Modus. Hier ist es gelungen, die Geschwindigkeit der biologischen Evolution zu übertreffen. Wenn nun in der Urgeschichte diese Evolution zum normalen Erscheinungsbild zählt, dann sollte man ja meinen, könnte der gleiche Vorgang heute keine negativen Folgen haben. Die bisherigen Darstellungen haben das gezeigt, allerdings muss gleich anfangs der Einwand berücksichtigt werden, dass generell Grenzen in der Innovationsverarbeitungskapazität bestehen. Das beweist beim Zusammenleben zweier Generationen, dass diese einander kaum etwas zu sagen haben, ja es interessiert niemanden. Das Verhältnis der Generationen nimmt prekäre Züge an, denn die Geltungskonstanz der kulturellen Bestände nimmt ab und zeigt bei älteren Menschen die bekannten Desorientierungsfolgen oder den Verlust sozialer Kompetenz.

In der besseren Erklärung wird man sofort verstehen, welche Differenz die Generationen zu unterschiedlichen Dispositionen bewegt. Auf der einen Seite scheint es ein gemeinsames musikalisches Verständnis zu geben, das in seiner Verbreitung und Nachahmung nicht nur alle Grenzen überwunden hat, sondern sich grundsätzlich frei von der bisherigen musikalischen Tradition empfindet. Es ist ja nicht allein die unselige Trennung von „ernster“ Musik und Unterhaltungsmusik, sondern diese erfuhr durch eminente elektronische Unterstützungen eine unabweisbare Eindringlichkeit und Aufdringlichkeit, die es zuvor nicht geben konnte. Keine Gemeinschaftsfeier, in der diese Musik fehlen darf, keine Veranstaltung, die nicht von Musik dominiert wird und die „Schallgrenze“ über einen Kilometer im Umkreis leicht ausdehnen kann. Während die jüngere Generation sich eine solche Festivität ohne solche Musikentwicklung nicht vorstellen kann, ja direkt auf den akustischen Terror zu warten scheint, so kapituliert die ältere Generation, fügt sich in die Sprachlosigkeit und verstummt. Da man weiß, welche Grundlagen diese Musik einmal besessen hat und durchaus den Anspruch erheben konnte, eine erstaunliche Multikulturalität zu repräsentieren, erstaunt es in hohem Maße, in welchen Transformationen diese musikalische Praxis sich veränderte. Neu ist, dass mit Hilfe der Unterhaltungselektronik nicht nur eine automatisierte Rhythmik beliebig eingesetzt werden kann, sondern im Grunde sind die technischen Ausstattungen zu einem Instrument geworden. Dieses Instrument erlaubt nicht nur die Imitation früherer Instrumentalgruppen, sondern übertrifft an Lautstärke selbst dafür bekannte traditionelle Instrumente. Somit wurde zwar eine Internationalität der Klangbilder erreicht, aber, als wären die Visionen von Strawinskys „Frühlingsopfer“ zu steigern, die Teilnehmer solcher Veranstaltungen werden zu Objekten strikter rhythmischer Ornamente und verlieren ihr Gehör. Hatte einmal Ernst Bloch die Frage gestellt: Wie hören wir uns selbst?, so ist das unter diesen Bedingungen nicht mehr möglich.

Nun müssen wir wieder deutlicher auf das Thema eingehen. Ein überragendes Beispiel des Hineinwachsens der Vergangenheit in dire Gegenwart ist der Denkmalschutz. Es muss also gefragt werden, wieso das historische Bewusstsein in Abhängigkeit von unserer Zivilisation die ihm zugedachten Leistungen aus Überforderungsgründen nicht mehr erbringen kann. Es muss daher vermutet werden, dass die Zukunft der Vergangenheit, die in unserem historischen Bewusstsein verankert ist, eine stetige Überforderung darstellt. Das kann man in den Formen des Denkmalschutzes recht gut nachzeichnen. Die Überforderung ist dort sofort zu identifizieren, die hier vielleicht eher ephemer oder eher eingebildet erscheinen mag und wie ein subjektives Spezialproblem gehandelt wird. In den USA, in denen es die längste Zeit diesen Denkmalschutz nicht gegeben hat, war dann endlich ein besonderer Fall eingetreten, der uns gut veranschaulicht, dass da ein neues Bewusstsein als ein historisches sich in den Vordergrund gespielt hat. Am Beginn der 90er Jahre war die Diskussion am Höhepunkt, ob die New Yorker Carnegie Hall restauriert oder abgerissen werden soll. Es war eine erstaunliche Debatte, denn knapp davor war die neue Metropolitan Opera eröffnet worden, natürlich ein Neubau, der die alte ruhmreiche Oper ablöste. Im Fall der Carnegie Hall siegte erstmals das Prinzip des Erhaltens und Bewahrens, obwohl eine gewisse Verschlechterung in Kauf genommen wurde, nämlich das Podium fürs Orchester war mit Beton ausgegossen worden, um den darunter liegenden Bestand der U-Bahn zu sichern.

Nun hat es durchaus einen Sinn, ein historisches Gebäude zu erhalten, das einfach in die Geschichte einer Stadt hineingewachsen ist, ein wesentlicher Teil der Stadt wurde. Es hat einen unabweisbaren Sinn, dieses Gebäude zu restaurieren, auch wenn es keineswegs zur Blüte der Architekturgeschichte zählt. Es ist wie die Erhaltung eines Teppichs, dessen Mottenfraß auch zur Reparatur unerheblicher Teile zwingt. Zur Erhaltung solcher Wahrzeichen gibt es seit 40 Jahren Bürgerinitiativen, und so diese nicht nötig sind, kann man sich auf die Qualität der Restauratoren verlassen. Die bringen es regelmäßig zusammen, dass man sich beim Anblick des Gebäudes fast auf eine Reise in die Vergangenheit begibt. Natürlich gibt es auch Grenzen in der Vergangenheitsvergegenwärtigung. Während beispielsweise die Wohnhäuser, in denen Mozart logierte, im 19. Jahrhundert einfach abgerissen wurden, so erinnern Tafeln an den Verbleib des Komponisten, was angesichts des Gebäudes fast wie eine ironische Randbemerkung zu sein scheint, so ist die Frage gerechtfertigt, wieso das Geburts- und auch noch Wohnhaus von Franz Schubert in der Nussdorferstraße überleben konnte und nun ein behütetes Häuschen ist, das unauffällig nicht einmal ihr biedermeierliches Gehabe beibehalten konnte.

Wenn man einmal hier kurz unterbricht, so ist die nahezu aufdringliche Unterbrechung der Straßenzüge in Rom durch Ausgrabungen, Entdeckungen und Rekonstruktionen nicht nur eine Vergegenwärtigung des Vergangenen, sondern zugleich würgt es die die Dauer der Gegenwart ab, ja erklärt eine Zukunft für unwahrscheinlich, die sich gegenüber diesen ausgedehnten Resten des Vergangenen einmal behaupten soll. Das kann dann nur ein befremdender Brutalismus sein, der genau mit dieser Eigenschaft eine Gegenwart beansprucht, eine doppelte Verneinung eben, nämlich eine gegenüber der Qualität des Vergangenen und eine in der bewussten Absage an jede alternative Qualität des Gegenwärtigen, womit man sich gegenüber der Zukunft bewusst abschließt. Sehr oft war das Element des Futuristischen erwähnt worden, womit man sich aus einer Vergangenheit oder aus einer vergangenen Gegenwart herauszulösen wünschte – und dennoch war es ein Irrweg, denn das einseitige Prophezeien von Maschinen der Zukunft hat uns selbst in eine Unterbestimmung versetzt, die nur über Kollektive überwindbar erschien, in Wirklichkeit aber in den Totalitarismus führte, da der Staat selbst sich plötzlich als Monstermaschine zu gerieren verstand. Nun hat sich das Moderne immer schon als Einwand gegen das Autoritäre verstanden, doch kann man diesen Argumenten nur schwer folgen. Wie abgeschmackt auch immer Werke des Totalitarismus sein mögen, sie gehören zum „Selbstverständnis“ einer Zeit hinzu, haben oft die gleichen Paten, wobei Lewis Mumford durchaus genannt werden kann, sie sind eben Merkmal einer gemeinsam gelebten Zeit und darüber zu befinden, in welcher Form diese Vergangenheit erhalten bleiben soll, ist zwar beliebter Gegenstand von Debatten, die aber alle im Grunde ergebnislos enden. Interessant ist nur, dass gegen die üblichen Formen der „Toleranz“ oder einer Anerkennung von „anything goes“ in der Denkmalpflege ein dogmatischer Richtungsstreit fortgesetzt wird, der entweder die Dinge so herrichten will, so schön waren sie noch nie gewesen, oder aber in der Methode der Konservierung die Reste schützt – gleichsam Erinnerungen wecken und am Leben erhalten will, über die man sich nur schwer ein Bild machen kann, wie es denn wirklich gewesen ist. Ganze Dörfer und Innenstädte leben von der Simulation vergangener Schönheit, die noch schöner empfunden wird, wenn in ihrer Ökonomisierung dem Konsum Rechnung getragen wird. Auf der anderen Seite sind die Bewahrer der Rest dem Vorwurf ausgesetzt, eigentlich einen Störfaktor veranlasst zu haben, der nur den Sinn hat, darüber zu rätseln. Jedenfalls stehen wir so oder so vor dem Siegeszug eines Historismus, der sich wegen dieses Pluralismus zu behaupten vermochte. Ja dieser griff sogar auf die ersten Versuche sogenannter Moderner zu, holte sich die Legitimation, bereits diese in den Schutzkatalog aufzunehmen, also den Prozess der Historisierung fast in die Gegenwart zu verlängern. In Wien haben wir das Beispiel, dass die gerade noch bestehende Postsparkasse von Otto Wagner einerseits älter ist als das „Kriegsministerium“ gegenüber, andererseits über eine bevorstehende Restaurierung vielleicht dem Schein nach besser rekonstruiert erscheint, aber völlig der Funktion beraubt. Ein Hotel wird es werden. Das ist aber nur die eine Seite. Auf der anderen Seite zählt es zum Ehrgeiz der Architekten, schon bei der Errichtung eines Gebäudes einen Denkmalschutz vorzusehen. Meister dieses merkwürdigen Selbstbewusstseins war Hans Hollein, dessen vormaliges Kerzengeschäft am Kohlmarkt geschützt wurde, unmittelbar nach Fertigstellung auch die Filialen des Verkehrsbüros oder gar das fälschlich bezeichnete „Haas-Haus“, das ja mit der Firma Haas nichts mehr zu tun hat. Während also in der Renaissance der Zentralbau Michelangelos nach dessen Fertigstellung den Papst Julius II. nicht zufriedengestellt hatte, so durfte Bernini diesen um 60 Meter verlängern und hieß weiterhin St. Peter.

Um sich nun nicht in Details zu verlieren, erlernen wir an solchen Beispielen, dass die Moderne mit der Erhebung zu Denkmälern recht grob zur Geschichte erklärt wird. Das wird über die „Stigmatisierungen“ noch verschärft, wenn die Moderne der Postmodernen gegenübergestellt wird, oder aber das Wörtchen „neo“ unglückliche Erinnerungen wach ruft, die wir aus dem 19. Jahrhundert serviert erhielten mit Neogotik oder Neoromanik oder Neobarock. Nun war damals eine eher dekorativ gemeinte Stilanwendung bevorzugt worden, denn im gewaltigen Wachstum der Städte benötigte man diese Konfektionierung, mit deren Hilfe man recht friktionsfrei Theater und Opernhäuser, Konzertsäle und Kirchen bauen konnte. Nur heute finden sie unser Gefallen, da wir kaum mehr Gebäude entwickeln wollen, die sich in ihrer Architekturumgebung eingliedern lassen. Sogleich muss man vorsichtig sein, denn dieser Hang zur ästhetischen Replik ist ja zum Großteil die emotionale Antwort aufs Befremdende. Diese öden Straßen neuer Siedlungen bei Hitze entlang zu gehen, je nach Sonneneinstrahlung drängen sich in der Wahrnehmung entweder mehr die geparkten Autos auf als die Häuser – und dann wieder umgekehrt, schmerzende Helligkeit zwingt zum Schließen der Augen, um dann etwas beruhigter einen Baumbestand zu bemerken, der sich um eine Schule entwickelte. Dabei ist der öde Backsteinbau nahezu ein Kunstwerk, besser gesagt, er lockt uns mit Schatten und Wohlbefinden. Wieso können das Neubauten nicht, was doch im Programm der Gemeindebauten der 20er Jahre war? Vielleicht sind wir Opfer der Behauptung geworden, dass sogenannter Geschmack keine Verbindlichkeit kennt, also jeder seinen eigenen hat, was als Fortschritt gewertet wird, wobei man aber nicht bedenkt, dass sich damit verbindliche Kriterien einer Wahrnehmungsästhetik nicht mehr bilden lassen. Jedes Haus ist somit der Geschmacksausdruck eines Architekten, die allerdings in ihrer Neigung zur Uniformierung den Baumeistern der Zinshäuser des späten 19. Jahrhunderts nichts vorwerfen dürfen.

Unbedingt müssen wir derartige Phänomene immer wieder ins soziologische Denken einbeziehen. Was sagte es etwa aus, wenn eine „Gesellschaft“, wie auch immer deren Hierarchie auch aussah, sich für derartige Maßnahmen entschieden hatte, von Vorstellungen der Stadterweiterungen ausgegangen war, die sich dann im Prozess zivilisatorischer Techniken als ungenügend herausstellten. Allein der Werdegang städtischer Selbstverwaltungen war zunehmend nicht in der Lage, den Anforderungen gerecht zu werden, die wir fürs 19. Jahrhundert feststellen. Es muss eine ähnliche Ohnmacht gewesen sein, die wir heute bei dem Ansturm der Touristen auf die Städte erleiden, eine ähnliche Handlungsschwäche, die wir in anderer Art vor 150 Jahren hatten. Das Problem der Wiener Tschechen war zwar in geringerer Weise provokant, da es ja immerhin Europäer waren, die da kamen, aber heute sind wir ziemlich einfallslos in der Integration anderer. Darüber täuschen Preise nicht hinweg, Ehrenringe oder Auszeichnungen, die uns nur trösten können gegenüber der unbewältigten Gegenwart. Natürlich waren die historischen Anstrengungen bedeutsam und verdienen alle Ehre, doch war es nicht gelungen, die Menschen in die Gegenwart zu holen, Ein Nationalismus war stärker gewesen, hatte eine Pseudo-Identität entworfen und niemandem war klar geworden, dass dieser Schritt zurück in eine vermeintliche Authentizität nur ein Irrtum sein kann. Die integrativen Momente schienen stärker gewesen zu sein, also Industrialisierung und durch die Wanderungsbewegungen bedingte Integrationen, die Angleichung in den proletarischen Lebensverhältnissen, doch kaum war man vor die Entscheidung gestellt, die je eigene Gegenwart zu bejahen, die Forderungen für diese zu konzentrieren und vielleicht auch für die nächste Zukunft, sank alles wieder zurück in die gespielten Identitäten der Ethnien und Sprachen, der Volkskulturen, die eigentlich schon längst ins Museum gehört hätten. Es wird  – wenn man es recht bedenkt, im europäischen Kontext immer ein Rätsel bleiben, dass der Fortschritt des politischen Systems in Richtung Demokratie nur demokratisierende Tendenzen und eine zu geringe Institutionalisierung bewirkte, wie ja auch das einzige handfeste und bleibende Ergebnis der Französischen Revolution im Grunde die allgemeine Wehrpflicht war. Die wenigsten Angehörigen dieser Zeit waren wirklich zu Zeitgenossen worden, krebsten in ihren Illusionen herum, die durchaus in breiten Passagen vernünftig schienen – wie etwa die Reformpolitik der liberalen Regierungen, die Sozialpolitik der frühen Sozialisten, die Wahrnehmung integrativer Faktoren in den Lehren der katholischen Sozialpolitiker.

Wichtig ist in unserem Prospekt, dass es Zukunftsvorstellungen gab, die nicht als Träume missachtet werden können, sondern als Entwürfe, denen letztlich die politische Realisierung versagt wurde. Es gab also Zukunft, in der man meinte, in ihr werden sich Hoffnungen erfüllen, ja in ihr werden die berechtigten Forderungen umgesetzt sein, um dann endlich den sozialen, bürgerlichen Rechtsstaat zu erreichen. Natürlich gab es ebenbürtige Gegner, die meinten, der Staat müsse überhaupt verschwinden, so die Befreiung der Menschen nachhaltig sein soll, andere wieder waren überzeugt, eine Monarchie könne die disproportionalen Verhältnisse in der Gesellschaft besser steuern als eine Republik, die dort in keinem hohen Ansehen stand, denn man befürchtete zurecht, sie würde die „Universalität“ der Königreiche stürzen, um an deren Stelle eigenständige nationale Gebilde setzen, die ja dann nach 1918 sich ja wirklich zu Nationalstaaten einengten. Die einzigen Formungen der Zukunft waren der technischen Zivilisation zu verdanken, ja diese Tendenz blieb dann auch weit nach 1945 vorhanden. Da waren nicht nur Utopien wieder aktuell geworden, die einzige die sich kurzfristig verwirklichen ließ, war dann die Europäische Union, Die Beistandsvereinbarungen, die auch den Kalten Krieg überlebt hatten, doch nun ist die Zukunft in die Gesellschaft eingekehrt als unbegrenzte technische Innovationen, die aber deshalb den Menschen nicht soweit verändern konnten, um diese Innovationen auch zu beherrschen. Die Zukunft reicht in den Alltag, verändert eine bis hierher noch bekannte wie traditionelle Lebenspraxis und war in keinem Buchtitel besser charakterisiert worden als in der Publikation von Robert Jungk: Die Zukunft hat schon begonnen. In außerordentlicher Naivität wird bis zur Nutzung der Atomenergie ein futuristisches Bild gezeichnet, wobei der Mensch unter der Voraussetzung technischer Zivilisation erst zu sich selbst kommen wird. Es ist eine Alliteration zu der Prophezeiung von Marx, dass mit und nach der Weltrevolution eine Ordnung eintreten wird, die sich ohne Abhängigkeiten und Ungleichheiten stabilisieren wird, der Mensch eigentlich in seinen Naturzustand zurückkehren kann. Es wäre zu leichtfertig, diese Datensammlungen aus Ökonomie und Technik, aus Industrie und Energiewirtschaft als blühende Phantasien abzutun, als Wunschträume oder Illusionen, denn alle die darin genannten Möglichkeiten scheinen das Merkmal zu teilen, in hohem Maße verwirklichbar zu sein, so man am Prinzip der Gleichheit ein ernstes politisches Interesse hat und ohne Korruption es als Ziel verfolgt, aber man hatte nicht wirklich den Antrieb dazu ins Auge gefasst, nämlich eine kapitalistische Ökonomie, der alles erreichbar und machbar erscheint, die angeblich sogar die Patin für stabile Demokratie und Freiheit sein soll, aber regelmäßig eine Kehrtwende vorsieht, die die Tendenz zu sozialen Deklassierungen immer aufs Neue für nötig erachtet.

Dieser Ausflug zeigt wahrscheinlich das Dilemma unserer Historisierungsprozesse in einem schärferen Licht. Sind die Beispiele so geartet als würden sich diese auf die Architektur und Stadtentwicklung beschränken lassen, so wäre diese Auffassung generell ein Irrtum, denn wir schaffen keine Kulissen oder Scheinwelten – und selbst wenn, so ist immer auch damit eine echte Welt im Spiel, eine Wirklichkeit, die vielleicht gerade noch künstlerische Bemühungen zugelassen hatte, aber eine Fortsetzung ins Politische und Gesellschaftliche nahezu grundsätzlich und gleichzeitig unterbunden hatte. Da hatten ja die Kulturanalytiker recht, wenn sie von der Präsenz des schönen Scheins sprachen, der zumeist weit davon entfernt war oder nie die Absicht besaß, ein ästhetisches Kriterium kommender Wohlfahrt zu sein. Wie die anfänglichen Bemühungen der Kommunalbauten vor hundert Jahren wirklich vom besseren Leben schwärmten und dafür die Grundlage schaffen wollten, immerhin, so sieht man an deren weiteren Entwicklung den Verrat an den ursprünglichen Ideen, denn aus den Kommunalbauten wurden Gefängnisse oder aber verbergen hinter Grünlandzonen ihren elitären Charakter einer Datscha für Eliten. Das alles war nicht so gemeint gewesen, hatte sich aber am Leben erhalten, ja gleichzeitig hatte sich alles um die eigene Achse gedreht und es war sogar gelungen, dass sich mögliche politisierende und politisierte Interessen zurückhalten, es sei denn, sie erscheinen erneut im Gewand von Nationalismen oder Chauvinismen. Es ist der Grund warum Ludwig Gumplowicz interessant geblieben ist, denn er hatte angesichts damaliger Modernisierung und bei zunehmender politischer Komplexität bürgerlicher Gesellschaft deren „Vernatürlichung“ untersucht, die Rückfälle in politische Atavismen.

Nun sollten wir schnell ein anderes Feld aufsuchen. Gehen wir einmal von der Annahme aus, die so alt ist wie die Kulturgeschichte der Menschheit, dass nämlich Wissen die Eigenschaft besitzt, stetig zu wachsen. Wir bleiben ja keine ABC-Schützen für immer, sondern langsam Sammeln wir Kentnisse, verbreiten unser Wissen, um uns dann auf irgendein Gebiet zu konzentrieren. Das erlaubt zwar den Mediziner-Scherz, von immer weniger immer mehr zu wissen, doch vielleicht gibt es wieder einen Aeskulap oder Paracelsus, der alles medizinische Wissen vereint und eine eigenständige Theorie vorlegt, die es immer wieder gegeben hat, sei es die konfuzianische Medizin oder die Säftelehre, die im 17. Jahrhundert Burton beschrieben hat. Jedenfalls erfahren wir bei Aristoteles eigentlich die ermunternde Mitteilung, dass im Grunde alles auf Prinzipien beruht, wir also nur nach ihnen und ihrer Struktur suchen müssen, um hierauf eine allgemeine Erkenntnis der Welt abzuleiten. Aristoteles geht davon aus, dass bereits bei ihm insgesamt die Prinzipien dieser Welt entdeckt sind. Das ist natürlich nicht ganz unsinnig, denn damit ist die Eigenart der Prinzipien keineswegs erhellt. Jedenfalls ist es die Mathematik, die uns ab Pythagoras begleitet, es belehrt uns über das Prinzip des rechten Winkels im Dreieck und von da an ist es in der Geometrie stets bergauf gegangen. Es ist ein schönes Beispiel dafür, wie sich in der Ontogenese unseres Wissens sich seine Phylogenese wiederholt und beide Entwicklungen stellen sich als ein nicht-abgeschlossenes Terrain des Wissens dar. Man lernt eben nie aus.

Neu war immerhin, dass mit Thomas Kuhn dieser – nennen wir es ausnahmsweise einmal – ruhige Verlauf des Erkenntnisfortschritts unterbrochen wurde, was dort als Struktur wissenschaftlicher Revolution dargestellt wird. Soziologisch gesehen war das sonnenklar, was da passierte: Mit der Verschulung unserer Wissensformen, mit der Umwandlung in formiertes Wissen innerhalb einer Institution, da reden wir bereits über das Mittelalter; kam es nicht nur zu Dogmatisierungen, sondern auch im Sinne der Institution zur Weitergabe ab nun verbindlichen Wissens. Das amüsanteste Beispiel ist ja das Ringen ums Weltbild, von geozentrischen zum heliozentrischen, wobei wir schon wieder einem Dogmatismus aufsitzen – vielleicht – , so wir meinen das letztere sei nun das wahre oder eigentliche System. Kuhn hatte eingewendet, was ja früher schon Feyerabend auf der Zunge hatte, solange solche Hypothesen und Theorien in den Erklärungen taugen, sieht man sich zu keinem Wechsel veranlasst. Ja, da darf man wirklich von einer Vergegenwärtigung sprechen, also von der Dauer einer Gegenwart des Wissens, das wir bis ins 19. Jahrhundert besaßen. Die Wissenschaften haben eben regelmäßig nach langem hin und her das neue Wissen in die Schule aufgenommen und gleichzeitig dogmatisiert. Dass es nicht ganz so einfach verlief beweist nur der Umstand, dass man eben dann mehrere Lehrkanzeln zu einem Wissensgebiet errichtete, denn so autoritär wie heute war man nie. Die Entwicklung brachte es mit sich, dass wir seit geraumer Zeit Wissen als veraltet bezeichnen und genau zu wissen scheinen, welches neue Wissen gewusst werden sollte. Das war eigentlich der Kernpunkt der Studentenrevolution, nämlich behauptet zu haben, mit altem Wissen belastet zu werden und neues Wissen vorzuenthalten. Irgendein Archivar hatte da die Bücher von Marx entdeckt und die Parole ausgegeben, dass dort das neue Wissen mit universellem Anspruch zu erhalten ist. Allerdings war zu beobachten, dass diese Revolutionen sich ihre Definitionsmacht aus den Naturwissenschaften und technischen Wissenschaften ausliehen und wild in Geistes- oder Humanwissenschaften implantierten. Das macht nichts aus, dass sich eine Gegenwart des Wissens, man kann fast sagen: eine Geistesgegenwart durchzusetzen schien, was in der Analyse und Kritik am Nationalsozialismus regelmäßig erfolgreich war. Wir können weiters beobachten, dass nun Wissen gleichsam zu einer Mentalität gehörte, die speziell dem Positivismus Popperscher Prägung gut zu Gesicht stand. Der Vorwurf in den Debatten zum UOG 1974 war, dass die Institution als solche in Verantwortung für die Gesellschaft diesen revolutionären Aspekt institutionalisieren müsse. Zumindest im Unterschied zu unserem ästhetischen Repertoire war nun die Vergegenwärtigungsmanie stark an Universitäten angestiegen und allein schon das Neue schlechthin reichte aus für die Zubilligung legitimierten Wissens.

Nun sind diese Entwicklungen von einer Voraussetzung ausgegangen, die uns gar nicht mehr so gewärtig sind. Lernen ist eben nicht Wissensakkumulation, wie es oft gemeint wird, sondern der Vorgang einer Aneignung zur Verwirklichung denkbarer Möglichkeiten, die mit Lernen im Subjekt stattfinden. Im Vorgang des Lernens lernt man. Damit wird keineswegs Wissen vermehrt, sondern die Wissensbestände werden individuell internalisiert. Das heißt weiterhin, dass das erlernte Wissen mit der Kunst solcher Erwerbung zum lebendigen Wissen wird und die Kunst des Wissenserwerbs prägt nun die Vorstellung vom Wissen. Diese Kunst kann man beliebig steigern – oder auch nicht, man beginnt sie zu nutzen, doch gleichzeitig ändert sich die Ordnung des Wissens. Späteres Wissen gewinnt die Bedeutung veränderten Wissens im Rückblick auf das früher erworbene Wissen. Um diese Struktur des Wissens zu verstehen, haben schon Hegel und vor ihm Kant die Kunst der Dialektik angewandt, die hier als Prozess der Steigerung der kognitiven und praktischen Kompetenzen eines Subjektes durch produktive Rückaneignung seiner Hervorbringungen in Ausübung seiner Kompetenzen früherer Stufe zu verstehen ist. Das beginnt mit „sprechend Sprechen lernen“, mit Werkzeugen leistungsfähigere Werkzeuge schaffen, Forschungsresultate nutzen neuen Forschungen. So ist die Struktur gebildet. In der deutschen Tradition hatte man diesen Prozess „dialektisch“ bezeichnet. Vielleicht wäre es klüger gewesen, das vom Anfang an als „Rückkoppelung“ zu beschreiben. ES sind, wie wir daran erkennen können, gewaltige Vergegenwärtigungsformen, die einen Wissensbestand als recht dauerhaft darstellen. Im Grunde könnte man behaupten, trotz aller enormen Entwicklungen in den Wissenschaften, dass das Modell recht simpel zu sein scheint. Es gleicht sich der Vorstellung von Aristoteles an, der in seiner Metaphysik recht gut seine Prinzipien erkennen zu können meinte, denn er sah eine klare Linie der Metaphysik von Thales von Milet bis zu seiner Zeit. Da folgte eine Prinzipienfindung nach der anderen im stetigen Fortschritt. Wir fühlen uns hingegen geschichtstheoretisch eher behindert, denn den Weg vom „Mythos zum Logos“ können wir nicht mehr innerhalb eindeutiger Prinzipien charakterisieren, sondern darin beschreiben wir zugleich den Wandel einer vor-wissenschaftlichen Weltorientierung zu einer wissenschaftlichen Wirklichkeitsorientierung.  Du das mussten wir innerhalb von Begriffen und Theorien versuchen und glauben zugleich, dass wir es auch mit orientierungspraktischen Äquivalenzen zu tun haben, zwischen mythischem  und wissenschaftlichem Wirklichkeitsverhältnis.

Nun ist es das gewaltige Problem in unserer Gegenwart, dass wir eigentlich nicht wirklich angeben können, was unser Wissen gegenüber dem älteren so fortschrittlich macht? Es ist zwar populär, es zu behaupten, Man schwärmte sogar davon, dass heute Wissen wächst wie Kapital mit Zinseszins. Ja Wissen vermehrt sich in gleichen Zeitintervallen mit dem gleichen Faktor. Es war nicht aufgefallen, dass allein schon in der Aufzeichnung einer Geschichte von Wissensdisziplinen eine erhebliche Unsicherheit zum Ausdruck kommt und wie ein Ruf nach Reflexion zu verstehen ist, was natürlich Physiker eher hören als Geisteswissenschafter. Nirgendwo wird das vulgärer formuliert, wenn etwa argumentiert wird, dass eben heute 80-90 % aller Wissenschafter leben und für die vorhergehende Entwicklung mussten nur 10% den Kopf hinhalten. Das eignet sich gut für Wissenschafts- und Bildungspolitiker, die endlich mit der Möglichkeit zur Quantifizierung belohnt werden. Dazu gehört auch das Mengenwachstum der Publikationen, also dabei verdoppelt sich die Menge alle 10 bis 15 Jahre. Haben wir also heute 2019 100.000 Publikationen, so werden es 2029 200.000 sein.

Die Zahlen besagen ja wenig, die Frage ist, ob die Fülle der Publikationen auch jene Aufmerksamkeit erhalten, die man in früheren Lesegesellschaften jeder Veröffentlichung im allgemeinen geschenkt hatte. Man muss sich nun bei diesen Sonderformen der Vergegenwärtigung von wissenschaftlichem Wissen stets die Frage stellen, welche Zweckmäßigkeit damit verbunden ist. Stimmt es, wenn ausgesagt wird, dass Veröffentlichungen nur den Sinn haben, das eigene Terrain innerhalb eines engen Gebietes in einem engmaschig errichteten Institut abzugrenzen. Helfen da nicht die modernen Medien mit, die eine  Einschaltung im Internet bereits als Publikation werten, was ja inzwischen sich völlig umkehrte und es wird nur mehr übers Internet publiziert. Die Lebensdauer solcher Publikationen kann sich mit jener von Eintagsfliegen oder Mücken vergleichen. Diesem Umstand kommen die Organisationsformen von Wissenschaften entgegen, denn in ihnen finden immer mehr Menschen Platz und Beruf, wobei der Publikationszwang zum Kriterium wurde. Gleichzeitig trachtete man in Europa die Verweildauer an den Universitäten für junge Mitarbeiter drastisch zu kürzen. Es würde zu weit führen, nun im Einzelnen die Arten der Institutionalisierung von Wissenschaften an Universitäten oder außeruniversitären Einrichtungen zu untersuchen, ja eine Schilderung überträfe selbst mehrbändige Kompendien. Natürlich ist hier Bourdieu sehr hilfreich, seine Feldstudien über Wissen, Bildung und Zugang zur Bildung heranzuziehen, allein er gibt sich ebenfalls der Phantasie hin, würde der Zustrom zu den Bildungsanstalten erhalten oder gar erweitert werden, würden die gesellschaftlichen Verhältnisse sich ändern lassen. Das mag sein, beachtet aber nicht den zivilisatorischen Wandel, der über Wissens-und Bildungsgesellschaft heraufbeschworen wird. Zum einen wurde das alte Schlagwort „Wissen ist Macht“ buchstäblich sozialisiert, also hat ihren Machtcharakter eigentlich v verloren, aber das war ja die alte Form, inzwischen ist diese Macht in die Instrumente der Wissenschaften und deren Instrumentalisierungen übergegangen, über die dann auch nur wenige verfügen. Damit ist die damit verbundene und vorhergesagte Informationsexplosion nur bedingt richtig. Wir können also nicht aussagen, ob wir über diese Welt nach Newton mehr gewusst haben oder erst nach Einstein eine quantifizierbare Menge ein umfangreicheren Wissen besitzen. Mit der Komplexität der Wissensform ist der Wissensstand keineswegs gestiegen, da unsere Vorstellungen auf dem Gebiet von Astronomie und Physik sich einerseits auf historisch verbriefte Aussagen verlässt, also Newton folgt, während der theoretische Zuschnitt allgemeiner Relativierung von Zeit und Raum, von Wirkung und Widerstand uns eher wie eine gelungene Hypothese erscheint. Und davon abgeleitet ist wohl der absurde Zustand eingetreten, immer öfter dank der Publikation neuesten Wissens im Feuilleton, nun über gesichertes Wissen zu Verfügung. Es macht uns eben nicht mehr stutzig, so wir die Sonne betrachten, dass es über sie unterschiedlichste Hypothesen gab, die allesamt durchaus nützlich sein konnten, wie die Bewirtschaftung des Niltales im Altertum nachweist. Für das neue Selbstbewusstsein war es keineswegs unsinnig, ein geozentrisches Weltbild anzubieten, das ja in den Berechnungen immer richtige Ergebnisse vorwies, wie es eine narzisstische Kränkung war, den Mittelpunkt des astronomischen Geschehens an die Sonne abzutreten. Bis heute glauben wir, jetzt wirklich zu wissen, in welchem System wir leben und niemand kommt auf die Idee zu behaupten, das alles sei auch nur eine Hypothese. So sehen wir immer die gleiche Sonne und deren Interpretation sehen wir innerhalb unserer Annahme des Wissensfortschritts. Daraus ergibt sich der merkwürdige Zustand unserer Gegenwart, den uns Zeitungen über Jahre drastisch schildern konnten, nämlich einerseits eine harsche Kulturkritik zu üben, eine noch härtere Wissenschaftskulturkritik, so Wissenschaft überhaupt vorkommt, um dann in nahezu lyrischer Weise uns von Stürmen auf dem Neptun, vom Methan-Eis zu berichten, das aus der Tritonkruste der feuerspeienden Vulkane am Jupiter hervorquillt. Plötzlich glauben wir das eine und bezichtigen andere der Weltfremdheit – zumindest. Forschungsmaschinen zirkulieren im Weltall, vermessen die schwarzen Köcher, die angeblich Sonnensysteme verschlingen, also die Materie auflösen können wie fleischfressende Pflanzen die Mücken im Terrarium. Die Statistik berichtet uns von allen möglichen Ausformungen des Alltags seit jeher und stieg dann dazu auf, alles vermessen zu können: Wirtschaft, Verwaltung und Politik. Der Traum der Staatstafeln wird wahr.

Vergleichen wir nun die Entwicklung des Lexikons seit dem 18. Jahrhundert, dann sehen wir, dass nur die frz Enzyklopädie wahrhaft zyklopische Ausmaße von Beginn an einkalkulieren musste, während die erste britische Ausgabe mit drei Bänden das Auslangen fand. Zum Schluss umfasste die britische Enzyklopädie um die 30 Bände, kostete so viel wie ein Auto, doch mit dieser Ausgabe endete auch die Geschichte, denn ab nun war der Wissensfortschritt nicht mehr umfassend darstellbar. Und da hatte man ohnehin schon alles Wissen der historischen Wissenschaften minimiert, ja das Altertum schlechtweg aus den Alphabeten gestrichen. Dennoch herrscht die Auffassung ungebrochen, das Forschungsvolumen wird in Wissenswachstum umschlagen.

Nun müssen wir uns stets vor Augen halten, dass es hier nicht um Wissenschaftstheorie geht, nicht um eine Geschichte des Wissens, sondern in diesem geschilderten Prozess ist die Gegenwart eingeschrieben. Darin behauptet sie ihre Präsenz. Allerdings stehen wir vor diesen Reproduktionen von Wissen wie der Zauberlehrling vor einer nicht mehr aufzuhaltenden Aufblähung. Halten wir uns vor Augen, dass wir im Beipackzettel zuerst einmal über eventuelle negative Folgen unserer Medizinen belehrt werden, um dann unverständliches Zeug zu lesen, das uns kaum mehr interessiert. Sollten wir dennoch Interesse haben, gehen wir auf Wikipedia und erfahren, demnächst unheilbare Krankheiten hinnehmen zu müssen – oder aber im besonderen Fall eine extrem seltene Krankheit zu haben, die man bislang nur aus der Weltraumforschung kennt. Im Packzettel war hingegen zu lesen, dass das Medikament jedenfalls nicht in der Schwangerschaft zu nehmen ist und nicht beim Autofahren. Wir sind verwirrt und es ist der perfekte Ausdruck unserer Gegenwart.

Was wir hier beschrieben ist nichts anderes als die Informationsimplosion. Studenten sind dafür ein Vorbild, denn die haben immer schon das Wesentliche gelernt und waren perfekt in der Kürzung der zu studierenden Texte. Das heißt, man muss sich darauf spezialisieren, das Überflüssige wegzulassen. Lernen heißt heute Stoffe zu kondensieren. Wie man Wein nach Japan  exportiert, indem einmal die flüssigen Stoffe verdampfen müssen, so wichtig ist dann nach der Landung die Zugabe neuen Wassers. Das Kondensieren erlaubt die Menge der anzueignenden Wissensstoffe. Also zu Freud genügt die Kenntnis von Ödipus, der Trieblehre und der Verdrängung. Alles andere ist nicht mehr zu berücksichtigen. Es geht auch nicht. Wie soll man noch das „Unbehagen der Kultur“ einbeziehen? Das geht einfach nicht. Es reicht doch der vielsagende Titel, um für gebildet gehalten zu werden. Nun ist diese boshafte Nebenbemerkung fehl am Platz. In Wirklichkeit zeigen wir uns in einer Gegenwart, in der das Wissen so angewachsen ist, dass sie unsere Lebenserwartung übersteigt. Das heißt, dass der Lebenszeitanteil, den wir für Ausbildung benötigen, nicht unbegrenzt komplementär zur Expansion berufspraktisch einschlägigen Wissens wachsen kann. Das hat ja de Certeau in seiner Handlungstheorie ja deutlich vor Augen geführt, dass der Experte vorwiegend der Repräsentant des vergangenen Wissens ist. Nehmen wir nun die Veraltensrate des Wissens hinzu, so bemerken wir, dass wir gar nicht so alt werden können, um die dafür nötige Fortbildung zu erhalten. Das macht ja auch den Lehrer in der Schule so unglaubwürdig, denn wie kann er in seinem Fach für kompetent gehalten werden, wenn er die jüngsten Einsichten nicht kennt, oder am Vorabend Lesch im bayrischen Fernsehen nicht gesehen hat? Welche Kompetenz kann ein Lehrer haben, wenn er weder Universum noch die Berichte über die NASA gesehen hat? Also entwickeln wir primäre Ausbildungslehrgänge, die sich nicht mehr mit dem Wissensfortschritt zu beschäftigen haben, sondern mit Persönlichkeitsentwicklung, die weit über das dritte Lebensjahrzehnt in den erfahrungsverdünnten akademischen Räumen den Rückhalt weiterer Kompetenz bilden.

Wollen wir das auf einen kompliziert wirkenden Nenner bringen, soll das heißen: Mit der Extension des Wissens über Gegenstände verkürzt sich in Relation zur Zeit, die zur detaillierten Aneignung dieses Wissens erforderlich wäre, aus Gründen der Temporalverfassung des Lebensablaufs der Zeitumfang unserer Bemühungen zur Aneignung des Wissens. Daraus folgt, dass jener Wissenschafter als Spezialist gilt, der nicht nur über sein spezielles Gebiet Auskunft geben kann, sondern er muss auch dafür Sorge tragen, dass sein Spezialgebiet von niemandem sonst betreten wird. Das ist deshalb amüsant, da nicht nur in früherer Zeit die Kooperation, das Fachübergreifende immer besonders hervorgehoben wurde, sondern auch die Zubilligung außerordentlicher Kompetenz. Es wird so ähnlich gewesen sein wie zu Zeiten von Semmelweis, da es einfach akzeptiert wurde, dass viele Frauen am Kindbettfieber zugrunde gehen, ohne dass man am Ruf der damals höher eingestuften gynäkologischen Abteilung gezweifelt hätte. Jetzt erst recht sich, was vor 120 Jahren Ernst Mach als „Denkökonomie“ befürwortete, nämlich die gelungene Auswahl des Wissens. Denken Sie an den Wetterbericht, der mit größtmöglichem Aufwand betrieben wird, mit unglaublichen Aufwand an Personal und technischer Zurüstung, und dennoch kennen wir die sprichwörtlichen Kapriolen, die es besser erst im Nachhinein zu interpretieren gilt. Da haben wir Datendichte, eine Reduktion auf Ordnung, Regeln und Erfahrung, und dennoch ist es nur eine Scheinkomplexität, die sich sehr gut auch auf andere Erscheinungsformen unserer Gegenwart anwenden ließe.

Wenn nun die Messmethoden immer weiter ausgeweitet werden, bricht die Zukunft über uns herein und raubt uns die Bequemlichkeit der Gegenwart. Mir ist nicht bekannt, wie viele Prognosen es gibt, die uns in ärgster Lage sehen, da gebraten in der Hitze, dort vereist in Ewigkeit. Es ist nicht lange her, dass wir Opfer unsäglicher Kälte werden, aber nun bedrängt uns die Hitze. Nun würde es uns nicht bedrücken, wenn hier das Wetter von morgen mitgeteilt wird, nein, es sind die extrapolierten Messwerte, die uns in Hammerfest Temperaturen des südlichen Sudan prophezeien. Es wäre nicht beunruhigend, sollte diese Erwärmung 2200 eintreten, nein, eigentlich ist es übermorgen zu erwarten. Plötzlich srahlen die Fundstellen der Erdgeschichte eine Beruhigung aus, denn schon im Weinbaugebiet um Poysdorf lebten im Meer Trilobiten und Schnecken, freilich jetzt versteinert, und findige Paläontologen entdecken im Sandstein des Weinviertels Reste von Palmen und Schachtelhalm.  Eigentlich nähern wir uns ohnehin nur einer in der Paläontologie gut bekannten Zeit, wärmer als üblich, doch weiterhin komfortabel. Eigentlich sollten sich nur Heizungstechniker Sorgen machen und mit der Zuwanderung italienischer Eisverkäufer ist auch künftig zu rechnen. Die Gegenwart äußert sich in hellster Aufregung, in Hysterisierungen und kühnen Prognosen, die uns eigentlich ein  weiteres Leben vermiesen. Das Problem in unserer Gegenwart lautet, dass die beschreibbare Zugänglichkeit der Daten nur eine technische Seite betreffen. Eine pragmatische Nutzung setzt aber eine Selektionskapazität voraus, über die die Benutzer nicht in ausreichendem Maß verfügen, wobei diese Kapazität sich nicht so rasch ausweiten lässt im Vergleich zur technischen Kapazität der Datenspeicherung.

Nun zur Beschreibung der Gegenwart ist festzuhalten: Spezialisierungen, über die sich im Wissenschaftssystem Disziplinen und Subdisziplinen ausdifferenzieren und institutionell verselbständigen, begrenzen sektoral das Informationsangebot, das man fachintern forschungspraktisch zu berücksichtigen hat. Gleichzeitig wächst die Menge der Informationen exponentiell. In der Physik wird behauptet, jährlich erscheinen etwa 110.000 Publikationen, die einfach wahrzunehmen sind. Wie schafft man das? Ganz einfach: sinnvoller Weise steht vor jedem Artikel eine Quintessenz. Früher war es in Schulen üblich, Inhaltsangaben zu lesen, um sich den Roman zu ersparen. Heute ist die gleiche Technik nötig, um wissenschaftlich am Laufenden zu bleiben. Das Wissen der Quintessenz reicht, Und wenn der Überblic darüber auch nicht mehr gelingt? Da muss man zur sogenannten Immediatkommunikation  Zuflucht nehmen, die man eh schon seit Robert Musil kennt: Dort war der Informierteste der Bibliothekar, denn er hörte die Kommentare zu allen verborgten Büchern, ohne diese je gelesen zu haben. Vergleichbar heute, denn man wartet oder fragt nach der Meinung anderer, was im Fach nun von Bedeutung ist. Und wenn das nicht mehr ausreicht, versteht man sofort das Kongress-Wesen, das diese Lücken füllen soll. Wenn man nun vom ironiefähigen Unsinnsüberschuss einmal absieht, so verbleibt als zwingender Sinn die Notwendigkeit, dem wachsenden Informationsdruck durch komplementär wachsende Selektionskompetenz standhalten zu müssen. Bei Kongressen zählt daher in erster Linie, einmal die Kompetenz durch Einladung bestätigt zu sehen, zum Zweiten wird man in der Expertenrunde das Nötige erfahren, allerdings muss man in ihr auch etwas anbieten können. Diese Bringschuld fördert in ein paar Disziplinen die Geschichte des Faches, vor allem wenn es Nationalsozialisten usurpierten, verwalteten und den Sinn pervertierten.

Nun wird man in Rückkehr zu realen Bedingungen schnell festhalten können, dass die Chancen zur allgemeinen Kommunikationspartizipation eine Fiktion sind, wenn sie es nicht schon immer waren. Es ist eben nicht so, dass die Forschungsgemeinschaft die beschworene Offenheit und Diskussionsbereitschaft signalisiert, sondern gerade mit dem exponentiellen Wachstum des Wissens rückt die Aktualitätssicherung und Prioritätssicherung in den Vordergrund. Das gemütliche Versenden der Sonderdrucke hat sich völlig aufgehört. Die Fristsetzung für Drucklegung und Verbreitung beansprucht nicht mehr Zeit als die Frist, innerhalb der der Publikation Aktualität zugebilligt wird. Ehe noch von einem Buch die Rede ist, ist bereits die elektronische Versendung wichtiger Teile im Umlauf und begünstigt jene Flüchtigkeit, die bereits vom Zeitungslesen bekannt ist. Das hat einmal mit der Gründung der Fachzeitschriften begonnen, in ihnen aufzuscheinen war bereits der Hinweis auf das Überhandnehmen verderblicher Sagazitäten, und das steigerte sich ins Enorme. Die Prioritätssicherung erlaubt das Fehlen des Datums auf Offprints und Reprints. Wie bei Sportwettkämpfen verliert die Zeitdifferenz an Bedeutung, denn was sind Hundertstelsekunden? So fällt die Sinnevidenz in sich zusammen, denn das Innovatorische Tempo des Veröffentlichens ist mit jenem optimalen Verbreitens nicht vergleichbar.

Wenn Sie nun in eder Wissenschaftsgeschichte zurückblättern, werden Sie viele Geschichten finden, die man nicht ohne Ironie nacherzählen kann. Die wüsten Spekulationen über Saurierfunde in der Schwäbischen Alb führten zu Predigten der Evolutionisten, die soeben auch noch von Darwin bestärkt wurden, da man ja das Hypothetische in dessen Werk sofort zur Seite schob. Oswald und Haeckel waren die Protagonisten, die noch am Fundort eine Welterklärung und deren Wandel darlegten. Jeder Knochen war ein Beweisstück, wenn man soi sagen darf, dass wir vom Affen abstammen und wegen der empörten Gegnerschaft in der Kirche war der Streit nahezu eine perfekte Inszenierung. Das alles gibt es nicht mehr. Nur kurz ließ der Creationismusstreit in den USA an solche Kämpfe erinnern, doch das war schon alles. Die Kirche hatte sich ja schon 1969 mit dem Attest des späteren Papstes, Josef Ratzinger, auf die Position zurückgezogen, dass alle diese Aussagen eine glaubenspraktische Irrelevanz zeigen, also Evolutionstheorie und schwarze Löcher fürs Verschlucken ganzer Sonnensysteme besagen für die theologische Interpretation gar nichts. So ist damit auch der Freigeist-Duktus der Wissenschaften verschwunden. Diese gegenseitig erwiesene Gleichgültigkeit bei doch sehr relevanten Fragen der Welt- und Wirklichkeitsinterpretation macht die Gegenwart aus. Wie schon Husserl anmerkte – 1936 – haben die Wissenschaften ihre Fähigkeit zum Weltanschauungskonflikt eingebüßt, denn ihre Lebensweltferne hat insgesamt dem Menschen nichts mehr zu sagen –so Husserl. Umso mehr tritt die jeweils eintretende Lebensnot in den Mittelpunkt, die spätestens eine Krankheit auslöst und in Panik versetzt. Da ist Wissenschaft sehr gefragt in ihrer Nützlichkeit und zugleich hinterfragt durch Internet, also eine Steigerung von Ungewissheit durch Sammlung zahlloser Vergewisserungen. Ab wann ist Diabetes mellitus gefährlich – ab 100, 102 oder 180? Ab wann ist der PSA-Wert ein bedrohlicher Messwert? Die Gegenwart zerbricht angesichts der eintretenden Todesangst. In ihr drängt sich die Zukunft ins gerade noch währende Leben und raubt als Sinnkrise die Besonneheit.
Man kann es auch liebenswürdiger formulieren: Mit seiner fortschreitenden Lebensweltferne wird der wissenschaftliche Erkenntnisfortschritt kulturell indifferent. Es ist die Lebensweltferne, die uns den Fortlauf wissenschaftlicher Revolutionen fast schon kalt lassen. Darwins Evolutionstheorie, Freuds Psychoanalyse waren durchaus Revolutionen, die in aller Munde waren und die Position des Menschen der Welt und Gesellschaft gegenüber veränderte. Vermutlich ist die Debatte um die Art des Motorantriebs für Automobile bei weitem interessanter, obwohl alles zusammen nichts anderes ist als das, was vor 140 Jahren entwickelt wurde, halt verfeinert, beschleunigt und perfekt geeignet fürs technomorphe Weltbild. So kommen wir zu einem merkwürdigen Ergebnis, das zur Bestimmung unserer Gegenwart beachtet werden sollte: Der inzwischen verstorbene Stephen Hawking hat in seiner „kurzen Geschichte der Zeit“ dargelegt, welche Kräfte das Universum bestimmen. Ohne nun darauf einzugehen, so ist das Erscheinungsbild an und für sich bereits ein besonderes Zeugnis: Hier die Zerbrechlichkeit der leiblichen Verfassung eines Subjekts bietet hier die Gelegenheit außerordentlicher Selbsterfahrung und tritt in Verbindung mit der außerordentlichen Kompetenz dieses Subjekts, uns über das Ende der Zeiten Bericht zu erstatten. Ein Wissen wie nie zuvor als Medium der Erfahrung der Unmöglichkeit diesem Wissen eine Bedeutsamkeit zuzuschreiben – das, so scheint es, ist die Endgestalt der Kulturbedeutung unseres Wissens. Wir haben nicht mehr die Fähigkeit die Bedeutsamkeit des Wissens in seiner Kulturbedeutsamkeit zu wahrzunehmen, sie mit diesen unglaublichen Erkenntnissen auszustatten. Wenn es hieß, dass die Annahme, die Sonne sei der Mittelpunkt unseres Universums, eine Erschütterung im Weltbild auslöste, so ist zu fragen, ob der Mensch überhaupt noch erschüttert werden kann? Somit hat er sein Talent zur Vergegenwärtigung verloren.

Diese bisherigen Darstellungen , so muss betont werden – müssen immer kontrastiert werden mit dem außerordentlich bewegten Bild des Verhältnisses von Vergangenheit und Zukunft zur Gegenwart. Ausgegangen wurde vom Umstand, dass dieser Gegenwart kaum eine Ausdehnung an Zeit und Ort zugebilligt wird, sei es, dass die Raserei der Menschen keinen Punkt kennt, an dem Innehalten sich lohnen würde, oder die heraufbeschworenen Mechanisierungen und Automatisierungen, also das ganze Paket der Rationalisierungen einen Aufenthalt in der Gegenwart drastisch verkürzte. Es erinnert mich stets an die Durchsage am Bahnhof, so ein Zug angekündigt wird und zugleich informiert wird, einen gekürzten Aufenthalt zu haben. Natürlich: Fahrpläne erlauben kein Verweilen oder gar ein bewusstes Durchbrechen des Zeitplans für Zwecke gemütlichen Haltens. Man ist an Faust erinnert, der vom Augenblick wünscht: verweile doch, Du bist so schön. Aber so dauerhaft ist dieses Erlebnis gar nicht im Original:


„Werd ich zum Augenblicke sagen:

:Verweile doch, Du bist so schön!

Dann magst Du mich in Fesseln schlagen

Dann will ich gern zugrunde gehen…“

Ja tatsächlich: bald darauf stirbt Faust. Es scheint eine perfekte Metapher für unsere Annahme zu sein, dass uns die Gegenwart als Augenblick erscheint, ja prachtvoll sich öffnet, ein Panorama überwältigender Schönheit preis gibt, doch um den Preis der Fesselung und des Todes. Wir wollen hier nicht weiter interpretieren, sondern kommen mit diesem Hinweis  auf diese merkwürdige Innovationsverdichtung in der techn ischen Evolution u sprechen, die doch so phantastisch zu beginnen schiien, uns Welten öffnete und dann unsere Augen zu fesseln begann, wie es jeder U-Bahn Waggon beweist. Der Augenblick ist eine technische Kreation in der Form unmittelbarer Verfügbarkeit: Sie ermächtigt den Nutzer und bemächtigt sich seiner. Der Information folgt das Spiel auf dem Fuß.

Wir müssen aber wissenschaftlich beginnen: 1967 stellte Rainer Lepsius mit einiger Erschütterung fest, dass die Natur- und technischen Wissenschaften bei weitem mehr zum Entscheidungswissen in der Gesellschaft beitragen als die Sozialwissenschaften. Er untersuchte deren Einfluss und kam dahinter, dass in allen Körperschaften und öffentlichen Verwaltungen der Beitrag von Natur- und technischen Wissenschaften ungleich größer ist. Obwohl es damals so aussah, dass mit der Soziologie und ihrer Rolle als Weltanschauungsproduzentin ein gewaltiger Einfluss erzielt werde, war im Grunde nicht viel davon zu bemerken. Ja, es gab mehr Lehrstühle, Institute, ja Universitäten wurden unter der Patronanz der Soziologie gegründet, aber tatsächlich war nur ein Schlagwort davon in aller Munde: ja, die Soziologie besitze eine „Kritische Funktion“, sogar eine gesellschaftskritische, was ja am anderen Ufer der Naturwissenschaften nicht der Fall sei. Ja diese wurden als affirmative Wissenschaften beschimpft, die technischen sowieso, denn mit ihrem stetig zunehmenden Anwendungsbereich veränderten sie die Gesellschaft nachhaltig und als Beispiel sei erwähnt, dass nach und nach Eiskasten und Spülmaschine, Auto und Fernseher zum kulturellen Inventar zählten. Ohne nun bildungsbürgerliche Ambitionen zu unterstützen, ist es dennoch auffallend, dass das ominöse Buch oder das Lesen einen ebenbürtigen Rang einnimmt wie Auto oder Waschmaschine. Sie zusammen samt Freizeit bildeten die postindustrielle Gesellschaft. Begleitet wurde diese erstmals von einer Universität, die für sich die oberste Instanz einer Kritikgewalt beanspruchte. Wie wir aus 1968 wissen, sollte die Universität die politische Gegenmacht sein, die sowohl die Verkürzung des Menschen in der Massengesellschaft thematisierte, als auch den Konformismus in der Gleichschaltungstendenz kritisierte. Galionsfigur dieser neuen Sichtweise war Theodor Adorno geworden, trotz seiner Ambivalenz zwischen Spätbürgertum und kritischem Avantgardismus. Das technische Berufswissen begleitete aus der Sicht der Sozialwissenschaften die üble Nachrede, unreflektiert die prekären Gesellschaftsverhältnisse hinzunehmen oder gar zu legitimieren, hingegen habe sich das kritische Handlungswissen auf die Seite der Sozialwissenschafter geschlagen. Darunter verstand man die regelmäßigen Proteste gegen bürgerliche Gesellschaft, gegen die Einmischung der USA in Vietnam oder die wütenden Drohungen gegen die sogenannte Springer-Presse. Heute ist das alles Geschichte, ja fast schon vergessen, gäbe es nicht die regelmäßig ausgestrahlten Fernsehdokumentationen, die einem aber so erscheinen als wären es Berichte über eine andere Welt. Auch wenn sich die Problemzonen auf der Welt kaum veränderten, die Konfliktszenarien unverändert bedrohlich scheinen, so ist diese Zeit angeblicher Aufbrüche und Reformen fast in ein Dunkel getaucht, in Vergessenheit geraten un d nur mehr Spezialisten vertraut. Damals hatte zwar die Zeitgeschichte ihre ersten durchschlagenden Erfolge gefeiert, aber auch nur unter der Voraussetzung, die Untaten des Nationalsozialismus in ihrer vollen Grausamkeit zu rekonstruieren und mögliche Handlanger im Totalitarismus in den neuen Berufen und Eliten zu identifizieren. Das war aber nur die Grundlage für jedes weitere Selbstverständnis damaliger Gesellschaft. Wie Friedrich Tenbruck klar formuliert hatte, war die Soziologie Weltanschauungsproduzentin geworden, ja damit waren alle die in der Wissenschaft gehegten Träume wieder aktuell und man dachte, es würde nur ein kleiner Schritt nötig sein, um die postindustrielle Gesellschaft ins Paradies der Selbstbestimmungen zu führen, in die Idyllen natürlicher Freiheiten und Aufhebung der Zwänge. Auf die graue Gegenwart fiel das Licht kühner Phantasien, in denen die „Eindimensionalität des Menschen“ beendet werden wird. Diese Zukunft war zum Greifen nahe, davon war man überzeugt, wobei die Alternative hinter der Berliner Mauer ausgeblendet blieb. In der heutigen Rudi-Dutschke-Straße wechselten einander die Demonstrationszüge ab, keine 150 Meter weit vom Checkpoint-Charlie entfernt. Die Sozialwissenschaften gerieten in zweifacher Weise in die Rolle einer Leitwissenschaftsprätention. Einerseits wollten sie Vergleichbares leisten wie Technik oder Naturwissenschaften, also real an der Bildung von Wirklichkeit teilnehmen, andererseits waren die fachimmanenten Einwände von Vorstellungen getragen, die fortgesetzt wischen Ideologie und Utopie pendelten. Es ist möglich, diese beiden Jahrzehnte von 1960 bis 1980 so darzustellen, denn sie sind wahrlich spurlos verschwunden und waren vermutlich die Blütezeit der nationalstaatlichen Republiken und vom „Westen“ definierte repräsentative Demokratien. Niemandem fiel ein, dass beide Konstruktionen durch die internationalen Zusammenschlüsse und Beitritte zu gemeinsamen Märkten, gemeinsamen politischen Institutionen und Verteidigungsgemeinschaften das bisherige politische Korsett liberaler Demokratie sprengen. Wie durch das Triumvirat Pompeius, Cäsar und Crassus die Struktur der Republik wackelig erhalten blieb, Pompeius ein Prinzipat anstrebte und sich damitz auch begnügte, kündigte Cäsar diesen Verfassungsrahmen und formte aus den Resten eine Monarchie, eine Alleinherrschaft, die sich aber weiterhin an die Gesetzestraditionen hielt. Das erklärt das Attentat auf Cäsar, das Republikaner als Putsch geplant hatten und es erklärt die vergeblichen Versuche, die Europäische Gemeinschaft wie eine parlamentarischer Demokratie zu führen. Sie ist ein Principat geworden, nennen wir es wieder Triumvirat, aus dem gerade Großbritannien ausscheidet – oder auch nicht.

Nun haben die Sozialwissenschaften wirklich wenig zu bestimmen, sie haben bestenfalls die Moderation für Debatten inne, leiten talk Shows a la Filzmeier, während die Naturwissenschaften die Normgebungen und das Regelwerk definieren. Dafür besitzen sie die Kompetenz für praktisches Wissen. Daraus bildet sich die allgemeine Moral – vom Umweltschutz, Abtreibung, Nutzung der Atomenergie, bis hin zu Euthanasie und Klimawandel. So wandelten sich Politiker, die sich an derart orientierte Gemeinwesen halten müssen, also keine Experten mehr sind, zu Stimmungsträgern der Gemeinwesen. Wenn wir uns jetzt vor Augen halten, dass Normgebungen einen gesetzlichen Rahmen benötigen und die aus einem allgemeinen Interesse entstanden sind, wird aus dieser Konstellation eine selektiv bestimmte Beschreibung  sozialer und naturaler Situationen, so dass wir uns zwischen grundsätzlicher Änderung oder Konservierung bestehender Zustände bewegen. Zuerst war das bei der Errichtung von Atomreaktoren deutlich geworden und darüber hatten Politiker zu entscheiden, die sich wesentlich ans Kriterium der Meinungsmehrheit hielten. Aus dieser unwägbaren Lage müssen Bestimmungen abgeleitet werden. Also gehört dazu, dass über die in kognitiver Hinsicht zumeist triviale Explikation dieser Fälligkeiten und Fälle entschieden werden muss. Das Subjekt dieses Beurteilens ist der Gemeinsinn mit seinem lebenserfahrungsbewährten Wissen über Zuträglichkeiten oder Unzuträglichkeiten, über Güter und Trugenden. Gerade in diesem Vorgang zeigt sich dann jene diffuse Kombination beider Begrifflichkeiten, die wir heute als „Werte“ bezeichnen.

Für jede Normenbegründung muss es eine empirisch gehaltvolle Theorie geben, die erklärt, warum die gegebene Situation zu sanieren oder beizubehalten ist. Es ist ein auf eine Zukunft gerichteter Handlungsrahmen, der ab nun gilt. Das Überschreiten dieses Rahmens hat ein Verwaltungsverfahren zur Folge. So erkennen wir, dass hinter jeder Rahmenbedingung ein Expertenwissen steckt, dass eben dies und nicht das bevorzugt und daher auch den Politiker überzeugt, im Sinne von Gemeinsinn diese Position zu teilen. Die Schwierigkeit stellt sich ein, dass unsere Abhängigkeit von Lebensvoraussetzungen vom Expertenwissen zusätzlich bestimmt erscheint, zumindest wir können unsere Lebenspraxis nur innerhalb einer von Experten definierten Art vollziehen. Es ist der Anfang für die absurden Regelungen der Krümmung von Gurke und Banane, von Größe der Eier und Bestimmung von Grenzwerten. Nun hört man einerseits von den lebensunpraktischen Folgen solcher Bestimmungen, als wären sie nur im guten Glauben erlassen worden, andererseits muss man anerkennen, dass viele historische Bestände der Kultur, der Tier_ und Pflanzenwelt nicht mehr vorhanden wären, würde es diese Verfahren und letzthinigen Bestimmungen nicht geben. An dieser Schnittstelle kommt der Beamte ins Spiel, der Repräsentant zwischen Expertenwissen und Gemeinsinn, der hier den Politiker ablöste. Freilich sind dessen Verwaltungsentscheide außerhalb der politischen Perspektive, oder aber sind Umsetzungen objektivierter politischer Optionen. 

Wenn man es verkürzt darstellen will, dann drängen Innovationen auf Regelungen, die über die Politik zur Verwaltungsentscheidung zu formen ist. Die Schwierigkeit liegt im Prüfungsverfahren über mögliche negative Effekte, ob diese nun kalkulierbar sind – oder nicht. Die Politik erhält eine Beglaubigunggsfunktion, die sie eigentlich guten Gewissens nichjt ausüber kann. Es begann einmal bei Contergan, ein Medikament, das einerseits die erwünschte Verfügung über den eigenen Bauch in Aussicht stellte, andererseits zu den bekannten Schädigungen in der embryonalen Entwicklung führten. Auch wenn die Politik bei Medikamenten nur indirekt beteiligt ist, die Entscheidung fällt ein oberster Sanitätsrat im Gesundheitsministerium, der natürlich nach politischen Kriterien kooptiert wurde, so wäre der Protest kaum zu erstragen gewesen, hätte man aus Gründen der Ungewissheit über mögliche Folgen dieses Medikament nicht zugelassen. Sofort wären gesellschaftspolitische Werthaltungen diskutiert worden, wobei die eine Seite sich den Vorwurf rigider Sexualmoral gefallen lassen muss, die andere hingegen in der sogenannten „Pille“ die lang ersehnte Befreiung sehen. Im Rahmen solcher Debatten wird nicht mehr über die möglichen Gefährdungen gesprochen, die alle Innovationen enthalten. Der Bau jeder Lokomotive schafft generell die Möglichkeit eines Zugunglücks. Interessant ist, dass bei einem weltanschaulich orientierten Richtungsstreit nie über die möglichen Risken debattiert wird. So weit hat man sich bereits ans Paradigma technomorpher Eigenschaften von Organismen gewöhnt, dass ein Schadensfall für unmöglich gehalten wird. Jede Debatte über die Errichtung eines Atomkraftwerks bestätigte diese Beobachtung – bis Tschernobyl oder Fukushima.

An Hand der beiden Beispiele können Sie sofort in die Problematik einsehen, nämlich, nämlich die stetige Entkernung der politischen Kompetenz unter dem Druck der Natur- und technischen Wissenschaften. Gemeinwissen und Expertenwissen werden weniger zu einem eklatanten Widerspruch, vielmehr verliert das Gemeinwissen dauerhaft an Reputation. Daher wird mit Hilfe von Google und Wikipedia dieser Mangel aufgewogen und lässt die Diskrepanz noch deutlicher werden, nämlich über diese Informationen keineswegs an Kompetenz zu gewinnen, sondern das Expertenwissen wird noch plausibler. Und daraus ist der Schluss zu ziehen, dass eben Geisteswissenschaften am allgemeinen gesellschaftspolitischen Diskurs kaum mehr teilnehmen können und die Sozialwissenschaften es sich gerade noch einbilden können. Sie können an der Debatte über eine normrelevante Bedeutung naturwissenschaftlicher Innovation nur marginal teilnehmen oder sich diesem situationsbezogenen Expertenwissen ausliefern.

Nun müssen wirt uins gleichzeitig vor Augen halten, dass der theoretische Fortschritt in den Naturwissenschaften und der Technik nicht nur die Menge verfügbarer und erklärungsfähiger Wissensformen vermehrt, sondern gleichzeitig auch die konkreten Handlungsmöglichkeiten erweitert. Wenn es möglich war, immer bessere Motoren zu bauen, so erreichte man damit auch immer höhere Geschwindigkeiten und die Tagesreisen bewältigten immer größere Entfernungen. Die berüchtigte Jause in Salzburg war möglich geworden wie das Abendessen in Wien deshalb nicht abgesagt werden musste. Dieses recht dürftige Beispiel verhüllt ein weit größeres Problem, das wir bisher in der Geschichte als ein Spannungsverhältnis zwischen Wirklichkeit und Mythos erlebt haben. Da gab es eine Ebenbürtigkeit, die schon in der Aufklärung angezweifelt wurde, nun aber im technischen Zuschnitt die Mythen teils auflöst und gegenstandslos macht, wobei freilich technische Mythen entstehen können. Die Ablöse war aber eine ungleich dramatischere: Untersucht man die Wirklichkeitsauslegungen und verbindet sie mit der anthropologisch gefügten Sehnsucht nach Stabilisierung von Befindlichkeiten der Innen- und Außenwelt, womit die Suche nach Kontingentem begann, die Bemühung um Gewissheitsstiftung und Sinnstiftung, die im Zusammenhang mit den Lebensvoraussetzungen erfahren werden, dann hat der Logos dem Mythos nicht vorausgehabt. Nun ist im Zug der Rationalität oder gar der ehrgeizigen Vernunftstiftungen der Mythos keineswegs verschwunden. Er hatte immer den Vorteil gehabt, ästhetisch nutzbar zu sein. Darin bewies er seine ungebrochene Lebendigkeit. Die technische Nutzbarkeit gerade in ihrer ästhetischen Komposition – industrial design – schuf eine neue Art der Mythologisierung der Modernen, die man in der Magisierung der technischen Geräte nachvollziehen kann, vom Auto bis zum Flugzeug. Der Futurismus hat erstmals darüber befunden und gleichzeigt zum Menschen eine technische Morphologie bereit gestellt. Der ambivalente Beginn dieser Bewegung noch vor dem ersten Weltkrieg in Italien war einerseits von Ideen des Kommunismus geprägt, die Proteste richteten sich gegen die vielfältigen Formen der Entfremdung, hingegen in Prato war man entschieden gegen die Demokratie auf die Straße gegangen. Das Ganze hatte gleichzeitig einen humoristischen wie blutigen Charakter. Die Proteste hatte in Florenz das Militär niedergeschlagen, hingegen in Prato engagierte man Schauspieler, die in der Maske der Rädelsführer und Ideologen die Proteste fortsetzten, was häufig zu namenlosem Gelächter führte. Erstmals gestand Max Ernst 1958 ein, dass man diesen Umtrieben, diesen Manifesten und Handlungen, mehr Bedeutung beilegte als etwa den Werken. Das alles war am Beginn vom Dadaismus angeregt worden, der zeitgleich mit dem Krieg einen Anarchismus entfaltete, der aus Verzweiflung und bitterem Hohn bestand. Da war der Geist der systematischen Negation entwickelt worden, allein schon der Gedanke, dass alle Malerei, auch die zeitgenössische, ein Skandal seien, wollte die grundsätzliche Ablehnung von Kultur oder was darunter firmiert. 1920 und 1921 waren die großen Leipziger Aktionen, vor allem im Centraltheater, in dem Huelsenbeck, Hermann und Baader auftraten als Oberdada, Pipidada und Dadasoph und sinnlos Worte deklamierten, Sätze in Bruchstücken, durcheinander redeten und ihren Wortsalat mit Tänzen begleiteten, mit den sog. Dada-Trott. Dazu erklang wüste Musik, oder besser Lärm aus Blasinstrumenten. Das Ziel war eine Unpopularität, die später nur mehr Dali erreichte. Es war einerseits eine andere Zukunft heraufbeschworen worden, eine Zukunft, die wir seit der Kreation des homme sauvage aus dem 18. Jahrhundert kennen, der edle Wilde war wieder das Ideal geworden, andererseits nicht in der Eigenart von Naturalisierung wie im ethnologischen Lehrbuch, sondern in der Kreation seiner Technisierung.

Der Sinn dieser Geschichte war, dass hier diese Spannung thematisiert wurde, die in der Auffassung der Künstler zwischen Industrialisierung, nahezu anachronistischer Politik, brüchiger Gesellschaft samt ihrer Theaterkultur eingetreten war und prompt im Weltkrieg endete. Es war eine Ästhetik des Anti-Ästhetischen und erstmals hatte man in solchem gegenstrebigen Vokabular zu denken begonnen. Erstmals war nicht die Leinwand die Grundlage des Ausdrucksmittels, sondern die Straße, das Flugblatt, das Theater. Erst mit der „Aussöhnung“ dieser Bewegungen mit der politischen Realität hatte man sich wieder in die Ateliers zurückgezogen und musste eingestehen, von der Welle des politischen Totalitarismus überrollt zu werden. Das war in Italien der Fall, in Spanien, in Deutschland und auch in der Sowjetunion.

Es war alles zusammengemixt worden, sodass auch antisemitische oder antifeministische Kapriolen enthalten waren, die man vor 1933 nicht ernst genommen hatte. Dali behauptete dann in dieser Geistesverwandtschaft, dass ihm die Kunst der Renaissance schon lieber ist als jene primitive der Neger. Noch eindrucksvoller ist das Schreckenerregende bei Max Ernst, das von einer Stille gekrönt wird, die ein neues Hören fordert – Buddha reitet eben auf einem Tiger. Das Ich kennt kein Halten mehr, das Ausgeliefertsein beginnt. Die Gemälde sind die Dokumentation dieses Zustands. In unsrem Sinn genügt nur eine kleine Drehung und das Bewusstsein gerät in die Zentripetalkraft des Automatismus. Im Sinne Freuds setzt das Reich der Willenlosigkeit ein. Max Ernst hat das ins Technische übersetzt, in die noch fiktionale Erfindung halbmechanischer Produktion. Es gibt das Durchschreibeverfahren, die wilden Kollagen aus zerschnittenen Holzschnitten. Es soll eine Weltgestaltung sein, aber gemeint ist das Gegenteil des Wortes: die Gestaltung der Vernichtung. So sehen wir, dass unsere Darstellung des Technischen, das in die Wirklichkeit der Gesellschaft eintritt, kontrastiert wird – wenigstens damals – von der Negation dieser unaufhaltsamen Entwicklung im Surrealismus und gleichzeitig affirmativ wird am Beispiel der Nachfolge im Wiener Phantastischen Realismus, die Perversion der alten Anliegen von Dada und Surrealismus. Also gerinnt die Zukunft in eine Wiedergewinnung schlecht kompilierter alter Mytholgie, die nur deshalb Aktualität vorzugeben vermag, denn zitiert ist das Jüdische in allen seinen Symbolen.

Zurück zur Ermittlung der besonderen Art von Fortschritt, der über die technischen Zubereitungen einerseits diese neue Zivilisation ermöglichte, andererseits das künftig Denkbare als Wirklichkeit schon vorwegnimmt. Freilich können wir uns da im Kreis bewegen, denn oft entwickeln wir Techniken, die in ihrer Wirkung nur die Fortsetzung zur Förderung dieser Techniken sichern. So ist zuweilen der Fortschritt wie ein selbstreferentielles System, allerdings zieht er Menschen in seinen Bannkreis, die in diesem leben und außerhalb nicht mehr leben können. Also wächst in Teilbereichen der Zivilisation der forschungspraktische, technische und ressourcenverbrauchende Aufwand, den die Steigerung unserer Wohlfahrt uns abverlangt, rascher als diese Wohlfahrt selbst. Deutschland ist ein gutes Beispiel gegenwärtig. Einerseits hat es im Kreis der Industrienationen der Welt eine Hauptrolle inne, andererseits ist der Schaden an der Infrastruktur immer deutlicher zu vermerken. Kombiniert man also die Konsequenzen dieser Diskrepanz mit den weithin bekannten Problemen von Bevölkerungswachstum, Klimawandel, Aussterben zahlreicher Arten der Pflanzen und Tiere, dann benötigt man keine besonderes Wissen, um den Aussagen von „global 2000“ zu folgen. Der Zivilisationsprozess ist in die Phase geraten, in der die bis dahin aufgezählten Fortschritte sich regelmäßig verkleinern, oder aber einen sinkenden Grenznutzen besitzen. Es ist in der Zivilisation tatsächlich der Zustand eingetreten, den man mit der Vollmotorisierung vergleichen kann. Die Ausstattung jedes mit diesem Zauberkarussell bringt den Verkehrsfluss zum Stehen. Die Strecke zwischen München und Salzburg im sommerlichen Reiseverkehr wird zur Tagesreise, die vermutlich Mozart in der Kutsche angenehmer und schneller zugebracht hatte. Hier eine Absurditätsminimierung zu erzielen, liegt natürlich in weiter Ferne. Zu groß sind die Versprechungen, die ein Auto noch heute in Aussicht stellt. Und wir müssen uns ökonomisch, sozial und politisch damit beschäftigen, auch wenn wir wissen, dass wir um dieses Nadelöhr nicht herumkommen, weil wir eben nicht bereit sind, Erwartungen zu ändern oder aus einer Wirklichkeit andere Konsequenzen zu ziehen. Das wäre eine Frage nach der Gesellschaftzspolitik, die diese Änderungen anzusprechen hätte.

Eine ganz andere Frage ist ebenfalls zum Vorschein gekommen, aber nicht so deutlich wie es nötig gewesen wäre: Kann man den bekannten Charakter der beschleunigten zivilisatorischen Evolution, die unzweifelhaft über den Einfluss der Technik eingetreten ist, in gleichem Maße auch der kulturellen Entwicklung zuschreiben? Von der Entwicklung der Lesekultur bis zur technikabhängig fortschreitenden Anhebung der Wohlfahrt haben sich neue kulturelle Formen eingespielt. Im Grunde ist ein Diffusionsprozess eingetreten, der recht paradoxe Züge hat. Die Kenntnis klassischer Texte ist keineswegs gesteigert worden, obwohl der Anteils an Lebenszeit für solche Zwecke gesteigert wurde. Was wir da mehr lesen, ist relativ gut erhoben und zeigt ebeen die neue Form kultureller Realität, die an sich einer ähnlichen Dynamik unterliegt wie wir sie der technischen Entwicklung zuschreiben. Also orientieren sich die kulturellen Alltagspraxen weit mehr an technischen Möglichkeiten des Spiels, der fast schon autistischen Hingabe zum Handtelephon, hingegen ist die gewonnene Zeit bereits verspielt. Es genügt also nicht, uns nur mit zeitumgangskulturellen Konsequenzen der technischen Evolution zu beschäftigen.

Wenn wir am Beginn erwähnten, dass die Gegenwart verkürzt erscheint, so hatten wir auf der einen Seite die Aufdringlichkeit der Vergangenheit, di sich in die Gegenwart einmengt, andererseits erleben wir in der Gegenwart Zugriffe des Künftigen, wie etwa durch Technik, durch die Vielzahl von Prognosen und Extrapolationen, so dass wir meinen können, die Zukunft spielt sich bereits in der Gegenwart ab. Ein eindeutiger Topos ist uns geläufig, nämlich die Klage, wie schnell die Zeit vergeht, oder aber noch grotesker, man meint es habe da eine Beschleunigung stattgefunden und lasse die Zeit schneller verrinnen als es vielleicht einmal der Fall war. Das muss auf das Interesse des Soziologen stoßen, denn wie oft hatte die Dauer, das Ausschöpfen von Zeiträumen in der Literatur eine Rolle gespielt und da war nichts von Hast und Eile zu spüren, eher die Bedächtigkeit des Erlebens. Ein perfekter Meister von Verlangsamung oder Entschleunigung war Adalbert Stifter, der sich die Muße nahm und begonnen hatte, Steine zu beschreiben, Signaturen der Erdzeitalter. Hingegen hetzten wir heute hinter der Zeit her und bereits Verspätungen weniger Minuten spannen uns auf die Folter. Wir können in diesem reißenden Fluss der Zeit nur mehr schwer entscheiden, ob etwa die Erfindung der „Pille“ das wichtigere Ereignis war als die frz. Revolution, bzw lernen wir daraus, dass wir keine eindeutigen Kriterien für Wandlungsprozesse besitzen. Die politischen stehen mehr und mehr im Schatten von Ereignissen der Technik – und es muss nicht immer die Weltraumfahrt sein, die uns neue Zäsuren beschert als wäre hier eine andere Art der Entdeckung Amerikas gelungen. Dennoch ist die Beschreibung ernst zu nehmen, die wir aus der französischen Philosophie empfangen haben, allen voran Baudrillard und Paul Virilio, die eine neue Bezeichnung für den Lauf der Dinge wählten, nämlich die Dromologie. In der Stadtplanung hatte Virilio vorhergesagt, dass die neuen Zentren die Flughäfen sein werden, alles darauf gerichtet und damit werden die Begegnungsformen flüchtiger, oberflächlicher, unverbindlicher ehe dann überhaupt ein singularisierter Mensch die übliche Erscheinungsform wird – wie bei Houellebecq.

Natürlich muss man vorsichtig bleiben. Die meisten Ausführungen sind für das Feuilleton gut geeignet, taugenm aber nicht für eine weitere theoretische Bearbeitung von zugegeben neuartigen Phänomenen. Wie steht esalso mit der Beschleunigung, wenn gemessen wird, dass der PKW-Verkehr nicht nur langsamer wird, sondern immer öfter überproportional viel Zeit kostet. Die Postzustellungen waren vor Jahrzehnten besser, die Fristen bei Antragstellungen bei Ämtern werden immer öfter ausgedehnt. Halten also Beschleunigung und Entschleunigung einander die Waage? Der Musikkritiker Joachim Kaiser hatte einmal gemeint, die Kompositionsdauer für Werke habe sich gegenüber früher vervielfacht, bekanntlich hatte Schubert seine Einfälle auf seine Manschetten geschrieben, und jedem ist nach diversen Volksanwaltsendungen geläufig, dass die Bürokratie unglaublich langsam oder zähflüssig arbeitet. Hinter den Erfordernissen bleiben die zwingend erforderlichen ökologischen Maßnahmen zurück oder versäumen sogar eine Rechtzeitigkeit des Handelns. Die gegenwärtige Klimaschutzdebatte hatte sich zwar gewaltig dramatisiert, ja erhielt fast schon hysterische Züge, doch sehr bald wird wieder der alte Schlendrian einkehren, denn wir werden uns damit abfinden, dass alles nicht nur sehr kompliziert ist, sondern auch bei Durchführung dringlicher Maßnahmen unsere Lebensgewohnheiten erheblich irritieren würden. 

In der Beurteilung müssen wir nun innehalten. Die Zähflüssigkeiten, die unverständlich erscheinenden Langsamkeiten kommen aus Vorwürfen, deren Hintergrund Beschleunigungsvorstellungen sind. Selbst historische Vergleiche würden uns nicht wirklich belehren, heute schneller oder langsamer zu sein, wenn man von der Technologisierung der Verkehrsmittel absieht, die aber ihrerseits in eine Phase der Verlangsamung gerieten. Ein Flugzeug mag schnell fliegen, doch der Weg zum Flughafen mit Stau, die immer häufigeren Verspätungen um viele Stunden, die Ankunft und die Einfahrt in die Stadt lassen auch mittleren Entfernungen die Frage zu, ob man da wirklich schneller gewesen ist? Wäre die Deutsche Bahn nicht im Dornröschenschlaf geblieben, so hätte sie alle diese mitteleuropäischen Destinationen schneller erreicht als ein Flugzeug. In Japan ist es bereits der Fall, da der Bahnverkehr das Flugzeug großteils ersetzt.

Zurück: Zu beobachten ist, dass unser Zeitgefühl sich änderte und dieser subjektive Vorgang hatte nahezu die gesamte Gesellschaft heimgesucht. Wichtig dabei ist für den Soziologen, dass individuelle Einschätzungen kollektive wurden. So haben wir unsre Wahrnehmungen und Beurteilungen dem technischen Konzept angeglichen, beziehen daraus unsere Erfahrung von „langsam“ oder „schnell“ und begründen damit die Beschleunigung im Vergehen der Zeit. Peter Berger hat in seiner Analyse der Zeit  – man kann sagen – die Schuld für die Beschleunigung der Armbanduhr gegeben, die obendrein mit dem Sekundenzeiger die Wahrnehmung des Verrinens der Zeit erlaubt, aber gleichzeitig ist es eine sinnlose Information, so man nicht mit Zeitmessungen beschäftigt ist. So war eine technische Spielerei zum Motor unserer Beschleunigungsvorstellungen geworden, wie wir diesen sofort widersprechen, sollten wir in einer Warteschlange stehen. Besonders amüsant ist die Wartezeit in einem Computershop, die doppelt so lang empfunden wird als andernorts.

Natürlich gibt es objektive Veränderungen, die sich als Aktenberge, als Zuwachs an Büchern und Publikationen, Zuwächse der Verkehrsflächen und deren Nutzung durch immer mehr Fahrzeuge bemerkbar machen. In Wirklichkeit stehen wir vor unseren eigenen Überforderungen, bringen die Kapazität zum Erfassen der Dinge nicht auf und kapitulieren vor der Penetranz der Bestände. Diese sind nur als Bereich von Entertainment weiterhin vorführbar, also entscheidet das Vorhandensein von Bildmaterial über die bessere Kenntnis von Geschichte. Es ist automatisch Zeitgeschichte bevorzugt und nicht der Investiturstreit. Und kriegerische Ereignisse oder wahnwitzige Diktatoren machen sich allemal besser im Bild als die photographische Wiedergabe eines Privilegium minus. Die Verarbeitung des kulturellen Informationszuwachs ist eine weitere Überbeanspruchung und die Selektion nimmt sich aus wie das Aufbäumen im Widerstand gegen die bedrängenden Neuigkeiten und Ideen. Die Scheinparadoxie wird immer deutlicher, wenn einerseits ein Avantgardismus zu den Kriterien des Zeitgenössischen zählt, andererseits ist die museumsstürmische Phase vorbei und die Avantgarde musealisiert sich im Nu.

Der Sinn dieser Zusammenstellung liegt darin, dass nicht nur die Orientierungslosigkeit dokumentiert ist, besser gesagt eine Entscheidungsschwäche, denn es sind ja die Beurteilungen vorgegeben, sondern dir Information über die laufenden Dinge erfüllt nicht mehr, was einmal der Wortsinn gewesen ist. Information soll über einen tradierten Sachverhalt Auskunft geben, zu unterrichten und belehren und über die weitere Entwicklung des Gegenstands. Information ist immer im Kontext einer realen Beziehungsform gegeben worden, hingegen bedeute Information heute, die Neuigkeitsmanie zu bestätigen,

Mit einiger Besorgnis müssen wir uns nunmehr ein anderes Attest für unsere Gegenwart beschaffen. Sie ist, wie schon dargestellt wurde, ein unglaublich kurzer Zeitraum geworden. Besinnen wir uns auf den Zweck des Theaters in der Aufklärung, so haben am Beginn die Stücke Molieres zugleich den Zweck verfolgt, nicht nur eine Charaktereigenschaft wie ein Modell auf die Bühne zu stellen, das nicht zur Nachahmung empfohlen wurde, sondern in dessen Vergegenwärtigung war zugleich auch eine Dauer der Gegenwart eingetreten. Geizig, habgierig, krank sind gleichsam Dauererscheinungen unserer Existenz und dehnen sich in ihrem Erscheinungsbild aus, schaffen eine Gegenwart, die Jahre währt. Wenn man dieses Ansinnen mit den Musikdramen Richard Wagners vergleicht, wird man schnell zum Schluss kommen, dass sich fortwährend eine Vergangenheit buchstäblich aufdrängt, im Mord, Totschlag, Verderben oder aber im Durchschauen der Konstellation. Für Lohengrin ist der Moment der Klarsicht zugleich das Ende. Das Ende ist nicht nur in Siegfrieds Tod gegeben, im Siechtum des Amfortas, dem niemand Heilung bringen kann, sondern auch in der etwas komischen Frage der Elsa nach der Herkunft dieses Lohengrin, lüftet er das Geheimnis und ist für immer weg. In diesem Moment ist die Vergangenheit in der Gegenwart angekommen und beendet zugleich diese mit der brüsken Abwendung Lohengrins von seiner neugierigen Frau.
Vielleicht ist es überzogen, doch in der Bedeutung dieser Musikdramen sind immer die fernen Welten der Vergangenheit ausschlaggebend, wobei deren Motive erst in der Gegenwart zum Vorschein kommen und das beenden, wovon wir einmal meinten, Geschichte sei eine Kontinuität, ein endloser Faden. Solange wir in diesem Prozess der Ästhetisierungen stehen, sind die Konsequenzen scheinbar harmlos, was sich aber ändert, wenn wir den Historismus verlassen und in die politische Geschichte eintreten. Der Historismus hat eben den fatalen Beigeschmack, dass in ihm auch die nationalen Identitäten sich selbst zu reanimieren scheinen, ja aus dieser Rekonstruktion des Illusionären erwächst die Lust zur Überheblichkeit und Einzigartigkeit. Wie ein Golem steigt diese Macht aus dem Dunkel und es ist zugleich das deutlichste Moment, in dem die Sprache buchstäblich gestohlen wird. Sie wird gestohlen in diesen erfundenen Vorgeschichten, nicht nur in McPhersons Ossian, in den erfundenen Liedern, sondern sie legt sich einen Zungenschlag bei, der etwa in der Zeit sogenannter klassischer Literatur noch nicht vorhanden war. Die Wende ist bei Heinrich Kleist, der unter dem Druck der Romantik die Klassik in eine Realität transformiert, die zugleich die Gegenwart zur Fiktion erklärt. Die gleiche Wende können wir politisch bei Metternich selbst erkennen, der ein Alternativprogramm zu Napoleon entwirft, scheinbar den dauerhaften geschichtslosen Frieden, der die gewachsenen Strukturen aber nicht zulässt, sondern einen Neoabsolutismus einleitet.

Diese Rückblicke sollen nur zu erklären versuchen, dass die Geschichte die Transformationen stets provoziert, die Wandlungsprozesse zum historischen Prinzip erklärt, womit ja das auslaufende Modell christlich-jüdischen Geschichtsverständnisses zur Sprachlosigkeit verurteilt wird. Die Paradigmen des Evangeliums werden nicht mehr als Einschnitt in unsere Existenz verstanden, sondern ab Schleiermacher als philologischer Text.

Im Grunde zögere ich die Einsicht hinaus, dass die Anerkennung dieses Gestaltungsprinzips der Geschichte, die sich endlich aus Chronologie und Chronik herauslöste, nicht mehr den Nachweis zu erbringen hat, einer Erlösung entgegenzugehen, sondern wie ein perpetuum mobile soll sie die Wechselfälle aneinanderreihen, was auch immer damit veranschaulicht werden soll. Jedenfalls müssen wir das Kompensat von Erlösung, nämlich die Verbreitung von Demokratie, Wohlstand und Freiheit, heute mehr denn je als Fiktion hinnehmen. Das zeigt sich im Schrifttum heute, wo das Sterben der Demokratien prognostiziert wird. Es wird nicht nur angenommen, weil es Potentaten gibt und weitere hinzukommen, sondern die tatsächliche Spannung kann aus dem Widerspruch zwischen demokratischem Partizipationsmodell an politischer Entscheidung und der Undurchführbarkeit im großen Flächenstaat bestehen. Entsinnen wir uns der Umstände, die Republik und Demokratie einräumen, dann sind es Stadtstaaten wie Athen, beschränkt sich aufs Stadtgebiet von Rom oder schafft ein städtisches Bürgertum, das sich im Mittelalter gegenüber Fürst und Bischof positioniert. Die dazugehörige Schrift „de regimine principum“ von Thomas von Aquin ist gleichsam die Urkunde eines alternativen Modells gegenüber Feudalismus und Untertänigkeit. Als Beispiel ist mir die EU vor Augen, in der man naiv genug war zu meinen, Nationalstaat und Nationalstaat als formale Republiken addiert, ergeben eine europaweite Demokratie. Ein Schlaraffenland ist im entstehen, ja es fehlt nicht viel und selbst Gulliver wäre auf seiner Reise aufgefallen, dass die Politik ein Dornröschenschlaf befallen hat, oder aber eine sonderbare Wiederkehr längst begraben geglaubter Konflikte, das Auftauchen von längst für Tod gehaltene Gespenster. Was haben wir da falsch gemacht?

Glaubt man Stephen Levitzky und Daniel Ziblatt, dann sterben Demokratien vor sich hin, wenn der Konsens zwischen den Institutionen eines demokratischen Systems zerrüttet ist. Beide meinen, die Ablehnung eines vom US-Präsidenten Obama ausgewählten obersten Bundesrichters durch den Senat sei einerseits ein Bruch einer Tradition gewesen, in der man den Vorschlag des Präsidenten stets billigte, denn seit 1866 hatte man dem Präsidenten dieses Recht einer Stellenbesetzung zugestanden. Nun setzten die Republikaner durch, dass der Kandidat nicht nominiert werden konnte. Die Position blieb unbesetzt und erst nach dem Wahlsieg wurde ein Republikaner zum Bundesrichter ernannt. Natürlich muss man berücksichtigen, dass alle diese Klagen über das Siechtum der Demokratie von Krokodilstränen begleitet werden, nämlich Schritt um Schritt ist man zu einem politischen Konsens nicht mehr bereit, der einmal informell die Positionen innerhalb der Institute der Gewaltenteilung geregelt hatte. Noch deutlicher beschreibt Sascha Mounk dieses Phänomen und sieht es generell als Bedrohungsszenario für die ganze Welt. Nun muss man vorausschicken, dass diese Transformationen die Folge einer allgemeinen Veränderung der politischen Stimmungslage waren. Man braucht fürs österreichische Beispiel keine Personen extra zu nominieren, um zu sehen, dass ein state interest kaum mehr vorhanden ist. Es wurde erstmals verletzt und in Zweifel gezogen als alles versucht wurde, die Wahl Waldheims zum Bundespräsidenten zu behindern, aber nicht allein durch offene Konfliktaustragung und Kritik, sondern unter Zuhilfenahme problematischer Quellen, die man sich aus dem Ausland zuspielen ließ. Niemand nannte den eigentlichen Grund der Bedenken, der vermutlich mit der Verleihung des Ehrendoktorats der Karlsuniversität in Prag nach 1968 weitaus gerechtfertigter gewesen wäre. Wie der spätere Bundespräsident Kirchschläger andeutete, hatte Waldheim als Außenminister die Ausstellung von Ausreisepapieren für flüchtende Tschechen untersagt.

Es ist nachgerade verhängnisvoll für das Selbstverständnis in Österreich, dass diese Unterstellungen einen Kandidaten betrafen, der zu sich selbst keine klare Linie gefunden hatte, nämlich den Militärdienst während des Zweiten Weltkriegs in seiner Ambivalenz des Unrechts und fragwürdigen Gehorsams zu begreifen. Und von da an war ein Bruch im Konsens dauerhaft gegeben, der sich dann bis in die Institute der Gewaltenteilung fortsetzte, ja auch auf die ökonomische Struktur öffentlicher Wirtschaft. Das kann andernorts durchaus nach anderen Kriterien ablaufen, so etwa in Ungarn. Aus dem Sammelbecken vormaliger Kommunistischer Partei hatten sich unterschiedliche Talente hervorgetan, die einen befürworteten einen geläuterten Sozialismus mit privaten Vorteilen, die anderen das absolute Gegenteil. Das Problem war, dass man an eine konservative Position anschließen wollte, die es allerdings nicht mehr gab, denn diese war schon in den 20er Jahren in Ungarn zerbrochen. Die Berufung auf eine derartige Tradition hatte mehr mit Miklos Horthy zu tun als mit dem Agrarkonservativismus Ungarns. Die Folgen liegen auf der Hand.

Nun ist sehr gut zu beobachten, dass das Siechtum der Demokratie keineswegs von der Ausschaltung eines der Organe der Gewaltenteilung begleitet wird. Nominell bleiben alle diese Organe bestehen, ändern aber ihr Verständnis für die ihnen zugeschriebene Funktion. Wie im Totalitarismus nominell Parlament und Gericht wie auch Verwaltung erhalten bleiben, so spielen sich die Änderungen in der personellen „Ausstattung“ ab. Es ist auch eine bewusst antagonistisch aufbereitete Stimmungslage dafür verantwortlich, dass sich die Personen in den Organen des Rechtsstaates eher als Erfüllungsgehilfen von Überzeugungen sehen, die nicht mehr ganz den Rahmenbedingungen einer Demokratie entsprechen müssen. Ganz langsam wendet sich das Blatt. Die Obersten Gerichtshöfe sind nicht mehr die einer Verfassung zugeordneten Instanzen, sondern immer mehr spiegeln sie die Veränderungsprozesse, die sie vielleicht als nötige Transformationen erkennen. Immer öfter gerät ein Gerichtshof, der sich einmal nach formalen Gesichtspunkten im Vollzug einer im Rechtspositivismus vorgesehenen objektiven Entscheidungsfindung verstanden hatte, zur moralischen Instanz. Es ist die Folge jener Erscheinungen, in denen individuelle Befindlichkeiten oder gar ungewöhnliche Lebensumstände nach einer Legalisierung verlangen, oder ein bislang unter Sanktionen stehendes Handeln sollte legalisiert werden. Allgemein wird das als Liberalisierung angesehen, die nunmehr zum Prinzip für die Interpretation verschiedenster „Lebensumstände“ erhoben wurde. Vorbereitet werden diese Transformationen des Rechts über political correctness und Sprachkontrolle. Bedenken dagegen werden jeder Grundlage beraubt. Eine Behinderung in der Legalisierung von Lebensweisen und –bedingungen gilt als illiberal, ja kann sogar immer häufiger als Verstoß gegen rechtsstaatliche und menschenrechtliche Normen angesehen werden. Das ist ja schon eingehend von den italienischen Juristen wie Paolo Prodi und Norberto Bobbio erörtert worden. Dabei ist zu bemerken, dass ein gesellschaftspolitischer Konfliktstoff, den es immer geben kann und geben darf, zu einem rechtspoltischen Standpunkt verwandelt wird. Unter diesem Aspekt gewinnen die üblichen Transformationen einen speziellen Charakter, der schließlich in den Katalog der Grundrechte Eingang findet. Ab nun ist der Konflikt auf Dauer gestellt und mögliche Gegner dieser Legalisierungsprojekte geraten ins Abseits – also befinden sich bestenfalls am Rand der Rechtsordnung. Es wäre zu überprüfen, inwieweit diese spezifischen Liberalisierungen insgesamt die Bindung an die Rechtsordnung schwächen und somit auch extremen politischen Gruppen mehr Bewegungsspielraum einräumen als es der Demokratie gut tut. Wäre die Debatte eben im gesellschaftspolitischen Raum geblieben, wäre vielleicht eine zivile Form der Auseinandersetzung erreicht worden. Neu daran ist die zunehmende Spannung des Rechtsstaats gegenüber den üblichen Lebenszeichen einer Gesellschaft, in der sich immer öfter Extremformen zu Wort melden. Es ist zugleich auch das Ende jeder Debatte und übrig bleibt eine unversöhnliche Haltung, die den für die Demokratie nötigen Konsens ausschließt..

Wie in den USA behauptet wird, ist nun jede Frage einer politischen Position zugleich der Beginn eines erbitterten Streites. Das Ziel ist daher, Territorien der demokratischen Willensbildung, Instanzenzüge der Administrationen in die Hand zu bekommen, zu erobern und dauerhaft zu dominieren. Dem politischen Gegner begegnet man mit Misstrauen, also muss man ihn aus allen politischen Gremien hinausdrängen. Kaum gelungen, treten die berüchtigten Beharrungsprozesse ein, also einmal Gewonnenes nicht wieder herzugeben, was gemäß einem demokratischen Selbstverständnis wohl das schwerste Vergehen gegen den Geist der Demokratie ist. Es ist zugleich der Beginn einer Versteinerung, die eintritt, um die politischen Wandlungsprozesse zu dominieren und zu kontrollieren. Ab nun gerät eine Demokratie immer mehr ins autoritäre Fahrwasser, was ja ohnehin innerhalb diverser untergeordneter Institutionen geübte Praxis gewesen sein kann, so man an Stadt- oder Landesverwaltungen denkt. Entscheidend ist, dass der politische Konsens endgültig verloren geht, ja nunmehr kommt es zum neuen und vielleicht auch chauvinistischem Verständnis eines state interest. Das alles zeichnet sich ab in den Weiterentwicklungen, die automatisch eintreten, wenn die Debatten in einer Demokratie anders verstanden werden, nämlich als Anspruch auf Demokratie. In gleichem Wortlaut werden Gegner benannt, denen die Qualifikation für eine Repräsentanz des Landes abgesprochen wird. Es ist die tendenzielle Neigung zur Einparteienherrschaft und es wird nun schwer zu unterscheiden sein, wann der immer deutlicher erkennbare Populismus in einen Cäsarismus umschlägt.

Nun sind wir anscheinend vom Thema abgekommen. Der Verlust der Gegenwart findet politisch dort statt, wo die sozialen Reziprozitäten unter dem Druck von Komplicenschaft und Nötigung eingeengt werden und nur mehr ein vitales Interesse zugelassen erscheint, nämlich ein Leben zu fristen. Es muss aber die biopolitischen Versionen nachweisen, ohne die die Zugehörigkeit zur Gesellschaft eigentlich nicht mehr eingeräumt wird. Gleichzeitig steigen ja die noch nicht zur Gänze genutzten Möglichkeiten, den Menschen permanent unter Beobachtung zu halten. Die Einengung von politischer Freiheit hatte man deshalb gering geschätzt, denn die Wahlfreiheit im Konsum hatte einen ungleich größeren Beitrag zu Wohlfahrt und Selbstbestimmung geleistet als jene Freiheit, für die so viele ihr Leben lassen mussten. Diese Diskrepanz wurde immer mehr verwischt und die Kriterien politischer Freiheit waren bald in den Forderungen individueller Freisetzungen und Emanzipationen überrundet. Im Gegensatz zur politischen Freiheit waren diese Individualisierungen in Richtung Libertinismus bei weitem attraktiver und schließlich waren nur mehr diese als Ausdruck von Freiheit geläufig geblieben. Dabei ist auffallend, dass diese individualisierende Wirkung der Freiheit die Demokratie ihres Rechts beraubt, nämlich ab nun steht die großsprecherisch behauptete Losung, für ein Volk einzutreten, den rechtsstaatlichen Normen politischer Freiheit entgegen. Die Transformation dieser beiden Kräfte lässt Böses ahnen, denn noch sind sie verwechselbar, also noch können diese als Institute einerseits der Gewaltentrennung angesehen werden und noch kann man meinen, man hat es mit jenem Volk zu tun, das im ersten Verfassungsartikel angesprochen wird. Im Populismus wird kühn ein moralisches Monopol der authentischen Repräsentation beansprucht, also wird es die Grundlage für die Erneuerung eines politischen Systems sein. Letztlich war schon vor Jahren prognostiziert worden, dass die Alternative vornehmlich zwischen einem Perronismus und Bonapartismus bestehen wird. Der Perronismus wird eine eigenartige Mischform südamerikanischen Autoritarismus verkörpern, der den Armen Brot verspricht, so die ökonomische Ausbeutung gewährleistet bleibt. Hingegen wird der Bonapartismus zwar alles tun, um den Populismus zurückzudrängen, doch das wird nicht ohne Stärkung der Regierungsgewalt gehen, nicht ohne deutliche Veränderung der Legislative, die bekanntlich beim Übergang von Obama zu Trump in den Sog politischer Parteinahmen geriet. Die Voraussetzung des perronistischen Transformationsprozesses beginnt einmal dort, wo legitimierte Planungsstäbe ihre Aufgabe gemäß Verwaltungsrecht zu erfüllen gedenken. Der Angelpunkt ist dann dort, wo auch ein zutiefst demokratisches System seine Energien zunehmend gegen solche fundamentale Entscheide richtet und sogar bereit sein kann, liberale Normen zu brechen. Also richtet sich eine Partei, ein Referendum, eine empörte Menge gegen die Usance des Verwaltungsrechts. Genau aus diesem Prozess würde man die neue Herrschaft ableiten können, die sich sogar auf einen Volksentscheid berufen könnte. Das bonapartistische System würde genau diese Veränderungen zu unterbinden versuchen. Während im Perronismus die illiberalen Vorlieben des Populismus in einen Kollisionskurs gegenüber den Institutionen des Rechtsstaates geraten, so wird es nicht lang dauern, bis man sich selbst über diesen vermeintlichen Willen des Volkes hinwegsetzt.

Das bonapartistische System hingegen hat sich scheinbar legal eingenistet, denn immer öfter hat sich die politische Elite – oder darf man bereits sagen: die politische Klasse von den Ansichten der Bevölkerung abgekoppelt. Es war kein Wunder, denn das mächtigste politische Organ, das Parlament, hat einen Großteil seiner Macht an die Gerichte, an die Bürokratie, an Bundesbank oder EZB und an internationale Abkommen und Organisationen verloren. Der sogenannte „normale Bürger“ erkennt sich in den Interessen der Politik nicht wieder, die einfach über seinen Kopf hinwegschreitet. Schon längst geben Bürokratien die Rechtslage vor, die im Nachziehverfahren erst vom Parlament behandelt werden kann. Nun obliegen politische Aufgaben nicht so sehr den nachgeordneten Verwaltungsinstanzen, sondern immer öfter treten unabhängige Organe in Entscheidung, die eigenständig weitreichende Regelungen implementieren. Es ist die Rede von den Privatisierungen öffentlicher Wirtschaft, die den Zweck hatten, die Verwaltung des Staates schlanker zu machen, um Entscheidungen effizienter und sachkundiger herbeizuführen als es Beamte tun können. Die sogenannten Bundesforste in Österreich sind ein gutes Beispiel, die als privatisiertes Unternehmen zwar im Eigentum des Staates blieben, doch keine staatlich beeinflussbaren Entscheidungen treffen können – nach Kriterien der Sparsamkeit und des größtmöglichen Nutzens. Angeblich sind die Agenda dieser Gesellschaft sogar der Kontrolle des Rechnungshofes entzogen. Als nun diese Gesellschaft das Quellwasser der Alpen zu verkaufen dachte, war es nur über Proteste möglich, diesen Verkauf rückgängig zu machen, das heißt, es war dann doch möglich, das privatisierte Interesse an die tatsächlichen Eigentümerinteressen zurückzubinden, also ans österreichische Volk. Man kann nun viel darüber befinden, doch tatsächlich zeigt diese Geschichte einen um sich greifenden Bonapartismus, der obendrein bedauert wird, denn Querulanten behinderten die insinuierten ökonomischen Interessen – die eben wie private aufgefasst werden.

Eine Steigerung erfuhr der Bonapartismus in der Konstruktion der Europäischen Union ohne adäquate Ausstattung des Parlaments. Im Grunde ist es ein Parlament, dem nicht einmal jene Mitbestimmung zugesprochen wird, wie diese in der „Dezemberverfassung“ 1867 in der k.u.k. Monarchie vorgesehen war. In Brüssel regieren durchaus respektable Bürokratien, doch fast wie vor urdenklichen Zeiten die Hofverwaltungen und Kommissionen über Länder und Ländereien bestimmten. Letztlich lautet die Regel bonapartistischer Politik, die Macht über die Normenkontrolle in Händen zu haben.

Dieser politische Kommentar ist ein Zusatz zur Beschreibung jenes Phänomens, das wir in der Vorlesung als Verlust der Gegenwart bezeichnen. Darin scheint die Zeit still zu stehen, aber nicht weil die Gegenwart wie eine Daseinserfüllung frühere Träume verwirklicht, sondern weil die Aufdringlichkeit der Geschichte und das Eindringen der Zukunft die Dauer der Gegenwart einengen, ja fast auslöschen – gesellschaftlich und individuell.