(Zur Schließung einer Erinnerungslücke….)
Gibt es noch Tafelgeschirr? Wer kennt das noch? Wo sind die Teetassen geblieben? Sind die Kakaotassen im Geschirrschrank ganz hinten? Sind sie noch vorhanden?
Woran leidet unsere Tischkultur?
In der Früh sieht man die eiligen Frühstücksflüchtlinge mit Coffe-to-go im Plastikbecher. Wer hat noch Zeit für ein Frühstück?
Wer frühstückt daheim? Wahrscheinlich ist es ein Vorrecht der Pensionisten und Rentner.
Wie frühstückt man daheim – wenn Sonntag ist?
Infantil bemalte Keramikbecher zieren den Frühstückstisch. Dazu gibt es Schinken, Pastete und Camembert. Auf den Häferln ist zumeist ein I und ein Herz. Oder man liest Tea 4 und 2. Statt Teller ein Holzbrett. Ein rustikales Zitat für Lardo oder Speck. Alessi-Design gibt es, aber im Küchenregal.
Die Großeltern aßen noch vom böhmischen Zwiebelmuster. Das war vollständig vorhanden. Vom weit verbreiteten, aufgeklärt schlichten Zwiebelmuster „starben“ zuerst die Suppenteller. Die Hälfte der Dessertteller folgte nach.
Den Test hätten sie eh nicht bestanden. So sprach man schon 1965.
Welcher Test?
Wegen der aufreibenden Küchenarbeit hatten die tüchtig waltenden Hausfrauen den Geschirrspüler durchgesetzt. Das war in den 60er Jahren. Seither bestimmt dieser, woraus getrunken, wovon gegessen wird – täglich, mit Ausnahme von Weihnachten. Er wäscht und reinigt jeden Geschirrberg. Um ihn auszulasten, so war gesagt worden, wanderte ursprünglich das Tafelgeschirr mit Goldrand in die Spülmaschine. Schon nach dem dritten Besuch der Erbtante war der Goldrand weg. Da hing das Schicksal des Geschirrspülers noch an einem seidenen Faden. Dennoch ist die Spülmaschine wie ein Elefant in den Porzellanladen eingedrungen.
War die Verwüstung das Ergebnis einer Allianz zwischen Geschirrspüler und Keramikhäferln? Wegen dieser Allianz waren Abwaschen und Abtrocknen in Verruf geraten. Plötzlich hieß es: Ich bin doch nicht der Küchentrampel! Die Maschine macht alles.
Mit der Spülmaschine zog ein neuer Geist in der Küche ein. Unter ihrem Zwang wurden alles Geschirr und Besteck, Töpfe und Pfannen, Platten und Gläser in die Maschine eingeordnet. Ihr Fassungsvermögen nötigte erst nach zwei, drei Tagen zum waschenden Schongang. So viele Schalen fürs Müsli, Kaffeehäferln, Messer und Löffel hatte man anfänglich gar nicht, um die Spülmaschine täglich zu füllen. Schritt für Schritt war der von Spülmaschinen diktierte Bedarf an täglichem Gebrauch angeschafft worden. In den Küchenkästen errangen die Billigangebote der Geschirrabteilungen die Mehrheit. Die alten Teetassen gehören der Geschichte an. Als IKEA den Häferlbedarf zu decken begann, hatte fürs alte ehrwürdige Service die letzte Stunde geschlagen. Es stand herum. Wie aus der Pistole geschossen war der Grund genannt worden, weshalb das alte Geschirr vom Esstisch verbannt wurde: nicht spülmaschinenfest. Die besten Namen waren plötzlich ins Abseits geraten: Hutschenreuter, Rosenthal, Bavaria oder Thun.
Ein Todesurteil fürs gesamte Porzellan. Trotz Bindenschild oder Schwertermarke hatten die alten noblen Teller 1945 die Erbsensuppe aufgenommen als wär´s die feinste Boullion. Die Fleischteller hatten den getrockneten Stockfisch ertragen und hatten so getan, als läge auf ihnen Tafelspitz oder Gänsebein.
Und heute? Jetzt liegt auf grell bemalten, klobigen Tellern Finn Crisp, Tofu und vegane Wurst. Es ist grotesk: Noch nie waren so viele Kochbücher gedruckt worden, obwohl der Untergang der Küchen- und Esskultur knapp bevorsteht.
Nun muss man peinlichst genau auseinanderhalten, was gesundes Leben verspricht und welcher ästhetische Anspruch diesen Wunsch begleitet. Beide sind eng miteinander verbunden, doch erhielten sie sehr unterschiedliche Ausdrucksformen, obwohl sie beide derselben Kultur – Zivilisation? – angehören.
Wie das große Stelzenessen im Wiener Prater zeigt, genügt zur Unterlage der fetten Stelze etwas Zeitungspapier. Wie das fränkische Karpfenessen ebenfalls auf Zeitungspapier besonderen Reiz erhält, so erinnern beide an eine Volkskultur, die sich noch keine Teller leisten konnte. Wie der altmodisch geformte Pappendeckel beim Würstelstand beweist, bleibt die Erinnerung an Besseres präsent. Gerade der rechteckige Pappenteckel mit Rand und geprägten Ecken und Kanten trägt den Wunsch in sich, Teil eines Services zu sein. Diesen Sinn, der noch im Pappendeckel steckt, haben wir vergessen.
Der Frühstücksflüchtling wirft den Pappbecher mit Restkaffee wohin auch immer. Schon im Morgenmagazin von ZDF oder ARD zählt das Häferl um 6Uhr30 zum fixen Bestand. Die Moderatorinnen schlürfen daraus. Es fehlt nur noch das Fingerfood.
Der Pappendeckelteller landet achtlos im Papierkorb, Die IKEA-Teller in Broccoli-Grün oder Rote Bete-Rot landen im Geschirrspüler. Ästhetisch betrachtet kein Unterschied! Und genau dort liegt das Problem.
Wie das Geschirrwaschen an Dutzende Gefühle appelliert, die Hände die Wölbung der Teller fühlen, bei von Hand gedrehter alter Gmundner Keramik den Daumen des Töpfers empfinden lässt, so hat uns der Geschirrspüler diese uralten Begegnungen der Finger mit einem Suppenteller aus Meissen geraubt. Der Geschirrspüler stahl die angenehme Empfindung, einen alten Löffel zu polieren. Er war mit schwerem Hammer buchstäblich aus dem Silberblech herausgeschlagen worden, in einer Silberschmiede, in der es so klingt und hämmert wie in der Schwertszene bei Siegfried oder im Waffenschmied von Lortzing.
Der Geschirrspüler hat uns nicht nur basale Erfahrungen geraubt, sondern die Hausarbeit disqualifiziert. In völlig falscher Interpretation war Hausarbeit recht kleinstbürgerlich generell den Frauen aufgehalst worden. Hausarbeit wurde systematisch korrumpiert und denunziert. Am Anfang war die Erfindung der Geschirrspülmaschine durch Josephine Cochrane 1886 als Segen und Modernisierung gefeiert worden. Noch vor dem Geschirrspüler eroberte die Waschmaschine die Haushalte. Der Erfinder der ersten Rührflügelmaschine, die Wäsche waschen konnte, war 1767 natürlich ein Theologe: Jacob Christian Schäffer.
Mit dem Geschirrspüler ging die sichtbare Ordnung in der traditionellen Küche verloren. Die Spülmaschine definiert jedes Geschirr zur anonymen Menge. Jeder Teller verliert an Sinnlichkeit und Würde handwerklicher Qualität. Also war aus dem zivilisatorischen Fortschritt ein kultureller Rückschritt geworden. Was an Bequemlichkeit gewonnen wurde, hatte man an ästhetischer Erfahrung eingebüßt. Vorbei ist die Zeit, für die der Vers geschrieben worden war:
Ehret die Frauen,
sie flechten und weben,
himmlische Rosen
ins irdische Leben.