Von heute auf morgen war er zusammengebrochen. Es war eine allgemeine Erschöpfung. Dabei hatte er sich obendrein einen komplizierten Beinbruch zugezogen, eine Schulterverletzung und einen Bruch der Elle am rechten Arm. Ziemlich lädiert war er ins Spital gekommen – ein Wiener Gemeindespital. Und so gut es eben ging, war er zusammengeflickt worden, doch den Ärzten verursachte sein psychischer Zustand bei weitem mehr Sorgen.
In Nebenbemerkungen war zu erfahren, dass er sich nicht mehr jung fühle, da er seine Feinde nicht mehr auswählen kann wie früher, sondern sich mit jenen zu begnügen hat, die ihm täglich begegnen. Und davon hat er genug, redete er vor sich hin, unabhängig davon, ob ihm wer zuhörte oder nicht. Man war recht froh, diesen Patienten bald an ein Rehabilitationszentrum abzutreten, das vermutlich mehr Geduld haben wird, vielleicht auch eine Hilfe anbieten kann, wieder an Mobilität zu gewinnen und zugleich das schwarze Loch der finsteren Gedanken zu verlassen. Da nur in Baden ein Platz frei war, hatte man ihn möglichst schnell aus dem Spital hinauskomplimentiert und der Familie des Patienten kam die Einweisung ins Himmelsbad nicht ungelegen. Beide Seiten waren erleichtert, diesen schwierigen Patron für die nächsten Wochen versorgt zu wissen. Sein Pessimismus war eine schwere Last für alle, die mit ihm zu tun bekamen. Es war dieser Pessimismus eine sonderliche Mischung aus unwirksamer Güte und unbefriedigter Bosheit. Darauf angesprochen, bestätigte er, dass seine Arbeit im Rathaus ihn zu dieser Gemütslage gezwungen habe, ansonsten wäre er erstickt in dieser muffigen Neugotik. Hinten und vorne würden die Proportionen im Rathaus nicht stimmen und das sei nur die Vorderansicht, sozusagen die Schokolade- oder Schauseite weit grässlicherer Inhalte, die bei ihm seit geraumer Zeit Brechreiz verursachten, Übelkeit und Migräne.
Im Spital war ihm deutlich vor Augen, welches Schicksal die Stadt, das Land nehmen werde, natürlich kein gutes. Mit dem Unfall erkannte er, ab nun sein Entsetzen über die Lage des Landes gegen Hohngelächter zu tauschen. Es war ja nicht die Stadt allein, die ihn das Fürchten lehrte, es war das Land ebenso, vielleicht auch die ganze Welt. Er war erstmals darauf aufmerksam geworden, dass die Gemeinwesen des Kleinstaats in eine bedenkliche Schieflage gerieten, als an allen Ecken und Enden kein politisches Ziel mehr benannt werden konnte. Wie so oft hatte er am Schreibtisch im Amt den Stadtplan vor Augen, hätte Grünraumplanung betreiben sollen, doch in Wirklichkeit hatte er Ja und Amen zu sagen zu allem, was den städtischen Grünraum beschneidet, dass immer ein Stückchen von dem oder jenem grünen Eck abgezwickt werde muss und er konnte es mit den Fingern einer Hand abzählen, wer dann der Nutznießer der so entstandenen Bauparzelle in Grünlage geworden war. Es war nahezu ein elitärer Ehrgeiz geworden, grundsätzlich gegen den geltenden Flächenwidmungsplan zu verstoßen, eine Umwidmung durchzusetzen, um sofort jede weitere Änderung mit machtvollen Protesten zu verhindern.
Wenn er sich jetzt im Café im Himmelsbad zurückerinnert, war es relativ leicht, diese künftig umkämpften Grundstücke zu erraten. Überall wo die städtischen Grünzonen eine etwas größere Ausdehnung hatten, also im Prater, in Ottakring oder Hernals an den Grenzen zum Wiener Wald, Grinzing ebenso wie die früheren Naherholungsgebiete der Stadt, sie alle waren im Mittelpunkt der planerischen Interessen und er hatte seine Neugier darauf konzentriert, ob es für diese wunderbare Grundstückvermehrung Preisrichtlinien gibt oder der informelle Bereich der Zahlungen zugenommen hat. Das war so weit gegangen, dass er blindlings mit dem Finger auf grüne Zonen am Stadtplan weisen konnte und prompt waren auch dort bereits Anträge im Laufen, diese Räume zu erschließen.
Die Stadt lag ihm gehörig im Magen und schmerzte ihn mehr als jeder Beinbruch. Deshalb war sein nervlicher Zusammenbruch naheliegend, denn was niemand für möglich gehalten hatte, war eingetreten, ein Abrissbescheid für den Steinhof, eine Erweiterung der Bebauungszonen im Prater an Stelle der Trabrennbahn und später vielleicht auch an Stelle der Galopprennbahn. Und die Plünderungen des städtischen Bestands nahmen kein Ende. Jeder Gedanke an die Schaustücke der Stadt, an die Paläste und alten Kirchen, an den Charme alter Gassen war wie eine Herausforderung zur Zerstörung, eine unangenehme Erinnerung, die uns einreden will, dass es zwar Hunger gegeben hat, aber auch die Idylle. Hunger wird es wieder geben, war seine Überzeugung, doch ohne Idylle. In seiner Erinnerung tauchte die Musik Schuberts auf, der gewiss nicht von Glücksgütern gesegnet und von der Natur nicht bevorzugt war, ja ein Alkoholiker eben, doch er transformierte dieses Leid in eine musikalische Philosophie, um der Zerrüttung zu begegnen, den Biedermeierkrisen. Heute würde man selbst diese Bemühung nicht mehr zulassen, man verschüttet die wichtigen Gedanken mit dem vulgären Müll der Obszönität und nennt es sexuelle Befreiung.
Jetzt im Himmelsbad, dessen Bezeichnung er auf den ersten Blick lieb gewonnen hatte, war doch damit der Wunsch verbunden, er werde wieder gereinigt, im Wasser würde seine Verletzung geheilt, vor allem diese seelischen Lasten würde er abstreifen können während der Therapien, zwischen den Moorpackungen und den elektrophysikalischen Induktionen. Ausgerechnet dort war er schon wieder mit seiner Berufstätigkeit unfreiwillig konfrontiert worden. Vom Nebentisch hörte er, dass die Pläne für den Parallelslalom zwischen Gloriette und Schloss vollendet sind. Nun werde es im Schlosspark auch im Winter einen Event geben, der in ganz Europa Beachtung finden wird. Er hörte offenbar Eingeweihte des Rathauses locker über die künftige Stadtentwicklung plaudern, ja es wurde sogar die Kirche gelobt, dass endlich auch der Dom sich dem Geist der Gegenwart geöffnet habe, wie die Installationen gegenwärtig beweisen. Endlich belaste den Besucher nicht mehr diese dumpfe Gotik, diese veraltete und abgestandene Frömmigkeit, im Grunde ist so ein altes Gemäuer ein Schandfleck für eine aufgeschlossene und moderne Stadt, selbst wenn man zugeben muss, dass der Dom wegen des Tourismus ein nötiges Übel ist.
So hatte man laut am Nebentisch gesprochen. Die drei Herren im Trainingsanzug hatten sich kein Blatt vor dem Mund genommen. Man sprach von Millionen und die drei Herren besprachen mehr oder weniger deutlich, dass da Einiges in ihren Händen bleiben wird. Da hatte er wirklich lange Ohren bekommen, denn völlig ungeniert war über Themen gesprochen worden, die vor seinem Nervenzusammenbruch auf seinem Schreibtisch lagen. Da hatte es den Anschein, dass nichts entschieden sei, doch am Nebentisch feilschte man bereits über Provisionen. Das kannte er gut, aber bislang war es erst nach der Projektvergabe üblich. Das war also die neue Landessitte, die über Jahre sich entwickelt hatte und nunmehr schon vor dem Beschluss eines Gremiums als fix angenommen werden konnte. Er konnte sich erinnern, dass man eine Parkanlage einmal in Währing retten konnte. Es war ein Wunder. Daraus hatte man aber gelernt. Jetzt wird alles unter der Hand vorbereitet, überlegte er, und dann informell zur beschlossenen Sache ehe irgendeine Öffentlichkeit davon Kenntnis erhielt. Da rollt der Rubel, war zur geläufigen Redensart im Rathaus geworden. Jetzt konnte er sich endlich dank der Gespräche am Nebentisch erklären, wie ein Alptraum in der Stadt zur Wirklichkeit wird. Ohne geringste Chance einer Ablehnung, stellte er mit Bestürzung fest, war er über Jahre im Büro von solchen anonymen Mächten verdrängt und ausgebootet worden. Er hatte bestenfalls die Funktion eines grünen Feigenblatts. Er kam sich wie ein siegloser General vor. Hatte er jede Schlacht verloren?
Also nein, er stand mit erbittertem Ernst auf und sah sich zu einer Tat gezwungen; es muss irgendwann einen Punkt geben, einen Schlusspunkt. Über Jahre hatte er ja jene Akten in Kopie gesammelt, die ihm in ihrem Rundlauf durchs Rathaus nicht geheuer erschienen. Die werde er hervorholen und im Himmelsbad habe er Zeit genug, das alles zu ordnen und zu bündeln. Sollte er es in absehbarer Zeit fertig bringen, würde er die Bombe platzen lassen. Sie wird noch in Baden gezündet, sagte er sich und ging am Nachbartisch vorbei. Er konnte es nicht unterlassen, den drei Herren in seiner Empörung mitzuteilen, dass deren Unterhaltung sein ungeteiltes Interesse gefunden habe.
Er erbat sich noch am gleichen Tag Urlaub vom Himmelsbad für ein paar Stunden. Von daheim holte er die Aktenbündel mit dem Koffer ab. Die Familie war überrascht, ihn so bald zu sehen, beruhigte sich aber, da er sich wieder zur Rückkehr nach Baden anschickte. Beim Abendessen war er sehr zuversichtlich. Er verkündete in recht beziehungsvollen Worten, demnächst werde eine Bombe platzen, dagegen seien die Skandale in Kärnten harmlos. Hier im Himmelsbad habe er die Anregung erhalten, eine Bombe endlich hochgehen zu lassen, dass alle Augen machen werden, groß wie Pflugräder.
Mit seinen Hinweisen konnte niemand etwas anfangen. Die Tischnachbarn zuckten mit den Achseln, da sie die Ursache dieser Empörung nicht verstanden. Er erwiderte nur, dass er selbst hier Zeuge von Abmachungen war, die ein Hohn auf jedes demokratische System sind. Und das dürfe man auch nicht auf sich beruhen lassen.
Er war mit sich sehr zufrieden. Erstmals hatte er sich diese Last von der Seele geredet. Er verabschiedete sich, wünschte noch einen schönen Abend und freute sich auf den kommenden Tag. In den Augen seiner Tischrunde hatte er in Rätseln gesprochen. Welche Geheimnisse wird er wohl gemeint haben? Bald war aber das Interesse daran wieder verflogen.
Am nächsten Morgen fand man den Gemeindebediensteten im Schwimmbecken. Vermutlich wollte er noch in der Nacht aus unerklärlichen Gründen etwas schwimmen, war aber vom Herzschlag ereilt worden. Bei der Sichtung der Habseligkeiten war nichts aufgefallen. Das Zimmer war aufgeräumt, das Bett unberührt. Akten hatte man keine gefunden. Der Verwaltung war es peinlich, nicht ohne Aufsehen einen Toten aus dem Himmelsbad zu schaffen.
Einer der drei Herren im Trainingsanzug meinte zum Dienst habenden Arzt, nach seinem Ermessen halte er ein plötzliches Herzversagen für einen schönen Tod.