Die Versammlung einer Gruppe vor dem Hauptportal des Himmelsbades gab den neugierigen Beobachtern im Café große Rätsel auf. So viel war klar, dass im Programm der Rehabilitation Wandern angekündigt war. Rätselhaft blieb, welche Art der Behinderung oder Beeinträchtigung ein Wandern erlaubt? Galt die Einteilung in eine Wander-Gruppe vielleicht speziell jenen, deren Hypochondrie die Ärzte durchschaut hatten? Jedenfalls gehbehindert war kein einziges Mitglied der 12. Damit war an allen Kaffeehaustischen gleichzeitig überlegt worden, ob es nicht die völlig neue Intention der Krankenkassen ist, ab einer gewissen Lebensphase die Versicherten nicht mehr oder nicht generell ihrem Alter anzupassen trotz einer etwaigen postoperativen Behinderung, sondern sie in den merkwürdigen Zustand der Alterslosigkeit zu versetzen. Vielleicht ist die Wandergruppe eine Art Schulversuch. Einerseits sind ja die Horden von Rentnern bekannt, die von Bussen herangekarrt in Kompaniestärke durch die Städte laufen, andererseits fehlen in der Kompanie der Lebens- und Erlebnishungrigen die Bresthaften und Maladen. War vom Himmelsbad eine derartige Aktion beabsichtigt, dass die Versicherten grundsätzlich am Städtetourismus teilhaben können? War von der medizinischen Verwaltung das Wandern vorgeschrieben worden, um Krampfadern entgegenzuwirken? Die Wandergruppe zeigte immerhin eine wilde Entschlossenheit, die selbst das Schneetreiben Ende März nicht minderte. Alle waren mit zwei High-Tech-Stöcken bewaffnet, fädelten die Hände in die Schlaufen ein und begrüßten den Gruppenleiter, der federnden Schrittes herbeieilte. Der Trainer grüßte und küsste die wanderlustigen Teilnehmer; früher wär´s ein Händedruck gewesen. Dieser ist jetzt ein Merkmal für Spröde oder Scheue. Wenn auch die Älteren, also die Rentner und Moribunden einander nicht mit „Hi“ begrüßen, noch nicht, so doch mit „Hallo“. Diese Förmlichkeiten des Grüßens sind nachhaltiger abgeschafft als das Rauchen in Lokalen. Speziell in Kurheimen ist man sofort auf Du und Du, küsst und schlägt mit flacher Hand voll Frohsinn auf die rechte Schulter des Begrüßungsopfers. Zwar haben da ältere Männer ein Problem, ringen um die richtige Distanz zwischen sich und der Person, der der Kuss gelten soll, schaffen es aber dann doch, den Kuss auf zwei rote Wangen zu placieren, so es Damen sind. Dieser Kuss ist in der Regel so herzhaft innig als würde John Wayne auf den Hinterlauf einer Stute das Brandzeichen drücken. So spielte man in der Gruppe Kameradschaft schon vor dem Kameradschaftssport.
Der Bewegungstherapeut kontrollierte das Schuhwerk, die Kopfbedeckungen, die Wanderkleidung. Mehrheitlich bestand die Kleidung aus flieder- oder schlammfarbenen Popeline-Jacken, einige hatten sogar die wärmenden Kunstglattlederjacken von Peek und Cloppenburg an, die es aber im Sonderangebot auch in schimmel-pastell-grüner oder hellbrauner Farbe gibt. Die Beinkleidung sind Jeans im Karottenschnitt und die Füße stecken in den üblichen Laufschuhen der bekanntesten Sportausstatter. Insgesamt hätte ein unbewanderter Betrachter das Erscheinungsbild der Gruppe für einen Werbeträger diverser Sportartikelerzeuger gehalten.
Recht abrupt setzte sich die Gruppe in Bewegung. Sie bog gleich links in die Weilburgstraße ab und war gerade noch bis zum Altenheim für Künstler eine halbwegs geschlossene Wandergruppe. Noch weit vor dem Heurigen Zierer beschleunigten einige höhere Beamte das Tempo als Zeugnis ihrer Leistungsbereitschaft. Es war ein ungewöhnliches Phänomen, das man Angehörigen der gehobenen Bundesverwaltung nicht mehr zugemutet hätte. Bis zum Viadukt der Hochquellwasserleitung war in der Gruppe ein Konkurrenzverhältnis aus ungeahntem Ehrgeiz entstanden, dessen Mangel man Beamten in der Öffentlichkeit immer vorgehalten hatte. Da war von der Poesie der Langsamkeit nichts mehr zu spüren, die es einmal Beamten erlaubt hatte, Dichter, Schriftsteller, Lyriker oder gar Komponisten zu sein – gleichsam Künstler mit Nebenberuf. Die Gruppe hatte ein derartiger Eifer erfasst, dass das Wandern in ein Wettgehen ausartete. Da konnte der Trainer rufen was er wollte, ihm gehorchte keiner mehr. Mit äußerstem Einsatz trachteten die mutierten Wanderer einander zu überholen, mit Stockeinsatz längere Schritte zu machen, oder gar bei einem Überholmanöver den Gegner zu behindern. Es wäre offenbar dem Ministerialrat eine Perle aus der Krone gefallen, würde ihn der Amtsoberoffizial überholt haben. Es fehlte nicht viel, mit Stöcken hätten sie einander bedroht, steigerten noch mehr das Tempo und rasten die Karlsgasse entlang – wie es normalerweise nur Diebe im Sprichwort tun. Drei Teilnehmer waren inzwischen hoffnungslos abgeschlagen, husteten, rangen nach Luft, resignierten und zündeten sich eine Zigarette an. Es waren Vertragsbedienstete. Die pragmatisierten Beamten rasten unverdrossen weiter, woran sie auch der Bewegungstherapeut nicht hindern konnte. Bei einer Weggabelung im Doblhoffpark kam es zum Eklat. Da die einen nicht wussten, ob rechts oder links zu gehen ist, hielten sie an, was die anderen dahinter für Erschöpfung hielten. Da gingen B-Beamte an Sektionsleitern vorbei und trachteten den Vorsprung auszubauen. Die Unschlüssigen staunten nicht schlecht, dass die Subalternen an ihnen vorbeirasten. Der eine hatte ihnen zwar noch nachgerufen, dass es Folgen haben würde, sollten sie nicht sofort stehen bleiben, aber diese Beamten der Zollwache und der Post freuten sich, den Neunmalklugen Spitzenbeamten ein Schnippchen geschlagen zu haben. Die Spitzengruppe bestand jetzt aus zwei Ingenieuren (FH), einem Beamten mit Matura und einem Werkmeister. Hinter ihnen hörte man hinter blühenden Forsythien, Schneeball und Winterjasmin die Hohen Beamten wilde Drohungen ausstoßen. Für den Sektionsleiter war es eine tiefe Kränkung, von einem Fachhochschulingenieur überholt worden zu sein, wo er doch am Ende der Weilburgstraße noch geführt hatte, gleichsam seinem Rang entsprechend. Eine wilde Aufholjagd begann. Wie auf ein Signal war der Stockeinsatz nicht mehr als Nordic Walking verstanden worden. Gezielt richtete man die Stöcke auf die Konkurrenten im Wettgehen. Ein Sektionsrat attackierte den Amtsoberoffizial und der Werkmeister den Amtsrat persönlich. Hilflos musste der Trainer zusehen, wie seine Gruppe, die doch so einmütig und friedfertig losmarschiert war, in Einzelkämpfen aufgerieben wurde. Bis zum Josefsplatz war es während des Gehens und dann auch Laufens zwischen mehreren Gruppenmitgliedern zum Handgemenge gekommen, zum Beschimpfen und Drohen. Selbst die Verringerung des Tempos aus Konditionsschwäche und Verletzung hatte nichts am Konkurrenzverhältnis geändert. Und mit dem Schlachtruf, dass nur die Härtesten durchkommen, eröffnete ein höherer Tiroler Landesbediensteter den Endspurt. Er hatte es bei Radrennen beobachtet, dass man etwa 500 Meter vor dem Ziel in einem Moment der Unaufmerksamkeit den Spurt beginnen muss. Zu spät bemerkten die Verfolger den Ausreißer. Fluchend stürmten sie hinterher und da unterblieb jede gegenseitige Behinderung. Interesse hatten sie nur am Tiroler Landesbediensteten und meinten, dessen Sieg kaum mehr verhindern zu können. Sie versuchten daher verzweifelt, dessen Sieg zu vereiteln. Sie benutzten die Stöcke wie Speere und schleuderten sie wutentbrannt nach dem Landesbeamten. Es war umsonst. Der Tiroler gelangte als erster ans Ziel, obwohl niemand anfänglich von Wettrennen oder Wettgehen gesprochen hatte. Der Tiroler hob die Arme in die Höhe wie die Professionals des Radsports, feierte sich und den Sieg und blickte höhnisch auf jene, die keuchend und fluchend gerade den Vorplatz zum Himmelsbad durchquerten.
Wortlos sammelte man sich keuchend, erschöpft und verletzt vor dem Eingang zum Himmelsbad. Das einigende Band gemeinsamer Rehabilitation war gerissen. Ein Wiener Vertragsbediensteter sagte treuherzig, schwer atmend, dass es ein Merkmal der Tiroler ist, aus allem einen Sport zu machen. Das hatte nichts mit Therapie zu tun, nichts mit Heilung oder Aufbautraining. Da war etwas völlig aus dem Ruder gelaufen. Fassungslos war auch der Trainer, der als letzter eintraf. Er fand keine Worte. Einen so harten Kampf und eine solche Bereitschaft zum gnadenlosen Konkurrenzverhältnis hatte er bei Angehörigen der Bundes- und Landesverwaltung nicht erwartet. Jedenfalls wird er für alle Zeit die Leitung einer Wandergruppe von Beamten abgeben.