Nunmehr war das Treffen der Erbschaftsgruppe beim Morgenkaffee zur Gewohnheit geworden. Das Interesse am so genannten Informationstransfer war zu groß und die Gelegenheit dazu ideal. Keine der Teilnehmerinnen hätte sich träumen lassen, im Badener Rehabilitationszentrum so kenntnisreiche Gesprächspartnerinnen zu finden. Bislang war man ja eigentlich auf sich allein gestellt. Den Verwandten hätte man ja kaum etwas mitteilen können, geschweige denn fragen. Jede der Teilnehmerinnen könnte Romane erzählen, hätte man im Erbschaftsfall das Herz gegenüber einer Verwandten ausgeschüttet. Also, eröffnete eine beleibte Teilnehmerin in der Runde das Gespräch, eine Erbschaft ist in Wahrheit ein Krieg aller gegen alle. Und sie versicherten einander, dass es ihnen bei den Erbschaften nicht ums Geld geht, nicht um Sparbücher oder um den vergünstigten Erwerb von Wertgegenständen aller Art, sondern es geht ums Prinzip. Sie alle seien in einem Alter, in dem das Materielle nicht mehr die Rolle spielt wie früher, was aber noch lange nicht heißt, aufs Erbe so mir nichts dir nichts zu verzichten. Bekanntlich, wie sich ja die Teilnehmerinnen an der Runde vorstellen können, habe man ja das vorhin erwähnte Sparbuch nicht wegen des Geldes an sich bringen wollen, was bedeuten schon Hunderttausend, wenn man über 70 ist?, aber dass dann gar nichts am Konto war, bleibt empörend. Und die erprobten Erbinnen stimmten überein, dass es ihnen nie ums Geld gegangen war, eigentlich haben sie sich stets nur ein Andenken an den oder die Verstorbene gewünscht, was ihnen eben mit unlauteren Mitteln verwehrt wurde. Und das war Wasser auf den Mühlen.
Da schilderte die andere Expertin in Fortsetzung der bisherigen Gesprächsrunden, dass sie nur deshalb das Legat einer verstorbenen Tante antreten konnte, da sie bei der Begehung der Wohnung der Erblasserin, vor aller Augen den Pelz aus dem Kleiderkasten mitnahm, der ihr ja seit jeher versprochen war. Hätte sie es nicht gemacht, hätte sie nicht einmal dieses Andenken erhalten. Und nebenbei entdeckte sie im Nachtkästchen die beiden Ringe, die sie nun lieb gewonnen nicht mehr missen will – vor allem jenen mit dem Smaragd. Man muss zuschlagen, rechtzeitig, ermahnte sie die Runde. Und die dritte konnte das bestätigen. Das Hab und Gut eines Onkels habe man auf ein Depot gebracht, da nicht klar war, wer da was bekommt. Bei Lebzeiten hatte sie es verabsäumt, die Gegenstände an sich zu bringen. Obwohl der Onkel es nicht mehr bemerkt hätte, beließ sie die beiden Bilder in dessen Wohnung. Sie wiegte sich in trügerischer Sicherheit, die Bilder würden ihr über ein Legat vermacht werden. Weit gefehlt! Aus unerfindlichen Gründen gab´s dann kein Testament, Legate schon gar nicht. Zur Sichtung des Inventars sei sie mehrmals ins Depot der Spedition gegangen. Da schien es ihr, dass von Mal zu Mal Gegenstände fehlten. Das Erbe schmolz wie Schnee an der Sonne. Das hatte sie nachhaltig beunruhigt. So nahm sie sich ein Herz und die beiden Gemälde an sich, die ihr ja immer zugesagt waren. Man kann sich die Folgen nicht vorstellen. Sie hatte aus ihrem Herzen nie eine Mördergrube gemacht, die ganze Familie wusste vom Wunsch, die beiden Bilder besitzen zu wollen. Bei nächster Gelegenheit musste sie erkennen, dass nun auch vom Silber etwas fehlte. Auch wenn sie sich aus Silber gar nichts macht, diese ewige Putzerei geht ihr auf die Nerven, war es dennoch ein starkes Stück, da jeder aus dem Depot nach Gutdünken sich bedient hatte. Richtig empört war sie darüber und erstattete die Anzeige. Empörend war, dass die Kriminalpolizei ausgerechnet bei ihr mit der Einvernahme begann. Die waren bei ihr aber an die Richtige gekommen. Selbst bei der Erzählung bebte ihre Stimme vor Entrüstung. Damit hatte man ihr die Freude an den beiden Biedermeiergemälden gründlich verdorben. Der Polizei konnte sie klar machen, dass sie beide Gemälde nicht einmal über ihre Leiche herausgeben werde. Die waren ihr immer zugesprochen worden und sie hatte es dadurch bewiesen, da sie eine Abschrift des Testaments vorweisen konnte. Es war eine Eingebung, Tage zuvor die Skizze eines Testaments geschrieben zu haben. Das war ihre Rache an der Familie des Cousins, die offenkundig das ihnen ungünstige Testament unterschlagen hatte. Es war eine Genugtuung, dass die Polizei die Untersuchung einstellte. Man kommt eben beim Erben auch in Teufels Küche, sagte eine aus der Gruppe. Sie selbst habe derart Dramatisches nicht erlebt, da einerseits bei allen Fällen wenig zu erben war, andererseits der Kreis der Erben klein. Trotzdem hatte auch sie sich auf die Beine stellen müssen. Die Tante hatte ja vom früher verstorbenen Onkel die Goldmünzen besessen. Der hatte sie für schlechte Zeiten aufgehoben. Und die Tante war stolz gewesen, bei der Jause ihren Nichten und Neffen die Goldmünzen zu zeigen. Das tat sie immer, offenbar um den Neid oder die Gier der Betrachter zu beobachten. Als es mit ihr zu Ende ging, erzählte die Erbin, habe sie eine der Laden mit den Goldmünzen aus der Schatulle genommen. Es war genau das ihr zustehende Drittel. Sie würde sich ja nie auf anderer Kosten bereichern, beteuerte sie vor der Gruppe. Und im Nachhinein war es richtig, was sie tat. Die Schatulle war wenige Tage später spurlos verschwunden. Jedenfalls war sie gut beraten, den anderen Erben nichts über ihre Entnahme eines Drittels der Goldmünzen zu verraten. Die würden ohnehin alles genommen haben. Bis heute hat sie diesen Verdacht. Und mit dem Drittel der Goldmünzen habe sie die Tante in gutem Andenken behalten. Ja, sagten alle in der Gruppe übereinstimmend, es gibt keine Gerechtigkeit, wenn man sich nicht rechtzeitig das nimmt, was einem gebührt. Dazu sei man berechtigt, denn die anderen würden einem nichts zukommen lassen, bestenfalls Begräbniskosten und Grabpflege. Ja, wenn Allerheiligen naht, melden sich die Angehörigen mit der Frage, ob man schon Blumen fürs Grab bestellt hat? Und mit dem Unterton eines Vorwurfs sagen sie, man habe doch geerbt, weshalb man das Grab auch pflegen soll. Also diese Diebe und Räuber muten einem zu, auch noch über den Tod hinaus für diverse Tanten oder Onkeln aufzukommen, schlechthin eine bodenlose Unverschämtheit. Monate hatten die Verwandten sich nach Ableben und Testamentseröffnung beim Notar nicht mehr blicken lassen, bis Allerheiligen eben, nachdem sie alles ausgeräumt hatten, keinen Stein auf dem anderen ließen! Ja, sagten alle einhellig am Erbschaftstisch im Café des Himmelsbads, es falle schwer, bei solchen Erben einen Onkel in guter Erinnerung zu behalten. Es ist eine Schande, dass die im Testament überhaupt bedacht wurden! Gerade weil es eben einem nicht ums Geld geht, ist dieser offenkundige Diebstahl an dem Erbe, das einem im Grunde allein zusteht, so bitter, sind diese Unterschlagungen und Fälschungen eine psychische Belastung. Jetzt muss man im eigenen Neffen einen Kriminellen vermuten, in der Nichte eine Schmuckdiebin. Das ist die Schattenseite des Erbes, beteuerten die Damen rund um den Tisch, dass man stets feststellen muss, in der eigenen Familie in Abgründe zu blicken. Jetzt habe man schon Angst, sollte eine alte Tante das Zeitliche segnen, was wieder auf einen zukommen wird. Wie gesagt, bekräftigten einander die erfahrenen Erbinnen, Schriftliches hilft nicht wirklich beim Antreten eines Erbes, es wird ja angezweifelt, es wird einem Fälschung unterstellt oder gar Unterschlagung! Das probateste Mittel ist und bleibt, dass man jene Dinge eines künftigen Erblassers rechtzeitig entnimmt, von denen man meint, dass sie einem zustünden. Es ist sicherlich nicht ganz astrein, wie man sagt, aber wie sonst würde man das erhalten, was einem zusteht? Das ist und bleibt in der Gruppe rund um den Kaffeehaustisch die Überzeugung! Obendrein bringt man nur das Recht auf seine Seite, holt sich das Gebührende und erfreut sich am Zuwachs bescheidenen Besitztums, wobei das Erfreulichste daran das Unkonventionelle ist, die Erfindungskraft, die feste Überzeugung, richtig und rechtzeitig gehandelt zu haben. Ein Notar hat ja keine Ahnung davon, wenn er an einem die Frage richtet, ob man das Erbe auch antreten will? Zu dem Zeitpunkt muss man es schon längst angetreten haben, und in der Runde quittierte man diesen klugen Standpunkt mit zustimmendem Lachen.