Er war ein Ausbund der Genauigkeit. Das Tagesprogramm wickelte er pünktlich als Pflichterfüllung ab. Es begann spätestens ab halb neun. Es endete meistens um halb drei am Nachmittag. Beim Wechsel der Kleidung, vom Trainingsanzug ins Schwimmgewand und wieder zurück, blickte er nicht aus dem Fenster. Die Frühlingssonne bedeutete ihm gar nichts. Wichtiger war ihm die zur Therapie passende und ordentliche Kleidung. Sein zusätzliches Merkmal waren die Krücken. Die waren jetzt so etwas wie früher sein Gewehr. Wäre er davon nicht betroffen gewesen, hätte er darüber keinen Gedanken verloren. Das Himmelsbad akzeptierte er als einen Wechsel des Aufenthalts in einer anderen Kaserne. Die Menschen hingegen mit ihren erworbenen oder selbst verschuldeten Gebrechen hasste er. Würde sich nur ein einziger rechtzeitig am Riemen gerissen haben, würde der keine Rehabilitation benötigt haben. Er hatte sich Zeit seines Lebens am Riemen gerissen, so es nottat. Leider war beim Kletterkurs unvorhergesehen sein Seil gerissen. Das änderte nichts an der Tatsache, korrekt geblieben zu sein, trotz Gehschwierigkeiten. So war es ihm widerlich, in den Speisesaal zu gehen, um dort früh, mittags, abends diese Fress-Säcke unordentlich gekleidet zu sehen.
Während er, so gut es eben ging, aufrecht zu gehen versuchte, trotz Verletzung der Wirbelsäule, schlichen die Leidensgefährten zu den Therapien, verzögerten absichtlich den Beginn der Gruppenstunden, stellten sich taub oder geistig abwesend beim Aufruf des Namens. Von seinem Beruf her war es ihm geläufig, wie Zeit vergeudet wird. Er wusste darüber Bescheid, wie man Leerläufe produziert. Und genau das geißelte er als die völlig falsche Einstellung. Seine Einstellung war immer grundsätzlich positiv. Am liebsten hätte er diese träge Masse der Moribunden wie am Kasernenhof angebrüllt. Bei Schwätzen hätte er Habt acht befohlen. Wenn er das vor dem Unfall geplärrt hatte, waren am Exerzierplatz alle stumm. Hier erntete man im Himmelsbad das Gegenteil. Je mehr der Therapeut für die Stunde vorgeplant hatte, desto größer war der Widerstand. Immer gab´s Diskussionen, wieso, weshalb, warum man turnen müsse, speziell diese Übung zu machen habe, wo man doch beim Kollegen ganz etwas anderes machte. Diese Behauptungen reizten ihn bis aufs Blut. Jede Spur einer Verzögerung empfand er als seinen persönlichen Schaden. Jeder, der den Übungsbetrieb behinderte, beschuldigte er, ihn persönlich zu schädigen. Er wollte so schnell als möglich fit sein. Und die Leidensgefährten wollten von einem solchen Fortschritt nichts wissen.
In äußerster Wut war er einmal an einen Turnpartner herangetreten und drohte mit einer saftigen Ohrfeige. Trotzdem hatten alle im Turnsaal gelacht. Und der Bedrohte zeigte ihm die lange Nase. Nach der Allgemeinen Dienstvorschrift hätte das einen Bataillonsrapport zur Folge, war sein erster Gedanke. Leider gab es solche Vorschriften im Himmelsbad nicht.
Oft dachte er sich beim Einschlafen, würde er hier das Kommando haben, sähe es im ganzen Rayon anders aus. Im Fachjargon würde man die Situation in der Kuranstalt als schleißig bezeichnen. Ihm träumte sogar, würde er alle Moribunden am Morgen zum Appell antreten lassen, in Reihe und Glied, müsste Meldung erstattet werden über Vorfälle, Abgänge, Dienstbefreiungen. Nichts davon ist in der Kuranstalt. Gemäß seiner Beobachtung würde man im Himmelsbad alles schleifen lassen. Kein Wunder, dass die Rekonvaleszenten laschieren, im Grund schädigen sie mit diesem Verhalten die Kassen. Und das ist in seinen Augen ein Skandal, dachte er auch im Schlaf. Die meisten Mitarbeiter hielt er für motiviert, bei der Sache, pünktlich und zuverlässig wie er; solche Mitarbeiter würden das Arbeitsklima seiner Version mehr als alles andere schätzen. Würde man nach seiner Pfeife tanzen, wäre es ein Bolschoi-Ballett. Es sollte hier überhaupt wie beim Militär sein, war sein Urteil. Es sind jedoch die Unteroffiziere, die alles torpedieren. Und im Himmelsbad sind es die Rekonvaleszenten. Ihm kam die Stimmung im Rehabilitationszentrum vor, als gäbe es eine fortwährende passive Resistenz unter den Rekonvaleszenten. Er würde ja hier nur mit einer Schusswaffe agieren, wünschte er sich insgeheim, wenn er an die Übergewichtigen dachte. Die würden schnell zu laufen beginnen, war insgeheim sein Wunschtraum. Einmal ein Feueralarm, war sein Begehren!
So hatte er am Telephon bei Schilderung der Zustände gegenüber seiner Frau mehrmals wiederholt, dass im Himmelsbad alle passiv resistent sind. Sie wusste von seiner Pedanterie, aber glaubte ihm. Er berichtete ihr aber auch von Erfolgen. Die Nordic-Walking-Gruppe habe er auf Vordermann gebracht. Ab nun würden sie im Gleichschritt marschieren, am rechten Flügel der Sportlehrer. Ein Lied habe er noch nicht durchsetzen können, doch es werde bald der Fall sein. Schon jetzt habe er bemerkt, von Tag zu Tag mehr geachtet zu werden. Manche hätten bereits Haltung angenommen, wenn er ihre Wege kreuzt. Von seiner Frau wollte er wissen, wie sie sich vorstelle, dass die rekonvaleszenten Damen ihm begegnen sollten? Von diesen könne er ja nicht gut verlangen, Haltung anzunehmen. Seine Frau wusste aber wie so oft keinen Rat.
Am nächsten Tag passierte ihm ein Malheur nach dem anderen. Nach dem Schwimmen war in der Garderobe ein Socken verschwunden. Ihm war es ein Rätsel, da er sicher war, mit beiden Socken gekommen zu sein. Nach der Turngruppe fehlte die Jacke des Trainingsanzugs. Das schmerzte ihn, denn die Jacke hätte er für die Ergotherapie benötigt, hierauf zum Radfahren. Der Verlust der Jacke ärgerte ihn. Ihn ärgerte vor allem, da er nicht präzise rekonstruieren konnte, ob er sie nach der Unterwassertherapie noch gehabt hat. Jeder, den er fragte, beteuerte, seine Jacke nicht gesehen zu haben.
Nach dem Mittagessen hatte er die Moorpackungen. Nach den fünfundzwanzig Minuten fehlte ein Turnschuh. Er war auf unerklärliche Weise verschwunden. Überall fragte er, suchte er, doch die Kleidungsstücke blieben unauffindbar. In nur einem Socken musste er durchs Himmelsbad laufen und wurde scheel angesehen.
Am nächsten Tag kam es zu weiteren Verlusten, aber zuvor hatte die Raumpflegerin den vermissten Socken vom Vortag unterm Bett entdeckt. Es verwirrte ihn. Lang konnte er sich nicht damit beschäftigen, da er zur Blutabnahme musste. Bei der Rückkehr ins Zimmer lag die Jacke fein säuberlich zusammengelegt auf seinem Bett. Auf Befragen sagte die nette Raumpflegerin, diese sei im Badezimmer gewesen unter dem Handtuch.
Zum Frühstück musste er in Pantoffel hinuntergehen, da er ja nur einen Turnschuh hatte. Er bemerkte, dass sich bei seinem Anblick in Pantoffel die Meinung verbreitete, nun werde auch er nachlässig. Endlich würde auch er sich vom dolce farniente des Himmelbads anstecken lassen.
Beim Frühstück erzählte er vom Missgeschick und erwartete sich irgendeine Aufklärung. Niemand konnte ihm eine stichhaltige Erklärung anbieten. Inzwischen wurde versucht, ihn mit dem Hinweis zu beruhigen, zerstreut zu sein. Die vielen Therapien, immer der Ortswechsel, da könne es schon passieren, dass er diesen oder jenen Gegenstand liegen lasse. Es sei menschlich verständlich. Das ärgerte ihn noch mehr als die Verluste. Mit einigem Spott wurde er bedacht, da er doch nicht der Pedant sei, für den er sich ausgegeben habe. Und man erzählte sich, im Café würden schon Wetten abgeschlossen, was er heute verlieren werde. Das machte ihn wütend. Im Laufschritt wollte er den Speisesaal verlassen, was mit Pantoffel schwierig ist. Fast wäre er gestürzt samt Krücken und erntete das boshafteste Gelächter.
Nach dem Tagesplan war er für die physikalische Therapie eingeteilt. Er hätte in einer Kabine im Kornhäusel-Trakt mit nacktem Oberkörper aufrecht zu sitzen, um die Elektroden anbringen zu können. Er weigerte sich beharrlich, sich nur von einem einzigen Kleidungsstück zu trennen. Zwei Therapeuten bemühten sich, ihm das Oberhemd auszuziehen. Er leistete Widerstand als ginge es um sein Leben. Es blieb bei diesen Versuchen. Man ließ ihn in Ruhe sitzen und zog den weißen Vorhang zu.
Nach geraumer Zeit kam ein älterer Herr in Weiß mit dunkler Hornbrille. Er wurde nach dem Befinden befragt, nach Kindheitserinnerungen, nach Trennungsschmerz in der Pubertät, nach Kopfverletzungen. Eingehend wurde er befragt, ob er ein Problem beim Ablegen von Kleidern habe? Ob er Angst davor habe, etwas zu verlieren? Ob er Menschen verloren habe, die ihm wertvoll waren? Die Fragen verstand er nicht. Er erklärte, seine Kleider würden sich selbständig machen, sich seiner Ordnung widersetzen, einfach den Befehlen nicht mehr gehorchen. So habe am Vortag der Socke in der Garderobe nicht auf ihn gewartet, ebenso der Turnschuh. Er erlebe, dass sich alles ihm widersetzt, schließlich auch die Menschen. Er würde ja überhaupt auf Kleidung unter solchen Umständen verzichtet haben, da er Besseres zu tun habe als seiner Jacke nachzulaufen. Auch wenn er nicht als Nudist gelten will, so bleibe ihm nichts anderes übrig, da er wieder seinen Dienst antreten muss. Der ruhige Herr in Weiß blickte ihn ernst an, stimmte ihm zu, dass es unglaublich mühevoll ist, stets eigenen Kleidern nachzulaufen. So nahm er einen Bleistift, hielt ihn vor die Nase des geängstigten Rekonvaleszenten, bewegte ihn nach rechts und links und wies ihn an, mit den Augen dem Bleistift zu folgen. Gut, sagte der gemütliche Herr in Weiß. Ich habe ihre Turnschuhe dabei. Sie brauchen jetzt viel Ruhe und müssen ganz still liegen bleiben, damit auch ihre Kleider sie finden können. Zu diesem Zweck wäre überhaupt eine geeignetere Unterkunft zu empfehlen, zwar nicht im Himmelsbad, doch nicht weit davon entfernt. Er dachte bei dieser Mitteilung, er würde wieder zurück in seine Kaserne kommen.