Wo bleibt das politische Theater?
Nachdem Otto Rehagel mit der Mannschaft Griechenlands 2004 Europameister im Fußball geworden war, wollte man im TV-Interview wissen, warum er kein Theater mehr besucht? Es sei ihm zu blöd geworden, antwortete Rehagel, bei Othello, Faust oder Fiesco, bei Dramen von Pirandello, Brecht oder Dürrenmatt die Darsteller immer in braunen Ledermäntel zu sehen, mit Schlapphut und sollten es Zweifel über die Herkunft dieser Accessoires gegeben haben, waren auf roten Armbinden immer der weiße Kreis mit Runen zu sehen. Damit hatte Rehagel seinen „Boykott“ des Theaters begründet. Er sei in Zeitgeschichte genug bewandert, hatte Rehagel fortgesetzt, weshalb er sich diese Holzhammermethode im Regietheater künftig ersparen will.
Otto Rehagel war der erste und einzige, der mit seiner Wortmeldung die Theaterdirektoren, Regisseure, Dramaturgen, Kostümbildner, Bühnenbildner und Darsteller zu ihrer Pflichterfüllung gegenüber dem Theater ermahnt hatte. Sein Kommentar blieb eine Randbemerkung, war schnell vergessen und es blieb bei den Kulturbeflissenen die übliche Einschätzung des Fußballs, eine teure Unterhaltung für Unterschichten – vormals „Proleten“ zu sein..
Die Geschichte des politischen Theater hatte 1963 begonnen, als Erwin Piscator den „Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth inszenierte. Seither war das Theater in den Dienst von Vergangenheitsbewältigung und Aufklärung gestellt worden. In lockerer Reihenfolge schlossen sich die Regisseure wie Wolfgang Langhoff und Benno Besson in der DDR diesem Trend an, im „Westen“ Gustav Sellner, Peter Zadek, Peter Stein und Claus Peymann. So war über Jahrzehnte das Theater ein wesentliches Veto gegenüber politischen Positionen in Österreich und Deutschland. Thomas Bernhard hatte in der Inszenierung von Claus Peymann im „Heldenplatz“ den politischen Opportunismus gegeißelt – und es blieb nicht bei dieser einen Beschimpfung der politischen Klasse in Österreich. Peter Handke hatte rechtzeitig in der Gründungsphase der „Grünen Bewegung“ das Theaterstück „Über die Dörfer“ publiziert, das aber ein geringes Echo erzielte. Es war üblich geworden, dass jeder Theaterbesuch die verbliebenen Abonnenten mit politischen Manifestationen konfrontierte. Vermutlich war die Regieentscheidung 2026 in Stuttgart die bislang überraschendste, in Wagners „Meistersinger“ das vielfach umworbene Evchen ausgerechnet zu Beckmessers Braut zu erklären und im Schlusschor kein Lob deutscher Meister anzustimmen, sondern Paul Celans Strophe „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Dass Richard Wagner im „Beckmesser“ ein Zerrbild des Jüdischen komponierte, erfuhr somit eine völlige Umdrehung. Es war ein Sieg der „political correctness“ – mindestens 150 Jahre zu spät.
Noch fehlt eine Neuinszenierung für „Lohengrin“, könnte doch die Zukunft des idealen Liebespaares an der Verweigerung scheitern, Elsas Frage nach Lohengrins Vergangenheit zu beantworten. Genial wäre der Regieeinfall, würde Lohengrin seine Nazi-Vergangenheit verschweigen wollen.
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In Europa herrschen Sorge und Entsetzen. Populistische Parteien werden in Kürze über den politischen Rückhalt in mehr als der Hälfte der Bevölkerung in Europa verfügen – von Portugal bis Ostmitteleuropa. Die Optionen sind relativ klar. Teils soll die ohnehin fragile Struktur der Europäischen Union geschwächt werden, teils sollen nationalstaatliche Interessen wieder zu Wort kommen. Der Ausstieg aus dem Euro ist das erste Ziel, der Austritt aus der EU ein Fernziel, freilich in der Hoffnung, von Putin mit offenen Armen aufgenommen zu werden. Die Konsequenz wird eine allgemeine Entdemokratisierung sein, durch die die Degeneration der Gesellschaft aufgehalten werden soll.
(Schnitt)
Viele fragen sich, wo jetzt das politische Theater bleibt? Es gäbe so viele hervorragende Theaterstücke, die sich entschieden gegen jeden Totalitarismus wenden. In dunkler Erinnerung sind die „Nashörner“ von Eugen Ionesco, der „aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ von Bert Brecht. „Der Mitmacher“ von Friedrich Dürrenmatt wäre jetzt geeignet, in großem Stil auf die Bühne zu stellen. Max Frisch hat in „Biedermann und die Brandstifter“ die Ursache dieser beklemmenden Geschichte beschrieben. Es gibt jede Menge alter Dramen, die im kulturellen Gedächtnis fest verankert sind. Man könnte die „Räuber“ von Friedrich Schiller spielen, oder das „republikanische Trauerspiel Fiesco“ – man tut es nicht. Noch vor kurzer Zeit hatten sich die „Theatermacher“ in den Medien den Mund fusselig geredet, wie sie dieser Gesellschaft den Spiegel vors Gesicht halten würden. Doch jetzt? – Stille! Im deutsch-sprachigen Theaterplan wird man nur Wiener Bühnen finden:
- Im Volkstheater werden Texte von Elfriede Jelinek unter dem Titel „Die Ankunft“ zu einer politischen Analyse montiert. Regie führt Jan Philipp Gloger.
- Das Wiener Schauspielhaus bietet „Wokey Wokey“ von Nora Abdel-Maksoud an. Darin werden Rechtsextremismus, Gewalt, radikalisierte Weltbilder benannt.
- Das Theater der Jugend wird das „Verbrannte Land“ anbieten. Hier ermitteln zwei Jugendliche under cover in der rechten Szene.
In Anerkennung der Bemühung – bleibt sie dennoch zu dünn. Da die bürgerliche Mitte ihre angestammte politische Heimat in Europa scharenweise verlässt, wären bürgerliche Trauerspiele eher geeignet, die Theaterbesucher zum Nachdenken zu bewegen als Montagen und Experimente. Oder es werden die grandiosen Konzepte des absurden Theaters revitalisiert, zuallererst der „König Ubu“ von Alfred Jarry, später Ernst Barlach mit „Der tote Tag“ und „Der arme Vetter“.
Man muss immer daran denken, dass demnächst die öffentlichen Medien einer anderen Regie zu folgen haben werden als bisher. Und wenn diese Situation in der „neuen Kulturpolitik“ herbeigeführt wird, kann es nur ein unabhängiges Theater sein, das mit bescheidenen Mitteln ein Sprachrohr politischer Vernunft und Engagement bleibt. Mag es ein konventionelles Medium sein, das kaum die Chance realisieren kann, sich gegenüber den sozialen Medien zu behaupten, so sind im Theater noch immer die Requisiten vorhanden, die einmal die Welt bewegten: das Wort, die Sprache, Authentizität und Aufrichtigkeit. Jedenfalls ist der Besucher kein Gegenstand algorithmischer Personalisierung wie in den sozialen Medien.
Das Theater – hier grosso modo angesprochen – nimmt diese Chance nicht wahr. Das ist immerhin merkwürdig. Sind die ehemaligen Protagonisten politischen Theaters „Vorauskonformisten“ geworden? Rechnen die Regisseure, Spielleiter, Dramaturgen bereits mit der Wende zur Alternative?
Auch schon Nashörner…. ?