Gedanken Reinhold Knolls

Was Schule macht…..

Vor der Stunde gemeinsamen Turnens waren sie im Himmelsbad ins Gespräch gekommen, die Volksschullehrerin und der Ministerialrat. Die gleichen Beschwerden, bei beiden wurde das rechte Knie ersetzt, beide waren eher niedergeschlagen, depressiv mit einem Wort, hatten nicht nur das Einvernehmen begünstigt, sondern in diesen trüben Tagen im März hatten beide nach einem Strohhalm gegenseitigen Verständnisses gesucht und jetzt gefunden. Beiden war nicht zum Scherzen zu Mute, denn sie fanden bei Gedanken an den Beruf keine Perspektive, die zu verfolgen sich in ihrem Alter noch gelohnt hätte. So war die Frustration bei weitem das ärgere Leid als ein künstliches Knie. Mit dem Knie hätten sie sich abgefunden, denn an irgendein Schönheitsideal hatten sie seit langem keinen  Gedanken mehr verschwendet. Eher beschäftigte sie die unglaubliche Veränderung, die ihr berufliches Selbstverständnis nahezu zerstört hatte.

Mit dem Leintuch für gymnastische Übungen trotteten sie in den Turnsaal, ergeben und folgsam, dass das Unangenehme das Notwendige ist. Die Turnlehrerin wies sie mit lauter Stimme an, am Boden Platz zu nehmen und mit noch lauterer Stimme ordnete sie Übungen an, deren Sinn der Gruppe nicht gleich einsichtig war. Das Anheben des Oberkörpers aus der Rückenlage war ebenso beschwerlich wie das Anziehen der Knie an die Brust, während die Arme hinter dem Kopf zu verschränken waren. Ein Stöhnen war die Antwort auf die Befehlsausgabe gymnastischer Pflichtübungen. Der Ministerialrat bewunderte die relative Gelenkigkeit der Lehrerin, sie wiederum bedauerte die offenkundige Mühsal des Ministerialrats bei ungewohnten Bewegungsabläufen. Es war wie ein Rettungsanker, einander im Flüstern mitzuteilen, nach der Tortur einen Kaffee zu trinken. Sofort wurde von der unnachsichtigen Stimme diese Verabredung beendet und die Anordnung nächster Übung war wie die Strafe fürs Schwätzen. Wie im Leben alles vorübergeht, so ging auch diese Gymnastik-Stunde vorüber und Ministerialrat wie Volksschullehrerin humpelten zum Café des Himmelbads und trösteten einander, dass die Beschwerden nach dem Turnen zum Bestandteil einer Heilung zählen. Es waren also gesunde Schmerzen, die die Rekonvaleszenten ächzen ließ, zumindest hatten sie es sich nach vier Tagen im Himmelsbad abgewöhnt, dies zu bezweifeln.

Beim Kaffee waren dann weniger die Behinderungen, die Beeinträchtigungen das Thema, hingegen hatten beide das Bedürfnis nach Ablenkung und Erbauung, die sie nicht allein durch Lesen zu erreichen wünschten. Wegen dieser Übereinstimmung war der gemeinsame Besuch des ehemaligen Frauenbads am Josefsplatz vereinbart worden, nun ein Museum. Die zwei Therapien nach dem Mittagessen würden einen langen Nachmittag erlauben, dem man der Kunst widmen wollte.

Ein dichtes Schneetreiben um halb vier bestätigte die Richtigkeit der Entscheidung, also diese Wanderungen ins Helenental zu unterlassen und durch dem Museumsbesuch zu ersetzen. Nach der Überquerung der Schwechat über den Josefsplatz, vorbei an der Badener Bahn, waren sie in wenigen Minuten am Ziel. Sofort waren sie von der pretiösen Architektur angetan, von der Anordnung der Räume für ein, nach damaligen Verhältnissen sicherlich mondänes Bad, weshalb man sich gut vorstellen konnte, dass allein schon die Architektur ein Empfinden von Heilung vermittelte, von ernsthaftem Bemühen um Gesundheit im Schwefelbad. Nunmehr waren die Räume aber dem Gesamtwerk eines bedeutenden Künstlers aus Baden gewidmet, ja eines international renommierten Künstlers, auch wenn er schon lang nicht mehr in Österreich lebt. Der Ministerialrat erinnerte sich an den künstlerischen Werdegang, teilte der Lehrerin mit, dass der Badener Künstler während der sechziger Jahre der interessanteste in Wien gewesen war. Auch er hatte damals im Kreis um den Monsignore unweit der Stephanskirche begonnen, war aber eigenständig genug geblieben, um sich diesem Einfluss peu a peu zu entziehen. Er könne nun nicht sagen, wie dieses Leben in Wien damals im Detail verlaufen war, er könne sich nur daran erinnern, dass der Künstler natürlich bei dem Affront von Hundertwasser anwesend war. Dieser hatte sich vor der Stadträtin für Kultur vollständig entkleidet, zusammen mit zwei Modeschülerinnen, um gegen die Kulturpolitik der Stadt zu demonstrieren. Der Badener Künstler hatte damals mit den Übermalungen von Kreuzesdarstellungen begonnen, wie sie nun hier im Museum zu sehen sind.

Die Lehrerin war über die Kenntnisse des Ministerialrates erstaunt. Natürlich kannte sie den Maler, über den ja regelmäßig in Zeitungen zu lesen war, doch hatte sie noch nie eine repräsentative Zusammenstellung seiner Werke gesehen. Sie war den Ausführungen dankbar, denn mit den Exponaten konnte sie nichts anfangen. Der Hinweis des Ministerialrates auf diese Zeit war wichtig gewesen, denn, so die Lehrerin in Gedanken, was da in Paris und dann in Deutschland geschehen war, hatte in Österreich die Entsprechung in der Kunst. In Wien wäre es eben eine Kunstrevolution gewesen, was die Baader-Meinhof-Gruppe politisch in Deutschland wollte. Ist nicht, fragte sie den Ministerialrat, die Übermalung eines Kreuzes vielleicht eine versuchte Auslöschung des Christentums?

In seiner Antwort, die er anfänglich zögernd gab, war er gezwungen, weiter auszuholen. Es sei dieser kirchliche Kunstmäzen gewesen, der diese Gruppe um sich geschart hatte, aus der dann alle bedeutenden Kunst- und Kulturschaffenden hervorgingen – bis heute, doch während der siebziger Jahre vom Monsignore sich abgewandt haben und über die Kirche wie Rohrspatzen zu schimpfen begannen. Wieso, das könne er sich nicht erklären, aber es wird wohl der Versuch von Monsignore gewesen sein, diesen Aufbruch zur Moderne in Wien zuweilen ironisch kommentiert zu haben, oder er war so verstanden worden, als müsste jede Skizze ein Imprimatur von ihm erhalten. Und so man diese Ironie nicht ertragen wollte, kehrte man Monsignore den Rücken und somit auch der Kirche. Der Badener Künstler habe es deutlich gemacht in der Übermalung. Er sehe darin aber nicht, dass der Künstler das Christentum ausradieren wollte, sondern es kann ja sein, dass er damit dem Monsignore eins auswischen wollte, dem das Kreuz vielleicht nur mehr als Abzeichen auf der schwarzen Soutane diente. Wenn er das jetzt so offen sagt, dann wohl in Erinnerung daran, dass die Lieblingslektüre von Monsignore der Großinquisitor von Dostojewski war. Und dort würde man den Schlüssel finden können, dass der Großinquisitor wegen seiner Zweifel den Frommen hassen muss, der so ohne Probleme glaubt, was diese Eminenz nicht kann und auch nie konnte.

Die Lehrerin war schockiert. So viele Ebenen des Verständnisses müsse sie beherrschen, um aus der Übermalung eine Erkenntnis zu gewinnen. Anfänglich schien es die einfachste Sache der Welt zu sein, da wurde eben ein Kreuz übermalt, und dann steht dahinter diese ganze Verlogenheit des Wiener katholischen Milieus, das sie ja nur in der geronnenen Form des Religionsunterrichts in der Schule kennen gelernt hatte. So ergänzte sie die Analyse des Beamten, dass der Badener Künstler damit den Verrat darstellte, das Bild die Verleugnung sichtbar macht, die nichts mit dem Künstler zu tun hat, umso mehr mit diesem Monsignore, von dem sie noch nie gehört hatte, obwohl kirchliche Einrichtungen und Preise nach ihm benannt worden waren, wie der Ministerialrat erklärend hinzufügte.

Sie gingen weiter, von Exponat zu Exponat. Hin und wieder war sie geneigt, schneller zu gehen, denn ihr erschien diese Dokumentation als eine unendliche Abfolge desselben Themas. Der Ministerialrat bemerkte die Beschleunigung im Schritt der Begleiterin, ahnte ihre Langeweile, die sie in immer geringerem Maß von den Bildern Notiz nehmen ließ. Fast hätte er ihr Banausentum vorgeworfen, eine Unsensibilität, die zuweilen für Lehrer typisch ist und was ja sein Lieblingsautor im „Untergeher“ treffend beschrieben hatte, doch im letzten Moment ließ er diesen Vorwurf fallen. Er dachte, gerade Lehrer sollten Zeit ihres Lebens belehrt werden. Somit mahnte er sie, nicht an diesen Aussagen des Künstlers achtlos vorüber zu gehen. Es kann ja sein, dass in dieser Wiederholung eines Motivs eine kontemplative Kraft ist. Es kann aber auch sein, dass das Motiv eine bedrückende Klage ist, keine Anklage, wie man meinen könnte. Und der Ministerialrat erklärte ihr vor einem Exponat einer kohlrabenschwarzen Bildfläche, dass es sich hier um Zerstörungen handle. Allerdings müsse man nachdenken, was da zerstört werde? Er kenne ja den Kunstbetrieb ein wenig, weshalb er auch oft gehört hatte, dass der Badener Künstler gefeiert wird, weil er in seinem Werk die kulturellen Bestände einer Stadt, eines Landes, einer Geschichte zu zerstören beabsichtigt. Ein Panegyrikon wird ihm gewidmet, weil er angeblich der Regisseur der Destruktion ist, also eine Wirklichkeit verachtet und sie in wildem Übermalen ungeschehen machen will. Er könne gerade noch nachvollziehen, die Wirklichkeit für so schrecklich einzustufen, dass sie nur mittels Übermalung bewältigt werden könne, aber alles weitere nicht.

Die Volksschullehrerin sah sich ein Werk des Künstlers genauer an. Sie war stehen geblieben, trat ans Kunstwerk heran, trat wieder zurück, runzelte die Stirn und meinte, es sei ein Rätsel. Ja, in ihren Augen ist es ein Rätsel, dass er so lang so einsilbig geblieben ist, wenn man es in Sprache übertragen soll. Dass er nicht müde wurde, immer und immer wieder diese wilden Akte der Übermalung zu wiederholen, die doch dann keines Geistesblitzes mehr bedürfen. Wenn er, der Herr Ministerialrat erlaube, so würde sie ihm gern die Zeichnungen ihrer Klasse zeigen, mit wieviel Phantasie die Kinder zeichnen. Und da stehe sie nun vor den Werken eines berühmten Künstlers, der Übermalen zum Motiv wählte, das sie Kindern mühsam abgewöhnt.

Der Ministerialrat war keineswegs überrascht von diesem Einwand. Diesen hatte er schon hunderte Male gehört. In ruhigem Tonfall setzte er fort, dass von dieser Kulturelite die Übermalung stets bewusst falsch interpretiert wird. Nicht er, nicht der Badener Künstler plädiert für die Destruktion, sondern er zeigt auf die Destruktion demonstrativ hin, die allenthalben unsere Gegenwart bestimmt. Er macht auf die Destruktion aufmerksam. Der Künstler beschreibt, was ein Architekt in Wien mit Häusern tut, im Dachausbau und weiteren Verunstaltungen, oder was Politiker mit dem Staat tun. Nicht er destruiert, wie es oft behauptet und bewundert wird, sondern er habe stets die Destruktion dargestellt. Als Ministerialrat ist ihm dieses Motiv des Künstlers sozusagen amtsbekannt. Und sie werde ja als Lehrerin seit Jahren mit der Zerstörung der Schule konfrontiert. Nach dreißig Jahren Schulversuch würde man die Sonderschulen jetzt schließen und zu Kindern mit Migrationshintergrund werden die behinderten gleichsam hinzugesellt. Das war von Schulbehörden beschönigend als Integration gefeiert worden, worüber er schon beim Ministerialentwurf nur verbittert lachen konnte.

Eine andere Schaffensperiode galt dem Übermalen von alten Büchern. In alten Folianten zur botanischen Systematik waren die Stahlstiche als Anschauungsmaterial enthalten. Und nicht nur in einem, in allen dickleibigen Büchern hatten Übermalungen stattgefunden. Die Volksschullehrerin empfand fast körperlichen Schmerz, diese lieblichen Teerosen übermalt zu sehen, also mit wüsten Pinselstrichen vernichtet. Sie schüttelte den Kopf und stellte mehr sich als dem Ministerialrat die Frage, was einem dazu berechtige, mit Kulturgut so umzugehen? Und der Ministerialrat antwortete wie aus der Pistole geschossen, dass es eine perfekte Spiegelung unserer Zeit der Vernichtungen und Zerstörungen ist. Der Maler war da nur eine instrumentelle Hilfe, um genau den Schmerz wieder fühlbar zu machen, wenn Kritzeleien den Stahlstich einer Teerose aus dem 18. Jahrhundert zerstören. Und haben wir nicht vor bald 90 Jahren in ähnlicher Weise begonnen Menschen zu vernichten?, fragte er und wollte darauf im Grunde keine Antwort. Und haben wir nicht soeben unfassbares Geld spekulativ vernichtet, weshalb wir keine Schulen oder Spitäler mehr bauen werden? Wenn diese Herren, der Herr Direktor dieses Museums vielleicht miteingeschlossen, meinen, diese Destruktion schenke ihnen wieder die Freiheit im Ästhetischen, befreie sie vom Zwang alter Formensprachen oder kompositorischer Muster, enthebe sie jeder Verantwortung, endlich würde das Vergangene nicht mehr zwanghaft das Vorbild sein, so habe der Nationalsozialismus genau diese Argumentation verwendet und sei daher weiterhin aktuell geblieben. In der Zeit der Drehungen habe sich der Antifaschismus Untugenden des Faschismus angeeignet und drehe einem das Wort im Mund um, wenn diese Tugendbolde ihre beschworene Toleranz wie ein Gesetz verfügen wollen. Der Badener Künstler hingegen musste noch einmal in genau diese Zerstörungswut, in diese Welle des Hasses eintauchen, nehme buchstäblich dieses Opfer auf sich, um nachzuweisen, dass wir in unserem Tun weiterhin zerstören und hassen. Wie er schon andeutete, ist es dessen Klage. Es ist eine Totenklage.

Die Lehrerin war erschüttert. Nie hätte sie gedacht, dass der Farbauftrag auf einem schon vorhandenen Bild solche Folgen heraufbeschwöre. Nie hätte sie gedacht, dass es noch immer dieses Leid gibt, das eben vor siebzig Jahren nicht zu Ende gegangen war. Und nie hätte sie gedacht, dass diese Klage des Künstlers derart missbraucht werden kann.

Betroffen verließen beide das ehemalige Frauenbad am Josefsplatz. Sie kehrten aber nicht gleich ins Rehabilitationszentrum zurück. Sie gingen durch die Frauengasse Richtung Café Central. Der Ministerialrat schwärmte von heißer Schokolade, sie eher von einem Schnittlauchbrot und Tee mit Zitrone. Lange saßen sie einander stumm gegenüber. Länger konnte sie aber nicht mehr schweigen. Sie fragte ihn, ob denn im Land alles kaputt ist? Er antwortete mit: ja, es ist alles kaputt. Ist also in dem Land alles umsonst geschaffen worden?, fragte sie zurück. Er antwortete ihr, wie es gewonnen, so sei es zerronnen und die Apokalypse passte zu seinem Gesichtsausdruck.

Demotiviert rührte sie im Tee um. Er hingegen wusste sich noch nicht zu entscheiden, wie man anlässlich der Parade der Zerstörungen, Untergänge und Vergeudungen den Ausgleich zwischen ironischem Lächeln und Seelenruhe finden kann? 

Nach Zahlen der Konsumation schlug Ministerialrat vor, beim Stadttheater vorbei zu sehen. Angeblich soll die Operette „Paganini“ aufgeführt werden. Die Volksschullehrerin war davon überhaupt nicht angetan. Sie betonte ihre grundsätzliche Ablehnung jeder Operette. Diese Musik ging ihr stets gehörig auf die Nerven.  Das konnte der Ministerialrat nicht verstehen. Er meinte, nach dem Badener Künstler müsse man ein Alternativprogramm der Entspannung planen, das es regelmäßig im Badener Stadttheater gibt. Die Lehrerin entgegnete, dass sie ihm entgegengekommen ist bei der Wahl des Frauenbads, nun solle er doch ihr entgegenkommen und auf die Operette verzichten.

Einen derartigen Widerspruch hatte der Ministerialrat noch nie erlebt. Dennoch erheiterte ihn dieser Einwand. Einen Streit wegen einer Operette zu beginnen, amüsierte ihn. Er bemerkte, dass die Lehrerin ihr Veto absolut ernst nahm. Noch im Museum war sie wie eine gelehrige Schülerin nebenher gelaufen, aber jetzt drehte sie den Spieß um. Als Ministerialrat im Amt hätte er sich auf den Dienstweg ausreden können, aber als Insasse im Himmelsbad war weit und breit kein Schutz durchs Subsidiaritätsprinzip. Da würde er nur das Gewicht seiner Persönlichkeit in die Wagschale werfen können, was aber die Lehrerin zunehmend zum Lachen brachte. Also seine Ausrede, seichte Musik würde er nach dem Badener Künstler brauchen, ließ sie nicht gelten. Sie ließ schon gar nicht gelten, gegenüber unterschiedlichen Kunstgattungen müsse man tolerant sein, und er sehe bei einer Operette noch lang keine grundsätzlichen Bedenken.

Für die Lehrerin war es leicht, das schlechte Gewissen des Ministerialrats zu wecken. Seine unwillige Frage, was sie nun vorschlage, wenn die Operette um keinen Preis besucht werden darf, traf sie unvorbereitet. Bei dem Disput nahm sie ihm dennoch die Vormachtstellung eines Ministerialrats nicht mehr ab. Dahinter  steckt vielleicht ein einsamer Mann, war ihr Gedanke.

Beide suchten nach einem Konsens, der keinen der beiden majorisieren durfte. So war es glücklicherweise die Lehrerin, wie der Ministerialrat erleichtert feststellte, die ein Glas Rotwein in der Vinothek vorschlug. Sie werde zwar keinen Alkohol trinken, fügte sie hinzu, doch sie schätze ihn als Liebhaber von Wein ein. Begeistert stimmte er zu, da er annahm, es würde nicht bei einem Glas Badener Berg bleiben, auch nicht bei Förmlichkeiten.

Auf dem kurzen Weg vom Stadttheater zur Vinothek fand er die Lehrerin sympathisch und bereute es keine Sekunde, auf die Operette verzichtet zu haben. Die Lehrerin überlegte an seiner Seite, worauf er nach der Operette noch verzichten würde, um mit ihr plaudern zu können. Sie merkte, dass ihr dieses Entgegenkommen schmeichelte.

In der Vinothek war die übliche Besetzung. Die beiden Pensionistenehepaare saßen stumm um den Tisch herum gleich beim Schaufenster. Hin und wieder war aus der Runde ein Seufzen zu hören, ein Jammern über die Gegenwart, der eine schlimmere Zukunft folgen wird. Es interessierte diese Herrschaften nur mehr, ab wann in dem Land alles aus dem Ruder lief? Und am Stehtisch klagte der Baron beim fünften Glas über den allgemeinen Lauf der Zeit. Es seien die drei vergangenen Jahrzehnte gewesen, die die Sitten verheerten, den Anstand beseitigten, jeden Ruf ruinierten. Und in diese Runde platzten Lehrerin und Ministerialrat. Ihr war es peinlich, diese Farewell-Party für eine nie geschehene Geschichte zu stören. Dem Ministerialrat war das nicht fremd, ja er war es gewohnt, dass sich in solchen Lokalen die Trauer um die Vergangenheit einnistet. Die einen trauern um Jahrgänge unvergleichlicher Zierfandler, die anderen trauern der Jugend nach, die generell die bessere Zeit bleibt. Die zwei Merlot ans Stehtischchen serviert, rettete die lähmende Stille.

Nach dem ersten Schluck berichtete der Ministerialrat von den Untiefen staatlicher Verwaltung. In erster Linie sei es die Korruption, die eine trügerische Zufriedenheit verbreitet habe. Im Moment stehe er allein da. Das Verwaltungsrecht habe jede Gültigkeit verloren. Und da erlaube er sich schon die Bemerkung, so lautete die rhetorische Frage, womit es die Rekonvaleszenten im Kurheim verdienten, dass ihnen vor der Nase die Segnungen des Wohlstands Jahr für Jahr gekürzt werden? Es sei unglaublich aber augenscheinlich, dass in den vielen Therapien Menschen auf die Beine gestellt werden, um später im höheren Alter in die Armutsfalle zu geraten.

Der Baron hatte aufmerksam zugehört, ja er machte kein Hehl aus seiner unverhohlenen Neugier, stimmte dem Ministerialrat durch Kopfnicken zu. Er fiel ihm sogar ins Wort und wiederholte mehrmals, dass alle eine Saubande seien, eine dreckige, wie es so unnachahmlich Karl Valentin in seinem Schimpfen formuliert hatte, ja, so der Baron, in seinen Augen war Karl Valentin der beste Politologe und Sozialforscher in einem, hernach kommt Ringelnatz und dann lange nichts mehr. Mit weit ausholenden Handbewegungen unterstrich er die universelle Geltung seiner Aussage. Der Herr, der hier Ministerialrat genannt wurde, möge verzeihen, sagte der Baron, doch in ganz Baden gibt es keine einzige kritische Stimme, außer ihm sieht hier in Baden niemand, dass es bergab in der Katastrophe landen wird. Nun ist er zuversichtlicher, denn der Ministerialrat hat ihm zugestimmt.

Dem Ministerialrat war nicht wohl in der Haut. Der Baron, schwer alkoholisiert, schien mit dem Roten vom Harterberg zu ähnlichen Beurteilungen gekommen zu sein. Das würde vor der Lehrerin seine ganze Geschichte zum Badener Künstler relativieren, war seine Sorge. Ein Alkoholiker drohte seine ganze kluge Interpretation ins Lächerliche zu ziehen. Und die Lehrerin sah sich inzwischen in der Uraufführung einer Operette ohne Musik. Der Baron war aber nicht zu halten, da er mit lauter Stimme nahezu die gesamte Regierung als eine einzige Bagage bezeichnete. Die Pensionistenrunde zeigte sich deutlich indigniert und gestört. Nun war deren unverwandter Blick durchs Schaufenster auf die Pfarrgasse schon nicht ermunternd gewesen, das Vorüberziehen der Jugendlichen, die dem Aussehen nach einer marodierenden Militärkompanie glich, und nun im Inneren der Vinothek die Beschwörung aller Apokalypsen. Den Ministerialrat hätten sie noch zurechtgewiesen, da er nicht aus Baden stammt, doch beim Baron waren sie vorsichtiger. Der Baron ließ nun keine Widerrede zu. Nach einer Brise Schnupftabak, die er umständlich in der geröteten Nase untergebracht hatte, schilderte er unter dröhnendem Lachen die allgemeine Verblödung in Kirche und Republik. Der Ministerialrat kannte das meiste. Ihm war aber nicht zum Lachen, denn der Kern jeder Geschichte enthielt eine bodenlose Infamie. Historische Häuser unter Denkmalschutz in Wien wechseln die Besitzer und brennen prompt ab, die Planung einer zusätzlichen Autobahn bedroht Landschaftsauen, ein Schlosspark wird zur Skiwiese umfunktioniert, ein ideales Spital im Grünen wird geschlossen und abgerissen, ein neu zu errichtendes Spital ist im Rohbau bereits kaputt, zählte der Baron ohne Unterbrechung auf. Ab nun müsse keine politische Farbzuordnung mehr vorgenommen werden, kicherte der Baron, denn alle machen alles da oben.

In der Vinothek machte sich eine revolutionäre Stimmung unter den beiden Herren breit. Sie stimmten darin überein, dass in der Globalisierung politische Gemeinschaften immer kleiner werden und diese Verkleinerungen zum Weltkonzern dienten der geeigneteren Nutzung von früherem Gemeineigentum. Und das gemeinsame Lachen ob der Skandale war wie eine Verbrüderung. Von Partizipationen verschiedenster demokratischer Art war nach dem Wortlaut des Politisierens am Stehtisch in diesem Staat nicht mehr die Rede. So kamen sie überein, im Sinne der russischen Geschichte Badens, die Erlaubnis des Eigentümers der Vinothek vorausgesetzt, ein Lied anzustimmen: die Internationale. Der Ministerialrat zur Lehrerin gewendet, erklärte noch schnell, Pater noster, Marseillaise und Internationale hätten dieselbe Melodie, nur unterschiedlichen Rhythmus und das sei ein Merkmal des Unzerstörbaren! Unmittelbar darauf stimmte der Baron die erste Strophe an, mit wohligem Gruseln wie beim Lesen der Grimm´s Märchen, der Ministerialrat sang aus Gründen seiner Jugenderinnerung mit. Für die Pensionisten war es der falsche Hymnus. Empört verließen sie das Lokal.