Ansichten einer narzisstischen Gesellschaft
In den Sozialwissenschaften hatte man 1983 die Gesellschaftsentwicklung innerhalb einer spezifischen Metaphorik der antiken Phänotypen zu interpretieren begonnen. Es war die Fortsetzung eines seit dem 19. Jahrhundert üblichen Narrativs, das bei Sigmund Freud einen vorläufigen Höhepunkt gefunden hatte. Im „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“ hatte Richard Sennett erklärt, dass gerade wegen einer Reihe narzisstischer Phänomene, das öffentliche Leben zum Erliegen kommt. Man kann es wahrscheinlich mit der Okkupation des öffentlichen Raumes vergleichen, da immer mehr und öfter zu Zwecken individuellen Konsums städtischer Raum eingenommen, im Grunde der Öffentlichkeit entzogen wird. So muss man sich zwischen Sessel, Tischen auf Gehsteigen durchschlängeln, wo früher ein Trottoir war, das man unbehindert passieren konnte. Ungewöhnlich ist wohl auch der Umstand, dass ein bislang der Psychoanalyse zugeschriebenes Phänomen in einen soziologischen Zusammenhang gebracht wird. Es ist aber nicht nur diese Entnahme aus der Psychoanalyse vorgenommen worden. Herbert Marcuse hat regelmäßig gesellschaftliche Zustände in Methoden der Psychoanalyse zu deuten gewusst, unterzog die Gesellschaft selbst einer Methode, mit deren Hilfe die verborgenen oder verdrängten Wunschvorstellungen, Geltungsabsichten, Traumata erhoben werden sollten. In den beiden Bänden zur „Kultur und Gesellschaft“ hatte Marcuse der Gesellschaft gleichsam unterstellt, in der Kunst das Verdrängte zu verwirklichen oder in der Kunst erst das Gesellschaftliche dechiffrieren zu können. Es ist stets nur die halbe Wahrheit, wollte man diese vielen Schriften gefügig machen, was so oft mit berühmten Autoren geschah. Wahrscheinlich war es offenkundig geworden, dass man mit den herkömmlichen Beschreibungen oder mit einer Gleichsetzung gesellschaftlicher Entwicklung mit ökonomischen Prozessen dem gesellschaftlichen Wandel nicht mehr beikommen kann. Die Frage, inwieweit sich die Gesellschaft diesem Zugriff zu entziehen vermochte, wird wohl dort zum Ausdruck kommen, so man sie als narzisstisch interpretiert. Bei Christopher Lasch ist Narzissmus ein ganzes Zeitalter geworden und dazu passt auch, dieses Zeitalter in narzisstischen Krisen zu sehen.
Auf der anderen Seite hat der Narzissmus als Diagnose seine Dominanz eingebüßt. Kaum ist von ihm in den medizinischen Statistiken zu lesen, auch in psychoanalytischen Zeitschriften schwindet die Existenz des Narzissmus dahin, also ist nur mehr die Erinnerung daran bei Erich Fromm notiert worden, da er schrieb: „ Der Narzissmus trägt viele Masken….“
Diese Relativierung beendete die Karriere dieses Begriffs in der Psychoanalyse, obwohl die Herkunft nie geleugnet wurde, und flüchtete sich hinüber in die Charakteristika des Gesellschaftlichen. Sigmund Freud hat noch den Begriff 1914 verwendet, behandelte diese Störung in seiner „Einführung des Narzissmus“, wobei dieser Titel recht holprig erscheint, also untypisch für Freud, der damit zu verstehen gab, wie sehr dieser Begriff Gefahr läuft, buchstäblich zwischen den Fingern zu zerrinnen. Allerdings war damit noch das Glück die erkenntnisleitende Funktion vorhanden, dass hier nicht nur psychische Merkmale zu sammeln waren, aber strikt individuelle blieben. Selbst eine Runde von Balletttänzerinnen, denen alle möglichen Eigenschaften von Eitelkeit und Geltungssucht zu unterstellen wäre, würden uns nicht auf die Idee gebracht haben, sie als eine Gruppe mit den gleichen Intentionen, Einbildungen oder Sehnsüchten darzustellen, denn noch hatten wir die psychoanalytische Stringenz vor Augen, in der individuellen Spezialisation Narzissmus identifizieren zu können. Wenn es also seit Christopher Lasch und Richard Sennett zu einem gesellschaftlichen Phänomen erhoben wird, werden wir nur die Bilder aus der Psychoanalyse beibehalten, aber nicht mehr den Gegenstand selbst, sondern den davon betroffenen Menschen.
Es ist schon merkwürdig, dass eine literarische Figur der Antike überraschend seine Wiederkehr im Fin de siècle feiert, die Gemälde von Gustav Klimt ebenso infiziert wie die Musik bei Igor Strawinsky – Le Sacre du Printemps – oder gar in der Literatur bei Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“. Nun ist der Narziss-Mythos eine sehr eigenständig entwickelte Figur in den Metamorphosen von Ovid.
Die besorgte Mutter Liriope fragt nach der Geburt des Sohnes den Seher Teresias nach dem künftigen Schicksal des Sohnes. Teresias antwortete etwas kryptisch, dass Narziss ein langes Leben haben werde, so er sich niemals selbst erkennt. Als attraktiver Jüngling wird er von Frauen und Männern umschwärmt, doch Narziss bleibt hochmütig reserviert. Selbst die Liebe der Nymphe Echo bleibt unerwidert. Echo ist gleichfalls eine merkwürdige Figur, denn von Geburt an der eigenen Sprache beraubt, vermag sie nur die letzten Silben des gesprochenen Satzes zu wiederholen, den ein beliebiges Gegenüber gesagt hatte. Auch sie lässt Narziss kalt, denn Ovid begründet es mit dem Vers: „denn es beseelt den zärtlichen Körper die sprödeste Härte.“
Wie es in alten Erzählungen immer zu kommen pflegt, verwünscht ein abgewiesener Liebhaber Narziss, will als Rache, Narziss möge an sich selbst eine unerfüllte wie unerfüllbare Liebe erleben. Nemesis erhört diesen Schwur, billigt ihn und setzt dessen Konsequenz um. Und es passiert, dass sich Narziss bei einem Teich am Fuße des Helikon in sein Spiegelbild verliebt. Das ruhige Wasser zeigt ihm dieses bezaubernde Antlitz. Ovid schrieb:
„Nicht im Verlangen nach Ruh´ und nicht das Verlangen nach Speise
Kann von dem Ort ihn ziehen: im beschatteten Grase gelagert
Schaut er die leere Gestalt mit unersättlichen Blicken.“
Diese Übersetzung von 1911 bildet noch den schönen Rahmen, der später nicht mehr auf dieser romantisch-historistischen Folie entworfen wird. Narziss merkt plötzlich und ruft voll Überraschung: „Das bin ja ich!“ Nun ist die Frage, erfüllt sich die Prophezeiung des Teresias? Stirbt nach dieser Erkenntnis Narziss? Hin und wieder hat Teresias nicht recht. Die Bewunderung seiner selbst stürzt Narziss noch tiefer in sein Wunschgebilde. Er wird noch mehr an sein alter Ego gefesselt. Ovid stellt diese Doppelung des Narziss im Wechsel von Singular und Plural dar. Heute begegnen wir wieder dieser Doppelung, wo ein Ich ein Wir ist oder ein Wir zum Ich wird. Es heißt:
„Dass ich von unserem Leib mich doch zu trennen vermöchte!
Was kein Liebender wünscht, ich wünschte, dass, was wir lieben, abwesend wäre.“
Diese von Ovid großartig gestaltete Dramatik führt uns die Unverwechselbarkeit einer Person vor Augen, der zugleich auch die andere Person ist, zwar imaginär, aber deshalb nicht weniger real. Narziss resigniert und meint:
„Nun miteinander vergehn wir zwei in der einzigen Seele.“
Denken Sie an das Gemälde von Klimt – „Der Kuss“ – ein furchtbares Gemälde, in der die beiden Personen im Ornament vergehen, verschwinden und zugleich den letzten Kuss sich im Grunde selbst geben, um hierauf in den Abgrund zu stürzen, an dessen Kante sie sich waghalsig befinden und in eins Liebe und Tod heraufbeschwören…
Adolf Loos sieht daher im Ornament die Macht schlechthin, in die der Mensch zu vergehen droht, von ihr verschlingt wird oder im Labyrinth gestalteter Fläche für immer herumirrt.
Narziss ist fast in gleicher Situation. Er sieht die Unlösbarkeit seines Schicksals und spricht:
„was nicht zu berühren vergönnt ist,
Lass mich wenigstens schau´n und nähren den traurigen Wahnsinn.“
Narziss stirbt an seinem Wahn. Es erfüllt sich doch die Weissagung des Teresias. Zur Erinnerung an den dahinschwindenden Narziss war uns die gleichfarbige gelbe mit den orangefarbenen Blütenblättern geschenkt worden: die Narzisse, die wir im Frühling zu unseren Festen ernten.
Nun haben wir alle Imponderabilien des Gesellschaftlichen in einer Peron beisammen:
Selbstsein und Intersubjektivität
- Liebe zu sich und zu anderen
- Begehren und Zurückweisung
- Spiegelung und Identität
- Selbsttäuschung und Selbsterkenntnis
- Selbsttranszendenz und Selbstverlust.
Da geht es nicht mehr um eine Fortsetzung der Narziss-Konstruktion nach Freud, sondern die Spurensuche läuft ins Gesellschaftliche. Es geht also nicht um eine problematische Libidokonstruktion, die destruktiv in den Wahnsinn treibt, da wäre an Otto Weiningers Dissertation zu „Geschlecht und Charakter“ und an dessen Selbstmord nach Ablehnung der Arbeit durch Friedrich Jodl zu erinnern, sondern inwieweit gestaltete sich die Gesellschaft zu einer Spiegelung, die immer nur mich selbst erkennen lässt und die vielen anderen ausblendet. Das Gesellschaftliche verzehrt sich im Wechselspiel von Virtualität und Realität – und von dort bezieht die Vorlesung ihren Sinngehalt.
Ehe wir uns ins Schwadronieren flüchten, also die Erledigung der Frage nach unserem Selbst-Sein eher verschieben als beantworten, müssen wir uns doch mit dem Problem der Spiegelung auseinandersetzen. Sie ist ja ein heiß umfehdetes Kapitel in der Geschichtsschreibung. Wir wollen uns ja partout von Polybios emanzipieren, wollen weder eine Wiederkehr historischer Konstellationen wahr haben, noch eine Geschichte, in der wir uns in einer Vergangenheit zu identifizieren beginnen, also nach Möglichkeit wollen wir ein authentisches Ich, das schon in der Herkunft des Authentischen uns ins Schattenreich katapultiert, ist doch authenteo der Selbstmord im Griechischen, sich selbst umbringen. Es ist schon das ein Teil des Narzissmus, denn unverwechselbar werde ich offenbar in der Auslöschung meiner selbst, damit auch authentisch, denn niemand wird in der Lage sein, diese Engführung nachzuvollziehen, es sei denn in der Nachahmung des Selbstmords, wie es seit Werthers Tagen kurzzeitig üblich wurde. Vermutlich war Werther der erste Narziss und kein Wunder, dass Goethe sich ihm widmete, wünschte doch dieser Werther, einmal er selbst zu sein, was er nur in der Selbstaufopferung zu erreichen meinte, ein Gottesdienst wie er diesen in seiner Christusidentifikation wünschte.
Nun ist ein Spiegel ein seltsames Ding. Ich nehme das durch ihn sichtbare Selbstbildnis morgens beim Rasieren nicht wahr, betrachte fast teilnahmslos die Außenansicht meines Selbst. Beim Rasieren findet schon in der Früh diese Trennung statt, die Separation zwischen gespürtem Gesicht und gesehenem Gesicht. Das hatte Helmut Plessner gemeint, wenn er kategorial zwischen Leib-Sein und Körper-Haben schrieb.
Geist der Utopie begann Ernst Bloch, ehe er Marxist wurde, die Frage zu stellen: Wie höre ich mich selbst? Und hier: Wie sehe ich mich selbst? Es ist anfangs ein schnell ablaufender Vorgang des Erkennens und der Erkenntnis, wenn ein Kind mit eineinhalb Jahren ein leibliches Selbst mit dem sichtbaren Körper zu identifizieren beginnt. Es schafft sich ein Körperbild. Ein halbwegs intelligenter Vogel tut anderes. Er versucht hinter den Spiegel zu schauen, ob nicht tatsächlich wer hinter dem Bild steckt, ein Artgenosse, der ihn zu imitieren versucht. Für den Vogel wird das Spiegelbild wesentlich als Wiederholung seiner selbst im Artgenossen. Beim Kind, und das scheint Menschen vom Beginn an zu unterscheiden, ist die Betrachtung des Spiegelbilds zugleich mit dem Gedanken verbunden, dass das Erscheinungsbild für andere wesentlich ist. Sieht mich meine Mutter so wie ich mich im Spiegel sehe? Von da an beginnt ein komplexer Prozess. Das Spiegelbild plagt mich mit der Einschätzung meines Selbstwerts und zwingt umgehend zum Schritt einer Selbstbeurteilung.
Wie sehe ich mich selbst?
Dieser Vorgang ist in mir verankert. Plessner war recht behutsam mit dieser Erkenntnis umgegangen, denn er sieht die Ergebnisse innerhalb eines präreflexiven Selbstvertrauens und im Wohlgefühl des Selbstseins. Wenn wir volksmündlich sagen, wegen Missetaten vor sich selbst ausspucken zu müssen, ähnliche Verwandlungen von sich selbst wegen der Gräueltaten vorzustellen wie Dorian Grey bei Oscar Wilde, so ist der Selbstwert anders geartet als etwa jene Beurteilungen, die über mich ausgesagt werden. Die zweite Version ergibt das imago, das Bild, das mir durch andere zugesprochen wird, während ich meine Erfahrung mit meinem Selbstbild niemandem mitteilen kann, nicht einmal im Photo. Es erklärt vielleicht diese Selbstkontrolle in den Selbstportraits bei Rembrandt, in denen er die präzise, nicht geschmeichelte Darstellung wählte, um sein Selbst zu ergründen.
Nun ist auch die narzisstische Umkehrung zu erwähnen, die bei Jean Paul Sartre notiert wurde und mitleidlos das Gefühl der „Aussetzung“ entstehen lässt. Vielleicht ist es auch die Wurzel, sich selbst fremd zu fühlen, wenn die Übereinstimmung mit der sozialen Situation nicht gelingt. In der Scham erfährt man den abwertenden Blick. Die „Abwertung“ des Selbstwerts, die man an sich selbst vornimmt, ist grundsätzlich prekär und man wird sich augenblicklich der eigenen Entwertung bewusst. Was Wunder, wenn man sich wünscht, hier un d jetzt im Boden zu versinken, unsichtbar zu sein. Sartre hat diesen Prozess in umgekehrter Form interpretiert: Der Blick von außen auf mich erregt das Schamgefühl und steuert zugleich die „Selbstbewusstwerdung“.
„Ich schäme mich meiner, wie ich dem anderen erscheine…Die reine Scham ist nicht das Gefühl, dieser oder jener tadelnswerter Gegenstand zu sein, sondern überhaupt ein Gegenstand zu sein, das heißt, mich in jenem degradierten, abhängigen und starr gewordenen Gegenstand der ich für Andere geworden bin, wiederzuerkennen.“
Scham ist also, sich selbst als Objekt zu erfahren – vielleicht als Wirkung eines verdinglichenden Blicks…..Die Scham verwandelt den unbefangenen Leib in einen gesehenen Körper.
Diese Verwandlung verursacht eine neue Form der Subjektivität. Merkmal ist die gestiegene Ungeduld. Man erlebt es in jedem Warteraum, wenn Arztbesucher sich sofort bemerkbar machen, nicht lang warten zu wollen, ja im Grunde die Vereinbarung unter der Bedingung trafen, keine Wartezeit hinnehmen zu müssen. Da werden alle anderen zu langsam, die langsame Erfüllung der narzisstischen Wunschliste lässt auf sich warten, was für den Narzissten unerträglich ist. Warten ist keine zur Selbststeigerung nutzbare Zeit, es dient nicht zur Realisierung eines Ideals. Geduld ist kein narzisstisches Ideal.
Dazu passt sofort die narzisstische Kränkung. Die ergibt sich unmittelbar nach der Nicht-Erfüllung der Wünsche. Die Kränkung kann zur Raserei führen, jeder Widerstand ab der Langsamkeit wird als persönliche Beleidigung empfunden.
Bei Goethes Faust ist diese Übersteigerung gut nachzuvollziehen.
So tauml ich von Begierde zu Genuss
Und im Genuss verschmacht ich nach Begierde.
In dieser Abhängigkeit verflucht Faust die Aufschiebungen des ersehnten Genusses, zuletzt jede Zufriedenheit und zum Schluss verflucht Faust die Geduld.
Das damit verbundene Problem liegt auf der Hand. Narzissmus zwingt uns zu einem Weiter- und Höherstreben, wir versprechen uns daraus die Befreiung von den Mängeln unserer Existenz und der Wunsch zum Verweilen wird immer wieder hinausgeschoben. Wir haben das ja an der Publikation der Steigerungen unserer Wirtschaftsleistungen immer wieder vor Augen und wissen eigentlich nicht, ob es da irgendwann eine Sättigung geben kann. Wir sind in Angst und Furcht, sollte fürs Jahr ein Null-Wachstum angekündigt werden, von einem Sinken der Wachstumsrate wagt man erst gar nicht zu sprechen. So werden Maßstäbe ausgedacht, um ja diesen permanenten Anstieg dokumentieren zu können, wir würden sonst in tiefe Depression verfallen.
Innere Leere und latente Verzweiflung scheinen uns für immer zu begleiten, sind aber zugleich die Motivation, sich immer zu steigern. Und in den jeweiligen Verlautbarungen werden wir immer wieder angetrieben, denn stets ist es fünf vor zwölf. Es ist immer fünf vor zwölf in allen Lebensbereichen und für die gesamte Welt. Nur ein kleines Vorrücken des Minutenzeigers würde uns dann in die Katastrophe stürzen und besondere Hektiker teilen uns mit, dass es bereits fünf nach zwölf ist. Statt beruhigt zu sein, den Beginn der Geisterstunde überlebt zu haben, sind wir weiterhin beunruhigt, denn fünf nach zwölf signalisiert den Abstieg, das Sinken aller möglichen Konjunkturen und Kurven. Hans Blumenberg hat unsere Situation damit verglichen, dauernd in einer Schere zu sein, nämlich die endliche Lebenszeit innerhalb einer unbegrenzten Weltzeit zu sehen. ES ist das Ergebnis des Säkularisationsprozesses. Das Leben wird nicht mehr innerhalb von Tradition. Lebenszusammenhang und Jenseitshoffnung gesehen, sondern die Säkularisierung schminkt uns ab, meint, das alles durchschauen zu können, was wir uns einbildeten oder aber in Projektionen verschoben. Das Leben geht immer weiter, auch wenn wir da nicht mehr mitspielen werden. Menschen mit Größenphantasien, mit Allmachtsträumen geraten da unter gehörigen Zeitdruck, steigern ihre Durchsetzungskraft, ja je enger sie ihre Lebenserwartung bemessen, desto irrwitziger werden deren Handlungen, um durch sie wenigstens das Stückwerk der Vollendung zu verwirklichen.
Hitler war ein Exponent dieses politischen Narzissmus, denn einerseits klagte er, zu wenig Zeit zu haben, andererseits sah er in der begrenzten Zeit seines Lebenszuschnitts eine Bosheit fremder Macht. Noch vor 1933 klagte er: Ich habe keine Zeit zu warten…Ich muss in Kürze an die Macht kommen, um die gigantischen Aufgaben in der mir verbliebenen Zeit lösen zu können. Ich muss. Ich muss!“
Am Ende erhob er eine andere Klage: „Es ist die Tragik der Deutschen, dass wir nie genügend Zeit haben….Ich stehe unter dem Schicksalsangebot, alles innerhalb eines kurzen Menschenlebens zu vollenden…Wofür die anderen die Ewigkeit haben, dafür bleiben mir nur ein paar armselige Jahre.“
Und es war Hitlers letzter narzisstischer Anfall, sogar an die Vernichtung Deutschlands zu denken, das offenbar nach ihm kein Lebensrecht mehr besitzen darf. Der narzisstische Neid erfüllt ihn wie die Trotzphase eines Dreijährigen. „Wir können untergehen. Aber wir werden eine Welt mitnehmen.“
Nun werden wir ziemlich schnell erfahren, dass es das Daseinsgefühl gibt, das entsprechend den Ideologien antreibt, oder umgekehrt, das Daseinsgefühl zwingt zu den ideologischen Abkürzungen im weltgeschichtlichen Verfahren.
Es ist typisch, dass Heidegger es vermochte, diese Beschreibung äußerst attraktiv zu gestalten als wärs Wirklichkeit und Tatsache zugleich. Da heißt es bei ihm:
„Wir sind, und sofern wir sind, warten wir immer auf etwas. Wir sind immer von Etwas als Ganzem angerufen. Dahin zum Sein im Ganzen sind wir in unserem Heimweh getrieben. Unser Sein ist diese Getriebenheit. Was ist diese Unruhe des Nicht? Wir nennen es die Endlichkeit.“
Es ist nicht Gegenstand der Untersuchung, nun dem Philosophen Narzissmus zu unterstellen, sondern er zeigt diesen als neue Triebfeder, die allen Entwicklungen seit der Industrialisierung eingebaut wurde. So sind wir nunmehr in der Welt und treiben das noch weiter, wissend, dass diese Selbstaufgabe in Sehnsüchte, Vollkommenheitswahn und Allmachtsphantasien in den Untergang treibt, ja in einen Selbstmord, den Klimt im Kuss ankündigt. Und Wedekind hat diese Triebfeder als ein Erwachen bezeichnet, das offenbar nur den Zweck hat, einen kurzen Frühling auszukosten, um hierauf wie eine seltene Blüte zu verwelken. So sind es nicht Heideggers Einbildungen, wenn er uns in diese Zwangsjacke des Seins, der Zeit und der Zwänge steckt, sondern im Fortgang der Geschichte haben wir uns dieses Schicksal zubereitet. Die Gegenwart wird entwertet, da sie weder das enthält, was zu unseren Wünschen gehört, auch nicht verspricht, uns dorthin zu führen, die Gegenwart überlässt uns uns selbst, wie wir in jeder Discothek erfahren. Das Selbst- und Bei-Sich-Sein erstarrt bald in Langeweile, im Drogenkonsum. Es war Aldous Huxley, der 1954 die ersten Erfahrungen mit Mescalin beschrieb: The Doors of Perception und hierauf weit präziser und im Stil von Predigten: Henri Michaux (1899-1984. Es folgen die ersten Mescalin-Erfahrungen „Miserable miracle 1956, die Beschreibungen der Bewusstseinsveränderungen in L´infini turbulent 1957. Es geht nicht um Berauschung oder Abtauchen in eine Unterwelt, sondern um genaue Beschreibung, wie sich Zeit, Farben, Geschwindigkeit und Denken verändert. Parallel dazu kommen die Publikationen von Carlos Castaneda auf den Markt. Pünktlich für die Alternativ-Bewegungen erscheint 1968 The Teachings of Don Juan: A Yaqui Way of Knowledge mit Hinweisen auf psychoaktive Pflanzen: Peyote (Mescalin), Stechapfel.
Nun hatte Heidegger diese Randbemerkung zur Endlichkeit in den Grundbegriffen der Metaphysik – Welt-Endlichkeit-Einsamkeit 1928/29 geschrieben, in der Vorlesung 1930 vorgetragen. Das Buch dazu erschien erst 1983. Gemäß der trüben 20er Jahre in Europa steht im Mittelpunkt diese gähnende Leere, die sich als Mangel, Entbehrung und Not ins Bewusstsein meldet, allerdings umgeht das Individuum die daraus zu gewinnende Einsicht und verläuft sich in den Nöten des Alltags, der Arbeitslosigkeit und Aussichtslosigkeit. Da gibt es nur zwei Lichter am Horizont: Heilsankündigung oder Droge.
Es wird sogar zum Hochmut in der Philosophie nun ein Wissen über unsere Daseinskonstruktion vorzugaukeln, ein beredtes Zeugnis darüber zu geben, im Grunde dauernd an ein im Ganzen sich versagenden Sein ausgeliefert zu sein. Das Individuum sieht sich einer Langeweile ausgeliefert, die sich bis zum Horizont des Daseins erstreckt, aber darin ist zugleich die Bedrohung durch Endlichkeit.
„Das Langwerden der Weile ist das Weitwerden des Zeithorizontes, dessen Weitwerden dem Dasein nicht etwa Befreiung und Entlastung bringt, sondern es gerade umgekehrt mit der Weite bedrängt. In dieser Weite der Zeit bedrängt sie das Dasein und schließt somit in sich einen eigentümlichen Hinweis auf seine Kürze.“
Die Langeweile ist nicht mehr der absehbare Selbstmord, letztlich erfährt man im Warten auf den Todesfall eine unaufhörliche Kränkung, nämlich zu leben, aber ohne es zu genießen, der allerdings mit Drogen beschleunigt werden kann, sondern die Langeweile ist zur Daseinsmetaphorik geworden, der Sinnentleerung, der Vergeblichkeit. Wir tun alles, um uns Langeweile zu ermöglichen, als Gegenentwurf zur Vita activa anzunehmen.
Wie aus den kurzen Beispielen zu erkennen ist, ist in der Literatur sehr früh die Maske erfunden worden, die in der Geistesgeschichte eine dominante Rolle spielt. Die Maske wird zum Gebrauchsgegenstand jeder Verstellung, aber erst mit der Geburt bürgerlicher Gesellschaft übt sie ihre dominante Funktion aus. In der romantischen Fachliteratur, also bei Karl Marx gibt es die Charaktermaske, die aus den Darstellungen von Denis Diderot „Rameaus Neffe“ ihre Karriere beginnt. Im ersten Band des Kapital wird die Verwandlung des Geldes in Kapital über den Austausch der Waren erzielt. Und dann heißt es weiter: „Wir werden überhaupt im Fortgang der Entwicklung finden, dass die ökonomischen Charaktermasken der Personen nur die Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse sind, als deren Träger sie sich gegenübertreten.“
Somit begegnen nicht mehr Menschen einander, sondern sie sind gleichsam Darsteller von Funktionen und Zwecken, die aus den Regeln der liberalen Ökonomie abgeleitet sind.
Bereits in der Charakteristik der neuen bürgerlichen Gesellschaft, die am Beginn des 19. Jhdt. zur Reife gelangte, sieht Hegel in ihr das Subjekt nur in der Eigenschaft eines niederträchtigen Selbst. Die Niedertracht befähigt den Bürger zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. ES benötigt dann keiner weiteren extravaganten Entwicklung, sondern politische zweieiige Zwillinge beanspruchen Lenkungsfunktion und Macht in den Formen von Kapitalismus und Kolonialismus.
Mit der Metapher der Maske war in der Literatur die Lüge eingekehrt, ja das beste Beispiel für deren Wirkungskraft ist die erschwindelte Erzählung Ossian, die Werther so beeindruckt, dass er nun die Wirklichkeit danach interpretiert und ihn in den Selbstmord treibt, den Werther als Opfertod erleiden will. War die Lüge schon in den Hochstapeleien von Rameaus Neffen Gang und Gebe geworden, die endgültige Beendigung des formal konzipierten Dialogs in der Philosophie seit Platon, literarischer Höhepunkt ist schließlich das Bildnis des Dorian Gray nach Oscar Wilde, publiziert 1890, worin die alte Weisheit transportiert wird: Setz ihm eine Maske auf und er sagt die Wahrheit.
Diese Lüge wird ja nicht nur konstitutiv für die bürgerliche Gesellschaft, die inmitten ihrer Prüderie eine höchst brüchige Moral zeigt, sondern sie ist ab nun die feste Grundlage jedes Ideologisierungsprozesses, in dem die Wirklichkeit nach Ermessen gebogen und verbogen wird. Hier ist ein schneller Rückgriff auf die Psychoanalyse erlaubt. Mit der Maske wird eine Identität vorgetäuscht, die C.G. Jung als Persona bezeichnet. „Die Persona ist eine Art Maske, die der einzelne anlegt oder in die er schlüpft oder die ihn sogar ohne sein Wissen ergreift und von ihm Besitz ergreift, und die …einerseits darauf abzielt, einen bestimmten Eindruck auf andere zu erwecken, und andererseits darauf, die wahre Natur des Individuums zu verbergen.“
Nichts anderes vermag die Mode zu erreichen, die ja pünktlich eine Folge der frz. Revolution ist. Womit ein schwieriges Kapitel eröffnet wäre, das sich zwischen Selbst- und Fremdbild ergibt, das das Fluktuieren zeigt zwischen Selbstdarstellung, Geltung und Anpassung sowie Anerkennung. Das Besondere ist einerseits die Individualisierung über modische Details, die aber nicht individualisieren würden, wären sie nicht im allgemeinen Sprachgebrauch der Alltagsästhetik enthalten, andererseits ist es ein Kokettieren zwischen Gleichheit als soziale Zugehörigkeit und Differenzierung.
Nun potenziert die Lüge die Leere, die zur Wurzel des Narzissmus zählt. Die Leere zwingt zur Maskierung, wie Jung beschrieb, und übernimmt immer mehr die <Bestimmung des Individuum. Das Subjekt hat keine innere Substanz mehr, es besteht nur mehr aus einer Fassade, die im Zuge des Älter-Werdens immer öfter bröckelt. Das zwingt den Narziss zur Flucht nach vorn, zur Unrast und Getriebenheit und verdirbt ihm jede Ruhe, Besinnlichkeit und Anschauung.
Nun hätte der Narzissmus keine gesellschaftliche Bedeutung, würde er nicht in hohem Maß die Intersubjektivität irritieren. Hier beginnt erneut das Hegel´sche Selbst eine Rolle zu spielen, die kein Ich mehr an sich hat, daher auch kein Du mehr kennt, wobei diese neue Konstellation sich nur mehr am „verallgemeinerten Anderen“ orientiert, wie Robert Merton entschlüsselte. In dieser Wende charakterisiert Merton eine Wende, in der jeder Andere seine Eigenschaft verliert und in der Verallgemeinerung verwischen sich die Merkmale, die Eigenheiten, alle jene Erscheinungsweisen, durch die wir eine Person identifizieren. So erkennt man eine Drehung der Interpretation des Anderen mit der Wahrnehmung: „Im Wesentlichen dient der Partner dem Narzissten als ein Werkzeug, um sein Ego aufzublähen.“ Das bedeutet, um hier an Kant zu erinnern, den anderen nicht als Zweck in sich, sondern nur als Mittel zu benutzen. Die Grundtendenz liegt vor, dass der Hinweis auf Beziehungen als Kompensation einer gedachten individuellen Schwäche benutzt wird, womit ein wesentliches Merkmal des Narzissten erwähnt ist. Dieses Phänomen berührt dann auch den ethischen Bereich.
Nicht das erste, aber wahrscheinlich das am besten dokumentierte Beispiel einer narzisstischen Persönlichkeit war Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) Das permanente Umschlagen vom frühkindlichen Mangel in überbordende Grandiosität war berüchtigt. Die dramatische Geburt, in deren Folge sein rechter Arm eine Lähmung erlitt, damit eine fortwährende Behinderung die Folge war, begleitete ihn als Mangel durch das ganze Leben. Schon die Mutter, Prinzessin Victoria, sah sich als Ursache dieses Mangels, lebte stets in dieser Schuld, sah hier ihr persönliches Versagen und vermutlich hatte es den Sohn tief geprägt, über die Mutter dieses Defizit ertragen zu müssen. Kompensiert war es durch einen übertriebenen Männlichkeitskult worden, den der Kaiser dann gern überprüfte, indem er mit dem gesunden Arm Leibgardisten in die Genitalien schlug, die aber den Schmerz zu überwinden hatten. Ferner hatte man die verrückte Überzeugung am Kronprinzen ausprobiert, nämlich den kürzeren Armin ein frisch geschlachtetes Kaninchen einzunähen oder in ein Metallgerüst zu stecken, das den Arm zu dehnen hatte. So erlitt der Kronprinz diese Prokrustes-Therapie, der Kontakt zu den Eltern wurde auf ein Minimum reduziert und über die Entwicklung wachte ein calvinistischer Lehrer, Georg Ernst Hinzpeter, der ebenfalls für seine Methoden berüchtigt war. Das endete oft mit körperlichen Demütigungen und Entzug der Zuwendung. Der junge Prinz hatte zu erlernen, über den körperlichen Mangel hinwegzutäuschen, versteckte also den Arm stets hinter dem Rücken oder es bedurfte der Kunst des Schneiders, den Anschein normaler Armlänge zu erzielen. Am Ende dieses Leidenswegs war die Krönung 1888, der absurde Abschluss einer Erziehung. Von da an war der Kaiser in seiner unumschränkten Macht von einer Sendung beseelt, die ihn oft zum politischen Risiko verleitete. Er umgab sich mit Schmeichlern, mit Höflingen und Beratern, die ihm den Floh ins Ohr setzten, Bismarck 1890 zu entlassen. Damit war der letzte Hemmschuh seiner Phantastereien beseitigt und immer hatte das Regierungskabinett die Sorge, was der Kaiser erneut Journalisten mitteilen wird, welche Ideen er über Zeitzungen kolportieren will. Am liebsten waren dem Kaiser außenpolitische Pläne, die er während seiner England-Aufenthalte liebend gern in Zeitungen verkünden ließ. So rasselte er stets mit dem Säbel und sorgte für die Isolation des Deutschen Reiches. Das Bramarbasieren überdeckte die Schattenseiten, die der Kaiser im Tagebuch vermerkte. Depressive Phasen, Niedergeschlagenheit, Verzweiflung. Am Höhepunkt des Daily Telegraph-Skandals 1908 vermerkte er im Tagebuch: „Ich bin von allen verlassen worden, Meine Minister sind Feiglinge, mein Volk undankbar, meine Freunde Verräter.“ Es war die perfekte Umdrehung gelungen, die den narzisstischen Kaiser in der Vollendung darstellt. Bis zum Tod 1941 lebte er in einer Scheinwelt, blieb in ihr, wovon auch das Epitaph Auskunft gibt:
„Lobet mich nicht, denn ich bedarf keines Lobes,
Rühmet mich nicht, denn ich bedarf keines Ruhmes,
Richtet mich nicht, denn ich werde gerichtet werden.“
Im deutschen Kaiser haben wir es mit einem Typus zu tun, von dem man glauben kann, dass er in Donald Trump eine Wiedergeburt erlebt.
Mit diesem Hinweis erfahren wir von der Bedeutung der narzisstischen Persönlichkeit, die es in der Geschichte immer wieder gegeben hat. Nun ist die sozialwissenschaftliche Frage von anderer Natur als eine psychologische oder psychoanalytische. Wenn es dem sozialen Umfeld gelingt, einen ausgewiesenen Narzissten zu paralysieren, dann werden die Folgen überschaubar bleiben. Das wichtigste Beispiel ist die Rahmenhandlung der Erzählungen von 1000 und einer Nacht. Die Aufzeichnungen begannen im 8. und 9. Jhdt und fußen auf persisch-indischen Sammlungen. Sie wurden im 9. und Jahrhundert um arabische Erzählungen erweitert. Ein wahnwitziger Prinz, der wegen seiner gescheiterten Liebesbeziehung die Verletzung seines Egos kaum erträgt, will sich an allen Frauen der Welt rächen. Rache kann der negative Ausdruck einer schweren narzisstischen Kränkung sein. Und es gelang der Tochter des Wezirs, in langen Erzählungen den Prinzen von seinen Racheplänen abzubringen. Die letzte gültige Fassung ist jene aus dem frühen 18. Jahrhundert von Antoine Galland.
Gelingt es hingegen einer narzisstischen Persönlichkeit, sich ein Umfeld zu schaffen, das jede Wahnvorstellung bestätigt oder gar bekräftigt, dann wird das Ausleben der narzisstischen Bewusstseinskonstellation zur Geißel. In der Antike war es stets mit der Idee der Vergöttlichung verbunden, die ja Caesar für sich beanspruchte und ein Forscherteam beauftragte, seine Herkunft von der Göttin Venus nachzuweisen. Ein ebenso starker Narzisst war natürlich Nero. Diese Persönlichkeitsstruktur hatte Seneca bei Kaiser Claudius durchschaut und über ihn die erste Satire geschrieben – in der Apocolocynthesis des Kaisers Claudius. Wie ein soziales Umfeld gefügig wird, was einmal in einer parteilichen Begeisterung für eine Person beginnt, weckt das sozialwissenschaftliche Interesse. Den Verlauf kann man an drei Theaterstücken ermessen, am „Mitmacher“ von Friedrich Dürrenmatt, an Eugen Ionescus „Nashörnern“ und an Bert Brechts „Aufstieg des Arturo Ui“.In allen dreien ist jener Prozess vergegenwärtigt, den Friedrich Schiller schon im „Fiesco“ gezeigt hatte: es muss eine Situation der Enge, der Ausweglosigkeit hervorgerufen werden. Diese kann durch Fehlentwicklungen oder nach Kriegsfolgen schnell eintreten. Da es nie Nichts gibt, sondern immer etwas zu verteilen ist, muss ein System der Privilegien-Zuteilung -eingerichtet werden. Wegen der beschränkten Mittel, können nicht zahllose Privilegien gewährt werden. Die dominierende Person entscheidet letztlich, nach welchen Gesichtspunkten Privilegien erteilt werden. Das ergibt eine Abhängigkeit, die teils durch Gewalt, teils durch Begünstigung durchgesetzt wird. Hier ist auf die kurze wie bündige Darstellung bei Heinrich Popitz zu verweisen.- Prozesse der Machtbildung. Die überraschende Leistung des Narzissten ist, eine Konstellation zu erkennen und in dieser für Funktionsabläufe Sorge zu tragen, die eine deutliche soziale Differenzierung bewirken, wodurch auch die Haltbarkeit des Systems gewährleistet ist. Diese Überlegungen führen auch zur neuen Einschätzung historischer Persönlichkeiten, da das genealogische Prinzip zwar abgeschafft, aber durch ein autoritäres ersetzt wurde. Auf die mitteleuropäischen Kaiser und Könige folgten Hitler, Stalin und deren Imitate von Franco über Mussolini bis Horthy. Die zeitgenössische Version der Vergötterung, die dem Star durch seine Fans widerfährt, ist die typische Realisierung narzisstischer Gemeinschaftlichkeit.
Nun müssen wir die soziologische Relevanz ins Auge fassen. Es ist die Fortsetzung jener Anregung, die vorhin geäußert wurde. Es müssen einige Faktoren in der Gesellschaft vorhanden sein, die nicht nur die Bereitschaft zur narzisstischen Persönlichkeit enthalten, sondern im kulturellen Kontext sind die erwünschten Individualisierungsprozesse, die neuen Unabhängigkeiten in beinahe anarchischen Freiheitsvorstellungen eine Grundlage für die Durchsetzungschance einer narzisstischen Persönlichkeit. Eine Orientierung in einer Zeit der Desorientiertheit vorzugeben, erlaubt nicht nur den Erfolg, sondern benötigt dazu alle Arten von Personifizierung und Identifizierung.
Wenn psychische Störungen zumeist Beziehungsstörungen sind, so sind diese immer im sozialen Kontext zu betrachten. Wenn die Spätmoderne in einer Variante des Narzissmus sowohl in einzelnen Fällen wiedergegeben werden kann, als auch das Kriterium einer kollektiven Verhaltensakzeptanz enthält, dann sind völlig anders geartete Zielvorstellungen formuliert, die allein schon im Vokabel der Selbstverwirklichung zum Ausdruck kommen. Selbstverwirklichung heißt nichts anderes als die soziale Umwelt zur Anerkennung oder Akzeptanz zu bewegen, so extrem auch das subjektive Selbstverständnis sein mag. Schon seit Richard Sennett kommt im Narzissmus eine Grundfigur des Selbst- und Weltverhältnisses zur Geltung, die zugleich die gegenwärtige Kultur charakterisiert. Plötzlich steht ein unhinterfragtes Selbst vor uns und fordert sowohl Anerkennung als auch Beachtung ein. Aus phänomenologischer Perspektive kann man untersuchen, wie die inzwischen dargestellten Strukturen des Narzissmus die sozialen und Beziehungen und unser Selbstverständnis veränderten.
Wir werden schnell einen Faktor entdecken, den man seit Shoshana Zuboff kennt, nämlich einen digitalisierten Kapitalismus der Spätmoderne. Sie nannte es den Überwachungskapitalismus, der sich auf die andauernd steigende Datenmenge über Personen stützen kann und daraufhin einen perfekten Status der Kontrolle erwirbt. Dieser digitalisierte Kapitalismus setzt sich aus verschiedenen Faktoren zusammen, die aufgereiht lauten
- Konsum
- Singularisierung durch Konsum
- Virtualisierung
- Polarisierung
- schließlich eine narzisstisch gefärbte Spiritualität
Mit Hilfe dieser Faktoren erweist sich der Narzissmus als zentrale Figur der Subjektivität in der gegenwärtigen Kultur. Das muss nicht außerordentlich eindrucksvoll vorexerziert werden, es genügt, wenn man mit dem Namen „Wurst“ die gesamte Bandbreite des neu und kulturell kreierten Menschen vor Augen tritt und ihre/seine Besonderheit dadurch erreicht, in dem er/sie sich die Kompetenz in der Wahl seiner/ihrer Geschlechtszugehörigkeit vorbehält. Es gilt nicht mehr das natürlich „So-Sein“, sondern ein in der Selbstbestimmung bevorzugtes „Anders-Sein“. Wenn nun in einer Gesellschaft in ihrer kulturellen Präsenz sehr viele zu anderen werden, verlieren sich zahllose kulturell vermittelte Verbindlichkeiten. Die alten Konstruktionen der bisherigen sozialen Grammatik werden bewusst aufgelöst, sollen den Kriterien untergeordnet werden, die im Urteil der Anderen keine Diskriminierung enthalten, frei vom Vorurteil sind, unabhängig von den Interpretamenten bisheriger Wahrnehmunskategorien. Schwarz muss nicht mehr schwarz heißen, wie weiß als schwarz gelten kann. Das war das erklärte Ziel der political correctness, nämlich nicht nur Sprache zu kontrollieren und vom traditionellen Sinngehalt zu lösen, sondern die durch Sprachgebrauch gewonnene individuelle Kompetenz zu beseitigen.
Seit Jahrzehnten häufen sich theoretische und empirische Belege, dass in der spätmodernen kapitalistischen Gesellschaft narzisstische Subjektivierungen artikuliert werden können, ohne auf traditionelle Kritik zu stoßen. Die Ablehnung verhält sich bedeckt, benennt nicht mehr eine Wirklichkeit, die es noch gibt, sondern übt sich in der Verwendung von Sprachformen, deren Kraft der Bezeichnung und Identifikation enorm geschwächt erscheint. Die zentrale Triebfeder dieser in der Gegenwartskultur vermittelten Gesellschaft ist der bereits erwähnte Mangel, der nicht nur die kapitalistische Ökonomie am Laufen hält. Dieser strukturelle Mangel einer Gesellschaft konvergiert mit dem tiefen Mangel, den wir als Kern des Narzissmus beschrieben haben; narzisstischer Mangel kann daher einerseits als der Motor des kapitalistischen Systems angesehen werden, andererseits durch ebendieses System gesteigert wird.
Damit eröffnet sich ein weiteres Problem, das zugleich fast eine Lösung anbietet: Der Kapitalismus bietet die Möglichkeit des Wettbewerbs um möglichst hohe Gewinne, die sich in der narzisstischen Wahrnehmung als attraktive Surrogate für den Selbstwert anbieten. So erhalten wir dieses Karussell, das zugleich Mangel deckt und Mangel schafft. Damit wird jene Metaphorik in die Spätmoderne übertragen, die wir aus der spätantiken Mythologie von Ovid entnahmen. Im 19. Jahrhundert war es ein geläufiger Topos, der sich nicht nur in den Übersetzungen und Übertragungen alter Erzählungen identifizieren lässt, sondern in den Neuauflagen der Mythen. Das beginnt mit der Erfindung einer Vorgeschichte im Ossian, setzt sich fort in der Mythologie des „Rings der Nibelungen“ bei Richard Wagner und bietet der Modernen jene geheimnisvollen Offenbarungen an, die Nietzsche im Zarathustra wie ein Seher niederschrieb. Die letzten Fortsetzungen sind bei Richard Strauss zu hören, in Salome, in der Sehnsucht, einen Menschen als Liebesobjekt zu besitzen, oder im Frühlingsopfer von Igor Strawinskij. Hier äußert sich die Moderne in einer Konzeptualisierung – siehe Stadtplanung und Architektur -, die ohne die Konstruktion des Narzissmus nicht möglich gewesen wäre Somit wird der Narzisst zur zentralen Figur in den großen Wirtschaftsunternehmungen, im Kulturbetrieb, in den Wissenschaften, die sich endlich zur Heroisierung entschließt.
Diese Figuration hatte es bereits in der Antike gegeben. In ihr wurde diese unersättliche Pleonexie wahrgenommen, ein Streben „nach mehr“. Alles kann zum Objekt der Begierde werden. In der Nikomachischen Ethik wird genau analysiert, wie ein Ausgleich zu schaffen ist, wodurch die Gerechtigkeit obsiegt.
Aristoteles will zum Ausdruck bringen, dass die proportionale Gleichheit bei der Verteilung und die arithmetische Gleichheit beim Ausgleich zu befolgen ist. Nun ist der Kapitalismus eine institutionalisierte Pleonexie. Das Rad von Innovation, Produktion und Konsumtion dreht sich immer schneller und erzeugt zugleich in den Individuen den steten Mangel, ohne den es zum Stillstand käme.
Auf der einen Seite erfährt man den fortwährenden Druckzustand, der zum burn-out-Syndrom führt, auf der anderen Seite scheinen vielfältige Mechanismen dieses Hineinfallen in die Depression zu umgehen, indem ein medial aufbereitetes Spiel gezeigt wird, mit dem alle Wünsche erfüllbar erscheinen: in der Werbung, Mode, Nudging, Influencing, Optimierungsangebote, wie auch auf Konkurrenz und Neid verwiesen wird. Man kann behaupten, dass die Skizze etwa lautet: Kapitalistische Subjekte müssen Begehren empfinden, ein unstillbares Begehren, sollte diese Empfindung nicht vorherrschen, würde man nie richtig konsumiert haben. Der Kulturwissenschafter Mark Fisher beschrieb es als depressive Hedonia, ein Mischzustand, der sich vornehmlich bei Jugendlichen einstellt, nämlich in der Hoffnung zu leben, das fehlende „Etwas“ doch einmal zu finden, das Glückslos, bis dahin wird immer nach neuer Lust gesucht, ja gefahndet. Die äu0ere Befriedigung bleibt illusionär und löst daher Leere, Enttäuschung und Depression aus. Der Narzissmus wird zum Charaktertypus in der spätmodernen Ökonomie.
Interessant ist der neue Begriff des Nudging. Im ersten Moment würde man es als Entscheidungshilfe verstehen. In der neueren Psychologie ergibt sich aber eine ganz andere Dimension. Im Begriff wird gemeint, dass die Entscheidungsumgebung gestaltet wird, also durch die Veränderung äußerer Umstände gewinnt man den Eindruck, sich leichter entscheiden zu können. Nudging unterscheidet sich von Verboten, Geboten oder finanziellen Anreizen. Der Eingriff in die individuelle Entscheidung erfolgt über die Architektur der Entscheidung. War man früher von der Wahl ausgegangen, die man nach Gutdünken trifft, die von einem Motiv angeleitet wird, so ist jetzt die Inszenierung ausschlaggebend, die mich zu einer Kaufentscheidung drängt.
Nun tritt zu diesen Phasen veränderter Lebensumstände, die wir kaum noch als Kontinuität erleben, kaum mehr als Abfolge unterschiedlicher sozialer Situationen die bekannte Beschleunigung, die Heinrich Lübbe einmal als verkürzten Aufenthalt in der Gegenwart bezeichnete. Dazu gehört auch unser Hang zur Musealisierung, in der wir über den Zeitpunkt des Veraltens bestimmen. Die Gegenwart ist ein kaum noch messbarer Zeitraum, denn auf der Jagd nach Glück haben wir uns den schnellen Blick angewöhnt, das schnelle Sprechen. Wie auch immer früher Glück bestimmt wurde, ob es ein flüchtiger Moment war, Seelenruhe, eine Gnade, im transzendenten Zustand zu verweilen, so hat sich die Vorstellung von Glück in der Moderne vollständig verändert. Glück muss man aktiv anstreben, es fällt einem nicht in den Schoß, man muss es aktiv suchen, anstreben, selbst wenn man zuweilen den Eindruck gewinnt, es gerade deshalb zu verfehlen, wie in der Novelle von Tolstoi „Wie viel Erde braucht der Mensch?“. Das Streben nach Glück ist sogar in die US-amerikanische Verfassung aufgenommen worden, so dass man zur Ansicht von Zygmunt Baumann kommen kann, dass Glück zum Bestand der Hoffnung gehört, nämlich eines Tages oder irgendwann einmal glücklich zu sein.
Wie das schnelle Reden zeigt, dem man kaum mehr folgen kann, keine Muße mehr zu haben, das Sprechen wird zum Ausdruck von Unrast, so strebt man nach einem Erregungszustand, der immer nur von kurzer Dauer ist. Daher ist auch die Frustration riesengroß, da der Erregungszustand immer nur von kurzer Zeit ist. So besteht das kulturelle Primat aus Unruhe und Rastlosigkeit. Das brachte auch Sennett zur Einsicht: „Erwachsene, die heute im Einklang mit den gesellschaftlichen Normen handeln wollen, müssen sich narzisstisch verhalten.“
Und Richard Sennett führt dieses Phänomen in seiner wichtigsten Studie noch weiter. Im „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“ beschreibt er, dass schon im 19. Jahrhundert die Schienen für einen narzisstischen Persönlichkeitskult gelegt wurden. So heißt es, dass das Vordingen der Persönlichkeit, was eigentlich heißen soll, des Persönlichen in die öffentliche Sphäre schuf die Grundlage für die intime Gesellschaft. War also die Mode anfänglich vom Geist der Revolution getragen, war sie doch die Vermittlerin zwischen Individualität und sozialer Anerkennung und gesellschaftlicher Akzeptanz mittels durch die Mode vereinheitlichte und allgemein verständlicher Signale, so war sie hierauf ein Motor sozialer Differenzierung geworden. Sennett fährt fort: „In dieser Zeit bildete sich die Vorstellung aus, gesellschaftlicher Austausch sei gleichbedeutend mit Offenbarung der Persönlichkeit. Doch diese Persönlichkeit trat in der Wahrnehmung der Menschen nie klar zutage, so dass sie sich auf eine endlose, zwanghafte Suche nach Hinweisen auf das wirkliche Wesen der anderen und ihrer selbst begeben mussten. Im Laufe der letzten hundert Jahre, jetzt werden es inzwischen schon 150 Jahre sein, sind soziale Bindungen und gesellschaftliches Engagement zunehmend der emotionalen Selbsterkundung gewichen. Persönlichkeitsentfaltung gilt heute geradezu als Gegenteil von gesellschaftlichem Handeln.“ Auch wenn hier der Narzissmus nur als eine Möglichkeit erscheint, so begünstigen die kulturellen Entwicklungen diese Form der Persönlichkeitsentfaltung. Die Konstitution der bürgerlichen Gesellschaft erlaubte diese Alternative, was zuvor in einer Klassengesellschaft undenkbar gewesen wäre. Der Narzissmus hat einmal individuell das aufgeklärte Eigeninteresse der Person außer Kraft gesetzt oder die sekundären Ich-Funktionen geschwächt. Bei bekannten Künstlern kann diese Veränderung hingehen, sie scheint allgemein zugelassen. Im Unterschied zum Politiker nimmt ja beim Künstler die Ausübung durch exzessives Verhalten keinen Schaden.
AB der Romantik, wie Sennet behauptet, ist nicht nur im Musikleben ein Star aufgetreten, der alle Blicke auf sich zog, sondern es kam zu einer Trennung der Kunst vom soziokulturellen Kontext. Das Schlagwort von der Freiheit der Kunst eilte allen politischen Träumen voraus oder davon. In der Praxis des Musizierens besonders deutlich, zeigt sich der Solist, man muss etwa an Paganini denken, von seinen Zuhörern isoliert, wie der Künstler andererseits aber sich dessen nicht bewusst war, dass das Publikum in ähnlicher Weiser vom Künstler isoliert empfand. Diese Beobachtung von Alfred Einstein erklärt sehr gut, dass es im 19. Jahrhundert möglich wurde, dass wesentliche gesellschaftliche Faktoren sich buchstäblich aus der Alltagspraxis abheben konnten. In diesem Sinne hatte Rossini gesagt, dass das Publikum von der Angst beherrscht wird, all das Unfreundliche, was man über dieses sagt, könnte zutreffen. Die größte Angst war, in den künstlerischen Dingen für einen Banausen zu gelten. Im Kulturleben bildeten sich jene Charaktere aus, die zugleich mit der Besiedlung der öffentlichen Räume neue Gepflogenheiten, neue Umgangsformen und Höflichkeiten mitbrachten. Also alle jene Räumlichkeiten, die in den Schlössern der Verwaltung, der politischen und ökonomischen Entscheidung gewidmet waren, hatten sich in öffentliche Räume verlagert, die gleichzeitig ihre Zuständigkeitsbereiche klar abgrenzten. Theater und Oper wie Konzertsaal waren einerseits Begegnungsräume geworden, emanzipierten sich recht geschickt aus der vormodernen Feudalgesellschaft, die sich im höfischen Theater einzufinden hatte, andererseits trat sofort eine vergleichbare Ritualisierung auf, die im 18. Jahrhundert sukzessive hinausgedrängt worden war. Den Wandel kann man am besten an der veränderten Rolle des Dirigenten ablesen. War er noch am Beginn des 19. Jahrhunderts wenig beachtet worden, wenig geschätzt und nur schwer für weitere Tätigkeiten zu vermitteln, so gab es bald danach den Stardirigenten, der seine Existenzberechtigung damit unter Beweis stellte, dass er neue Kompositionen zum Vortrag brachte. Heute ist nicht einmal diese Funktion erhalten geblieben.