Gedanken Reinhold Knolls

Verwunschen

Nach den vielen ereignislosen Abenden im Himmelsbad hielt es ihn nicht länger am Zimmer.

Wie immer hatten sich nach dem Abendessen inzwischen die Tischrunden im Café konstituiert. Diese waren eifrig bemüht, jeden Eindringling in die Runde abzuwehren. Sie zeigten wenig Begeisterung, sollte irgendwer einen Sessel genommen und sich hinter einen der Kartenspieler gesetzt haben. Er hatte jedes Mal diese Ablehnung gespürt. Deshalb war er auch auf sein Zimmer gegangen. Und die nächste Enttäuschung war das einfallslose Fernsehprogramm. Entweder wurde ein alter Krimi geboten oder nach den Nachrichten ein so genannter Report über Streitereien in einem Bergdorf, über Abwasserprobleme in der Südsteiermark oder über Operninszenierungen mit blasierten Moderatoren.

Für die orale Befriedigung während des Abends hatte er zwei Orangen mitgenommen, die bestenfalls ihren Sinn bei der Übertragung von Fußballspielen erfüllen; die gab es aber nur an einem Mittwoch. Mit Enttäuschung stellte er fest, dass es bereits Donnerstag war. Da stand er unentschlossen im Zimmer herum und diese Freizeitkleidung dämpfte deutlich seine Unternehmungslust; und Radio gab es auch nicht am Zimmer, um sich eine akustische Umwelt durch Musik zu beschaffen. Jetzt wäre Musik das Richtige, sagte er sich, also eine Symphonie von Schostakowitsch, oder aber eines der Klavierkonzerte von Rachmaninow, aber es gab eben kein Radio im Zimmer. Und zur Fortsetzung einer Ertüchtigung hatte er ebenfalls keine Lust. Mit Hintergedanken hatte man ja anlässlich einer Turnstunde die Thera-Bänder verteilt. Man hatte im Himmelsbad wirklich diese optimistische Einschätzung der Rekonvaleszenten besessen, sie  würden Abend für Abend diese Gummibänder um die Beine wickeln und die Glieder verrenken, je nach dem. Oder man würde am Zimmer das Gummiband um das Bettende schlingen und in kontrollierten Armbewegungen die Muskelkraft steigern. Dazu hatte er wirklich keine Lust. Bücher wollte er im Moment auch nicht in die Hand nehmen, da das spärliche Licht kein Lesevergnügen erlaubte.
Er war in seiner Entschlusskraft am Nullpunkt. Sollte er sich umziehen und ausgehen? Um acht Uhr abends einen Entschluss zu fassen, erschien ihm nahezu heroisch. Oder sollte er die Wäsche waschen? Das war keine attraktive Alternative, doch wenn er schon untätig bleibt, sollte wenigstens eine Waschmaschine für ihn arbeiten. Er nahm Schmutzwäsche aus dem Kleiderkasten: die beiden Hemden, Unterhosen, ein Unterleibchen, Socken, die Gymnastiktrikots und eine Sporthose, die er fürs Radfahren verwendet hatte, und machte sich auf den Weg zur Waschmaschine. Ehe er diesen Raum betrat, hörte er schon das Keifen und Streiten. Um acht Uhr abends ist es eben noch immer zu früh fürs ungestörte Wäschewaschen. Beim ersten Mal hatte er es um ein Uhr früh ungestört begonnen. Jetzt waren die streitsüchtigen Damen in Hochform, von denen jede einzelne besser wusste, wie Wäsche zu waschen ist, mit welchem Programm. Er wusste instinktiv, völlig falsch am Platz zu sein. Leider wurde er von einer der Streithennen entdeckt und sofort angekeppelt. Auch die Herren der Schöpfung müssen lernen, sich an Ordnungen zu halten, ereiferte sie sich. Es fehle auch sein Eintrag in der Waschliste. Und er hatte wahrscheinlich die Maschine vorm Abendessen falsch bedient, da die Bedienungsanleitung auf serbokroatisch am Display steht. Überhaupt sollte der Waschraum für Männer gesperrt sein, sekundierte die andere. Männer verstellen grundsätzlich die Einstellung bei elektronischen Datenangaben. Im Rückwärtsgang versuchte er dem Raum zu entkommen, doch war ihm unmissverständlich nachgerufen worden, für die nächsten Tage könne er sich das Wäschewaschen aus dem Kopf schlagen. Er habe jedes Recht auf die Waschmaschine auf immer verwirkt. Im Zimmer schlichtete er die Schmutzwäsche wieder in den Kasten ein.

Nach diesem ereignislosen Abend hielt es ihn nicht länger am Zimmer. Jetzt war er motiviert, sich umzuziehen. Selbst der Regen würde ihn jetzt vom Spaziergang nicht abhalten können. Und das Ziel kannte er bereits. Schnell hatte er die Kleider gewechselt,  den Regenmantel genommen, den breitkrempigen Hut, da der Abend im März auch kühl war. Ohne links und rechts zu schauen, ging er an den besetzten Tischen vorbei. Er verließ ohne Aufsehen das Himmelsbad. Da er wusste, die Vinothek schließt pünktlich etwa um sieben Uhr abends, so entschied er sich auf der Weilburgstraße für den Heurigen Zierer. Flott ging er die Straße entlang, die bei Regen noch finsterer wirkte, die Häuser noch unbewohnter, die Bäume noch trauriger. Ein paar Häuser gefielen ihm. Es war zu seiner Eigenschaft geworden, bei seinen einsamen Wanderungen sich auf das Sichtbare zu konzentrieren. In der Natur waren es Bäume oder Sträucher, Blumen, deren Klassifikation war ihm wie eine Denksportaufgabe erschienen. Minutenlang konnte er darüber nachdenken, ob Lippen- oder Korbblütler den Weg säumen, während er in Siedlungsgebieten die Häuser beurteilte. Dabei erinnerte er sich, dass im Himmelsbad die Bezeichnung des Baumes im Innenhof niemand kannte, den er sofort als Zürgelbaum entlarvt hatte. Es hatte ihn besonders belustigt, da der Baum zur Familie der Hanfgewächse gehört.

Unterdessen wunderte er sich bereits darüber, dass auf dem Weg zum Heurigen Gebäude gab, in denen die modernen Alufenster wie ein peinliches Loch jede Fassade in eine aggressive Hässlichkeit verwandelten. In Gedanken war er bereits beim Heurigen, dennoch bemühte er sich, die Argumente gegen ihn zu entkräften, nämlich altmodisch zu sein, nur am Alten zu hängen. Und er wusste, dass er selbst in seinem inneren Dialog diese imaginären Vorwürfe nicht wird widerlegen können, da eine verbindliche Ästhetik nicht mehr existiert. Er vermutete, seit Jahrzehnten war ja das Minimalprogramm bei Neubauten direkt aus der Architekturtradition des Nationalsozialismus übernommen und alles, was da eine Abkehr aus diesem Diktat versuchte, war umgehend als Fremdkörper verachtet worden. Ja, dachte er, die vielen Neubauten sind ähnlich ungeheuer wie der Antisemitismus, vulgär und grausam. Zur Erlösung von diesen finsteren Gedanken winkte schon das Steckschild des Heurigen.

Der Eintritt durchs gemütliche Haustor hatte noch den Rest eines alten Winzerhauses beibehalten und erst vom Innenhof aus konnte man das Lokal betreten. Noch vor der Türe war der fröhliche Lärm der Zecher, das große Hallo der Freizeitgesellschaft unter Alkohol zu hören. Tabakqualm begrüßte den späten Gast im Innenraum. Im Unterschied zum Himmelsbad durfte er sofort an einem der Tische Platz nehmen. Offensichtlich hatte man ein tiefes Verständnis für einsame Trinker, für Einzelgänger, die man in Baden stets mit Kuraufenthalten assoziiert.
Er kam an einen Tisch zu sitzen, an dem großteils Badener Urbevölkerung in lockerer Runde versammelt war. Die ausgelassene Stimmung verdankte sie einem Psychotherapeuten, der humorvoll menschliche Schwächen erläuterte. Einer seiner Patienten, berichtete er feixend, sei seine beste Kundschaft, wünsche sich sein Patient eben keine Aussprache, sondern eine Stunde ruhigen Schlafens. Und sollte er verschlafen haben, würde er zwei verrechnen dürfen. Ein anderer wieder wünsche sich eine ordentliche Beschimpfung, auf die der Klient mit brüllendem Lachen reagiert. Bekannt sind ja diese merkwürdigen Wünsche nach Bestrafungen, oft in Lehrbüchern als Masochismus beschrieben, woran der Therapeut zuweilen scheiterte. Die Klienten wünschten diese Höllenqual, womit sie im Dienst vermutlich ihre Sekretärinnen bedachten, und nun wollten sie vom Schuldgefühl beim Erleiden ähnlicher Schmerzen befreit werden. Der Psychotherapeut wusste von der Vergeblichkeit solcher Vorstellungen, hatte aber den Wunsch der Patienten dennoch erfüllt. Geohrfeigt habe er die Klienten zwar nie, aber dennoch gedemütigt. Er hatte sie laut Angabe als Schweine bezeichnet, als Schande für Menschheit und Baden, als Tiere, doch je vulgärer er sie beschimpfte, desto befreiter und entlasteter sahen sie aus.

Bei jedem Fall lachte die Runde und bat um Fortsetzung der Erzählung dieser Krankengeschichten. Der Psychotherapeut ließ sich nicht lumpen. Ein Patient hatte ja immer die Zunge zeigen müssen, so er in der Badener Bahn saß. Das hatte er ihm abgewöhnt, da er ihm die Fahrt mit der Bahn untersagte.

Eine Flasche Ziererschen Rotgipflers nach der anderen kam auf den Tisch. Es war die angeregteste Stimmung, die er schon lange nicht erlebt hatte. Er war überzeugt, dass eine ausgelassene  Unterhaltung wie in diesem Fall nur möglich ist, sollte man diese im Schatten diverser Wissenschaften führen. Unter diesem Aspekt begann er ebenfalls zu erzählen. Dass etwa ein Philosoph behauptet hatte, die Schamanen würden mit ihrer Naturheilkunde ebenso erfolgreich sein wie unsere teure Schulmedizin. Da lachten zwar alle, er fand seinen Beitrag aber eher geschmacklos: Natürlich belustigen missglückte Experimente und deren Nacherzählung beim Heurigen ernten allgemeine Erheiterung. Dennoch setzte er fort und berichtete von der aktuellen Altersforschung, über jene späte Freiheit, von der man in der Wissenschaft behauptet hatte, sie würde mit der Pension beginnen. Mit köstlichen Bildern beschrieb er die Folgen dieser Freiheit, wenn in Kompaniestärke die Alten auftreten, die in die historischen Stadtzentren eindringen wie eine marodierende Armee, in Bussen jede Altstadt unsicher machen oder bei jeder Gelegenheit nach den Heurigenbesuchen in beliebige, schwach beleuchtete Ecken pinkeln. Jede Szene war mit dröhnendem Gelächter quittiert worden. Da waren weitere Flaschen vonnöten.

Im Nachhinein konnte er nicht mehr angeben, wie viel Rotgipfler beim Zierer konsumiert worden waren. Er bot an, sich an der Rechnung zu beteiligen. Das hatte man sofort angenommen. Er hatte beim Begleichen der Gesamtrechnung den Verdacht, dass die Badener Zivilbevölkerung aus dem Stadtbudget honoriert wird, sollte sie die Kurgäste erfolgreich zum Konsum von Alkohol animiert haben. Also übernahm er alle Bouteillen Rotgipfler und bezahlte gern. Endlich hatte er einen heiteren und unbeschwerten Abend erlebt und das war ihm der Preis wert. Seit seinem Unfall war es nicht mehr so heiter gewesen, so unglaublich unbeschwert.

Plötzlich kam ihm ins Gedächtnis, völlig auf die Uhrzeit vergessen zu haben. Ein Blick belehrte ihn, das Zeitlimit für die Rückkehr ins Himmelsbad restlos überzogen zu haben. Er verabschiedete sich von der Runde, in der ihm die Wahrung der Anonymität angenehm war. Hals über Kopf stürzte er davon. Es regnete stärker als vorher. Krampfhaft dachte er über eine Ausrede nach. Ihm fiel keine ein. Würde er die Wahrheit sagen, müsste er bereits morgen früh das Himmelsbad wegen dieses Verstoßes verlassen. Er wusste, dass da kein Bitten und Betteln hilft. Je näher er dem Himmelsbad kam, desto unangenehmer war ihm die Situation. Selbst der Gedanke einer Bestechung des Nachtdienstes würde keine Aussicht auf Erfolg haben. Mit Vergnügen würde er als Rechtsbrecher der Hausordnung angezeigt werden. So ärgerte er sich, wegen der belanglosen Geschichten beim Heurigen seine Rehabilitation aufs Spiel gesetzt zu haben. So wohl er sich auch gefühlt haben mag, so sehr bereute er nun die drohenden Folgen. Seine Schritte verlangsamten sich, als würde er damit seinem Schicksal entgehen. Er ging die Weilburgstraße entlang bis zur Höhe des Rehabilitationszentrums und sah, was er befürchtete. Der Eingangsbereich des Zentrums war dunkel, die Glastüre sicherlich fest verschlossen. Er machte kehrt. Er ging aufs benachbarte Grundstück. In noblem Dunkel stand dort der traditionsreiche Sauerhof, nunmehr vergessen. Von den letzten Besitzern missbraucht und verwahrlost, in der Folge von Insolvenzen und Konkursen, Fehlplanungen und Spekulationen verlassen. Seit Jahrhunderten war es der bedeutsame Sitz nobler Herren, hatte nach der Neuplanung durch Kornhäusel hohe Gäste bewirtet, eben Beethoven, Salieri und Carl Maria von Weber. Irgendwo hatte er das in einer Stadtgeschichte gelesen. Das steigerte die Neugier. Er ging die Straßenfront des Hauses ab, versuchte durchs Fenster irgendetwas im Hausinnern zu erkennen. War das Äußere der gefälligen Anlage, die sich wie ein Schloss geben wollte, halbwegs in Ordnung geblieben, so schien das Innere devastiert. Er ließ sich trotzdem nicht abhalten, das weit ausladende Gebäude weiter zu inspizieren. Da war er die westliche Flanke des Gehöfts abgegangen, verschaffte sich durch ein Gitter Zutritt zu einem Anbau, der vermutlich im Sommer als Café Verwendung gefunden hatte, ging weiter, überquerte eine ungepflegte Rasenfläche und stieß auf den von Kornhäusel entworfenen Hotelanbau, der in südlicher Richtung auf der Rückseite des Mittelrisalits angeschlossen worden war. Dieses Gebäude schien ihm verwunschen. Die Dunkelheit förderte seine Phantasie. Er entdeckte eine Türe, die er öffnen konnte. Über vier Zimmer gelangte er in den älteren Abschnitt des vormaligen Schlosshotels. Trotz der Dunkelheit war dort die Intention des Architekten noch erkennbar. Er ging auf Zehenspitzen, um diese gespenstische Stille nicht zu stören. Eine gute halbe Stunde durchstreifte er das Haus staunend und die Phantasie rief die Vergangenheit zurück. Der mittlere Saal war im Klassizismus erhalten. Ein vorbeifahrendes Auto brachte etwas Licht in den Raum. Die Lisenen, die Kanneluren und Kapitelle, das Eierstabrelief waren knapp zu sehen. Der große Spiegel im Saal war erblindet. Der Raub an der Schönheit war nicht gänzlich gelungen. Er ging die gegenüber gelegene Zimmerfolge ab. Er entdeckte einen Raum mit Matratze. Auf einem wackeligen Tisch lag eine alte Decke. Seine erste Eingebung war, einen Schlafplatz sicher zu haben. In der Früh würde er dann völlig arglos und locker ins Himmelsbad hineingehen, als hätte er einen Morgenspaziergang hinter sich. Niemandem werde sein Fernbleiben auffallen. Er öffnete das Fenster, um etwas frische Luft ins leere Zimmer zu lassen. Der Temperaturunterschied ließ den Parkettboden knistern und knacken. Man hätte meinen können, die Inhaber vor zweihundert Jahren würden nochmals durchs Schloss gehen. Er legte den Hut auf den Tisch, zog die Schuhe aus und legte sich nieder, hüllte sich in die Decke ein. Er gab sich seiner Phantasie hin, bildete sich ein, er würde ganz weit weg im Haus einen Walzer von Josef Lanner hören, den bald eine Ecossaise von Beethoven ablöste. Die Musiken konnte er nicht mehr voneinander trennen, bald war Beethoven von einem deutschen Tanz von Schubert überblendet worden. Er versank in seiner Traumwelt im Sauerhof, wahrscheinlich der letzte Besucher, der die Gegenwart mit der Vergangenheit tauschte und die Müdigkeit half ihm dabei. Im Halbschlaf schienen wieder die Kerzen in den Girandolen zu brennen, an den Wänden hingen wieder die Gemälde des Biedermeier, die Möbel waren in hellem Kirschholz wie früher am Platz, als wäre er bereits in der Welt von Gestern daheim.