Gedanken Reinhold Knolls

Neutraler Ort

In den ersten Tagen im Kurheim hatten sie einander nicht gegrüßt. Beim Essen achteten sie genau darauf, nicht am selben Tisch Platz zu nehmen. Sie hatten nicht die gleichen Therapien. Wenn sie im selben  Warteraum saßen, beachteten sie einander nicht. Den ersten Kontakt hätte man erst nach 5 Tagen beobachten können, da drei Herren unabhängig voneinander im Trainingsanzug vor die Türe traten, um nach dem Frühstück noch etwas frische Luft zu schnappen. Das gab einer von den Dreien als Begründung an, da er wegen der feucht-kalten Witterung gefragt worden war, warum er ins Freie geht? Diese neugierige Frage wurde knapp mit dem Verweis auf schlechte Luft im Heim beantwortet. Beeinträchtigungen waren an den drei Personen nicht festzustellen, wie sie auch jede Frage nach ihrem Leiden nicht beantworteten. Sie gaben immer zu verstehen, wie Helden über Beschwerden nicht reden zu wollen. Operationen hatten sie in den vergangenen Monaten jedenfalls auch nicht.

Also standen sie im Freien herum, vertraten sich etwas die Füße. Es schien das erste Mal zu sein, dass sie einander länger ansahen. Der  Gruß war ein kurzes wortloses Nicken. Und dennoch hätte man meinen können, die kennen sich doch? Es war schwer zu begründen, warum es zu dieser Annahme kam. Vermutlich hat man den einen oder anderen in der Vinothek in der Pfarrgasse gesehen, oder zwei von den Dreien gleichzeitig im Café Zentral am Rathausplatz. Oder kannte man den einen oder anderen vom Fernsehen? Hierauf waren dann freilich voreilige Schlüsse gezogen worden, die man im Kurheim sofort beredete. Jedenfalls wären viele überrascht gewesen, hätten sie gesehen, wie einer dem anderen vor der Eingangstüre ein Kuvert übergab, ein größeres braunes Kuvert. Der Empfänger hatte es wortlos entgegengenommen. Beim Einstecken in die Jacke hatte er Schwierigkeiten. Obwohl noch ein Stück des Kuverts zu sehen war, ging er wieder zurück ins Kurheim. Und dann muss wohl der dritte Mann den Zusteller des Briefes etwas gefragt haben, was man durch die Glasscheibe natürlich nicht hören konnte. Der Gefragte nickte nur und schien weiterhin nichts zu sagen. Jedenfalls gingen beide ebenfalls zurück ins Kurheim.

Tagsüber turnten sie brav oder versuchten den Storchenschritt im warmen Wasser. Keiner von den Dreien zeigte irgendeine Schwierigkeit bei der Ausführung der angesagten Übungen. Sie bewegten sich altersgemäß wie Gesunde ohne irgendein Gebrechen. Beim Warten auf den nächsten Kurs lasen sie weder in einem Buch noch eine Zeitung. Man hätte sie für eingeschleuste Kontrolleure des Kurheims halten können. Allein die Armbanduhren verrieten eine höhere berufliche Position, da die Rolex am goldenen Armband wie das gemeinsame Merkmal einer Berufszugehörigkeit aussah. Sie blickten auch verdächtig oft auf die Uhr, die ansonsten vom Ärmel des Trainingsanzugs verdeckt war. Beim Mittagessen sprachen sie bestenfalls über das Wetter.

Am Nachmittag kreuzten sich wieder deren Wege im Kurheim. Der eine im blauen Trainingsanzug sagte zu jenem im schwarzen ein lautes „Und?“ Die lapidare Antwort lautete: Bald. Am Ende des Ganges wartete der Dritte im dunkelroten Trainingsanzug, hatte das Leintuch für die gymnastischen Übungen fest unter dem Arm geklemmt und blickte erwartungsvoll auf den entgegenkommenden Leidensgenossen im schwarzen Trainingsanzug. In diesem Fall beschränkte sich die Kommunikation ebenfalls auf ein „Und?“ und ein hilfloses Achselzucken.

Nach dem Abendessen waren die drei dann doch zusammengetroffen. Der Kurgast im blauen Trainingsanzug sagte kurz und bündig „siebzig Millionen“. Die Zahl hatte auf die beiden Kollegen keinerlei Wirkung ausgeübt. Einer der beiden sagte verblüfft „nur?“ Und der Herr im roten Trainingsanzug machte eine beziehungsvolle Geste, in dem er die linke Hand ausstreckte und die rechte ausgestreckte Hand langsam darunter schob. Dabei richtete er einen fragenden Blick an jenen, der von den Millionen gesprochen hatte. Der gab die karge Antwort: Wie üblich. Aus dem schwarzen Trainingsanzug kam die kaum hörbare Stimme, dass es diesmal zu wenig ist. Es war sofort als schwerwiegender Einwand verstanden worden. Der Mann in Blau schüttelte den Kopf und jener in Rot sekundierte. Mehr geht nicht, sagte er. Und der Schwarze machte ein finsteres Gesicht und gab zu bedenken, dass dann gar nichts läuft. Der Blaue sah sich zur Vermittlung genötigt und fragte mit einiger Neugier, womit er persönlich denn zufrieden wäre?

Sofort intervenierte der Herr im roten Trainingsanzug: Wofür soll der Kollege etwas erhalten, hat er doch noch nie eine Leistung erbracht? Es war eine unpassende Bemerkung.

Sie sprachen leise, saßen eng beieinander und dennoch bekräftigte der angeblich rekonvaleszente Heimbewohner in Schwarz, sie würden in der üblichen Weise nicht mehr zusammenkommen. Es würde so nicht mehr laufen. Der Herr im roten Turngewand bekam einen roten Kopf. Der Grund war, er müsse schließlich ohne Anerkennung seiner Leistung die Bewerbung durch das Gremium des Gemeinderats bringen. Das ist eine Sisyphosarbeit. Davon hat der Kollege zur Rechten keine Ahnung. Da könne so viel passieren!, gab er zu bedenken und ein Auffliegen einer von der Jury begünstigten Bewerbung würde allen schaden. So ist ja das Geschäft des ehemaligen Ministers in Brüssel geplatzt, erinnerte sich der im roten Trainingsanzug. Hineingelegt hatte man den Ex-Minister in Brüssel.  

Diesen Vorwurf, das ganze Geschäft zu gefährden, ließ der schwarze Mann nicht gelten. Das lasse er sich wirklich nicht in die Schuhe schieben. Nicht umsonst habe er das Kurheim in Baden vorgeschlagen. Und rundherum keine Medien. Also sei er erstens überzeugt, zählte er auf, im Plenum werde man gemäß seiner Empfehlung zustimmen, somit komme sehr wohl einige Verantwortung auf ihn zu, und zweitens sei seine Intervention bei seinen Leuten  ungleich mühevoller, da es bei ihnen keinen Kadavergehorsam gibt.

Da wagte der blaue Sportanzug einen waghalsigen Vorstoß. Er schien vorerst beleidigt, dass man auf seinen Vorschlag am Vormittag nicht sofort positiv reagiert hatte. Immerhin drehte es sich um siebzig Millionen! Man sei unverschämt! Er könne aber ein Folgegeschäft in Aussicht stellen, womit sich das Entbehrte nachholen ließe.

Den Vorwurf der Unverschämtheit ließ sich der Rote nicht bieten. Er, der bewusst bescheiden blieb, also auf zahllose Annehmlichkeiten verzichtet, die er sich leicht hätte gönnen können, er, dessen wahres Ich einen standesgemäßen Auslauf nur im Ausland  genießen kann, wird für unverschämt gehalten? Daher drohte er mit der korrekten Abwicklung des gesamten Vergabeverfahrens. Man würde dann eben staunen, was unterm Strich so bleiben werde, nämlich Null Komma nix für jeden. Und deshalb wundere ihn, dass man so leichtfertig von einer Praxis abgeht, die doch so gut funktioniert habe? Und übrigens will er jetzt schon anmerken, so setzte er ziemlich ungehalten fort, dass im genannten Kuvert nur der Unkostenbeitrag für die Kur war! Diese Vierhundert sind Peanuts, kritisierte er heftig. Was kann man dafür von ihm erwarten – feuchten Händedruck?

Die Angesprochenen ließ dieser Zornausbruch kalt. Sie kannten ihren Partner, der schließlich immer noch jeder Vereinbarung zugestimmt hatte. Der Mann im schwarzen Turngewand entgegnete entschieden, ohne diese Zusammenarbeit würde er in Kanada weder Golf gespielt, noch einen einzigen Lachs gefischt haben. Und es seien immer seine Leute beim Zoll im Dienst, sollte er aus Kanada oder Südamerika kommen. Er möge vernünftig bleiben. Die bescheidene Ausstattung des Kurheims möge ihn an seine Herkunft erinnern. Es sei kontraproduktiv, jetzt den wilden Mann zu spielen. Man müsse bemüht sein, dass alles über sie läuft, über diese Schnittstelle der Interessen, auf die die Presse ohnehin schon ein Auge geworfen hat. Jedenfalls auch in der nächsten Legislaturperiode sollte es so bleiben. Und das müsse dem Kollegen etwas wert sein. Dem konnte der rote Mann nicht widersprechen. Er schwächte seine Drohung einer korrekten Abwicklung mit den Worten ab: sollte sozusagen nichts mehr fließen, erst dann würde er nach dem Buchstaben des Gesetzes vorgehen. Und da werden die hier zu verhandelnden Anerkennungen billiger sein als die erteilten Auflagen, für die er nicht viel Phantasie benötigt. Wie gewohnt werde er die nächsten Male in der Jury sitzen und sich in Ruhe alles Weitere überlegen.

Das Gespräch war ins Stocken geraten. Sie erhoben sich. Zufrieden sahen sie nicht aus. In Gedanken beschuldigten sie einander, eine reibungslose Abwicklung zu torpedieren. Und keinem war klar, was die Ursache der Unstimmigkeit war? Die beiden in Rot und Schwarz hatten den gleichen Gedanken, wenn sie überlegten, ihnen gebühre bei der Verwirklichung des Projekts nicht nur die übliche Provision, sondern auch eine zusätzliche Inflationsabgeltung. Obendrein mussten sie für die Vereinbarungen diese Kur auf sich nehmen, denn in Wien dürften sie sich niemals zu dritt sehen lassen – auf keinen Fall. Und der Herr im blauen Trainingsanzug ärgerte sich, denn jede Erhöhung anteiliger Honorare würde seinen Teil verringern, ja dann hätte er zahllose leere Kilometer zurückgelegt, ohne dass sie abgegolten würden. Im Grunde ist sein Geschäft immer undankbarer, denn von beiden Seiten werde er unter Druck gesetzt. Seine Geschäftsanbahnungen hatten immer etwas Selbstloses, merkte er und war überzeugt, sogar dem ganzen Land unbezahlbare Dienste zu leisten. Die Unternehmen erwarten sich den Zuschlag für ihre Bewerbung und die Ansprechpartner in der Politik werden schamlos, räsonierte er. So meinte er, früher sei das undenkbar gewesen. Vielleicht täte er sich leichter, ebenfalls in die Politik zu gehen, wie es ja Finanzminister vorgezeigt haben?

Alle drei verschwanden in ihre Zimmer, in denen sie aufgeregt zu telefonieren begannen.

Am nächsten Morgen gingen sie wieder ihrer Wege und beachteten einander nicht. Vielleicht tauschten sie fragende Blicke aus, erwarteten einen zustimmenden Gesichtsausdruck, doch nichts war zu erkennen. Nach dem Frühstück gingen sie wieder vor die Türe. Das fiel nicht mehr auf. Wieder begann das Gespräch mit einem Und als Frage. Der Blaue meinte, würde der Kollege die eingereichten Bewerbungsunterlagen ihm unter der Hand wieder zukommen lassen, könne er ja quasi nachbessern und dann wären die Vorstellungen rundum erfüllbar. Und der rote Trainingsanzug blähte sich sichtbar auf, da der etwas unsportlich wirkende Träger tief Atem holte. Er spürte sofort das Wagnis dieses Unternehmens. Kurz merkte er an,  wieder bleibe an ihm alles hängen. Und der Schwarze fragte neugierig: Wie viel? Darauf antwortete der blaue Partner selbstbewusst, dass alle bei achtzig Millionen dabei sind und das sei dann ganz offiziell und lupenrein. Er würde sein Wort darauf verpfänden, dass dann alles hieb- und stichfest ist. Sie gingen wieder ins Kurheim hinein und suchten ihre diversen Therapien auf.

In der Wartezone betrachteten sie die vielen Bilder, die dem Kurzentrum als Leihgaben zur Verfügung gestellt worden waren. Alle drei hatten den gleichen Gedanken, dass genau das ein unverständlicher Luxus ist, der zur Genüge beweist, dass noch immer zu wenig gespart wird. Man müsse mit der Krankenkasse einmal ein ernstes Wort reden. Eine betriebswirtschaftliche Prüfung sei mehr als angezeigt! Einzeln wurden sie aufgerufen zur Elektrotherapie, zur Gymnastik und zur Unterwassertherapie. Das alles für alle diese Leute erschien ihnen als eine einzige Verschwendung. In der Zwischenzeit erreichte sie die Zusage, den „Deal“ über die Bühne gehen zu lassen. Allerdings hatte man vorgeschlagen, den Kostenvoranschlag auf berechtigte fünfundachtzig Millionen zu erhöhen.  

Nach dem Mittagessen trafen sie einander wieder. Sie kamen überein, dieses positive Ergebnis in der Vinothek in der Pfarrgasse zu feiern. Das hatten sie sich ehrlich verdient. Immerhin lag noch ein hartes Stück Arbeit vor ihnen, das ganze Projekt in legale Bahnen zu lenken. Getrennt gingen sie dann am Nachmittag zur Vinothek, diesmal nicht im Trainingsanzug. Sie taten so als wären sie miteinander kaum bekannt, würden sich gerade noch auf eine Weinmarke einigen  können, um nicht eine ganze Flasche allein zu trinken. Formell prosteten sie einander zu, konnten aber dann nach der dritten Flasche das Lachen nicht zurückhalten. Laut lachten sie und Frohsinn kehrte in die Vinothek ein. Für Fremde kaum nachvollziehbar, wiederholten sie Zahlen und Millionen mit lautem Gelächter. Die genaue Zahl war im Lachen immer wieder untergegangen oder verschluckt worden. Und der eine, der im Kurheim stets den blauen Trainingsanzug trug, präsentierte seine Kopfrechnung, dass nämlich für ihre Leistung jeder Österreicher ohnehin nur einen einzigen „luckerten“ Euro spenden müsse, wirklich ein lächerliches Honorar. Und die beiden anderen stimmten zu, diesmal obendrein recht bescheiden geblieben zu sein, sollte der Auftrag dann auch erteilt werden. Im Grunde ist es eine Schande, so die drei Herren bei der vierten Flasche Rotgipfler aus Gumpoldskirchen, und da stimmten sie überein, dass man diese ganzen Verfahren benötigt, die nur aufwendig sind und Kosten verursachen. Es ist eine Vergeudung nicht nur ihrer kostbaren Zeit, ihres Humankapitals, solche Umwege wählen zu müssen, um dann zu einem Ergebnis zu kommen, das man hätte billiger haben können. Es ist die Bürokratie, sagten sie in der Vinothek in Baden, die sich an ein Verwaltungsrecht klammert, das schon längst in den Papierkorb gehört, unmodern ist und jeden Fortschritt hemmt. Da seien sie sich einig, erstmals. Es ist ein Übel der Demokratie, dass es zu solchen Auswüchsen kommt, wie Betriebsgenehmigungen und Umweltverträglichkeitsprüfung bei Bauverfahren, wo doch schlicht gebaut werden muss, soll die Wirtschaft florieren. Und einer kam auf den gloriosen Gedanken, von dem er behauptete, immerhin Napoleon habe ihn erfunden und obendrein passe der Satz genau nach Baden, um einmal auch hier mit dieser Bürokratie aufzuräumen, die vom seligen Kaiser Franz stammt: Die Volkssouveränität müsse so weit gehen, sagte jener, der im Kurheim den roten Trainingsanzug benutzt, dass sie sich selbst abschaffen kann. Das ist wahre Volkssouveränität, lallte er. Da lachten wieder alle und es war die fröhliche Einmütigkeit, die als Zustimmung für diesen markanten Satz gelten konnte. Ferner stimmten sie überein, dass Napoleon ein gescheiter Mann war.