An einem anderen Tisch, gleich neben der Erbschaftsgruppe und noch vor dem Rauchertisch findet sich regelmäßig jene Informelle Vereinigung ein, die akribisch Kritikpunkte sammelt und generell die Qualität der Heime unserer Krankenversicherung vergleicht. Die Beurteilung des Badener Heimes fällt noch relativ günstig aus, da jedem Einwand vorausgeschickt wird, dass man überall ein Haar in der Suppe finden könne. Fast klingt es wie eine großzügige Entschuldigung. Und so besagtes Haar dann doch Erwähnung verdient, ist es eben zum Zweck vergleichender Studien, die man inzwischen seit einigen Jahren anstellen könne. Offenbar ist die Voraussetzung, Kritik üben zu dürfen, vom Umstand abhängig, dass man Mitglied dieser Jury ist und auch nur dann ernsthaft sein kann, sollten mindestens vier oder fünf Heime besucht worden sein. Jenes Votum wiegt schwer, wenn der Beurteiler nachweislich jährlich einen Kuraufenthalt erfolgreich absolvierte. Und der Doyen der Runde ist ein älterer Herr, der regelmäßig seit 1971 Kuranstalten aufsuchte, wie er mehrmals betonte! Und es ist möglich, weshalb man den chronischen Erkrankungen fast dankbar sein muss. Es herrscht die einhellige Auffassung in der Runde, dass etwa die Suppen in Vigaun jenen in Groß-Gerungs nicht das Wasser reichen können. Dieser auf Suppen bezogene Vergleich dient der Ermittlung einer Güteskala, die dann die Einordnung der anderen diversen Heime erlaubt. Gewiss gibt es einigen Wortwechsel schon in der Frage der Suppen, wenn diese in Baden als zu heiß qualifiziert werden, weshalb man die Qualität nicht gut feststellen kann, ohne sich die Zunge zu verbrennen. Und ein Mitglied der Jury beschwerte sich lauthals, über die Badener Suppe nichts sagen zu können, da er für Tage an verbrühter Zunge leide, keinen Geschmack empfinde, also um die Chance gebracht wurde, ein Urteil abzugeben. So könne er sich dennoch nicht der Stimme enthalten, sollte es um die Suppe in Baden gehen, denn zu heiße Suppen verlangen nach einem abschätzigen Urteil. Überhaupt, was Baden betrifft, meinen alle in der Runde, dass man sehr wohl so heiß essen müsse wie gekocht werde, da der Ansturm zur Mittagszeit die Nahrungsaufnahme stets mit der Aufforderung verbindet, schneller zu essen. Es ist ein Minuspunkt für Baden, sagt man in der Jury. Es ist eben im Unterschied zu Sauerbrunn kein fixer Sitzplatz auf Kurdauer, weshalb dieses Drängen und Nötigen stattfindet, eine Ungemütlichkeit, die jeden regelmäßig überrascht. War es in Sauerbrunn hingegen so, dass schon zu Beginn des Mittagessens die Salate ratzeputz weggegessen waren, da einige noch vor Öffnung des Saales bereits eingedrungen waren und sich großzügig selbst bedient hatten, so ist die Salat-Frage in Baden besser gelöst. Immerhin, war die gemeinsame Anerkennung. Freilich ist es ein Nachteil, der auch für Bad Pirawarth zutrifft, dass man sich während des gesamten Aufenthalts mit den Zufallsbekanntschaften bei Tisch zurecht finden muss, ob die einem nun passen oder nicht, was wiederum in Baden bei freier Sitzwahl zu Gruppierungen besseren Einverständnisses führt, weshalb auch die Neigungsgruppen entstanden, die dann in dem anliegenden Krankenkassen-Café die Unterhaltung fortsetzen. So war ja nicht nur die Erbschaftsgruppe entstanden, sondern es konnte sich aus Gleichgesinnten ebenso diese Jury konstituieren. Und diese fühlt sich legitimiert, auf Grund der vielfältigen Erfahrungen diese Urteile zu fällen. Wenn etwa in Harbach die meisten Abendessen den Titel einer kalten Platte beanspruchen, was mit Krakauer, Extrawurst, Eckerlkäse und sauren Gurken als Zumutung empfunden wird, im Grunde ein Skandal, so ist in Baden stets ein warmes Nachtmahl, immer eine Nachspeise auch abends, obwohl deren Güte zuweilen zu wünschen übrig lässt. Die besten Nachspeisen seien angeblich in Vigaun, behauptete eine Spezialistin bei Tisch, würde aber auch jene von Villach nicht ablehnen.
Nun ermahnten sich die Mitglieder der Jury, man könne nicht einfach Kraut und Rüben zusammenwerfen, sondern Punkt für Punkt sind die Angebote zu prüfen, auch aus der Erinnerung, um bei einem vorliegenden Ergebnis eine Grundlage für die Ortswahl eines künftigen Kurortes zu besitzen. Es müsse eine Ordnung eingehalten werden, mahnte ein Exekutivbeamter, die immer sinnvoll ist. Er selbst verteile Vor- und Nachteile allein nach den Kriterien, wie oft man sich aus dem Speisenangebot bedienen könne oder nicht. Und da sei Baden eindeutig der Vorzug zu geben, denn die Entnahme von Speisen aus dem Buffet erlaube eine mehrmalige Sättigung, durchaus ansehnliche Portionen, die man etwa in Bad Pirawarth vermisse, da das Essen serviert wird. Ja, das ist ein allgemeiner Mangel in den anderen Heimen bei gesetztem Essen, dass man das Bedienungspersonal nicht um einen Nachschlag bitten könne, oder aber ein derartiges Ersuchen generell abschlägig beantwortet wird. Immer wieder kam es auch in Vigaun zu beleidigenden Äußerungen des Personals, sollte man zwei Topfenknödel gefordert haben, zwei Schnitten vom Schweinebraten. Es war da wie dort empörend, also auch in Pirawarth, oder Sauerbrunn, dass das Personal einem das äußere Aussehen vorwirft, das bisschen Übergewicht. Beim Essen, und das war die einheitliche Meinung in der Runde, möchte man von Body-Maßen nichts wissen und nichts hören, schon gar nicht vom Personal, dem es auch nicht zustünde, Kritik zu üben. Freilich hat es zuweilen den Nachteil, dass in Baden die mehrfache Entnahme vom Buffet schwere Mägen verursacht, abends zu einem unangenehmen Magendrücken führt, das die Nacht über anhält, was kein Wunder ist, da in Baden im Heim keinerlei Alkohol erhältlich ist. Es ist ein schwerer Minuspunkt, der eigentlich alle anderen Vorteile in den Schatten stellt. Während man in Sauerbrunn Alkohol auf Verlangen nahezu unbegrenzt erhält, weshalb auch dort im Heim abends eine gelöste, ja heitere Stimmung herrscht, eine Fröhlichkeit trotz Krankenstand, auch in Bad Pirawarth wenigstens zwei Achtel pro Person nach dem Mittagessen und auch nach dem Abendessen gestattet wird, in Vigaun hin und wieder Bier auch im Speisesaal erlaubt ist, so ist Baden völlig abstinent. So ist die Stimmung im Haus mehrheitlich gedrückt, vor allem abends ist eine Grabesstille sozusagen, missmutig sitzen die Probanden der Behandlungsmethoden herum und widmen sich voll und ganz ihren Beeinträchtigungen. Wenn also, so die übereinstimmende Meinung in der Runde, von der Anstaltsleitung eine positive Haltung zu den Anwendungen gewünscht wird, so ist die Frage erlaubt, wie man ohne diese kleinen Aufhellungen dem nächsten Morgen positiv entgegensehen soll? Es ist gerade in Baden diese Prohibition unverständlich, da in der Not die meisten zu den nahegelegenen Heurigen eilen, um dort jenen Trost zu finden, der in Sauerbrunn schon im Heim selbst gewährt wird. Von Groß-Gerungs will man da gar nicht erst reden, da gleich vis a vis eine durchwegs ansprechende Wirtschaft die Grundbedürfnisse erfüllt. Das einzige Problem ist die pünktliche Heimkehr. Dass dabei Singen nicht gern gesehen ist, eine ausgelassene Stimmung auch nicht, obwohl die Rekonvaleszenten nichts nötiger hätten als eine geringfügige Ablenkung von den eigenen Leiden, ist der Jury unverständlich und eine unzumutbare Verschärfung einer ohnehin prekären Lage. In Pirawarth hat man sich diesem Bedarf gebeugt, da im ganzen Ort kein Alkohol erhältlich ist, obwohl das Heim von Weingärten umgeben ist – soweit das Auge reicht, und da könne man schließlich Alkohol nicht generell verbieten.
Grundsätzlich würde Baden von der Umgebung profitieren, vom sanften Hügelland, von den nahen Weinorten, allein die Notwendigkeit, diese Orte auch aufzusuchen, sich dorthin zu bewegen, stößt bei der Jury auf Unverständnis. Gerade weil eine großzügige Ernährung möglich ist, bildet die Vorenthaltung von die Verdauung fördernden Schnäpsen eine grundsätzlich falsche Maßnahme. Also Nuss-Schnaps sollte es geben, war die Meinung der Runde, der bekanntlich gesund ist und allfällige Beschwerden bereits im Keim erstickt. Wenn man sich hier also wie eine Jury den Kopf zerbricht, den Leistungskatalog zu verbessern, so wundert es, dass man ausgerechnet in Baden bockbeiniger als in Villach ist, in Vigaun oder sonst wo. Da hätte man die Behandlungen in Wien auch machen können, wäre halt hernach nach Hause gefahren, um zu den verdienten Medizinen zu kommen, was ja seit jeher dem Rotwein zuerkannt wird. Nichts davon in Baden!, lautete die Beschwerde. So ist es kein Wunder, dass die Gewichtszunahme droht, da man in Ermangelung von Wein mehr isst als üblich, länger in der sogenannten Lobby sitzt als nötig, also jede Art der Bewegung einschränkt, weil dieser Mangel demotiviert, frustriert und auch depraviert. Ja, es sind die Depravationen und Deprivationen der Insassen deutlich zu bemerken, speziell bei den Hüftoperierten, denn die haben keine Chance auf einen Heurigen, keine Möglichkeit zu einer Nahrungsmittelergänzung zu kommen. Ja, diese sind die Ärmsten und hätten sie rechtzeitig die Jury gefragt, ja dann wäre Sauerbrunn der beste Ort trotz Einschränkungen der Mobilität. Dahinter rangiert eindeutig Pirawarth,
dann erst Groß-Gerungs. Also, und das meinte man in der Runde auch einmal laut erwähnen zu dürfen, könne man bei diesen Restriktionen auch den Vergleich anstellen, der ein wenig übertrieben anmutet, aber auf das Schicksal der Hüftgelenksprothetiker Rücksicht nimmt, also, wagte man zu sagen, ist Baden im Unterschied zu Guantanamo noch immer geöffnet! So oft habe man bemerken müssen, wie die armen Beeinträchtigten ein paar Schritte nach draußen tun, dann unverrichteter Dinge wieder umkehren, da sie diese weiten Durststrecken nicht überwinden können! Es ist ein Skandal, sagte man in der Jury, dass jeder Zugriff auf diesen bekannten Schmerzkiller unterbunden wird, ja außer jeder Reichweite für jene ist, die mit künstlichen Knien oder Hüften benachteiligt sind. Und wie glücklich würden diese sein, sollten sie eine kurze Ablenkung von ihrem Schmerz erfahren.